Meakusma Magazin #3

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• Laura Schwinger •

Rezension

Delphine Dora, − Delphine Dora ist eine jener Künstler*innen, die man weniger über stilistische Eigenschaften als über die Art der Herangehensweise beschreiben kann. Über ihre lässt sich sagen, dass sie Welten zum Klingen bringt. In der Vergangenheit waren es die Welten von Sylvia Plath, Walt Whitman und anderen Dichter*innen, deren Texte sie vertonte, oder es waren Explorationen in die Sphären von fantastischer Sprache, Experiment und freier Improvisation, durchzogen von einer Aura des Traumhaften, Unheimlichen. Herangehensweise und Konzept prägen auch das von ihr nebenher betriebene Kleinlabel Wild Silence: Dessen Grundlage ist nicht Stilverwandtschaft, sondern die Gleichgesinntheit der vertretenen Künstler*innen in ihrem Abweichen von definierbaren Stilen. Alle hier erschienenen CDs basieren auf persönlichen Vorlieben und werden in Eigenarbeit produziert. Dies ist nicht primär der Ästhetik des Handgemachten geschuldet, sondern dem Engagement für eine unabhängige Gemeinschaftlichkeit im kleinen Rahmen.

Mit vermeintlich abseitiger Kunst hat sich Delphine Dora auch im theoretischen Sinne auseinandergesetzt. Eine anvisierte Doktorarbeit über Art Brut musste dann aber hinter ihrer Tätigkeit als Musikerin zurückstecken. Davon profitiert wiederum das heutige Abseits in der Kunst, in dem sie arbeitet und zu dem sie beiträgt. Regelmäßig kollaboriert sie dabei mit Geistesverwandten. Das gilt auch für das Album L’Inattingible, auf dem zahlreiche befreundete Musiker*innen mitgewirkt haben. Hinsichtlich der Ausgefeiltheit hat Delphine Dora hier neue und ungewohnt langwierige Pfade beschritten. Selbst angesichts von über 30 Veröffentlichungen, die sie in den letzten 15 Jahren alleine und in Kollaboration mit anderen Künstler*innen eingespielt hat, war der Aufwand, der in dieses Konzeptalbum floss, ein für sie in dieser Form noch nie da gewesener. Nachdem der Fokus zuletzt auf Improvisationen und klavierbegleiteten Gedichtvertonungen gelegen hat, ist dieses Album ein Aufbruch zu komplexeren Strukturen. Hinzu kommt: Sie singt hier zum ersten Mal ausschließlich Texte aus der eigenen Feder. Wie Delphine

Dora erzählt, hatte L’Inattingible seine Anfänge in „kleinen Liedern auf Französisch“ („little songs in French“), die innerhalb weniger Wochen auf dem Keyboard entstanden. Es war eine Zeit, die sie regelrecht im Rausch kreativer Verausgabung verbrachte. Dabei gelangte sie durch die späte Premiere als Sängerin in der eigenen Muttersprache in die eigentümliche Situation, gerade dadurch in eine fremde Welt einzutauchen. Der Zugang über den Gesang ließ sie Französisch als etwas Anderes, Ungehörtes empfinden. Das Gefühl, eine andere Welt zu beschreiten, ist auch das Thema des Albums selbst. L’Inattingible ist ein Versuch, das Unberührbare zu beschreiben: das Ferne, Unbekannte, nicht Erreichbare, wohl aber irgendwie Wahrnehmbare. Wie jedoch vermitteln, was nicht greifbar ist? Oft finden sich Fragen in den poetischen Texten Delphine Doras. „Comment décrire les sensations enfouies?» wird in „Les Sensations Enfouies» überlegt, in „Dans l’Absence» erwogen: „Serais tu le même si je te voyais?» Auf der Reise ins Reich des Unbestimmten und Unmerklichen vermischt sich die Abstraktion einer unbekannten Weite mit