Meakusma Magazin #3

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Rezension

− Auch wenn nach Diedrich Diederichsen längst die Ära des Nachpopulären angebrochen ist, ist die Rolle von Populärkultur im Großkonzept ‚Kultur’ gerade aus historischer Sicht noch relativ ungeklärt. Zwar würde heute kaum mehr jemand Jazz, Kino oder Netflix-Serien als potenzielle Kulturleistung in Frage stellen. Zudem ist Popkultur im akademischen und institutionellen Betrieb angekommen und feste Größe der kulturpolitischen Agenda, in großem Umfang förderungswürdig. Dennoch bleibt ihre Einordnung schwierig, speziell was das dissidente Potenzial – die kritische Differenz – betrifft, die man wenigstens ihren vergangenen Formen zuschreiben würde. Das betrifft nicht nur popkulturelle ‚Produkte’ sondern vor allem ihre Praktiken, Produktions- und Distributionsformen, die ebenso schwer zu disziplinieren, wie im Grunde von ökonomischen Großkonjunkturen zu trennen sind, innerhalb derer sie sich im Erfolgsfall als temporär-alternative Ökonomien etablieren. Entsprechend diffus bleibt, was nach welchen Kriterien ins öffentliche

Cambridge von Fred Frith und Tim Hodgkinson gegründete und nach zehn Jahren mit verschiedenen Besetzungswechseln, aufwändigem Tour-Schedule und vergleichsweise schmaler Diskographie zerbrochene Avantgarderock-Formation ist nicht nur in musikalischer, sondern auch in politischer Hinsicht ein Extremfall. Henry Cow versteht sich als dezidiert ‚linkes’ Projekt, das musikalische Output wie die Band als Produktionsformat und soziales Modell werden gleichermaßen als aktivistisches Werkzeug interpretiert. Mit diesem radikalen, und – wie Piekut zeigt – für die Beteiligten phasenweise kaum auszuhaltenden politischen Profil unterscheidet sich Henry Cow signifikant von zeitgleich risikofreudig agierenden Genre-Sprengern wie Soft Machine oder Gong und ihrer exzeptionellen, seither kaum mehr eingeholten Ausweitung des musikalischen und referenziellen Rahmens von Rock. Piekut unterrichtet als Musikwissenschaftler mit kontinuierlichem Forschungsinteresse an gegenkulturellen Projekten an der privaten-

• Hans-Jürgen Hafner • fünf Fallstudien mit zeitlichem Fokus rund um das Jahr 1964 entwickelt: das Desaster, das John Cage mit der Uraufführung seines „Atlas Eclipticalis“ durch die New Yorker Philharmoniker unter Leonard Bernstein erlebte, Henry Flynts politisch motivierte Protestaktionen anlässlich von Karlheinz Stockhausens „Originale“-Performance, die – eine weitere Episode – automatisch auch in Opposition zu Charlotte Moormans Avant-garde Festivals geriet, außerdem die Gründung der Jazz Composers Guild mit kollektiven und gewerkschaftlichen Strukturen durch Protagonist_innen wie Carla und Paul Bley, Archie Shepp, Sun Ra, Cecil Taylor und John Tchicai sowie die ersten auf die Genrefizierung von Rock gerichteten Entgrenzungsexperimente von Iggy Pop. Halten wir nicht lange hinter dem Berg: die methodische Tiefenschärfe, die Piekuts Experimentalism Otherwise durch die zeitlich und lokal begründete Überblendung seiner beeindruckend umfassend informierten, dicht dargestellten Fallstudien gewinnt, geht seiner

Furs Leben lernen Cornell University in Ithaca, New York, eine prominente Ivy League-Adresse. Länger schon widmet er sich dem, was er „vernacular avant-garde“ nennt – ein Begriff, der sich wegen der negativen Konnotation, mit der das Konzept der ‚Volkstums’ behaftet ist, nicht so leicht ins Deutsche übersetzen lässt. Damit meint Piekut eine Formation experimenteller künstlerischer Praktiken, die sich außerhalb oder am Rand der kodifiziert offiziellen Formen von ‚Kunst’ und ‚Kunstmusik’ finden. Tatsächlich liegt in dieser Perspektive eine sinnvolle Erweiterung des Konzepts der Avantgarde, die einerseits – sobald musealisiert und kanonisiert – von ihrem einstigen, gegen die institutionellen Künste gerichteten Negationspotenzial bereinigt und zugleich um ihre oft gegen- oder subkulturelle Herkunft gebracht ist. Andererseits findet so manches Avantgardeprojekt gerade aufgrund dieser Herkunft oder der Wahl der falschen Schon aufgrund dieser vertrackten Sachlage ist Benjamin Piekuts monumentale monogra- Mittel gar nicht erst Eingang in die offizielle fische Studie The World is a Problem (Duke Kultur. Dieses Spannungsfeld hat Piekut in seinem sensationellen Erstling ExperimentaUniversity Press, Durham 2019, 494 Seiten, lism Otherwise. The New York Avant-Garde in englischer Sprache) zu Henry Cow nicht and Its Limits (2011) tiefenscharf anhand von hoch genug zu veranschlagen. Die 1968 in Bewusstsein einrückt, Kanon, Allgemeingut oder vergessen wird. Geradezu blöd wird es in der Regel, wenn sich der offizielle Kunstbetrieb der Popkultur annimmt, Kraftwerk ins Museum und den Kunsthandel steckt und noch den letzten Funken kritischer Differenz erstickt, der ja gerade dadurch zustande käme, dass Popkultur, vor allem aber subund gegenkulturelle Praktiken (als alternative Produktions- und Vertriebsmodelle) andere Formen von Öffentlichkeit und Beteiligung entwickeln und darüber, im Idealfall, emanzipatorisches Potenzial freisetzen. Die komplementäre Entsprechung wäre im proaktiven – meist langfristig lebensunterhaltsbedingten und daher durchaus verständlichen – Run von Ex-Punks in den Theater- oder, wie von Simon Reynolds zu Recht beklagt, Ravern in den Kunstbetrieb zu finden.

ungemein detailverliebten, musikwissenschaftlich und sozialgeschichtlich gleichermaßen breit fundierten Nachzeichnung von Henry Cow ab. Die Liebe zum Detail ist dabei durchaus dem wissenschaftlichen Interesse geschuldet, womit sich Piekuts Studie wohltuend vom aufs Buchformat aufgeblasenen Musikjournalismus und vor allem von derjenigen Sorte Biografistik abhebt, die – gerade im Feld populärer (Nischen-)Musik – von Fans für Fans produziert wird. Das führt allerdings zu einem zweiten Problem: Wem das musikalisch und kollaborativ weitgefasste Oeuvre der Band, die verschiedenen Filiationen und solistischen Fortsetzungen, die Projekte einzelner Akteure, insbesondere Slapp Happy und Art Bears, unbekannt ist und wer diese Form von, vor allem, experimentell ambitionierten Artrock nicht bereits schätzt und vor überbordender Instrumentierung mit Fagott, Oboe und Xylophon und permanenten Taktwechseln nicht zurückschreckt, wird angesichts von Piekuts Akribie nicht unbedingt neugieriger. Dieser musikalische Ansatz war auch zu seiner Zeit eher solitär als exemplarisch. Der ‚Sound’ hat