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• Waltraud Blischke •

Rezension

an einem Film über die jesidische Diaspora in Deutschland. Es ist ihr Wunsch, komplexe Themen multidisziplinärer abzubilden, weil sie sich gerne auf mehreren Wahrnehmungsweisen den Dingen nähert.

Escape To Elevate − Wie lassen sich die Gespensterforschungen des englischen Hauntologen und Kulturwissenschaftlers Mark Fisher in eine künstlerische Idee so transformieren, dass sie Kompositionsidee überzeugen? Für das Hamburger NOISEXISTANCE Festival war das im vergangenen Jahr ein Gestaltungsfeld von vielen, das die vier (männli-

Inhaltlich geht es in ihrer Arbeit für Kampnagel nicht um unmittelbar selbst erlebte körperliche oder seelische Verletzung, sondern eher um „das Traumatische“ als gespenstische Erinnerung an Eindrücken – wie ein seltsam verwobener Stoff, dessen einzelne Fäden erkennbar bleiben. Der eigentliche Anlass für diese acht Stücke war, dass Kampnagel im Rahmen des NOISEXISTANCE III zum ersten Mal einen Kompositionsauftrag vergab und thematisch den Fokus auf unterschiedliche Positionen zu Noise und einer möglichen feministischen Praxis richten wollte. Das ursprünglich für das Festival unter dem Arbeitstitel There’s no time here, not any more produzierte Material hat Rosaceae in diesem Jahr in Form des Albums Efia auf dem Pudel Produkte veröffentlicht. Geplant ist mit Ava noch ein weiterer Longplayer,

hat. Es gelingt ihr dabei, ihre Eindrücke und die Erfahrungen bei ihren Recherchen über die Schicksale der Jesidinnen in eine zwar abstraktere aber nicht minder eindringliche Klanglandschaft einzubetten, die in dieser Form wie die Vertonung diasporischen Leides anmutet Konkret hörbar wird dies unter anderem durch die gesprochenen Worte der Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, eine der ersten jesidischen Überlebenden des Genozids durch den Daesh, die erfolgreich aus dem Irak flüchten konnte. Das unsichtbare Drama im Geschehen verbirgt eine sublime Kraft, Zuhörende in diese zunächst zeit- und ortlose Betrachtung heranzuholen, denn es gibt keine fern entlegene Klangfolklore als Verweis. Selbst für ungeübte Ohren erschließt sich aber eine Art „Folklore der Geräusche“, die ein weites Spektrum zwischen Horror und Gebet diffundieren lässt. In diesem Sinne ist man beim Zuhören nicht mehr so weit entfernt von den Vorher-Nachher-Effekten eines Norbert Möslangs und seiner Komposition für Peter

Rosaceae, chen) Kuratoren für eine mögliche künstlerische Beteiligung abgesteckt hatten. Für jene Ausgabe in der Kulturfabrik Kampnagel überlegte sich die Künstlerin Rosaceae, ebenfalls aus Hamburg, eine eigene Vision zu Fishers „Geistern der Vergangenheit“ – in Verbindung mit dem Auftrag, produktive Ansätze gegen die von Mark Fisher beobachtete kulturelle Ermüdung aufzuzeigen.

der allerdings, wie Rosaceae im Gespräch anmerkt, noch eine Weile brauchen wird. Im Vergleich zu ihrem ersten Tape Nadia’s Escape, das im vergangenen Jahr auf Neoprimitive, einem weiteren Hamburger Label, erschienen ist, wurden die Sounds für Efia und Ava weniger auf das Flächige und Elegische hin ausgerichtet. Der Pressetext zum aktuellen Release verweist auf verschiedene musikalische Einflüsse, möchte sie das AlWas hat sie an diesem Projekt gereizt? Neben bum doch zwischen Elementen von „Neuer ihrer künstlerischen Tätigkeit als Rosaceae Musik und gelegentlich reinem Harsh Noise“ arbeitet Leyla Yenirce unter ihrem (sogeeingeordnet wissen. nannten) bürgerlichen Namen als Autorin, Erinnerungen triggern suchte während ihres Studiums der Kulturanthropologie nach neuen Ausdrucksformen Nadia’s Escape wirkt noch wie eine unfür ihre Anliegen, spielte erste Live-Shows als Studentin an der Hochschule für bildende bewusste, traumwandlerische Textur, Künste Hamburg. Mitte der 1990er-Jahre ist mit auf- und abtauchenden Stimmen, die wellenförmig zu uns sprechen, in Echos sie mit ihren Eltern aus dem türkischen Teil und Loops gefangen werden, um wieder Kurdistans nach Deutschland gekommen, zu verschwinden hinter einem Dunst aus und es versteht sich von selbst, dass sie als kulturelle Grenzgängerin von den politischen Noise, als fehlerhafte Übermittlung in einer teils wortlosen Erzählung. Es ist eine Geschehnissen nicht unberührt bleibt. Als Musikerin ist sie außerdem mit zwei weiteren Geschichte, die um Worte ringt für das, was Leyla Yenirce angesichts der traumatischen Frauen im intersektionalen Kollektiv OneErfahrungen jesidischer Frauen empfunden Mother aktiv und arbeitet seit einiger Zeit

Liechtis Dokumentarfilm Das Summen der Insekten: Hier gelang es Möslang, dem gnadenlosen Lauf der Dinge (Selbstmord durch Hungertod) mit mächtiger Musikalität zu begegnen. Eine ähnlich gelagerte sinnliche Wahrnehmung von Wirklichkeiten ist auf allen Rosaceae-Produktionen gewollt. Wahrscheinlich ist es keine Koinzidenz: Rosaceae kann, je nach Schreibweise, für ein Rosengewächs oder eine Hautkrankheit stehen, die Verwundbarkeit des Schönen und die Grazie der Verwundeten beschreiben – und ihren Schmerz. Noise als Stilmittel wirkt hier als empathischer Katalysator, weil Geräusche Erinnerungen triggern sollen. Musikalische Erfahrungsprotokolle Die neueren Aufnahmen hingegen entfalten das Material musikalisch und inhaltlich zwingender und markanter. Eine dynamische Neuordnung geschieht zwar auch durch Melodien und gesprochene Sprache, die rhythmischen Strukturen darin entwickeln aber ein autonomes Eigenleben. Es geht nicht darum einen Flow zu bedienen, denn das wäre

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Meakusma Magazin #3  

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