Meakusma Magazin #3

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Artikel © Rainer Holz

Laden gehört, ein gleichnamiges Label, Events, irgendwann dann auch ein Stilbegriff, aber auch Partialobjekte, die zwar eigenständig, aber davon kaum zu trennen sind, Labels wie Erfolg, Fuji Rekodsu, Sieben, aber auch Entenpfuhl und Sonig, Tonschacht und Eventuell, Acts wie Blockwart, Felix Kubin, Kontakta, Ziel, Mouse on Mars, Microstoria, Don’t Dolby, Holosud, Schlammpeitziger, Wabi Sabi, Pluramon, L@N, Dü, Esognomig, Electrosold Collectif, Lithops, Scratch Pet Land, Workshop, Tim Berresheim, Vert usw. Ich blicke da im Vorhinein schon kaum mehr durch. Was ich aber damit sagen will:

winden, wenn man etwas wollte. Heute (leises Schluchzen) bieten eh schon alle alles an (verstärktes Schluchzen), sind eh schon alle nett (das Schluchzen geht in Weinen über). Beweis: Adorno wäre bei seinem ersten A-Musik-Besuch komplett verrückt geworden (Webern und Nono neben Mingus und Sun Ra), beim fünften Mal

hätte man ihn aber schon mit zwanzig Maxis unterm Arm zum Probehören anstehen sehen. 13) Was woke Facebookgruppen argwöhnen: Die Kerntruppe von A-Musik besteht durchgehend aus weißen Männern, die dagegen wenig unternehmen. Und auch nicht genug gegen die Zeit tun, um nicht absehbar alte weiße Männer, mithin obsolet zu werden. Im schlimmsten Fall sind sie noch hetero und nur zum Teil vegan. Andererseits wirken sie für Angry White Males nicht angry genug. Es sei denn, man kommt ihnen mit reaktionärem Kackscheiß, dann wird man zum Beispiel Wolfgang Brauneis sehr bald angry werden sehen, aber in jeder Hinsicht anders als bei Donald Trump. De facto ist die A-Musik-Belegschaft mit dem Geburtslos Europa um 1970 im geografischen und weltgeschichtlichen Vergleich extrem privilegiert (so wie vermutlich alle, die das jemals lesen). Was den europäischen Vermögensdurchschnitt angeht, hält die Privilegiertheit sich dagegen wohl in Grenzen. Was schließlich die Nähe zu bzw. Akzeptanz von sexistischer,

rassistischer, klassistischer oder sonstwie reaktionärer Kackscheiße betrifft, scheint A-Musik im Angebot wie Umgang relativ zum Restweltschnitt so auffällig davon befreit, dass an Zufall schwer zu glauben ist. Womöglich klafft hier eine Differenz zwischen der identitären Non-Identität und der non-identitären Identität der A-Musik-Crew.

Der Fall bleibt zu beobachten. Beweis (über das Gegenteil des Gegenteils): Frag mal bei A-Musik nach Frei. Wild.

Das ist alles großartig, vor allem, dass jede Aussage der Form „A-Musik ist eine Band, ein Act, ein Laden, Label, Stil, Kontext usw.“ weder völlig falsch noch wirklich richtig ist. Nur sehe ich bei aller Vorfreude auf diese rhizomatischen Verzweigungen [leider starb Deleuze im selben Jahr, in dem A-Musik eröffnete] doch die Gefahr, dass man so vielleicht nicht ganz die revolutionäre Wucht entfalten kann, die die Welt eigentlich nötig hätte, dass also die Freiheit der Entbündelung

und des Immerneuentwerfens auch ihren Preis haben könnte, weil die Welt dafür, naja, ich will nicht sagen: noch zu blöd [frz. O-Ton: „imbécile“], das klänge unfreiwillig elitär, aber vielleicht: nicht ganz bereit ist. Ich will mich aber auch gern irren.“ Beweis: Hier gehen die Expertenmeinungen stark auseinander. Ist A-Musik die Avantgarde von 1995, von 2020 oder von 2241? Wie weit kann man mit der Zeit gehen, ohne mit ihr zu veralten? Wie weit seitlich ist noch vorn? Und was wissen schon Experten?

14) Was Gilles Deleuze im Abécédaire wirklich zu „A“ gesagt hat: In seinen alphabetischen TV-Diskursen spricht der französische Philosoph beim ersten Buchstaben offiziell zum Stichwort „Animal“. Das ist aber nur der zweite Take. Im ersten, seit seiner Entstehung 1988 immer unterdrückten, hat er sich prophetisch über „A-Musik“ geäußert, im übersetzten Wortlaut so: „Ich sehe voraus, dass unsere Konzepte [hier bezieht er sich auf 15) Natürlich letztlich unerklärlich: Wie seinen Mitautor Félix Guattari] im komkonnte ein so gut sortierter Laden in einer so menden Jahrzehnt in avancierten Popszenen schlecht sortierten Welt so gut gedeihen? stark wirken werden, vor allem in DeutschBeweis: Solange es A-Musik gibt, kann land, und strukturell interessanterweise am die Welt nicht völlig schlecht sein. konsequentesten da, wo man sich nicht direkt danach benennt. In Köln wird es zum Beispiel etwas geben, was sich ‚A-Musik‘ nennt, aber man wird gar nicht recht wissen, was das eigentlich ist, weil es ein organloser Körper sein wird, eine Vielheit von Materien und Intensitäten, wozu ein gleichnamiger