Meakusma Magazin #3

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35 „stationärem Präsenzhandel“ oder „human-to-human economics“. Doch der futuristische Pilotversuch läuft nun schon 25 Jahre. Und die Zukunft gehört ihm. Klar wird es wie immer eine Minderheit von Menschenstürmern geben, die dagegen anrennen, aber vergeblich. Analysten gehen davon aus, dass in den nächsten 25 Jahren ca. zwei Milliarden Algorithmen ihre Jobs verlieren. Pech gehabt, sollen sie halt umschulen oder untergehen. Die Zukunft gibt es nicht umsonst. 8) Im Kunstbetrieb ein offenes Geheimnis: Hätte A-Musik sich 1995 als Konzeptkunst deklariert, hätten alle Beteiligten inzwischen Professuren an arrivierten Kunsthochschulen. Es gäbe Seminare über „Rhizomatic Label Politics“, „Postcolonial Vinyl Digging“ und „Sound Diversity Curating“, aufwendig gestaltete Kongress-Reader (Re/thinking A-Music, Vol. 1-25) und machtkritische Uni-Hierarchien, alles ausschließlich auf Englisch, um global niemanden auszuschließen.

überhaupt für eine Generation, die sich halbabsichtlich hinter ihrer offiziellen Nullnorm „Golf“ verbirgt? Weltweit haben „die Achtundsechziger“ gegen ihre Eltern – und in Deutschland speziell: Nazieltern – rebelliert und sich nicht zuletzt dadurch als Generation markiert. Die „Achtundsiebziger“ sind immerhin noch zackig gegen ihre verträumten älteren Geschwister oder mauen Müslilehrer aufmarschiert und haben so, egal um wieviel weiter hinterm Komma, ihr Kohorten-Label konturiert. Aber die „Achtundachtziger“? Wo und was hätte man von denen (außer dass sie mittlerweile „Boomer“ heißen und endlich die Klappe halten sollen) je gehört? Beweis: nichts (q.e.d.) 10) Wo der Weltgeist rätselt: Wie konnten die großen Shifts, für die A-Musik paradigmatisch steht, so leise und (pop-)historiographisch bislang kaum bemerkt geschehen? So weitgehend ohne Manifeste und Polemik? Wie kam es zu dem revolutionären Turn, sich weder (wie viele Vorläufer) als Kampfbund einer einzig wahren Lehre noch (wie

sein Geschlechtsteil piercen, um überhaupt mitreden zu dürfen. „Nerd“ war noch ein Role-Model, weil es noch Nicht-Nerds gab. Alles lang vorbei. Und A-Musik sind eben Pioniere dieses neuen Heroismus ohne Pose, dieses Verzichts auf vitalistischen Szene-Glamour, auf performte Coolness, Transgression, Geniequal, Rebellion, Bohème (leises Schluchzen), und das offenbar weitgehend freiwillig (verstärktes Schluchzen), sind sie nicht mal doktrinär dagegen, nicht mal verbohrt straight edge (anhaltendes Schluchzen), diese verdammten Unrocker (das Schluchzen geht in Weinen über). Beweis: Wo ist die postmoderne Beliebigkeit, wenn man sie mal wirklich braucht? 12) Was man als altgedienter Plattenhändler wohl noch sagen dürfen wird: A-Musik sind auch Vorreiter dieser uferlosen Liberalität und Inklusion, bieten Zahnarztbohrer-Krach an, aber auch Dub-Ambient, traditionelle chinesische Musik, aber auch queere Sound Art, Krautrock, No Wave, Grindcore, House,

15 alternative Wahrheiten zu 25 Jahren A-Musik Beweis: Auf einem unsichtbaren Messingschild neben der Ladentür von A-Musik steht in serifenloser Type eingraviert: „Permutationen temporärer Objekt-Erwerbs-Optionen als kinetische Skulptur akustischer und trans-akustischer Interfunktion.“ Und unten kleiner: „Metastabile Dauerleihgabe des Stiftungskuratoriums Odijk / Dommert / Brauneis / König / Ludwig“. Daneben auf die schwarzen Fliesen hat jemand mit rotem Edding: „Hirnwichser*innen müssen leider drinnenbleiben“ hingeschmiert. Querdrüber steht (auch nachts) in lila Leuchtschrift: „Yeah! Yeah! Yeah!“ 9) Was das kulturelle Gedächtnis stutzen lässt: Wie konnte es passieren, dass Läden, Labels und Leute wie A-Musik seit den 1990ern maßgeblich die avanciertesten Musiksegmente und deren Diskurs vermitteln und vertreten, ohne dafür je spektakuläre Eltern- oder Geschwistermorde begangen oder wenigstens inszeniert zu haben? Konnten, mussten oder wollten sie nicht? Was ist das

viele Parallelstarter) als Marke zur kompakten Bündelung schweifenden Begehrens zu entwerfen, sondern als multikulturelles Archipel der Extremismen? Klar ist nur: Seit 25 Jahren verkörpert A-Musik die freundliche Extrembehauptung, dass verschiedenste Extrembehauptungen zugleich im Raum stehen und einander anbrüllen können, ohne dadurch ihre Unbedingtheit zu verlieren. Beweis: Es geht. (Ob es auch wirklich möglich ist, möchte der Weltgeist aber lieber offen lassen.) 11) Woran Rock-, Pop- und Indie-Traditionalisten heimlich knabbern: Die stillschweigende Revolution betrifft ja nicht nur die Struktur, sondern auch den Habitus. Wo sind die wilden Zeiten hin? Wo Sex & Drugs & Rock’n’Roll? Ob Teds, Freejazzer, Heavy-Metaller, Klangtüftler, Politfreaks, Glamrocker oder Schlagerheinis, alle lebten früher doch viel intensiver als heute selbst der riiehlste Rapper, der real wie alle anderen nur noch auf sein Display starrt. Noch in den 80ern musste man im Underground erstmal zwei Jahre Heroin spritzen und eigenhändig

Drum’n’Bass etc., bis hin zu Prog und Fusion (beides nicht pop-halal), Neues wie Altes, Neuware und Second Hand, aus allen Weltgegenden, eigentlich unterschiedslos alles, was von Interesse ist. Und genauso halt- und haltungslos der Umgang mit der Kundschaft: Anstatt den heiligen Gatekeeper-Pflichten nachzukommen und Leuten, die nicht alles wissen oder nicht gleich das Beste wollen, in bewährter schwarzer Plattenpädagogik peinliche Lektionen zu erteilen, auf dass sie sich gefälligst bessern oder ja nie wiederkommen, gab man sich bei A-Musik von Beginn an freundlich. Und zwar schon zu Zeiten, wo man noch gar nicht freundlich sein musste, weil man noch an der Quelle und einem das Internet noch nicht im Nacken saß. Angeblich ging das bei A-Musik so weit, dass sogar Frauen selbstverständlich zugetraut wurde, einen Plattenspieler zu bedienen und ohne fachmännliche Belehrungen Entscheidungen zu treffen. Jede und jeder konnte diesen Laden ohne Angst betreten. Früher war sowas undenkbar, da musste man sich seine Akzeptanz erstmal erkämpfen, Launen und Sprüche ertragen und sich durchs Geschmacksöhr