Meakusma Magazin #3

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traditionelle Frisur und bis heute verbreitet. In Japan betonten Geishas den Nacken, der als besonders schöne Körperpartie galt. Die Schönheitsmythen der alten Ägypter und Azteken rankten sich um die Schädel- und Nackenpartie. Der Schädel als traditionelles Schönheitsideal. Ganz anders aus religiösen Blickwinkeln: Buddhistische Nonnen und Mönche rasieren sich den Kopf, orthodox jüdische Frauen nach der Heirat auch. Die Kopfrasur als Bekenntnis zum Glauben. Es gibt nicht die eine Bedeutung der Kopfrasur, sie kann für vieles stehen und ist vom kulturellen Kontext abhängig. In den westlichen, stark individualisiert sozialisierten Ländern wird die Kopfrasur seit der Entwicklung der Jugendkultur in den 50er Jahren mit der Zugehörigkeit zu Subkulturen in Verbindung gebracht, und dieses Motiv ist bis heute geblieben. Buzz Cut, Under- und Sidecut gehören zum subkulturellen Code vieler Szenen und können – und nur in Verbindung mehrere Elemente dieses Codes, also dem Dresscode entsprechend – aus-

drücken, dass man schwul-lesbisch, bi- oder liquid-sexuell ist, dass man einen Fetisch hat, dass man Punk, Emo oder Skater, dass man Feminist oder Baumhausbesetzerin ist, dass man Techno, Goth, Wave oder Indie hört oder ein Kind der digitalen Revolution ist, denn bei den Digital Natives, die das Internet zu einem neuen Hort der Jugendkultur ausformuliert haben, ist die Kopfrasur sehr verbreitet und steht häufig nicht nur für sich selbst, sondern für die Sympathie mit einer der anderen vorab erwähnten Gruppen. Es gibt noch andere thematische Zugänge zur Kopfrasur. Eine der spontansten und bittersten Assoziationen: die Erkrankung an Krebs. Der Verlust der Haare durch die Chemotherapie. Der Akt der Selbstermächtigung, sich die Haare lieber freiwillig zu scheren, als zuzulassen, dass die Krankheit sie sich holt. Als Zeichen der Solidarisierung rasieren Freunde, Familie und Kolleg*innen häufig mit. Im angloamerikanischen Raum wird der Buzz Cut zum Charity-Event hochstilisiert, für Fernsehen oder Social Media inszeniert und bejubelt.

Ein neueres Phänomen ist die Kopfrasur als Reaktion auf das Thema Schönheitserwartungen. Erwartungen an das Aussehen werden kontinuierlich formuliert; das Umfeld spiegelt wider, was gefällt und belohnt, was nicht gefällt und bestraft wird. Was zu gefallen hat und was nicht, wird von Modemacher*innen, Kampagnen und Testimonials konstruiert, das vermittelte Schönheitsbild ist bis zu einer krankhaften Unechtheit manipuliert, alle wissen es – egal, die Macht der Bilder. Die Industrie antwortet auf jede Bildoptimierung mit einem Produkt: Wimpern lassen sich verdichten, Haare verlängern, Nägel verstärken, Lippen auffüllen, Fitness-Flatrate, Abnehmprogramme, Überall-und-immer-möglich-Konzepte der Selbstoptimierung. Omnipräsente Schönheitserwartungen sind für viele – vorwiegend Frauen – nicht mehr auszuhalten. Da ‚schöne, gesunde Haare’ Teil dieses Konzeptes sind, macht es Sinn, sich ihrer zu entledigen. Doch warum ausgerechnet eine Kopfrasur, die historisch, als Ausdruck der Entwürdi-

gung von Menschen, so stark besetzt ist? Eine Kopfrasur, die man heutzutage noch Inhaftierten und Soldaten verpasst, und die sich die Neonaziszene zu eigen macht? Warum also ist gerade eine Kopfrasur für viele Menschen die letzte Option zum Erhalt der Selbstbestimmung über ihr Aussehen? Vielleicht genau deswegen: Sie verheißt nichts Gutes. Wer sie freiwillig trägt, weiß um genau das, der hat begonnen, in unserer Gesellschaft hinzusehen, mitzufühlen – und diese Anteilnahme drückt sich in dem Bedürfnis aus, sich den Kopf zu rasieren. Was sie alle gemeinsam haben: Menschen, die sich den Kopf rasieren, haben dafür einen guten Grund. Die Themensetzung des Albums, sein Titel, der Klang, für mich inzwischen ein schlüssiges Ganzes. Doch dahin musste ich erst einmal kommen, Gedanken sammeln, die passenden Worte finden. Vor einigen Monaten – die Arbeit an dem Album war im vollen Gange – saß ich mit meiner Ableton-Dozentin Maya Consuelo Sternel zusammen. Ich berichtete vom Stand der Arbeit und verriet

ihr den Titel. Music For People Who Shave Their Heads – „Auch für Nazis?“ fragte sie. Damit hätte ich nicht gerechnet. Dass mir jemand den Titel so auslegt, bei meiner Arbeit überhaupt so etwas fragen kann. Wurde das bei dem Album Music For The Masses auch gefragt? Ich war verwirrt. Das Schlimmste an der Situation: Mir fiel keine durchdachte Antwort ein. Denn nein, natürlich nicht! Ich mache keine Musik für Nazis! Welche Nazis sollten sich überhaupt zu meiner linksversifften, feministischen, doch hoffentlich politisch nachvollziehbar positionieren Nischenelektronik verirren? Ich geriet ins Schleudern. Ich hatte mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Mayas Frage schwebte im Raum und ich fühlte einen inneren Druck; ich hatte das Gefühl, ich müsste auf diese Frage antworten, mit diesem Thema umgehen können. Was wäre, wenn mir jemand unterstellt, das Album würde bei dem Titel in aller Konse-

quenz auch Nazis meinen? Was wären die Optionen? Müsste ich das aushalten können? Müsste ich hinnehmend antworten: im Zweifelsfall ja? Wäre das nicht sogar eine Chance, mal miteinander reden zu können? Das hat man uns in den letzten Jahren doch so beigebracht: dass der gesellschaftliche Diskurs das aushalten, man aufeinander zugehen, die Sorgen der Mitmenschen ernst nehmen muss, nicht? Mein Kopf ratterte los, mein Mund auch. Da schlug Maya auf den Tisch: „Nein! Mit Rechtsradikalen gibt es nichts zu besprechen.“ Ich war erschrocken über soviel Entschiedenheit. War das souverän? Soviel Vehemenz in einer Unterhaltung? Wir gingen auseinander, mit zwei Perspektiven, doch versprach ich ihr, darüber noch genauer nachzudenken. Was ich tat, oder zumindest versuchte. Mit 14 war ich zu einigen Treffen der Antifa gegangen. Als es um die Vorbereitungen einer Demo ging, hatten viele der anwesenden Jungs überhaupt kein