Meakusma Magazin #3

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17 det. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradise her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 1940

Trotzdem sieht eine Kultur, die sich musikalisch mit Schlagwörtern wie Techno Futurismus immer dem Fortschritt verschrieben hat und dies selbst noch heute weitestgehend für sich beansprucht, obwohl das computerisierte Produzieren, sowie das digitale DJ-Handwerk mehr Einförmigkeit als zukunftsweisende Neuerungen hervorbringt, gerne nach

eine Ausstellung die sich jenen ‚freien‘ Zeiten widmete und in die Frühgeschichte der britischen Ravekultur eintauchte. Eine Retrospektive im Zeichen einer unschuldigen Jugendkultur, die nicht nur dokumentieren wollte, sondern ebenso die Lust am Image zu stimulieren versuchte. Denn die beschriebene Zeit, das Ende der Thatcher-Jahre, das von ihr hinterlassene gesellschaftliche Vakuum nach dem Abklingen der Bergarbeiterstreiks von 1984/85 und die zunehmende Desillusionierung einer Jugend am späten Morgen des britischen Neoliberalismus, ist so in ihrer Konstellation nicht wiederzubeleben. Der kurze, gesellschaftliche und soziale Schranken aufhebende Acid-Smiley der britischen Rave-Jugend zwischen 1988 und 1989 war mit all diesen Faktoren verbunden und kann, je nachdem welcher Interpretationswinkel eingenommen wird, als Reaktion auf ihre historischen Verkettungen gelesen werden. Seine keimfreie Musealisierung ist also von vornherein nicht viel mehr als ein kondensiertes Image einer Zeit, in der es noch keine House- und Techno-DJ-Stars, kein allgegen-

presentation, or with the power of the image of it, and that has come to mean, because of all this investment that’s been put into it. I’m trying to find a good way of putting this without sounding stupid, but I think it’s a condition produced by capitalism. It’s the production of imagery, of media, and it creates this condition that we’re calling nostalgia, but I think it’s something more than nostalgia. It’s a strange sense of loss or anxiety. It’s a feeling that something is not quite right, so you fixate on this kind of moment when you think things were a bit more innocent, or free, or uncorrupted in some way. Which they weren’t.” Ein selbstreflexiver Kommentar, der sich so auch auf die Saatchi-Ausstellung übertragen lässt. Mit einschlägigen, zum Teil ikonographisch für die Ravekultur stehenden Bildern (verschwitzte Tänzer_innen, das Konsumieren von Drogen, bunt gekleidete, noch nicht von der Modeindustrie ausgestattete Besucher_innen, Straßenumzüge, historische Flyer und futuristische Posterdesigns) war

to Capture an Ephemeral Moment? gestern. Da fand einst die Zukunft statt und heute, nachdem die absolute Professionalisierung den einstigen Enthusiasmus ‚für die Sache‘ größtenteils ausgelöscht hat und DJs eher mit Fotograf_innen statt mit Plattentasche reisen, um als Instagram-Billboard für versteckte Modebotschaften zu arbeiten und nebenbei aufzulegen, schauen die Anhänger_ innen einer Kultur zurück auf den Scherbenhaufen eines innigen Urknalls. Dass dieser Blick aber nur ein Image reproduziert, das in der Gegenwart eher als Ware und weniger als Kultur fortgeschrieben wird, wird dabei übersehen. Einst versprach die Clubkultur „Friede, Freude, Eierkuchen“ für alle. Sie ist aber schon lange eher ein Personen- und Clubkult, in dem die Menschen vermehrt alleine statt zusammen tanzen, der nicht immer wirklich alle einschließt und zuweilen sogar normative Gesten, Kleidungs- und Sexual-Monotonie in einer scheinbar vorgegebenen Diversität unbewusst vorschreibt. Die Londoner Saatchi Gallery widmetet 2019 mit Sweat Harmony – Rave | Today dem sogenannten Second Summer of Love

wärtiges Marken-Branding, kein sich stets wandelndes Modediktat mit direkten Industriekanälen, kein segregierendes musikalisches Ausdifferenzieren der Stile, keine Smartphones, kein allgegenwärtiges Internet und kaum eine selektive Club-Einlasspolitik gab. In einem Interview mit dem schottischen Autor Calum Gordon für das WIP Magazin Issue 04 sagte der britische Künstler Mark Leckey kürzlich über seinen essayistischen Film Fiorucci Made Me Hardcore, mit dem er als einer der ersten das Phänomen „Rave“ mit poetischer Sprache ins Museum brachte: „“Fiorucci“ isn’t about Nostalgia, it’s about being seduced by nostalgia. The way that you’re trying to remember something, and when something is retrievable as an image, it becomes something else. It’s that something else that you become fixated by, and it’s not the thing in itself, it’s the representation of it. It’s about the representation of rave, not the actual thing. It took me a while to get that. When you say it’s all sanitized it’s because it’s got nothing really to do with the actual events or moments. It’s to do with the re-

diese bestrebt mit nostalgischer Sehnsucht einen Gemeinschaftsmoment zu rekonstruieren, der keine Anknüpfungspunkte in der Gegenwart besaß. Jene ist längst segmentiert, selbst wenn sich das Schauspiel auf dem gemeinschaftlichen Erlebnisfeld Tanzfläche jedes Wochenende überall auf der Welt ereignet und nach wie vor auch Energieströme ohne Glücksbetrug verbreitet. Die Unschuld ist vielmehr an den Rändern zu einem Trümmerhaufen geworden, der viel Staub aufwirbelt. Ein Rave wird heute erst dann zu einem, wenn Star-DJs auf den Plakaten stehen. Für die kulturelle Praxis an sich sind die Massen, angetrieben von namenlosen Taktgebern, nicht zu mobilisieren. Die Publikumsmagneten beanspruchen den größten Teil der Finanzen, die für eine Veranstaltung zur Verfügung stehen, was umgekehrt bedeutet, das aufstrebende DJs oder Tanzmusik-Liveacts mit Vision nicht mehr ohne eine PR-Maschine auskommen und bestenfalls noch Veröffentlichungen auf den richtigen Labels der Stunde vorweisen, um überhaupt in die unterbezahlte zweite Reihe zu gelangen. In der will aber niemand