Meakusma Magazin #3

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“Fun ist ein Stahlbad. Die Vergnügungsindustrie verordnet es unablässig. Lachen in ihr wird zum Instrument des Betrugs am Glück.”

etwas mehr als 30 Jahre nach ihrem großen Urknall bemüht ist, sich selbst im Museum zu betrachten oder gar zum Weltkulturerbe erheben möchte und dabei anscheinend vergisst, dass das Zentrum ihres angeblich Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, futuristischen Motors die Party selbst ist, ein Dialektik der Aufklärung, 1944 sozialer Moment, der stets Moment bleibt und nie wirklich museal sein kann. Doch Das Kino, die sogenannte 7e art, hat schon viele Momente des menschlichen Da- wo liegt der Ursprung der Sehnsucht nach Historie in der Clubkultur? Was bietet sie seins in den für sie spezifischen ästhetischen Rahmenbedingungen reproduziert. Nur eines und wo liegt ihre Abgrenzung zur ‚gelebten’ Praxis? Gewisse Rahmenbedingungen ist der Filmkunst in ihrer Geschichte noch nie geglückt: das Abbilden des mäandernden haben sich in der Clubkultur bis heute nicht geändert. Die spezifischen ökonomischen Passierens auf der Tanzfläche eines Clubs, Gegebenheiten sind unverändert gebliewelches das moderne Tanzen durch die ben. Selbst wenn die Professionalisierung Nacht zu einem bisweilen vorzivilisatorides Ganzen heute größere, zum Teil klar sche Züge annehmenden Erlebnis macht. kalkulierte Gewinnmargen erlaubt und sich Atemluft, Gerüche, eine rasante, fragmendie Clubkultur viel mehr als Produkt und tierte Wahrnehmung im Stroboskoplicht, weniger als soziale Bewegung verkauft: das Reiben der Körper, die Bewegung der Wirtschaftlich betrachtet hat das NachtleCharaktere, von Drogen dislozierte Sinnesben immer schon beträchtliche Gewinne eindrücke: All das kennzeichnet partiell und versprochen und war stets auch eine Sphäre zusammen eine kulturelle Praxis, die auch für Geld jenseits der offiziellen Ströme, eine für das bewegte Bild bis heute nie vollstänGrauzone für Spieler_innen. Deren Gier nach dig synästhetisch abbildbar wurde. Von

• Michael Leuffen • Vergangenheit gebildet, die ins Museum will, um sich antiquarisch selbst zu betrachten? Sicherlich könnte an dieser Stelle zunächst auch über das Zentrum des Clubs, die treibende Kraft des Klangs, seines stilistischen Wandels in der Geschichte der elektronischen Tanzmusik, seiner weit verbreiteten Gleichförmigkeit, seiner Produkthaftigkeit und Kommerzialisierung, gesprochen werden. Doch auch dies hat kaum Wert, denn egal wie künstlerisch wertvoll oder unbedeutend der taktgebende Rhythmus auch ist, egal welchen Warencharakter er annimmt – das, was er bei leidenschaftlichen Tänzer_innen auslöst, ist stets der gleiche Zustand. Ein Bankmanager bekommt nach geglückten Millionendeal auch jenes Glücksgefühl geschenkt, das der kleine Spieler an der Eckkneipen-Slot-Machine so schätzt. Somit würde eine Betrachtung des zentralen Motors einer Party immer schon vom Inhalt her ins Nichts führen. Wer sich tatsächlich auf der Tanzfläche verliert, ist mitten drin im künstlerisch nicht abbildbaren. Oder wie der Berliner DJ Tanith Ende vergangenen Jahres

The Past Has No Future or How allen übrigen Künsten kommt nur die Lyrik sowie in Teilen der Bühnentanz und in ihrer emotionalen Imaginationskraft die Musik an das spürbare Porträtieren der Erlebnissphäre eines Tanzes in einer ebenso tanzenden Masse heran. Wer eine Party ‚empfinden‘ will, kann ihren lebendigen Geist weder in der Kunst noch auf zeitgenössischen Medienkanälen wie Instagram oder YouTube aufsaugen. Er oder sie muss sich selbst auf der Tanzfläche verlieren, die Sinne abstellen und sie trotzdem irgendwie auf höchstem Empfindungsniveau halten. All das ist bis heute in der Kulturgeschichte in seiner Vollkommenheit höchstens als Image jenseits der Authentizität darstellbar gewesen. „Words don’t express my meaning, Notes could not spell out the score.” Doch warum hier darüber berichten? Warum an dieser Stelle auf ein Phänomen hinlenken, das vor allem dank seiner Momenthaftigkeit eigentlich keiner beschreibenden Gedanken bedarf? Der Grund für die Ausformulierung einiger flüchtiger Überlegungen liegt in der Beobachtung, das die globale Clubkultur

Monetärem hat die einst so innige Rave-Seele, welche die augenblickliche Musealisierung der Clubkultur heraufbeschwört, allerdings nicht vertrieben. Eher hat die Professionalisierung das kulturelle Phänomen „Rave“ in eine weltumspannende Marke verwandelt und das zügellose Tanzen in ein Produkt, das klare definierte Erlebnissphären verspricht, die von DJs und Veranstaltern ebenso klar programmiert seelenlos abgeliefert werden. Wer sich eine Eintrittskarte für eine Show von DJ-Superstars wie Tiesto, Amelie Lens, Solomun oder Peggy Gou kauft, kann sicher sein, dass der bei YouTube tausendfach gesehene Ablauf ihrer DJ-Zeremonie wie ein perfekt entworfenes Präparat reproduziert wird, das genau kalkulierte Gewinne abwirft.

auf der Onlineseite der Groove in seinem Rückblick auf die Loveparade 1991 geschrieben hat: „Hilflos scheitert jeder Versuch den Spirit dieses großartigen Geschehens jemandem, der nicht dabei war, in Worten zu vermitteln. Wer dabei war, weiß es: Es lag eine gewaltige Energie in der Luft, die man glaubte zu spüren.“ Ein „Spüren“, das sich rückblickend jeder Form von dokumentarischer oder künstlerischer Wiederbelebung verwehrt. Ein „Spüren“, das trotz der oftmals sehr vorhersehbaren kulturindustriellen Form des zeitgenössischen Rave-Entertainments für Mainstream-Tänzer_innen auch empfindbar sein kann, selbst wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr so frei und unkontrolliert sind wie einst vor drei Jahrzehnten.

Doch was ist an den Rändern des weniger wirtschaftlichen Geschehens, da, wo sich die Seelen reiben und verschwenden, den Alltag verabschieden und sich im Rhythmus der Musik verlieren, passiert? Sind hier durch soziale und mediale Entwicklungen Türen verschlossen oder geöffnet worden und hat sich dadurch eine Sehnsucht nach einer

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewen-