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Rezension

How to (not) document your festival Über Notes on Other Music, die Begleitpublikation zum Edition Festival in Stockholm

Hanna Bächer Stockholm im Februar, es liegt Schnee. Keine wenigen Zentimeter, sondern ärgerliche, ungewöhnliche Mengen dreckiges Eis. So viel, dass das Laufen auch die Stockholmer nervt, und sie ihr Geld an Taxis verschwenden. Geld, das beim Festivalbesuch durch die Finger rinnt, in dieser ohnehin schon teuren Stadt, das aus den Rissen im Beton zu quellen scheint – also falls es Risse gibt, auf Södermalm oder Skeppsholmen oder in der Stadsbiblioteket. „Du musst in die Vororte fahren, wenn du das echte Stockholm sehen willst“, sagt ein in Berlin wohnender Schwede zu mir, „die Innenstadt ist wie Disneyland“. Er trägt ein europäisch-blaues Sweatshirt, elf Sterne, einer fehlt, kontemporäre politische Kleidung. Wir unterhalten uns nach der Aufführung eines Stückes von Sarah Hennies. In „Contralto“ geht es um die Stimmen von Transfrauen – sowohl klanglich, als auch in der Repräsentation. Mit anderen Festivalbesuchern diskutieren wir bei Bier, ob Hennies’ Stück Transfrauen objektiviert, ob die Transformation, die Hennies beschäftigt – der umgedrehte Stimmbruch durch Hormontherapien – und die Art, wie die Komponistin damit umgeht, einen zu heteronormativen Blick offenbart. Ich höre vor allem zu, bei meinem gefühlt 28 Euro teuren Getränk. Hier sitzen wir, in einem der teuersten Stadtteile einer der teuersten Städte eines der teuersten Länder der Welt, und versuchen, nach einem Konzert über Haltung zu sprechen. Über Diskriminierung, über Selbst-Diskriminierung, und über Darstellung.

suggest so continues an ongoing erasure of black composers from art music history and denies a broader black intellectual tradition, ignoring contributions made, for example, by the Association for the Advancement of Creative Music (AACM).“

„I do [read about music], not like all the time or maybe as much as I should. I read about both sort of specific histories of things and I’ll read other people’s opinions about music, whether it’s review stuff or magazines like the Wire. But I feel like there’s not really enough stuff about music that’s both not a magazine in terms of it being linked to this promotional cycle, and that’s not super niche academic. That stuff that falls in between, there could always be more.“ (J.C.)

Auf der extensiven Webseite des Edition Festivals setzt sich dessen Direktor John Chantler (J.C.) mit der Kritik eines Journalisten auseinander, veröffentlicht in einer nationalen schwedischen Zeitung. Es ist eine Besprechung von Anthony Braxtons Konzert in den Eric Er- Sarah Hennies beschreibt, was eine Perkussioicsonhallen, der Chantler in deutlichen Worten nistin ist. Oder wichtiger: was sie nicht ist. Kate Rassismus vorwirft. Molleson erläutert Eliane Radigues langen Weg hin zum Schreiben von Kompositionen für Instrumentalisten. John Chantler interviewt die Cellistin Leila Bordreuil, Frida Sandström Als Blase, als soziales Experiment, als die Multimedia-Künstlerin Terre Thaemlitz. Schmelztiegel: inwiefern braucht ein Festival Nicole Mitchell spricht mit Fumi Okiji, Cara Theorie, inwiefern Verhandlung von Diskrimi- Tolmie mit Stine Janvin, Christine Ödlund mit nierung, inwiefern ganz einfach Dokumenta- Leif Elggren und Seymour Wright mit Jean Luc Guionnet. tion? Nach Video- und Audiomitschnitten von Kon- Die Einleitung zu jeder Konversation beinhalzerten, sowie Fotos, Interviews und Essays, die tet: wer wann mit wem Musik aufführen wird schon länger auf der Homepage des Festivals oder aufgeführt hat, im Rahmen einer der erscheinen, hat John Chantler dieses Jahr da- Stockholmer oder auch der Tokyoter Ausgabe für die Buchform gewählt. Mit Notes on Other des Edition Festivals. Darüber hinaus: nichts. Music sind die 107 Seiten überschrieben und Vielleicht ist das die größte Errungenschaft unterteilt in „Essays“, „Interviews“ und „Con- dieser Veröffentlichung: Aussagen über Musik versations“. Einzig Fotos unterbrechen die Tex- eng an Performances, an Aufführungen von te (die meisten von Dawid Laskowski), doch es Musik, zu binden, aber nicht weiter zu kongibt weder Editorial noch Einleitung, nur eine textualisieren. Inhalts- und Quellenangabe, sowie den Satz „Published by Ideell Edition on the occasion „Part of doing the book is having some kind of the Fourth Edition Festival for Other Music, of historical document. So it’s like, hey, this Stockholm, February 2019.“ Keine weitere Er- is a real physical thing that says, this person klärung. Es kommt aber auch keiner der Texte played at this place at this time, here is them in seiner politischen Explizitheit an Chantlers talking about something or someone talking about their work. You know, I’m trying to Kritik der Braxton-Besprechung heran. fix some piece of equipment right now, and „Even a cursory glance would make it crystal the main kind of forum for synthesizer nerds clear that Braxton has never simply borrowed is down. And so I can’t find this information ‚the pretensions of european art music’. To

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Meakusma Magazin #2  

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