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futurIsmus — eIne neolIberale alternatIve Zur Zukunft Ein Traumtagebuch vom Mutek Festival, Tokyo, Japan

Philipp Höning

teIl 1 Permafrost Das Unheil geschieht nicht als radikale Auslöschung des Gewesenen, sondern indem das geschichtlich Verurteilte tot, neutralisiert, ohnmächtig mitgeschleppt wird und schmählich hinunterzieht. Mitten unter den standardisierten und verwalteten Menscheneinheiten west das Individuum fort.(1) Theodor W. Adorno, Minima Moralia Wir stehen freihändig auf der Insel Odaiba. Sie liegt im Süden Tokyos. Wie von William Gibson im Jahr 1984 prophezeit wurde, hat der Himmel über der Bucht die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet worden ist. Die Wolken bewegen sich wie graue Unterwasserriesen vor einem schwarzen Firmament in Richtung Süden und reflektieren die Lichter des Sprawls, das uns umgibt. Wir befinden uns hier im Innenraum der Zukunft. Durchgehende Bebauung in einem Radius von 100 Kilometern. Geodätische Kuppeln werden hier zum Anachronismus, denn in einer Metropole wie dieser wird das Gefühl für innen und außen durch schiere materielle Ausdehnung herausgefordert. Man findet sie gelegentlich noch in botanischen Gärten der Randbezirke vor. Hinter den Schleierwolken glotzt uns die dumme Schwärze des Weltalls entgegen. Ein Vakuum, das nur einen Haps braucht, um alle Ambitionen, alle Zivilisation, alle Geschichte für immer zu verschlingen. Der Mond ist gigantisch und gelb um diese Uhrzeit. Wie immer karg und staubig. Noch ist er schwerer zu bewirtschaften, als der Boden unter unseren Füßen. Etwas karger und mit Sicherheit staubiger. Odaiba ist einer dieser Orte, für die man aus jeder Richtung in Tokyo exakt eine Stunde braucht, denn er liegt an der Bucht. Japan hat um 1610 mit der Landgewinnungsmaßnahme der Ginza begonnen, die Bucht von Edo zu verbauen und damit eine Kette von Halbinseln geschaffen. Man bekommt ein Bild von den Ausmaßen dieses Unterfangens,

wenn man bedenkt, dass dieses Ginza inzwischen eher in der geografischen Mitte der Stadt liegt – Odaiba war damals noch eine freischwimmende künstliche Insel und ist mittlerweile durchgehend über Land erreichbar. Umso bemerkenswerter ist der Fakt, dass es erst der Spätkapitalismus zustande gebracht hat, dieses enorm resiliente Jahrtausendprojekt im Rahmen der Bubble Economy von 1992 sprichwörtlich in den Sand zu setzen, es endet genau mit dem Anschluss Odaibas an das Festland. Wir sind wenig überrascht, nach einer langen Bahnfahrt durch Minato, auch hier einen Ort vorzufinden, der völlig verwüstet von den Bürogebäuden unbekannter Provenienz ist und für etliche Quadratkilometer bar jeglicher Wohnparzellen zu sein scheint. Nach 22 Uhr befindet sich auf dieser ebenen Fläche, von Overworkers abgesehen, kein Mensch mehr. Trotzdem wird Sicherheit hier großgeschrieben. Ein privater Wachschutz mit Blaulicht sorgt für das Gefühl, in guten Händen zu sein, solange der Boden unter den Füßen nicht nachgibt. Odaiba ist daher Synonym für das Ende der Laufweite zum Arbeitsplatz. Hier ist man als Tourist oder Berufspendler. Letztere machen einen Großteil der Bevölkerung aus, denn in Tokyo ist Wohnen zum Luxus geworden. Pendler verbringen einen guten Teil ihres Lebens unter

der Erde. In Bahnen, beim Warten, beim Umsteigen und beim Aussteigen. Das Erklimmen des Metrotunnels erinnert an die konzentrierte Rückkehr von Tiefseetauchern an eine tobende Meeresoberfläche. Nach einem 11-Stunden-Arbeitstag – auch dies ein Relikt des Bubble-Economy-Crashs – spricht niemand mehr während dieses vertikalen Transits, man läuft schweigend nebeneinander her, Stockwerk um Stockwerk, mit gesenkten Köpfen, als wäre jede Abweichung vom Routinebetrieb der Tropfen, der ein namenloses Fass zum Überlaufen bringen würde. Hier in Japan, wo Höflichkeit eine Tugend und der Ellenbogen im Gegensatz zum Rheinland eher am Körper bleibt, liegt zur späten Rushhour eine intensive Stimmung passiver Aggressivität in der Luft. Alle gehen auf dem Zahnfleisch und reißen sich am Riemen. Tokyo selbst wird durch Orte wie Odaiba zur Traverse zwischen Büro und Wohnstätte. Ein riesiger Raum im Raum, in dem nur die Zeichen „oberirdisch“ und „unterirdisch“ relevant sind. Das ist insofern wichtig, als die Insel eine kleine Version von dem ist, wie sich Stadtentwickler die Metropolregion seit dem Projekt Olympia 2020 als Ganzes vorstellen. Odaiba bedeutet also auch „Tokyo in einer Nussschale“, wenn man so will. Und wer genau hinschaut, sieht, wie ganze Stadtviertel gerade der Odaibaisierung zum Opfer fallen. Während unseres Aufenthalts hat Nakanos legendäre „Moon Road“, ein Geflecht aus Nebenstraßen und Sackgassen, in denen Einzelhandel und inhabergeführte Kneipen vorherrschend sind, den letzten Kampf gegen die Stadtentwickler verloren. (2) In der Presse wird der Ort bereits seit 2015 als „nostalgic“ bezeichnet. Überall im Stadtraum werden solche komplexen, gewachsenen Strukturen abgerissen und gegen Komplexe aus weißen Fliesen oder mit Chromleisten verziertem Granit ersetzt, die uns aus Rhein-Ruhr bestens vertraut sind. Viel Wind dazwischen. Auch den kennen wir nur allzu gut. Im Erdgeschoss Shopping Malls, darüber Büroetagen und teils unbewohnte Luxusapartments oder Hotels. In der Nähe ein Alibi-Park. Drumherum

eine Autostadt, um schnell „raus“ zu kommen. Und so wird „Raus kommen“ gleich nach „Wohnen“ von oben herab zur Klassenfrage gemacht. Raus, respektive rein kommt ab jetzt nur noch, wer es sich leisten kann. Stadt wird hier zur Projektionsfläche: Ein Ort, an dem die Häuser hoch sind und die Anbindung ein Skytrain ist. Die Vergnügungsmöglichkeiten von 16 Uhr bis 22 Uhr gelten als groß und in einer gesellschaftlich tragbaren Weise ausgefallen (Robotercafés, Freizeitparks und Karaokebars). Vergnügen ist hier völlig autark, gewissermaßen eingehegt. Ziviles Leben jenseits der Lohnarbeit wird hier wie in einer Musterhaussiedlung destilliert und dem YouTuber-Blogger auf dem Silbertablett serviert. (3) Odaibas Status als Petrischale für städtebauliche Säuberung ist kein neues Phänomen und sollte nicht über die virulente Form dieser Konzepte hinwegtäuschen. Der Ort ist Repräsentant für die Zukunft des Urbanen aus dem Blickfeld von Stadtplanern, die eine reibungslose Laufbahn im Schulwesen und Universitätsbetrieb vorweisen können: Leute mit einem lückenlosen Lebenslauf. Für zwei Jahre „abroad“ studiert und mit Behördengängen vertraut. Die wissen, dass Zukunft eine Signifikantenkette ist, keinen Ort, keine Geschichte, keine Zeit hat, nur ein Image, eine Skyline. Frauen und Männer in den besten Jahren mit Achtsamkeitstraining und Daunenwesten unterm Jackett. Kernkompetenzen aus aller Herren Länder, für die jene dunkleren Ecken in den wuchernden Gassen westlich von Shinjuku einen Albtraum für den Brandschutz darstellen und aber doch für Abbildungen auf Reiseführern taugen. Nach deren Eingreifen eine Stadt noch selten von ihrem Flughafen zu unterscheiden ist. Und so ganz lässt den Besucher das Gefühl nicht los, dass man sich eben auch in Berlin befinden könnte, irgendwo zwischen contemporary fine arts und dem Märkischen Museum. In Downtown L.A., in Oslos Hafen, der Düsseldorfer, Dortmunder, Kölner Innenstadt. Was übrig bleibt, setzt für den Bewohner das voraus, was Rem Koolhaas hämisch „uncondi-

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