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Technische Universität Berlin Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte

Wissen, Welt und zweite Person Der Begriff der kommunikativen Rationalität bei Jürgen Habermas Qualifikationsarbeit zur Erlangung des Magister Artium

– Auszug –

Gutachterinnen: Dr. Uljana Feest, Technische Universität Berlin Prof. Dr. Rahel Jaeggi, Humboldt-Universität zu Berlin

Vorgelegt von Markus Dressel April 2012


Abstract Was heißt es, rational zu handeln? Das Werk von Jürgen Habermas lässt sich als der groß angelegte Versuch verstehen, diese Frage zu beantworten. Er differenziert dabei zwischen instrumenteller, strategischer und kommunikativer Rationalität. Während die ersten beiden Formen mit Blick auf ihre teleologische Struktur konzeptualisiert werden, steht im Falle der kommunikativen Rationalität das Moment des wechselseitigen Einverständnisses im Mittelpunkt. Autoren, die sich auf Habermas beziehen, gehen daher häufig von einer Art Frontstellung aus: Auf der einen Seite die instrumentelle oder strategische Rationalität, bei der die Handelnden zweckorientiert agieren. Auf der anderen Seite die kommunikative Rationalität, bei der verständnisorientierte Akteure einen argumentativ herbeigeführten Konsens anstreben. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass diese Frontstellung auf einem Missverständnis beruht – weder kommt der Begriff der kommunikativen Rationalität ohne individuelle Handlungszwecke aus, noch ist instrumentelle oder strategische Rationalität ohne den Aspekt der Verständigungsorientierung denkbar. Vielmehr sind beide auf einer tiefen begrifflichen Ebene miteinander verschränkt. Sichtbar wird diese Verschränkung anhand der systematischen Triangulation der Begriffe des Wissens, der Welt und der zweiten Person.

(...)

II. Kapitel: Drei Charakteristika von Wissen Die propositionale Struktur von Wissen Das Ziel von Habermas´ Rationalitätstheorie ist es, das Vernunftpotenzial der lebensweltlichen Alltagspraxis konzeptuell urbar und zum Fundament einer kommunikationstheoretisch informierten Gesellschaftskritik zu machen. Bevor Habermas jedoch Auskunft darüber geben kann, was kommunikative Rationalität meint und worin sie sich von dem überkommenen Vernunftbegriff unterscheidet, muss er zunächst einmal klären, wie das Prädikat „rational“ überhaupt sinnvoll verwendet werden kann. In der Theorie des kommunikativen Handelns (TkH) beginnt er daher mit einer propädeutischen Analyse des natürlichsprachlichen Begriffgebrauchs: „Wann immer wir den Ausdruck ‚rational‘ verwenden, unterstellen wir eine enge Beziehung zwischen Rationalität und Wissen. Unser Wissen hat eine propositionale Struktur: Meinungen lassen sich explizit in der Form von Aussagen darstellen. Diesen Begriff des Wissens will ich ohne weitere Klärung voraussetzen, denn Rationalität hat weniger mit Erkenntnis und


dem Erwerb von Wissen als damit zu tun, wie sprach- und handlungsfähige Subjekte Wissen verwenden“1.

Da die weitere Argumentation maßgeblich von diesen Voranstellungen beeinflusst wird, ist es sinnvoll, den hier supponierten Wissensbegriff ein wenig näher zu betrachten. Entgegen dem Habermasschen Vorgehen werde ich daher zumindest diejenigen Aspekte hervorheben, die für die Klärung des Rationalitätsbegriffs wegweisend sind. Der erste hierfür interessante Hinweis liegt in der Bemerkung über die propositionale Struktur von Wissen. Wissen, so läßt sich dies verstehen, bringt Sachverhalte zur Darstellung, und zwar in prinzipiell sprachlicher Form. An anderer Stelle hebt Habermas diesen Umstand noch deutlicher hervor: „Unser Wissen baut sich aus Propositionen oder Urteilen auf, jenen elementaren Einheiten, die wahr oder falsch sein können“ 2. Dass Wissen „von Haus aus sprachlicher Natur“3 ist, setzt Habermas in direkten Zusammenhang mit dieser den Propositionen eigenen Binarität von Wahrheit und Falschheit. Dies funktioniert freilich nur unter Zugrundelegung der Annahme, dass Wissen sich stets in Form (endlich vieler) Aussagen explizit darstellen lässt. Umgekehrt heißt dies, dass alles, „was nicht in Form von Aussagen wahr oder falsch sein kann, … auch kein Wissen im strengen Sinne“ ist4. Für das sogenannte implizite oder know-how-Wissen nimmt Habermas dementsprechend an, dass es „grundsätzlich in die Form eines know-that“ – und damit in das Binärschema der Aussageform – „übergeführt werden“ kann5. Ausgehend von der so arrangierten Prämissenlage wird es wenig überraschend sein, dass sich auch der Begriff der kommunikativen Rationalität um Situationen des expliziten sprachlichen Thematisierens zentriert. Die berühmten Ja/Nein-Stellungnahmen, nach deren Logik sich das gesamte Habermassche Modell rationaler Intersubjektivität ausrichtet, haben hier ihren Ursprung. Ergänzend und ein wenig vorgreifend mag aber zunächst noch eine weitere wichtige Beobachtung hinzugefügt werden: Wissen, das Sachverhalte sprachlich strukturiert und damit den binären Charakter der Aussageform übernimmt, tritt offensichtlich mit einem spezifischen Anspruch auf – dem Anspruch nämlich, dass die involvierten Propositionen wahr sind. Wer etwas zu wissen glaubt, der glaubt, dass die von ihm gewussten Sachverhalte tatsächlich bestehen. Die alternativische wahrfalsch-Struktur, durch die Wissen kategorial gekennzeichnet ist, weist demnach dem Anspruch nach von vornherein

auf die Seite des Wahrseins.

Da diese dem Wissensbegriff eingeschriebene

Anspruchsgrammatik, vor allem hinsichtlich ihrer internen Differenzierung, erst später entwickelt werden kann, möchte ich dies für den Augenblick zurückstellen. Zunächst ist es hier lediglich um den propositionalen Aspekt des Wissensbegriffs zu tun. Als dessen erstes Charakteristikum möchte ich demnach festhalten:

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TkH I, S. 25. Vgl. dazu auch die Kritik von H. Schnädelbach: Transformation der Kritischen Theorie. In: A. Honneth, H.Joas (Hg.): Kommunikatives Handeln, a.a.O., S. 19-23 Sprechakttheoretische Erläuterungen zur kommunikativen Rationalität, a.a.O., S. 68 Ebd. Von den Weltbildern zur Lebenswelt. In: Philosophische Texte. Studienausgabe in fünf Bänden. Bd. 5: Kritik der Vernunft. Frankfurt 2009 , S. 209 Nicht tangiert ist demgegenüber der Status dessen, was Wittgentstein „Gewissheiten“ nannte und das gerade durch seine schwer zu leistende Explizierbarkeit charakterisiert ist. Vgl. dazu L. Wittgenstein: Über Gewissheit. Hrsg. v. G.E.M. Anscombe u. G.H. v. Wright. Baden-Baden 1992. Zu Habermas´ Rezeption des Wittgensteinschen Konzepts vgl. TkH I, S. 450f; sowie Von den Weltbildern zur Lebenswelt, a.a.O, 207-216


(W1)

Alles Wissen lässt sich in Form von Aussagesätzen darstellen, die im Hinblick auf ihren propositionalen Gehalt wahr oder falsch sein können. Wissen kann sich bewähren – oder scheitern

Mit dieser Feststellung ist nun bereits auf die grundsätzliche Prekarität hingewiesen, die das propositionale Binärschema unweigerlich im Wissensbegriff erzeugt. Sie besteht in der schlichten Einsicht, „daß alles Wissen fallibel ist“ 6. Wenn Wissen aussageförmig strukturiert ist, und wenn Aussagen im Hinblick auf die in ihnen involvierten Propositionen entweder wahr oder unwahr sind, dann ist offensichtlich jedes Wissen potenziell unwahr. Ich möchte diesen ebenso simplen wie folgenreichen Tatbestand im Weiteren nicht durch begrifflich-logische Analyse elaborieren, sondern ihn in Zusammenhang mit dem zweiten von Habermas erwähnten Wissenscharakteristikum setzen. Die Möglichkeit des sich-als-ungültig-Erweisens ergibt sich nämlich in erster Linie aus den pragmatischen Kontexten, in denen Wissen immer schon steht. Die Rationalität von Wissen ist, so möchte ich den letzten Teil des vorangestellten Zitats verstehen, eine Funktion seiner Verwendung. Nun ist aber das Verwenden oder Inanspruchnehmen von Wissen etwas, das sich im Modus des praktischen Umgangs mit der Realität manifestiert. Wissen hat sich „an einem uns kontingent widerfahrenem Geschehen“ 7, d.i. in Konfrontation mit der „unendlichen Mannigfaltigkeit“ (Weber) einer ebenso vielgestaltigen wie wandlungsreichen Welt zu bewähren. Im Lichte dieser potenziell changierenden Evidenzen vermag sich kein Wissen – notabene: kein Weltwissen8 – auf apriorische Immunitäten zu berufen. Die so erzeugte grundsätzliche Prekarität ergibt sich aber nicht erst dann, wenn Wissen dem Druck kritischer Erfahrung direkt und willentlich ausgesetzt wird. Durch die enge Verzahnung von Wissensstrukturen und Handlungsvollzügen ist die pragmatische Inanspruchnahme, auch und gerade für nicht-epistemische Zwecke, zur Etablierung fallibilistischer Risiken völlig ausreichend. Spiegelbildlich zu diesem Risiko des „praktisch erfahrenen Dementis …, mit dem die Welt performativ ihre Bereitschaft zum Mitspielen widerruft“9 verhält sich freilich die Möglichkeit der reflexiven Wissenskorrektur: „Wir lernen aus Enttäuschungen, indem wir Überraschungen ... verarbeiten und das problematisch gewordene Wissen revidieren“10. Wissen, das „im Scheitern unserer Projekte“ 11 seine Verbindlichkeit eingebüst hat, kann 6

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Wahrheit und Rechtfertigung. Zu Richard Rortys pragmatischer Wende. In: Philosophische Texte. Studienausgabe in fünf Bänden. Bd. 2: Rationalitäts- und Sprachtheorie. Frankfurt 2009 , S. 297. Zum immanenten Fallibilismus des Wissensbegriffs bei Habermas vgl. ebenfalls die weiteren Aufsätze in dem Band Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze. Frankfurt 1999; sowie Entgegnung. In: A. Honneth, H.Joas (Hg.): Kommunikatives Handeln, a.a.O., S.350f Von den Weltbildern zur Lebenswelt, a.a.O., S. 267 Es ist mir hier nicht um logisch-analytisches (etwa: „wenn a gleich b und b gleich c, dann a gleich c“), apriorisches (etwa: „Gegenstände der Erfahrung exisitieren in Raum und Zeit“) oder rekonstuktives (etwa: „kompetente Sprachsubjekte differenzieren zwischen Ich und Welt“) Wissen zu tun. Richtigkeit versus Wahrheit. Zum Sinn der Sollgeltung moralischer Urteile und Normen. In: Philosophische Texte. Studienausgabe in fünf Bänden. Bd. 3: Diskursethik. Frankfurt 2009, S. 407 Sprechakttheoretische Erläuterungen, a.a.O., S.70 Von den Weltbildern zur Lebenswelt, a.a.O., S. 267


modifiziert, eloboriert oder ersetzt werden. Der von Habermas zu Grunde gelegte pragmatische Fallibilismus läuft also keineswegs auf einen skeptischen Defätismus hinaus. Er ist vielmehr als Hinweis auf die rationalitätsspezifische Verwendung potenziell ungültigen, aber prinzipiell verbesserbaren Wissens gemeint. Erst vor dem Hintergrund dieser doppelten Verfasstheit wird nämlich der pragmatische Impuls der Habermasschen Prämisse verständlich, nach der nicht der bloße Wissensbesitz, sondern erst eine bestimmte Art der Wissensverwendung einschlägig für die Klärung des Rationalitätsbegriffs ist12. Als zweites für die weitere Argumentation relevantes Charakteristikum von Wissen möchte ich daher festhalten: (W2)

Wissen bewährt sich (oder scheitert) in Zusammenhängen seiner Verwendung und eröffnet dadurch die Möglichkeit des reflexiven Lernens.

Objekte des Wissens: Wissen von und Wissen über Mit Blick auf die rationalitätsspezifische Struktur von Wissen scheint mir aber noch ein weiteres Moment von Interesse: Wissen ist allenthalben ein Wissen von oder über etwas. Obwohl Habermas diesen intentionalen Aspekt als solchen kaum je erwähnt, scheint mir der Hinweis darauf nutzbringend für die Erschließung seines kommunikativen Vernunftkonzepts zu sein. Dafür muss man die Aufmerksamkeit noch einmal auf die logische Struktur des Wissensbegriffs richten. Offensichtlich handelt es sich bei diesem um einen relationalen Begriff, der eine bestimmte Art von Verhältnis zwischen einem als Wissensträger auftretenden Subjekt und einem Objekt stiftet, auf das sich das jeweilige Wissen bezieht13. Mit der Rede von „Objekten des Wissens“ wird freilich intuitiv die Vorstellung aufgerufen, es handle sich dabei notwendigerweise um Gegenstände, die uns in der Welt begegnen. Formulierungen wie die eben ins Spiel gebrachte: Wissen sei immer Wissen „von“ bzw. „über etwas“, scheinen ebenfalls in diese Richtung zu weisen. Um Unklarheiten zu vermeiden, muss hier allerdings ein genauerer Blick auf die Habermassche Terminologie geworfen werden: In Übereinstimmung mit Frege und dem frühen Wittgenstein unterscheidet Habermas zwischen (a) Wissen, das in Form von Aussagen dargestellt werden kann; (b) Aussagen, die bestimmte Inhalte involvieren; (c) Aussageinhalten (Sachverhalten, Propositionen), die wahr oder falsch sein können; (d) Tatsachen (wahren Propositionen, bestehenden Sachverhalten), die von Gegenständen ausgesagt werden; und 12

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In dem vorangestellten Zitat spricht Habermas freilich nicht dem Haben, sondern der „Erkenntnis und dem Erwerb von Wissen“ die Relevanz für die Klärung des Rationalitätsbegriffs ab. Das ist offensichtlich nicht besonders plausibel. Ich gehe darauf nicht weiter ein, da Habermas dieser merkwürdigen These selbst an mehreren Stellen widerspricht, etwa in Replik auf Einwände, a.a.O., S. 498: „das Prädikat ‚vernünftig‘ oder ‚rational‘ sollten wir besser für den Erwerb und die Verwendung von Wissen … reservieren“. In einem späteren Text spricht Habermas dann auch explizit von „epistemischer Rationalität“ (Sprechakttheoretische Erläuterungen zum Begriff der kommunikativen Rationalität, a.a.O., S.68-70). Dabei sollte man sich nicht von der Habermasschen Kritik der „Subjektphilosophie“ irritieren lassen. Erstens ist hier noch gar nicht gesagt, von welcher Art Wissenssubjekte, -objekte und die Beziehung zwischen ihnen sind, und zweitens scheint mir die grundsätzliche Relationalität des Wissensbegriffs auch nach seiner (im folgenden zu leistenden) kommunikationstheoretischen Elaborierung nicht verloren zu gehen.


schließlich (e) Gegenständen, die uns als Weltdinge begegnen. Jedem dieser fünf Elemente kommt dabei eine gewisse konzeptuelle Selbständigkeit zu: „Wissen besteht aus dem Inhalt wahrer Aussagen – nur Tatsachen können wir ‚wissen‘. Tatsachen sind ‚bestehende‘ Sachverhalte, die von ‚existierenden‘ Gegenständen ausgesagt werden“ 14. Diese Terminologie hat Habermas bereits sehr früh verwendet. In einem fast vier Jahrzehnte älteren Text formuliert er entsprechend: „Tatsachen sind abgeleitet aus Sachverhalten; und unter Sachverhalten verstehen wir den propositonalen Gehalt von Behauptungen … Wenn wir sagen, daß Tatsachen existierende Sachverhalte sind, dann meinen wir nicht die Existenz von Gegenständen, sondern die Wahrheit von Propositionen, wobei wir freilich die Existenz identifizierbarer Gegenstände, denen wir Prädikate zusprechen, unterstellen“15

Da Habermas in diesem Zusammenhang massive Anleihen bei Frege macht, möchte ich kurz auf zwei Implikationen hingewiesen, die sich von dessen Modell auf das Habermassche übertragen. Bekanntlich lag eine zentrale Intention Freges in der Kritik des Psychologismus. Gegen diesen insistiert Frege: „Es ist scharf zu unterscheiden zwischen dem, was Inhalt meines Bewusstseins … ist, und dem, was Gegenstand meines Denkens ist“16. Das, „was Gegenstand meines Denkens ist“, nennt Frege „Gedanken“. Diesen weist er einen eigenen konzeptuellen Status zu: „Beim Denken erzeugen wir nicht die Gedanken, sondern wir fassen sie“; und er fährt fort: „Was ist eine Tatsache? Eine Tatsache ist ein Gedanke, der wahr ist“17. Übersetzt man dies in das Habermassche Vokabular, so wird aus dem Fregeschen Gedanken, den wir denkend erfassen, der propositionale Gehalt, den wir sprechend aussagen18. Die Fregesche Unterscheidung zwischen Vorstellung und Vorstellungsgegenstand übersetzt sich damit in die Unterscheidung zwischen Aussage und Aussageinhalt. Gleichzeitig unterscheiden beide Autoren aber auch zwischen Aussageinhalten (Propositionen, Sachverhalten, Gedanken) und Weltdingen: „Die Gedanken sind weder Dinge der Außenwelt, noch Vorstellungen“ 19; „mit Gegenständen mache ich Erfahrungen, Tatsachen behaupte ich. Ich kann Tatsachen nicht erfahren und Gegenstände nicht behaupten“ 20. Das ist intuitiv einleuchtend: Die Tatsache, dass Cäsar starb, ist etwas anderes als die Aussage, die diese Tatsache thematisiert, und beides ist zweifellos von dem raumzeitlichen Ereignis zu unterscheiden, welches das Ende von Cäsars Leben markiert 21. Nach der einen Seite kann man sich dies an dem simplen Umstand klar machen, dass ein und dieselbe Tatsache in gänzlich verschiedenen Zeichensequenzen dargestellt werden kann, ohne dass damit die Tatsache selbst variiert würde. Dass Cäsar starb, lässt sich auf mannigfache Weise und im Rahmen unterschiedlicher Symbolsysteme sagen; die Tatsache jedoch bleibt stets dieselbe. Aus diesem Grund konnte Frege 14 15

16 17 18 19 20 21

Von den Weltbildern zur Lebenswelt, a.a.O., S. 265. Vgl. zum ersten Teil dieses Zitats auch Fn. 22 oben Wahrheitstheorien, a.a.O., S. 134f. Der in meiner Zitation ausgelassene Teil „deren Wahrheitsgehalt problematisiert worden ist“ wird im Folgenden von größter Bedeutung sein. G. Frege: Der Gedanke. Eine logische Untersuchung. In: Ders.: Logische Untersuchungen. Göttingen 1976, S. 48 Ebd., S. 50 Vgl. Wahrheitstheorien, a.a.O., S. 135 G. Frege, Der Gedanke, a.a.O., S. 43 Wahrheitstheorien, a.a.O., S. 132 Vgl. Realismus nach der sprachpragmatischen Wende, a.a.O., S. 351


formulieren, der Satz sei das „sinnliche Gewand“, in das der „an sich unsinnliche Gedanke“ sich nur „kleidet“22. Nach der anderen Seite wird der autonome Status von Propositionen daran ersichtlich, dass Tatsachen, wie Russel sagt, „subsistieren oder Sein haben“, während Zustände, Ereignisse und Gegenstände in Raum und Zeit „existieren“ 23. So hat das Ereignis, welches das Ende von Cäsars Leben markiert, einen eindeutig definierten Ort, einen mehr oder weniger scharf definierten Beginn – und vor allem: ein eindeutiges Ende. Nach diesem Zeitpunkt kommt sowohl dem Ereignis, als auch der Person keinerlei Existenz mehr zu. Im Gegensatz dazu ist eine wahre Proposition „nicht nur heute oder morgen, sondern zeitlos wahr“24. Die Tatsache, dass Cäsar starb, ist daher – wenn er starb – von temporalen und lokalen Bestimmungen völlig unabhängig. Unter Anwendung dieser Unterscheidung ergibt sich nun die interessante Implikation, dass die relationale Struktur des Wissensbegriffs keineswegs ein ontologisches Verständnis der Rede von „Objekten des Wissens“ vorschreibt. Wissensobjekte müssen nicht notwendig als dasjenige gefasst werden, worüber etwas gewusst wird. Sie können ebenso gut als grammatischlogische Objekte gefasst werden, d.h. als dasjenige, was gewusst wird. Der Unterschied lässt sich anhand paradigmatischer Formulierungen leicht erkennen: Unter Zugrundelegung eines ontologischen Objektverständnisses funktionieren Sätze wie „S weiß p über O“ 25 einwandfrei, wohingegen sich keine sinnvollen Sätze nach dem Schema „S weiß O“ bilden lassen – wissen kann man nur etwas über Dinge, nicht diese Dinge selbst. Versteht man die Wissensrelation aber als grammatisch-logische Beziehung, lassen sich beide Arten schematischer Sätze problemlos bilden. Man kann sowohl eine Tatsache wissen: „S weiß p“ (nominalisiert: „S weiß, dass p“), als auch etwas über diese Tatsache: „S weiß q über p“ (nominalisiert: „S weiß, dass q über die Tatsache, dass p“). Wenn der differenzielle Status von Weltdingen, Propositionen und Aussagen damit hinreichend klar ist, kommt auch die zweite Implikation zu Bewusstsein, die von dem Fregeschen in das Habermassche Programm hineinragt. Unter Anwendung dieser Unterscheidungen muss nämlich, in den berühmten Worten Freges, „ein drittes Reich … anerkannt werden“ 26. Gedanken oder Propositionen, die weder mit den Vorstellungsakten der Denkenden (Frege), noch mit den Aussageakten der Sprechenden (Habermas), noch mit den Gegenständen selbst identifiziert werden können, nehmen eine Art Scharnierposition zwischen dem ontologischen Bereich der Welt und dem sprachlogisch-epistemischen Bereich von Bewusstsein und Sprache ein 27. Innerhalb des kommunikationstheoretischen Paradigmas 22 23 24 25 26 27

G. Frege, Der Gedanke, a.a.O., S. 33. Vgl. auch Wahrheitstheorien, a.a.O., S. 127 B. Russel: Probleme der Philosophie. Frankfurt/Main 1967, S. 88 G. Frege, Der Gedanke, a.a.O., S. 52 Dabei soll S für das Wissenssubjekt, p für den gewussten Sachverhalt und O für ein Wissensobjekt stehen. G. Frege: Der Gedanke, a.a.O., S. 43 Eine Analyse des Habermasschen Begriffs der „objektiven Welt“ und seines Verhältnises zum Weltbegriff des frühen Wittgenstein (L.Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung. Frankfurt/Main 2003, 1-1.21) würde auf Inkonsistenzen im Begriffsgebrauch bei Habermas treffen. Mit explizitem Verweis auf Wittgenstein beschreibt er die objektive Welt an manchen Stellen als „Gesamtheit dessen, was der Fall ist“ (z.B. Erläuterungen zum Begriff des kommunikativen Handeln, a.a.O., S. 584), an anderen wiederum als „Gesamtheit der beschreibunsunabhängig exisistierenden Gegenstände“ (z.B. Von den Weltbildern zur Lebenswelt, a.a.O., S. 212). Unter Verwendung des Wittgensteinschen Weltbegriffs funktioniert dies freilich nicht, denn hier wird die Welt bekanntlich als „die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“ (L.Wittgenstein: ebd, 1.1) konzeptualisiert.


muss diese Scharnierposition – freilich im schroffen Gegensatz zum logischen Platonismus Freges – so gekennzeichnet werden, dass Propositionen zwar von den sie artikulierenden Sprechakten wohl unterschieden werden müssen, sie aber gleichzeitig nicht als dinghafte Entitäten verstanden werden dürfen. Wenn sich propositionale Komplexe, wie Wittgenstein sagt, „im logischen Raum“ 28 befinden, dann kann dieser logische Raum nicht selbst wieder als Sphäre des Seins begriffen werden. Es handelt sich um einen zwischen Sprache und Dingwelt liegenden intermediären Bereich. Dieser intermediäre, nicht-ontologische Bereich ist es, aus dem das aussageförmig organisierte Wissen seine Inhalte entnimmt und den es in Ansehung seiner Binärfunktion in „das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten“29 stratifiziert. Obwohl also propositionales Wissen gleichzeitig ein Wissen von Tatsachen und über Dinge ist, muss es stets durch jene hindurch geleitet werden, um zu diesen zu gelangen. Der Versuch, „aus dem sprachlogischen Bereich auszubrechen“ ist daher, wie Habermas gegen die Korrespondenztheorie der Wahrheit feststellt, „vergeblich“ 30. Im Folgenden wird klar werden, dass diese Überlegungen nicht nur für den Wissensbegriff, sondern auch und vor allem für den kommunikativen Vernunftbegriff weitreichende Folgen haben. Für den Moment begnüge ich mich damit, das dritte und letzte relevante Wissenscharakteristikum in eine zusammenfassende Formel zu bringen. Dieser, wie ich am Anfang sagte: intentionale Aspekt, muss für die weitere Diskussion in eine direkte (Wissen von Tatsachen) und eine vermittelte (Wissen über Dinge)31 Form des Gerichtetseins ausdifferenziert werden. Dementsprechend möchte ich festhalten: (W3)

Wissen ist direkt gerichtet auf die sprachlogischen Tatsachen, die es aussageförmig deklariert, und indirekt auf die Weltdinge, über die es Aussagen macht.

28 29 30 31

L. Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, a.a.O., 1.13 Ebd., 2.06 Wahrheitstheorien, a.a.O., S. 133 Natürlich gibt es, wie ich bereits festgestellt habe, auch Wissen über Tatsachen. Dabei handelt es sich aber, wie ich ebenfalls festgestellt habe, um Wissensobjekte zweiter Ordnung: S weiß, dass q über die Tatsache, dass p. Soweit ich sehe, ist Schema „Wissen von Tatsachen – Wissen über Dinge“ auf der ersten Ordnungsebene zunächst einmal zufriedenstellend. Auch im Blick auf die einleitend formulierte Einschränkung auf sinfällige Gegenstände empfiehlt es sich, die beiden Ordnungsebenen auseinander zu halten. Die hier analysierten prädikativen Akte bringen zwar propositionale Entitäten zur Darstellung, sagen diese aber als Tatsachen über empirisch zugängliche Weltdinge aus. Auf der zweiten Ordnungsebene, auf der Tatsachen über Tatsachen ausgesagt werden, ist dieser Gegenstandsbezug gewissermaßen suspendiert.

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