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Du warst früher Punk, mittlerweile hast du keinen Iro mehr, ist in dir noch etwas Punk? Punkrock ist eine Jugendbewegung, und die Jugend hört mit 20 auf, dann überziehen die meisten noch fünf, zehn Jahre, aber eigentlich ist mann dann schon erwachsen. Punkrock ist was für Leute, die das im richtigen Alter als Abgrenzungsmodell brauchen gegen die ältere Generation. Wie sollen sich denn junge Punx abgrenzen, wenn die Eltern auch komplett Punkrock sind? Irgendwann muss man halt die Seiten wechseln, um ein anständiges Feindbild zu liefern. (lacht) Eine anarchistische Grundhaltung, eine widerborstige Haltung und eine politische Einstellung, die nicht konform geht, habe ich mir aber erhalten, dafür brauche ich aber keine Nieten mehr und auch keine Iros, das hab ich jetzt alles quasi als Programm in mir drin. Der Isländer Jón Gnarr, Schulabbrecher und Bassist in einer Punkband, ist seit 2010 Bürgermeister von Reykjavik, reizt dich die Politik? Mein Problem ist, dass ich den Mechanismen und Tätigen der Macht so derart misstraue, dass die einzige Möglichkeit, dazu in Verbindung zu treten, die ist, sie abzulehnen. Denn die Politik hat eigene Mechanismen, die kannst du nicht so einfach umwerfen. Du kannst in unserem System nicht durch die Wände durchgehen ohne diese Mechanismen aufzunehmen, und in dem Moment bist du schon versaut. Was würdest du gerne am System ändern? Die Mitbestimmung, denn die Umstände, unter denen wir leben, sind fremdbestimmt: Die Leute nehmen‘s hin, und laufen durch diese Matschquatschidiotenkommerzmühle so mit durch. Ich finde

das sehr abstoßend und ich wünschte, dass die Bevölkerung gefragt werden würde, wen sie denn gern als Kultursenator haben will, wer das Theater leiten soll, was in dem Viertel, wo alles weggerissen wird, hingebaut wird? Wieso wird St. Pauli abgerissen? Da werden so teure Nobelbunker hingebaut, wo jede Wohnung eine Million kostet, vorher haben da Türken gewohnt, die haben für ihre Wohnung pro Monat 350 Euro gezahlt. Wer bestimmt das? Warum dürfen wir nicht mitreden? All diese Fragen um die Selbstbestimmung interessieren mich. Der Bildungsauftrag wäre: Nehmt die Dinge selbst in die Hand, entscheidet euch für die Welt, in der ihr leben wollt. Gebt diesen Job nicht irgendwelchen Leuten, die das aus Geld- und Lobbyinggründen machen. Was war für dich der entscheidende Moment, politisch zu werden? Punkrock natürlich. Das gehörte damals zum guten Ton, sich die Musik anzuhören, die am meisten zu sagen hatte. Das waren meistens Bands, die marxistische oder linksradikale oder anarchistische oder kommunistische Inhalte vertreten haben. Dann haben wir uns damals natürlich auch viel mit der RAF auseinadergesetzt. Waren verwirrt, ob wir das gut oder schlecht finden sollen. Wie findest du es, dass gegen einzelne RAF-Mitglieder der zweiten Generation das Verfahren wieder aufgerollt wird? Ich finde das aus derer Sicht einmal unmöglich, weil die haben zu großen Teilen ihr ganzes Leben im Knast verbracht. Es ist aber wahnsinnig schwierig bei diesen Moral- und Schuldkonstrukten eine ge-

Portrait: rocko schamoni | 25

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MFK - Magazin für Kultur Ausgabe 03/2011 - Lügen  
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MFK – Magazin für alternative Freizeitkultur & Kunst widmet sich im DIN-A5-Querformat der lokalen Salzburger Jugendkultur – will aber auch ü...

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