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Herausgegeben von

Maria Herrlich


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Maria Herrlich

Ein Wort zum EiBuch Vielleicht lag es an der Jahreszeit, dass ich dauernd über Eier nach­ dachte, hatte sogar schon welche ausgeblasen. Mich ließ die Idee nicht ruhen, mit meinen Freunden ein Eibuch zu machen. Eines, das nicht nur an Ostern zu lesen ist, sondern das ganze Jahr über. Es gibt ja nicht nur das schlichte rohe Ei, aus dem was weiß ich gemacht wird. Eierköpfe laufen zur Genüge herum und ohne den Eisprung wäre ein Säuglingsleben nicht in die Wiege gelegt. Schon fällt einem das Kuckucksei ins Nest und während der Sand der Eier­ uhr durch die Glastaille rieselt, kommt schon die Frage auf, weich oder hart? Also habe ich meine Freunde gebeten, ihre Schubladen zu durch­ forsten, ob da nicht irgendwo noch ein Ei versteckt liegt. Einige sind fündig geworden, doch die meisten haben ihre Erinnerung und ihre Phantasie spielen lassen und eine neue Geschichte rund ums Ei geschrieben. Ein paar Rezepte sollten auch dabei sein. Das Ei hat zwar die die perfekte Form, doch was spricht dagegen mit ihr zu spielen, um so auch mit dem Stift Geschichten zu er­ zählen. Das hat mir viel Vergnügen bereitet und nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen mit dem Eibuch!

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Birgit Rabisch

EIERLIKÖR Als Kind liebte ich die Kaffeekränzchen, die meine Oma einmal im Monat für ihre Nachbarinnen gab. Als Spionin, die in der Wärme saß, spielte ich in einer Zimmerecke nur scheinbar mit meinen Puppen, während ich die Frauen genau beobachtete. Eines Tages beschloss ich, mit meinen Freundinnen auch ein Kaffeekränzchen abzuhalten. Oma unterstützte mich bei meinem Plan, wir backten zusammen Kuchen, statt Kaffee würde es Kakao geben, aber was war mit dem Eierlikör? Erst beim Eierlikör wurde das Kränzchen so richtig lustig, das hatte ich immer wieder erlebt. Ohne Eierlikör ging es also nicht. Meine patente Oma wusste Rat. Sie kochte Vanille­ sauce und füllte sie in eine Eierlikörflasche. An einem schönen Sommertag deckte ich draußen im Hof den Campingtisch und nachmittags pünktlich um drei kamen meine drei besten Freundinnen. Jede brachte mir, wie es sich gehörte, einen Blumenstrauß mit, auch wenn es nur Butterblumen oder Gänseblümchen waren. „Das hätte doch nicht nötig getan“, sagte ich mit der Stimme meiner Oma, stellte die Blumen in ein Marme­ ladenglas auf den Tisch und bat meine Gäste, Platz zu nehmen. Dann verteilte ich die Rollen, so dass nicht mehr Inge, Marion und Renate meinen Kuchen über den grünen Klee lobten, sondern Frau Martens, Frau Siblinsky und Frau Schulz, die Frau des Bezirkspoli­ zisten. Bei Kuchen und Kakao unterhielten wir uns zivilisiert über Kochrezepte und die Untaten unserer Kinder, doch dann schenkte ich den Eierlikör aus und wies meine Freundinnen an, sich zu be­ nehmen wie echte Damen. Das Gesprächsthema musste jetzt „Die 5


Männer” sein. Nach jedem Gläschen kicherten wir lauter, kreisch­ ten und sangen schließlich „Die Männer sind alle Verbrecher, ihr Herz ist ein finsteres Loch …“ Leider bemerkte ich nicht, dass die alte Frau Gerke im ersten Stock ihr Fenster geöffnet hatte und entsetzt unser Treiben beobachtete. Ich schrie „Die Männer wollen doch alle nur das eine!“, weil ich den Satz oft genug gehört hatte, ohne zu verstehen, was sie denn nun wollten. Ich schenkte Frau Schulz erneut ein und flüsterte ihr ins Ohr, was die echte Polizistengattin immer nach dem vierten Gläschen Eierlikör rief. „Polizei, dickes Ei!“, schrie sie lauthals über den Hof, als Wachtmeister Schulz um die Ecke bog. Er machte ein finsteres Gesicht. „Ich wurde eben angerufen, dass hier sittenlose und alkoholisierte Kinder ihr Unwesen treiben!“ Er griff nach der Eierlikörflasche und roch daran. Ich war vor Schreck verstummt, doch zum Glück sah ich meine Oma aus dem Haus kommen. Sie lä­ chelte ihn an: „Vanillesauce, Erwin. Aber wie wär’s mit nem echten Tröpfchen?“ „Ich bin im Dienst“, murmelte er, doch er folgte meiner Großmutter in die gute Stube.

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Frank Klötgen

„Uneinig” Gleicht nicht allein ein Ei dem andern, Weil dies Ei gleichfalls jenem gleicht Ein Gleichungsweichensteller eifrig Schon Ei-chen auf ihr Ei-Sein eicht? Weiß irgendeiner, wann ein Ei, Auf Stufe Eins der Gleicherei, Die eigentliche Eier-Form Bestimmte einst zur Eier-Norm? Du weißt das nicht, wie ich Dich kenne! Fragst immer noch, ob Ei, ob Henne Wer von den zwei‘n war gleich dabei? Es kommt drauf an, Mann, welches Ei! Du meinst, da gleicht doch eins dem andern!? (Zurück zur ersten Zeile wandern ...)

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Eduard Mörike

auf ein ei geschrieben Ostern ist zwar schon vorbei, Also dies kein Osterei; Doch wer sagt, es sei kein Segen, Wenn im Mai die Hasen legen? Aus der Pfanne, aus dem Schmalz Schmeckt ein Eilein jedenfalls, Und kurzum, mich tät‘s gaudieren, Dir dies Ei zu präsentieren. Und zugleich tät es mich kitzeln, Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln. Die Sophisten und die Pfaffen Stritten sich mit viel Geschrei: Was hat Gott zuerst erschaffen Wohl die Henne? Wohl das Ei? Wäre das so schwer zu lösen? Erstlich ward das Ei erdacht: Doch, weil noch kein Huhn gewesen, Schatz, so hat der Hase es gebracht.

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Heidi von Plato

Das gelbe vom ei Am Morgen, erwacht aus Träumen, befühlte sie ihren Bauch, der sich seit Monaten wölbte. In ihm wuchsen Eier, ein Wunder, das an die unbefleckte Empfängnis erinnerte. Was sie wohl ausbrüten würde? Um den Prozess des Eierlegens zu beschleunigen, ging sie zu einem weiß gekleideten Mann, der hinter seinem großen Schreibtisch fast verschwand. Sein Kopf verjüngte sich nach oben, wo einige Haare lagen. Sie müsse warten, sagte er und verschrieb ihr Tabletten, die Wirkung käme nach 14 Tagen. So vorbereitet baute sie ein großes Nest aus weichem Stoff im Badezimmer. Aß jeden Tag Mais, Ka­ rotten und Rote Beete, damit das Eigelb ein tiefes, sattes Orange bekommen würde. An einem dottergelben Tag, an dem die Sonne vom Himmel zu fallen schien, machte sie sich erneut auf den Weg zu dem weiß gekleideten Mann. Unterwegs las sie in einer Zeitung eine beruhi­ gende Nachricht: „Das Frühstücksei spaltet die Nation in Eierköpfer und Eierpeller”. Früher hatte sie das Eierköpfen geliebt, die Haube sprang ab und das Gelbe vom Ei schaute heraus, das so schön in der Mitte ruhte. Ihre Mutter und ihr ehemaliger Freund, die zu den Eierpellern gehörten, missbilligten ihr Verhalten und lehnten ihre Person seither ab. Als sie vor dem weißen Mann saß, fragte sie ihn, ob sie ein Dinosaurierei legen werde, da lächelte er versonnen, dann wurde er ernst und entgegnete, Dinosaurier seien ausgestor­ ben, aber sie werde sich bald besser fühlen. 10


In einer der folgenden Nächte stand sie schlaftrunken auf, ging ins Badezimmer und sah zu ihrem Erstaunen zehn große Eier im Nest liegen. Schneeweiße, Kupferbraune und Gesprenkelte. Erfreut setzte sie sich vorsichtig auf den Nistplatz, um die Eier mit ihrer Wärme zu umschließen, sie auszubrüten. Als sie am Morgen er­ wachte, sie musste eingeschlafen sein, fühlte sie etwas Weiches, Nasses und Klebriges unter sich. Sämtliche Eier waren zerdrückt.

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Pepi Poissons‘

Eierkuchen Zutaten: 4 Eier 200 g Mehl, 50 ml Wasser 200 ml Milch, 1 Pck. Vanillezucker (bei süßen Eier­kuchen), 100 g Zucker (bei süßen Eierkuchen) Eine Prise Salz

Zubereitung: Milch, Mehl und Eier verrühren. Öl in einer Pfanne erhitzen, etwas Teig hineingeben und die Eierpfannnkuchen hin­ tereinander von beiden Seiten goldgelb backen. Man kann sie heiß und kalt genießen. z. B. mit klein geschnitte­ nen Äpfeln backen mit Zimt und Zucker würzen oder auch salzig mit Speck servieren. Sie schmecken mit Apfelmus oder Zucker­ rübensirup oder eingerollt mit Räucherlachs, bestrichen mit einer Crème aus Frischkäse, Dill, püriertem Räucherlachs und Meeret­ tich. Die eingerollten Crêpes in Frischhaltefolie wickeln und ein bis zwei Stunden tiefkühlen, damit sie in Scheiben geschnitten wer­ den können, die mit einem Zahnstocher aufgepiekt Scheibchen für Scheibchen ein wahrer Party-Knüller sind! Die gerollten Crêpes können gut vorbereitet werden, da sie tiefgekühlt aufgeschnitten, sehr schnell auftauen.

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Peter Butschkow

Gefühlte 4 1/2 Minuten „Weich, mittel oder hart?“ „Wachsweich.“ „Also weich?“ „Wachsweich.“ „Wie weicher Wachs, so?“ „Wäre schön.“ Also mach ich ihm das Ei wie Wachs, so weich. „Hast du keinen Eierkocher?“ „So lange ich noch Töpfe habe, kommt mir so ein Teil nicht ins Haus.“ „Hast du denn keine Eieruhr?“ „So lange ich noch Herr meiner Sinne bin, nein!“ „Wachsweich, viereinhalb Minuten? Du meinst...?“ „Ich weiß doch wohl, wie lang viereinhalb Minuten sind!“ „Exakt viereinhalb Minuten, anders mag ich es nicht.“ „Du meinst wachsweich, richtig?“ Das Wasser kocht, ich lege sanft zwei Eier hinein. Meins darf gerne hart werden. „Na, da bin ich ja gespannt.“ „Lustig, wie sie im Wasser hoppeln, nich?“

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„Viereinhalb Minuten!“ „Sie rumpeln richtig.“ „Nicht mehr, nicht weniger.“ „Give me four and a half!“ „Sonst kannst du es essen.“ „Noch gute zwei Minuten!“ „Bei Aldi gabs letztens Eieruhren.“ „Dein Ei führt sich ja richtig auf.“ Der erste Mensch, der genau viereinhalb Minuten spürt.“ „Jetzt!“ Ich hole das Ei aus dem Wasser, schrecke es ab und bette es liebevoll in seinen Eierbecher. „Guten Appetit!“ Er sägt die Eierspitze ab und öffnet das Ei. „Daneben!! Nicht wachsweich!!” Ich schaue mir das Ei an. „Aber butterweich!” „Nicht wachsweich! Ich sagte wachsweich!” „Du gewachstes Weichei!” Er wird gefühlt wachsbleich.

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Ralf Sotscheck

DAS MARGINALISIERTE EI Der Osterhase ist ein Idiot. Rechtzeitig zu Ostern kam heraus, dass sich das eierlegende Langohr immer noch nicht an die Ver­ packungsvorgabe hält. Bei vielen Marken benötigen Kinder einen Werkzeugkasten mit Säge, um durch die stabile Plastikverpackung an das Ei zu gelangen. Und zu recyceln ist das Zeug auch kaum, denn die meisten Bezirksverwaltungen verfügen nicht über die notwendigen Anlagen. Da hilft es auch nicht, wenn die SainsburyKette auf ihrer Hartplastikverschalung lügt, sie sei „vollständig re­ cycelbar“, wie es in dem „Osterei-Verpackungsbericht von 2012“ heißt. Eigentlich müsste der Osterhase es besser wissen, denn er stammt aus Deutschland, dem Land der Recycelweltmeister. Aber viel­ leicht hat er ja anderes im Sinn. Häsinnen sind bekannt für ihre Doppelträchtigkeit, das heißt, sie können noch während der Schwangerschaft erneut schwanger werden. Deshalb wurden sie zum Fruchtbarkeitssymbol. Dass man Kindern weismacht, die Ha­ sen legen Eier, hat marktwirtschaftliche Gründe. Weil Katholiken zur Fastenzeit keine Eier essen dürfen, hatten sich zu Ostern stets tonnenweise Eier angesammelt, die man den Kleinen als Geschenk andrehen konnte. Allerdings sind die Zeiten, in denen man Kinder mit ausgeblasenen und bunt angemalten Eiern abspeisen konnte, längst vorbei. Heutzutage müssen es Schokoladeneier sein, je grö­ ßer, desto besser. Die meisten sind Mogelpackungen. Die giganti­ schen Eier zu einem gigantischen Preis sind hohl. 16


Von Fruchtbarkeit will der Bischof von Oxford nichts wissen, und von der Verpackung auch nicht. Er hat andere Probleme mit Osterei­ ern: Keiner will die christlichen Eier, auf denen die Kreuzigungsge­ schichte und die Wiederauferstehung dargestellt sind. Der Bischof wittert eine Verschwörung, um „glaubwürdige Produkte mit einer Verbindung zum Christentum“ aus den Geschäften zu verbannen. Aber welches Kind will schon ein gekreuzigtes Ei? Sein Kollege, der Bischof von Middleton, glaubt jedoch nicht, dass Kinder Angst vor einem Jesus-Ei hätten. „Die großen Supermarktketten marginali­

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sieren das einzige Ei, das die christliche Gemeinde versorgt“, mo­ nierte er. „Von den 80 Millionen Eiern, die Ostern verkauft werden, sind fast alle säkular.“ Ist der Osterhase etwa Atheist? Beim Weih­ nachtsmann vermuten das die Bischöfe schon länger: Nur eine von 200 Weihnachtskarten hat ein christliches Motiv. Bei Tesco stapeln sich die weltlichen Schokoladenostereier bereits Wochen vor Ostern in den Regalen. Nur in der Filiale am Covent Garden gibt es keine Eier mehr, und auch sonst nichts: Der Laden wurde vom Gesundheitsamt dichtgemacht, weil er völlig verdreckt war und von Mäusen als Spielplatz genutzt wurde. Ein peinlich gro­ ßes Schild im Fenster des geschlossenen Geschäfts wies darauf hin, dass der Laden ein schwerwiegendes Gesundheitsrisiko darstelle. Vielleicht ist der Osterhase ja doch nicht blöd, sondern hat seine Eier kindersicher verpackt, damit die Mäuse nicht herankommen.

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Janosch

Das Liebesbrief-Ei Ein Huhn verspürte große Lust unter den Federn in der Brust, aus Liebe dem Freund, einem Hahn zu schreiben, er solle nicht länger in Düsseldorf bleiben. Er solle doch lieber hier - zu ihr eilen und mit ihr die einsame Stange teilen, auf der sie schlief. Das stand in dem Brief. Wir müssen noch sagen: Es fehlte ihr an gar nichts. Außer an Briefpapier. Da schrieb sie ganz einfach und deutlich mit Blei den Liebesbrief auf ein Hühnerei. Jetzt noch mit einer Marke bekleben und dann auf dem Postamt abgeben. Da knallte der Postmann den Stempel aufs Ei. Da war sie vorbei, die Liebelei.

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Ein amüsantes Buch rund ums Ei mit Geschichten, Gedichten und Rezepten. Von und mit:

Cornelia Becker Wilhelm Busch Peter Butschkow Tanja Dückers Wiebke Eden Heinz Erhard Florian Fischer Frederike Frei Maria Herrlich Bernd Hettlage Janosch Volker Kaminski Frank Klötgen Tanja Langer Eduard Mörike Nicki Pawlow Heidi von Plato Birgit Rabisch Etna Ruf Heinrich Seidel Julia Schroda Ralf Sotscheck

Eibuch  

Achter Verlag, Maria Herrlich, Geschichten, gedichte, Rezepte rund ums Ei

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