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Javier PĂŠrez

Das Karussell der Zeit


Javier Pérez, Barroco, 1997 Photography, 45 x 30 cm

Die Künste zusammenführen

Die Winterreitschule, seit 1970 Karl-Böhm-Saal genannt, stellt ein ganz besonderes Stück Salzburger Festspielgeschichte dar. 1662 unter Fürsterzbischof Guidobald Graf von Thun (1654–1668) erbaut, fanden dort prächtige Feste und Lustbarkeiten aller Art in der Zeit der Erzbischöfe statt.

Immer wieder schafft der Karl-Böhm-Saal eine spannende Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst, wie etwa im Vorjahr für Stephan Balkenhols riesige Skulptur sempre più. Das Publikum reagierte begeistert und ermunterte uns in dem Vorhaben, der bildenden Kunst weiterhin hohen Stellenwert einzuräumen. Und nun also Javier Pérez – der junge spanische Künstler, der beeindruckende Werke für den Palacio de Cristal schuf, im Guggenheim Museum in Bilbao ausstellte und in der prestigeträchtigen Glasstress-Ausstellung bei der Biennale in Venedig 2011 vertreten war. Wenn Javier Pérez jetzt im Karl-Böhm-Saal ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele kreiert, reagiert er damit zugleich auf Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten. Damit erfüllt sich für uns ein zweifacher Wunsch, nämlich der zeitgenössischen bildenden Kunst Raum zu bieten und darüber hinaus die unterschiedlichen Künste zusammenzuführen. Salzburg contem­ porary im besten Sinne.

Salzburger FestspielE 2012 Javier Pérez

Die Decke des Karl-Böhm-Saales wird von einem fast 600 Quadratmeter großen Fresko dominiert. Dieses, 1690 von dem bedeutenden Salzburger Hofmaler Michael Rottmayr und seinem Schüler Christoph Lederwasch geschaffen, zählt zu den größten seiner Art in Österreich. Auch auf der Empore finden sich Werke bildender Künstler. Seit Juli 2008 gibt Max Weilers riesiges Gemälde Wie eine Symphonie (1990), eine Hommage an Mozart, als Dauerleihgabe der Max Weiler Privatstiftung Wien dem Karl-Böhm-Saal zusätzliche künstlerische Kraft.

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Bringing Together the Arts

Salzburger FestspielE 2012 javier pérez

Javier Pérez, Foto: Luigi Caputo

„Mich interessiert die Idee von der Fragilität des Seins“, sagt Javier Pérez und führt uns mit seinem grazilen und zugleich gewichtigen Werk die Widersprüchlichkeit dieses Seins vor Augen. Wir zeigen eine Auswahl seiner Arbeiten auf der Empore des Karl-Böhm-Saales, im Foyer des Hauses für Mozart sowie des Großen Hauses.

Javier Pérez, geboren 1968 in Bilbao, lebt und arbeitet in Barcelona. Sein Werk ist von starker Symbolkraft durchdrungen und von intensivem metaphorischem Ausdruck geprägt. 2001 repräsentierte Javier Pérez Spanien bei der Biennale in Venedig, 2008 stellte er im Guggenheim Museum in Bilbao sein Werk Máscara de seducción aus, das für die Sammlung angekauft wurde.

Um ein solches Projekt zu verwirklichen, braucht es günstige Umstände und Entschlossenheit, in der heu­ tigen Zeit vor allem aber einen Mäzen. Diesen haben wir glücklicherweise in der Person von Prof. Reinhold Würth gefunden. Der erfolgreiche Unternehmer und passionierte Sammler moderner und zeitgenössischer Kunst fördert seit vielen Jahren Projekte im Bereich Kunst und Kultur, Forschung und Wissenschaft sowie Bildung und Erziehung. Wir danken ihm und seiner Frau Carmen für die spontane und großzügige Unterstützung, die die Realisierung dieses Kunstprojektes erst möglich machte. Helga Rabl-Stadler Präsidentin der Salzburger Festspiele

Javier Pérez was born in Bilbao in 1968. He lives and works in Barcelona. His work is permeated by a strong symbolism and accompanied by an intense use of metaphor. In 2001 he was invited to represent Spain at the Venice Biennale. In 2008 the Guggenheim Museum in Bilbao exhibited Pérez’s 1997 work, Máscara de seduc­ ción and bought it for its own collection.

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Die Realisierung des Projektes wurde durch das groß­ zügige Engagement von Prof. Reinhold Würth möglich. Javier Pérez wird vertreten durch Mario Mauroner Contemporary Art Salzburg & Vienna.

The ceiling of the Karl-Böhm-Saal is dominated by a fresco measuring almost 600 square meters. Created in 1690 by the renowned Salzburg court painter Michael Rottmayr and his student Christoph Lederwasch, it is among the largest of its kind in all of Austria. The gallery also displays works by visual artists. And since July 2008, Max Weiler’s enormous painting Wie eine Symphonie (Like a Symphony, 1990), in homage to Mozart, has leant the Karl-Böhm-Saal additional artistic power – the work is on permanent loan from the Max Weiler Private Foundation, Vienna. The Karl-Böhm-Saal has frequently acted as a fascinating exhibition space for contemporary art, for example for Stephan Balkenhol’s monumental sculpture sempre più, displayed last year. Audiences reacted with great enthusiasm, encouraging us in our efforts to continue giving the visual arts a prominent place in our program. Thus, this year it is the turn of Javier Pérez – the young Spanish artist who has created impressive works for Madrid’s Palacio de Cristal, has exhibited at the Guggenheim Museum in Bilbao and took part in the prestigious Glasstress exhibit at the Venice Biennial in 2011. By creating a commissioned instal­lation for the Salzburg Festival at the Karl-Böhm-Saal this summer,

Javier Pérez is also reflecting on and reacting to Bernd Alois Zimmermann’s opera Die Soldaten. This fulfils a two-fold wish we had: making space for contemporary visual art, and bringing various art forms together – Salzburg contemporary in the ideal sense. “I am interested in the idea of the fragility of existence,” Javier Pérez says, demonstrating the contradictions inherent in this existence with his delicate yet weighty œuvre. We will also show a selection of his works on the gallery of the Karl-Böhm-Saal and in the foyers of the Haus für Mozart and the Grosses Festspielhaus. Realizing such a project requires advantageous circumstances and dedication, but during times like ours, it requires a patron of the arts above all. We were fortunate to find such a patron in Prof. Reinhold Würth. For many years, this successful businessman and passionate collector of modern and contemporary art has supported projects in the fields of arts and culture, research and science as well as education. We are grateful to him and his wife Carmen for their spon­ taneous and generous support, which has allowed us to implement this artistic project. Helga Rabl-Stadler President of the Salzburg Festival

The realization of this project was made possible through the generous support of Prof. Reinhold Würth. Javier Pérez is represented by Mario Mauroner Contemporary Art Salzburg & Vienna.

Salzburger FestspielE 2012 Javier Pérez

The Winter Riding School, known as Karl-Böhm-Saal since 1970, represents a very special piece of Salzburg Festival history. Built in 1662 under the reign of the Lord Archbishop Guidobald Count of Thun (1654– 1668), during the time of the archbishops sumptuous festivities and all kinds of merrymaking took place there.

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Der Atem der Einsamkeit Zu Javier Pérez’ neuem Werk Das Karussell der Zeit

Sonores Zusammenspiel

Javier Pérez, El Carrusel del Tiempo (Das Karussell der Zeit), Entwurf, 2012

Die enge Beziehung der Salzburger Festspiele zu den bil­denden Künsten währt bereits so lange wie die Ge­schichte der Festspiele selbst. Das sonore Zusamm­en­ spiel ergab sich alleine schon durch die Einbeziehung großer Künstler als Bühnengestalter und Kostüm­ bildner, speziell seit den fünfziger Jahren des ver­gan­ genen Jahrhunderts, als etwa Oskar Kokoschka die Zauberflöte ausstattete – bis hin zu Jonathan Meeses grandioser Übertragung von Wolfgang Rihms opu­len­ tem Musiktheaterwerk Dionysos, das in farbenprächti­ gen Bildern zum 90-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele 2010 uraufgeführt wurde. Wie ein roter Faden zieht sich also die Beschäftigung der be­deutends­ten bildenden Künstler ihrer Zeit mit dem flüchtigen Salzburger Welttheater durch die Fest­spiel­ geschichte. Daneben schufen viele von ihnen bleibende Werke für die Festspielstätten selbst. Sie begegnen uns noch heute auf den Rundgängen durch die Festspielhäuser als sichtbare Zeugen der Einbeziehung aller Künste in das Gesamtkunstwerk Festspiele – die Masken und Genien, Mosaike und Reliefs, Gobelins und Fresken, Keramiken und Skulpturen und vieles mehr.

vorstellen, deren Arbeiten die dramaturgische Aus­ richtung kongenial begleiteten – und auch von den Salzburger Festspielen ausgewählt bzw. eingeladen wurden. Den Beginn machte der belgische Maler und Dramatiker Jan Fabre, der sowohl ein Stück für die Festspiele kreierte (Requiem für eine Metamorphose) ­ als auch als Bildgeber für das Jahressujet fungierte. Es folgten die junge deutsche Fotokünstlerin Stefanie Schneider mit ihren assoziationsreichen Polaroids, der koreanische Fotograf Bae Bien-U mit seinen medi­ tativen, großformatigen Aufnahmen von Kiefern­ wäldern sowie Stephan Balkenhol mit seinen rätselhaf­ ten Reliefs. – Sie alle prägten mit ihren Werken auch jeweils das Erscheinungsbild der Festspiele für je eine Saison grundlegend mit und zeigten während der Fest­ spiel­zeit ausgewählte Werke in den Festspielhäusern bzw. in Kooperation mit Salzburger Galerien. Fanden diese Werkpräsentationen anfangs noch im kleinen Rahmen und vergleichsweise bescheiden statt, geriet die Auseinandersetzung Stephan Balkenhols mit den Figuren und Charakteren der Bühnen-Protagonis­ ten im Vorjahr zu einer üppigen Bespielung des Hauses für Mozart und fand in der Aufstellung der monumentalen Plastik sempre più im Karl-Böhm-Saal einen vorläufigen Höhepunkt.

In der jüngsten Vergangenheit wurde die Bemühung um die bildende Kunst noch um eine Facette reicher. Seit 2007 finden regelmäßig Ausstellungen in engem Bezug zum Programm der Festspiele statt, die Künstler

In diesem Jahr wird das Beziehungsgeflecht noch einmal verdichtet: Die Salzburger Festspiele luden den spanischen Künstler Javier Pérez ein, eine Installation in Auseinandersetzung mit Bernd Alois Zimmermanns

Salzburger FestspielE 2012 Javier Pérez

Javier Pérez, 1968 in Bilbao geboren, gilt als einer der bedeutendsten spanischen Künstler der Gegenwart. Mit seiner Arbeit Das Karussell der Zeit folgt er der Einladung der Salzburger Festspiele, in einen künstlerischen Dialog mit Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten zu treten, die in der Saison 2012 in der Felsenreitschule inszeniert wird (Ingo Metzmacher, Musikalische Leitung • Alvis Hermanis, Regie und Bühne).

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Nach ausführlichen Gesprächen mit dem Galeristen Mario Mauroner und der Umkreisung des philo­so­ phisch-musikalischen Kosmos Bernd Alois Zimmer­ manns, stand bald fest, dass Javier Pérez jener Künstler sein könnte, der es verstünde, sich auf einen solch diffizilen Dialog einzulassen. – Und Javier Pérez sagte zu. Doch nicht nur in der Auswahl des Künstlers war uns Erfolg beschieden. Es sollte sich die Komplexität der aufwändigen Konstruktion des zu schaffenden Werkes als Glücksfall erweisen, die es ermöglichte, die Reali­sierung der Installation von der Idee weg begleiten bzw. beobachten zu dürfen.

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und seiner poetischen Äußerung. Mann und Frau. Stillstand versus Bewegung. Und die Fragilität des Mobiles, der sanft wirbelnden Objekte in der Erstarrung des alles übertrumpfenden Prunk- und Repräsentationssaales. Mechanisches Ballett

Rosenkranz und Pferdehaar

Einsamer Tanz

An einem eisig kalten Wintertag besuchte Javier Pérez erstmals die Festspielhäuser. Begleitet von den Kolle­gen aus der Technik und von der Gebäudeverwaltung durch­schritten wir mit ihm die leeren Gänge und kalten Fluchten, die großzügigen Foyers und aus­ ladenden Vestibüle. Fast wie erschlagen wirkte Pérez von den Ausmaßen des Karl-Böhm-Saales – und ganz leise schlich sich die Sorge ein, dass dieser Meister der Filigranität, der Virtuose fragiler Techniken vor dem gewaltigen Raum mit dem alles beherrschenden Fresko aus der Rottmayr-Schule kapituliere. Dabei war es das intensive Ausloten der Dimensionen, das SichVerspinnen in erste Ideen, das Atmen des Raumes, das sich in seiner Zurückhaltung spiegelte.

17 Paare finden sich zu einem monotonen, sich aber­ mals und abermals wiederholenden Tanz der Einsam­ keit – symbolisiert anhand von 34 Paar Schuhen, also 68 fragilen, getragenen, zum Teil ausgetretenen Alltags­ objekten, die von der Decke des Karl-Böhm-Saales an roten Leinen bis zum fingierten Tanzparkett am Boden des Saales zunächst einmal baumeln. Angeordnet sind sie nach einer strengen Symmetrie, einem Mandala gleich, in großen und kleinen Kreisen, die ineinander­ fließen – und die in ihrer Ordnung doch zugleich ein Chaos an Schnüren und Schuhen und Paaren und Figuren zeigen. Dann – wie von Zauberhand – bewegt sie auf drei Rotationsebenen ein ausgeklügelter Mechanismus an der Decke, verborgen hinter einer AluminiumKons­truktion, die neben den Schnüren auch den Be­wegungs­modus, nämlich 21 winzige Motoren, verbirgt. Im Zentrum schließlich ein Grammophon – denn was wäre ein Tanz ohne Musik? Doch ist es wirklich Tanz-Musik? Zitate aus allen Genres finden sich da – Har­monie in der Disharmonie – ein großer bunter Klang­teppich – Alles und Nichts.

Nur wenige Wochen später trafen wir in Wien an­­ lässlich einer Ausstellungseröffnung von Javier Pérez wieder zusammen. In der Galerie herrschte rege Be­­ triebsamkeit vor der Vernissage. Noch standen viele Objekte in großen Kartons verpackt. Ein tanzendes Skelett wurde an der Decke montiert, ein überdimen­ sionierter Rosenkranz am Boden drapiert. Schwere bronzene Schuhe setzten sich bleiern auf dünnwandige Kugeln aus Glas. Und dennoch atmete alles Zierlich­ keit, Zerbrechlichkeit, sanften Zauber. An den Wänden zarte Striche, feines Pferdehaar, geknüpft zu einzig­arti­ gen Gebilden. Und überall Glas, Scherben, glitzernde Spitzen. Raben, kunstvoll ausgestopft und noch vollen­ deter arrangiert in leuchtendem Rot; immer wieder Transparenz – und dann wieder Rot und Schwarz. Inmitten all der Geschäftigkeit erschien es fast obszön, bereits über ein neues Projekt zu sprechen. Doch wieder einmal trog der Schein. Die Ideen waren bereits sorgfältig zu Papier gebracht, erste Skizzen lagen am Tisch, und Javier Pérez erläuterte seine feingliedrige Installation, sein Karussell der Zeit, das er für den Karl-Böhm-Saal ersonnen hatte.

Fortwährend finden sich die tanzenden Schuh-Paare an ihrem ursprünglichen Ausgangspunkt wieder; erneut machen sie sich auf den Weg und kehren doch bloß zurück; unwiederbringlich verrinnt die Zeit und scheint doch still zu stehen in ihrem ewig gleichen Ablauf. In einer mathematisch spitzfindigen und komplizierten zeitlichen Anordnung und in insgesamt 21 unterschied­ lichen Geschwindigkeiten programmiert, beginnen die Paare sich nacheinander zu bewegen, bis sie sich schließ­lich alle in eine undurchschaubare, beinahe disharmonische Choreografie eingefunden haben. Unordnung in der mathematischen Ordnung. Dis­har­ monie in der vordergründigen Harmonie des Tanzes

Doch worin spiegelt sich nun die Auseinandersetzung mit Bernd Alois Zimmermanns Werk? Inwieweit kommt es zu einem Dialog zwischen serieller Kom­ position und mechanischer Installation? Von einem „imaginären Ballett“ sprach Bernd Alois Zimmermann im Zusammenhang mit seinem Tonsatz, von einer „abstrakten Zusammenhangsbildung, die auf seriellen Prinzipien beruhte“ (Klaus Ebbeke): „der musikalische ,Sinn‘ teilt sich nicht mehr im Hören mit, sondern wird einer gleichsam äußerlichen Instanz überantwortet“. „Wie beim Exerzieren tritt ein allein durch Symmetrien strukturierter Tonsatz ,auf der Stelle‘“ – „Das geht alles mechanisch, alles mechanisch“, ruft Hauptmann Pirzel in Zimmermanns Oper Die Soldaten. – Und in der Wuchtigkeit des Gesamtgestus der Komposition findet sich doch auch jene Klein­ teiligkeit, die die serielle Kompositionstechnik allgemein ausmacht. Es sind die Gegensätze, die Widersprüche, die Javier Pérez in seiner künstlerischen Reflexion interessieren – und die er spontan auch in der Annäherung an das Zimmermann’sche Werk assoziiert. Unvoreinge­ nommen, fast unbeeindruckt von der philosophischen Dimension, mit der der Komponist sein Werk stets ausdeutete. Pérez’ Arbeiten bringen „die Brüchigkeit und Vergäng­ lichkeit von scheinbar fundamental geglaubten Zustän­ den unseres Lebens zum Ausdruck“, reflektieren die Identität des Seins und die Spannung von grund­sätzlich unvereinbaren Gegensätzen. – Ist damit nicht auch das Schicksal all der Maries beschrieben? – Und so kommt Javier Pérez einem Grundgestus des musikalischen Werkes von Bernd Alois Zimmermann in der ihm eigenen künstlerischen Sprache nahe wie kaum eine Deutung. Margarethe Lasinger

Salzburger FestspielE 2012 Javier Pérez

Salzburger FestspielE 2012 javier pérez

Die Soldaten zu schaffen – abseits des Bühnen­ge­ schehens und als eigenständiges, autonomes Werk. Dabei war die Initialzündung dazu ursprünglich eine gänzlich andere Überlegung. Bettina Zimmermann, die Tochter des Komponisten Bernd Alois Zimmermann, wandte sich mit dem Ansinnen an die Salzburger Festspiele, eine begleitende Ausstellung zur Opern­ produktion zu realisieren. Bald stand allerdings fest: eine halbherzige und wenig fundierte Präsentation, eine Aneinanderreihung von autographen Skizzen, Fotos und Aufführungsplakaten würde der viel­schich­ tigen Persönlichkeit und dem diffizilen Werk des Kom­ ponisten niemals gerecht werden. Eine umfangreiche, wissenschaftlich korrekte Zimmermann-Ausstellung war aber aufgrund der knappen zeitlichen Disposition und der dafür notwendigen aufwändigen Archiv­ recher­chen sowie bedingt durch die räumliche Be­­ schränkt­heit während der Saison einfach nicht zu realisieren. Doch der Wunsch, diesem oftmals als „Jahrhundert­ werk“ apostrophierten Œuvre zu seiner Geltung zu verhelfen bzw. diese zu unterstreichen, hatte sich fest­ gesetzt und ließ uns nicht mehr los. Und schließlich bestand zudem das Anliegen, auch weiterhin der bil­ denden Kunst jenen Platz einzuräumen, den sie auch schon in der Vergangenheit inne gehabt hatte. Woraus sich der Gedanke entspann, einen gegenwärtigen Künst­­­­ler mit dem Opus Magnum eines der bedeu­tendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zu kon­fron­tieren und der Idee der Zeitgenossenschaft – Salzburg contemporary – eine weitere Bedeutungsebene hinzu­ zufügen.

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vorhergehende Seite: Javier Pérez, Carroña, 2011 Brown glass, preserved ravens, 200 x 150 x 150 cm Courtesy of Berengo Studio, Venice Projects (wird in der Galerie Mario Mauroner Contemporary Art in der Alten Residenz gezeigt)

On Javier Pérez’ new work The Carousel of Time Javier Pérez, born in Bilbao in 1968, is considered one of the most important Spanish con­ temporary artists. With his work The Carousel of Time, he accepted the invitation from the Salzburg Festival to enter into an artistic dialogue with Bernd Alois Zimmermann’s opera Die Soldaten, which is being produced at the Felsenreitschule for the 2012 season (Ingo Metzmacher, Music Director • Alvis Hermanis, Stage Director and Set Designer).

Salzburger FestspielE 2012 javier pérez

Sonorous Interaction The close relationship of the Salzburg Festival with the visual arts goes back as far as the history of the Festival itself. This sonorous interaction resulted from the integration of great artists as set and costume designers, especially since the 1950s, when Oskar Kokoschka, for example, designed sets and costumes for Die Zauber­ flöte – all the way to Jonathan Meese’s grandiose visualization of Wolfgang Rihm’s opulent musical theater work Dionysos, which had its world premiere in 2010, on the occasion of the 90-year anniversary of the Salzburg Festival. Like a red thread, the interaction of the most important visual artists of their times with the fleeting “world-theater” in Salzburg runs through the Festival’s history. Furthermore, many of them created lasting works for the Festival’s performance venues. We continue to encounter them today when touring the Festspielhäuser, as visible proof of the integration of all the arts into the Festival’s Gesamtkunstwerk, or “total work of art” – masks and genii, mosaics and reliefs, tapestries and frescoes, ceramics and sculptures, and many more.

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During the most recent past, another facet was added to the attempts to integrate the visual arts. Since 2007 exhibits with a close relation to the Festival’s program have taken place regularly, introducing artists whose works complement the dramaturgical program and add their own ingenious note – always at the invitation of the Salzburg Festival. The first of these was the Belgian painter and playwright Jan Fabre, who not only created a piece for the Festival (Requiem für eine Metamor­ phose) but also provided the leitmotif image for the season. He was followed by the young German photoartist Stefanie Schneider with her Polaroids, rich in associations, the Korean photographer Bae Bien-U with his meditative, large-scale images of pine forests, and Stephan Balkenhol with his mysterious reliefs. – They all had a profound influence on the visual image of the Festival for one season, showing selected works at the Festspielhäuser and at Salzburg galleries during the summer season. While these presentations of works took place on a smaller scale and were relatively modest in the beginning, Stephan Balkenhol’s examination of the figures and characters on stage last year resulted in an opulent

This year, the web of interrelations becomes denser yet again: the Festival invited the Spanish artist Javier Pérez to create an installation with reference to Bernd Alois Zimmermann’s Die Soldaten – far from the action on stage and as its own, autonomous work. Actually, the initial idea had been rather different. Bettina Zimmermann, daughter of the composer Bernd Alois Zimmermann, had contacted the Salzburg Festival with the suggestion of an exhibit that was to accompany the opera production. Soon, however, it became obvious that a half-hearted and superficial presentation, a series of autographs and sketches, photographs and posters advertising performances would be insufficient to reflect the multi-layered personality and the challenging œuvre of this composer. However, a voluminous and scientifically correct Zimmermann exhibit could not be realized in the short time available, since the necessary archive research could not be completed in time, and also because the available space during the Festival season was insufficient. Still, the wish to help give this œuvre, often singled out as an “œuvre of the century”, the prominence it deserves had remained with us, and never let us go. After all, it was also our goal to continue to give the visual arts the place they had occupied in the past at the Festival. Thus, the idea was born to confront a contemporary artist with the opus magnum of one of the most important composers of the 20th century, adding another layer of meaning to the idea of contemporariness – epitomized by the name of the current series Salzburg contemporary. After extensive conversations with the gallery owner Mario Mauroner and a process of tracing the philosophical and musical cosmos of Bernd Alois Zimmermann, it was soon clear that Javier Pérez might be the artist able to engage in such a difficult dialogue. – And Javier Pérez agreed. Not only was the selection of the artist successful: the complexity of the elaborate

construction of the work to be created turned out to be a stroke of luck, enabling us to accompany and observe the realization of the installation from the idea to its final implementation. Rosaries and Horsehair On a freezing winter’s day, Javier Pérez visited the Fest­spielhäuser for the first time. Accompanied by our colleagues from the technical departments and the building administration, we walked through empty hallways and cold flights of rooms, through generous foyers and grand vestibules. Pérez seemed almost overwhelmed by the dimensions of the Karl-Böhm-Saal – very quietly, we began to worry that this master of filigree delicacy, this virtuoso of fragile technique might capitulate in the face of this enormous space with the all-domineering fresco of the Rottmayr school. In fact, however, his reticence reflected an intense fathoming of the dimensions, a cocooning within his first ideas, breathing with the space. Only a few weeks later, we met again with Javier Pérez in Vienna, at the opening of an exhibit. The gallery was bustling in preparation for the vernissage. Many objects were still packed in large crates. A dancing skeleton was being mounted on the ceiling, an oversized rosary draped on the floor. Heavy bronze shoes were placed, leaden, on top of balls made of thin glass. And yet, everything was imbued with delicacy, fragility, a gentle sense of enchantment. The walls exhibited delicate lines; thin horsehair was woven into unique shapes. Glass, shards, glittering spikes were everywhere. Crows were artfully stuffed and perfectly arranged in brilliant reds; transparency everywhere – and then again, red and black. In the midst of all this activity it seemed almost obscene to discuss a new project already. Yet, once again, appearances were deceptive. The ideas had been carefully written out, preliminary sketches were on the table, and Javier Pérez explained his delicate installation, his Carousel of Time, which he intended to create for the Karl-Böhm-Saal.

Salzburger FestspielE 2012 Javier Pérez

The Breath of Loneliness

spread at the Haus für Mozart, the highlight being the erection of the monumental sculpture sempre più at the Karl-Böhm-Saal.

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Salzburger FestspielE 2012 javier pérez

Javier Pérez, Capilares III, 2009 Black horse hair, 100 x 500 x 50 cm Mario Mauroner Contemporary Art Salzburg & Vienna

Lonely Dance

A Mechanical Ballet

17 couples find themselves in a monotonous dance of loneliness that is repeated over and over – and is symbolized by 34 pairs of shoes, in other words by 68 used, partially worn-out objects of everyday life, which start out dangling from red linen strings attached to the ceiling of the Karl-Böhm-Saal, just above the fictitious dance floor. They are arranged in strict symmetry, like a mandala, in large and small circles that blend into each other – and whose order still shows a jumble of strings and shoes and couples and figures. Then – as if by magic – an intricate mechanism begins to move on the ceiling, in three levels of rotation, hidden by an aluminum structure which conceals not only the strings and the source of movement – 21 tiny motors. At the center stands a gramophone – after all, what would a dance be without music? But is it really dance music? The soundtrack quotes all kinds of genres – harmony within disharmony – one great colorful carpet of sound – everything and nothing.

Yet where, in all of this, one might ask, is Bernd Alois Zimmermann’s œuvre reflected? What constitutes the dialogue between serial composition and mechanical installation? Bernd Alois Zimmermann used to refer to an “imaginary ballet” when he discussed composition, an “ab­­ stract formation of context based on serial principles” (Klaus Ebbeke): “musical ‘meaning’ is no longer conveyed by listening, but is given over to an authority that is quasi external”. “As if in a military exercise, a composition that is structured only by symmetries marches ‘on the spot’” – “All of that works mechanically, it’s all mechanical,” as Captain Pirzel cries in Zimmermann’s opera. – However, within the massive overall gesture of the composition, one still finds that minute detail that characterizes serial compositions in general.

The dancing pairs of shoes constantly find each other back at their point of departure; again, they start out, only to return once more; time passes inextricably, and yet seems to stand still in its passing, ever the same. In a mathematically clever and complicated chronological order, and programmed at 21 different speeds, the pairs start moving one after the other, until they have all joined an inscrutable, almost disharmonic choreography. There is disorder within this mathematical order. Disharmony in the apparent harmony of dance and its poetic expression. Man and woman. Stagnation versus movement. And the fragility of the mobile, the gently whirling objects within the torpor of the sumptuous representational hall which drowns out everything else.

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Time and again, it is the contrasts, the contradictions that interest Javier Pérez in his artistic reflection – and which he also associated spontaneously when approaching Zimmermann’s work: impartially, almost unimpressed by the philosophical dimension with which the composer invariably interpreted his own work. Pérez’ works “express the fragmentary and transient nature of circumstances of our lives that we believed to be fundamental,” they reflect the identity of being and the tension between basically irreconcilable contrasts. – Does that not­describe the fate of all the Maries? – And thus, Pérez comes closer than almost any other interpretation to the fundamental gesture of Zimmermann’s musical work, using his own artistic language. Margarethe Lasinger Translated by Alexa Nieschlag


Javier PĂŠrez, El Carrusel del Tiempo, 2012 Installation with 34 pairs of shoes, gramophone, musical mechanism and a mechanical construction, 550 x 550 x 1100 cm


Javier PĂŠrez, El Espacio que nos separa, 2012 Blown glass, bronce Spheres 50/60 cm each


Javier Pérez im Gespräch mit Gudrun Weinzierl

Herr Pérez, Ihr Werk schafft beim Betrachter den Ein­ druck, sehr Persönliches zu sehen, so als wollten Sie die anderen an Ihren persönlichen Geschichten, an Ihrer privaten Mythologie teilhaben lassen, sie ebenfalls ent­ decken lassen, was Sie erlebt, gesehen, gehört, geträumt haben? Mein Werk stellt die Ausdehnung meines eigenen Lebens dar und daher eine Spiegelung meiner Er­­ fahrungen, aber auch meiner Gedanken und Über­ legungen. Diese können sich um verschiedene Dinge drehen, aber immer spiegeln sich in meinem Werk meine Unruhe, meine Besessenheit und natürlich meine Sicht der Welt wider.

Salzburger FestspielE 2012 javier pérez

Ihre Arbeiten sind von starker Symbolkraft. Wo verorten Sie die Wurzeln Ihrer Bildsprache – in der Literatur, in der Kunst, in der spanischen Geschichte, vielleicht auch in der Philosophie? In meiner Vorstellung existiert die Kraft einer unabwendbaren Erbschaft, die ich anerkenne, auf die ich aber nur sehr selten bewusst zurückgreife, um ein Werk zu schaffen. Ich meine, dass in der Bildung der Gedanken einer Person die Unendlichkeit der Elemente Einfluss nimmt. Ich vermute, dass in meinem Fall meine katholische Erziehung sowie das Aufwachsen in einer Zeit, in der sich Spanien gerade erst von einer langen Periode der Diktatur erholte, bezeichnend für mein heutiges Schaffen sind und diese Einflüsse die Eck­ pfeiler meiner Art, die Welt zu betrachten, bilden. Neben Lebenserfahrungen und Begegnungen, die mein Leben geprägt haben, waren selbstverständlich auch die Lektüre bestimmter Autoren sowie die Werke gewisser Künstler entscheidend. Ich glaube, dass in jedem Werk eine Genealogie existiert, die Vergangenheit und Zukunft miteinander in Verbindung setzt.

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Andererseits sind Sie sehr an der Natur interessiert, an Pflanzen, Tieren – am Menschen selbst. Es geht um Materie: jenen Stoff, aus dem etwas entsteht oder besteht; Stoff, der wieder vergeht, sich verändert, ver­ wandelt. So gibt es in Ihrem Schaffen Elemente, die beispielsweise die Transformation einer Pflanze oder eines Baumes in einen Arm, ein Bein, einen Brustkorb, einen Kopf darstellen … Ich bin an jeder Form von Leben interessiert und daran, wie sich die Lebenszyklen kontinuierlich weiterentwickeln. Ich sehe in der Veränderung eine Spiegelung des Laufs der Zeit. Mich interessieren die Geflechte und Zweideutigkeit, die gewisse Formen aufweisen. Es existiert eine Vertrautheit zwischen dem Tierischen und dem Pflanzlichen, beide unterliegen demselben unerbittlichen Gesetz: dass sie nur in einem Stadium der ewigen Transformation existieren. Eines Ihrer Themen ist die Vergänglichkeit des Lebens, der Glaube an die zyklische Natur allen Seins. Zum einen die Unbeständigkeit des Körperlichen, aber auch des Zeitlichen. Werktitel und Begriffe, die Sie gebrau­ chen – wie beispielsweise Mutaciones –, weisen den Betrachter gedanklich klar in eine Richtung. Mit Serien von Skulpturen wie Mutaciones, Híbridos oder Trans(formaciones) sowie der Werkreihe von Zeichnungen Metamorfosis behandle ich die sich verändernde Komplexität der Lebensformen. Es handelt sich dabei um Werke, bei denen es scheint, als würde alles einem Stadium der kontinuierlichen Transformation, Kreuzung oder Metamorphose unterworfen sein. Mutaciones ist eine Serie von Werken, die „evolutionierende“ und wachsende Formen vorstellen. Obwohl sie alle verschieden sind, nimmt jede einzelne ein Element der vorhergehenden auf, um so die verschie­

Konkret zu Ihrer Arbeit für die Salzburger Festspiele im Karl-Böhm-Saal, El Carrusel del Tiempo: Wann haben Sie diese Installation konzipiert, wie lange dauerte die Umsetzung? Der Auftrag kam im Jänner 2012 zustande, das heißt der komplette Prozess hat gerade einmal fünf Monate gedauert. Eine Periode, die auf Grund der Komplexität des Projektes nicht gerade üppig bemessen ist.

emotionaler Eingriff. Das mechanische Ballett scheint uns zu zeigen, dass hier irgendetwas Verbotenes passiert – von einer Ordnung zur Unordnung, von der Harmonie zur Disharmonie hin. Als ich den Karl-Böhm-Saal das erste Mal sah, fand ich ihn leer und kalt, mit einer bedrohlichen Präsenz des Steins am Ende des Saales. Er erschien mir als ein eher wenig gemütlicher Ort. Ich glaube, dass dieser erste Eindruck, der mich übermannte, ein guter Ausgangspunkt für die Konzeption einer Installation war, in der meines Erachtens die Leere, das Verlassen-Sein und ein gewisser trügerischer Hauch die Hauptrollen spielen. Als die Idee zum ersten Mal im Raum stand, fand ich es erstaunlich zu hören, dass dieser Saal früher auch ein Ballsaal war. In diesem Werk stehen Schuhe als Stellvertreter für Menschen. Das Leben wird in seiner Fragilität wahr­ nehmbar, genauso flüchtig wie die Zeit.

Kannten Sie davor den Komponisten Bernd Alois Zim­ mermann, seine Oper Die Soldaten, oder hatten Sie sich bereits mit Jakob Michael Reinhold Lenz auseinander­ gesetzt, der vor rund 200 Jahren das gleichnamige Stück schrieb?

Die Installation präsentiert sich wie ein Ballsaal, in dem die Personen bereits verschwunden sind, aber ihre Schuhe tanzen weiter – sie sind dazu verurteilt, sich mit ihrem Partner endlos weiter zu drehen. Eine Kontinuität bis ins Unendliche.

Ich kannte den Komponisten Bernd Alois Zimmermann nur schemenhaft, aber nachdem ich zu diesem Projekt eingeladen wurde, habe ich mich vertiefend mit dessen Werk und Gedanken beschäftigt. Das Projekt wurde mir vorgeschlagen, weil eine gewisse Parallelität zwischen den Gedanken des Komponisten und meiner eigenen Tätigkeit existiert. Und ich habe mich von Anfang an sehr wohl dabei gefühlt. El Carrusel del Tiempo greift auf diverse Aspekte zurück, die schon in meinen früheren Werken vor­ kamen. Ich wollte jedoch kein Werk schaffen, das die Oper oder die Gedanken von Zimmermann illustriert. Vielmehr dachte ich, es wäre interessanter zu sehen, ob sich mein Beitrag in totaler Freiheit entwickeln und der Zusammenfluss natürlich erscheinen könne – und damit eine gewisse Genealogie von gemeinsamen Ge­­ danken möglich würde.

Eine andere Arbeit trägt den Titel Máscara de seducción (Die Maske der Verführung). Sind auch die tanzenden Schuhe ein Symbol der Verführung. Die sich bewegen­ den Schuhe lassen den Zuschauer gewissermaßen hypno­ tisiert zurück?

Mit dem künstlerischen Mittel der Installation verän­ dern Sie den Raum des Karl-Böhm-Saals. Es erfolgen sowohl ein realer architektonischer wie auch ein subtiler

Auf jeden Fall. Die drei Stufen der Drehung, gedämpft in beiden Richtungen, provozieren eine organische Be­­wegung, die hypnotisch wirkt. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass die sich wiederholenden, drehenden Bewegungen üblicherweise Praktiken verschiedener religiöser Traditionen und Mysterien Asiens sind, die ein bestimmtes Stadium der Meditation, der Besinnlichkeit und des inneren Rückzugs zum Ziel haben. Diese Praktiken, die das samādhi [Sanskrit: Versenkung, Sammlung] zu erlangen versuchen – wie die Konzentration beim man. dala oder die Wieder­ . holung bei einem mantra –, provozieren hypnotische Effekte. Im Juli 2012

Salzburger FestspielE 2012 Javier Pérez

Metaphern der Zeit

denen Phasen eines Prozesses der Mutation aufzu­ zeigen. Alle diese Werke evozieren zugleich die Empfindung von Vertrautheit und Fremdheit. Animalische, pflanzliche oder mineralische Formen präsentieren sich in komplexen Kombinationen und Assoziationen und kreieren somit ein Universum von hybriden Formen. Auf der einen Seite scheinen sie einem bestimmten Naturgesetz unterworfen zu sein, das sie plausibel er­­ scheinen lässt, trotzdem sind sie aber gleichzeitig auch unmögliche Rekonstruktionen und komplett künstlich.

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Metaphors of Time Javier Pérez in conversation with Gudrun Weinzierl

My work represents the extent of my own life, and thus it reflects my experiences, but also my thoughts and ideas. These are about various things, but my work always reflects my restlessness, my obsession and of course my view of the world.

Salzburger FestspielE 2012 javier pérez

Your works are marked by intense symbolism. Where are the roots of your visual idiom – in literature, in the visual arts, in Spanish history, perhaps also in philosophy? In my imagination, there is the power of an inescapable inheritance which I accept, but to which I only rarely turn to in order to create a work. I think that the infinity of the elements influences the formation of a person’s thoughts. I suspect that in my case, my Catholic upbringing during a time when Spain was only just recovering from a long period of dictatorship is signi­ ficant for my work today, and that it influences the cornerstones of my manner of viewing the world. Apart from experiences and encounters which have shaped my life, of course there were also certain authors and the works of certain artists that were de­­ cisive. I think that every work has a genealogy which connects the past with the future. On the other hand, you are very interested in nature, in plants and animals – in human beings themselves. It is all about material: matter from which something is shaped or which it consists of; matter which disappears again, changing, transforming. Thus, there are elements in your work, for example, which represent the trans­

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formation of a plant or a tree into an arm, a leg, a chest, a head… I am interested in any form of life and in the continuous development of life cycles. In change, I see a reflection of the passing of time. I am interested in the interconnection and ambiguities of certain forms. There is an intimacy between animal and plant nature; both are subject to the same implacable law: they exist only in a state of eternal transformation. One of your motifs is the transience of life, the faith in the cyclical nature of all being. On the one hand, the volatility of physical existence, but on the other, also of temporality. Work titles and terms you use – for exam­ ple Mutaciones – clearly point the viewer in a certain direction. With series of sculptures like Mutaciones, Híbridos or Trans(formaciones) as well as the series of drawings Metamorfosis, I explore the changing complexity of forms of life. These are works that seem as if everything is subject to a state of continuous transformation, cross-breeding or metamorphosis. Mutaciones is a series of works that introduce evolving and growing shapes. Although they are all different, each of them takes up an element of the previous one, in order to demonstrate the various phases of a process of mutation. All these works also evoke a feeling of intimacy and strangeness. Animal, vegetable and mineral shapes present themselves in complex combinations and associations, thus creating a universe of hybrid forms. On the one hand, they seem to be subject to a certain law of nature which makes them appear verisimilar, but on the other hand they are impossible reconstructions and thoroughly artificial at the same time.

Regarding your work for the Salzburg Festival, El Carrusel del Tiempo: when did you conceive this installa­ tion, and how long did it take to implement? I received the commission in January 2012, which means that the complete process lasted only five months. A period which is not exactly ample, given the complexity of the project. Were you previously familiar with the composer Bernd Alois Zimmermann, with his opera Die Soldaten, or had you ever studied the works of Jakob Michael Rein­ hold Lenz, who wrote the play of the same title about 200 years ago? I only knew about the composer Bernd Alois Zimmermann vaguely, but after I was invited to this project, I studied his work and thoughts intensively. The project was suggested to me because there is a certain parallelism between the composer’s thoughts and my own work. From the beginning, I felt very comfortable with this. El Carrusel del Tiempo draws on various aspects already featured in my earlier works. However, I didn’t want to create a work which illustrated the opera or Zimmermann’s thoughts. Instead, I thought it would be more interesting to see whether my contribution could develop in total freedom, and whether their confluence could appear natural – thus enabling a certain genealogy of shared thoughts. Through the artistic means of the installation you change the space that is the Karl-Böhm-Saal. There is both a real, architectural intervention and a subtle, emotional one. The mechanical ballet seems to show us that something forbidden is taking place here – a progression from order to disorder, from harmony to disharmony.

The first time I saw the Karl-Böhm-Saal, I found it empty and cold, with the stone’s threatening presence at the end of the hall. It seemed to me a rather uninviting place. I think that this first impression that overwhelmed me was a good starting point for the concept of the installation; in my opinion, emptiness, abandonment and a certain deceptive whiff play the main roles in it. When the idea was first discussed, I was amazed that this hall was formerly also used as a ballroom. In this work, shoes represent human beings. Life becomes discernible in its fragility, as transient as time. The installation presents itself like a ballroom in which the persons have already vanished, but their shoes keep on dancing – they are condemned to turn endlessly with their partner. A continuity stretching into infinity. Another work of yours is entitled Máscara de seducción (The Mask of Seduction). Are the dancing shoes also a symbol of seduction? Do the moving shoes leave the viewer hypnotized? Absolutely. The three levels of rotation, cushioned in both directions, provoke an organic movement that seems hypnotic. We should not ignore that repetitive turning movements are practiced by various religious traditions and Asian mysticism, aiming for a certain state of meditation, of mindfulness and inner withdrawal. These practices, which try to attain samādhi [Sanskrit for immersion, concentration] – for example the concentration in man. dala or the repetition of a . mantra – provoke hypnotic effects. July 2012 Translated by Alexa Nieschlag

Salzburger FestspielE 2012 Javier Pérez

Mr. Pérez, your œuvre gives the viewer the impression of witnessing something very personal, as if you wanted to let others participate in your personal stories, your pri­ vate mythology, to let them discover the same things you have experienced, seen, heard and dreamed?

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Javier P茅rez Transfiguraci贸n I 2011 Drawing, watercolor, charcoral and pastel on paper 140 x 280 cm


Javier P茅rez Transfiguraci贸n II 2011 Drawing, watercolor, charcoral and pastel on paper 280 x 140 cm

Javier P茅rez Transfiguraci贸n III 2011 Drawing, watercolor, charcoral and pastel on paper 280 x 140 cm


Javier Pテゥrez Lineas de Vida I窶天 2012 Watercolor on paper 76 x 56 cm each


Javier PĂŠrez Escritura neuronal I 2007 Watercolor on paper 192 x 94,5 cm

Javier PĂŠrez Escritura neuronal II 2007 Watercolor on paper 192 x 94,5 cm


Javier Pテゥrez Cabeza Raテュz I窶天 2011 Watercolor, pastel and ink on paper 76 x 56 cm


Javier PĂŠrez Trans(formaciones) II 2010 Bronze, polyester resin, parchment 194 x 140 x 110 cm (wird in der Ausstellung Einmal Unterwelt und zurĂźck in der Residenzgalerie Salzburg gezeigt)


Javier PĂŠrez Rosario (Memento mori) 2009 Bronze, 59 human-sized skulls variable dimensions


Impressum Medieninhaber Salzburger Festspielfonds Direktorium Helga Rabl-Stadler, Präsidentin Alexander Pereira, Intendant Redaktion und Gestaltung Margarethe Lasinger Litho Media Design: Rizner.at, Salzburg Druck Druckerei Laber, Oberndorf bei Salzburg

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der Übersetzung vorbehalten. Kein Teil der Publikation darf in irgend­einer Form reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, ver­arbeitet oder verbreitet werden. Bei Nachweis berechtigter Ansprüche werden diese von den Salzburger Festspielen abgegolten. Cover Javier Pérez, El Carrusel del Tiempo, 2012 Installation with 34 pairs of shoes, gramophone, musical mechanism and a mechanical construction, 550 x 550 x 1100 cm Das Fotos auf der Ausklapperseite sowie das Foto auf Seite 18/19 stammen ebenfalls von Luigi Caputo © sämtlicher Werke Javier Pérez, courtesy of MAM Mario Mauroner Contemporary Art Salzburg & Vienna.

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Die Publikation ist gesetzt in Minion und gedruckt auf Phönix Motion, 135g bzw. 250g.

Redaktionsschluss 20. Juli 2012 Änderungen vorbehalten

Salzburger Festspiele Postfach 140 · 5010 Salzburg · Austria · Tel: +43-662-8045-500 · Fax: +43-662-8045-555 info@salzburgfestival.at · www.salzburgfestival.at

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Javier PérezDas Karussell der Zeit  

Javier Pérez Das Karussell der Zeit