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Von links oben nach rechts unten: 1

Helmut Eder, undatiert. Foto: Salzburger Festspiele/Karl Ellinger

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Luciano Berio, Talia Pecker Berio, 1996. Foto: Günther Sturm

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Rolf Liebermann, Gottfried von Einem, 1983 Foto: Salzburger Festspiele/Harry Weber

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Hans Landesmann, György Ligeti, 1993 Foto: Salzburger Festspiele/Helmut Schaffler

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Helmut Lachenmann, undatiert

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György Ligeti, György und Martha Kurtág, 1993 Foto: Salzburger Festspiele/Helmut Schaffler

Theo Adam, Christoph von Dohnányi, Friedrich Cerha, Otto Schenk, 1980 Foto: Salzburger Festspiele/Heinz Hosch

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Chaya Czernowin, Claus Guth, 2006. Foto: Wildbild

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Maurizio Pollini, undatiert. Foto: Marion Kalter

Otto Sertl, Alexander Müllenbach, Albert Moser, 1986 Foto: Salzburger Festspiele/Helmut Schaffler

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Pierre Boulez, 1996. Foto: Salzburger Festspiele/Helmut Schaffler

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Markus Hinterhäuser, Karlheinz Stockhausen, Tomas Zierhofer-Kin, 1995 Foto: Kaindl-Hönig Fotostudio + Werbeteam, Salzburg

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Gerhard Wimberger, 1975. Foto: Salzburger Festspiele/Anny Madner

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Michael Gielen, Wolfgang Rihm, 1990. Foto: Salzburger Festspiele/Felicitas Timpe

Dawn Upshaw, Kaija Saariaho, Esa-Pekka Salonen, 1996 Foto: Salzburger Festspiele/Helmut Schaffler

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Christoph von Dohnányi, Hans Werner Henze, 1966 Foto: Salzburger Festspiele/Karl Ellinger

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Salvatore Sciarrino, Rebecca Horn, 2008 Foto: Wildbild

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Nach dem Ersten Weltkrieg war einerseits das Bedürfnis nach einer Erneuerung der Künste, ihrer Funktion und ihrer Darbietungsformen, andererseits der Wunsch, wenigstens im Bereich des geistigen und künstlerischen Schaffens Zusammenarbeit und Austausch auch über nationale, politische, historische Grenzen hinweg zu suchen, immer stärker geworden. Nachdem sich 1921 die Schriftsteller im PEN-Club versammelt hatten, strebten auch die Musiker – darunter eine Gruppe junger Wiener Komponisten aus dem Schönberg-Kreis – eine internationale Vereinigung an. Max Reinhardt bot ihnen 1922 schließlich an, ein zeitgenössisches, internationales Kammermusik-Festival während der Salzburger Festspiele zu veranstalten. Zwischen 7. und 11. August 1922 fanden in Salzburg daraufhin die ersten Internationalen Kammermusikaufführungen statt und brachten neue Werke von 46 Teilnehmern aus 15 Ländern zur Aufführung. Diese waren derart erfolgreich und ermutigend, dass viele der anwesenden Komponisten spontan die Gründung einer internationalen Vereinigung verlangten. Am 11. August 1922 gründeten im Salzburger Café Bazar 24 anwesende Komponisten, unter ihnen Anton Webern, Béla Bartók, Paul Hindemith, Arthur Honegger, Zoltán Kodaly, Darius Milhaud, Egon Wellesz und Ethel Smyth – und mit ihnen telegrafisch auch Alban Berg, Maurice Ravel, Ottorino Respighi, Arnold Schönberg sowie Igor Strawinsky – die Internationale Gesellschaft für Neue Musik mit Richard Strauss als Präsidenten des Gründungskomitees. Weitere Auswirkungen hatte die Gründung der IGNM auf die Festspiele vorerst nicht. In der Programmierung der Konzerte der Salzburger Festspiele sollte zeitgenössische Musik erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine bedeutende Rolle spielen. Zwar fand die erste Uraufführung bei den Salzburger Festspielen im Konzertbereich bereits 1929 statt, galt allerdings einem Werk des 19. Jahrhunderts, dem Stabat mater von Peter Cornelius, gefolgt von Vittorio Gnecchis Biblischer Kantate (Dirigent: Joseph Messner) 1934. Arthur Bliss’ Music for Strings wurde 1935, Anatol Provazniks 116. Psalm 1937 vor Festspielpublikum uraufgeführt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde auch die musikalische Moderne verboten. Die Werke von Richard Strauss blieben auf den Spielplänen, und 1943 hob Karl Böhm dessen Zweites Hornkonzert in Salzburg aus der Taufe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand ein immenser Aufholbedarf im Bereich der zeitgenössischen Musik; ins Repertoire der Salzburger Festspiele hielten vorerst die Klassiker der Moderne wie Schönberg, Berg, Webern, Bartók, Hindemith oder Strawinsky vermehrt Einzug. Treibende Kraft war der Komponist Gottfried von Einem, der als Direktoriumsmitglied die „Berücksichtigung der (moderaten) Moderne im Programm der Salzburger Festspiele“ (Robert Kriechbaumer, Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte von 1945 bis 1960, 2007) einforderte. Der Avantgarde um Hans Werner Henze, Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez etc.

stand Einem jedoch „weitgehend skeptisch bis ablehnend gegenüber“ (ebd.). Häufig wurde dazumal die Implementierung in sogenannte „Sandwich-Programme“ praktiziert, indem Werke der Moderne mit solchen von Mozart, Beethoven, Bruckner oder Brahms kombiniert und so dem Publikum schmackhaft gemacht wurden, bzw. fanden zeitgenössische Komponisten vorerst im Bereich der Kammermusik- sowie Solistenkonzerte Berücksichtigung. Ab Ende der sechziger Jahre wurden moderne Werke nach und nach in die Orchesterkonzerte aufgenommen, was vor allem dem Umstand zu verdanken war, dass auf Initiative von ORF-Generalintendant Gerd Bacher, Rundfunkdirektor Alfred Hartner und Musikchef Otto Sertl jährliche Konzerte des 1969 gegründeten ORF-Symphonieorchesters (heute: ORF RadioSymphonieorchester Wien) programmiert wurden. Diese Initiative wurde „von der Presse absolut begrüßt […], jedoch vom Publikum recht spärlich gefragt“ (zit. nach: Robert Kriechbaumer, Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte von 1960 bis 1989, 2010). Über eine Verantwortlichkeit gegenüber der zeitgenössischen Musik herrschte bei der Festspielleitung jeweils Konsens, wie etwa auch die Bemühungen des Komponisten und Dirigenten Gerhard Wimberger (Mitglied des Direktoriums zwischen 1971 und 1991) sowie von Generalsekretär Otto Sertl (1979– 1986) zeigen. Doch als Hauptproblem erwiesen sich immer wieder die finanziellen Auswirkungen des mangelnden Publikumszuspruchs. „Die äußerst schlechten Einspielergebnisse der Konzerte mit moderner und zeitgenössischer Musik bildeten auf Grund der erheblichen finanziellen Belastungen des Festspielbudgets sowie der – vor allem auch bei der Jugend – anhaltend geringen Publikumsnachfrage einen ständigen Diskussionspunkt der Festspielführung.“ Robert Kriechbaumer, Festspielgeschichte, 2010

Nichtsdestoweniger wurden in der Ära Karajan mehr als 50 Konzertstücke und Lieder bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, darunter solch bedeutende Werke wie Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 (1961 durch das Borodin Quartett), Pierre Boulez’ erste Version von … explosante-fixe … (1972, Ensemble Heinz Holliger) oder Wolfgang Rihms Fremde Szene (Odeon Trio, 1982). Zweifelhaft blieb allerdings immer die Vermittlung des Zugangs bzw. die Art der Programmierung. Erst Hans Landesmann (Konzertdirektor 1989–2001) gelang es schließlich, durch neue, intelligente Programmgestaltungen, die weder Sandwich-Lösungen noch Neue-Musik-Atolle vorsahen, dem Publikum die Meisterwerke der Moderne und der Zeitgenossen näher zu bringen. Und dieses folgte ihm schließlich auch. „Seit Hans Landesmann die Gestaltung der Festspielkonzerte übernommen hatte, war die Einbindung der Moderne in das Programm zur Selbstverständlichkeit geworden. Mißverständnisse waren dabei auszuräumen – modern hieß nicht, Uraufführungen um jeden Preis. Die Alibifunktion der oft am Rande plazierten Novität hatte ausgedient. Modern bedeutete vielmehr eine Haltung, ein Bewußtsein: Die Kunst, die Musik, das Theater werden nur überleben, wenn sich deren innovative Kraft unablässig erneuert. Das kann auf mannigfache Weise geschehen, schöpferisch und nachschöpferisch, durch neue Werke oder durch neue Interpretationen bekannter Stücke.“ Gerhard Rohde, Das komponierte Programm, in: Gerard Mortier/Hans Landesmann, Salzburger Festspiele 1992– 2001, 2001 Neben Neuinterpretationen des klassisch-romantischen Repertoires bedeutete dies vor allem die „selbstverständliche Einbeziehung der Musik des 20. und nunmehr auch des 21. Jahrhunderts in die Festspiele“ (Rohde, Das komponierte

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Neue Musik

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„Was für eine Fülle an bedeutenden Komponistennamen der Gegenwart steuerte allein das ,Zeitfluss‘-Festival bei:

österreichischen Komponisten, die Salzburg Passagen etwa im Jahr 2003 Uraufführungen von Claus Steffen Mahnkopf, Gerhard E. Winkler und Karlheinz Stockhausen (Szenen aus Licht sowie die spektakuläre österreichische Erstaufführung von dessen Helikopter-Streichquartett durch das stadler quartett im Hangar 7). Eine Fülle an Uraufführungen hielt schließlich das Mozart-Jahr 2006 bereit, in dem neben dem Œuvre des Genius loci nur neue Werke zu hören waren. Scelsi und Nono, Cage und Kurtág, Feldman und Holliger, George Lopez, der mit seinen Klängen sogar die Berge eroberte, John Zorn, Galina Ustwolskaja – fast ein Gotha der Neuen Musik. Die denkwürdige Aufführung von Nonos ,Prometeo‘ in der Kollegienkirche, von einem großen Teil des Festspielpublikums besucht, geriet gleichsam zur Initialzündung. Immer stärker wirkten die Impulse dieses bewegenden Ereignisses […] auf die gesamte Programmierung der Festspielkonzerte ein.“ Gerhard Rohde, Das komponierte Programm, 2001 Und wirken noch immer weiter – vor allem seit Markus Hinterhäuser im Herbst 2006 die Konzertplanung für die Salzburger Festspiele übernahm. In einfühlsamer Weise gelang es ihm, am Zeitfluß anzuknüpfen und diesen vor allem durch die Kontinente-Reihe, die alljährlich seit 2007 einen bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts in den Blickpunkt rückt, gewissermaßen weiter zu führen. Bisher wurden die musikalischen Kontinente um Giacinto Scelsi, Salvatore Sciarrino und Edgard Varèse erforscht. 2010 folgt der Klangkosmos Wolfgang Rihms. „Ich möchte keine Retrospektiven, keine Werkschau eines Komponisten hier stattfinden lassen, das ginge auch gar nicht, sondern ich möchte eine zentrale Figur haben und um diese zentrale Figur werden dann hoffentlich richtige und nachvollziehbare andere Planeten kreisen.“ Markus Hinterhäuser im Interview mit Robert Jungwirth, www.klassikinfo.de Dabei ist „Neue Musik“ für Markus Hinterhäuser nicht mit zeitgenössischer Musik gleichzusetzen; und Uraufführungen stellen für ihn keineswegs Parameter des Innovativen dar. „Musik ist etwas, was mich vital interessiert, und da ist es mir dann in weiterer Konsequenz nicht so wesentlich, ob es jetzt ausschließlich um das geht, was man immer noch, und das ist ein Begriff, der mir alles andere als sympathisch ist, als ,Neue Musik‘ bezeichnet, oder ob es Romantik ist, ob es die Zeit der Klassik ist oder die der Barockmusik. […] Ich mache keinen Fetisch aus Uraufführungen. Ich habe keinen statistischen Ehrgeiz, dass ich am Ende der fünf Jahre so und soviel Uraufführungen gemacht habe. Ich sträube mich auch nicht dagegen, aber das Schicksal von Uraufführungen ist meistens das, dass sie unter in vielerlei

Hinsicht größter Anstrengung geboren werden und dann verschwinden. […] grundsätzlich interessiert es mich mehr, Dinge am Leben zu halten, Dinge hörbar zu machen, Dinge stattfinden zu lassen, als mit dieser ungeheuren Anstrengung, ein 10-Minuten-Orchesterstück in Auftrag zu geben.“ Markus Hinterhäuser im Interview mit Robert Jungwirth, www.klassikinfo.de Dennoch erfuhren im Rahmen der Kontinente die 12 Madrigali des italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino ihre nachhaltige Uraufführung, die mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurden. Hinterhäusers Überzeugung, dass das Unbekannte, Neue, Ungewohnte in Salzburg neben dem Erwarteten und Bekannten mit Erfolg zu programmieren ist, ging auf – und hat das „Konzertprogramm zur heimlichen Hauptsache der Salzburger Festspiele gemacht“ (Peter Hagmann, NZZ, 8. August 2009). Es gelang ihm zudem ein neues, interessiertes, enthusiastisches Konzert-Publikum zu etablieren, das etwa die Vorstellungen von Sciarrinos Luci mie traditrici (2008) in der Kollegienkirche stürmte. Einen gänzlich entgegengesetzten Weg hatte Peter Ruzicka (Intendant 2002–2006) beschritten, der schon aufgrund seiner Tätigkeit als Komponist einen anderen Zugang zur „Neuen Musik“ mitbrachte. „Ich nahm mir also vor: zuallererst die Neue Musik wieder ins Zentrum der Salzburger Festspiele zu rücken, mit zahlreichen und, worauf allein es ankommt, mit wegweisenden Uraufführungen. Als Achtzehnjähriger hatte ich im Großen Festspielhaus die Weltpremiere der ,Bassariden‘ miterleben dürfen, Hans Werner Henzes Opera seria nach den ,Bakchen‘ des Euripides, ein Meilenstein für das Musiktheater des 20. Jahrhunderts – und ein Schlüsselerlebnis für meinen eigenen Weg. Danach wollte ich alles wissen, alles kennen, was es von Henze gab, und habe als junger Komponist sogar begonnen, Musik zu schreiben, die sich an seinem Vorbild orientierte.“ Peter Ruzicka, Fünf Jahre Salzburg! Ein Rückblick ohne Zorn?, 2006 Die von Peter Ruzicka ausgerichteten Komponistenporträts galten 2002 Helmut Lachenmann und 2005 Chaya Czernowin. Die Reihe Austria today brachte 2002 Begegnungen mit jungen

„[…] gerade in diesem Jahr, im Mozart-Jahr 2006, können wir auf eine in der Festspielgeschichte nie dagewesene Fülle und Summe denkwürdiger Uraufführungen zurückblicken […], durchwegs Auftragswerke der Salzburger Festspiele, Kompositionen von Chaya Czernowin – die den Mut bewies, sich mit einem eigenen Opernprojekt, in ihrer eigenen Sprache, auf die Auseinandersetzung mit Mozarts Singspiel-Fragment ,Zaide‘ einzulassen –, Kompositionen von Adriana Hölszky, Olga Neuwirth, Wolfgang Rihm, Manfred Trojahn, Johannes Maria Staud, Karlheinz Stockhausen und vielen anderen. […] größtenteils im Auftrag der Festspiele geschriebenen Kompositionen, die uns geschenkt wurden in den vergangenen fünf Jahren, Neue Musik, die in Salzburg quer durch alle Konzertreihen gegenwärtig war und als künstlerische Herausforderung und Perspektivenwechsel auf das gesamte Programm ausstrahlte. “ Peter Ruzicka, Fünf Jahre Salzburg!, 2006 Einmal mehr zeigt die Chronik der Einbeziehung der Neuen Musik in die Programmatik der Salzburger Festspiele, dass in der Verquickung von Innovativem und Traditionellem der Erfolg begründet liegt. Kluge Programmierung vorausgesetzt lässt sich das Publikum gerne auf Abenteuer ein; es bedarf dazu aber intensiver, kreativer Planung, speziell die Musik betreffend, „weil sie nie als Ganzes erfahrbar ist (nur in der Synopse (!) ihrer Erinnerung, utopisch)“, wie Wolfgang Rihm bemerkte (Wolfgang Rihm, Was ist Musik?, 1985). Margarethe Lasinger/Stefan David Hummel

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Programm, 2001). Einen Schwerpunkt bildete die Präsentation von Klassikern des 20. Jahrhunderts: „Zum Auftakt 1992 erschien Pierre Boulez in Salzburg, woran sich in schöner Folge weitere Begegnungen mit dem französischen Komponisten in der Festspielstadt anschlossen. Es folgten György Kurtág und György Ligeti (1993) sowie Karlheinz Stockhausen (1994/95). Friedrich Cerha war 1996 ein umfassendes Porträt gewidmet, und bei den Festspielen 2000 konnte Wolfgang Rihm für sein ,Porträt‘ sieben Konzertprogramme seiner Wahl konzipieren“ (Rohde, Das komponierte Programm, 2001). Die Serie Next Generation (1996–2001) galt jungen zeitgenössischen, aber bereits arrivierten Komponisten: Marco Stroppa, Kaija Saariaho, Beat Furrer, K@rlheinz Essl, Matthias Pintscher, Olga Neuwirth, Georg Friedrich Haas, Gerd Kühr, Hanspeter Kyburz und Bernhard Lang. Ihnen ermöglichte Hans Landesmann nicht nur eigene Werke als Auftragsarbeiten bei den Salzburger Festspielen uraufzuführen, sondern auch ein mehrteiliges Programm auszurichten. Zu den wichtigsten Ereignissen der Landesmann-Zeit zählen sicher die beiden großen Pollini-Projekte: Im Rahmen der Progetti Pollini kam es 1995 und 1999 zudem auch zu einer ganzen Reihe von Uraufführungen, etwa von Luciano Berio (Altra voce), Franco Donatoni (Poll), Brian Ferneyhough (The Doctrine of Similarity), Adriano Guarnieri (Pensieri canuti) und Giacomo Manzoni (Trame d’ombre sowie Oltre la soglía alla memoria di Franco Donatoni). Schließlich wurde – ebenfalls durch Vermittlung von Hans Landesmann – 1993 das Avantgarde-Festival Zeitfluß von dem Pianisten Markus Hinterhäuser sowie von Tomas ZierhoferKin begründet. Der im Biennale-Rhythmus von 1993 bis 2001 stattfindende, in die Salzburger Festspiele integrierte Zeitfluß brachte eine große Auswahl herausragender Werke der internationalen Avantgarde nach Salzburg und erweiterte die Grenzen eines „klassischen“ Festivals bis hin zu Gruppen wie den Einstürzenden Neubauten, zum Chor der schreienden Männer, zu Granular Synthesis oder Uri Caine.

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N New Music

Following World War II, the desire to catch up in the area of contemporary music was immense; the Salzburg Festival increasingly programmed modern classics by Schoenberg, Berg, Webern, Bartók, Hindemith or Stravinsky. The driving force behind this was the composer Gottfried von Einem, a member of the Festival’s Directorate, who advocated the “presence of (moderate) modernism in the programme of the Salzburg

Festival” (Robert Kriechbaumer, Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte von 1945 bis 1960, 2007). The actual avant-garde, however, composers such as Hans Werner Henze, Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez and others, were viewed “with scepticism or rejected” (ibid) by Einem. At the time, the incorporation of modern works frequently took the form of “sandwich programmes”, combining them with pieces by Mozart, Beethoven, Bruckner or Brahms in an attempt to make them palatable to audiences; most of the contemporary works were found on the chamber music or soloist recital programmes. Towards the end of the 1960s, modern works were also gradually included in orchestra concerts, mainly because of the fact that the ORF’s General Artistic Director Gerd Bacher, the Radio Director Alfred Hartner and Music Director Otto Sertl had convinced the Festival to programme annual concerts by the ORF Symphony Orchestra, founded in 1969 (known today as the ORF Vienna Radio Symphony Orchestra). This initiative was “warmly welcomed by the press […] but hardly popular with audiences” (cf. Robert Kriechbaumer, Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte von 1960 bis 1989, 2010). There was always consensus among the Festival’s directors regarding a responsibility towards contemporary music – demonstrated for example by the efforts of composer and conductor Gerhard Wimberger (member of the Directorate between 1971 and 1991) as well as Secretary General Otto Sertl (1979–1986). The main problem, however, continued to be the financial consequences of the audience’s lack of interest.

“The extremely meagre revenues of the concerts featuring modern and contemporary music were a constant reason for discussion among the Festival’s leadership – both because of the massive financial drains on the Festival budget and the continuous lack of audience interest, especially among young visitors.” Kriechbaumer, Salzburger Festspiele, 2010

Nonetheless, during the Karajan era, over fifty concert pieces and songs were given their world premieres at the Salzburg Festival, including such important works as Dmitri Shostakovich’s String Quartet No. 8 (by the Borodin Quartet in 1961), Pierre Boulez’ first version of … explosante-fixe … (by the Ensemble Heinz Holliger in 1972) or Wolfgang Rihm’s Fremde Szene (by the Odeon Trio in 1982). What remained dubious throughout, however, was the manner of programming and presenting the works to the audience.

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Einige der Gründungsmitglieder der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM), 1922 Foto: Internationale Gesellschaft für Neue Musik – IG Komponisten Salzburg

After World War I, the desire to renew the arts, their function and their presentation on the one hand, and the wish to find a way of collaborating and exchanging ideas, at least in the realm of intellectual and artistic endeavours, beyond national, political and historic boundaries, had become ever stronger. After a group of writers had assembled in the PEN Club in 1921, musicians – mainly a group of young Viennese composers – also strove for an international association. In 1922, Max Reinhardt finally offered them the chance to create a contemporary, international chamber music festival during the Salzburg Festival. Therefore, between August 7 and 11, 1922, Salzburg saw the first International Chamber Music Performances, featuring new works by 46 participants from 15 countries. These were so successful and encouraging that many of the composers present spontaneously called for the founding of an international association. On August 11, 1922 at Salzburg’s Café Bazar, 24 composers assembled, including Anton Webern, Béla Bartók, Paul Hindemith, Arthur Honegger, Zoltán Kodaly, Darius Milhaud, Egon Wellesz and Ethel Smyth – joined, via telegram, by Alban Berg, Maurice Ravel, Ottorino Respighi, Arnold Schoenberg and Igor Stravinsky – and founded the Internationale Gesellschaft für Neue Musik (IGNM, or International Society for New Music). Richard Strauss acted as President of the Founding Committee. At first, the founding of the IGNM had no further effects on the Festival. On the concert programmes of the Salzburg Festival, New Music would play a major role after World War II. Still, the first world premiere at the Salzburg Festival took place as early as 1929, but it was dedicated to an undeservedly forgotten 19 th-century work, Stabat mater by Peter Cornelius; this premiere was followed by Vittorio Gnecchi’s Biblical Cantata (conductor: Joseph Messner) in 1934. Arthur Bliss’ Music for Strings was given its world premiere before a Festival audience in 1935; Anatol Provaznik’s Psalm 116 followed in 1937. With the Nazis’ seizing power, however, musical modernism was banned – Richard Strauss’s œuvre, however, remained on the programme, and in 1943 Karl Böhm conducted the first performance of his Horn Concerto No. 2 in Salzburg.

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It was only Hans Landesmann (Director of Concerts from 1989 to 2001) who finally managed to find new and intelligent programming solutions to arouse the audience’s interest in modern masterworks and contemporary music, without resorting to sandwich solutions or “islands” of new music. Ultimately, audiences began to follow his lead.

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Apart from new interpretations of the classical and romantic repertoire, this meant above all the “incorporation of 20 th-century and now also 21st-century music into the Festival as a matter of course” (Rohde, Das komponierte Programm, 2001). Part of the main focus was the presentation of 20 th-century classics: “1992 began with an appearance by Pierre Boulez in Salzburg, which led to a beautiful string of further encounters with the French composer in the Festival town. He was followed by György Kurtág and György Ligeti (1993) as well as Karlheinz Stockhausen (1994/95). An extensive portrait of Friedrich Cerha took place in 1996, and for the 2000 Festival, Wolfgang Rihm was able to design seven concert programmes of his choice for his ‘portrait’” (Rohde, Das komponierte Programm, 2001). The series Next Generation (1996–2001) was dedicated to young contemporary, but already widely recognised composers: Marco Stroppa, Kaija Saariaho, Beat Furrer, K@rlheinz Essl Matthias Pintscher, Olga Neuwirth, Georg Friedrich Haas, Gerd Kühr, Hanspeter Kyburz and Bernhard Lang. Hans Landesmann not only commissioned new works which were then given their world premiere at the Salzburg Festival, but also enabled them to curate their own programmes and series. Among the most important events of the Landesmann era are surely the two large-scale Pollini Projects: as part of the Progetti

Pollini, 1995 and 1999 also saw numerous world premieres, including one by Luciano Berio (Altra voce), Franco Donatoni (Poll), Brian Ferneyhough (The Doctrine of Similarity), Adriano Guarnieri (Pensieri canuti) and Giacomo Manzoni (Trame d’ombre as well as Oltre la soglía alla memoria di Franco Donatoni). Finally, in 1993 the avant-garde festival Zeitfluss was founded by pianist Markus Hinterhäuser and Tomas Zierhofer-Kin – following another initiative by Hans Landesmann. From 1993 to 2001, the biennial Zeitfluss took place within the Salzburg Festival and presented a great selection of major international avantgarde works, expanding the boundaries of a “classical” festival by incorporating groups such as Einstürzende Neubauten, Chor der schreienden Männer, Granular Synthesis or Uri Caine. “What a plethora of major contemporary composers the ‘Zeitfluss’ Festival alone contributed: Scelsi and Nono, Cage and Kurtág, Feldman and Holliger, George Lopez, whose sounds even conquered the mountains, John Zorn, Galina Ustwolskaja – almost a Debrett’s of New Music. The memorable performance of Nono’s Prometeo at the Kollegienkirche, attended by a majority of the Festival audience, was like a rocket launch. The impulses emanating from this moving event […] increasingly affected the programming of the Festival’s concerts.” Rohde, Das komponierte Programm, 2001 And they continue to reverberate – especially since Markus Hinterhäuser took over the concert planning for the Salzburg Festival in the autumn of 2006. He has managed to extend the vibe and sensibility of Zeitfluss, mainly through the Continents series, which has focused on one major composer of the 20 th century each year since 2007. So far, the musical continents of Giacinto Scelsi, Salvatore Sciarrino and Edgard Varèse have been explored. In 2010, Wolfgang Rihm’s cosmos of sound will be the centre of attention. “I don’t want to have retrospectives or entire œuvres of any one composer here – that would be impossible; but I do want to have a central figure, around whom we will let other planets revolve – hopefully the right and obvious ones.” Markus Hinterhäuser in an interview with Robert Jungwirth, www.klassikinfo.de

To Markus Hinterhäuser, “New Music” cannot be equated with contemporary music; world premieres are not his yardstick for innovation. “Music is something that is of vital interest to me, and ultimately it seems almost irrelevant to me whether our focus is on something still known – and this is a term that I do not like in the least – as ‘New Music’, or whether it is the Romantic, the Classical or the Baroque era. […] I do not have a fetish for first performances. I have no statistical ambition, no need to have performed so-and-so many world premieres at the end of five years. I have nothing against world premieres, but mostly the fate of world premieres is that they are born through an immense effort by many people, and then they disappear. […] on the whole, I am more interested in keeping things alive, making things audible, making things happen, than in commissioning a 10-minute orchestral work, with all the immense effort that involves.” Markus Hinterhäuser in an interview with Robert Jungwirth, www.klassikinfo.de Still, the Continents series saw the world premiere of 12 Madrigali by the Italian composer Salvatore Sciarrino, the recording of which subsequently won the Prize of the German Record Critics. Hinterhäuser’s conviction that the unknown, novel and unfamiliar can be programmed in Salzburg alongside the expected and familiar proved to be true – and has turned the “concert programme into the secret main attraction of the Salzburg Festival” (Peter Hagmann, NZZ, August 8, 2009). In addition, he succeeded in establishing a new, interested and enthusiastic concert audience – that caused the performances of Sciarrino’s Luci mie traditrici at the Kollegienkirche to sell out in 2008. Previously, Peter Ruzicka (Artistic Director from 2002–2006), who had a different approach to “New Music”, being a composer himself, had followed a completely different path. “I was determined first of all to re-establish New Music at the centre of the Salzburg Festival, with numerous and – which is the only important thing – with groundbreaking world premieres. At the age of 18, I had the good fortune to witness the world premiere of Die Bassariden at the Grosses Festspielhaus, Hans Werner Henze’s Opera seria based on The Bacchae by Euripides, a milestone of 20 th-century mu-

The composer portraits curated by Peter Ruzicka were dedicated to Helmut Lachenmann in 2002 and Chaya Czernowin in 2005. The series Austria today featured encounters with young Austrian composers in 2002; the Salzburg Passagen for example in 2003 presented world premieres by Claus Steffen Mahnkopf, Gerhard E. Winkler and Karlheinz Stockhausen (scenes from Licht as well as the Austrian premiere of his Helicopter String Quartet). Finally, the Mozart Year of 2006 brought a multitude of world premieres – besides the œuvre of the resident genius, the programme featured only new works. “[…] especially in this year, the Mozart Year of 2006, we can look back upon […] to a number of memorable world premieres – unprecedented in the Festival’s history – most of them commissioned by the Salzburg Festival: compositions by Chaya Czernowin – who had the courage to tackle her own opera project in her own language, focusing on Mozart’s singspiel fragment Zaide – compositions by Adriana Hölszky, Olga Neuwirth, Wolfgang Rihm, Manfred Trojahn, Johannes Maria Staud, Karlheinz Stockhausen and many others. […] mainly works commissioned by the Festival, which have been given to us during the past five years, New Music that was present in Salzburg in all the concert halls and influenced the entire programme, through artistic challenges and a change of perspective.” Peter Ruzicka, Fünf Jahre Salzburg!, 2006 Once again, a chronicle of how New Music was integrated into the Salzburg Festival’s programming shows that a mixture of innovation and tradition is the key to success. Given wise programming, audiences are willing to embark upon adventures; however, this requires intensive and creative planning tailored to the specific nature of music, “because it can never be experienced as a whole (only in the synopsis (!) of its memory, utopian)”, as Wolfgang Rihm remarked (Wolfgang Rihm, What is Music?, 1985). Margarethe Lasinger/Stefan David Hummel Translated by Alexa Nieschlag

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“Ever since Hans Landesmann had taken over the programming of the Festival’s concerts, the inclusion of modern works in the programme had become a matter of course. Some misconceptions had to be cleared up – modern did not mean world premieres at any price. The alibi function of mere novelties, often in an outside position, was a thing of the past. Instead, modern meant an attitude, a consciousness: art, music, theatre will only survive if their innovative power is constantly renewed. This can happen in many ways, creatively or by recreating, through new works or through new interpretations of familiar works.” Gerhard Rohde, Das komponierte Programm, in: Gerard Mortier/Hans Landesmann, Salzburger Festspiele 1992– 2001, 2001

sical theatre – and a key event for my own development. After that, I wanted to learn and know everything there was by Henze, and as a young composer I even began by writing music that strove to imitate the example he had set.” Peter Ruzicka, Fünf Jahre Salzburg! Ein Rückblick ohne Zorn?, 2006

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