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DAS ÖSTERREICHISCHE MAGAZIN FÜR FORSCHUNG UND TECHNOLOGIE 2/2011

Erscheinungsort Wien

Verlagspostamt 1110 Wien

P.b.b.

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7. EU-FORSCHUNGSRAHMENPROGRAMM:

So kommen Sie an die

Fördertöpfe der EU


VOLKSBEGEHREN BILDUNGSINITIATIVE

UNTERSTÜTZUNGSERKLÄRUNG

JETZT UNTERSCHREIBEN IHRE UNTERSC HR ZÄHLT ZU IFT M GESAMTERGEBNI S

IM HAUPTWOHNSITZ-GEMEINDEAMT ODER IM MAGISTRATISCHEN BEZIRKSAMT Mehr Info: www.nichtsitzenbleiben.at Hotline: 0800 204 400

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11.03.2011 11:30:13 Uhr


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Foto: Rolf van Melis/Pixelio

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Foto: Cantwell

Foto: Robert Kosta

Foto: Petra Spiola

Foto: Christian Amtmann

Editorial

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Inhalt í˘şí˘´

Forschungsnews

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Aus aller Welt

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AI-Forum: Soll alles gemacht werden, was machbar ist?

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Forschungsrat präsentiert sein Arbeitsprogramm

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EU justiert Forschungsfinanzierung nach

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Forschung ohne Grenzen

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Androsch: „Finanzierung dringend nachbessern“

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Moderne GeiĂ&#x;eln der Menschheit

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Wenn Gedanken Prothesen lenken

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Organverpflanzungen: Best Practice kommt aus Spanien

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Wiener Lebenslust

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E-Mobilität „made in Austria“

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Staatspreis Innovation geht an Anger und ACC

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Traumjob Technik: 1.000 Praktikumsplätze warten

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FFG-Jahresbilanz: Innovationsbasis verbreitert

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Diversität bringt Unternehmen mehr

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Multiple Identitäten

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MIT auf Wien-Besuch

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Fßhlende Städte

s bedarf keiner Analysen oder Prognosen um bestätigt zu bekommen, dass Medizin- und Gesundheitstechnologien „der“ dominierende Zukunftsmarkt fĂźr die Forschung sind. Das liegt auf der Hand. Denn die bis zum Jahr 2050 auf rund neun Milliarden Menschen anwachsende WeltbevĂślkerung wird immer älter und will sich natĂźrlich medizinisch bestens versorgt wissen. Bereits heute steigen die Ausgaben fĂźr Gesundheit und Medizintechnik europaweit stärker als Christian Klobucsar das Bruttoinlandsprodukt. Laut Statistik Austria betrugen die Gesundheitsausgaben allein in Ă–sterreich zuletzt rund 30,3 Milliarden Euro. Ă–sterreich profitiert von diesem Wachstumsmarkt leider kaum. Nur wenige heimische Betriebe – im Ăźbrigen zu 80 Prozent KMU, also kleine und mittlere Unternehmen – bieten entsprechende Produkte, Technologien oder Dienstleistungen an. Dabei verfĂźgt Ă–sterreich gerade in diesem Bereich Ăźber exzellente Standortbedingungen und eine kompetitive Forschungsszene – vor allem am Biotechsektor. Auch zahlreiche FĂśrderungen liegen bereit. Woran es also liegt, dass die heimische Wirtschaft diesen Trend verschläft, ist nicht bekannt. AUSTRIA INNOVATIV widmet seinen Schwerpunkt in der vorliegenden Ausgabe jedenfalls dem Thema Healthcare und zeigt unter anderem, auf welche „GeiĂ&#x;eln der Menschheit“ es auch heute noch keine Antworten gibt (Seite 20), was Ă–sterreich vom spanischen Organtransplantations-System lernen kann (Seite 27) und wie „intelligent“ Prothesen in ihrer mehr als 2.500 Jahre alten Geschichte geworden sind (Seite 24) – in der Zwischenzeit lassen sich entsprechende High-tech-Modelle sogar mittels Gedanken steuern. Abseits unseres Schwerpunktes lesen Sie in diesem Heft unter anderem Ăźber die geplante Nachjustierung der europäischen ForschungsfĂśrderung (Seite 14) und auch gleich darĂźber, wie Sie Ihre Chancen steigern, an lukrative FĂśrderungen aus den TĂśpfen des 7. EU-Rahmenprogramms zu kommen. AUSTRIA INNOVATIV Autor Raimund Lang hat dazu einige FĂśrderprofis befragt. Ihre Erfahrungen mit den teilweise enorm aufwändigen Vergabemodalitäten finden Sie ab Seite 16. Beim AUSTRIA INNOVATIV-Forum „Ethik in der Forschung“, Mitte April im Wiener TechGate, diskutierten Ă–sterreichs prominenteste VertreterInnen fĂźr dieses Thema Ăźber die Frage, „ob alles gemacht werden solle, was machbar ist“. Ihre – zum Teil ziemlich kontroversen – Ansichten lesen Sie gleich ab Seite 10. Unser Forum am 12. April war Ăźbrigens nur der Auftakt zu einer ganzen Serie an Veranstaltungen in diesem Jahr. Weil wir unsere Aufgabe, mehr Awareness fĂźr Forschung und Technologie in Ă–sterreich zu schaffen, seit mittlerweile mehr als 20 Jahren sehr ernst nehmen. Ich freue mich auf Ihr Feedback

Impressum: MEDIENINHABER UND VERLEGER: Bohmann Druck und Verlag GesmbH & Co.KG. > A-1110 Wien, LeberstraĂ&#x;e 122 > Telefon: +43-1/740 95-0 > Fax: +43-1/740 95-430 > E-Mail: austria-innovativ.zv@bohmann.at > DVR: 0408689 > GESCHĂ„FTSFĂœHRUNG: Dr. Gabriele Ambros – Gerhard Milletich > Herausgeber: KR Dr. Rudolf Bohmann > Chefredakteur: Christian Klobucsar – DW 435 > AutorInnen dieser Ausgabe: Dr. Silvia Anner, Mag. Alfred Bankhamer, Mag. Raimund Lang, Leopold Lukschanderl, Doris Oberleiter > Anzeigenleitung: Milan Galia – DW 553 > Produktion: Regina Eberharter > Druck: Leykam Druck Ges.m.b.H. & Co KG, 8057 Graz > Titelfoto: Fotolia > Erscheinungsweise: 6-mal jährlich > Abonnementpreis: 47,90 Euro > Das Abonnement ist spätestens 30 Tage vor Bezugsjahresende schriftlich kĂźndbar > Mit Promotion gekennzeichnete Beiträge sind bezahlte Einschaltungen. > Alle Rechte, auch die Ăœbernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, sind vorbehalten. Aus GrĂźnden der besseren Lesbarkeit wurden bei Personen nicht durchgängig die männliche und die weibliche Form angefĂźhrt. Gemeint sind selbstverständlich immer beide Geschlechter.


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Der von der Hannes Androsch Stiftung 2011 erstmals vergebene „Hannes-Androsch-Preis“ geht an Markus Knell fĂźr seine Arbeit „Pay-As-You-Go – a Relict from the Past or a Promise for the Future“. Markus Knell, der sich damit Ăźber eine Prämie in der HĂśhe von 100.000 Euro freuen darf, studierte Philosophie, Soziologie und Ă–konomie an der Universität Wien, der University of California (San Diego) und der Universität ZĂźrich. Er war Universitätsassistent an der Universität Wien und der Universität ZĂźrich und arbeitet jetzt in der volkswirtschaftlichen Forschungsabteilung der Oesterreichischen Nationalbank. Das Thema des ausgeschriebenen Preises lautete „A Global Challenge to Our Social Future: The Design of a Social Security System Which Can Withstand the Dual Threat of Demographic Developments and Financial Market Risk“und stieĂ&#x; weltweit auf groĂ&#x;es Interesse. 17 Ăźberwiegend hochkarätige Arbeiten aus insgesamt elf Ländern wurden eingereicht. Die von einem Experten-Komitee, bestehend aus Mitgliedern der Ă–AW, einstimmig in eine Short-List aufgenommenen Arbeiten wurden in anonymisierter Form einer international prominent besetzte Jury Ăźbermittelt. Dem Bewertungsvotum der internationalen Jury hat sich der Vorstand der Stiftung einstimmig anschlossen. Die Hannes Androsch Stiftung fĂśrdert wissenschaftliche Arbeiten zu den Themenschwerpunkten Arbeit und Festigung des sozialen Ausgleichs und Friedens. Die bei der Ă–sterreichischen Akademie der Wissenschaften (Ă–AW) angesiedelte Stiftung ist die bedeutendste von privater Hand getragene Stiftung zur ausschlieĂ&#x;lichen FĂśrderung von Wissenschaft und Forschung in Ă–sterreich.

Foto: sxc.hu

Hannes-Androsch-Preis ergeht an Markus Knell

F&E-Ausgaben in Ă–sterreich steigen 2011 deutlich an Die Ausgaben fĂźr Forschung und Entwicklung in Ă–sterreich werden laut aktueller Schätzung der Statistik Austria heuer gegenĂźber dem Vorjahr um fĂźnf Prozent auf insgesamt 8,286 Milliarden Euro steigen. Infrastrukturministerin Doris Bures zeigte sich erfreut, dass „sich dieser Anstieg sowohl im Ăśffentlichen Sektor, als auch im Unternehmenssektor gleichermaĂ&#x;en zeigt. Unsere antizyklisch gesetzten Ăśffentlichen F&E-Investitionen in den Krisenjahren haben gewirkt: Der befĂźrchtete Einbruch der privatfinanzierten F&E-Ausgaben im Jahr 2009 ist ausgeblieben und mit dem Anspringen der Wirtschaft steigen die F&E-Investitionen der Unternehmen wieder spĂźrbar an. Diese sind die Basis fĂźr die zukĂźnftige Wettbewerbsfähigkeit, das Wirtschaftswachstum und die Arbeitsplätze von morgen.“ FĂźr 2011 geht die Statistik Austria von einem Wachstum von 5,9 Prozent bei den Forschungsausgaben im Unternehmenssektor aus. Da auch das Bruttoinlandsprodukt wieder merklich steigt, bleibt der Anteil der F&E-Ausgaben am BIP, d. h. die Forschungsquote mit 2,79 Prozent ähnlich hoch wie im Vorjahr (2,78 Prozent nach neuer revidierter Schätzung). Damit liegt Ă–sterreich weit

Ăźber dem EU-15-Durchschnitt, der im Jahr 2009 bei ca. 2,1 Prozent lag. Trotzdem mahnt Bures, jetzt nicht nachzulassen, denn der Trend gehe ganz klar in Richtung Wissens- und Technologieintensität in der Wirtschaft. Auch die groĂ&#x;en gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und demographischer Wandel verlangen einen LĂśsungsbeitrag von Seiten der Forschung, Technologie und Innovation (FTI). „Deshalb konzentriere ich auch die BMVIT-FĂśrderungen auf die Zukunftstechnologien in den Themen Verkehr/Mobilität, Energie und Umwelt, Information und Kommunikation und Produktion. Damit stehen wir im Einklang mit der umfangreichen FTI-Strategie, die die Regierung vor wenigen Wochen beschlossen hat“, erläutert die Infrastrukturministerin. Mit der FTI-Strategie sollen Forschung und Entwicklung in Ă–sterreich gestärkt, die Rahmenbedingungen fĂźr FTI verbessert und die verschiedenen MaĂ&#x;nahmen optimal aufeinander abgestimmt werden. In der FTI-Strategie bekennt sich Ă–sterreich zum langfristigen Ziel, bis zum Jahr 2020 eine F&E-quote von 3,76 Prozent erreichen zu wollen.

Wissen schafft Wert Die Christian Doppler Forschungsgesellschaft • fĂśrdert anwendungsorientierte Grundlagenforschung • ermĂśglicht Unternehmen den effektiven Zugang zu neuem Wissen • agiert an der Schnittstelle von Wirtschaft und Wissenschaft Der BrĂźckenschlag zwischen Grundlagenforschung und Anwendung in den Unternehmen erfolgt in Christian Doppler Labors. • Sie werden an Universitäten oder auĂ&#x;eruniversitären Forschungseinrichtungen in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Wirtschaft fĂźr sieben Jahre eingerichtet. • Das Forschungsthema wird von den Unternehmenspartnern vorgegeben. • Sie stehen unter der Leitung von hoch qualifizierten WissenschafterInnen. • Sie werden zu 50% von der Ăśffentlichen Hand gefĂśrdert.

Das Modell der Christian Doppler Labors kann auch fßr Ihr Unternehmen ein Gewinn sein: Sie kÜnnen neues Wissen fßr industrielle Anwendungen nutzen und Ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit stärken. Fordern Sie nähere Informationen an: Christian Doppler Forschungsgesellschaft Haus der Forschung, Sensengasse 1, A-1090 Wien Telefon: +43/1/5042205, e-Mail: office@cdg.ac.at Homepage: www.cdg.ac.at


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NEED2KNOW

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Foto: Erich Marschik

Martin Haidinger ist Wissenschaftsredakteur im ORF (Ă–1)

Lauwarm – und trotzdem ein Reaktor!

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat unter dem Motto „Innovation – Support fĂźr Wettbewerbsfähigkeit und Erneuerung“ ein neues Zukunftsforum fĂźr Wirtschaftstreibende lanciert. Ziel dieser Roadshow durch Ă–sterreichs Bezirke ist der Kontakt mit innovativen Unternehmern. „Wir wollen mĂśglichst viel Ăźber ihre Anliegen erfahren, Probleme identifizieren und gleichzeitig Ăźber mĂśgliche FĂśrderungen und Finanzierungen aufklären“, umreiĂ&#x;t Mitterlehner die Ziele der Veranstaltung. Der Auftakt erfolgte am 14. März in Amstetten. Mit dabei sind stets BeraterInnen der wichtigsten FĂśrderinstitutionen, um die UnternehmerInnen direkt vor Ort Ăźber FĂśrderungen und Finanzierungen zu informieren. Unter der E-Mail-Adresse innovation2011@bmwfj. gv.at kann eine Terminliste der geplanten Veranstaltungen angefordert werden.

Weltraum-Spitzentechnologie „made in Austria“. Dass Ă–sterreich in der Weltraumforschung „mittendrin statt nur dabei“ sei – davon Ăźberzeugte sich Infrastrukturministerin Doris Bures Mitte März im Rahmen eines Besuches im RUAG Space Center in Wien, wo unter anderem innovative Positioniermechanismen fĂźr die Triebwerke von Satelliten – vor allem im Rahmen des GalileoProjektes – entwickelt werden. 2011 wird Ăźbrigens laut RUAG-Chef Max Kowatsch (im Bild neben Ministerin Bures) ein ganz besonderes Jahr fĂźr die heimische Raumfahrszene: Erstmals werden zwei Ăśsterreichische Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen. Dort sollen sie in 800 Kilometer Entfernung mindestens zwei Jahre lang die Erde umkreisen.

Haidingers Querforschung

Zukunftsforum fĂźr innovative KMU

Foto: BMVIT

Das Thema der diesjährigen Technologiegespräche – vom 25. bis 27. August im Tiroler Alpbach – lautet „Technologie als Chance – Verantwortung fuĚˆ r die Zukunft“. Neben zahlreichen Podiumsdiskussionen und Plenen zum Thema Forschung und Technologie sollen auch wieder in zwĂślf Arbeitskreisen jene Themen diskutiert werden, die Europa im globalen Forschungs-Wettbewerb zukunftsfit halten: n AK 1: „Die Zukunft der High-Tech Produktion in Europa“ n AK 2: „Die Zukunft der urbanen Mobilität“ n AK 3: „Pre-Commercial Procurement – ein Instrument zur (Be-)Schaffung von Innovation n AK 4: „Effizienz von FTI-Investitionen“ n AK 5: „Urban Europe, Urban Technologies – die Stadt im 21. Jahrhundert“ n AK 6: „Lebensmittelsicherheit und Verteilungsgerechtigkeit“ n AK 7: „ForschungsfĂśrderung und danach Finanzierungsengpass?“r n AK 8: „Forschen im Klassenzimmer. Neues Lernen in den Naturwissenschaften“ n AK 9: „Einfach – funktionell – trendig? Technologische LĂśsungen fuĚˆ r Alt und Jung“ n AK 10: „IKT – die Gegenwart hinterfragen, die Zukunft gestalten n AK 11: „The Digital City“ n AK 12: „Design Thinking und Open Innovation – der Kunde ist KĂśnig“. Nähere Infos: www.alpbach.org

Illu: Marion Karasek

Alpbacher Technologiegespräche 2011

Wer dieser Tage auch nur ein gutes Wort Ăźber einen Atomreaktor verliert, kann sogleich in Deckung vor allfälligen WurfgeschoĂ&#x;en gehen – zumindest hierzulande. Trotzdem wagt es Ihr Kolumnist, einen dieser Kästen zu loben. Den TRIGA Mark 2Reaktor des Swimmingpool-Typs der US-Firma General Atomic nämlich, der mit seinen 83 Brennelementen und drei Kontrollstäben vor allem der Forschung aber auch der Ausbildung dient – und das in unmittelbarer Nachbarschaft von Riesenrad, Schweizerhaus und Geisterbahn. Denn dort, in der Stadionallee neben dem Prater, arbeitet der Forschungsreaktor des Atominstituts der Wiener TU schon seit 1962 verlässlich an rund 220 Tagen pro Jahr – Sonnund Feiertage ausgenommen. Der Kern, von dessen gefährlichen schmelzenden Geschwistern aus Japan man so viel hĂśrt, sieht ein bisschen wie ein wassergefĂźlltes Plantschbecken mit Technikbegleitung aus. Von einer Plattform aus sieht Betriebsleiter Mario Villa gelassen hinunter auf das Becken, denn er weiĂ&#x;, dass von diesen Brennelementen keine Gefahr ausgeht. Sie dienen nämlich nicht der Energiegewinnung, und die dafĂźr notwendige Kettenreaktion wird bei zu groĂ&#x;er Hitzeentwicklung sofort abgewĂźrgt. Die Wassertemperatur bleibt unter 36 Grad Celsius. Eine ziemlich lauwarme Angelegenheit also, die aber schon Generationen von Atomwissenschaftlern als Ausbildungsstätte gedient hat und noch dienen wird. Denn nur wer alles Ăźber Nuklearenergie weiĂ&#x;, kann auch damit umgehen. Kraftwerksexperten, aber auch Waffeninspektoren der IAEA. Um diese und andere Fakten einer derzeit naturgemäĂ&#x; verstĂśrten AuĂ&#x;enwelt zu erklären, haben Studierende, Absolventinnen und Absolventen des Atominstituts, ein Informationszentrum eingerichtet, das sie ehrenamtlich betreiben – zu erreichen unter: info@ati.ac.at. Eine edle Mission von Michael Gerstmayr und Eileen Radde, und wie sie alle heiĂ&#x;en! Denn nur wer nichts weiĂ&#x;, muss alles glauben, wie es in Abwandlung eines Bestsellers der „Science busters“ heiĂ&#x;t ‌


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Die Waffen der Salmonellen sind enttarnt

Grafik: IMP-IMBA

Pest, Typhus, Cholera – einige der verheerendsten Krankheiten werden von lĂśsender Kryo-Elektronenmikroskopie und eigens entwickelter Imaging-Software. Bakterien ausgelĂśst, denen eines gemeinsam ist: Sie verfĂźgen Ăźber einen effi- Das „coolste Mikroskop Ă–sterreichs“ erlaubt es, biologische Proben bei minus 196 zienten Infektionsapparat, der als Waffe fast unschlagbar ist. Beim Befall ei- Grad schockzugefrieren und in diesem Zustand weitgehend unverfälscht zu bener KĂśrperzelle bauen sie zahlreiche hohlnadelartige Strukturen auf, die aus trachten. Allerdings kämpfen die Wissenschaftler beim immer stärkeren „Herander BakterienhĂźlle ragen. Durch diese Nadeln injizieren sie Signalstoffe in die zoomen“ an ihr Objekt mit einem tĂźckischen Problem: Der energiereiche ElektroWirtszellen, die diese umprogrammieren und ihre Abwehr Ăźberwinden. Fort- nenstrahl fällt so konzentriert auf die Probe, dass diese mit dem ersten Bild auch an haben die Krankheitserreger leichtes Spiel und kĂśnnen ungehindert in gro- schon wieder zerstĂśrt ist. Ă&#x;er Zahl in die Zellen eindringen. Die Wiener Forscher lĂśsten das Problem mit bildverarbeitenden Algorithmen und Der Biochemiker und Biophysiker Thomas Marlovits, mit der schieren Masse der Bilder. Sie analysierten Gruppenleiter an den Wiener Instituten IMP (Forrund 37 000 Aufnahmen von isolierten NadelkomStruktur des Nadelkomplexes schungsinstitut fĂźr Molekulare Pathologie) und IMBA plexen. Ă„hnliche Bilder wurden zusammengefasst von Salmonella im zellulären (Institut fĂźr Molekulare Biotechnologie der Ă–sterreichiund miteinander verrechnet; so lässt sich aus zahlreiZusammenhang schen Akademie der Wissenschaften), beschäftigt chen, sehr rauschbehafteten Aufnahmen ein einzelsich seit mehreren Jahren mit dem Infektionskomplex nes, scharfes dreidimensionales Bild generieren. Die von Salmonellen. Bereits im Jahr 2006 konnte er beenorme Rechenleistung lieferte ein Cluster von rund schreiben, wie der Aufbau des Nadelkomplexes von 500 zusammengeschalteten Computern. Salmonella typhimurium vor sich geht (Nature 441, Die Erkenntnisse bringen nicht nur die Grundlagen637-640). Nun gelang es ihm und seinem Doktoranforschung voran, so Marlovits: „Es ist denkbar, dass den Oliver Schraidt, die dreidimensionale Struktur in sich auf der Basis unserer Daten eine Substanz entextrem hoher AuflĂśsung darzustellen. Das Team konnwickeln lässt, die sich in den Nadelkomplex einbaut te Einzelheiten mit Dimensionen von 5-6 AngstrĂśm und seine Funktion stĂśrt. Dann hätten wir ein sehr wirksichtbar machen – das sind nahezu atomare GrĂśĂ&#x;ensames Medikament – nicht nur gegen Salmonellen, ordnungen. Die Arbeit wird in der aktuellen Ausgabe sondern auch gegen andere Krankheitserreger, die des Wissenschaftsmagazins Science vorgestellt. dieses System nutzen, etwa die AuslĂśser von CholeNie zuvor wurde das Infektionswerkzeug von Salmora, Pest und Typhus.“ nellen mit derartiger Präzision dargestellt. Erreicht wurde dies durch den kombinierten Einsatz von hochauf-

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Health-Care-Unternehmer – verclustert euch! Foto: Klobucsar

Es gibt kaum einen Markt wie den der Medizintechnologie, in dem sich die aktuelle soziale Realität analog spiegelt: Wenige groĂ&#x;e Anbieter, an der Spitze Siemens, General Electric und Philips, die in ihren Segmenten universelle Geräte wie RĂśntgen- oder MRS-Scanner zu Preisen im Mio-Euro-Bereich offerieren, relativ wenige Mittelunternehmen, die nischenspezifische, durchaus hochpreisige Spezialprodukte anbieten und eine unĂźberschaubar groĂ&#x;e Zahl von kleinen Nischen-Betrieben, die fĂźr so gut wie jeden medizinischen Anwendungsfall Apparate oder Medizinmaterialien offerieren. Nachdem ich schon zu Beginn meiner Karriere als Jungunternehmer auf dem Gebiet der Medizininformatik erleben durfte, wie unstrategisch und wie fach- oder methodenkonzentriert Medizinprodukte-Unternehmen agieren, hatte ich ein DĂŠja-Vue-Erlebnis, als wir vor ca. zehn Jahren am Forschungszetrum das Thema Medizintechnologie grĂźndeten und Industriekooperationen suchten. Unstrategisch stellten sich die Marktteilnehmer deshalb dar, weil entweder die Krankenversicherungen bestimm(t)en, wie der Markt zu funktionieren hat, oder, im nicht versicherungsfähigen Bereich, eher durch Zufallstreffer oder auf Beziehungswegen vergleichsweise dĂźrftige Vertriebserfolge erzielt werden. Um es ungeschminkt zu sagen: In erreichbarer Nähe gab es bei uns kein Unternehmen, auch keinen Kooperationsverbund, der die Potenz hätte, am Medizintechnikmarkt eine Rolle zu spielen: zu viele Spezial- und Partikularinteressen der an den Entwicklungen beteiligten Mediziner, zu geringe „Marktdenke“ bei den Unternehmen.

Das Problem scheint ein Mindset zu sein, der im Medizinbereich immer noch dominiert: eine Art kartesianisches Ursache – Wirkungs-Denken: Tut mir der Hals weh, nehm‘ ich Halstabletten, tritt ein Herzinfarkt ein, muss eine EKG-Analyse gemacht werden usw. Das fĂźhrt im immer noch naiv konzipierten Medizintechnikmarkt in aller Regel zu der Auffassung, dass dort Geräte als spezifische Produkte zu vermarkten sind. Was sich jedoch immer mehr zeigt, ist, dass der Kunde mit dem Produkt und oft sogar anstatt eines Produktes einen Service erhalten will: z.B. die intelligente Interpretation von Diagnosedaten, eine prozessorientierte Therapie, eine begleitende Pflege usw. Was damit gesagt sein soll: Anspruchsvollere Health-Care-Technik wird sich zunehmend nur noch als integriertes Paket verkaufen lassen: Der Laborwert mit einer Interpretation, ein EEG, das mit Laborwerten zu kombinieren sein wird oder Services der Apotheke zur termingerechten Bereitstellung von Medikamenten. Solche Leistungen lassen sich nicht mehr nur von einem einzelnen Marktteilnehmer erbringen. Hier ist eine Kooperationsstrategie jenseits marktwirtschaftlichen MaximierungsĂźberlegungen angesagt, die im Verbund zu organisieren sind. Solche serviceorientierte Kooperationen – im Industriebereich wĂźrde man von Clustern sprechen – sind in einem immer systemischer werdenden Medizin-Servicemarkt dringend erforderlich. Auf diesem Territorium bestĂźnde fĂźr Ăśsterreichische Health-Care-Anbieter eine Riesenchance, endlich einmal ein funktionierendes Geschäftsmodell der Gesundheitsversorgung zu schaffen! Health-Care-Unternehmer – verclustert euch! ______________________________________________________________________________________________________

Prof. Gßnter Koch war ßber fßnf Jahre Geschäftsfßhrer an den Austrian Research Centers (heute AIT), davor Leiter eines europäischen Instituts in Spanien und im Management eines internationalen Computerkonzerns.

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Verkehr www.verkehr.co.at

Donnerstag, 19. Mai von 9:30 bis ca. 17 Uhr im Ennshafen, OĂ–.

Bahnmarkt im Umbruch Die Expertenrunde diskutiert zum Thema Bahn und Wasser

Der Universitätsrat der Technischen Universität (TU) Wien hat einstimmig die Vizerektorin fßr Forschung, Univ.-Prof. Sabine Seidler, zur neuen Rektorin gewählt. Sie wird am 1. Oktober ihr Amt antreten. Damit wird nach 196 Jahren erstmals eine Frau die Geschicke der TU Wien leiten. Seidler ist damit designierte Nachfolgerin von Peter Skalikky, der seit 1991 Rektor der TU Wien ist. Sabine Seidler studierte 1979 bis 1984 an der TU Merseburg. Nach mehreren wissenschaftlichen Stationen wurde sie 1996 an die TU Wien berufen (Professur fßr nichtmetallische Werkstoffe). Seit 2007 ist sie Vizerektorin fßr Forschung. Sabine Seidler ist 49 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder.

MedAustron: Grundstein endlich gelegt Mitte März erfolgte die lange erwartete Grundsteinlegung fĂźr MedAustron in Wiener Neustadt. In den kommenden Jahren wird das Zentrum fĂźr Forschung und Therapie mit Ionenstrahlung zur Behandlung von Krebs entstehen. Ab 2015 sollen Patientinnen und Patienten mit Protonen oder Kohlenstoffionen behandelt werden. Das KernstĂźck von MedAustron ist ein Teilchenbeschleuniger, in dem Teilchen fast bis auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, bevor sie in die StrahlzufĂźhrung und anschlieĂ&#x;end in die Bestrahlungsräume mĂźnden. FĂźr NĂ–-Landeshauptmann Erwin PrĂśll (Bildmitte) gehĂśrt MedAustron zu den Leitprojekten der niederĂśsterreichischen Forschungs- und Technologiepolitik: „MedAustron ist eine groĂ&#x;e Zukunftschance fĂźr die Region und fĂźr NiederĂśsterreich. Hier entsteht ein international relevanter Forschungs- und Wissenschaftsstandort, von dem unser ganzes Land profitieren wird. Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen direkt im Ambulatorium und im Forschungsbereich werden auch ganz andere Wirtschaftszweige von dem Impuls, den MedAustron auslĂśst, profitieren. AuĂ&#x;erdem werden wir mit der modernen TherapiemĂśglichkeit, die MedAustron ermĂśglicht, vielen Krebspatientinnen und –patienten neue Hoffnung im Kampf gegen diese heimtĂźckische Krankheit geben.“ Der Landeshauptmann unterstrich in seiner Ansprache anlässlich der Grundsteinlegung auch die Bedeutung von MedAustron als Beispiel fĂźr internationale Zusammenarbeit: „Nur durch die intensive Zusammenarbeit mit den Expertinnen und Experten des Europäischen Kernforschungszentrums CERN ist ein Jahrhundertprojekt wie das „MedAustron“ mĂśglich. Ich mĂśchte mich hier auch bei allen Verantwortlichen fĂźr diese hervorragende Kooperation bedanken.“ Geht es nach den Plänen der EBG MedAustron soll im Jahr 2013 der Probebetrieb anlaufen und kĂśnnen ab 2015 Patientinnen und Patienten in Wiener Neustadt behandelt werden.

Foto: EBG MedAustron GmbH

Foto: TU-Wien

TU Wien mit neuer Rektorin


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í˘şí˘¸ AUS ALLER WELT

Was gibt es Neues? FORSCHUNGSNEWS. Aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen und Forschungsprojekte aus aller Welt. g

Wen juckts?

Foto: Klobucsar

MEDIZIN. Wer andere beim Gähnen beobachtet, muss häufig selbst gähnen – das ist bekannt. Wie eine aktuelle Studie amerikanischer MedizinerInnen zeigt, gibt es dieses Phänomen auch beim Kratzen. Der Erkenntnis ging eine Untersuchung des Verhaltens von 14 gesunden und elf an atopischer Dermatitis leidenden ProbandInnen voraus. Sie erhielten entweder ein Allergie auslĂśsendes Histamin auf den Unterarm getrĂśpfelt oder (als KontrollgrĂśĂ&#x;e) eine SalzlĂśsung. AnschlieĂ&#x;end wurden ihnen Videos von Personen gezeigt, die sich stark kratzten oder aber vĂśllig entspannt waren. Dabei lĂśste die Betrachtung sich kratzender Personen bei den Versuchsteilnehmern häufig einen Juckreiz aus. Besonders intensiv ausgeprägt war diese Reaktion bei den DermatitisPatientInnen. Auffallend war, dass der visuell ausgelĂśste Juckreiz an unterschiedlichen KĂśrperstellen auftrat. Als nächstes wollen die ForscherInnen die neuronalen Abläufe mittels Magnetresonanztomografie untersuchen um die Entstehung von Juckreiz besser zu verstehen. Fernziel ist die Entwicklung von Entspannungstechniken oder Medikamenten, um Aktivität in den Juckreiz auslĂśsenden Hirnarealen zu reduzieren. Gil Yosipovitch et al.: Contagious Itch in Humans. A Study of Visual “Transmissionâ€? of Itch in Atopic Dermatitis and Healthy Subjects. In: British Journal of Dermatology, doi: 10.1111/j.1365-2133.2011.10318.x

Drei Mal Wischen gegen Keime HYGIENE. Mit welchem Reinigungsmittel bekommt

BIOLOGIE. Bereits vier Monate alte Kinder sind in der Lage, widersprĂźchliche Informationen in zweidimensionalen Bildern zu erkennen. Dazu zählen beispielsweise „unmĂśgliche Figuren“ wie man sie vom holländischen KĂźnstler M. C. Escher kennt. Dass auch frisch geschlĂźpfte HĂźhnerkĂźcken zu dieser kognitiven Leistung befähigt sind, wollen italienische PsychologInnen nun herausgefunden haben. Dazu konfrontierten sie 157 einen Tag alte KĂźcken mit zwei Bildern, die sie in gleichem Abstand von den Tieren anbrachten. Beide Bilder stellten einen aus Balken zusammen gesetzten WĂźrfel dar. Ein Bild zeigte den WĂźrfel allerdings in einer geometrisch „unmĂśglichen“ Variante, bei der die hinteren Kanten die vorderen Ăźberdeckten. AnschlieĂ&#x;end maĂ&#x;en die WissenschaftlerInnen sechs Minuten lang, wie lange sich die Versuchstiere näher bei welchem der beiden Bilder aufhielten. Das Ergebnis zeigte eine eindeutige Bevorzugung der geometrisch mĂśglichen Figur. Daraus schlieĂ&#x;en die StudienautorInnen, dass Wirbeltiere bereits kurz nach der Geburt dreidimensionale Objekte aus zweidimensionalen Bildern abstrahieren und mit der Wirklichkeit vergleichen kĂśnnen. Lucia Regolin et al.: Spontaneous discrimination of possible and impossible objects by newly hatched chicks. In: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2011.0051

Foto: Janik Lipke

Schlaue KĂźcken

Foto: sxc.hu

man Plastikoberflächen am besten keimfrei? Ganz egal, solange man nur mindestens drei Mal drßber wischt. Das behaupten zumindest WissenschaftlerInnen der kanadischen Universität von Alberta. Sie testeten mehrere Desinfektionstßcher an Petrischalen aus Kunststoff, die sie zuvor mit vier Keimarten kontaminiert hatten. Zusätzlich prßften sie die desinfizierende Wirkung eines normalen Wischtuches, das in Salzwasser getaucht wurde. Das Resultat: Es kommt nicht auf das verwendete Tuch, sondern auf die Grßndlichkeit der Reinigung an. Dabei ist es egal, ob man die in Alkohol oder anderen Wirkstoffen getränkten Desinfektionstßcher oder Salzwasser verwendet. Andrea Berendt et al.: Three swipes and you’re out. In: American Journal of Infection Control, doi: 10.1016/j.ajic.2010.08.014


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AUS ALLER WELT

High-Tech-Schmuck fĂźr Nagetiere

ZOOLOGIE. Leicht haben die ForscherInnen der Emory University in Atlanta es den Elefanten im thailändischen Thai Elephant Conservation Center nicht gemacht, ans begehrte Futter zu kommen. Sie brachten jeweils zwei Elefanten in getrennte, aber direkt nebeneinander liegende Gehege. AuĂ&#x;erhalb des Zauns befand sich ein Tisch mit Futter. Um den Tisch ans Gehege zu holen, mussten die Elefanten an zwei Seilen ziehen, die vom Tisch zu jeweils einem Tier fĂźhrten. Die Konstruktion war jedoch so ausgelegt, dass sich der Tisch nur bewegte, wenn beide Elefanten gleichzeitig an ihrem Seil zogen. In 80 Prozent der Fälle durchschauten die Paarhufer das Prinzip und kooperierten miteinander. Noch besser: wenn einer der beiden Elefanten erst später in sein Gehege gelassen wurde, wartete der andere geduldig, bis sein Partner da war. Erst dann machten sich beide gemeinsam an die Futterbeschaffung. Die Untersuchung gilt als weitere Bestätigung fĂźr die hohe Intelligenz von Elefanten. Joshua M. Plotnik et al.: Elephants know when they need a helping trunk in a cooperative task. In: PNAS 2011, doi: 10.1073/pnas.1101765108

NEUROWISSENSCHAFT. Die Untersuchung von Ratten mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) ist eine der wichtigsten Methoden in der Hirnforschung. Bisher musste man die Versuchstiere dafĂźr allerdings betäuben. WissenschaftlerInnen des Brookhaven National Laboratory in New York haben nun einen Miniatur-PET vorgestellt, mit dem das Gehirn von Ratten auch untersucht werden kann, wenn diese wach sind und sich bewegen. Das ringfĂśrmige Messgerät wiegt 250 Gramm, misst 80 Millimeter im AuĂ&#x;endurchmesser und wird zwischen Augen und Ohren der Ratte positioniert. In ersten Tests untersuchten die ForscherInnen die DopaminausschĂźttung im Gehirn. Ăœberraschenderweise ist diese in wachen Tieren geringer als in narkotisierten. Das mobile PET-Gerät soll es kĂźnftig erleichtern, Hirnaktivitäten mit beobachteten Verhalten der Versuchstiere zu korrelieren. Daniela Schulz et al.: Simultanous assessment of rodent behavior and neurochemistry using a miniature positron emission tomograph. In: Nature Methods, doi: 10.1038/nmeth.1582

Foto: sxc.hu

Helfender RĂźssel

Foto: sxc.hu

Foto: ESO

MATERIALWISSENSCHAFT. Graphen gilt als Werkstoff der Zukunft. Die Materialklasse weist eine zweidimensionale Kristallstruktur aus Kohlenstoff auf. Die Atome liegen dabei wie Honigwaben in flachen Schichten aus Sechsecken Ăźbereinander. WissenschaftlerInnen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-NĂźrnberg haben jetzt ein Verfahren entwickelt, um Graphen in groĂ&#x;en Mengen herzustellen und ihm gleichzeitig spezifische Eigenschaften wie Leitfähigkeit oder Festigkeit zu verleihen. Während bisherige Methoden mechanisch vorgingen, etwa durch die Verwendung von speziellen Seifen und Ultraschall, funktioniert das neue Verfahren rein chemisch. Dabei werden Graphenschichten vom Ausgangsmaterial Grafit abgespalten. Entscheidend fĂźr den Erfolg ist, dass sich die abgespaltenen Schichten nicht gleich wieder mit dem Grafit verbinden. Um das zu verhindern verwenden die ForscherInnen eine Art molekularer Abstandhalter. An diese kĂśnnen auĂ&#x;erdem zusätzliche MolekĂźle angedockt werden, die dem Graphen seine gewĂźnschten physikalischen oder chemischen Eigenschaften verleihen. Es wird erwartet, dass Graphen kĂźnftig Einsatz in Mikro- und Nanoelektronik, Sensorik und Displaytechnologie finden wird. Jan M. Englert et al.: Covalent bulk functionalization of graphene. In: Nature Chemistry, doi: 10.1038/nchem.1010

Foto: Carl Carruthers

Kohlenstoff nach MaĂ&#x;

HeiĂ&#x; und doch kalt ASTRONOMIE. WissenschaftlerInnen der europäischen SĂźdsternwarte (ESO) haben einen neuen Anwärter fĂźr den Titel des kältesten Sterns entdeckt. Der braune Zwerg CFBDSIR 1458+10B sei etwa so heiĂ&#x; wie eine frisch gebrĂźhte Tasse Tee, schreiben die ESO-Forscher. In stellaren Dimensionen sind das geradezu frostige Verhältnisse. Der HimmelskĂśrper mĂźsste damit Eigenschaften von groĂ&#x;en Gasplaneten wie Jupiter oder Saturn aufweisen, die bisher jedoch noch nicht nachgewiesen werden konnten. www.eso.org.

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Soll alles gemacht werden, was machbar ist?

Fotos: Christian Amtmann

WERTEWANDEL. Rasante Entwicklungen im Bereich Technik und Wissenschaft fordern neue Antworten. Es geht um Werte, um Normen und darum, wie diese sich verändern. Antworten, die AUSTRIA INNOVATIV in diesem Jahr auch im Diskurs mit den besten KĂśpfen des Landes sucht. Den Auftakt machte eine Podiumsdiskussion am 12. April im TechGate Vienna zum Thema „Forschung und Ethik“. g

Diskutierten im Rahmen des AUSTRIA INNOVATIV-Forums im Wiener TechGate zum Thema „Ethik in der Forschung“ (v.l.n.r.): Christian Klobucsar (Moderation), Peter Rehak, Peter Kampits, Christiane Druml, Markus Hengstschläger.

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auptredner, Univ.-Prof. Markus Hengstschläger, Vorstand der Abteilung fĂźr Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien, brachte es bei seinem Impulsreferat gleich zu Beginn der Diskussion mit einer einfachen Gleichung auf den Punkt: Wenn eine/r die Axt nimmt und mit dieser die Familie erschlägt, wird am nächsten Tag natĂźrlich niemand fordern, die Axt zu verbieten. Denn die Axt als solche sei neutral. Erst die Anwendung entscheidet Ăźber Gut oder BĂśse. Analog gelte dies eben auch fĂźr die Forschung. „Das mag fĂźr eine Axt stimmen, stimmt aber nicht mehr fĂźr die Forschungsresultate, wie wir sie heute haben,“ kontert Univ.Prof. Peter Kampits, Dekan der Fakultät fĂźr Philosophie und Bildungswissenschaften der Universität Wien. „Das Axiom, dass das wis-

senschaftliche Resultat jenseits von Gut und BĂśse steht, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten.“ Denn die Zeit, in der die Wissenschaft sich selbst als wertfreien Raum verstanden habe, sei längst vorbei. Es funktioniere nicht mehr „dass der Wissenschaftler/ die Wissenschaftlerin sagen kann, ich bewege mich in einem wertfreien Raum, ich beschreibe nur Vorgänge der Natur und was dann damit gemacht wird, enthebt mich jeder Verantwortung“. TATSĂ„CHLICH HABE Ă–STERREICH dringenden Handlungsbedarf fĂźr eine Normierung der Forschung, so die Vorsitzende der beim Bundeskanzleramt angesiedelten Bioethikkommission, Christiane Druml. Ob sichere, gesunde Lebensmittel oder der Umgang mit Embryonen und Stammzellen – immer noch werden hierzulande


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AUSTRIA INNOVATIV FORUM

ethisch heikle Fragen – wenn Ăźberhaupt – an einzelne Ethikkommissionen delegiert, deren Empfehlungen dann ungehĂśrt verhallen. Dass aber eine entsprechende Rechtssicherheit in Ă–sterreich Ăźberfällig sei, meinten nicht nur zahlreiche ReferentInnen bei einem kĂźrzlich stattgefundenen Chirurgenkongress in Linz, das war auch die einhellige Meinung der PodiumsdiskutantInnen im Rahmen des AUSTRIA INNOVATIV-Forums. Bioethik- und auch Forschungsethikkommissionen wenden sich zwar des Ă–fteren mit Stellungnahmen und Dokumenten an die Politik, aber, so Christiane Druml: „Die Politik sollte diese Ergebnisse auch endlich abholen“, dies funktioniere aber noch nicht. ETHIK IST NICHT MORAL klärte Univ.Prof. Peter Kampits die rund 70 interessierten ZuhĂśrerInnen der Podiumsdiskussion auf, stehe grundsätzlich Ăźber dem Gesetz, mache dieses aber nicht obsolet. Wie sehr die Moral von der Evolution, unseren Wertevorstellungen und dem kulturellen Umfeld abhängt, illustrierte Peter Kampits mit einem Beispiel Arthur Schopenhauers: „Stachelschweine halten bekanntlich Winterschlaf. RĂźcken sie zu nahe zusammen, drohen tĂśdliche Verletzungen, sind sie zu weit voneinander entfernt, fehlt die wärmende Nähe um zu Ăźberleben. Erforderlich sei daher ein exakt definierter mittlerer Abstand, den sie instinktiv einnehmen – und in diesem Spannungsfeld bewege sich Moral.“ Ethik ist die Reflexion auf die Moral. Und so kommt es mitunter zur alles entscheidenden Frage: „Warum soll ich moralisch sein?“ Dass der kategorische Imperativ von Immanuel Kant heute oftmals nicht mehr das MaĂ&#x; aller Dinger sein kann, konzidierte auch der Ethik-Experte. Die Wissenschaft kĂśnne nicht wertfrei betrachtet werden, es gebe dafĂźr zu viele – oft auch unbewusste – Kodices durch Bibel, Menschenrechte, juristische Normen. All das lĂśse vielleicht nicht konkrete Fragestellungen einzelner Personen, zusätzlich gibt es in Zeiten des Wertepluralismus keine Ăźbergreifende Richtschnur. Die Wissenschaft dĂźrfe – ethisch korrekter ausgedrĂźckt „sollte“ – keine Parallelwelt zur Ethik schaffen, meinte Christiane Druml, aber gerade moderne Wissenschaften wie die Genetik bedĂźrfen rechtsstaatlicher Klärungen, um akzeptabel zu sein. BEI DER ETWAS HEIKLEN FRAGE, ob denn Ethik in bestimmten Fällen auch Ăźber dem Gesetz stehen kĂśnne, war sich die Diskussionsrunde uneinig. Während dies Peter

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Kampits – vor allem beim Thema „Sterbehilfe“ – unter gewissen Bedingungen so sieht, war den anderen TeilnehmerInnen diese Formulierung zu strikt. Klar wurde allerdings, dass Ethik-Ăœberlegungen den nĂśtigen Impuls geben sollten, durch gesetzliche Regelungen Grauzonen fĂźr Gesellschaft und Forschung so weit wie mĂśglich zu minimieren.

„Das Axiom, dass das wissenschaftliche Resultat jenseits von Gut und BĂśse steht, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten.“ PETER KAMPITS

Grauzonen gäbe es nämlich noch genßgend, attestierte der Vorsitzende des Forums Österreichischer Ethikkommissionen, Univ.-Prof. Peter Rehak, – vor allem beim Thema Forschung/medizinischer Behandlung an nicht einwilligungsfähigen Personen. Allein schon die simple Blutabnahme an einem Kind sei etwa eine solche Grauzone. Denn wenn damit kein direkter Nutzen fßr das Kind erkennbar ist, dßrfen auch dessen Eltern keine Einwilligung geben.

„Bioethik- aber auch Forschungsethikkommissionen wenden sich zwar des Ă–fteren mit Stellungnahmen und Dokumenten an die Politik, diese Empfehlungen verhallen jedoch in der Regel ungehĂśrt.“ CHRISTIANE DRUML

Noch krasser ist der Fall, wenn es sich etwa um eine Blutabnahme handelt, um eine Erbkrankheit in der Familie zu diagnostizieren, um das Risiko des Auftretens dieser Krankheit in den nächsten Jahrzehnten abzuschätzen. Aus ethischen Ăœberlegungen wäre das durchaus sinnvoll, aus praktischen aber nicht, da der Arzt in diesem Fall straffällig wird. Ă„hnlich Komplex sind Fragestellungen bei der Stammzellenforschung. Letztlich

„Mit den zehn Geboten allein lassen sich heutige Probleme nicht mehr klären. Fest steht, dass alles beforscht werden muss – die dafĂźr mĂśglichen Wege bzw. Werkzeuge aber natĂźrlich ethisch zu hinterfragen sind.“ MARKUS HENGSTSCHLĂ„GER

wird dabei in vielen Fällen die Frage gestellt, wann das Leben beginnt. In katholischen Ländern wird diese Frage anders


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entschieden als in jĂźdisch oder islamisch geprägten Staaten. Forschung ist aber heute in hohem MaĂ&#x;e grenzĂźberschreitend. Weil emryonale Stammzellen etwa in Deutschland nur bis zu einem bestimmten Stichtag fĂźr weitere Forschungszwecke genutzt werden kĂśnnen, behilft man sich in hohem MaĂ&#x;e mit Stammzellen aus Israel – dort beginnt nach GlaubensĂźberlegungen das Leben erst nach dem 40. Tag der Schwangerschaft. MIT DEN ZEHN GEBOTEN allein lassen sich heutige Probleme jedenfalls nicht mehr klären, stellte Markus Hengstschläger klar. Und kritisierte damit zugleich manche Ăœberlegungen von Ethik-PhilosophInnen, die jahrhundertealte Dogmen auch fĂźr heutige Thematiken zu Rate ziehen. Die

„Grauzonen in der Wissenschaft gibt es noch genĂźgend. Allein schon die Blutabnahme bei einer nicht einwilligungsfähigen Person kann den Forscher/ den Mediziner mit dem Gesetz in Konflikt bringen.“ PETER REHAK

LĂśsung des gordischen Knotens fĂźr Hengstschläger: „Alles muss beforscht werden. Aber: Ist jeder Weg, ist jedes Werkzeug gerechtfertigt?“ Bei der Forschung geht es demnach um Wege und Werkzeuge, die ethisch gerechtfertigt sein sollten. Und bei der Anwendung von Forschungsergebnissen mĂźsse es Systeme geben – in der Community „Asbestfaktor“

genannt –, die Auswirkungen rĂźckgängig machen kĂśnnen, wenn sich daraus Irrwege ergeben. Das mache vor allem der „grĂźnen Gentechnik“, also der Genforschung an Pflanzen, Probleme. Hengstschläger: „Wir leben heute nach wie vor auch von Daten, die aus der Zeit zwischen 1938 und 1945 stammen. Dieser Weg, an Forschungsresultate zu kommen, gilt als die widerlichste Fratze unethischen Verhaltens. Tschernobyl ist ein anderes Beispiel. Die Auswirkungen dieser Katastrophe waren fĂźr uns Wissenschaftler natĂźrlich im Hinblick auf die davor unerforschten Langzeitauswirkungen enorm hilfreich. Auch wenn wir uns in beiden Fällen gewĂźnscht hätten, dass dies niemals passiert wäre. Die Freiheit der Forschung wurde auch von Peter Kampits bejaht, dennoch sei er in einer ZwickmĂźhle: „In manchen Bereichen – etwa bei der Genetik – kĂśnnten Grenzen Ăźberschritten werden, die uns letztlich zwingen, das Menschsein neu zu definieren.“ Helfen kĂśnne hier nur die Aufforderung, dass jede/r einzelne ForscherIn ihr/ sein Tun rechtfertigen muss und ein GespĂźr dafĂźr entwickelt, wo die Grenzen liegen. Zum generellen Stellenwert der Ethik merkte Kampits aber auch an, dass sie in unseren Tagen auch zur Handbremse im Interkontinentalflieger werden kann, da unterschiedliche nationale ethische Rahmenbedingungen im globalen Standortwettbewerb um die fĂźhrenden Forschungs-Hot-Spots natĂźrlich auch Nachteile bringen. UNDIFFERENZIERTE Ă–STERREICHER. Doch spiegelt die aktuelle rechtliche Situation auch die moralische Einstellung der BevĂślkerung wider? Eine EurobarometerUmfrage zeigte, dass mehr als die Hälfte der Ă–sterreicher Untersuchungen an Embryonen gänzlich ablehnen, die etwa auf genetische Indikatoren fĂźr Intelligenz abzielen. Jedoch waren 18 Prozent unter der Bedingung, dass dies streng reguliert und kontrolliert von Statten geht, nicht abgeneigt. Damit liegen die Ă–sterreicher im EUDurchschnitt. Beachtlicherweise verhält es sich zahlenmäĂ&#x;ig nahezu gleich, wenn man von Gentests spricht, die helfen kĂśnnten, einen Nachkommen zu (er)zeugen, der einem lebensbedrohlich kranken Geschwister mit einer Knochenmarksspende das Leben retten kann. GegenĂźber den 50 Prozent der ablehnenden Ă–sterreicherInnen, finden sich in diesem Fall im EU-Raum jedoch nur 34 Prozent Gegner. k Peter Tajmar, Christian Klobucsar


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FORSCHUNGSPOLITIK

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Forschungsrat präsentiert sein Arbeitsprogramm ROAD MAP. Das nach eingehenden Diskussionen Ende März vom Forschungsrat beschlossene Arbeitsprogramm deckt auch weite Teile der von der Bundesregierung im Februar vorgelegten FTI-Strategie ab. Der Vorsitzende des Forschungsrates, Hannes Androsch, erklärte dazu, dass der Rat es als wichtige Aufgabe sieht, die Bundesregierung bei der Umsetzung der Strategie zu unterstßtzen, fßgte jedoch hinzu, dass nun so rasch wie mÜglich eine road map sowie ein Finanzierungsplan fßr die Umsetzung der Bundes-FTI-Strategie erstellt werden muss. g

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chwerpunkte der Tätigkeit des Forschungsrates werden in den kommenden Jahren unter anderem folgende sein: n Strukturreform: Projekt „Österreich 2050 – FIT fĂźr die Zukunft“; n Monitoring: betreffend Umsetzung der FTI-Strategie des Bundes sowie der Empfehlungen des Rates, und Beauftragung von Evaluierungen; n Humanressourcen: VerfĂźgbarkeit von Humanressourcen, Mobilität/Tenure Track und Hochschulplan; n Finanzierung: des FTI-Systems, Effizienzsteigerungen von FTI-Investitionen und Verbesserung der Input-/Output-Relation; n Forschungsinfrastruktur: GroĂ&#x;geräte- und Gebäudeinfrastruktur; n Kooperation National/ International: Europäischer Forschungsraum und internationale Vernetzung, MaĂ&#x;nahmen fĂźr internationale Technologiekooperationen und –transfers, sowie Schnittstelle Wissenschaft-Wirtschaft; n Awareness: neue Dialogformen und –formate, und Lange Nacht der Forschung. RATSVORSITZENDER ANDROSCH: „MĂœSSEN DYNAMIK WIEDERGEWINNEN“. Bereits

auf seiner Klausur im vergangenen Jänner hat sich der Forschungsrat mit den bestehenden Herausforderungen befasst, die es zu bewältigen gilt, um das von der Bundesregierung vorgegebene Ziel, mit Ă–sterreich in den Kreis der Innovation Leaders vorzustoĂ&#x;en, erreichen zu kĂśnnen. Dazu ist es nach Ansicht des Vorsitzenden Hannes Androsch in einem ersten Schritt notwendig, jene Dynamik wiederzugewinnen, die bis 2008 die Ăśsterreichische Forschungspolitik äuĂ&#x;erst erfolgreich gemacht hat und dann mit der Finanz- und Wirtschaftskrise so jäh eingebremst wurde. Hierzu gehĂśren einer-

seits ein effizienter Umgang mit den Budgetmitteln sowie grundlegende Reformen im gesamten Ăśsterreichischen FTI-System im Sinne einer Abschaffung bestehender Parallelstrukturen und Zersplitterungen, aber auch stärkere Vernetzungen und Internationalisierung. Um jedoch die Bereiche Bildung und Forschung finanziell besser ausstatten zu kĂśnnen, bedarf es auch weitreichender Reformen in anderen Bereichen, allen voran im Pensionssystem, dem Gesundheits- und Spitalswesens sowie der Verwaltung. Beim nun vorliegenden Arbeitsprogramm legte die Ratsversammlung laut Aussage des stellvertretenden Ratsvorsitzenden, Univ.Prof. Peter Skalicky, groĂ&#x;en Wert auf die richtige Balance zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung. Gleichzeitig unterstĂźtzt der Forschungsrat mit seinem Programm aber auch die Bundesregierung dabei, die strategischen Weichen entsprechend den Vorgaben ihrer FTI-Strategie zu stellen. GRĂœNDUNG EINES OFFICE OF SCIENCE AND TECHNOLOGY (OST) IN CHINA. Zur Um-

setzung seines Arbeitsprogramms hat der Forschungsrat auch schon erste wichtige Schritte unternommen. So etwa hat er bereits im Februar die Grßndung eines Office of Science and Technology (OST) fßr China und andere asiatische Regionen empfohlen. Denn eine Vielzahl asiatischer Staaten, darunter vor allem China, Indien, Sßdkorea, Taiwan, Indonesien und Malaysia, haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu einem zukunftsträchtigen Wissenschafts- und Technologiemarkt entwickelt. Das Wirtschaftswachstum dieser Länder bewegte sich in den Jahren 2009 und 2010 zwischen fßnf und mehr als zehn Prozent und ßbertrifft damit bei weitem europäische Niveaus. Einen stark ansteigenden Beitrag zu diesem Wirt-

schaftswachstum stellen diverse Hochtechnologiebranchen dar, weshalb sich bereits mehrere europäische Staaten, wie z. B. Dänemark, Finnland, Schweden und die Schweiz, veranlasst sahen, ihre Technologie- und Wirtschaftsbeziehungen im asiatischen Raum auszubauen. Auch Ăśsterreichische Institutionen haben ihre wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Kooperationen mit den Staaten dieser Region in den letzten Jahren massiv ausgeweitet. JĂźngster HĂśhepunkt dieser BemĂźhungen um verstärkte Zusammenarbeit war die im Rahmen der EXPO 2010 im Oktober in Shanghai veranstaltete „Austria Tec Week“. Zur BĂźndelung der zahlreichen Ăśsterreichischen Bestrebungen hinsichtlich einer stärkeren Präsenz im asiatischen Raum soll nun ein eigenes Science-Office dienen. Analog zu den bereits bestehenden Einrichtungen dieser Art in BrĂźssel und Washington soll dieses vor allem die Wissens- und Handelsbeziehungen als auch den Austausch von ForscherInnen zwischen Ă–sterreich und dem asiatischen Raum fĂśrdern. ZENTRALES ELEMENT „FORSCHUNGSINFRASTRUKTUR“. Notwendige Voraussetzung fĂźr

mÜgliche Erfolge in der Forschung sowie fßr die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft ist eine hoch entwickelte Forschungsinfrastruktur. Die ständige Erneuerung und Verbesserung dieser Infrastrukturen ist daher essenziell fßr den Forschungsstandort Österreich. Aus diesem Grund wird der Forschungsrat nach der bereits erfolgten Bestandsaufnahme des Status quo nun gemeinsam mit den Stakeholdern LÜsungsvorschläge zur Finanzierung, aber auch zur verbesserten und organisationsßbergreifenden Kooperation von Forschungsstätten bei der Nutzung vorhandener Forschungsinfrastrukturen entwickeln. k


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EU justiert Forschungsfinanzierung nach

Foto: Rolf van Melis/Pixelio

VERKĂœRZTE WEGE. Mit einer Ăśffentlichen Konsultation sammelt die Europäische Kommission derzeit Vorschläge zur Effizienzsteigerung bei der FĂśrderung von Forschung und Innovation. Diese sollen dann unter anderem die Formalitäten des Forschungsrahmenprogramms (RP 7), des Rahmenprogramms fĂźr Wettbewerbsfähigkeit und Innovation (CIP) als auch des EIT radikal vereinfachen. g

M

it der VerÜffentlichung eines Grßnbuches unter dem Titel „From Challenges to Opportunities: Towards a Common Strategic Framework for EU Research and Innovation funding" wurde eine Üffentliche Konsultation ßber die kßnftige Finanzierung sowie Schwerpunkte und Ziele der EU-ForschungsfÜrderungs- und Innovationsprogramme nach 2013 gestartet. Beteiligt an der Debatte sind VertreterInnen aus Forschung, Wirtschaft, Politik, als auch die Bßrger der EU. Ergänzend zur Üffentlichen Diskussion ßber dieses Grßnbuch finden auch gezielte Konsultationen statt, etwa zum EFR-Rahmen und zur strategischen Innovationsagenda des European Institute of

Innovation and Technology (EIT). Die Konsultationsergebnisse werden in die Kommissionsvorschläge zum nächsten mehrjährigen Finanzrahmen der EU einflieĂ&#x;en. Die geplanten neuen Regelungen betreffen das derzeitige Forschungsrahmenprogramm (RP 7) mit einem Haushaltsvolumen von rund 54 Milliarden Euro, das Rahmenprogramm fĂźr Wettbewerbsfähigkeit und Innovation (CIP) mit einem Budget von 3,6 Milliarden Euro, das sich hauptsächlich an KMU richtet, sowie das EIT mit einem Etat von 309 Millionen Euro, das durch seine hoch integrierten „Wissens- und Innovationsgemeinschaftenâ€? die Verbindungen innerhalb des so genannten Wissensdreiecks stärkt.


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FORSCHUNGSFINANZIERUNG

IM ZENTRUM DER ĂœBERLEGUNGEN steht ein grundlegender Umbau der EU-ForschungsfĂśrderung. Die kĂźnftige Finanzierung von Programmen auf EU-Ebene soll enger an die im Rahmen der Strategie Europa 2020 und ihrer Leitinitiativen definierten politischen Ziele – die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen – gekoppelt werden. Auch Teilnahme und Verfahren sind radikal zu vereinfachen bzw. zu vereinheitlichen. Angesichts der äuĂ&#x;erst angespannten Lage der Ăśffentlichen Haushalte zielen die Ă„nderungen darauf ab, wie Forschungskommissarin MĂĄire Geoghegan-Quinn betont, „aus jedem Euro, den die EU in Forschung und Innovation investiert, maximalen Nutzen zu ziehen.“ Die Ăśffentliche Finanzierung von Forschung und Innovation wird in Europa primär auf nationaler Ebene organisiert. „Trotz gewisser Fortschritte verlassen sich nationale und regionale Regierungen aber immer noch weitgehend auf ihre individuellen Strategien. Das fĂźhrt zu kostspieliger Doppelarbeit und Fragmentierung.“ Wie eine Zwischenbewertung des bis 2013 laufenden 7. Rahmenprogrammes aufzeigte, erhĂśht die mangelnde Koordinierung zwischen der Finanzierung auf EU- und auf Mitgliedstaatsebene zusätzlich die Komplexität wie auch die Gefahr von Ăœberschneidungen und Doppelarbeit – etwa hinsichtlich staatlicher MaĂ&#x;nahmen zugunsten von KMU oder zur Bereitstellung von Risikokapital. MaĂ&#x;nahmen auf EU-Ebene, die als Hebel fĂźr private Investitionen wirken, sollen helfen, Europas Investitionsdefizit bei Forschung und Innovation, vor allem im Privatsektor, zu verbessern. Dabei kĂśnnten auch die gegenwärtigen gemeinsamen Anstrengungen von Mitgliedstaaten, Industrie und EU, wie zum Beispiel beim Europäischen Strategieplan fĂźr Energietechnologie (SETPlan) – dessen Hauptziel die Entwicklung kohlenstoffarmer Technologien ist –, bei den gemeinsamen Technologieinitiativen im Bereich der IKT und bei dem in Vorbereitung befindlichen Strategieplan Verkehrstechnologie ausgebaut werden. Vor allem sollen Programmziele präziser definiert und implementiert, Vielfalt und Komplexität der Programme reduziert und die Teilnahmebedingungen durch Verringerung administrativer HĂźrden vereinfacht werden. Bei der Koordinierung der Anstrengungen und der Konzentration von Aktivitäten aus dem gesamten Innovationszyklus spielen die im Rahmen der Innovationsunion eingefĂźhrten Europäischen Innovationspartnerschaften eine wichtige Rolle. Als Beispiel dafĂźr sollte der strategische Ansatz des

SET-Plans mit seinen klaren Prioritäten, genau definierten Entscheidungs- und FĂźhrungsstrukturen sowie Mechanismen zur Fortschrittsbewertung dienen. WICHTIGE ZIELE sind auch MaĂ&#x;nahmen fĂźr eine verstärkte Industrie- und vor allem auch KMU-Beteiligung sowie eine bessere Nutzung der Forschungsergebnisse zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der EU. Beim Transfer der Forschungsergebnisse vom Labor bis zu Entwicklung, Vermarktung und Anwendung bestehen nach wie vor Hindernisse. Notwendig ist eine breitere UnterstĂźtzung Ăźber den gesamten Innovationszyklus einschlieĂ&#x;lich Konzeptnachweis, Tests, Pilotprojekten und Demonstration, wobei auch Follow-ups nach Projektabschluss, pränormative Forschung im Hinblick auf die Festsetzung von Normen und die UnterstĂźtzung bei der Patentierung berĂźcksichtigt werden sollten. KMU erfĂźllen aufgrund ihrer Flexibilität und Dynamik eine SchlĂźsselrolle bei der Entwicklung neuartiger Produkte und Dienstleistungen. Während im Rahmenprogramm fĂźr Wettbewerbsfähigkeit und Innovation 100.000 KMU Darlehensgarantien erhielten – 70 Prozent der BegĂźnstigten von Technologievermarktungsprojekten im Bereich Ă–koInnovation sind KMU –, sehen die meisten

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nanzierung von Forschung und Innovation und die kĂźnftige Strategie der Kohäsionspolitik sollten sich daher gegenseitig ergänzen. Der geringe Anteil privater Mittel bei der Finanzierung von Forschung und Innovation verursacht einen erheblichen Engpass in Europa. Die kĂźnftigen EU-Programme in diesem Bereich sollten durch eine EU-Eigenkapitalplattform und EU-Risikoteilungsplattform die Finanzinstrumente voll ausnĂźtzen, um die Vermarktung von Forschungsergebnissen und das Wachstum innovativer Unternehmen und Investitionen in groĂ&#x;e Infrastrukturen zu unterstĂźtzen. Neue Anreize sollten auch darauf abzielen, Ăśffentliche und private Nutzer frĂźher einzubinden und sie enger in den Innovationsprozess einzubeziehen. Im Rahmen des vorgesehenen Umbaus der ForschungsfĂśrderung soll auch genau geprĂźft werden, wie Mittel, die im Rahmen der gemeinsamen Strategie zur VerfĂźgung stehen, eingesetzt werden kĂśnnen, um den Prozess zur Schaffung eines einheitlichen Europäischen Forschungsraumes zu beschleunigen. Ebenso wird untersucht, welchen Beitrag FinanzierungsmaĂ&#x;nahmen hier leisten kĂśnnen und wie sich ihre Effizienz steigern lässt. Des Weiteren geht es auch um die Rolle des Europäischen Forschungsrates im Hin-

Wie eine Zwischenbewertung des 7. Rahmenprogramms aufzeigte, erhĂśht die mangelnde Koordinierung zwischen der Finanzierung auf EU- und auf Mitgliedstaatsebene sowohl die Komplexität als auch die Gefahr von Ăœberschneidungen und Doppelarbeit. von ihnen eine Teilnahme am 7. Rahmenprogramm immer noch als groĂ&#x;e Herausforderung. UnterstĂźtzung sollte hier vor allem die kĂźnftige Kohäsionspolitik bieten, deren Aufgabe es ist, Forschungs- und Innovationskapazitäten auf regionaler Ebene durch intelligente Spezialisierungsstrategien aufzubauen. IMPULSE FĂœR DIE REGIONEN. Im Rahmen der Kohäsionspolitik werden rund 86 Milliarden Euro, also nahezu ein Viertel des Gesamtbudgets der Strukturfonds, fĂźr das Ziel bereitgestellt, das Potenzial der regionalen Wirtschaft fĂźr Wandel und Innovation zu steigern. Wobei diese Investition auf vier Schwerpunkte abzielt: F&E und Innovation, unternehmerische Initiative, IKT und Entwicklung von Humankapital. Die gemeinsame Strategie fĂźr die EU-Fi-

blick auf die UnterstĂźtzung globaler Exzellenz. VORSCHLĂ„GE ZU EINER GEMEINSAMEN STRATEGIE FĂœR DIE EU-FINANZIERUNG von

Forschung und Innovation will die Europäische Kommission voraussichtlich bis Ende 2011 vorlegen. Um Europas BĂźrgerInnen die Bedeutung von Forschung und Innovation näher zu bringen, werden die Ăśffentliche Diskussion, die anschlieĂ&#x;ende Debatte zwischen den beteiligten Institutionen sowie letztendlich die DurchfĂźhrung der kommenden Finanzierungsprogramme der EU von einer breit angelegten Kommunikationsstrategie begleitet. Weitere Infos sind im Internet abrufbar: http://ec.europa.eu/research/csfri/index_en.cfm Silvia Anner


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Forschung ohne Grenzen FINANZIERUNGSTĂ–PFE. EU-Projekte gelten als KĂśnigsdisziplin der ForschungsfĂśrderung. Um in BrĂźssel reĂźssieren zu kĂśnnen braucht man aber Erfahrung, gute Netzwerke und eine lange Vorbereitungszeit. g Millionen Euro einwerben (Stand: November 2010). Diese Summe verteilt sich auf 1.370 heimische Beteiligungen, was 2,5 Prozent der europaweit bisher gefĂśrderten 55.000 Beteiligungen und Rang zehn innerhalb der EU27 entspricht. Davon entfallen rund 38 Prozent auf Universitäten, 22 Prozent auf Forschungseinrichtungen, neun Prozent auf GroĂ&#x;unternehmen und 18 Prozent auf Kleinund Mittelbetriebe.

Foto: Pixelio/Gerd Altmann

ANSPRUCHSVOLLES PROJEKTMANAGEMENT. Doch sollte man sich von den groĂ&#x;en

Die Vergabeverfahren im 7. EUForschungsrahmenprogramm sind hoch kompetitiv. Zum Zug kommen nur die Besten.

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er meint, dass aus BrĂźssel ohnehin nichts Gescheites kommt, hat gute Chancen, seine Beliebtheit am Stammtisch zu steigern. FĂźr WissenschaftlerInnen wäre solches Denken jedoch gleichermaĂ&#x;en kontraproduktiv wie unrichtig. SchlieĂ&#x;lich macht die Europäische Union ein Ăźppiges Angebot an ForschungsfĂśrderungen. Im 7. Rahmenprogramm stellt sie seit 2007 und bis 2013 insgesamt 54 Milliarden Euro bereit. Laut Wissenschaftsministerium konnten Ăśsterreichische ForscherInnen davon bislang etwa 426

Zahlen nicht täuschen lassen: locker sitzt der europäische Geldbeutel keineswegs. Die Vergabeverfahren sind hoch kompetitiv, zum Zug kommen nur die Besten. Zwar gibt es auch in Ă–sterreich Ausschreibungen, deren Anforderungen denen der EU kaum nachstehen, etwa das COMET-Programm der FFG. Doch gemeinhin gelten Ausschreibungen im 7. Rahmenprogramm als Klasse fĂźr sich. „Unterschiede zwischen Ăśsterreichischen und europäischen Programmen bestehen in zahlreicher Hinsicht“, bestätigt Matthias Weber, Leiter der Business Unit Research, Technology & Innovation Policy des AIT Austrian Institute of Technology. „EU-Projekte sind in der Regel grĂśĂ&#x;er, komplexer im Management und bedĂźrfen längerer Vorbereitungszeit.“ Das gilt in besonderem AusmaĂ&#x;, wenn man KonsortialfĂźhrer, bzw. Projektkoordinator ist. Bereits die Antragstellung erfordert einen hohen administrativen Aufwand. „SchlieĂ&#x;lich muss man ein gemeinsames Konzept definieren und sich Ăźber die Arbeitsteilung einigen“, weiĂ&#x; Weber. Die typischerweise sechsmonatige Frist zwischen Ausschreibung und Einreichschluss kann da schnell knapp werden. Nicht viel weniger anspruchsvoll ist es, ein laufendes Projekt zu managen. „Es kommt immer wieder zu Reorganisationen“, sagt Weber. „Wenn etwa eine SchlĂźsselperson den Arbeitgeber wechselt, kann es passieren, dass die ganze Organisation als Partner ausfällt.“ Doch andererseits gibt es meist einen verlässlichen Kern von Partnerorganisationen, auf die man sich verlassen kann.


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FORSCHUNGSFINANZIERUNG

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Helga Nowotny: „Europas Universitäten matchen sich verschärft um die besten KĂśpfe“ Die Ăśsterreichische Wissenschaftstheoretikerin Helga Novotny, seit knapp einem Jahr Präsidentin des European Research Council (ERC), im Interview mit AUSTRIA INNOVATIV Ăźber grenzĂźberschreitende Forschungsaktivitäten im allgemeinen und die Rolle Ă–sterreichs dabei im speziellen. g AUSTRIA INNOVATIV: Der ERC geht heuer in sein fĂźnftes Jahr. In dieser Zeit wurden 2,5 Milliarden Euro an mehr als 1.700 europäische GrundlagenforscherInnen vergeben. KĂśnnen Sie damit auch einen Strukturwandel innerhalb der Wissenschaftslandschaft bewirken? Helga Nowotny: Es lassen sich bereits weitreichende und zum Teil auch vĂśllig unerwartete Veränderungen beobachten. Zum Beispiel waren die Universitäten in Europa frĂźher abgeschottete Systeme. Durch den ERC sind sie erstmals in einen Wettbewerb zueinander eingetreten. Man achtet plĂśtzlich darauf, wie andere Hochschulen bei den ERC-Ausschreibungen abschneiden. Das fĂźhrt dazu, dass Universitäten gezielt Ausschau nach jungen NachwuchsforscherInnen halten. Das ist sehr positiv. Es betrifft vor allem das Mittelfeld, das in die oberste Liga aufsteigen will und dafĂźr auch seine administrativen Verfahren modernisiert. Das ist besonders wichtig fĂźr die neuen Mitgliedsstaaten, deren Unis zum Teil noch enormen Modernisierungsbedarf haben. AI: Die amerikanische NSF, die manchmal als Vorbild des ERC genannt wird, besteht seit 1948. Warum hat Europa erst so spät eine derartige Einrichtung fĂźr die Grundlagenforschung bekommen? Nowotny: Vor dem Ende des Kalten Krieges haben die Nationalstaaten darauf bestanden, die Grundlagenforschung ausschlieĂ&#x;lich selbst zu fĂśrdern. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus hat sich die militärische Bedeutung von Grundlagenforschung geändert. Zudem hat die Globalisierung der Industrie die MĂśglichkeit gebracht, sich benĂśtigtes Wissen von Ăźberall in der Welt einzukaufen. Dadurch wurde deutlich, dass Europa im internationalen Wissens-Wettbewerb steht, den es ohne Intensivierung der Grundlagenforschung nicht gewinnen kann. AI:Die beiden primären Instrumente des ERC sind die begehrten Grants – der Starting Grant fĂźr JungforscherInnen und der Advanced Grant fĂźr bereits etablierte WissenschaftlerInnen. Seit heuer gibt es aber auch eine neue FĂśrderschiene. Nowotny: Richtig, wir haben ein kleines Zusatz-

ter den groĂ&#x;en Ländern GroĂ&#x;britannien der klare Gewinner und unter den kleinen die Schweiz. Beide Staaten haben ein gemeinsames Merkmal: der Anteil an ERC-Preisträgern, die nicht StaatsbĂźrger des jeweiligen Landes sind, ist Ăźberdurchschnittlich hoch. Das spricht fĂźr die gelungene Internationalisierung des Standorts. Die Unis bemĂźhen sich dort, gute Leute von Ăźberall her zu holen. Das ist in Ă–sterreich leider nicht immer der Fall. Hier herrscht eher eine eingeschränkte Rekrutierungspolitik vor. Und dann gibt es noch typische „Exportländer“ wie Italien. Aber auch Deutschland hat einen hohen Anteil an Preisträgern, die nicht in Deutschland arbeiten. Da muss man sich fragen: was ist an deutschen Unis so konservativ, dass die jungen Leute lieber ins Ausland gehen?

programm auf die Beine gestellt, das „Proof of Concept“ heiĂ&#x;t. Es ist ein Angebot an ERC-Preisträger, auf kompetitivem Weg zusätzlich 150.000 Euro einzuwerben. Dieses Geld dient der Vorbereitung fĂźr eine eventuelle kommerzielle Verwertung ihrer Arbeit. Etwa durch Marktforschung, Patentrecherchen oder erste Schritte zu einer UnternehmensgrĂźndung. Das Programm versteht sich als eine Art BrĂźcke zur wirtschaftlichen Verwertung. AI: Jedenfalls spricht es wohl primär Vertreter aus Life Sciences, Physik und Ingenieurwissenschaften an. Wie ja Ăźberhaupt Human-, Sozialund Geisteswissenschaften bei den ERC-Grants eher unterrepräsentiert sind. Nowotny: Das sehe ich nicht so. Im europäischen Durchschnitt liegt unsere Vergabequote an diese Disziplinen recht gut. 2010 betrug der Anteil knapp 18 Prozent. Mehr ist auf der Nachfrageseite zur Zeit auch nicht drin. Wir beobachten aber seit kurzem einen Anstieg der Anträge aus Geistes- und Sozialwissenschaften, wie auch von Physik und Ingenieurwissenschaften. Die Life Sciences bleiben demgegenĂźber konstant. Die Statistiken geben aber noch viel interessantere Erkenntnisse preis. Zum Beispiel ist un-

AI: Was meinen Sie? Nowotny: Ich glaube, es ist die späte wissenschaftliche Unabhängigkeit. FĂźr junge ForscherInnen ist es ganz wichtig, an ihren eigenen Ideen zu arbeiten. Und nicht das zu tun, was der Professor gemacht haben will. Und fĂźr diese Unabhängigkeit sind sie auch bereit, woanders hinzugehen. Zum Beispiel in die USA, nach GroĂ&#x;britannien oder in die Schweiz. AI: Wo steht denn Ă–sterreich? Nowotny: In Bezug auf die Anzahl der ERCGrants im Mittelfeld. Es fällt aber auf, dass in den Life Sciences viele Preisträger nicht aus Ă–sterreich sind. Hier macht sich also bereits eine Internationalisierung bemerkbar und das ist sehr erfreulich. Das Interview fĂźhrte Raimund Lang

Der 2007 gegrĂźndete European Research Council (ERC) deckt innerhalb des 7. Rahmenprogramms die ExzellenzfĂśrderung in der Grundlagenforschung ab. GefĂśrdert werden ausschlieĂ&#x;lich Einzelpersonen, das primäre Entscheidungskriterium ist wissenschaftliche Exzellenz. Die beiden wichtigsten FĂśrderinstrumente sind der Starting Grant fĂźr JungforscherInnen (1,5 Mio. Euro, fĂźnf Jahre) und der Advanced Grant fĂźr erfahrende WissenschaftlerInnen (2,5 Mio. Euro, fĂźnf Jahre).


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WISSENSCHAFTLICH, ABER LESBAR SCHREIBEN. „Ein Konsortium zusammenzuhalten ist

manchmal wie einen Haufen FlĂśhe zu hĂźten“, meint Martin Kraft, leitender Wissenschaftler des Forschungsunternehmens und K1-Zentrums Carinthian Tech Research (CTR) scherzhaft. WĂśchentliche Telefonkonferenzen mit allen Partnern sind unverzichtbar, immer häufiger werden auch kollaborative Webtechnologien wie „Share Point“ von Microsoft genutzt. Streitigkeiten Ăźber geistiges Eigentum nach Projektabschluss kommen aber selten vor, sagt Kraft. Denn: „Die Ergebnisse gehĂśren ganz klar dem, der sie entwickelt hat, das kĂśnnen auch mehrere Partner sein.“ Im Vorfeld sind Diskussionen Ăźber die Art der Verwertung von geistigen EigentĂźmern allerdings keine Seltenheit. „Einer der Partner

„Es kommt darauf an, ob man ein gutes oder ein perfektes Proposal vorlegt. Gute haben gar keine Chance.“ ALOIS FERSCHA

hat meist das Vorrecht. Aber solche Dinge sind im Konsortialvertrag genau festgehalten.“ FĂźr Antragstellungen empfiehlt er, diese streng wissenschaftlich zu formulieren. Doch gleichzeitig sollten sie „lesbar“ bleiben. „Reviewer haben meist nicht viel Zeit und wollen vom Antragsteller abgeholt werden“, so Kraft. Besonders wichtig ist es, sich rechtzeitig Ăźber bevorstehenden Ausschreibungen zu informieren. Denn das schafft Zeit fĂźr die Vorbereitungen. Erste Anlaufstelle ist die Internetseite des Informationsdienstes fĂźr Forschung und technologische Entwicklung der EU (www.cordis.lu). Aber auch ein Blick auf die Seiten der Ăśsterreichischen Fonds FWF und FFG ist stets empfehlenswert (‌ besser noch – ein Anruf). Letztere fungiert im 7. Rahmenprogramm als Nationale Kontaktstelle (NCP), gibt also AuskĂźnfte zu allen Fragen. Auf der CORDIS-Seite kann man auch gezielt nach Forschungspartnern suchen, bzw. sich nach Anlegen eines Benutzerprofils „finden lassen“. Erfahrene Wissenschaftler wie Matthias Weber oder Martin Kraft betonen allerdings die Bedeutung von guten Netzwerken, um in ein EU-Projekt hinein zu kommen. Wer Ăźber langjährige Erfahrung und eine gute Reputation verfĂźgt, wird oft zur Teilnahme an einem Projekt eingeladen. Das ist besonders bequem.

GUT IST NICHT GUT GENUG. An aktuell gleich fĂźnf EU-Projekten ist Alois Ferscha, Leiter des Instituts fĂźr Pervasive Computing an der Johannes Kepler Universität in Linz beteiligt. Auch er gibt sich keinen Illusionen hinsichtlich der hohen HĂźrden hin. „Es kommt darauf an, ob man ein gutes oder ein perfektes Proposal vorlegt“, meint er pointiert. „Gute haben gar keine Chance.“ Zu zahlreich und damit potenziell inkompatibel sind die Entscheidungskriterien, als dass der Antragsteller sich auf einen Erfolg verlassen kĂśnnte. Die Begutachter mĂźssen etwa Aspekte des Gender-Mainstreaming berĂźcksichtigen, Umweltrelevanz, wirtschaftliche Verwertbarkeit, wissenschaftliche Qualität und noch etliches mehr. Entscheidungen, die aus subjektiver Sicht dann nach Zufall oder WillkĂźr aussehen, sind in Wirklichkeit das Resultat dieser Komplexität. Dennoch kĂśnne man ein paar Dinge beherzigen, um seine Ausgangsposition zu verbessern, meint Ferscha. So mache es grundsätzlich immer Sinn, Informationstage in BrĂźssel zu besuchen und sich dort auch zu Wort zu melden. Schaden kĂśnne es auch nicht, den Antrag noch vor Einreichung dem zuständigen proposal officer vorzulegen und diesen informell zu fragen, ob er die Programmlinie trifft. „Vor einigen Jahren habe ich auch begonnen, Funktionen in technischen Komitees zu Ăźbernehmen und an Roadmaps mitzuarbeiten“, sagt Ferscha. „Wenn man sich engagiert, kann man lenkend auf die Ausgestaltung der Rahmenprogramme einwirken und auf einzelne Themen der Forschungscommunity aufmerksam machen.“ Aus eigener Erfahrung weiĂ&#x; Ferscha nämlich, dass der Erfolg eines Antrags auch vom richtigen Zeitpunkt abhängen kann. So hat er vor einigen Jahren einen Forschungsantrag zum derzeitigen Hype-Thema „Smart Grids“ gestellt und wurde abgelehnt. „Damit konnte damals noch niemand etwas anfangen.“ Den Nutzen der Teilnahme an europäischen Forschungsprojekten sieht Ferscha nicht primär darin, die eigene Reputation zu erhĂśhen. Viel wichtiger sei ihm, jungen NachwuchswissenschaftlerInnen die Chance zu geben, europäische Forschungsluft zu schnuppern. „Ich nehme Dissertanten mit zu Projektmeetings, so kĂśnnen sie frĂźhzeitig Kontakte aufbauen.“ Aber auch zur Internationalisierung seiner Uni beizutragen ist ihm ein Anliegen. „Vor 15 Jahren war es undenkbar, eine Publikation gemeinsam mit der ETH ZĂźrich zu verfassen. Heute ist so etwas selbstverständlich.“ k Raimund Lang


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FORSCHUNGSPOLITIK

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Androsch: „Finanzierung dringend nachbessern“ FRESH MONEY. FĂźr einen realistischen Finanzierungsplan der jĂźngst von der Bundesregierung verĂśffentlichten FTI-Strategie plädierten Hannes Androsch und Peter Skalitzky am 14. April im Haus der Industrie vor heimischen WissenschaftsjournalistInnen. g

AUF DEM WEG ZUM INNOVATION LEADER?

Vor diesem Hintergrund begrĂźĂ&#x;ten sie die unlängst von der Bundesregierung beschlossene FTI-Strategie. Ziel der Strategie ist es, Ă–sterreich von der Gruppe der „InnovationFollower“ in jene der „Innovation-Leader“ zu bringen. Wesentlicher Zielparameter hierfĂźr ist das Erreichen einer Forschungsquote von 3,76 Prozent bis zum Jahr 2020. Dies sei jedoch nur unter der Voraussetzung eines realistischen Finanzierungsplanes zu schaffen, so die beiden Rats-Vorstände. „Wir haben Verständnis fĂźr die notwendige Budgetkonsolidierung“, meinte Androsch. „Aber auch Deutschland konsolidiert sein Budget und hat bis 2015 trotzdem elf Milliarden Euro fĂźr Bildung und Forschung Ăźbrig.“ MINDESTENS 565 MILLIONEN EURO MEHR ERFORDERLICH. Androsch und Skalitzky leg-

ten deshalb mehrere eigene Berechnungen auf Grundlage unterschiedlicher Annahmen ßber das BIP-Wachstum vor. Bei einer jährlichen BIP-Wachstumsrate von zwei Prozent

betrage der Finanzierungsbedarf demnach mindestens 565 Millionen Euro mehr pro Jahr als im Vergleichsjahr 2010. Davon entfallen 192 Millionen Euro auf die Ăśffentliche Hand und 373 Millionen Euro auf den privaten Sektor. „Diese Nachbesserung von knapp 200 Millionen Euro pro Jahr ist ambitioniert, aber nicht unmĂśglich“, betonte Androsch in Richtung Regierung. RICHTIGER EINSATZ DER MITTEL. Finanzierung sei aber nicht alles. Unabhängig von der HĂśhe der vorhandenen finanziellen Mittel stelle sich jedenfalls die Frage nach ihrer optimalen Verwendung. Peter Skalitzky strich die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Profilschärfung hervor. „Es macht keinen Sinn, jedes Thema zu beforschen. DafĂźr fehlen einfach die Ressourcen.“ Heimische Stärkefelder sollte man aber unbedingt fĂśrdern. Dazu zählen beispielsweise Humangenetik, Materialwissenschaft oder Quantenphysik. Als sinnvolle MaĂ&#x;nahme gegen teure Parallelentwicklungen nannte (Noch-)TU Wien-Rektor Skalitzky interuniversitäre Kooperationen. Ein bereits funktionierendes Beispiel hierfĂźr ist der Verein „TU Austria“, an dem die technischen Universitäten Wien und Graz, sowie die Montanuniversität Leoben beteiligt sind. Die drei Unis stimmen sich hinsichtlich ihrer Forschungsschwerpunkte, aber auch ihres Lehrangebotes ab. Auch mehrfache Investitionen in kostenintensive Infrastruktur und Geräte kĂśnnen so eingeschränkt werden. Einig zeigten sich Androsch und Skalitzky auch darin, dass Innovationspolitik eine Aufgabe gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist. Weichenstellungen mĂźssten bereits in der Pflichtschule beginnen und bis zur Entscheidung Ăźber das gesetzliche Pensionsantrittsalter reichen. Raimund Lang

Foto: AIC

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ir kĂśnnen lediglich Empfehlungen geben und lästig sein“, so Hannes Androsch auf die Frage, welchen realen Einfluss der Rat fĂźr Forschung und Technologieentwicklung (RFT) auf die Politik habe. „Wenn das nichts nĂźtzt, braucht man auch keinen Rat.“ Ohne Blatt vor dem Mund stellten sich RFT-Vorsitzender Androsch und sein Stellvertreter Peter Skalitzky am 14. April den Fragen einer geladenen Gruppe Ăśsterreichischer Wissenschaftsjournalisten im Wiener Haus der Industrie. Dabei skizzierten sie auch ihre Vorschläge fĂźr die kĂźnftige Entwicklung heimischer Innovationspolitik. Beide betonten das unerfreuliche Faktum, dass Ă–sterreich in zahlreichen relevanten Technologie- und Forschungsrankings bestenfalls im Mittelfeld zu finden sei.

Forschungsrats-Chef Hannes Androsch: „Bei einer jährlichen BIP-Wachstumsrate von zwei Prozent beträgt der Finanzierungsbedarf fĂźr Forschung mindestens 565 Millionen Euro mehr pro Jahr als 2010.“


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Moderne GeiĂ&#x;eln der Menschheit

Foto: Cantwell

STATUS QUO. Viele Krankheiten, die noch im letzten Jahrhundert den Tod bedeutet haben, sind in der Zwischenzeit heilbar. Selbst bei Alzheimer ist ein heimisches Biotechunternehmen drauf und dran, einen wirksamen Impfstoff zu entwicklen. Dennoch gibt es nach wie vor Bereiche, wo die Medizin an ihre Grenzen stĂśĂ&#x;t. AUSTRIA INNOVATIV mit einer Bestandsaufnahme Ăźber den aktuellen Stand der Forschung bei AIDS & Co. g

Nachdem der Human Immuno Deficiency-Virus ein „VerwandlungskĂźnstler“ ist, konnte bis heute noch keine entsprechende Impfung entwickelt werden.

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it der Entdeckung der ersten Antibiotika Anfang des letzten Jahrhunderts gelang der Medizin ein entscheidender Fortschritt in der Bekämpfung bakterieller Infektionen. Heute haben Infektionskrankheiten in den Industrieländern vor allem dank eines veränderten Gesundheitsbewusstseins, hygienischer Bedingungen, Reihenimpfungen und einem groĂ&#x;en Repertoire von hochwirksamen Gegenmitteln stark an Bedeutung verloren. Weltweit stellen sie allerdings noch immer die häufigste Todesursache dar, wobei annähernd die Hälfte der Todesfälle durch Tuberkulose, Malaria und AIDS verursacht werden. Zusammen fĂźhren diese drei Krankheiten zu Ăźber 300 Millionen Erkrankungen und mehr als fĂźnf Millionen Todesfällen pro Jahr. Während Tuberkulose bei konsequenter Einnahme von Antibiotika und auch Malaria – nach wie vor die bedeutendste Tropen-

krankheit – bei rechtzeitiger Behandlung mit den entsprechenden Medikamenten gut heilbar sind, zählt beispielsweise AIDS als (noch) nicht heilbar. „Aids ist nach wie vor weltweit die häufigste Todesursache fĂźr Menschen im Alter von 15 bis 59 Jahren“, erklärt Brigitte Schmied, Vorstandsmitglied der Ă–sterreichischen AIDSGesellschaft und Oberärztin der 2. Internen Lungenabteilung des SMZ Baumgartner HĂśhe in Wien. Es gibt aber, wie sie betont, auch Erfolge zu berichten. „In einzelnen Teilen Afrikas wurde mit Hilfe von Präventionsprogrammen und einem verbesserten Zugang zur wirksamen antiretroviralen Medikation eine deutliche Verbesserung der Situation erzielt.“ So stieg zwischen 2007 und 2008 der Anteil jener Menschen, die Zugang zur antiretroviralen Therapie haben, um 36 Prozent. Infolge der Weltwirtschaftskrise kam es allerdings auch in diesem Bereich zu KĂźrzungen der finanziellen Mittel, was Auswirkungen auf die GesamtbevĂślkerung in den stark betroffenen Ländern hat. Denn eine wirksame antiretrovirale Therapie senkt die Infektiosität des Virus und damit auch das Risiko, das HI-Virus weiterzugeben. Weltweit sind rund 42 Millionen Menschen an dem Immunschwäche-Syndrom Acquired Immune Deficiency Syndrome erkrankt. Das fĂźr AIDS verantwortliche Human-Immuno-Deficiency-Virus (HIV) befällt vor allem die Zellen des Abwehrsystems, vermehrt sich in ihnen, setzt sie auĂ&#x;er Funktion und zerstĂśrt sie schlieĂ&#x;lich, sodass sich Krankheitserreger ungehindert ausbreiten kĂśnnen. Ăœbertragen wird es vor allem durch ungeschĂźtzten Geschlechtsverkehr, verunreinigte Injektionsnadeln und Blut. Wenige Wochen nach der Infizierung mit dem HI-Virus kĂśnnen unter Umständen Fieber, NachtschweiĂ&#x; oder MagenDarm-Beschwerden auftreten. Bis zur Inkubation kĂśnnen dann Jahre vergehen. Das kĂśrpereigene Abwehrsystem bildet zwar eini-


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HEALTHCARE

ge Wochen nach einer HIV-Infektion AntikĂśrper gegen das eingedrungene Virus, kann aber HIV nicht aus dem KĂśrper entfernen. NICHT HEIL- ABER KONTROLLIERBAR. Die Entwicklung neuer Medikamente seit etwa 1996 hat wohl bedeutende Fortschritte in der HIVund AIDS-Behandlung gebracht und die Lebenserwartung und Lebensqualität fĂźr die Erkrankten verbessert. „Aber das Virus ist ein VerwandlungskĂźnstler“, so Schmied, „und deshalb war es auch bis jetzt nicht mĂśglich, einen Impfstoff dagegen zu entwickeln.“ Der US-Forscher Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases und einer der renommiertesten AidsExperten weltweit, hält nach einer Serie vielversprechender Forschungsergebnisse einen Durchbruch bei der Suche nach einem Impfstoff gegen die Immunschwächekrankheit fĂźr mĂśglich. Vor allem aufgrund der Entdeckung von zwei AntikĂśrpern, die 90 Prozent aller bekannten HI-Viren-Stämme ausschalten kĂśnnen. Die AntikĂśrper mit den Namen VRC01 und VRC02 halten, wie die Laborversuche zeigten, die meisten HIV-Stämme davon ab, menschliche Zellen zu infizieren. Die Entwicklung eines Impfstoffs kĂśnnte freilich noch Jahre dauern. Auch deutsche Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Universität Ulm haben eine Substanz entdeckt, die, wie sie im „Science Translational Medicine“ berichten, das Andocken des Aids-Erregers an menschliche Zellen blockiert. ZU DEN MODERNEN GEISSELN DER MENSCHHEIT ZĂ„HLT AUCH KREBS. Statistisch

gesehen entwickelt jeder dritte Europäer im Laufe seines Lebens Krebs. Einer Studie des amerikanischen National Institute for Occupational Safety and Health zufolge sterben weltweit jeden Tag etwa 20.000 Menschen an den Folgen einer Krebserkrankung, die Gesamtzahl aller jährlich weltweit neudiagnostizierten Krebserkrankungen liege bei 12,3 Millionen. In Ă–sterreich und Deutschland stellen bĂśsartige Tumorerkrankungen, nach den Herz-Kreislauferkrankungen, die zweithäufigste Todesursache dar. Jährlich erkranken in Ă–sterreich etwa 36.000 Menschen an Krebs, wobei Männer etwas häufiger betroffen sind als Frauen. Männer erkranken am häufigsten an Prostata-, Lungen- und Darmkarzinomen, Frauen an Brust-, Darm- und Lungenkrebs. Die Häufigkeit der meisten Krebserkrankungen nimmt mit dem Alter deutlich zu. Gegenwärtig sind etwa 100 verschiedene Krebserkrankungen bekannt, die sich bezĂźglich der Ăœberlebenschancen, der BehandlungsmĂśglichkeiten und der Neigung zur Bildung von Metastasen teilwei-

se stark unterscheiden. Bei Krebszellen ist das genetisch geregelte Gleichgewicht von Wachstum, Teilung und ZerstĂśrung im Zellverband gestĂśrt. Regulierende Signale werden nicht erkannt oder nicht ausgefĂźhrt, da meistens der dafĂźr benĂśtigte genetische Code defekt ist. Etwa 5.000 der insgesamt 25.000 Gene des Menschen sind fĂźr die sichere Erhaltung des genetischen Codes von einer Zellgeneration zur nächsten zuständig. Sie Ăźberwachen die korrekte Abfolge der Basenpaare in der DNA nach jeder Reduplikation, entscheiden Ăźber die Notwendigkeit von Reparaturvorgängen, halten den Zellzyklus an, bis die Reparaturen ausgefĂźhrt sind, und veranlassen gegebenenfalls einen programmierten Zelltod, falls die Reparatur nicht zum Erfolg fĂźhrt. Eine Veränderung in einem dieser „Wächtergene“, entweder durch einen Kopierfehler oder seltener durch eine angeborene Mutation, fĂźhrt – nach der heute gängigsten Theorie der Karzinogenese – dazu, dass dieses Gen den von ihm Ăźberwachten Teilschritt nicht mehr korrekt begleiten kann, sodass es in der nächsten Zellgeneration zu weiteren Defekten kommen kann. Durch weitere Veränderungen der DNA kann die Zelle zusätzliche Eigenschaften ausbilden, die eine Behandlung der Krebserkrankung erschweren, darunter die Fähigkeit, unter Sauerstoffmangel zu Ăźberleben, eine eigene Blutversorgung (Angiogenese) aufzubauen oder aus dem Verband auszuwandern und sich in fremden Geweben wie Knochen, Lunge, Leber oder Gehirn anzusiedeln. Das Immunsystem versucht grundsätzlich, die unkontrolliert wachsenden Zellen zu bekämpfen. Da diese aber in vielerlei Hinsicht normalen KĂśrperzellen gleichen, sind die AbwehrmaĂ&#x;nahmen meist nicht ausreichend, um den Tumor zu kontrollieren. In der Therapie werden meistens verschiedene Behandlungsformen wie Resektion, Strahlentherapie, Stammzellentherapie, Krebsimmuntherapie und medikamentĂśse Behandlung kombiniert. Bei den meisten Krebserkrankungen ist eine FrĂźherkennung fĂźr die Heilungsaussichten entscheidend. Dank moderner Verfahren ist die Diagnostik in den letzten Jahren wesentlich verbessert worden. „Eine Kombination der PET-Technologie mit bildgebenden Verfahren wie der Computertomographie und neuerdings auch der Magnetresonanz haben dazu gefĂźhrt, dass nur

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ein sehr geringer Prozentsatz an Krebserkrankungen in ihrem Ursprung – sogenannte 'cancers of unknown primary' – nicht diagnostiziert werden kannâ€?, erklärt Christoph Zielinski, Vorstand der Universitätsklinik fĂźr Innere Medizin und Leiter der Klinischen Abteilung fĂźr Onkologie am Wiener AKH. „Prinzipiell gilt natĂźrlich, dass ganz bestimmte Tumorarten auf ihr Ansprechen auf ebenso ganz bestimmte Therapieformen relativ genau untersucht sind, sodass die Kenntnis des Ursprungsortes des Tumors bei der Therapieentscheidung wesentliche Hilfe leistet. Allerdings gibt es auch Strategien fĂźr 'cancers of unknown primary', die fĂźr genau solche Situtationen entwickelt worden sind. Mit Hilfe diagnostischer Verfahren auf Basis der PET-Technologie ist es uns auch mĂśglich geworden, das Therapieansprechen in relativ frĂźhem Stadium einzuschätzen und Tumoroperabilitäten zu evaluieren.“ MEDIKAMENTĂ–SE THERAPIE. Was experimentelle Krebstherapien mit Medikamenten betrifft, befinden sich derzeit weltweit etwa 1.000 Substanzen fĂźr die Behandlung von Krebserkrankungen in Entwicklung, wobei Ăźber 300 Substanzen in bereits fortgeschrittenen Studien an der Klinik eingesetzt werden. „Es handelt sich dabei groĂ&#x;teils um gezielte Mechanismen, die die jeweilige Tumorzelle an entscheidenden Orten, die ihr Wachstum oder ihre Ausbreitung Ăźber den Organismus regulieren, beeinflussenâ€?, erläutert Krebsspezialist Zielinski. „Es gibt eine unendliche Vielzahl von Genen, von denen wir wissen, dass sie entscheidend in die Zellproliferation eingreifen, die therapeutisch beeinflusst werden kĂśnnen. Hier kommt es zu einer wahrhaften Explosion der Erkenntnis, die nur mit MĂźhe klinisch ĂźberprĂźft werden kann.“ BezĂźglich der Identifikation immunologischer Abwehrmechanismen hat man in der Krebsforschung erkannt, dass es bei malignen Erkrankungen nicht zu einer generellen „Abwehrschwäche“ kommt, „sondern dass manche Zellen des Immunssystems, vor allem die Makrophagen, durch ihre Produkte und ihre Anwesenheit im Tumorgewebe zu einer Verschlechterung der klinischen Situation fĂźhren. Auf der anderen Seite ist es gelungen, durch die Identifikation von Zielsubstanzen auf Tumorzellen und ihre BeeinfluĂ&#x;barkeit durch AntikĂśrper Präparate zu


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KAMPF DEM VERGESSEN. Als eine der groĂ&#x;en Herausforderungen der Gesellschaft gilt Morbus Alzheimer, eine neurodegenerative Erkrankung, die in ihrer häufigsten Form bei Personen Ăźber dem 65. Lebensjahr auftritt. Weltweit leiden rund 27 Millionen Menschen an dieser nach wie vor unheilbaren Krankheit – bis 2050 soll nach Schätzungen der internationalen Alzheimer Konferenz die Zahl auf 100 Millionen steigen. Verantwortlich fĂźr das fortschreitende Vergessen sind Ablagerungen im Gehirn, welche die Verbindungen zwischen den Nervenzellen zerstĂśren. Vor rund hundert Jahren entdeckte der deutsche Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer im Hirngewebe einer verstorbenen demenzkranken Patientin massenhaft EiweiĂ&#x;ablagerungen zwischen den Hirnzellen, so genannte Plaques. Diese Beta-Amyloid-Plaques zerstĂśren in vielen Hirnregionen die SignalĂźbertragung zwischen den Nervenzellen. Zur Entstehung der Plaques tragen bestimmte Enzyme bei. Neuere Forschungen zeigen, dass auch abnorm geformte Tau-Proteine, FaserbĂźndel in den Nervenzellen, innerhalb der Hirnzellen entscheidend fĂźr die Entstehung der EiweiĂ&#x;plaques sind. Alzheimerpatienten brauchen eine besondere Pflege-Betreuung, weil sie verwirrt und häufig Ăźberaktiv sind. Vorrangiges Ziel der modernen Alzheimer-Therapie ist der Erhalt sprachlicher Fähigkeiten und alltagsprakti-

scher Kompetenzen. FĂźr eine optimale Behandlung ist eine frĂźhzeitige und exakte Diagnose der Alzheimer-Krankheit entscheidend. Mit Hilfe bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomographie kĂśnnen Veränderungen im Gehirn aufgespĂźrt werden, die auf die Krankheit hindeuten. Bei Verdacht auf Alzheimer werden auĂ&#x;erdem Gedächtnistests durchgefĂźhrt und in verschiedenen KĂśrperflĂźssigkeiten der betroffenen Patienten nach speziellen Indikatorproteinen, sogenannten Biomarkern, gesucht. FĂźr die medikamentĂśse Therapie gibt es derzeit vier zugelassene Medikamente, die bei den Symptomen ansetzen. Die so genannten AChE-Hemmer sorgen dafĂźr, dass die Signal-

Mental-State-Examination-Test) 20 und aufwärts beobachtet werden. Bereits laufende Phase II-Studien sollen jetzt weitere Hinweise auf die Wirksamkeit des Impfstoffes bringen. Die klinische PrĂźfung wird mit rund 420 Patienten in Ă–sterreich und weiteren fĂźnf Ländern stattfinden und kĂśnnte Hinweise auf eine mĂśgliche Wirksamkeit im Jahr 2012 geben. DIE PARKINSON-KRANKHEIT ist die häufigste neurologische Erkrankung im fortgeschrittenen Alter. Dabei kommt es vornehmlich zum Absterben von Nervenzellen in der Substantia nigra, einer Struktur im Mittelhirn, mit dem Botenstoff Dopamin. Der Mangel an Dopamin fĂźhrt letztlich zu einer Verminderung der aktivierenden Wirkung der Basalganglien auf die GroĂ&#x;hirnrinde. Die wichtigsten Symptome sind Muskelstarre, verlangsamte Bewegungen bis hin zu Bewegungslosigkeit, Muskelzittern sowie Haltungsinstabilität. Die Erkrankung beginnt schleichend und schreitet danach zeitlebens fort, die Symptome werden im Verlauf stärker und daher auch besser erkennbar, als FrĂźhzeichen gilt zum Beispiel das reduzierte und später fehlende Mitschwingen eines Armes beim Laufen. Parkinson tritt zumeist zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr auf. Weltweit liegen die Schätzungen bei Ăźber sechs Millionen Menschen, die unter Parkinson leiden. Die eigentliche auslĂśsende Ursache der Krankheit, die 1817 erstmals vom englischen Arzt James Parkinson beschrieben wurde, ist trotz zahlreicher Hypothesen und Ansatzpunkte fĂźr die Erklärung des klinischen Erscheinungsbildes bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Grundsätzlich geht die medizinische Forschung derzeit davon aus, dass es eine genetische Prädisposition fĂźr Parkinson gibt, die nach Einwirkung bestimmter Substanzen (Medikamente, UmwelteinflĂźsse) zur Entwicklung der typischen klinischen Symptome fĂźhrt. Zur Behandlung der Symptome werden hauptsächlich Medikamente verabreicht, die zu einer ErhĂśhung des Dopamin-Angebots im Gehirn fĂźhren bzw. Arzneistoffe, die das fehlende Dopamin ersetzen. Seit einigen Jahren werden auch neurochirurgische BehandlungsmĂśglichkeiten eingesetzt wie etwa die TiefeHirnstimulation, bei der dem Patienten ein Impulsgenerator („Hirnschrittmacher“) eingesetzt wird. Gegenstand intensiver Forschung sind auch therapeutische Ansätze mit weiterentwickelten Stammzellen. Nach Biomarkern fĂźr die Parkinson-Krankheit wollen Wissenschaftler am Universitätsklinikum TĂźbingen (UKT) und am Hertie-InstiFoto: Photodisc

entwickeln, die gegen solche entscheidenden Zielstrukturen auf der Tumorzelloberfläche gerichtet sind, und deren Verwendung zu einer deutlichen Verbesserung der Prognose von Patienten mit solchen Tumorerkrankungen, wenn nicht sogar zu einem Paradigmenwechsel in der Therapie von Patienten mit solchen Tumoren gefĂźhrt hat.“ Die Angiogenese und ihre mĂśgliche therapeutische Beeinflussung sind trotz der in der letzten Zeit erfahrenen RĂźckschläge aufgrund des hohen biologischen Potenzials weiterhin ein Schwerpunkt der medizinischen Forschung. „Allerdings ist die Euphorie der letzten Jahre in Hinblick auf die Einschätzung von AntikĂśrpern gegen den 'vascular endothelial growth factor' (VEGF) einer realistischeren Einschätzung gewichen, die aber umso eher den Stellenwert dieser Substanzen in der Therapie einiger Krebserkrankungen definiert hat. Tyrosinkinase-Inhibitoren, die ebenso die Angiogenese beeinflussen, sind bei bestimmten Erkrankungen, zum Beispiel dem Nierenzellkarzinom, in den letzten Jahren zu einem sehr wesentlichen und entscheidenden Bestandteil unseres Therapiearmentariums geworden.“

Ăźbertragung durch die noch funktionierenden Nervenzellen verstärkt wird. Aktuell gibt es nach Angaben des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller weltweit zehn Alzheimer-Forschungsprojekte, die sich in der dritten Phase, also der letzten der klinischen PrĂźfung vor dem Zulassungsantrag, befinden. Weitere 45 laufen laut Datenbank PharmaProjects in der zweiten Forschungsphase. Ein Wiener Biotechunternehmen entwickelt derzeit zwei Arten von Alzheimer-Impfstoffen, die sich in der adressierten Zielstruktur unterscheiden. Die Wirkung des Impfstoffes zielt auf Amyloid-Ă&#x; 40 und 42 (zusammen AĂ&#x;), Hauptbestandteile der fĂźr Morbus Alzheimer typischen amyloiden Plaques. In Phase 1 konnten deutliche Hinweise auf eine Stabilisierung der kognitiven Fähigkeiten vor allem bei Patienten mit einem MMSE-Test (Mini-


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HEALTHCARE

tut fĂźr klinische Hirnforschung (HIH) in einer groĂ&#x;en Studie der Michael J. Fox Foundation forschen. Als Biomarker gelten alle messbaren kĂśrperlichen Merkmale, die mit dem Auftreten oder dem Fortschreiten der Krankheit in Zusammenhang stehen. „Biomarker sindâ€?, so Studienleiterin Daniela Berg, Wissenschaftle-

rin am HIH und Oberärztin in der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Neurodegeneration an der Neurologischen Klinik des UKT, „insbesondere in der Frßhdiagnostik, in der Identifikation mÜglicher Risikogruppen, fßr das Verständnis des Verlaufes und somit fßr die Entwicklung von neuen Behandlungsansätzen

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und Medikamenten von entscheidender Bedeutung.“ Die PPMI-Studie (Parkinson’s Progression Markers Initiative) wird Ăźber einen Zeitraum von fĂźnf Jahren an 19 klinischen Studienzentren in den USA und Europa durchgefĂźhrt. Silvia Anner

Historische RĂźckschau Keine Krankheit hat die Menschen einst so in Angst und Schrecken versetzt wie die Pest, die Europa seit der Spätantike und vor allem seit 1347 heimsuchte. Als „Schwarzer Tod“ entvĂślkerte die Seuche im 14. Jahrhundert ganze Landstriche. 25 Millionen Menschen fielen ihr zum Opfer. Die hochgradig ansteckende Infektionskrankheit wird durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelĂśst, das erst 1894 entdeckt wurde und durch RattenflĂśhe auf den Menschen Ăźbertragen wird. Mit der Veränderung der hygienischen Bedingungen und der Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming 1928 hat die Krankheit ihren Schrecken weitgehend verloren, wenn auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch immer jährlich etwa 2.500 Pestfälle mit 200 Toten registriert. Zuletzt gab es in den 1990er Jahren einen groĂ&#x;en Ausbruch der Seuche in Indien. Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert breitete sich die Cholera, eine schwere, bakterielle Infektionskrankheit vorwiegend des DĂźnndarms, von Indien kommend nach Westen aus. Um 1830 brachten die gegen den polnischen Novemberaufstand zusammengezogenen russischen Truppen von der indischen Grenze die Krankheit erstmals nach Europa. Binnen weniger Jahre wurden fast alle europäischen Länder von verheerenden Seuchenwellen heimgesucht. Die Cholera, die durch das Bakterium Vibrio cholerae verursacht wird, wobei die Infektion vor allem durch verunreinigtes Trinkwasser und infizierte Nahrung erfolgt, kann heute mit Antibiotika in der Regel gut geheilt werden. 2008/2009 gab es eine Choleraepidemie im sĂźdlichen Afrika, 2010 kam es als Folge des schweren Erdbebens zum Ausbruch von Cholera-Erkrankungen in Haiti. Das Zeitalter der Industrialisierung war auch das Zeitalter der Typhus-Erkrankungen. Im 19. Jahrhundert fĂźhrte die durch verunreinigte Nahrungsmittel oder verschmutztes Wasser Ăźbertragene Infektionskrankheit häufig zum Tod. Erst als Robert Koch 1883 den Choleraerreger entdeckte und bewies, dass er vor allem durch verunreinigtes Wasser Ăźbertragen wird, wurde in vielen Städten das Trinkwassersystem verbessert. Typhus wird ebenfalls mit Antibiotika behandelt. Heutzutage ist die Krankheit vor allem ein Pro-

blem der Entwicklungsländer mit geringem hygienischem Standard. Weltweit erkranken jährlich etwa 32 Millionen Menschen. Nach einem vorausgehenden Ausbruch in Italien in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts begann im 17. Jahrhundert die grĂśĂ&#x;te und längste geschichtliche Tuberkuloseepidemie, die im 18. Jahrhundert ihren Gipfel erreichte und kurz nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg temporär aufflackerte. Verbesserungen im Ăśffentlichen Gesundheitswesen, vor allem die Einrichtung eines dichten Netzes von TuberkulosefĂźrsorgestellen ab 1905, verringerten die Zahl der Erkrankungen schon vor EinfĂźhrung von Antibiotika. Aber heute noch ist die Tuberkulose, frĂźher auch als Schwindsucht bezeichnet, weltweit verbreitet, da zunehmend Erreger-Stämme entstehen, die gegen fast alle gängigen Antibiotika resistent sind. Mittlerweile erkranken jährlich mehr als acht Millionen Menschen neu an Tuberkulose. 2008 starben durch die Infektionskrankheit nach der 2009 herausgegebenen Schätzung der WHO Ăźber 1,8 Millionen Menschen vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Tuberkulose wird durch das Mycobacterium tuberculosis verursacht und befällt beim Menschen am häufigsten die Lungen. 1882 konnte Robert Koch den Erreger der Tuberkulose isolieren. Mit der Entwicklung des Antibiotikums Streptomycin im Jahre 1946 wurde neben der Prävention die aktive Behandlung mĂśglich. Lepra ist eine der ältesten bekannten Krankheiten. Im 13. Jahrhundert war der Aussatz weithin in Europa verbreitet, verschwand aber mit dem Ende des 16. Jahrhunderts mehr oder minder aus der Liste der chronischen Volkskrankheiten in Mitteleuropa. Durch die Zusammenarbeit aller weltweit tätigen Leprahilfswerke in der International Federation of Anti-Leprosy Associations und aufgrund der BehandlungsmĂśglichkeiten mit Antibiotika ist Lepra heute zwar nicht ausgerottet, jedoch unter Kontrolle. FĂźr die Ăœbertragung bzw. die Infektion mit dem Erreger bedarf es eines langfristigen Kontakts mit einem Infizierten. Lepra wird durch das Mycobacterium leprae hervorgerufen. Tropenkrankheiten wie Malaria, Gelbfieber, Dengue, Chagas und die Schlafkrankheit, die

alle durch Insekten Ăźbertragen werden, sind heute hauptsächlich in Entwicklungsländern ein Problem. Nach Angaben der WHO sterben weltweit jährlich knapp eine Million Menschen an Malaria, die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen wird auf 300 bis 500 Millionen Fälle geschätzt. Die Malaria war im Mittelmeerraum von der Antike bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet. Erst 1880 wurde der Erreger, der tierische Einzeller Plasmodium, entdeckt. Mit ihrer Verbreitung von Mittel- und SĂźdamerika Ăźber Asien bis hin zu Afrika stellt Malaria allerdings auch heute fĂźr westliche Touristen eine Gefahr dar. Die moderne Medizin arbeitet in der Malariatherapie meist mit Kombinationen mehrerer Medikamente, da die Erreger immer Ăśfter resistent sind. Pocken, Polio und Diphtherie konnten durch Schutzimpfungen in vielen Ländern effektiv bekämpft und teils sogar ganz ausgerottet werden wie etwa die Kinderlähmung in Europa und Nordamerika. Während noch im 17. Jahrhundert mehr Menschen an den Pocken als an Pest, Syphilis oder Lepra erkrankten, konnte die von Pockenviren verursachte Infektionskrankheit, gegen die als erste eine wirksame Impfung entwikkelt wurde, 1980 von der WHO fĂźr weltweit ausgerottet erklärt werden. Ende des 15. Jahrhunderts breitete sich in Spanien,Italien und Deutschland die Syphilis, aus. Sie wurde bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem hochgiftigen Quecksilber behandelt. In der modernen Medizin wird Penicillin eingesetzt. Seit etwa 500 Jahren treten im Winter und FrĂźhling regelmäĂ&#x;ige Grippewellen auf. Immer wieder kam es auch zu Grippe-Pandemien, die Millionen von Menschen das Leben kosteten, wie zum Beispiel die Spanische Grippe von 1918/19. Sie forderte weltweit etwa 50 Millionen Todesopfer. Hochwirksame antivirale Grippemedikamente gibt es bis heute nicht. Die Forschung muss auf immer neue Varianten der Influenzaviren reagieren und neue Impfstoffe entwikkeln. Zuletzt sorgten neue Varianten der Virenstämme H1N1 und H5N1 – in der Ă–ffentlichkeit besser unter den Namen Schweine- bzw. Vogelgrippe bekannt – fĂźr weltweites Aufsehen.


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Wenn Gedanken Prothesen lenken BIONIK. Es wirkt fast wie ein Wunder: Taube kÜnnen wieder hÜren, Blinde wieder sehen, Lahme wieder gehen. Die biblische Prophezeiung kÜnnte dank moderner Technik Realität werden. Weltweit arbeiten ForscherInnen, MedizinerInnen und TechnikerInnen daran, Sinne und Organe des Menschen mit technischen Mitteln zu ersetzen. g

Foto: Federica Sgorbissa

stammt ßbrigens eine kßnstliche Zehe, die an einer Mumie entdeckt wurde. Sie gehÜrte Tabaketenmut, einer Priestertochter, die etwa zwischen 950 und 710 v. Chr. gelebt haben muss. Diese Kunstzehe ist aus Leder und Holz gefertigt und trägt sogar ein kßnstliches Gelenk – das weist darauf hin, dass auch die alten Ägypter zumindest teilweise ßber funktionelle Anatomie Bescheid wussten.

Prothesenfunde aus Ă„gypten, die auf eine Zeit um 600 v. Chr. datiert sind, beweisen, dass bereits die alten Ă„gypter Ăźber funktionelle Anatomie Bescheid wussten.

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as BedĂźrfnis des Menschen, kĂśrperliche Schäden mit – zunächst einfachen – Mitteln auszugleichen oder zumindest zu mildern, ist offensichtlich uralt. So hat erst kĂźrzlich eine britische Medizinerin zwei kĂźnstliche Zehen aus dem alten Ă„gypten in der Praxis getestet. Resultat der Analyse: das mehr als 2.500 Jahre alte FundstĂźck – bekannt als „Greville-Chester-Zehe“ – dĂźrfte tatsächlich als Gehhilfe gedient haben. Die älteste Prothese der Welt besteht aus einer Art Urkarton (Leinen-PapmachĂŠ mit tierischen Klebesubstanzen), trug einst einen kĂźnstlichen Nagel und zeigt einige Gebrauchsspuren. Dass sie anno 600 v. Chr. als Prothese gedient haben kĂśnnte, vermutet man unter anderem aufgrund ihrer Machart. Die Zehe trägt nämlich einige LĂścher, die vermutlich zur Fixierung am FuĂ&#x; oder an einer Sandale gebohrt worden sind. Aus einer noch frĂźheren Periode Ă„gyptens

AB DEM MITTELALTER verwendete man Prothesen aus Holz und Eisen. Herausragend waren die Produkte des Schweizer Philosophen und Uhrmachers Pierre Jaquet-Droz (1721 – 1790). Seine mit seinem Partner Jean FrĂŠdĂŠric Leschot entwickelten Prothesen waren im Unterschied zu den damals Ăźblichen Produkten offensichtlich sogar funktionstĂźchtig, Knie konnten gebeugt und Gegenstände gehalten werden. FĂźr die vielen verstĂźmmelten Opfer des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die GliedmaĂ&#x;en verloren hatten, wurden dann in groĂ&#x;er Zahl die ersten Prothesen, die auch einfache Bewegungen ermĂśglichten, entwickelt. FĂźhrende Chirurgen wie Ferdinand Sauerbruch oder Konrad Biesalski erfanden Prothesen wie den sogenannten „SauerbruchArm“ oder die „Fischer-Hand“, die wegen ihrer Kosten aber nur wenigen Menschen zur VerfĂźgung standen. Bereits nach dem ersten Weltkrieg entwarf der deutsche Unternehmer Otto Bock Prothesen, die industriell hergestellt werden konnten. Otto Bock, in der Zwischenzeit ein international tätiger und anerkannter Konzern, sucht bei der Entwicklung neuer Produkte unter anderem UnterstĂźtzung beim Maschinenbau. Im konkreten Fall beim Institut fĂźr Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinen (IFW) im Produktionstechnischen Zentrum (PZH) der Leibnitz Universität Hannover im Rahmen der Entwicklung eines mit Hydraulikzylindern betriebenen kĂźnstlichen Kniege-


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BEREITS MARKTREIF sind einige weitere Produkte von Otto Bock, die heuer im Februar auf dem Deutschen Kongress fĂźr Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) der Ă–ffentlichkeit präsentiert wurden. Das sĂźdniedersächsische Medizintechnikunternehmen stellte die Schultergelenksorthese „Omo Immobil Rotation“, die Sprunggelenksorthese „Maelle TriStepŽ“ sowie die Weltneuheit – die Partellazentrierungsorthese „Patella Pro“ vor. Mit einer neu entwickelten, weltweit patentierten dynamischen Rezentrierungstechnik fĂźhrt und hält die Orthese die Kniescheibe bei den alltäglichen Bewegungen im physiologischen Gleitlager. Um noch genauere und bessere Prothesen entwickeln zu kĂśnnen, verwenden orthopädische Chirurgen in Wien seit einiger Zeit eine neue Technik: Einige Wochen vor der Operation werden mit Hilfe von Magnet-Resonanz-Bildern die genauen Daten erfasst. Diese Daten werden anonymisiert in die Vereinigten Staaten geschickt, wo sie ausgewertet werden. Daraus wird dann eine Schablone errechnet und erstellt. Bisher konnten, wie aus medizinischen Kreisen verlautet, bereits 20 Knieoperationen und Prothesen erfolgreich umgesetzt werden. MENISKUSPROBLEME SOLLEN IN ZUKUNFT

nach Meinung spanischer Mediziner mit biologischen Prothesen behoben werden. „Wenn es uns gelingt, einen verletzten Meniskus zu ersetzen, statt ihn bloĂ&#x; zu entfernen, dann lässt sich auf diesem Weg auch die Entwicklung einer Kniegelenksarthrose verlangsamen“, deponierte Maurillo Marcacci aus Bologna kĂźrzlich bei der Jahrestagung der „European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology (EFORT) im Madrid. Der Meniskus hat die Funktion eines StoĂ&#x;dämpfers zwischen Oberschenkelknochen und Schienbein. Wird er eingerissen oder durch eine andere Verletzung beeinträchtigt, macht sich das durch massive Schmerzen bemerkbar. Dieses Problem hat man bisher durch eine vollständige oder teilweise Entfernung des Meniskus behandelt. Doch ohne dessen dämpfenden Effekt kĂśnnen erst recht

Schmerzen auftreten, oft entwickelt sich eine Kniegelenksarthrose. Moderne Therapieansätze versuchen daher, den geschädigten Meniskus zu ersetzen, statt ihn zu entfernen. FĂźr eine ausgewählte Patientengruppe sind Meniskus-Transplantationen daher die Behandlungsoption der Wahl. Das neue Konzept, mit biologischen Prothesen fĂźr einen Reparatur- und Regenerationsprozess zu sorgen, hat klare Vorteile gegenĂźber der Transplantation eines menschlichen Spender-Meniskus – nicht zuletzt der sehr begrenzten VerfĂźgbarkeit menschlicher Gewebe- und Knorpelspenden. Marcacci: „Das ist eine biomechanische und eine technische Revolution!“ DAS US-START-UP IWALK aus Cambridge, das 2006 aus dem Massuchusetts Institut of Technology ausgegliedert wurde, will jetzt seine FuĂ&#x;prothese „PowerFoot BIOM“ auf den Markt bringen, die von der Biomechatronikgruppe der Hochschule entwickelt wurde. Das System soll dem Träger ähnlich gute Geh- und Laufleistungen wie ein Nichtbehinderter erlauben. Der „PowerFoot BIOM“ ahmt dabei die Funktion der Wadenmuskeln, der Achillessehne und des Sprunggelenks nach und hat eine grĂśĂ&#x;ere Beweglichkeit als bisherige Prothesen aus Carbonfasern. Dabei steht beim AbdrĂźcken des FuĂ&#x;es vom Boden nicht nur wie mit aktuellen Systemen die Hälfte der Energie des natĂźrlichen KnĂśchels zur VerfĂźgung, sondern fast genauso viel. DarĂźber hinaus erfassen Winkel-, Drehmomentund Drucksensoren 250mal pro Schritt, wie stark das kĂźnstliche FuĂ&#x;gelenk gestreckt oder gebeugt wurde. Daraus berechnen eingebaute Prozessoren die weitere Bewegung und passen den Gang auch an unebenes Gelände, Rampen oder Treppen an. Das Gewicht der Prothese entspricht in etwa den normalen GliedmaĂ&#x;en, was vom Träger als weniger stĂśrend empfunden wird als bei anderen Prothesen.

Aktuelle FuĂ&#x;prothesen erlauben dem Träger ähnlich gute Gehund Laufleistungen wie einem Nichtbehinderten.

Foto: Robert Kosta

lenks. Es spart so viel Platz ein, dass dem Patienten bei einer Unterschenkelamputation der komplette Oberschenkelknochen erhalten bleiben kann. Die Firma hat die „Knieexartikulationsprothese“ bereits zum Patent angemeldet. Damit sind die Entwickler Sabrina PlĂźmer und Martin Eckl der idealen Unterschenkelprothese zwar ein gutes StĂźck näher gekommen, bis zur Marktreife dĂźrften allerdings noch einige Jahre vergehen.

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Christian Kandlbauer, der 2005 bei einem Unfall beide Arme verlor, erhielt 2007 eine vom Unternehmen Otto Bock entwicklelte Bionik-Prothese, die mittels spezieller Elektroden Signale des Gehirns an die Bewegungsmechanik der Prothese weiterleitete. Selbst Auto fahren wurde derart mĂśglich.

Hugh Herr, Leiter der BiomechatronikGruppe am MIT und GrĂźnder und Chefwissenschafter von iWalk, arbeitet bereits seit den 1990er Jahren an besseren Prothesen. Er hat daran ein persĂśnliches Interesse: Bei einem Bergunfall verlor er 1982 selbst beide Beine.

Foto: Otto Bock

MODERNE PROTHESEN VOLLBRINGEN LEISTUNGEN, die an

ProthesenWĂśrterbuch Eine Prothese bezeichnet in der Medizin den Ersatz von GliedmaĂ&#x;en, Organen oder Organteilen durch kĂźnstlich geschaffene, funktionell ähnliche Produkte. Befindet sich die Prothese auĂ&#x;erhalb des KĂśrpers, spricht man von einer Exoprothese (z.B. kĂźnstliche GliedmaĂ&#x;en, Arm-, Bein- oder Handprothese), andernfalls von einer Endoprothese oder einem Implantat (z.B. kĂźnstliches HĂźftgelenk). Offene Implantate, die zum Teil aus dem KĂśrpergewebe herausragen, sind z.B. Zähne, aber auch Implantate zur Befestigung von Ohrmuschelimitationen, Bein-, Nasen- oder Augenprothesen (Epithesen). Dabei wird das Implantat in den jeweiligen Knochen eingesetzt. Prothesen ersetzen aber auch Herzklappen und sogar das gesamte Herz. Derzeit wird daran geforscht, mittels „Tissue Engineering“ aus eigenem Gewebe Ersatzteile wie zum Beispiel Herzklappen zu zĂźchten. Diese als Implantat verwendeten Prothesen fallen unter die Kategorie Endoprothese.

ein Wunder grenzen. Seien es nun Chochlea-Implantate fĂźr Menschen mit HĂśrproblemen oder Schrittmacher fĂźr Beine. PatientInnen, deren Gehfähigkeit durch einen Schlaganfall eingeschränkt ist, profitieren davon, weil ein Schrittmacher im richtigen Augenblick einen Impuls sendet, damit sich das Bein hebt. Die Visionen der WissenschaftlerInnen gehen allerdings noch viel weiter und erinnern in Teilen an Fantasien von Science-Fiction-Autoren. Schrittmacher fĂźr Blase, Magen, Hirn, Nerven oder Zwerchfell, Ersatz fĂźr Sehen, riechen, Schmecken oder Prothesen fĂźr Arme und Beine, die sich durch Gedanken steuern lassen. „Das Gebiet der Neuroprothetik ist so vielfältig, dass man nicht fĂźr das gesamte Forschungsgebiet einen Status des Fortschritts konstatieren kann“, meint Klaus Peter Hoffmann, Leiter der Abteilung fĂźr Medizintechnik und Neuroprothetik am Fraunhofer-Institut fĂźr Biomedizinische Technik. So arbeiten beispielsweise US-ForscherInnen an einem faseroptischen Interface, das Nerven und Prothesen direkt miteinander verbindet und Signale in beiden Richtungen Ăźbertragen kann. Damit kĂśnnten nicht nur kĂźnstliche Arme oder Beine zum vollwertigen Ersatz fĂźr natĂźrliche GliedmaĂ&#x;en werden. „Diese Technologie hat das Potenzial, das RĂźckenmark ober- und unterhalb einer Verletzung zu reparieren“, betont Marc Christensen, Leiter des „Neurophotonics Research Center“ an der Southern Methodist University (SMU). Interessiert hat sich jedenfalls bereits das Militär gezeigt: Die „Defense Ad-

vanced Research Projects Agency“ (DARPA), der Forschungsarm des Pentagons, investiert 5,6 Millionen Dollar in das Projekt. Aktuelle Prothesen erfordern meist Kabel und teils sehr unnatĂźrliche Muskelbewegungen, um sie zu steuern. Das US-Forschungsteam ist der Ansicht, dass sein faseroptisches Interface allen bisherigen elektronischen Ansätzen Ăźberlegen sein wird. Denn es soll eine wirklich nahtlose bidirektionale DatenĂźbertragung ermĂśglichen. Das Ziel ist eine LĂśsung, die hunderte oder tausende Sensoren in einer einzelnen Faser vereint und damit ermĂśglicht, Nervenenden direkt mit kĂźnstlichen GliedmaĂ&#x;en zu verbinden. Die PatientInnen sollen am Ende der Entwicklung robotische Prothesen wirklich genau wie natĂźrliche Arme, Hände oder Beine bewegen kĂśnnen. Dadurch, dass Signale auch von der Prothese an die Nerven Ăźbertragen werden, soll es sogar mĂśglich werden, beispielsweise Druck oder Hitze mit kĂźnstlichen GliedmaĂ&#x;en zu „fĂźhlen“. ALLERDINGS HAT DIE NEUROPROTHETIK

bereits heute Aufsehenerregendes zu bieten: Die Bilder des Ă–sterreichers Christian Kandlbauer, der sich Ende 2009 hinter das Lenkrad eines Autos setzte, gingen um die Welt. Der angehende Kfz-Mechaniker verlor im Jahr 2005 bei einem Starkstromunfall beide Arme. 2007 erhielt er zwei Prothesen, von denen die linke eine ganz besondere – eine weltweit vĂśllig neuartige Bionik-Prothese – war. Kandlbauer waren zuvor jene Nerven, die vom Gehirn zu dem Arm liefen und die dortigen Muskeln steuerten, in den Brustmuskel verlegt worden. Dort wuchsen sie ein. Spezielle Elektroden registrierten deren Signale. Es genĂźgte also, wenn sich Kandlbauer vorstellte, wie er seinen Arm bewegen will, und die Prothese Ăźbte die entsprechende Bewegung aus. Vor allem das Autofahren wurde danach zu seiner Leidenschaft. Mit einem fĂźr ihn ausgerĂźsteten Fahrzeug legte er in einem Jahr 40.000 Kilometer zurĂźck. Er war ein routinierter Fahrer, der leider am 19. Oktober 2010 in seiner oststeirischen Heimat von der StraĂ&#x;e abkam, frontal gegen einen Baum fuhr und dabei tĂśdliche Verletzungen erlitt. Laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft Graz, Hans-JĂśrg Bacher, sei mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ von einem Suizid auszugehen, einen kausalen Zusammenhang mit den Prothesen oder dem umgebauten Fahrzeug gebe es nicht. k Leopold Lukschanderl


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Organverpflanzungen: Best Practice kommt aus Spanien VORBILDLICH. Schlagzeilen ßber Spanien waren in den letzen Monaten zumeist nicht erfreulich. Dabei gäbe es vor allem aus Wissenschaft und Medizin einiges an Good News. Beispielsweise auf dem Gebiet der Organspende hält Spanien mit seinem Modell eine internationale Spitzenposition. g

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n keinem Land der Welt gibt es eine hĂśhere Organspenderrate als in Spanien. Mit 35 SpenderInnen pro Million Einwohner liegt Spanien klar an der Spitze des weltweiten Rankings. 1.502 SpenderInnen gab es 2010, insgesamt wurden 3.773 Organe transplantiert. Die Zahl der Spender pro Million Einwohner ist doppelt so hoch wie jene in GroĂ&#x;britannien und Ăźbertrifft auch Ăśsterreichische Werte bei weitem. Mit 25 SpenderInnen pro Million liegt Ă–sterreich nur im Mittelfeld. 2010 gab es in Ă–sterreich 762 Transplantationen und 256 SpenderInnen. Die Frage, ob Spanien ein Vorbild in Sachen Organspende ist, beantwortet Maria Preschern, Verantwortliche fĂźr den Arbeitsbereich Transplantationswesen in der GĂ–G (Gesundheit Ă–sterreich GmbH) mit einem uneingeschränkten „Ja“. Der Erfolg des spanischen Systems wird vor allem drei zentralen Rahmenbedingungen zugeschrieben. Neben rechtlichen und technischen Voraussetzungen ist es vor allem die organisatorische Ebene, die das spanische Modell auszeichnet. EIN GESETZ, AN DAS SICH KEINER HĂ„LT. Die rechtlichen Voraussetzungen in Spanien sind im Prinzip dieselben wie in Ă–sterreich. Auch auf der iberischen Halbinsel gibt es seit 1979 die Widerspruchsregelung. Streng nach Gesetz besagt diese, dass jede/r OrganspenderIn werden kann, die/der sich nicht ausdrĂźcklich dagegen ausgesprochen hat. In Ă–sterreich gibt es dazu ein Widerspruchsregister, in das derzeit knapp 22.000 Menschen eingetragen sind. Weil man sich aktiv gegen eine Spende entscheidet, wird diese Regelung auch „opt-out“ genannt. Spanien hat zwar dieselbe rechtliche Grundlage, gelebt wird jedoch etwas anderes. Im spanischen System ist man Ăźberzeugt, dass es der beste Weg ist, die WĂźnsche eines potenziellen Spenders zu berĂźcksichtigen, wenn man seine AngehĂśrigen befragt. Aus der theoretisch vorhandenen Widerspruchsregelung (opt out), wird also eine praktizierte Zustim-

mungsregelung (opt in). Die Entscheidung der Familien hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: dem Vertrauen in das medizinische Personal, dem Verständnis Ăźber den Prozess der Organspende, der Professionalität, mit der das Thema im direkten Gespräch behandelt wird und natĂźrlich den zu Lebzeiten geäuĂ&#x;erten WĂźnschen des Verstorbenen. ALLES EINE FRAGE DER ORGANISATION. Organspende ist

stets ein heikles Thema. Nicht nur ethisch, rechtlich oder medizinisch, sondern vor allem organisatorisch stellt die Spende von Organen eine enorme Herausforderung dar. Einer groĂ&#x;en Anzahl von potenziellen EmpfängerInnen steht eine kleine Gruppe von SpenderInnen gegenĂźber. Dazu kommt der Faktor Zeit, der die Organspende stark beschränkt. Bei Herz oder Lunge dĂźrfen zwischen Entnahme und Transplantation nicht mehr als drei bis vier Stunden vergehen. Bei der Leber sind es immerhin acht bis zwĂślf, bei Nieren kĂśnnen es zwĂślf Stunden sein. Sieht man sich diese Zahlen an, wird klar wie wichtig eine funktionierende Koordination und Organisation ist. In Spanien Ăźbernimmt diese Aufgabe seit 1989 die nationale Organisation fĂźr Transplantation (ONT). Die Schaffung dieser Organisation hat das System in Spanien revolutioniert. „Ob die Organspende in einem Land funktioniert oder nicht, hängt vom System ab“, betont auch Rafael Matesanz, der Präsident der ONT. Im Rahmen eines von der GĂ–G organisierten Workshops war er 2009 auch zu Gast in Ă–sterreich. Die ONT ist das Herz des spanischen Modells: Hier wird die Warteliste verwaltet, Registrierungen werden vorgenommen, Daten werden gesammelt und ausgewertet, Weiterbildungsangebote organisiert und koordiniert. Hier klingelt das Telefon, wenn ein/e poten-


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Fotos: sxc.hu, Photodisc, beigestellt

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Ein maĂ&#x;geblicher Faktor bei Spenderorganen ist natĂźrlich die Zeit. Beispielsweise dĂźrfen bei Herz oder Lunge zwischen Entnahme und Transplantation nicht mehr als drei bis vier Stunden vergehen.

zielle/r SpenderIn in einem Krankenhaus registriert wurde. Hier werden die Transplantationsteams koordiniert und der Transport organisiert. Auch Anfragen von Journalisten und Medien werden hier rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, angenommen. „Hier läuft alles zusammen, aber der GroĂ&#x;teil der Arbeit passiert in den Krankenhäusern“, sagt ONT-Präsident Matesanz. Eine wichtige Rolle spielen dabei die TransplantationskoordinatorInnen, die in jedem der 175 zur Organentnahme autorisierten Krankenhäusern tätig sind. Transplantationen durchfĂźhren kĂśnnen 45 Krankenhäuser in Spanien. In jedem davon gibt es eine/n hauptverantwortliche/n KoordinatorIn, da diese/r aber nicht rund um die Uhr verfĂźgbar sein kann, wird die Aufgabe von mehreren Verantwortlichen gemeinsam Ăźbernommen. Alle KoordinatorInnen sind unab-

sind die KoordinatorInnen immer dort, wo die meisten SpenderInnen zu finden sind: In den Intensivstationen. Einer von ihnen ist Santiago Yus, Transplantationskoordinator in einem der grĂśĂ&#x;ten Krankenhäuser Spaniens, im La Paz in Madrid. Bei ihm laufen alle wichtigen Informationen Ăźber mĂśgliche SpenderInnen zusammen. RegelmäĂ&#x;ig wird Yus Ăźber den Zustand von PatientInnen in akutem Zustand informiert. Tritt ein Hirn- oder in selteneren Fällen ein Herztod ein, bestimmt er gemeinsam mit zwei anderen Ă„rztInnen den Tod, nimmt die Daten auf und hat im Anschluss auch die schwere Aufgabe, mit der Familie Ăźber eine mĂśgliche Spende zu sprechen. „Wir versuchen, den Familien so viel Zeit wie mĂśglich zu geben – leider ist diese im Zusammenhang mit Organspenden aber meistens knapp. Durch den Fakt, dass die Todesnachricht und die Bitte um eine Organspende nicht von derselben

Santiago Yus: „Wir versuchen, den Familien fßr ihre Entscheidung zur Organspende so viel Zeit wie mÜglich zu geben – die ist aber in unserem Beriech leider sehr knapp. hängig von den Transplantationsteams und damit nicht an den Operationen beteiligt. Sie werden vom Krankenvorstand bestimmt und durch eine Prämie fßr die verantwortungsvolle Aufgabe entlohnt. Die meisten KoordinatorInnen sind IntensivärztInnen, die die Tätigkeit des Koordinators neben ihrer alltäglichen Arbeit erfßllen. So

Person Ăźberbracht werden, versuchen wir ein MindestmaĂ&#x; an Abstand zu schaffen“, so Yus. EXAKT DEFINIERTER ABLAUF. Stimmt die Familie einer Spende zu, wird die ONT-Zentrale angerufen. An einem durchschnittlichen Tag werden drei bis vier mĂśgliche SpenderInnen gemeldet. In Ausnahmefällen kĂśnnen es aber

auch 13 an einem Tag sein, wie es im letzten Jahr einmal der Fall war. „An diesem besonderen Tag waren 600 Personen an der Organisation der Transplantationen beteiligt“, erklärt Rafael Matesanz, der Präsident der ONT. Geht ein Anruf ein, herrscht hĂśchste Konzentration, ab jetzt zählt nämlich jede Minute. Die Warteliste, auf der Ende 2010 insgesamt 5.760 Personen registriert waren, wird nach passenden KandidatInnen gesucht, die wiederum in verschiedene Prioritätskategorien eingeteilt werden. Kategorie 0 und damit oberste Priorität haben PatientInnen, die ohne eine Spende innerhalb von 48 Stunden sterben. AnschlieĂ&#x;end folgt die Vergabe mittels eines ausgeklĂźgelten Systems, in dem die einzelnen Krankenhäuser in einer im Vornherein festgelegten Reihenfolge berĂźcksichtigt werden. Die ONT informiert das Transplantationsteam des entsprechenden Krankenhauses und organisiert den Transport via Taxi, Hubschrauber oder Flugzeug. In der Regel wird Entnahme und Transplantation vom selben Team durchgefĂźhrt, um den Prozess so sicher wie mĂśglich zu machen. Während sich die Ă„rztInnen auf den Weg zur Organentnahme machen, werden im Krankenhaus, in dem die Transplantation stattfinden soll, drei mĂśgliche EmpfängerInnen der krankenhauseigenen Warteliste kontaktiert. „Alle drei kommen ins Krankenhaus und unterlaufen verschiedene Tests. So stellen wir fest, fĂźr wen das Organ am besten geeignet ist. Es ist hart, zwei Menschen mit all ihren Hoffnungen wieder nach Hause schicken zu mĂźssen, aber zumindest kann einem Patienten ein neues Leben geschenkt werden“, sagt Transplantationskoordinator Santiago Yus. INVESTITIONEN IN WEITERBILDUNG UND FORSCHUNG. Das spanische Gesundheitssys-

tem ist staatlich organisiert und wird von der BehĂśrde Insalud (Instituto Nacional de GestiĂłn Sanitaria) verwaltet. 90 Prozent der BevĂślkerung werden auf diese Art versorgt, der Rest greift auf private Angebote zurĂźck. Das System in Spanien zeichnet sich vor allem durch erfahrenes, motiviertes, gut ausgebildetes und innovatives Personal aus. In Sachen Organspende spielt die auĂ&#x;erordentlich gute Ausbildung des Personals eine besonders wichtige Rolle. RegelmäĂ&#x;ige Schulungen fĂźr alle am Prozess der Organspende Beteiligten machen das System so leistungsfähig. Seit 1991 haben mehr als 11.000 Ă„rztInnen und Krankenschwestern Kurse mit dem Schwerpunkt Organspende besucht. Auch Ăśsterreichische Ă„rztInnen nutzen das gute Bildungsangebot in Spanien. Seit 2000 gibt es kontinuierlich Schulungen Ăśsterreichischer Transplantationskoordinatoren in Barcelona.


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An den so genannten TPM-Kursen (transplant procurement management) nehmen auch Lehrkräfte aus Ă–sterreich teil, so zum Beispiel Prof. Ferdinand MĂźhlbacher, der Vorsitzende des Transplantationsbeirates und Leiter der Chirurgie im AKH Wien. Neben den guten Weiterbildungsangeboten stehen im spanischen System auch regelmäĂ&#x;ige Audits auf dem Programm. Im Bereich Forschung macht Spanien im Moment vor allem durch ein ganz besonderes Projekt von sich reden. Im Universitätskrankenhaus Gregorio de Maraùón wurde Ende 2010 ein Labor erĂśffnet, in dem weltweit zum ersten Mal mit Hilfe von adulten Stammzellen Organe produziert werden sollen. Was klingt wie aus einem Science-Fiction-Film, kĂśnnte schon in zehn Jahren medizinische Realität sein. Das Projekt mit dem Namen SABIO (Scafolds And BIoartificial Organs for Transplantation) ist ein Gemeinschaftsprojekt. Neben dem Krankenhaus Gregorio Maraùón sind die ONT und die Universität Minnesota in den USA beteiligt. Die ONT steuert Spenderorgane bei, die aus verschiedenen GrĂźnden nicht transplantiert werden kĂśnnen. In der Universität Minnesota sind im Vorfeld bereits erfolgreiche Versuche mit tierischen Organen durchgefĂźhrt worden. Francisco FernĂĄndez AvilĂŠs, Chefarzt der kardiologischen Abteilung im Gregorio Maraùón und Koordinator des Forschungsprojektes, erklärt den geplanten Vorgang: „Die Organe, die wir von der ONT erhalten, werden speziellen Prozessen unterzogen, sodass alle Zellen des Herzens oder der Leber eliminiert werden. Ăœbrig bleibt eine dreidimensionale Matrix, eine Art Skelett. Im Anschluss werden adulte Stammzellen aus Knochenmark oder Fettzellen in diese Matrix injiziert. In Bioreaktoren mit geeigneten Tempe-

ratur- und Druckverhältnissen und durch den Einsatz elektrischer Impulse wachsen dann die neuen Organe heran. Die vorgegebene Matrix regelt dabei die Verteilung, Entwicklung und Ausdifferenzierung der Zellen.“ Was so unglaublich klingt, hat bei kleineren Säugetieren schon funktioniert. Drei bis

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mĂśgen beweisen, ist die Zustimmung zu Organspende in Spanien groĂ&#x;. Eine Umfrage der europäischen Union aus dem Jahr 2010 hat ergeben, dass 61 Prozent der SpanierInnen ihre Organe spenden wĂźrden, im Vergleich dazu sind es in Ă–sterreich nur 39 Prozent. Die Frage, ob sie der Spende von Organen AngehĂśriger

Santiago Yus: „Wir versuchen, den Familien fĂźr ihre Entscheidung zur Organspende so viel Zeit wie mĂśglich zu geben – die ist aber in unserem Bereich leider sehr knapp.“ vier Wochen hat das Wachstum eines Herzens bei Versuchen mit Ratten in Minnesota gedauert. Die Chancen, die aus dem Projekt resultieren, sind vielversprechend. „Wir wĂźrden nicht nur das Problem des Mangels von Spenderorganen lĂśsen, auch das AbstoĂ&#x;en von Organen wäre kein Problem mehr, da es sich bei dem eingesetzten Organ um kĂśrpereigene Zellen handeln wird“, sagt Aviles. Das 600.000 Euro teure Labor und die Kosten des Projektes werden von der Regierung der Stadt Madrid und den Fonds fĂźr Internationale Zusammenarbeit des spanischen Ministeriums fĂźr Wissenschaft und Innovation getragen. VERTRAUEN IN DAS SYSTEM. Eine wichtige Zutat im Erfolgsrezept des spanischen Systems ist eine generell positive Einstellung zur Organspende in der Gesellschaft. Die vielen Erfolge und die gut ausgebildeten Ă„rztInnen, die dank spezieller Schulungen im Kontakt mit AngehĂśrigen FingerspitzengefĂźhl und EinfĂźhlungsver-

45 Krankenhäuser in Spanien kÜnnen Transplantationen durchfßhren. In jedem davon gibt es eine/n hauptverantwortliche/n KoordinatorIn fßr derartige Eingriffe.

zustimmen wĂźrden, beantworten 59 Prozent der SpanierInnen mit ja, in Ă–sterreich sind es 35 Prozent. Auch Koordinator Santiago Yus sagt: „Im Grunde sind es nur rund 15 Prozent, die eine Organspende klar ablehnen. Der Tod eines AngehĂśrigen ist immer schrecklich, aber der Gedanke, dass mit einer Organspende bis zu sieben andere Menschenleben gerettet werden kĂśnnen, gibt vielen Menschen Trost.“ VON SPANIEN LERNEN. Ob das spanische System in anderen Ländern erfolgreich sein kĂśnnte, hängt von verschiedenen Faktoren ab: der Art des Gesundheitssystems, den Ăśkonomischen Ressourcen, die fĂźr das Gesundheitswesen bereitgestellt werden, der Zahl der verfĂźgbaren MedizinerInnen und deren Gehalt, der Zahl der verfĂźgbaren Betten in den Intensivstationen und der Altersstruktur der Gesellschaft. In der Toskana ist das Spanische Modell bereits erfolgreich umgesetzt worden. Auch in Lateinamerika gibt es gute Ansätze in der Adaptierung dieses Modells. Und auch Ă–sterreich hat sich einiges von Spanien abgeschaut. „Wir haben die Konzepte der lokalen und regionalen Koordination der Organspende aus Spanien Ăźbernommen“, erklärt Maria Preschern von der GĂ–G. Trotz der starken Regionalisierung im Ăśsterreichischen Gesundheitssystem hat man auch eine nationale Koordinationsstelle, ähnlich der ONT in Spanien, in Ă–sterreich installiert. FĂźr die Zukunft hat sich das Ăśsterreichische System viel vorgenommen: „Wir wollen das Potenzial an mĂśglichen Organspendern besser erkennen, diese entsprechend medizinisch betreuen und – unter BerĂźcksichtigung ethischer, rechtlicher und medizinischer Rahmenbedingungen – mĂśglichst ausschĂśpfen“, so Maria Preschern. k Die Autorin, Doris Oberleiter, studiert an der FH des WIFI Wien Journalismus, und war im Rahmen ihrer Ausbildung bei AUSTRIA INNOVATIV Praktikantin.


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Alle freuen sich auf die warme Jahreszeit. Fr체hling in Wien, das hat was! Die Leichtigkeit des Seins ist 체berall sp체rbar: Schanig채rten, Open Air-Konzerte, tolle M채rkte, schicke Lokale, TopEvents, erfrischende B채der und wunderbare Natur mitten in der Stadt. Top-Lebensqualit채t, die von den Menschen auch gesch채tzt wird und ein guter Mix aus Tradition und Moderne, geben der Stadt das Gewisse Etwas. g

Foto: Wolfgang Simlinger, Wien Tourismus

Wiener Lebenslust


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o eine Vielfalt an Freizeit- und Kultureinrichtungen hat kaum eine andere Stadt. Sport, Fun oder AusflugmĂśglichkeiten, kann man in Wien vor der HaustĂźr genieĂ&#x;en. Besonders schĂśn ist es am Bisamberg, der Lobau, dem Prater oder dem Lainzer Tiergarten. Der Wienerwald lockt mit zahlreichen Wanderwegen und weiten Wiesen. Wer es erfrischender mag, sollte Tage an der Alten Donau und auf der Donauinsel einplanen. Tipp: Seit dem Vorjahr gibt es auf der Donauinsel die Inselinfo. Hier bekommen Interessierte Infos und Service – von Montag bis Samstag von 12.00 bis 20.00 Uhr und am Sonntag schon ab zehn Uhr, Ort: 22., Donauinsel, circa 350 Meter stromabwärts der ReichsbrĂźcke. Der GrĂźngĂźrtel der Stadt ist Ăźberall präsent und lockt auch Sportliche: Laufen, Walken, Inlineskaten und Radeln machen fit und eine gute Figur.

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Am Donaukanal liegt auch die AndockStation des Twin City Liners, eines Katamarans, der von der Wiener City aus Bratislava im Rahmen einer rasanten Donaufahrt in nur 75 Minuten erreicht. Auf www.twincityliner.com erfahren Interessierte alles ßber die neuen Angebote des Twin City Liners. URBAN FEELINGS IM 16. BEZIRK. Was Soho vor ein paar Jahren in New York war, ist das Viertel um den Yppenplatz heute. Urbanes Flair, Kunstateliers, Marktfeeling und trendige Lokale haben dieses Grätzel in den ver-

Am Wiener Donaukanal gibt es Strand, Sand und Entschleunigung vom hektischen Tag. Die summerstage, Hermanns Strandbar, das Badeschiff, der Tel Aviv-Beach und viele andere nette Lokale vermitteln UrlaubsgefĂźhle mitten in der Stadt.

DER STRAND DER WIENER. Ein weiteres Must: Das Freizeitufer am Wiener Donaukanal. Hier gibt es Strand, Sand und Entschleunigung vom hektischen Tag. Die summerstage, Hermanns Strandbar, das Badeschiff, der Tel Aviv-Beach und viele andere nette Lokale vermitteln Urlaubsgefßhle mitten in der Stadt. Liegestßhle, erfrischende Drinks, kulinarische Leckerbissen, Chill Out–Musik und jede Menge coole Leute.

Foto: Hans Labler

WIEN IST OPEN-AIR. Auch kulturell tut sich einiges in der Stadt: Theater, Konzerte, OpenAir-Veranstaltungen, wie das Popfestival am Karlsplatz vom 5. bis 8. Mai machen Stimmung in der Stadt. Kultur-Highlights wie die Wiener Festwochen, der Life-Ball aber auch Kabarett, Film-Ausstellungen oder Grätzelkultur – das Angebot ist vielfältig und auf hohem Niveau. Extratipp: Das Theater an der Wien bietet als einziges Opernhaus der Stadt auch im Sommer ein anspruchsvolles Kulturprogramm. Konzerte fĂźr jeden Geschmack bietet die Wiener Stadthalle, und sollte es einmal weniger sommerlich sein, dann gibt es unzählige Museen, die begeistern. Tipp: Wien Museum am Karlsplatz oder das Museum auf Abruf, gleich beim Rathaus. Auch das MQ – das Museums Quartier –, ist einer der Top-Spots der Stadt. Die bunten Enzos, laden zum Entspannen ein. Kunst, Essen, Trinken, Shoppen und junges Flair machen diesen Platz zu etwas ganz Besonderem. Das MQ ist eines der zehn grĂśĂ&#x;ten Kulturareale der Welt: Kunst, Architektur, Theater, Tanz, Musik, Kinderkultur, Mode, Design – hier findet man das, was man schon immer gesucht hat.


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Foto: Wolfgang Simlinger, Wien Tourismus

gangenen Jahren zu einem der hippsten Gegenden der Stadt gemacht. Etwas ganz Besonderes bietet auch der Naschmarkt: Nicht nur das vielfältige und bunte Markt-Angebot kann sich hier sehen lassen, sondern auch die Lokalszene. Sich einfach treiben lassen und genieĂ&#x;en. Erholung garantiert!

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GENUSS IM KĂœHLEN NASS. Die Wiener Bäder haben ab Mai wieder Saison.18 städtische Sommerbäder machen Lust auf Sonnenbad oder den Sprung ins kĂźhle Nass. Die Bäder bieten auch dieses Jahr ein buntgemischtes Freizeitprogramm: Schwimmen und Relaxen ist nicht das einzige, was Wiens Sommerbäder so beliebt macht. Ein wesentliches Erfolgsrezept sind auch die attraktiven Freizeitangebote: Animations-

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Foto: Holan

Foto: Wien Tourismus/Karl Thomas

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Foto: Stadt Wien

í˘ą Das Museums Quartier ist einer der Top-Spots der Stadt. Die bunten Enzos, laden zum Entspannen ein. í˘˛ Wien ist die einzige GroĂ&#x;stadt der Welt mit bedeutendem Weinbau innerhalb der „city limits“. í˘ł 18 städtische Sommerbäder machen Lust auf Sonnenbad oder den Sprung ins kĂźhle Nass. í˘´ LiegestĂźhle, erfrischende Drinks, kulinarische Leckerbissen, Chill Out–Musik und jede Menge coole Leute gibt es unter anderem am Tel Aviv-Beach.


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WIENER WEIN – BEIM HEURIGEN ODER IM TRENDLOKAL. Wien und Wein gehÜren ein-

fach zusammen! Wien ist die einzige GroĂ&#x;stadt der Welt mit bedeutendem Weinbau innerhalb der „city limits“. Wurde der Wiener Wein frĂźher vor allem als „resches TrĂśpferl“ beim Heurigen geschätzt, so ist er heute auch als Qualitätswein in aller Munde. Er hat in den vergangenen Jahren einen grundlegenden Image-Wandel erfahren. Die Wiener Winzer produzieren hervorragende Weine in Top-Qualität. Rund 700

Hektar Weingärten befinden sich innerhalb der Stadtgrenzen. Sie prägen das Stadtbild, stellen einen wesentlichen Ăśkologischen Faktor dar und sind ein beliebtes Naherholungsgebiet fĂźr die WienerInnen und ihre Gäste. Die Stadt fĂźhrt sogar ihr eigenes Weingut und das mit groĂ&#x;em Erfolg: Die Weine vom Weingut Wien Cobenzl sind national und international prämiert. Der Junge Wiener steht fĂźr jugendlichen Charme und unkompliziertes TrinkvergnĂźgen und erweist sich besonders beim jungen Publikum und in der Szenegastronomie als Renner. Einfach ausprobieren, einfach Prost! Infos Ăźber das Weingut der Stadt: www.weingutcobenzl.at Tipp: Kultur, Events und Freizeittipps auf www.wien.at. k

Kultur-Highlights wie die Wiener Festwochen, der Life-Ball aber auch Kabarett, Film-Ausstellungen oder Grätzelkultur – das Angebot ist vielfältig und auf hohem Niveau.

Foto: Mike Ranz

teams, Volleyballturniere oder Kinderclubs machen den Aufenthalt in einem der Wiener Bäder zu einem Abenteuer. Infos dazu auf: www.sommerzauber.at. Weitere Infos: www.wien.gv.at/ baeder oder unter der Bäder-Info-Nummer 60112/8044.

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E-Mobilität „made in Austria“ ENDE DER Ă–LZEIT? Mitte März starteten neun themenspezifische Arbeitsgruppen, in denen die Chancen der Elektromobilität mit VertreterInnen aus Industrie, Forschung, Interessenvertretungen und Verwaltung identifiziert werden. Bis Ende Oktober sollen daraus konkrete MaĂ&#x;nahmenvorschläge ausgearbeitet sein. Eine zentrale Rolle wird dabei sicher das BMVIT einnehmen. Denn von der Infrastruktur Ăźber die angewandte ForschungsfĂśrderung bis hin zu den verkehrsrechtlichen Rahmenbedingungen deckt es alle Bereiche der E-Mobilität ab. g

Fotos: BMVIT, Smart, KTM

Emissionen im StraĂ&#x;enverkehr sieht Umweltminister Niki Berlakovich intelligente LĂśsungen sowie die Umstellung auf ein klimafreundliches Mobilitätsverhalten jedenfalls als Gebot der Stunde. Ministerin Doris Bures: „Das Ziel ist nicht nur, mĂśglichst rasch mĂśglichst viele Hybridund E-Mobile in Ă–sterreich auf die StraĂ&#x;e zu bringen, sondern vor allem auch, dass die umweltfreundliche Mobilität von Ăśsterreichischen Technologien angetrieben wird – und wir damit WertschĂśpfung und Arbeitsplätze in Ă–sterreich schaffen.“

Laut einer aktuellen Prognose wird 2020 der Anteil an reinen Verbrennungskraftmaschinen bei neuzugelassenen Fahrzeugen in Ă–sterreich bei nur noch 15 Prozent liegen.

M

it dem Bundesministerium fĂźr Verkehr, Innovation und Technologie, dem Umwelt- und dem Wirtschaftsministerium leiten nun alle drei fĂźr das Thema E-Mobiliy zuständigen Ministerien die EinfĂźhrung von Elektromobilität konzertiert in ihre nächste Phase. Die Koordinierung Ăźbernimmt dabei eine eigens eingerichtete Steuerungsgruppe. „Es gibt eine echte Aufbruchsstimmung in Industrie und Forschung. E-Mobilität made in Austria hat ein enormes Potenzial – fĂźr die Umwelt und die VerkehrsteilnehmerInnen genauso wie fĂźr die Industrie und ihre Beschäftigten“, so Infrastrukturministerin Doris Bures. Ergänzt wird sie von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, der „durch abgestimmte Strategien bei der Elektromobilität einen Mehrwert fĂźr Ă–sterreich“ ortet. Rund 200 Experten aus 82 Institutionen sein laut Mitterlehner in den Prozess involviert. Messlatte sei dabei die in der Energiestrategie definierten 250.000 Elektrofahrzeuge, die bis 2020 in Ă–sterreich unterwegs sein sollen. Vor allem aufgrund der steigenden CO2-

HOHE FĂ–RDERVOLUMEN. Das BMVIT verfĂźgt dafĂźr Ăźber ein breites Portfolio an Instrumenten zur FĂśrderung der E-Mobilität: Bereits 2009 startete es etwa die Forschungsoffensive fĂźr die automotive Industrie – unter anderem mit dem „A3plus-Technologieprogramm“, das gemeinsam mit seinem Vorgängerprogramm rund 150 kooperative F&E-Projekte zur Entwicklung alternativer Antriebe und Treibstoffe mit einem FĂśrderbudget von 43 Millionen Euro unterstĂźtzt hat. In den „Technologischen LeuchttĂźrmen der Elektromobilität“ wurden drei groĂ&#x;e Projektanträge fĂźr Demonstrationsprojekte von 52 Organisationen mit 54 Millionen Euro Gesamtvolumen und beantragter FĂśrderung von 23 Millionen Euro eingereicht. Auch in der Ausschreibung „Neue Energien 2020“ wurden 2009 eine Reihe von fĂźr Hybrid- und Elektrofahrzeuge relevanten Technologieentwicklungen inklusive energieeffizienter elektrischer Nebenaggregate und Leichtbau eingereicht. Jetzt erfolgen die nächsten Schritte: nämlich zur MarktĂźberleitung. Parallel zu F&E werden nun jene groĂ&#x;en Projekte aufgesetzt, in denen alle Bereiche der E-Mobilität – von der Ladeinfrastruktur bis hin zu Fahrzeugtechnologien, Kommunikations- und Ladeservices – in der Praxis erprobt werden.


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FORSCHUNGSFĂ–RDERUNG

Reichweite von rund 200 Kilometern soll der Steyrer 1050 ideal fĂźr den Stadt- und Nahverkehr geeignet sein. Und diese Innovationen stehen zum Teil auch schon bereit: Die „e-moove Ladesäule“ etwa ist mehr als eine simple „Strom-Zapfsäule“. Diese vom A3plus Technologieprogramm gefĂśrderte Ladestation kann erneuerbare Energieproduktion, Fahrzeugbeladung und intelligente Buchungs- und Abrechnungssysteme miteinander kombinieren. Sie stellt damit die derzeit umfassendste technische InfrastrukturlĂśsung am Markt dar. Eine weitere Innovation „made in Austria“ ist „Freeride“, ein bereits im Oktober 2008 von KTM in Zusammenarbeit mit dem heutigen AIT Austrian Institute of Technology entwickelter Prototyp eines „Zero-Emission“-Motorrads. Und in der Zwischenzeit steuert der in Mattighofen beheimatete Sportmotorrad-Produzent auch schon auf die Serienfertigung des ersten KTM-ElektroSportmotorrads zu: Auf der Tokyo Motorcycle Show wurden letztes Jahr zwei seriennahe Prototypen präsentiert, die schon bald den Sportsgeist der Marke, frei nach dem Motto „Ready to Race“, serienreif ins 21. Jahrhundert transferieren sollen. Mit dem „STEYRER 1050“, einem Elektroauto fĂźr den Stadtverkehr, kĂśnnte schon bald wieder ein komplettes Automobil „made in Austria“ vom FĂśrderband laufen. Die Rede ist von einem emissionslosen, elektrisch betriebenen, zweisitzigen Kurzstreckenfahrzeug mit einem Antriebsstrang fĂźr einen Batterie-Brennstoffzellen-Hybrid im urbanen Bereich. Das Projekt wird von der TIC Technology & Innovation Center Steyr GmbH geleitet und vom BMVIT mit 850.000 Euro gefĂśrdert. Es entwickelt gemeinsam mit einem Konsortium von Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft – unter anderem dem Leichtmetallkompetenzzentrum Ranshofen, (ein Tochterunternehmen des AIT Austrian Institute of Technology) oder der Automotive Solutions GmbH – ein Fahrzeug auf Leichtbauweise mit einem Gewicht von weniger als 400 Kilogramm, das dadurch eine Reihe von Antriebsvarianten aufnehmen kann. Die Basisversion mit Lithium-Ionen Batterien und zwei Radnabenmotoren kann mit PEM-Brennstoffzellen ergänzt oder bis zur Allradversion aufgerĂźstet werden. Mit einer

KLIMAFONDS-FĂ–RDERPROGRAMM: VON DER FORSCHUNG IN DEN MARKT.

Seit 2008 initiiert und unterstßtzt zudem der Klima- und Energiefonds den Aufbau von EMobilitätsmodellregionen. Der Ankauf von Ladestationen und E-Fahrzeugen, die Bereitstellung von Erneuerbaren Energien sowie die Entwicklung von neuen Geschäfts- und Mobilitätsmodellen sind inhaltlicher Kern des Programms. Seit Herbst 2010 sind neben Vorarlberg und Salzburg auch Wien, Graz und Eisenstadt E-Mobilitäts-Modellregionen. Klima-

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und Energiefonds-GeschäftsfĂźhrer Ingmar HĂśbarth: „In E-Mobilitätsmodellregionen wird die Zukunft gelebt und wichtige Erfahrungen fĂźr die breite MarkteinfĂźhrung von E-Mobilität gewonnen.“ Die langfristige Strategie des Klima- und Energiefonds setzt jedoch schon weit vorher an. â€žĂœber unsere Forschungsprogramme und Leuchtturmprojekte zur E-Mobilität fĂśrdern wir die Technologieentwicklung und schaffen damit die technischen Voraussetzungen und LĂśsungen, die in der Folge in unseren Modellregionen in die Praxis einflieĂ&#x;en. Auf der Expertenplattform 'e-connected', unserem vierten Standbein der E-Mobilität, entwickeln 100 ExpertInnen aus mehr als 80 Institutionen und Unternehmen LĂśsungsvorschläge und initiieren Arbeitsprogramme. Damit bringen wird die E-Mobilität dem Alltag noch ein StĂźck näher", so HĂśbarth. k

International koordinierte E-Mobilitätsforschung Die Entwicklung der Elektromobilität in Europa bis 2025 zu forcieren – das ist Ziel einer internationalen Innovations-Ausschreibung, die seit Jahresbeginn läuft. Neben Ă–sterreich nehmen zwĂślf weitere Staaten an dieser koordinierten Aktion teil. Ă–sterreich fĂśrdert innovative und nachhaltige Ideen zu diesem Thema mit 2,5 Millionen Euro; insgesamt werden Innovationen zur E-Mobilität mit 30 Millionen Euro gefĂśrdert. „Der starke europäische Trend fĂźr diese umweltfreundliche Form der Mobilität, mit groĂ&#x;en Chancen fĂźr Wirtschaft und Beschäftigung, ist unĂźbersehbar. Wir wollen, dass Ă–sterreich ganz vorne mit dabei ist. Darum setzen wir auf Innovation. 2010 haben wir 60 Millionen Euro fĂźr E-MobilitätsfĂśrderung aufgewendet, wir werden diesen Schwerpunkt in den kommenden Jahren weiter ausbauen", so Innovationsministerin Doris Bures. Die Automobilindustrie hat die Elektro-Revolution bereits erkannt und setzt Meilensteine. Alle groĂ&#x;en Autohersteller weltweit haben fĂźr die kommenden Jahre ambitionierte Programme fĂźr den kommerziellen Launch von „elektrisch(er)en“ Fahrzeugen angekĂźndigt. Klar ist: Angesichts dieser tiefgreifenden technologischen Umwälzungen wird in der europäischen Automobilindustrie mittelfristig kein Stein auf dem anderen bleiben. Damit steht auch die Ăśsterreichische Automobilzulieferindustrie vor bisher nie gekannten UmbrĂźchen und Herausforderungen. Deshalb hat das BMVIT 2009 Ăźber den Kli-

ma- und Energiefonds erstmals eine Ausschreibung „LeuchttĂźrme der Elektromobilität“ lanciert, um Ăźber die Komponentenentwicklung hinaus die Systemintegration zu fĂśrdern und groĂ&#x;e, weithin sichtbare Demonstrationsprojekte zu verwirklichen, die den eigentlichen Innovationsprozess und somit die MarktĂźberleitung maĂ&#x;geblich unterstĂźtzen sollen. Ein groĂ&#x;es Anliegen bei den Leuchtturmprojekten ist die systemische Integration des Ă–ffentlichen Verkehrs als RĂźckgrat des zukĂźnftigen Elektromobilitätssystems. Parallel dazu soll eine multimodale VerknĂźpfung von Individualverkehr und Ăśffentlichem Verkehr zusammen mit neu zu entwickelnden Geschäftsmodellen geschaffen werden. Was bisher noch gefehlt hat, ist die synergetische Verschränkung der einzelstaatlichen MaĂ&#x;nahmen und Programme Ăźber die Binnengrenzen der Europäischen Union hinweg. Mit einer traditionell sehr starken Zuliefererindustrie ist Ă–sterreich äuĂ&#x;erst interessiert daran, die Beziehungen zwischen der heimischen Industrie und den europäischen Automobilproduzenten zu stärken. Das ist gerade im Bereich der Forschung und Technologieentwicklung notwendig. Das geschieht durch die internationale Ausschreibung „ERA-NET Plus Electromobility+“, an der neben Ă–sterreich Frankreich, Deutschland, Belgien, Dänemark, Spanien, Finnland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Polen, Schweden und die TĂźrkei teilnehmen.


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Staatspreis Innovation geht an Anger und ACC

Foto: Thomas Preiss

AUSGEZEICHNET. Mit den Unternehmen Anger Machining aus Traun sowie der ACC Austria aus FĂźrstenfeld prämierte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner am 22. März in diesem Jahr gleich zwei Betriebe mit dem „Staatspreis Innovation“. g

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (Bildmitte) verleiht den Staatspreis Innovation 2011: Gruppenbild der Staatspreisträger und der Nominierten.

D

ie neuen Staatspreis-Träger leben eindrucksvoll vor, dass Ă–ko-Innovationen der SchlĂźssel fĂźr mehr Wachstum und hochwertige Arbeitsplätze sind. Durch ihre Entwicklungen ermĂśglichen sie den effizienteren Einsatz von Energie im Verkehr und im Haushalt“, betonte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner im Rahmen der Verleihung in der Wiener Aula der Wissenschaften. Erst zum zweiten Mal in der 31-jährigen Geschichte des Staatspreises, der im Auftrag des Wirtschaftsministeriums von der Austria Wirtschaftsservice (aws) abgewickelt wird, kĂźrte die Experten-Jury zwei Unternehmen ex aequo zum Sieger.

BEGEHRTE TROPHĂ„E. Die Gewinner wurden aus insgesamt 614 Einreichungen ausgewählt. „Die konstant hohe Teilnehmerzahl ist ein positives Signal fĂźr die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Ă–sterreich", sagte Mitterlehner. Die Anger Machining GmbH erhielt den Staatspreis fĂźr die Entwicklung der „HCX Technologie“ – einer hocheffizienten Anlage fĂźr die Zerspanung von Präzisionsteilen in der Serienfertigung. Damit wird ein Meilenstein fĂźr die Produktion der neuesten Generation verbrauchsarmer Getriebe und Motoren gesetzt. Die Forschungs- und Entwicklungsstätte ACC Austria sicherte sich den Staatspreis mit


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FORSCHUNGSFĂ–RDERUNG

dem weltweit einzigartigen KĂźhl-Kompressor „Delta“. Das HerzstĂźck jedes KĂźhl- und Gefrierschrankes kann bis zu 50 Prozent der Energiekosten einsparen. HOCHKOMPETITIVE MITBEWERBER. Mit einer Nominierung fĂźr den Staatspreis zeichnete Wirtschaftsminister Mitterlehner die folgenden Unternehmen aus: n die DICE GmbH aus Linz fĂźr neuartige Radarsensoren, n die Luccon GmbH aus Klaus in Vorarlberg fĂźr ihren innovativen Lichtbeton, n die Isovoltaic GmbH aus Eisenstadt fĂźr spezielle RĂźckseitenfolien fĂźr Photovoltaik-Anlagen sowie n die Treibacher Industrie AG aus Althofen (Kärnten) fĂźr die Entwicklung neuartiger Katalysatoren. SONDERPREIS ECONOVIUS AN ISIQIRI INTERFACE TECHNOLOGIES. Im Rahmen der Staats-

preis-Gala wurde auch der Sonderpreis Econovius der Wirtschaftskammer Ă–sterreich (WKĂ–) an ein KMU verliehen, das sich durch besonders innovative Leistungen ausgezeichnet hat. Der diesjährige Econovius ging aus den Händen von WKĂ–-Vizepräsident Hans JĂśrg Schelling an „isiQiri interface technologies GmbH“ aus OberĂśsterreich. „Die ausgezeichneten Firmen sind ein Beweis fĂźr die Innovationskraft kleiner und mittlerer Unternehmen und unterstreichen damit, dass der KMU-Bereich der Wachstums- und Jobmotor Ă–sterreichs ist“, betonte Schelling. Gerade eine kleine Volkswirtschaft wie Ă–sterreich brauche Flexibilität, Unternehmergeist und Innovation, um im Konzert der GroĂ&#x;en mitspielen zu kĂśnnen. Schelling: „Die Leistungen der heute ausgezeichneten, wie auch jener fĂźr die Preise nominierten Unternehmen, stimmen mich zuversichtlich, dass Ă–sterreich auf dem richtigen Weg ist.“ Der WKĂ–-Vizepräsident gratulierte allen Gewinnern und Nominierten, da „sie belegen, dass es in Ă–sterreichs Wirtschaft nicht an Ideen fĂźr neue Geschäftschancen mangelt.“ Gerade in schwierigen Zeiten seien innovative Unternehmen der Garant fĂźr die wirtschaftlich stabile Entwicklung Ă–sterreichs. FĂźr den Econovius waren folgende weitere Unternehmen nominiert: Dunst KFZ u. Hydraulik GmbH, IMENDO GmbH, SeaLife Pharma GmbH, YLOG GmbH, Sturm GmbH, Nessler Medizintechnik GmbH und Textilveredelungs GmbH Grabher. NEUER SONDERPREIS PRĂ„MIERT ENERGIE-INNOVATIONEN. Zusätzlich zum Econovius

etabliert Reinhold Mitterlehner in Koopera-

í˘łí˘ˇ

tion mit dem Verbund den neuen Sonderpreis VERENA (Verbund E-Novation Award). Damit werden Unternehmen ausgezeichnet, die in den Bereichen Energieeffizienz-/management, erneuerbare Energien, E-Mobilität und Energiesysteme innovative Projekte mit Universitäten, Fachhochschulen oder auĂ&#x;eruniversitären Forschungseinrichtungen umgesetzt haben. Entsprechende Projekte kĂśnnen im Rahmen der Ausschreibung fĂźr den Staatspreis Innovation 2012 eingereicht werden. „Mit VERENA schaffen wir einen zusätzlichen Anreiz fĂźr Unternehmen, ihre Wettbewerbsfähigkeit auszubauen und forcieren gleichzeitig die weitere Umsetzung der Energiestrategie Ă–sterreich“, so der Wirtschaftsminister. k

Staatspreis Innovation Die Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft mbH – die Finanzierungs- und FĂśrderungsbank der Republik Ă–sterreich – organisiert im Auftrag des Bundesministeriums fĂźr Wirtschaft, Familie und Jugend und in Kooperation mit zahlreichen Bundesländer-PartnerInnen den Staatspreis Innovation, den Sonderpreis Econovius und den Sonderpreis „VERENA powered by VERBUND“. Die Kooperations-PartnerInnen in den Bundesländern ermitteln ihre TeilnehmerInnen durch regionale Innovationspreise und melden diese der aws. Eine Fachjury wählt aus diesem KandidatInnen-Kreis die sechs besten Projekte aus, die offiziell zum Staatspreis Innovation nominiert werden. Die nominierten Projekte werden im Rahmen eines festlichen Gala-Abends der Ă–ffentlichkeit vorgestellt und durch den Bundesminister fĂźr Wirtschaft, Familie und Jugend mit einer Nominierungsurkunde ausgezeichnet. Neben den Nominierungen ist die Verleihung des Staatspreis Innovation an das Sieger-Unternehmen durch den Bundesminister fĂźr Wirtschaft, Familie und Jugend der HĂśhepunkt des Abends. Durch den Gewinn des Staatspreises Innovation erfährt ein Unternehmen die hĂśchste Anerkennung und Auszeichnung fĂźr besonders innovative Leistungen. Wer kann teilnehmen? Teilnehmen kĂśnnen Ăśsterreichische Firmen, die innovative Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen entwickelt und auf den Markt gebracht haben. Die Umsetzung der

Innovation sollte weitgehend abgeschlossen sein, zumindest erste Erfahrungen ßber die Auswirkungen der Innovation sollten bereits vorliegen. Wo kann man sich bis wann bewerben? In jedem Bundesland werden von den Kooperations-PartnerInnen regionale Innovationspreise vergeben. Die drei besten Projekte jedes Innovationspreises qualifizieren sich fßr den Staatspreis Innovation. Bewerbungen werden an die Einreichstelle des jeweiligen Bundeslandes gerichtet, in dem sich der Firmensitz befindet. Nähere Informationen zu Kontaktadressen und Einreichfristen finden Sie unter → Einreichstellen Staatspreis Infos: www.staatspreis.at.


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í˘łí˘¸ FORSCHUNGSFĂ–RDERUNG

Traumjob Technik: 1.000 Praktikumsplätze warten NEUGIER WECKEN. Auch 2011 werden auf Initiative des Bundesministeriums fßr Verkehr, Innovation und Technologie wieder zumindest 1.000 Praktikumsplätze mit je 1.000 Euro gefÜrdert. Unternehmen und Forschungseinrichtungen kÜnnen bei der ForschungsfÜrderungsgesellschaft entsprechende FÜrderanträge fßr Praktikumsplätze stellen.

g weiter. Schon in den letzen beiden Jahren haben ßber 1.900 SchßlerInnen wertvolle Erfahrungen in naturwissenschaftlich-technischen Berufen gesammelt. Zahlreiche forschende Unternehmen und Forschungseinrichtungen in ganz Österreich engagierten sich und erÜffneten mit hochwertigen Praktikumsangeboten motivierten, jungen Menschen die Chance, hinter die Kulissen zu blikken und brachten ihnen dabei Naturwissenschaft und Technik näher. Schßlerinnen und Schßler aus allen Bundesländern und aus unterschiedlichen Schultypen – von AHS ßber BHS bis zur HTL – erlebten aktiv Üsterreichische Forschung mit.

Fotos: BMVIT

BILANZ 2010: 1.138 GEFÖRDERTE PRAKTIKAPLÄTZE. „Marie Curie und Albert Einstein

„Talente entdecken, Nachwuchs gewinnen“ – unter diesem Motto haben auch heuer wieder motivierte SchĂźlerInnen im Rahmen eines vom BMVIT gefĂśrderten Sommerpraktikums die MĂśglichkeit, ihr Forschungstalent in der Praxis zu entdecken.

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ch habe mir zum Ziel gesetzt, mehr junge Menschen fßr eine Karriere in naturwissenschaftlich-technischen Berufen zu begeistern. Daher unterstßtze ich auch heuer wieder Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die Schßlerinnen und Schßlern die MÜglichkeit geben, ihr Forschungstalent in der Praxis zu entdecken", erklärt Infrastrukturministerin Doris Bures und mÜchte in diesem Kontext vor allem auch Mädchen motivieren. „Österreich ist reich an Talenten. Sie sind der Trumpf in der Wissensgesellschaft von morgen. Mit den Forschungspraktika wollen wir Berßhrungsängste zwischen Jugendlichen und der Forschung abbauen", so Bures

waren gestern, heute bist du gefragt“ – Unter diesem Motto haben 2010 1.138 SchĂźlerinnen und SchĂźler ein vom BMVIT gefĂśrdertes Sommerpraktikum im FTI-Bereich in einem Ăśsterreichischen Top-Unternehmen oder einer Forschungseinrichtung absolviert. „Der Bereich Forschung, Technologie und Innovation bietet auĂ&#x;erordentlich gute Chancen fĂźr den Einzelnen. Zugleich braucht unser Land Forscherinnen- und Forschernachwuchs, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen", sagt Infrastrukturministerin Doris Bures. Waren es in den Jahren 2008 und 2009 517 bzw. 795 Jugendliche, die ein vom BMVIT gefĂśrdertes Sommerpraktikum in einer Zukunftsbranche absolvierten, stieg die Zahl im letzten Jahr bereits auf weit Ăźber 1.000. Die Praktika wurden dabei zu 63 Prozent (713) in Unternehmen, 17 Prozent (190) in universitären und 20 Prozent (235) in auĂ&#x;eruniversitären Einrichtungen, Fachhochschulen und Kompetenzzentren absolviert. 337 Unternehmen und Forschungseinrichtungen haben Praktikumsplätze angeboten. Im Detail: 208 Unternehmen, 75 universitäre und 54 auĂ&#x;eruniversitäre Einrichtungen.


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FORSCHUNGSFĂ–RDERUNG

Die Top-3 sind das AIT Austrian Institute of Technology, das 36 Praktikumsplätze vergeben hat, gefolgt von Infineon Technologies mit 34 und dem im Bereich Lagerautomation und Lagerlogistik-Software tätigen Unternehmen KNAPP mit 28 Praktikumsplätzen. Die beliebtesten Forschungsdisziplinen unter den SchĂźlerInnen waren Maschinenbau und Elektronik sowie interdisziplinäre technische Wissenschaften. Von allen in Ă–sterreich angebotenen Forschungspraktika wurden die meisten in der Steiermark (297) absolviert, gefolgt von Wien (195) und OberĂśsterreich (181). ĂœBERZEUGENDE ERFAHRUNGSBERICHTE.

„Ich war angenehm Ăźberrascht, dass mir alles, was ich nicht verstanden habe, so lange erklärt wurde, bis ich es verstanden habe“, sagt Helena Ăźber ihr Praktikum in einem niederĂśsterreichischen Biotechnologie-Unternehmen. „Jeder Tag war anders gestaltet. Mal bin ich mit anderen Praktikanten aufs Feld gefahren um Ă„hrenproben zu nehmen, mal bin ich mit meinem Betreuer markieren gegangen“, so die 15-jährige AHS-SchĂźlerin Ăźber ihr Forschungspraktikum in der Saatzucht Donau in Probstdorf. Mathias (15) konnte sich im Rahmen seines Praktikums an einer steirischen Hochschule ein ganz neues Bild vom Forscherberuf machen: „Selber an der Materie gestanden zu haben und nun zu wissen, wie viele unzählige Stunden in einem WerkstĂźck stekken und wie viel Entwicklungsarbeit und Tests nĂśtig sind, um ein Projekt zu verwirklichen und neue Methoden und Werkstoffe zu entwickeln, hat mir ein ganz anderes Bild von der Welt vermittelt.“ An dem steirischen Hochschulinstitut hat Mathias metallographische Schliffe von Gusseisen hergestellt, die wiederum die Grundlage fĂźr die Materialforschung darstellen. Wie wichtig derartige praxisorientierte Praktika fĂźr die spätere Studien- und Berufswahl sind, hat Jana während ihres Praktikums bei dem Stahlindustrie-Unternehmen OberĂśsterreichs, der VĂ–ST, erfahren: „Forschung hat mich schon immer interessiert. In einem Jahr mĂśchte ich Biomedical Engineering an der TU Graz studieren. Dieses Praktikum hat mich noch mehr davon Ăźberzeugt, dass ich zukĂźnftig mit Forschung zu tun haben mĂśchte.“ Spannende Erfahrungen hat auch Bianca bei ihrem Sommerpraktikum in Innsbruck gemacht. Sie hat auf der bei der Entwicklung eines Raumanzugsimulators mitgearbeitet. „Ich habe mein Praktikum mit etwas Unsicherheit begonnen und es mit viel mehr

Selbstbewusstsein, Reife und Stärke beendet. Mit jeder Woche wurde mein berufliches Ziel, in der Weltraumfahrt und Astrophysikforschung einzutauchen, gestärkt“, so die 15jährige SchĂźlerin Ăźber ihr Praktikum. ZIEL FĂœR 2011: MASSNAHMEN FĂœR MEHR MĂ„DCHEN. Nachdem der Anteil an Mäd-

chen im letzten Jahr mit 26 Prozent hinter den Erwartungen zurßcklag, soll der Fokus in diesem Jahr stark auf die Teilnahme junger Frauen gerichtet sein, indem sie direkt – etwa auf Berufsinfo-Veranstaltungen– angesprochen werden. Aber auch Unternehmen sollen in diesem Jahr ßberzeugt werden, bevorzugt Mädchen eine Chance zu geben. 2011 gibt es ßberdies eine eigene FÜrderschiene mit Forschungspraktika fßr Stu-

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dentinnen. Und schlieĂ&#x;lich soll die OnlineJobbĂśrse fĂźr ForscherInnen, die heuer gestartet wurde, weiter ausgebaut werden: www.ffg.at/page/die-oesterreichische-jobboerse-fuer-forschung-entwicklung-undinnovation. Infrastrukturministerin Doris Bures dazu: „Das Berufsfeld Forschung, Technologie und Innovation bietet gute Zukunftschancen. Zugleich braucht unser Land Forscherinnenund Forschernachwuchs, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen.“ Die PraktikabĂśrse steht unter www.bmvit.at und www.ffg.at/praktikaboerse zur VerfĂźgung. Offene Stellen werden auf dieser Online-BĂśrse regelmäĂ&#x;ig ergänzt und erweitert. Ă–fter mal reinschauen erhĂśht somit die Chance, sein persĂśnliches Traumpraktikum zu finden. k

Initiative Sommerpraktikum

Die Praktika fßr Schßlerinnen und Schßler werden in den Bereichen Naturwissenschaft und Technik angeboten und dauern vier Wochen. Geboten wird von Juni bis September die MÜglichkeit, bei anspruchsvollen Forschungsaktivitäten live dabei zu sein und mitzuarbeiten. Dabei werden die PraktikantInnen von einem/einer qualifizierten MitarbeiterIn betreut. Fßr das Praktikum gibt einen Mindestbruttolohn von 700 Euro. Bewerben kÜnnen sich SchßlerInnen, die eine Üsterreichische Schule (AHS, BHS oder BMS) besuchen und mindestens 15 Jahre alt sind, unter anderem online (www.ffg.at/ praktikaboerse). Die Bewerbungsunterlagen sind derart gleich uploadbar – Bewerbung in Papierform oder per E-Mail sind in diesem Fall nicht erforderlich.

Sollte innerhalb dieser Datenbank kein persÜnlicher Wunschplatz gefunden werden, kann man sich auch direkt bei Unternehmen bewerben. Wichtig ist dabei, dass das Unternehmen im technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich tätig ist. In diesem Fall ist an das gewßnschte Unternehmen eine Initiativbewerbung zu schicken – mit dem Hinweis, dass es fßr dieses Praktikum eine FÜrderung beantragen kann. Dies ist auch bei Unis, Fachhochschulen oder anderen Forschungseinrichtungen mÜglich! Erforderliche Unterlagen: n Motivationsschreiben (inkl. Foto und kurzem Lebenslauf) n Semesterzeugnis (bzw. das jeweils aktuellste Zeugnis).


FA-Inserat-CTR-Scheck.qxp

24.09.2010

13:38 Uhr

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Zukunft verbindet.

Ein Scheck verführt Alexander Glaunach, Chef des gleichnamigen Spezialanlagenherstellers, hat sich mit einem Scheck verführen lassen: Den Innovationsscheck hat er beim außeruniversitären Forschungszentrum CTR in Villach eingelöst. Dadurch konnte er eine neue Generation an Erdgasschalldämpfern entwickeln wofür die Firma Glaunach GmbH den Innovationspreis des Landes Kärnten erhielt und für den Österreichischen Staatspreis "Econovius" nominiert war. Dreidimensional Lärm reduzieren Gemeinsam mit den Simulationsexperten der CTR wurde ein neuartiges System entwickelt, das die Schallleistungen in der Erdgasindustrie um mehr als 50 % reduziert. Die Simulationsexperten erstellen eine 3-D Geometrie und ein Rechengrid für Auswertungen von Druck- und Geschwindigkeitesverteilungen. So wurde aus dem Lärmpegel, der bei Wartungsanlagen an Pipelines oder Lagerstätten entsteht, und der einer startenden Rakete gleichkommt, eine Lärmemission vergleichbar mit einem Flüster-LKW. Auch Folgeprojekte gibt es bereits. Alexander Glaunach: „Mit „Als industrieorientiertes F&E Zentrum für CTR haben wir einen intelligente Sensorik spüren wir die enorme Innovationskraft heimischer Betriebe, die Partner gefunden, der uns als mittel- durch Kooperationen den raschen Zugang zur Forschung, zur F&E Struktur und zum ständisches UnterF&E Netzwerk nutzen.“ nehmen in der Forschung und EntwickDr. Werner Scherf, Vorstand CTR lung optimal unterstützt.“

Als Dachverband der außeruniversitären Forschungslandschaft vereinigt FORSCHUNG AUSTRIA das Forschungs-Know-How von rund 2.500 WissenschafterInnen einerseits zum unmittelbaren Nutzen für die heimische Industrie und andererseits, um die Visibilität der heimischen außeruniversitären Forschungskompetenz in der globalen Scientific Community zu erhöhen. Gemeinsam erwirtschaften die forschenden Mitglieder der FORSCHUNG AUSTRIA jährlich rund 250 Millionen Euro und haben im Rahmen der Initiative „Innovationsscheck“ zusätzlich rund 630 kleine und mittlere Unternehmen für gemeinsame Forschungsaktivitäten gewonnen. Mitglieder: > ACR Austrian Cooperative Research > AIT Austrian Institute of Technology > CTR Carinthian Tech Research AG > JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH > UAR Upper Austrian Research GmbH > salzburg research > Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie > Verlagsgruppe BOHMANN

Kontakt: Forschung Austria, T: +43 1 740 95 119, E: office@forschungaustria.ac.at, www.forschungaustria.ac.at


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FORSCHUNGSFĂ–RDERUNG

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FFG-Jahresbilanz: Innovationsbasis verbreitert

Foto: FFG/APA-Fotoservice/ZĂśtl

ZUGELEGT. Erstmals seit ihrer GrĂźndung 2004 hat die FFG mehr als 400 Millionen Euro an FĂśrdergeldern in Forschungsprojekte der Wirtschaft zur Auszahlung gebracht. g

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owohl bei den Zusagen – das sind jene Mittel, die in Verträgen mit FĂśrdernehmerInnen konkret gebunden werden – verzeichnete man mit 554 Millionen Euro ein All-time-high, als auch bei den Auszahlungen mit 411 Millionen Euro. „Die HĂśhe der heurigen Auszahlungen zeigt eindeutig, dass Unternehmen bewusst Innovationen setzen und sich auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht aus der ambitionierten Forschung zurĂźckziehen“, freuen sich die FFG-GeschäftsfĂźhrer Henrietta Egerth und Klaus Pseiner Ăźber den Durchbruch der bisherigen Schallgrenze. STANDORTATTRAKTIVITĂ„T ERHĂ–HT. Die

direkte ForschungsfĂśrderung hat eine unerreichte Hebelwirkung fĂźr anspruchsvolle, innovative Projekte und damit fĂźr die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen. „Mehr Investitionen in Forschung und Innovation bringen also nicht nur der Wirtschaft etwas, sondern auch dem Staat, der langfristig mehr zurĂźck bekommt, als er investiert“, sind sich die beiden GeschäftsfĂźhrer einig. Die FFG fĂśrdert Forschungs- und Innovationsprojekte in der ganzen Bandbreite von langfristiger Risikoforschung bis zur MarkteinfĂźhrung bestehender Prototypen und hat ihr FĂśrderangebot konsequent auf die Strukturen und BedĂźrfnisse der heimischen Wirt-

schaft und Wissenschaft sowie auf nichttechnologische Innovationen hin optimiert. „Aus unserer FĂśrdertätigkeit wissen wir, dass viele Ăśsterreichische Unternehmen mit hoher Kreativität neue Dienstleistungen und Produkte entwickeln und so ein wichtiger Treiber von Wachstum und Beschäftigung im Hochtechnologiebereich sind“, so Egerth und Pseiner weiter. Die Dienstleistungsinitiative startete Anfang 2010 mit starkem Augenmerk auf das in diesem Bereich vorhandene innovative Potenzial mit zusätzlichen Mitteln von 5,6 Mio. Euro. So wurden 40 Prozent mehr Dienstleistungsprojekte gegenĂźber dem Vorjahr – und zwar sowohl aus dem Dienstleistungs- als auch aus dem produzierenden Sektor – gefĂśrdert. Die Basis der innovativen Unternehmen konnte auch dadurch deutlich verbreitert und wichtige Impulse konnten gesetzt werden.

FĂ–RDERANGEBOT BĂœNDELN. Aktuell umfasst das Portfolio der FFG Ăźber 40 FĂśrderprogramme und mehr als 100 sogenannte Programmlinien. Die Neustrukturierung dieses umfangreichen Katalogs an FĂśrderinstrumenten war damit auch eine der Hauptaufgaben im vergangenen Jahr. Beginnend im FrĂźhjahr 2010 wurden gemeinsam mit den EigentĂźmerressorts die strategischen Ăœberlegungen zur BĂźndelung des FĂśrderangebots der FFG intensiviert. Unter den Schlagworten „Portfolio- und Themenmanagement“ sollen kĂźnftig sämtliche FĂśrder- und Dienstleistungen ausgerichtet werden. Dieser Prozess der Neustrukturierung des FFG-Angebots ist maĂ&#x;geblich von den Diskussionen zur „Strategie der Bundesregierung fĂźr Forschung, Technologieentwicklung und Innovation“ geprägt. „Uns geht es dabei vor allem darum, das Portfolio der FFG so zu optimieren, dass die BedĂźrfnisse der Antragstellerinnen und Antragsteller noch besser adressiert werden kĂśnnen“, so die FFG-GeschäftsfĂźhrer Egerth und Pseiner. Ziel ist es, weg von der ausschlieĂ&#x;lichen Programmlogik hin zu einem Instrumentenmix zu kommen.

INTERNATIONALE POSITION VERBESSERT.

FRESH MONEY ERFORDERLICH. Die Forschungsstrategie definiert einen klaren Budgetpfad fßr die F&E-Ausgaben in Österreich. So soll die Forschungsquote von derzeit 2,76 Prozent (entspricht ca. 7,8 Mrd. Euro) bis zum Jahr 2020 auf 3,76 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesteigert werden. Das bedeutet unbedingt zusätzliche Investitionen. Umgelegt auf das FFG-Budget wären das rund zehn Prozent Steigerung pro Jahr. Zudem soll der privatwirtschaftliche Finanzierungsanteil von derzeit rund 60 auf mindestens 66, besser 70 Prozent gehoben werden. Dieses Ziel ist aber nur realistisch, wenn die entsprechende Anschubfinanzierung weiterhin durch die Üffentliche Hand erfolgt. k

Auch die internationale Positionierung Ă–sterreichs konnte in den letzten Jahren deutlich verbessert werden: Bisher wurde eine FĂśrdersumme von rund 490 Millionen Euro aus dem 7. EU-Forschungsrahmenprogramm Ăśsterreichischen Organisationen zugesprochen. Das kommt einer RĂźckflussquote von 126 Prozent gleich. „Die Dienstleistungen der FFG haben wesentlich dabei mitgeholfen, dass die heimische Beteiligung am 7. EU-Forschungsrahmenprogramm zur Erfolgsgeschichte wurde“, so die FFG-GeschäftsfĂźhrer. Insgesamt gibt es bisher 1.558 Ăśsterreichische Beteiligungen in 1.141 Projekten mit 189 Ăśsterreichischen KoordinatorInnen.


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ACR-Plattform Multi-Material-Verbindungen: Weniger Material, weniger Energie Leichte Autos sind schneller und sparsamer, so die begründete These der ACR-Plattform „Multi-Material-Verbindungen“. Die vier ACR-Institute ofi, ÖGI, SZA & ZFE bündeln dabei ihre Materialkompetenz. Seit 2009 erforschen sie neue Materialverbindungen für Karosserie, Fahrwerk und Innenleben, die das Gewicht von Automobilen reduzieren, ohne jedoch Sicherheitsaspekte zu vernachlässigen. 2011 geht das vom BMWFJ geförderte Projekt in die 2. Runde. Aufgebaut wird auf den Ergebnissen der ersten Forschungsperiode. Aber auch neue Aufgabenstellungen sind durch den regen Austausch mit der Industrie entstanden. Die ACR-Plattform untersucht u.a. Hybridklebeverbindungen auf deren Haltbarkeit bei Leichtmetallen, die Integrierbarkeit von Funktionselementen in Gussstrukturen, gezielte lokale Oberflächenverstärkung von Gussteilen oder die Charakterisierung und das Korrosionsverhalten von unterschiedlich korrosionsschutzbeschichteten Stahlblechen. Auch Alternativen zu gängigen Verbindungsmethoden und Verbindungstechnologien für hochfeste Stähle mit speziellem Fokus auf dynamischer Festigkeits- und Alterungsbeständigkeit werden beleuchtet. Einen speziellen Schwerpunkt gibt es im Bereich „E-Car“. Dieser Trend erfordert die Entwicklung von leistungsstarken Elektromotoren mit geringem Gewicht und Bauraumbedarf. Ganzheitliche Lösungen für KMU Die Plattform fungiert als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Der One-Stop-Shop erleichtert Unternehmen den Zugang zur Thematik und gibt Forschungsergebnisse effektiv weiter. Vor allem KMU bietet das Netzwerk eine optimale Anlaufstelle für Materialanliegen: Herstellung, Charakterisierung der Eigenschaften und Einsatz von funktionellen Multi-Material-Verbindungen. Die ACR-Institute profitieren ebenfalls von der Vernetzung: Wissenstransfer und erweiterte Problemlösungskapazität sowie die Akquirierung von größeren Aufträgen, ACR-Plattform Multi-Material-Verbindungen die ein Institut alleine nicht umsetzen  Österreichisches Forschungsinstitut für Chemie und Technik (ofi) könnte.  Österreichisches Gießerei-Institut (ÖGI)  Schweißtechnische Zentralanstalt (SZA)  Zentrum für Elektronenmikroskopie Graz (ZFE)

www.acr.at


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EQUAL

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Diversität bringt Unternehmen mehr EQUAL. Der World Diversity Leadership Summit Ende März in Wien zeigte, dass Diversity bzw. Vielfalt mehr als eine Quotendiskussion ßber Frauen, Männer, Minderheiten, Behinderte oder Hautfarben ist. Gelebte Diversität bedeutet auch Inclusion, bringt Innovationen und Unternehmen hÜhere Gewinne. g

Foto: Aram Ghadimi

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ie WDLS-EU Konferenz stand heuer unter dem Titel „Benchmarking European and Global Diversity in and for Leadership“ und wurde unter anderem von AuĂ&#x;enminister Michael Spindelegger, der Gastgeberin Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien, sowie dem WDLS-GrĂźnder Douglas C. Freeman erĂśffnet. Der ErĂśffnungsdialog wurde gleich genĂźtzt, um zum 100jährigen Jubiläum des Frauentages einen Blick in die FĂźhrungsetagen von Unternehmen zu werfen. „Vor 50 Jahren gab es nur Männer im Vorstand“, meinte etwa Cecilia DahlstrĂśm, Global Marketing Manager bei Universum, das Umfragen im Bereich Arbeitskräfte und Studierende durchfĂźhrt. Wie es heute aussieht, zeigte eine Grafik Ăźber den Frauenanteil im Topmanagement. Demnach teilen sich Deutschland und Indien mit kargen zwei Prozent den letzten Platz. In Russland liegt der Frauenanteil bei elf Prozent, in den USA und England bei 14 Prozent und Schweden fĂźhrt mit 17 Prozent. Im Bereich Minoritäten sieht es bei der Chancengleichheit nicht besser aus. In der Ă–ffentlichkeit wĂźrden zwar immer wieder sehr erfolgreichen Frauen, die Unternehmen wie Hewlett-Packard geleitet haben, oder US-Präsident Barack Obama, der gerne als das Erfolgsbeispiel der Afroamerikaner genannt wird, präsentiert. Aber in Wirklichkeit seien das nur wenige hochgespielte Einzelfälle. Hierzu erläuterte Mary-Francis Winters, President of the Winters Group, die auf Diversity-Management und FĂźhrungskraftentwicklung spezialisiert ist, dass es längst nicht mehr um schwarz und weiĂ&#x;, Frau und Mann, etc. ginge, sondern dass die multiplen Identitäten von Individuen, Organisationen und Nationen in der Diversitäts-Arbeit berĂźcksichtigt werden mĂźssen (siehe Interview auf Seite 44). Obama hat etwa einen Vater aus Kenia und eine Mutter aus den USA, ist aber in der

Kindheit in Indonesien und Hawaii aufgewachsen und hat dann eine Elite-Uni in den USA besucht. Neben Geschlecht, Haut, Rasse und Nation gibt es viele Faktoren, die eine PersĂśnlichkeit ausmachen. Unternehmen mit echten Diversity-Management-Programmen kĂśnnen laut Studien meist auch deutlich bessere Bilanzen vorweisen. WIE SCHWER ES IST, DIVERSITĂ„T ZU LEBEN,

davon berichtete Brigitte Wolf, Direktorin des ORF-Landesstudios Wien – Ăźbrigens die einzige Frau in der ORF-FĂźhrungsetage. „Österreich ist vielleicht nicht der beste Platz, um Diversität zu zeigen“, so Wolf. Ihr Ziel war es, da immerhin 30 Prozent der Wiener BevĂślkerung einen Migrationshintergrund hat, einen Nachrichtensprecher aus dieser Gruppe finden. Das hat fĂźnf Jahre gedauert, denn mit der Chancengleichheit sei es schlecht bestellt. Wolf: „Ich wollte deswegen jungen Leuten ein Rollenmodell geben.“ In der Diskussion wurden dann durchaus auch positive Beispiele von Unternehmen mit Diversitätsprogrammen gezeigt wie Bawag, Caritas Wien, IBM, Western Union oder die Wiener Wirtschaftskammer. In Summe wĂźrde es bei den meisten Unternehmen in Ă–sterreich aber noch am

grundlegenden Bewusstsein fehlen. „Es ist wichtig, Beispiele auf den Tisch zu bringen, die zeigen, wo es in anderen Teilen der Welt schon besser funktioniert“, beschrieb Beatrice Achaleke, Organisatorin der WDLS-EU, im Gespräch mit AUSTRIA INNOVATIV das Ziel der Konferenz. Unternehmen beschäftigten sich mit Diversität, da es modisch sei, haben aber oft kein Konzept dahinter. „Es gibt eine Art WegschmeiĂ&#x;-Diversität“, so Achaleke, „fĂźr mich beginnt Diversität erst, wenn sie inklusiv wird. Das heiĂ&#x;t, sie findet nicht nur bei der Mitarbeiterbasis statt, sondern bereitet auch die FĂźhrungsebene vor und unterstĂźtzt im positiven Sinne. Es genĂźgt nicht, wenn die Putzfrau aus Polen oder der TĂźrkei kommt.“ Howard Ross zeigte anhand einfacher Experimente, wie leicht die Wahrnehmung von Menschen beeinflusst wird, wie stark aus den oft Millionen SinneseindrĂźcken ausgesiebt wird und wie stark wir vom „unconsious bias“ und dem „us and them“-Effekt bei ersten Treffen mit Menschen beeinflusst werden. Wenn man diese Faktoren kennt und sich auf interkulturelle Kontakte einlässt, lernt man am leichtesten die Vorteile der Unterschiedlichkeiten der Menschen zu schätzen. k Alfred Bankhamer


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EQUAL

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Multiple Identitäten INTERVIEW. Mary-Francis Winters, Geschäftsfßhrerin der auf Diversity-Management und Fßhrungskraftentwicklung spezialisierten Winters Group, im Gespräch mit AUSTRIA INNOVATIV ßber Identitätsprobleme von Unternehmen und Nationen sowie multiple Identitäten. g

AI: Oft wird Globalisierung auf die rein Ükonomische Betrachtung reduziert. Das reicht fßr eine multikulturelle Gesellschaft wohl nicht aus. Winters: Sicherlich, ich glaube, es gibt hier drei Faktoren. Die Globalisierung zeigt uns, dass sich die dominierenden Märkte derzeit vom Westen nach Osten verschieben. Ein weiterer Faktor ist der Fortschritt der Technologie, der uns sehr viel mehr Informationen und KommunikationsmÜglichkeiten bietet. So kÜnnen nun sehr schnell rund um die Welt Allianzen und Bßndnisse gebildet werden. Zugleich sind wir verunsichert darßber, wie sich die Identität eines Unternehmens oder einer Nation konstituiert. Ist ein deutsches Unternehmen mit mehr Mitarbeitern im Ausland noch deutsch? Wir mßssen nun auch globaler ßber diese Verbindungen nachdenken. AI: Die multiplen Identitäten von Individuen, Unternehmen und Nationen ist eines ihrer Hauptthemen. Frßher wurde beim Thema Gleichberechtigung und Diversität mehr ßber den Ausschluss gewisser Gruppen gesprochen. Mit dem Konzept der multiplen Identitäten wird alles nun etwas komplexer. Winters: Ja, wir mßssen von einem elementaren Verständnis ßber Diversität zu einem fortgeschritten Verständnis von Diversität finden wie beispielsweise beim Frauen-

themen. FrĂźher sprach man nur von Frauen. Es gibt aber junge Frauen, Frauen mittleren Alters, Frauen, die Kinder oder keine Kinder haben, Frauen, die lesbisch sind, etc. Man muss also die multiplen Identitäten, die Menschen zum Arbeitsplatz bringen, berĂźcksichtigen. Man kann nicht alle in eine groĂ&#x;e Identitätstasche stecken.

Männer und was immer, denn jeder ist einzigartig. Es ist wichtig, wie diese Einzigartigkeit im Team helfen kann. AI: In Nationen gibt es ähnliche Identitätsprobleme? Winters: Ja, vor allem bei der Identitätsbildung. Besonders bei Migranten-Familien ist das zu sehen, deren Kindern nun etwa in Österreich oder Deutschland aufgewachsen sind. Es gibt gewisse Vorstellungen: etwa, was ein Deutscher oder ein Österreicher ist. Wie ich auf der Konferenz gehÜrt habe, fßhlen sich hier viele Immigranten nicht wirklich in die Üsterreichische Gesellschaft integriert, auch wenn sie hier geboren worden sind. Da ihr kulturelles Erbe aus einem anderen Land gekommen ist, werden sie nicht als echte Österreicher betrachtet und bekommen deshalb auch nicht die gleichen MÜglichkeiten. Da muss man sich auch die Frage stellen, was es bedeutet, wenn wir sagen: Nein, das ist kein Österreicher. Diese Personen haben dann keine Identität. Was bedeutet das fßr sie und die Gesellschaft? Was tun Leute, wenn sie nicht akzeptiert werden? Oft fßhrt sie das zu Kriminalität oder anderen Wegen, die fßr die Gesellschaft nicht produktiv sind.

Foto: Alfred Bankhamer

AUSTRIA INNOVATIV: Warum ist heutzutage noch eine Konferenz ßber Diversity and Inclusion erforderlich? Mary-Francis Winters: Gerade derzeit gibt es sehr dynamische Entwicklungen wie die Migrationsbewegungen von Nordafrika nach Europa oder die starken demografischen Veränderungen in der Gesellschaft. Oft treffen heute vier sehr unterschiedliche Generationen am Arbeitsplatz zusammen. Da ist es wichtig, zu verstehen, welche Auswirkungen dies hat. Diese Konferenz versucht einen gegenseitigen, fßr alle vorteilhaften Weg der Koexistenz finden.

AI: Wie kann man nun konkret am Arbeitsplatz diese Erkenntnisse nutzen, um ein besser funktionierendes Team zusammenzustellen? Winters: Bei der Bildung eines Teams ist es wichtig, dass alle Mitglieder zuerst die MĂśglichkeit bekommen, ihren Hintergrund mitzuteilen. Also wie sie sich selbst identifizieren und wie sie arbeiten mĂśchten. Es gibt Menschen, die zuerst lieber nachdenken bevor sie antworten, andere bringen sich spontan ein. Wenn man von Anfang an diese Unterschiede berĂźcksichtig, funktioniert die Zusammenarbeit besser. Es genĂźgt nicht zu sagen, ich nehme Frauen, Minderheiten, weiĂ&#x;e

AI: Welche MaĂ&#x;nahmen sind notwendig, um Inklusion zu fĂśrdern? Winters: Wir mĂźssen die Individuen mehr darauf vorbereiten, Unterschiede zu akzeptieren. Unterschiede, die etwa von Immigranten gebracht werden und uns auch Vorteile bringen. Etwa, dass sie fĂźr uns wichtige Arbeitskräfte sind. Es ist wichtig, offen fĂźr eine sich verändernde Mentalität zu sein, zu verstehen, was es bedeutet, von einer bestimmten Nationalität zu sein. So kann ich dann nachvollziehen, wie es ist, wenn man einen tĂźrkischen kulturellen Hintergrund hat und in Ă–sterreich geboren ist. Ist es nun ein Ă–sterreicher? k Das Gespräch fĂźhrte Alfred Bankhamer


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WISSENSTRANSFER

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MIT auf Wien-Besuch MEETINGPOINT. Auf der MIT Europe Conference 2011 in Wien referierten im März zahlreiche Professoren des renommierten Massachusetts Institute of Technology sowie Vertreter heimischer Hightech-Konzerne ßber Innovationen in einer vernetzten Welt. Wie finden Technologie, Leute und Plätze heute zusammen? g

SCHNITTSTELLE ZUR EXZELLENZ. Die WKO ist seit 21 Jahren das einzige Üsterreichische und eines der wenigen institutionellen Mitglieder des Industrial-Liaison-Programms (ILP) des MIT, das jährlich rund 60 Üsterreichischen Unternehmen Zugang zu MIT-Forschungsergebnissen und den MITWissensdatenbanken bietet. Auch Kooperationen zwischen Üsterreichischen Unternehmen und der Technologieschmiede MIT haben sich bereits entwickelt. Nach Wien konnte die MIT-Europe-Konferenz schon zum zweiten Mal geholt werden. Fßr 2013

Foto: Rainerstudio

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ie Welt rĂźckt dank dem Netz der Netze immer stärker zusammen, zahlreiche Sensoren und Gerätschaften wie Smartphones oder Ăśffentliche Touch-Panels verändern unsere Interaktion mit der Umwelt. Zugleich steht der Schutz der Umwelt hoch im Kurs. Auf der MIT-Konferenz wurde Ăźber die neuen Herausforderungen und nachhaltige LĂśsungen debattiert. In einem Schwerpunkt ging es um die Städteplanung. SchlieĂ&#x;lich wachsen die Städte rasant und verbrauchen die meiste Energie. Gerade hier geht es auch um neue Konzepte fĂźr den derzeit oft dominierenden Individualverkehr, der laut den MIT-Spezialisten durch ein breit aufgestelltes, multimodales System erweitert werden soll. Gefordert sei in der vernetzten Welt aber auch die betriebliche Organisation, um im Innovationswettkampf mithalten zu kĂśnnen oder Arbeit effizienter, nachhaltiger und besser zu gestalten. Letztlich hängt alles irgendwie zusammen. Zu diesem groĂ&#x;em Themenbereich referierten in der WKO in Wien gleich elf Spezialisten von der Elite-Universität MIT. Zuvor gab es eine kurze EinfĂźhrung durch Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, die im Wissensaustausch einen der wichtigsten Punkte zur Belebung der Innovationslandschaft sieht und vor allem eine hĂśhere private F&EQuote in Ă–sterreich etablieren mĂśchte. Einen Vortrag hielten neben den MIT-GrĂśĂ&#x;en auch Monika Kircher-Kohl (Infineon) und Josef Affenzeller (AVL List) als Vertreter der Ăśsterreichischen Industrie.

ist die nächste Veranstaltung in Wien geplant. Als eine Art EinfĂźhrung hat Michael Schrage, Research Fellow MIT Sloan School of Management, Ăźber WertschĂśpfung, Experimente und warum gerade hier die IT weit mehr als ein Verwaltungsinstrument sein sollte, berichtet. Dabei verwies er auf die Wichtigkeit der „Innovation Introspection“. Von Freud Ăźber Drucker, dem „Ingenieur“ Wittgenstein, Boltzmann, Schumpeter, Hayek, Popper und Co. wurde zu diesem Thema kaum jemand mit Ă–sterreich-Bezug ausgelassen. „Wichtig ist zu wissen, was wir unter Innovation verstehen und wie wir interagieren und zusammenarbeiten, um erst den Forschungsprozess zu ermĂśglichen“, so Schrage. Wien sei fĂźr Innovation seit langem ein wichtiger Platz. „Wenn Sie Inspiration und Innovationen suchen, blicken Sie nicht nach BrĂźssel, sondern nach Wien“, zeigte sich der MIT-Professor humorvoll. Konkrete Forschungsprojekte präsentierten dann MIT-Forscher wir Carlo Ratti, Lei-

ter des SENSEable City Laboratory, der sich die Real-Time-City vornahm. Sensoren und Smartphones fĂźhren zu einem radikalen Wandel der Städte (siehe Interview auf Seite 46). Die Stadt, nachhaltige Gebäude, neue aktive, flexible und energiegewinnende Materialien fĂźr Häuser und Soft Design (Sheila Kennedy) sowie neue Inputs fĂźr den Ăśffentlichen und multimodalen Verkehr sowie das „robotic house“ (Federico Castalegno) waren einige der vielen Themen. MIT-Research-Specialist Ryan Chin präsentierte mit einem faltbaren, nach vorne aufklappbaren Elektroauto samt ausgeklĂźgelten Verleih-Konzept die „persĂśnliche urbane Mobilität des 21. Jahrhunderts“. Weitere MIT-Forschungsthemen: die Auswirkung von Sensornetzwerken, wie in der Materialentwicklung Schwäche in Stärke verwandelt werden kann, in welcher Art soziale Netzwerke der Gesundheit dienen kĂśnnen oder auch Ăźber die Vorteile einer Echtzeit-Inflationserfassung. k Alfred Bankhamer


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í˘´í˘ś WISSENSTRANSFER

FĂźhlende Städte INTERVIEW. Carlo Ratti, auĂ&#x;erordentlicher Professor am MIT und Direktor des SENSEable City Laboratory, im Gespräch mit AUSTRIA INNOVATIV Ăźber Städte, die sich immer mehr zu Computern entwickeln. g

Foto: maxtomasinelli

AUSTRIA INNOVATIV: 2004 haben sie das Senseable City Laboratory gegrßndet. Sind die Städte sensibler, reaktiver geworden? Carlo Ratti: All die Technologien, die wir in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben wie Netzwerke, Sensoren, usw. verändern unsere Städte. Und es verändert sich dadurch auch die Art, wie wir mit Städten interagieren. In gewisser Weise werden unsere Städte zu Open-Air-Computern.

Carlo Ratti: „Unsere Städte werden zu ‘OpenAir-Computern.“

AI: Das Team des Senseable City Lab umfasst Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Fächern und ist zwischen Boston und Singapur aufgeteilt. Warum? Ratti: Wenn man sich wirklich mit Städten beschäftigen will, geht es besonders auch um die menschliche Komponente. Es sind alle soziologischen, Ükonomischen sowie die technologischen Disziplinen gefordert. Auf technologischer Seite etwa Computerwissenschaften, Netzwerktechnologie, Analyse, Physik und Mathematik. Und dann gibt es die Design-Komponente – wie nßtzen und gestalten wir den Raum? Diese drei Komponenten, die menschliche, die räumliche und die technologische, machen eine Stadt aus und mßssen optimal abgestimmt sein. AI: Warum wurde als zweiter Standort eine Hightech-Stadt wie Singapur gewählt? Ratti: Wir wollen mit vielen Städten zusammenarbeiten. Auch in Europa. Eines unserer ersten Projekte war in Österreich. Eine Ausstellung im Kunsthaus in Graz. Asien ist in Sachen der Stadtentwicklung aber sicher speziell. Deswegen haben wir uns fßr den Standort Singapur entschieden. AI: Was genau versucht ihr Forscherteam herauszufinden? Ratti: Stellen sie sich die Städte der Zukunft vor. Da geht es darum, zu verstehen, wie wir sie besser planen und designen kÜnnen, um die Stadt nachhaltiger zu machen und lebenswerter zu gestalten.

AI: Viele Architekten und Planer beschäftigen sich auch mit der Stadt der Zukunft. Was genau bedeutet in Ihrem Konzept senseable? Werden nun Sensoren und Elektronik Ăźberall sein und das Leben bestimmen? Ratti: Elektronik ist bereits jetzt Ăźberall. Ein gutes Beispiel ist die Formel 1, die fĂźr Italiener sehr wichtig ist. Wenn man vor 15 Jahren die Formel 1 gewinnen wollte, waren die wichtigen Faktoren ein gutes Auto mit guter Mechanik und ein guter Fahrer. Heute ist die Telemetrie, die Elektronik, sehr wichtig, die alle Informationen in Echtzeit von Sensoren zu einem zentralen Computer Ăźberträgt, um die Daten zu analysieren. Elektronik ist wirklich Ăźberall. Im Museum of Modern Art in New York läuft gerade die Ausstellung „Talk to me“. Alle die Objekte, die wir haben, sind nun mit Elektronik ausgestattet und kĂśnnen mit uns „sprechen“. Die Frage ist, wie diese Fähigkeit unsere Räume und Städte verändert? Wie kĂśnnen wir hier in einer neuen Art und Weise leben? Die Stadt wird zum Computer. AI: Das erinnert ein wenig an den Film Matrix? Ratti: Ja, aber im positiven Sinn. Wir suchen nach Potenzialen, um das Leben der Bewohner zu verbessern. Nachhaltigkeit und eine hĂśhere Lebensqualität sind gefragt. AI: Wie sieht es bei der Mobilität in Städten aus? Ratti: Dank Echtzeitinformationen und Sensoren wird auch hier alles smarter. Das bedeutet, dass nicht unbedingt groĂ&#x;e physische Veränderungen der Stadtstrukturen wie eine neue U-Bahn notwendig sind. Oft reicht es, die bestehende Infrastruktur zu verbessern. Heute mĂźssen die Leute den Fahrplanen folgen. Bald schon kĂśnnte es ein dynamisches System geben, wo die Verkehrsmittel den Menschen folgen. k Das Gespräch fĂźhrte Alfred Bankhamer


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THEMA: BUNDESPRÄSIDENTENWAHL

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Testen Hofburg-Rennen Gewinnen!als Spaziergang Sa./So., 24./25. April 2010

Mit der Wahl des Bundespräsidenten am Sonntag endet ein Wahlkampf, in dem nie Spannung aufkam

Von Wolfgang Zaunbauer

■ Fischer ohne echte Konkurrenz. ■ Debatten um Sager von Rosenkranz. ■ Ein völlig unbekannter Dritter. ■ Kritik an der ÖVP. Wien. Spätestens wenn Innenministerin Maria Fekter am Sonntag kurz nach 19 Uhr das vorläufige Endergebnis der Bundespräsidentenwahl bekannt gibt, ist auch dieser Wahlkampf Geschichte. Er wird als einer der unspektakulärsten in die Geschichte eingehen. Schon vor der Wahl steht mit Amtsinhaber Heinz Fischer der Wahlsieger so gut wie fest. Umfragen sehen ihn mit rund 80 Prozent der Stimmen deutlich voran. Die Herausforderer, Barbara Rosenkranz (FPÖ) und Rudolf Gehring (Christen-Partei), gelten als chancenlos. Nichtsdestotrotz ist Gehring auch heute, Samstag, noch im Einsatz. Er besucht mit Kindern und Jugendlichen den Tiergarten Schönbrunn. Heinz Fischer und Barbara Rosenkranz hingegen haben ihre Wahlkämpfe schon am Freitagnachmittag beendet. Fischer zelebrierte sein Kampagnen-Ende quasi als Heimspiel und lud in den großen Festsaal der Wiener Hofburg. In Anwesenheit von viel SPÖ-Prominenz – unter anderem waren Bundeskanzler Werner Faymann und Nationalratspräsidentin Barbara Prammer

zugegen – warb Fischer, der sich stets als überparteilichen Kandidaten präsentierte, ein letztes Mal in eigener Sache. Während Fischer in der Hofburg sprach, beging Barbara Rosenkranz ihr Wahlkampffinale am Ballhausplatz davor. Im Gegensatz zur Auftaktveranstaltung in St. Pölten vor zwei Wochen, als Heinz-Christian Strache „aus familiären Gründen“ fehlte, war der FPÖ-Chef diesmal mit von der Partie. Wie schon beim Wahlkampfstart war auch die Abschlusskundgebung der freiheitlichen Kandidatin von einer Protestkundgebung begleitet. Rund 150 Personen demonstrierten am Heldenplatz gegen Rosenkranz und die FPÖ. Davon ließ sich die resolute niederösterreichische Landesrätin aber nicht aus der Ruhe bringen.

Erklärung abgeben, in der Attacken gegen die ÖVP gesie sich „entschieden von nutzt. So kritisierten die der Ideologie des National- Grünen, die nach einem eisozialismus“ distanzierte. genen Hearing mit Fischer Trotzdem erhielt die an- (eine Premiere) eine offifängliche Begeisterung des zielle Wahlempfehlung für Kleinformats für die FPÖ- den Bundespräsidenten abKandidatin durch die Affäre gaben, mit ihrer Äquidis Äquidis-einen erheblichen Dämpfer. tanz zu Fischer und RosenDie Debatte um Rosen- kranz würde die ÖVP den verkranz’ Einstellung zur Zeit- Nationalsozialismus geschichte war einer der harmlosen. wenigen Höhepunkte eines Wahlkampfs, in dem nie Kein TV-Duell Spannung aufkam. Seit die mit Fischer ÖVP am 25. Februar ihren Dass das Hofburg-Rennen Verzicht auf eine Kandida- so unspektakulär war, lag tur bekannt gab (eigentlich unter anderem auch daran, schon davor), steht Heinz dass Fischer als schon im Fischer als Sieger fest. Das Vorhinein so gut wie festRennen um die Hofburg ist stehender Gewinner keine zu einem Spaziergang ge- Spannung aufkommen ließ. worden. Die Frage ist nur, TV-Konfrontationen verweiwie deutlich der Sieg des gerte er unter Hinweis darauf, dass sich das für einen 71-Jährigen ausfallen wird. Weil von den anderen amtierenden BundespräsiKandidaten niemand Fi- denten nicht zieme. Somit scher gefährlich werden mussten sich die Fernsehkann, drohen nur noch eine stationen mit Rosenkranz geringe Wahlbeteiligung und Gehring begnügen. Von der Partei im Auch Fischers Wahlplaoder zu viele ungültige Testen Sie jetzt die IENER Wochen Stich gelassen waren nicht gerade anStimmen seinen EITUNG Triumph 4 kate Dass Strache diesmal dabei zu trüben. Die Wahlbeteili- getan, die Massen zu belang kostenlos und gewinnen Sie eine fl otte war, ändert nichts an dem gung dürfte Umfragen zu- geistern. Der Slogan „Unser Eindruck, der bei vielen Be- Heinz Fischer bleibt ziemlich sicher Bundespräsident. folge mit 50 bis 60 Prozent Handeln braucht Werte“ ist obachtern entstand, dass einen historischen Tiefst- vielen zu unverbindlich – die Partei ihre Kandidatin stand erreichen. Aber auch andere wiederum sagen: während des Wahlkampfs an ungültigen Stimmen „typisch Fischer“. Doch imim Stich gelassen hat. So könnte es einen Rekord ge- merhin hatte der BundesDie Vespa S 50: Quadratisch, praktisch… retro! die Plakate für reagierte das Generalsekreben, nachdem führende präsident tariat nur zögerlich, als RoÖVP-Politiker wie Klubob- sich alleine, während man bei Rosenkranz-Plakaten öfsenkranz wegen ihrer unmann Karlheinz Kopf oder und Der markante rechteckige Scheinwerfer die klaren Haltung zum Dritten Landwirtschaftsminister Ni- ter das Konterfei von ParteiWien 23, Strache sah als das der Reich medial unter Bekolaus Berlakovich erklärt chef Sportsitzbank mit weißem Keder verleihen der schuss geriet. „Unter einem hatten, weiß (also ungültig) Kandidatin. Carlbergergasse 66a Vespa S 50 den unverwechselbaren Retro-Look 70er Rudolf der Gehring wiederGernot Rumpold (früherer zu wählen. FPÖ-Generalsekretär, Anm.) Diese Ankündigungen um verzichtete ganz auf Jahre. Das Einsteigermodell mit dem „gewissen Etwas“ hätte es das nicht gegeben“, wurde von verschiedenen Plakate – wohl mit ein Grund dafür, dass er auch so ein Insider. Schließlich Seiten als Empfehlung zumkleinem sorgt für den großen Auftritt selbst mit Hubraum. musste Unter Rosenkranz auf Weiß-Wählen interpretiert nach dieser Wahl den meisallen Einsendungen tenwww.faber.at völlig unbekannt bleiDruck der „Kronen Zei- Daran können auch Barbara Rosenkranz ÖVP stets demen(FPÖ) und Ru- (was Technische Details unddie weitere Infos unter werden 100 Warnwesten Seite 12 dolf Gehring (Christen-Partei) nichts ändern. Fotos: apa tung“ eine eidesstattliche tierte) – und zu scharfen ben wird. ■

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AUSTRIA INNOVATIV Article about WDLS EU 2011  

Find the article from Alfred Bankhammer in the AUSTRIA INNOVATIV - Magazin 02/2011. About Diversity and WDLS EU 2011 in Vienna