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c a p i ta l i n v e s t Banking

Ersatzbank

5 000 Suchanfragen zu Finanz­themen gehen jede Minute bei Google ein.

Das Bankgeschäft erlebt die nächste Stufe der Digitalisierung. Doch nicht traditionelle Geldinstitute treiben den Umbau voran, sondern smarte Start-ups und Internetgiganten wie Google oder Paypal

(Quelle: Google)

Text: Heinz-Roger Dohms u n d M e i k e s c hr e i b e r

Schwerpunkt digitales banking Dezember 2013

Johannes Mink

Alles, was online geht, dürfte in naher Zukunft auch mit dem Smartphone ­gehen – Geldüberweisungen zählen jetzt schon dazu

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Capital Ausgabe 12/2013

Das „Coffee Fellows“ in der Münchner Innenstadt. Am Nebentisch ein paar Smoothies schlürfende Teenager. Im Hintergrund Adele. Und mittendrin, in Jeans und Turnschuhen: Marc Bernegger, ein junger Mann, der gleich erklären wird, wie er das Bankgeschäft revolutionieren will. Den Treffpunkt hatte er selbst vorgeschlagen. Nicht weil ihm die Atmosphäre im Coffeeshop so gut gefällt. Sondern weil der vom Bahnhof aus schnell zu erreichen ist. Praktisch denken. Und einfache Lösungen suchen. Darauf sind Menschen wie Bernegger gepolt. 34 Jahre ist er alt. Und hat schon zwei Internetunternehmen gegründet und später zu Geld gemacht. Das erste hieß usgang.ch und war eine Infoplattform über das Schweizer Nachtleben. Eine simple Idee, auf die man damals, Ende der 90er, aber erst einmal kommen musste. Einen einstelligen Millionenbetrag zahlte Springer 2008 für die Website. Zu der Zeit hatte Bernegger mit Kumpels schon die nächste Firma hochgezogen, Amiando, einen Onlinedienst, über den Geschäftsleute ihre Teilnahme an Kongressen buchen können. Auch die Idee hatte vor ihm keiner gehabt. 2010 kaufte Xing das Portal, diesmal für eine zweistellige Millionensumme. Die digitale Welt verstehen – und ein Geschäftsmodell draus machen: Darin sind Menschen wie Bernegger gut. Nach den beiden Deals war er ein reicher Mann. Und ihm war langweilig. Er brauchte eine neue Heraus-

Jedes dritte Bank­ produkt

wird im Durchschnitt heute bereits direkt über den Onlinekanal abgeschlossen.

(Quelle: GfK ­Finanzmarktpanel, 2013)

42 %

der deutschen ­Bevölkerung werden im Jahr 2020 Digital Natives sein.

(Quelle: Statistisches Bundesamt)

99 % aller Finanztrans­ aktionen werden bis zum Jahr 2015 über den digitalen Kanal abgewickelt und 70 % aller ­Kontoprodukte über diesen Weg abgeschlossen. (Quelle: McKinsey)

forderung. Bernegger ging in die Finanzbranche. Auf den ersten Blick war das eine seltsame Entscheidung. Ein Techie als Banker? Ihm aber schien der Schritt logisch: „Die Bankenbranche ist die letzte Bastion der analogen Welt, sie ist zäh, langsam und innovationsfeindlich. In allen anderen bedeutenden Industrien gibt es eine ganz andere Dynamik.“ Mit anderen Worten: Menschen, die Ideen haben, praktische Lösungen suchen und das Internet verstehen, können hier was bewegen. Marc Bernegger ist nicht der einzige Techie, den es in den letzten zwei, drei Jahren in die Finanzwelt verschlagen hat. Hunderte sind es, wenn nicht Tausende. Dazu ein paar Großkonzerne wie Google oder Pay­ pal. Sie drängeln sich zwischen Kunden und Banken – indem sie versprechen, Finanzdienstleistungen praktischer, einfacher, fairer und billiger zu machen. Dröge Kontoauszüge? Ersetzen sie durch nützliche Personal F ­ inance Manager. Geldtransfers in andere Währungsgebiete? Erledigen sie zu viel günstigeren Kursen. Den Wust an Kredit-, EC- und Kundenkarten im Portemonnaie? Ordnen sie mit mobilen Payment-Verfahren. Versteckte Provisionen? Bekämpfen sie mit digitaler Transparenz. Banking, zugeschnitten auf die Generation Facebook. Geldgeschäfte, die in ein paar Jahren ein bisschen so sein sollen wie Möbel kaufen bei Ikea. Oder wie Musik hören mit Spotify. Oder, so schreibt der Niederländer Hans Eysink Smeets in seinem Buch „Porn for bankers“ provokant: wie Pornos gucken im Internet. Smeets hat für Dutzende Geldinstitute in der halben Welt gearbeitet, als Manager und auch als Berater. Er ist ein guter Kronzeuge. Seine These lautet: Banken müssten ihr ganzes Geschäftsmodell digitalisieren und an den Bedürfnissen des Kunden ausrichten. Ansonsten brauche der Kunde eines Tages keine Bank mehr, um seine finanziellen An­ gelegenheiten zu 171


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­ rledigen. Die Sexindustrie sei die e erste große Dienstleistungsbranche gewesen, die die Macht des Internets erfahren habe. Als letzte sei nun die ­Finanzindustrie an der Reihe. Einer der Revolutionäre ist Jack Dorsey, der Twitter-Erfinder. 2009 gründete er Square, eine USFirma, die Tablet- und Smartphone­­ Aufsätze vertreibt, durch die man seine Kreditkarte zieht und online abrechnet. Auch das war eine simple Idee – dank derer Kunden nun aber plötzlich bei Zehntausenden kleinen amerikanischen Händlern mit Karte zahlen können. Schon in diesem Jahr soll über Square ein zweistelliger Milliardenbetrag umgesetzt werden. Auch in Deutschland sind seit Kurzem erste Nachahmer wie iZet­tle oder SumUp am Start. Nächstes Beispiel: Taavet Hinrikus, früher Chefprogrammierer von Skype. 2011 gründete er Trans­ ferwise, ein Onlinenetzwerk für Fremdwährungstransaktionen. Ein deutscher Familienvater, der seiner in England studierenden Tochter Geld überweisen will, kann das mit Transferwise für eine Gebühr von wenigen Euro tun – zum offiziellen Wechselkurs. Aus 500 Euro werden so nicht 397 Pfund, wie bei der Bank, sondern 418 Pfund. Ideen, wie Dorsey oder Hinrikus sie hatten, gibt es inzwischen unzählige. Viele werden außerhalb der traditionellen Bankenwelt ersonnen – nur wenige auch innerhalb. Einen wirklichen Überblick über diesen sprießenden Innovationsmarkt hat kaum mehr jemand. Am ehesten wohl noch Marc Bernegger. Seine in Zürich beheimatete Firma Next Generation Finance ist nämlich ein Finanzinvestor, der ausschließlich in Banken-Start-ups investiert. An einem halben Dutzend Jungunternehmen sind die Schweizer mittlerweile beteiligt. „Überlegen Sie mal, welche neuen Player im Banking in den letzten Jahren richtig groß rausgekommen sind“, sagt ­Bernegger. „Kaum welche.“ Er will sie finden und entwickeln. 172

Nun ist es natürlich nicht so, dass die Internetrevolution völlig an der Finanzindustrie vorbeigegangen wäre. Webbanken wie die ING Diba oder Cortal Consors haben bereits im vergangenen Jahrzehnt die Branche aufgemischt – zum Wohle des Kunden. Was vor 20 Jahren undenkbar war, ist heute Standard: Viele Girokonten sind kostenlos, Tages- und Festgeldkonten sowieso. Wer mit den Zinsen seiner Bank unzufrieden ist, der kann auf ein Vergleichsportal gehen und einen besseren Anbieter suchen. Der Aufwand hält sich dank des Post-Ident-Verfahrens in Grenzen. Auch Kleinanleger haben ganz andere Möglichkeiten als vor der digitalen Wende: Mit dem richtigen Broker können sie Aktien zu Preisen handeln, die früher nicht mal für Profis möglich waren. Und doch sind viele Finanzdienstleistungen lange nicht so gut, wie sie es – auch jetzt schon – sein könnten. Ein einfaches Beispiel: Milliarden von Euro liegen Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat unverzinst auf deutschen Girokonten. Und das, obwohl viele Inhaber bei der gleichen Bank auch ihr Tagesgeldkonto haben. Es wäre kein großer Aufwand, das Geld automatisch von dem einen auf das andere Konto zu transferieren (und wieder zurück, bevor das Girokonto in den Dispo zu rutschen droht). Oder die Banken könnten den Kunden per ­E-Mail oder App informieren, wenn bestimmte Schwellen erreicht sind. Natürlich brauchten sie das nicht umsonst zu tun – warum nicht eine kleine Gebühr dafür verlangen? Doch stattdessen streichen sie lieber die Zinsen ein, die eigentlich dem Kunden gehören. Cash-Sweeping nennt man den Transfer zwischen Giro- und Sparkonto, eins der Lieblingsthemen von Karsten Junge: „Außerhalb Deutschlands ist das ein sehr verbreiteter Service. Hierzulande ist er sehr selten.“ Junge trifft man im Gregorelli’s, einem der besseren Italiener im Frankfurter Bankenviertel. Hier gibt

Ta av e t H i n r i k u s

Der einstige Chefprogrammierer von Skype gründete 2011 Transferwise. Das Onlinenetzwerk ermöglicht Fremdwährungstransaktionen – ohne Bank und zu fairen Preisen

marc bernegger

Über seine in Zürich beheimatete Firma Next Generation Finance ist der 34-jährige Schweizer Finanz­investor mittlerweile an einem halben ­Dutzend Banken-Start-ups beteiligt

„Die Bankenbranche ist die letzte Bastion der analogen Welt, sie ist zäh, langsam und innovationsfeindlich. In allen anderen bedeutenden Industrien gibt es eine ganz andere Dynamik“

Capital Ausgabe 12/2013

j e n s q ua d b e c k

Googles Industry Head Financial Services ist überzeugt davon, dass die Techies die Finanzwelt weiter verändern werden – mit oder ohne Banklizenz

es keine Teenies. Keine schnulzende Adele. Und auch keine Jeans oder Turnschuhe. Stattdessen: Lederschuhe und Anzug. Junge ist von Haus aus Banker, kein Techie. Er glaubt nicht daran, dass mit den Berneggers alles anders wird in der Finanzwelt. Und er hält auch die Porno-Thesen von Smeets für übertrieben. Die passende Altersvorsorge zu finden ist dann doch ein bisschen komplizierter, als das passende Sexfilmchen aus dem Internet herunterzuladen. Allerdings, Junge gehört auch nicht zu denen, die sich abschotten gegenüber den Ideen der Turnschuhträger. Stattdessen hat er in seinem Laptop viele davon gespeichert. Er ist inzwischen als Berater bei der Consulting-Boutique Consileon tätig. Zu seinem Job gehört es, Bankern zu erklären, was sie von den Techies ­lernen können. Gute Finanzdienstleistungen müssten in Zukunft „vor allem convenient“ sein, sagt Junge. Convenient ist ein Wort, das auch Bernegger gern benutzt und das sich auch im Buch von Smeets andauernd findet. Es gibt keine perfekte deutsche Übersetzung dafür, verbraucherfreundlich oder nutzerfreundlich trifft es noch am ehesten. Vielleicht kann man auch sagen: ein bisschen so wie Apple. Junge holt ein Beispiel aus seinem Fundus, um zu zeigen, was er meint. Es heißt simple.com und kommt aus den USA. Simple wurde gegründet von Josh Reich, 35, einem australischen Softwareentwickler. Auf den ersten Blick ist Simple eine ziemlich normale Onlinebank, die die grundlegenden Bankdienstleistungen preiswert anbietet. Der Charme der Seite erschließt sich später: Simple verbindet nämlich umfangreiche Datenanalyse mit nutzerfreundlicher Darstellung – und heraus kommt eine Art Finanzplaner 2.0, der es dem Kunden erlaubt, mithilfe einfacher Suchanfragen sein gesamtes Finanzverhalten nachzuvollziehen. „Wie viel Geld habe ich in den vergange-

nen drei Monaten für Kleidung ausgegeben?“ Die grafisch liebevoll aufbereitete Antwort lässt nur wenige Augenblicke auf sich warten. Eine Spielerei? Vielleicht. Aber wohl eher nicht. „Daten, die zu nützlichen Informationen werden“, glaubt Junge, seien genau das, was die Kunden in Zukunft verlangen. Es sei falsch zu glauben, dass sich die Leute nicht für ihre Finanzen interessierten. Es gebe durchaus ein Bedürfnis, „Peter-Zwegat-mäßig gezeigt zu bekommen, warum am Monats­ende das Geld ausgeht“. Nur: Wer habe denn Lust, abends die Rewe-Einkaufszettel abzuheften? Oder die Ausgaben ins „Wiso“-Haushaltsbuch einzutippen? Junge ist jetzt nicht mehr zu stoppen. Ein Hobbyläufer, der für einen Marathon trainiert, könne längst zwischen verschiedensten Apps wählen, die die Funktion eines digitalen Trainers und Motivators übernähmen. „Sportartikelfirmen wie Nike bieten so etwas an, weil sie wissen, dass sie damit ihre Kunden binden.“ ­Ähnlich professionelle F ­ inanz-Apps seien rar. Stattdessen bekommen deutsche Bankkunden einmal im Quartal einen Briefumschlag mit den Kontoauszügen. Hat Junge recht? Verschlafen viele Banken da gerade einen naheliegenden Trend? Oder gibt es vielleicht gar keinen Bedarf an solchen Tools? Fest steht: Sollte sich die Nachfrage irgendwann entwickeln, dann dürften der Branche – rechnet man die Krise und die regulatorischen Folgen zusammen – zehn Jahre fehlen, in denen sie sich um andere Dinge gekümmert hat als um die Innovation ihres Geschäftsmodells. Zeit, in der sich branchenfremde Player an den Kunden ranwanzen. Also? Das Jumeirah Hotel in Frankfurt, ein kühler Herbsttag. IBM hat zur „Bankenfachtagung Bank & Zukunft 2013“ geladen. Es geht um Themen wie „Kundenverhalten im digitalen Wandel“, „Social Trading“ oder „Crowdfunding“. Die Vorträge sind interessant, doch was in Erinnerung bleibt, 173


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Zahlungsverkehr

Bytes statt Bares Telekomkonzerne, Mobilfunkbetreiber und Internetfirmen arbeiten am Umstieg auf digitale Bezahlsysteme. In Polen und Finnland verlieren Scheine und Münzen schon rapide an Bedeutung. Doch die Deutschen tun sich schwer

ist vor allem ein Bild: wie oben ein sehr ­selbstsicherer Nichtbanker eine Rede hält. Und ihm unten sehr unsicher dreinblickende Banker an den Lippen hängen. „70 Prozent aller Tagesgeldkonten werden inzwischen online abgeschlossen. Dieser Wert steigt exponentiell. Und selbst wer ein Finanzprodukt letztlich in der Filiale kauft, bereitet diesen Kauf immer öfter im Internet vor“, sagt der Mann zu Beginn. Dann gibt er eine kleine Lektion in Sachen digitaler Innovation, und am Ende seines Vortrags meint er väterlich: „Wir sehen uns als Ihre Partner, nicht als Konkurrenz.“ Der Redner heißt Jens Quadbeck. Er ist bei Google verantwortlich für den Bereich Finance – und damit, wenn man so will, der Bankberater von Millionen von Deutschen. Denn: Sich im Internet informieren heißt ja in der Regel, einen Suchbegriff bei Google einzugeben. Schon jetzt verdient Google Milliarden an den Provisionen, die die Banken zahlen, wenn die Suchmaschine die Nutzer zu den Instituten weiterleitet. Wird Google irgendwann selbst zur Bank? Das ist eine beliebte Frage. Ähnlich wie: Bietet Pay­pal bald ein eigenes Girokonto an? Wissen tun das höchstens die Firmen selbst – wenn überhaupt. Doch vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Denn wichtig und sicher ist nur, dass 174

Karte durchziehen und online ­abrechnen: Spezielle Lesegeräte, wie sie von SumUp oder iZettle ange­ boten werden, machen Smartphones oder Tablets zu mobilen Terminals für Kredit- und Girokarten

Wird Banking­ fairer ­w erden? Vermutlich auch das. Die Digitalisierung macht Preise vergleich­barer

50 %

der Abschlüsse von Bankprodukten in der Filiale basieren auf einer Onlinerecherche. (Quelle: GfK, Deutsche Bank ­Research, Google, 2010)

die Techies die Finanzwelt mit oder ohne Banklizenz weiter verändern werden. Die Großen wie Goo­g le, ­Pay­pal, Amazon oder Apple. Und genauso die Tausende Newcomer von Simple bis Square. Und was bedeutet das für die Kunden? Wird Banking praktischer werden? In jedem Fall. Alles, was ­online geht, dürfte in naher Zukunft auch mit dem Smartphone gehen – vor allem das Bezahlen. Denkbar scheint sogar, dass mobile Geldbörsen in ein paar Jahren Kreditkarten-, EC- und Kundenkarten weitgehend abgelöst haben werden. Wird Banking einfacher werden? Tendenziell ja, schließlich hat die digitale Revolution fast alle Dienstleistungen vereinfacht. Die Frage allerdings ist, ob manche Finanzangelegenheiten nicht so vielschichtig sind, dass sie sich dieser Logik entziehen. Denn wer „Tagesgeld“ bei Google eingibt, der findet längst genauso sicher, was er sucht, wie jemand, der „Sex“ eingibt. Für den Suchbegriff „Vermögensaufbau“ gilt das aber noch lange nicht. Wird Banking ehrlicher werden? Gut möglich. Autor Smeets schreibt, die Kunden hätten in ihren Bankberatern den „vertrauenswürdigen Onkel“ gesucht. Und den provisionslüsternen „Höhlenmenschen“ gefunden. Auch das sei ein Grund, warum sie nun im Capital Ausgabe 12/2013

Bezahlen kann so einfach sein. Zumindest wenn man mit Konrad Mróz unterwegs ist. Schnellen Schrittes steuert Mróz im Warschauer Einkaufszentrum „Blue City“ auf eine Bar zu und bestellt einen Milchkaffee. Dann zückt er sein Smartphone­ und hält es kurz an ein kleines schwarzes Gerät auf dem Tresen. Mróz bekommt seinen Kaffee und eine Quittung. Das war’s. Weiter geht es zum Supermarkt „­ Piotr i Pawel“. Zur Kassiererin muss man hier nicht mehr gehen. Die Waren legt man selbst auf den Scanner. Eine schnelle Bewegung mit dem Smartphone über ein Kontaktfeld – und schon ist der Einkauf bezahlt.

Die Telekom will das Smartphone zum neuen Portemonnaie machen – und wird damit zum Finanz­ dienstleister Near Field Communication (NFC) heißt die Funktechnik zum kontaktlosen Austausch von Daten zwischen Handy und Terminal, mit der die Zahlung über eine Distanz von zehn Zentimetern praktisch im Vorbeigehen möglich ist. Vieles deutet darauf hin, dass diese Technik bald den Alltag erobert. Beim Friseur, in der Apotheke, in der Eisdiele oder im Bus – in Warschau sind die Möglichkeiten, per Handy zu bezahlen, schon weit fortgeschritten. Das liegt unter anderem an Experten wie Konrad Mróz, der für die polnische Tochterfirma von

­ -Mobile daran arbeitet, Polen zu T einem der fortschrittlichsten Länder Europas beim mobilen Bezahlen zu machen. Die Deutsche Telekom testet in Polen eine Technik für Smartphones, die irgendwann auch in Deutschland eingeführt werden soll: „My Wallet“ heißt die Lösung von T-Mobile, mit der EC- und Kreditkarten, Bonuskarten und Ticketsysteme, Ausweise und vieles mehr in das Smartphone integriert werden können. Was in Polen schon zum Alltag gehört, ist ein weltweiter Trend. Viele Firmen rechnen damit, dass sich das Verhältnis zu Scheinen und Münzen in den kommenden Jahren drastisch verändern wird. Und dass am Ende dieser Entwicklung das Bargeld praktisch bedeutungslos sein wird. Die Europä­ ische Zentralbank misst eine stetig wachsende Summe von bargeldlosem Zahlungsverkehr. 727 Millionen Bezahlkarten sind in der EU in Umlauf. Rund 37 Milliarden Mal bezahlen die EU-Bürger damit jährlich. Wie eine Volkswirtschaft aussieht, in der das Bargeld aus der Öffentlichkeit verschwindet, ist in Finnland zu sehen. Wer in Helsinki einen Bus besteigt, hält eine Plastikkarte der Verkehrsbetriebe vor ein Lesegerät neben dem Fahrer, wo­raufhin das Fahrgeld abgebucht wird. Selbst für den Kauf einer Packung Kaugummi benutzen die meisten Finnen ihre Kreditkarte, was möglich ist, weil sogar die kleinsten Geschäfte über Kreditkartenterminals verfügen.

Bankautomaten sind eher selten. Einer Capgemini-Analyse zufolge liegt Finnland bei den bargeldlosen Transaktionen pro Einwohner weltweit an der Spitze.

Alle finnischen ­Studenten haben jetzt einen Bezahlchip in ihrem Universitätsausweis Finnlands größter Mobilfunkanbieter Elisa hat zusammen mit Mastercard einen Chip entwickelt, der entweder ins Mobiltelefon integriert oder einfach auf die Rückseite geklebt werden kann. Damit wird aus dem Telefon eine Geldbörse. „Wir sind jetzt ein Finanzinstitut“, sagt Henri Korpi, der bei Elisa für das Einzelkundengeschäft zuständig ist. Im Herbst bekamen alle finnischen Universitätsstudenten bereits neue Uni-Ausweise mit einem integrierten Bezahlchip. In Deutschland kam der Wandel bisher kaum voran, weil sich Mobilfunkfirmen, Händler und Zahlungsabwickler nicht auf einen Standard einigen konnten. Noch immer werden rund 60 Prozent aller Transaktionen in bar getätigt. Doch selbst die Bargeldpäpste der Bundesbank konstatieren: Auf lange Sicht wachsen Generationen heran, denen bargeldloses Bezahlen von Kindesbeinen an vertraut ist. Banknoten und Münzen wirken da wie ein Relikt vergangener Zeiten. nils kreimeier u n d M atth i a s T h i e m e

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Internet nach Rat suchten. Die These ist ein bisschen klischeehaft. Aber nicht völlig falsch. Erste Finanzdienstleister brechen bereits radikal mit dem alten Provisionsmodell. So hat der Versicherer Aegon in den Niederlanden die „Knab“ (umgedreht „Bank“) gegründet, eine Internetbank, die neben umfangreichen Onlinetools auch eine intensive persönliche Beratung anbietet – zum Beispiel via Videotelefonie. Der Service hat allerdings seinen Preis, nämlich eine Pauschale von 15 Euro im Monat. Dafür gibt es keine (versteckten) Gebühren. Wird Banking fairer werden? Vermutlich auch das. Die Digitalisierung macht Preise vergleichbarer – dem müssen sich die Banken stellen. Bei der britischen Barclays können sich die Kunden per App-Logik bestimmte Dienstleistungen für eine bestimmte Zeit hinzubuchen. Gegen ein paar Pfund Gebühr kann man dann während des USA-Urlaubs so oft Geld abheben, wie man will. Weitere Kosten fallen keine an, böse Überraschungen beim Blick auf den nächsten Kontoauszug bleiben aus. Wird Banking billiger? Zumindest geht die Tendenz dahin, dass der Kunde angemessenere Preise zahlt für Dienste, die er nutzt – anstelle von zweifelhaften „Ausgabeaufschlägen“ beim Kauf eines Investmentfonds. „Die allermeisten Bankservices werden in den nächsten Jahren zu ‚Commodities‘ werden“, sagt Bernegger – also zu 08/15-Dienstleistungen, die den Kunden kaum noch etwas kosten. „Das geht vom Aktienhandel über den Währungswechsel bis hin zum Geldabheben im Ausland.“ Gut zwei Stunden sind rum, Marc Bernegger muss los. „Die Welle­ beginnt“, sagt er noch, „der Tipping­ Point, ab dem die neuen Dienste sich bei der breiten Masse der Kunden durchsetzen werden, ist nicht mehr weit entfernt.“ Dann geht er. Eines der Banken-Start-ups, in die er investiert hat, sitzt in München. Dort will er noch vorbeischauen. Er nimmt die SBahn.­Das geht am einfachsten. 176

Glossar Peer-to-peer-Lending

Normalerweise geht Geldverleihen so: Der Sparer bringt sein Geld zur Bank – und die verleiht es an Konsumenten oder Unternehmen. Auf Peer-to-PeerPlattformen wird die Bank einfach umgangen. Der Vorteil: Die Marge ist höher. Der Nachteil: Der Sparer geht ins Risiko, weil beim „P2P“-Lending die Einlagensicherung wegfällt. Zu den großen deutschen Anbietern gehören Smava oder Auxmoney.

Community Banking

Community Banking setzt darauf, dass sich die Kunden untereinander und mit ihrer Bank über ihre finanziellen Angelegenheiten austauschen – damit man voneinander lernt und gemeinsam bessere Services entwickelt. In Deutschland verfolgt vor allem die Fidor Bank diesen Ansatz. Die große Frage wird sein, ob Geld wirklich ein Thema ist, über das Menschen in sozialen Netzwerken reden wollen.

Personal Finance Manager

Personal Finance Manager sind die Haushaltsbücher des Digitalzeitalters – und sollen dem Kunden helfen, seine Finanzen besser in den Griff zu bekommen. Vorreiter sind die USA, wo Dienste wie Simple, Mint oder Smartypig immer mehr Anhänger finden. Auch in Deutschland bieten inzwischen erste Banken solche Apps an, zum Beispiel die Commerzbank-Tochter Comdirect.

Social Trading

Früher kursierten Aktiengerüchte auf dem Börsenparkett – heute im Internet. Die Kölner Firma Stockpulse behauptet, dass Kleinanleger davon profitieren können. Das Unternehmen wertet nach eigenen Angaben Nachrichtenschnipsel aus, die in sozialen Netzwerken zu bestimmten Aktien, Rohstoffen oder Indizes kursieren. Angeblich lassen sich daraus Schlüsse auf den weiteren Kursverlauf ziehen.

Crowdfunding

Auf Crowdfunding-Plattformen wie seedmatch.de oder bergfuerst.com können viele kleine Geldgeber ein Start-up-Unternehmen finanzieren. In der Regel werden sie damit zu stillen Gesellschaftern – das heißt, sie besitzen zwar Anteile, haben aber keinen Einfluss auf das Unternehmen. Kleinanleger sollten vorsichtig sein. Schwarmfinanzierung klingt zwar sympathisch, ist aber ein hochriskantes Investment.

Capital Ausgabe 12/2013


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