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| 8. Dezember 2016

10 Fragen und Antworten Das Arbeitsrecht gilt auch auf der Jahresendfeier: Die Benimm-Regeln. Seite 31

ANDREA CAPREZ

Management

WEIHNACHTSFEIER

Isolierte Innovatoren

Trend Digitalisierungs- und Innovations-Labs von Firmen boomen. Trotzdem bleiben ihre Ideen oft ungehört.

E

CONSTANTIN GILLIES

ine Armprothese, an der man sein Handy aufladen kann? Das ist nur eine von vielen Produktideen, über die der Medizintechnikhersteller Ottobock nachdenkt. Doch sie kam nicht aus dem Entwicklungslabor des Familienunternehmens im deutschen Duderstadt, sondern wurde in Berlin erdacht: Dort betreibt Ottobock seit rund einem Jahr einen schnellen Ideenbrüter: Im sogenannten Open Innovation Space finden Tüftler alles, was das Herz begehrt – 3D-Drucker, Lasercutter, Holzwerkstatt und vieles mehr. So wie das Familienunternehmen gehen immer mehr Firmen vor: Sie eröffnen Digitale Labore (kurz: Digital Labs), um frische Ideen für die Zukunft zu ent­ wickeln. Allein in Deutschland sind es schon sechzig, in der Schweiz sind inzwischen Firmen wie Swiss Life vorne mit ­dabei. Dabei verfolgen alle Unternehmen denselben Plan: Die Labs sollen den Weg in die Zukunft ebnen, und zwar im SiliconValley-Stil, mit viel Experimentierfreude und Mut zum Scheitern.

Suche nach firmeninternen Paten Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Labs: Entweder die Firmen betreiben eine ausgelagerte Denkwerkstatt, in der Vordenker aus den eigenen Reihen tüfteln, oder es wird ein sogenannter Inkubator eröffnet, in dem man externe Startups mit Wissen und Kapital hochpäppelt – in der Hoffnung, von deren Ideen zu profitieren. So verfährt etwa die Swiss Life: Die Ver­ sicherung hat im letzten Sommer eine ­eigene Aktiengesellschaft gegründet, die aktiv mit Startups zusammenarbeitet. Das Swiss Life Lab soll Zukunftsideen zu drei Themen von aussen holen: Immobilienmarkt, Vorsorgeberatung und Versicherung insgesamt. Anders als klassische ­Inkubatoren betätigt sich das Labor nicht

nur als Investor. «Wir suchen den best- und sie an Leute in den Geschäftseinheimöglichen Weg, die Startups zu unterstüt- ten weiterleitet, die die nötige Offenheit zen. Das kann eine Beteiligung sein, aber haben.» Der Telekommunikationskonzern auch eine Partnerschaft», sagt Peter Moor, betreibt mehrere Digital Labs, unter andeLeiter Unternehmensentwicklung Swiss rem auf dem Campus der EPFL. Life und Initiant des eigenen Lab. Operativ Wie wichtig es ist, eine Schnittstelle geführt wird es von Adrian Bührer und zwischen den Denkerzellen und der KonMyke Näf, zwei erfahrenen Unterneh- zernzentrale zu schaffen, weiss Swisscommern. Wobei «Labor» im Fall des Swiss Manager Peter aus eigener Erfahrung. Er Life Lab nicht unbedingt als arbeitet schon seit Jahren physischer Ort zu verstehen mit Startups zusammen und «Wir brauchen ist, sondern eher als Netzist mit guten Ideen manchbeim Swiss Life werk. Das Team arbeitet mit mal gescheitert, weil «die Freelancern, Agenturen und Leute intern noch nicht so Lab keine Kooperationspartnern weltweit waren». Deshalb sei es Silicon-Valleyweit zusammen, am Weinextrem wichtig, den InnenCoolness.» platz in Zürich laufen ledigposten mit Menschen zu lich die Fäden zusammen. ­besetzen, die auch die Start­ Peter Moor Die Kernfrage bei jedem up-Kultur kennen. Daneben Initiant Swiss Life Lab Digital Lab lautet: Wie komseien natürlich passende men die Rezepte aus der VerMitarbeiter entscheidend. suchsküche zurück in die Organisation? «Das A und O ist, ins Lab Leute von aussen «Wir versuchen, ab einer gewissen Ideen- reinzukriegen», so Peter, welcher derzeit phase einen internen Paten zu finden und im ­Silicon Valley für die Swisscom neue einzubinden», erklärt Moor vom Swiss ­Geschäftsideen scoutet. Life Lab. Optimalerweise gebe es einen Eines haben fast alle Digital Labs ge­direkten Draht in die Geschäftsführung. meinsam: Sie sind räumlich vom Rest der Lukas Peter, Innovationsexperte bei der Organisation getrennt, damit der Neustart Swisscom, hält eine enge Verbindung in einer neuen Umgebung stattfinden ebenfalls für entscheidend: «Sie brauchen kann. «Das ist nicht zuletzt wichtig, damit eine Art von Innenposten, der Ideen filtert die Mitarbeiter sehen, dass es dem Unter-

Was ist ein Digitalisierungs-Lab? Ideenschub Ein Digitalisierungs- oder Innovation-Lab ist eine ausgelagerte Denkwerkstatt, wo Ideen und StartupKontakte für Grosskonzerne ent­ wickelt werden, die es in schwerfälligen Organisationen sonst nicht gäbe. Wachsende Zahl Experten rechnen damit, dass die Zahl der Digi-Labs im deutschsprachigen Raum bald 300 ­erreichen wird. Alleine in Deutschland

sind bereits sechzig Innovationslabore, die weitgehend unabhängig von ihrer Mutterorganisation arbeiten, aktiv. Run auf Berlin Innovationslabore werden meist im Silicon Valley, in Berlin oder anderen Metropolen angesiedelt. Schweizer Firmen wie Swiss Life verstehen unter einem DigitalisierungsLab eine Netzwerkstruktur, bei der die Fäden in Zürich zusammenlaufen.

nehmen ernst ist mit der digitalen Trans- ­davon, zwanghaft den Bürostil von Google formation», meint Carlo Velten, CEO von zu imitieren. Damit Ideen zum Fliegen Crisp Research, Kassel. Aber wie weit weg kommen, brauche es nicht Hotdog-­ ist weit genug? Dazu gibt es verschiedene Maschinen oder Ohrensessel, sondern Philosophien. Manche Firmen setzen auf eine Führung, welcher unternehmerisch die bodenständige Variante und wandeln denkt. einfach ein bestehendes Büro zum Lab Geht das Konzept auf? Das Swiss Life um. Das spart Kosten und erleichtert Lab zumindest ist mit seiner Zwischen­ den Zugang zu Fachleuten im Haus. bilanz nach gut anderthalb Jahren zufrie«Doch entstehen so disrup­ den: An zwei Startups hat tive Ideen?», gibt Velten zu «Firmen sind oft man sich beteiligt, drei der bedenken. entwickelten «Prototypen» Was den Standort für ein nicht bereit, das, würden intern weiterentDigital Lab angeht, scheint es wickelt, heisst es aus der was sie im Lab derzeit nur eine Option zu geLeitung. Konkretes soll erst produzieren, ben: Metropolen. 55 Prozent im Frühjahr verkündet umzusetzen.» aller deutschen Labs sind laut werden. Aber besteht nicht Crisp-Studie in Berlin angedie Gefahr, dass ein Startup Marc Bernegger siedelt. Die Schweiz spielt auf sich erst von der Swiss Life Investor der digitalen Weltkarte dagehochpäppeln lässt und gen kaum eine Rolle. Zu wedann das Geschäft auf nige Fachkräfte, urteilen Branchenexper- ­eigene Rechnung macht – oder schlimten. «Wenn Sie zum Beispiel einen erfah- mer: mit der Konkurrenz? Lab-Initiant renen Experten für Suchmaschinenopti- Moor lehnt eine solche Denkweise ab: mierung suchen, der Schwedisch spricht, «Wir glauben, dass uns Austausch beswerden sie hier womöglich nicht fündig», ser macht. Deshalb e­ rmuntern wie die sagt Marc Bernegger, erfahrener Schwei- Startups, auch andere Partner an Bord zu zer Internetunternehmer und Investor. holen.» Hiesige Unternehmen seien darauf angeKönnen die Grossen nur überleben, wiesen, ihre Labs als Netzwerk aufzu­ wenn sie auf klein machen? Davon sind ziehen, mit Aussenposten in Berlin, Asien die Verfechter der Labs überzeugt. Es gibt und dem Silicon Valley. Nur so werde es allerdings Kritiker, die vor einem «Inno­ gelingen, die nötigen Talente an Bord zu vationstheater» warnen. Viele Labs seien bekommen, so Bernegger. Showrooms, durch die der CEO seine ­Gäste führe, die aber im Grunde bedeuOptisch gleichförmig tungslos seien. Veteran Bernegger etwa ist Wer die Innovationsschmieden von skeptisch. «Man hört mehr von Labs als Volkswagen, Deutscher Telekom oder von spannenden Unternehmen.» Er bePorsche in Berlin besucht, merkt schnell, zweifelt, dass es den Konzernen gelingt, dass sie zumindest äusserlich wenig inno- mit Inkubatoren wirklich auf die Durchvativ sind. Optisch herrscht Gleichschal- bruchideen zu kommen. Darüber hinaus tung: sanierte Industriegebäude mit Loft- seien die meisten Konzerne nicht bereit Atmosphäre, bunt angemalte Wände, dazu, das, was die Labors produzieren, ­Tische aus Paletten, Studentenheim-Flair. auch umzusetzen. «Radikale Innovation Muss das sein? Peter Moor von Swiss kann bedeuten, dass die Firma einige Life widerspricht. «Wir brauchen keine ­Aktivitäten komplett einstellen muss – und ­Silicon-Valley-Coolness.» Er hält nichts dafür fehlt oft der Wille», so Bern­egger.

Handelszeitung: Isolierte Innovatoren  

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