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SAISONCHRONIK 2008/09


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IMPRESSUM HERAUSGEBER TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH Postfach 1162 74871 Sinsheim Tel. 0 72 61 / 94 93-0 Fax 0 72 61 / 94 93-102 E-Mail: info@achtzehn99.de www.achtzehn99.de AUTOR Alexander H. Gusovius KOORDINATION Steffen Lindenmaier LAYOUT, SATZ, GESTALTUNG Werbeagentur ServiceDesign, Heidelberg www.servicedesign.eu DRUCK Gedruckt auf Heidelberg Speedmaster FOTOS Uwe Grün H&B Pressebild Pfeifer, Wiesloch

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Dies ist der ausführliche Bericht des ersten Jahres der TSG 1899 Hoffenheim nach dem Aufstieg in die Bundesliga. Es sollte ein sensationelles Jahr werden, mit allen Höhen und Tiefen, die der Fußball bereithält. Bereits zum Ende der Hinrunde, kurz vor Weihnachten, kam ein Buch auf den Markt: Das Wunder von Hoffenheim. Damit war treffend umschrieben, was bis dahin schon alles in und um 1899 Hoffenheim und die jüngste Mannschaft der Bundesligageschichte geschehen war und sie zum inoffiziellen Titel ‚Herbstmeister‘ führte. In der Rückrunde kam es zu einem Einbruch, die Kräfte waren vielleicht überspannt – oder der Erfolg hatte zu schnell eingesetzt und den Teamgeist geschwächt. Aber die Mannschaft strauchelte nur, fing sich bald wieder, kämpfte noch mehr als in der Hinrunde und verbiss sich regelrecht in die Aufgabe, dem einzigartigen Hoffenheimer Gefüge von Verein, Geschäftsmodell und Sport weiter den Weg in die Zukunft zu ebnen. Am Ende erreichte man Platz 7 in der Tabelle, für einen Aufsteiger ein dicker Erfolg.


Timo Hildebrand

Chinedu Obasi

Boris Vukcevic

Marco Terrazzino Pascal Groß

Fabricio

Wellington Luis de Sousa

Kai Herdling

Boubacar Sanogo

DER KADER Obere Reihe, von links nach rechts: Andreas Beck, Christoph Janker, Kai Hesse, Luiz Gustavo, Jochen Seitz, Demba Ba, Per Nilsson, Isaac Vorsah, Vedad Ibisevic, Selim Teber, Matthias Jaissle, Marvin Compper Mittlere Reihe, von links nach rechts: Francisco Copado, Jonas Strifler, Andreas Ibertsberger, Zsolt Löw, Thorsten Kirschbaum, Daniel Haas, Ramazan Özcan, Daniel Bernhardt, Sejad Salihovic, Dragan Paljic, Tobias Weis, Carlos Eduardo Untere Reihe, von links nach rechts: Ralf Rangnick (Chef-Trainer), Peter Zeidler (Co-Trainer), César Thier (Torwart-Trainer), Tomislav Maric (Co-Trainer), Rainer Schrey (Athletik-Trainer), Hans-Dieter Hermann (Sportpsychologe), Simon Stadler (Physiotherapeut), Michael Grau-Stenzel (Physiotherapeut), Peter Geigle (Physiotherapeut), Heinz Seyfert (Zeugwart und Betreuer), Dr. Pieter Beks (Mannschaftsarzt), Matthias Bauer (Betreuer), Hoffi (Maskottchen)

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DFB-POKAL 1. RUNDE | Chemnitzer FC

10. AUGUST 2008

Chemnitzer FC – 1899 Hoffenheim 0:1 Wie immer vor dem Start in die Liga stand zunächst die 1. Hauptrunde im DFB-Pokal an. Für 1899 Hoffenheim war es der Start in ein an Bildern und Emotionen übervolles Jahr. 6.800 Zuschauer hatten sich im Chemnitzer Stadion eingefunden, um die eigene Mannschaft lautstark anzufeuern. Im Pokal, wusste man, waren Überraschungen schließlich jederzeit möglich – selbst gegen eine erfolgshungrige Mannschaft, die zwei Monate zuvor wie mit dem Fahrstuhl in die Bundesliga aufgestiegen war und mit nur einer echten Neuverpflichtung, dem Ex-Stuttgarter Rechtsverteidiger Andreas Beck, antrat. Doch das legendäre Pokalpech der Goliaths gegen die Davids dieser Welt blieb diesmal aus – oder begnügte sich damit, allein den Bus des Bundesligisten auszuschalten, der aber während der Partie mit einem aus Leipzig eilig herbeigeschafften Ersatzteil wieder in Bewegung gebracht werden konnte. Trotzdem verlief die Begegnung nicht völlig einseitig. Eine Fülle von Torchancen sollte zwar für den frischgebackenen Erstligisten zubuche schlagen, doch auch Chemnitz hatte gute Chancen. Alles in allem wurde den Zuschauern ein höchst unterhaltsames Match geboten. Auf Hoffenheimer Seite fehlten noch Chinedu Obasi, der für sein Heimatland bei den Olympischen Spielen antrat, und Sejad Salihovic, der an einem Faserriss in der Wade laborierte. Tobias Weis dagegen wurde rechtzeitig fit und spielte von Beginn an im linken Mittelfeld. Nach einem sensationellen Pass von Weis hätte Demba Ba schon in der ersten Minute das Endergebnis herstellen können, doch er schei-

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terte aus kurzer Distanz am Chemnitzer Torhüter. Die Antwort der Gastgeber ließ nicht lange auf sich warten. Zwei Minuten später zog ein kraftvoller Flachschuss von der Strafraumgrenze knapp am Hoffenheimer Tor vorbei. Auf diesen Warnschuss hin übernahm 1899 Hoffenheim jedoch das Kommando und hätte wiederum durch Demba Ba in der 11. Minute erneut in Führung gehen können. In der 33. Minute flog dann ein Heber von Copado knapp übers Tor, andere Gelegenheiten (Weis in der 22., Ibisevic in der 42. Minute) neutralisierte der gut aufgelegte Chemnitzer Schlussmann. Trotz Hoffenheims sichtbarer Feldüberlegenheit bekamen die Chemnitzer kurz vor der


Chemnitzer FC Klömich, Liebers , Wilke , Baumann , Kunert, Boltze, Emmerich (74. Reinhardt), Becker, Schlosser (72. Bachmann), Kelling, Sonnenberg

1899 Hoffenheim Özcan, Beck, Nilsson, Compper, Ibertsberger, Luiz Gustavo (89. Vorsah), Weis (65. Paljic), Carlos Eduardo, Copado (65. Teber), Ba, Ibisevic

Zuschauer 6.758

Tore 0:1 Ibisevic (77.)

Schiedsrichter Perl

Pause ihre ganz große Chance zur überraschenden Führung, aber Torhüter Özcan hielt den scharfen Schuss aus 10 Metern mit einer sehenswerten Parade. Darüber hinaus gab es, wie schon erwähnt, auch außerhalb des Stadions Anlass für Spannung, denn der Hoffenheimer Mannschaftsbus war liegen geblieben. Genauer: der Anlasser hatte den Dienst quittiert. Anschieben? Nicht bei einem Diesel. Schon gar nicht bei einem Reisebus… Fahrer Matthias Bauer musste darum das passende Ersatzteil aus Leipzig bestellen. Sofort nach dem Wiederanpfiff rollten immer neue Angriffswellen auf das Chemnitzer Gehäuse zu. Insgesamt viermal, in der 46., 51., 53. und 63. Minute, hatte allein Ibisevic die Führung auf Fuß und Kopf, scheiterte aber an mangelnder Präzision oder am Torhüter. So blieb die erste Erfolgsmeldung des Spiels, in der 64. Minute, dem Außengeschehen vorbehalten: der neue Anlasser traf ein.

1899 Hoffenheim wurde zusehends ungeduldig. Trainer Ralf Rangnick brachte Paljic und Teber, was an der Chancenverwertung zunächst wenig änderte. Erst als allmählich die Zeit knapp wurde, stellte sich in der 77. Minute der verdiente Erfolg endlich ein. Demba Ba passte im Strafraum wunderschön quer zu Carlos Eduardo, der den Ball nach rechts zu Ibisevic verlängerte, und dem Bosnier gelang aus knapp zehn Metern mit einem strammen Rechtsschuss ins obere linke Toreck der einzige, aber hochverdiente Treffer des Spiels. Kurze Zeit später war auch der Anlasser eingebaut. Nach dem Spiel sagte Francisco Copado: „Ein typisches Pokalspiel. Unser altes Übel, wir vergeben zu viele Chancen.“ Und Trainer Ralf Rangnick fügte hinzu: „Wir sind nie Gefahr gelaufen, die Nerven zu verlieren. Es war abzusehen, dass einer reinrutscht. 6:1 wäre normal gewesen.“ Für die nächste Runde wurde der SC Freiburg als Gegner ausgelost: Breisgau gegen Kraichgau, badisches Duell! ■

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1. SPIELTAG | Energie Cottbus

16. AUGUST 2008

Energie Cottbus – 1899 Hoffenheim 0:3 Für Energie Cottbus erwies es sich geradezu als fatal, dass man die letzte Saison mit fünf Heimspielsiegen in Folge abgeschlossen hatte. Denn daran lag es vermutlich, dass man den Aufsteiger aus der kurpfälzischen Provinz von der ersten Minute an sichtbar nicht ernst nahm, ein Fehler, dem auch andere Mannschaften noch anheim fallen sollten. Dabei hätte allein die geballte LigaErfahrung der Cottbusser mit einem Durchschnittsalter von fast 29 Jahren genau das verhindern müssen. Der Altersschnitt der Hoffenheimer lag bei nur 23 Jahren, aus Cottbusser Sicht also ein Kindergarten, außerdem gab es, abgesehen von Copado, kein aus der Bundesliga bekanntes Gesicht in den Hoffenheimer Reihen. So kam es, dass sich das sonst so verlässliche ‚Energie-Feuer‘ zu keinem Zeitpunkt der Partie entzünden wollte.

Schon in der dritten Minute setzte Luiz Gustavo ein Ausrufezeichen. Auf rutschigem Boden versuchte er sich an einem Fernschuss aus 25 Metern, der am Gehäuse vorbeistrich. Die kampferprobte Heimmannschaft fühlte sich auf dem glitschigen Rasen trotzdem noch sicher, zumal Standprobleme seitens der Hoffenheimer unübersehbar waren. In der 14. Minute allerdings führte ein abgefälschter, gefährlicher Ball von Demba Ba zur ersten Ecke, der eine zweite folgte, einstweilen noch ohne Ergebnis. Doch schon in der 17. Minute erreichte ein Steilpass von Beck den am Elfmeterpunkt wartenden Ba, der gedankenschnell an Ibisevic weitergab. Dessen trockener Schuss landete unhaltbar im Netz. Was den Cottbussern durchweg zu schaffen machte, war das schnelle Umschalten der Gäste auf Angriff. Durch aggressives Forechecking überraschend in Ballbesitz, spielte 1899 sofort konsequent nach vorn. In der 37. Minute kam es so fast schon zum 0:2, wieder schickte ein Ball von Beck Demba Ba steil aufs Tor. Diesmal jedoch

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Energie Cottbus Tremmel, Pavicevic (57. Rivic), Mitreski, Cvitanovic, Ziebig, Kukielka (76. Vasiljevic), T. Rost, Angelow , Skela, Sörensen (69. Jelic), Rangelow

1899 Hoffenheim Özcan, Beck, Compper, Nilsson (46. Jaissle), Ibertsberger, Weis, Luiz Gustavo, Salihovic (59. Teber), Carlos Eduardo, Ba , Ibisevic (85. Copado)

Zuschauer 18.370

Tore 0:1 Ibisevic (16.) 0:2 Ba (54.) 0:3 Ibisevic (76.)

Schiedsrichter Winkmann

gelang es dem Cottbusser Keeper, der dabei Kopf und Kragen riskierte, zuerst an den Ball zu kommen. Ein Cottbusser Tor in der 41. Minute wurde zurecht nicht gegeben. In der zweiten Halbzeit musste Nilsson draußen bleiben, dem durch einen bösen Ellenbogen-Check kurz vor dem Pausenpfiff das Auge zugeschwollen war. Für ihn kam Jaissle, und Cottbus versuchte, eine dadurch vielleicht entstehende Unsicherheit in der Hoffenheimer Abwehr auszunutzen. Vergeblich: knappe zehn Minuten lang dauerte die Offensive, dann war in der 55. Minute Ibisevic mit einer Gegengabe an Ba zur Stelle. Sein präzises Anspiel auf die linke Position musste der Senegalese nur noch einschieben. Cottbus versuchte einige Male noch halbherzig, die sich nun deutlich anbahnende Niederlage abzuwenden. Aber Hoffenheims schnelles, vertikales Spiel, die Kombinationssicherheit, das sichere Behaupten des Balls ließen die Versuche meist ins Leere laufen. Auch bei Fernschüssen

und Freistößen entstand wenig Gefahr, so dass sich auf Seiten der Gastgeber halb Frustration, halb sich Fügen ins Unvermeidliche breitmachte. In der 76. Minute war es dann wieder Ibisevic, der die Partie besiegelte. Zuvor hatte Teber, der für Salihovic ins Spiel gekommen war, die halbe Cottbusser Hintermannschaft schwindlig gespielt, um aus ca. 20 Metern einfach mal draufzuhalten. Seinen kraftvollen Schuss lenkte Ibisevic geistesgegenwärtig mit dem Kopf ab – nicht etwa aus Abseitsposition, sondern unhaltbar zum Endstand von 0:3. Damit war er endgültig zum Spieler des Tages geworden. Jung, dynamisch, modern – und nicht zuletzt erfolgreich wollte Hoffenheim spielen. Trainer Ralf Rangnick hatte vor der Partie erklärt: „Wir sind nicht aufgestiegen, um wieder abzusteigen. Wir wollen jedes Spiel gewinnen.“ Sein System Hoffenheim, das in Cottbus schon verschiedene Male aufblitzte, war eine Art Arsenal light und versprach für die kommenden Spiele beste Fußballunterhaltung. Insgesamt taugte die Partie gegen Cottbus aber noch nicht zu einer echten Standortbestimmung für 1899 Hoffenheim. Die Gastgeber hatten den Beginn hochmütig verschlafen und verfügten danach nicht über ausreichend fußballerische Mittel, das Spiel noch zu drehen, als es ihnen aus den Händen glitt. ■

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2. SPIELTAG | Borussia Mönchengladbach Das erste Heimspiel in der Bundesliga! Es fand wie alle Heimspiele der Hinrunde im Mannheimer Carl-BenzStadion statt.

23. AUGUST 2008

1899 Hoffenheim – Bor. Mönchengladbach 1:0 Gleich am 2. Spieltag kam es zum Kräftemessen zweier Aufsteiger, beide spielstark und offensiv eingestellt. Die letzte Begegnung der beiden in Gladbach war geprägt von einer furiosen Aufholjagd der Hoffenheimer, nachdem sie zur Pause noch 2:0 zurückgelegen waren. Das Zweitliga-Spiel endete 2:4 und war so etwas wie das Fundament für den späteren Aufstieg von 1899, der erst am letzten Spieltag gegen Greuther Fürth erreicht wurde. Gladbach dagegen war glatt durch die Zweitliga-Saison marschiert und hatte den Aufstieg schon mehrere Spieltage vor Schluss erreicht. Dafür war der erste Spieltag im Oberhaus von einer schmerzhaften Niederlage gegen Stuttgart geprägt, während Hoffenheim sich in Cottbus den ersten Dreier gesichert hatte.

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1899 Hoffenheim Özcan, Beck, Nilsson , Compper, Jaissle, Luiz Gustavo, Weis (90. Janker), Salihovic (71. Vorsah), Carlos Eduardo (88. Teber), Ba, Ibisevic

Borussia Mönchengladbach Heimeroth, Levels, Callsen-Bracker, Daems , Jaures (73. Brouwers), Paauwe, Svärd, Matmour , Rösler (61. Neuville ), Marin, Colautti (61. Friend)

Zuschauer 26.300 (ausverkauft)

Tore 1:0 Ibisevic (31.)

Schiedsrichter Kinhöfer

Dieses erste Heimspiel von 1899 Hoffenheim in der Bundesliga fand im Carl-Benz-Stadion in Mannheim statt. Die Planung für die neue eigene Arena in Sinsheim lag im Soll. Jedoch wurde diese wie geplant erst zu Beginn der Rückrunde im Januar 2009 fertiggestellt. Bis dahin vertraute man sich dem Mannheimer Stadion an, das eigens für diesen Zweck umfassend renoviert worden war. Aber es war bis zum Anpfiff ungewiss, ob das Mannheimer Publikum dem Hoffenheimer Gast überhaupt mit ausreichend Sympathie begegnen würde, um eine echte Heim spielAtmosphäre zu haben. Alle diesbezüglichen Befürchtungen erwiesen sich als völlig unbegründet: vom ersten Moment an bestach das Mannheimer Publikum mit Warmherzigkeit und fußballerischer Begeisterungsfähigkeit, so dass sich die Mannschaft im stets ausverkauften Carl-Benz-Stadion über die ganze Hinrunde wie zuhause fühlen konnte. Das Spiel der beiden Aufsteiger begann ausgeglichen, größere Torchancen blieben für knapp 30 Minuten Mangelware. Salihovic probierte es

hier und da mit Freistößen und Fernschüssen, während Gladbach sich mit gröberen Fouls hervortat. Ab der 20. Minute begann Hoffenheim Druck aufzubauen, und in der 29. Minute vergab Demba Ba dann die erste richtig große Chance: sein Aufsetzer aus acht Metern nach einem Abpraller konnte vom Gladbacher Schlussmann mit einem Reflex abgewehrt werden. Zwei Minuten später war es aber soweit. Nach misslungener Gladbacher Abseitsfalle bekam Ibisevic den Ball ca. 25 Meter vorm Tor in die Füße, ging noch zehn Meter steil und schob die Kugel dann rechts am Torhüter unwiderstehlich vorbei in die Ecke. Zum ersten Mal erklang im Carl-BenzStadion die Hoffenheimer Tormusik: jene im Ursprung keltisch-bretonische, mittelalterliche Melodie, die sich als fröhlicher Trinkgesang bis in die Neuzeit tradiert hatte. Bis zur Pause dominierte 1899 Hoffenheim das Geschehen, ohne dass es zu weiteren hochkarätigen Chancen kam. Nach der Pause versuchte Gladbach dann das Spiel zu drehen. Nilsson hatte Glück, als seine Notbremse an Colautti in der

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2. SPIELTAG | Borussia Mönchengladbach

Sejad Salihovic beim Kopfballduell. Sein feiner linker Fuß diente diesmal nur zur Landung…

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Gladbach galt allgemein als der bessere Aufsteiger. Aber Hoffenheim gewann die Partie souverän und hätte bei besserer Chancenauswertung mehr als nur einmal Anlass zum Torjubel gehabt.

52. Minute nur mit Gelb bedacht wurde. Insgesamt aber blieben die Gladbacher Angriffe erstaunlich schwach, was nicht zuletzt am bestens aufgelegten Ex-Gladbacher Compper lag, der die Hoffenheimer Abwehr souverän dirigierte. Und so war es schon nach zehn Minuten mit dem Gladbacher Ansturm vorbei. Von da an regierte wieder der Gastgeber, spielte überragenden Fußball und kam zu etlichen guten Torchancen, die leider allesamt ungenutzt blieben. Die Gäste hätten sich auch über vier, fünf weitere Treffer keinesfalls beschweren können. In der 65. und 82. Minute war es Ba, der vergab, jedesmal dank einer Glanztat des Gladbacher Schlussmanns. In der 76. Minute vertändelten Weis und Eduardo glänzende Schusschancen. Und Ibisevic hätte die Partie ganz allein frühzeitig entscheiden können, in der 60., 63. und 86. Minute, während Nilssons Kopfball in der 70. Minute nur auf dem Querbalken landete. Als das Spiel vorbei war, lief Dietmar Hopp aufs Spielfeld und umarmte seine erfolgreichen Spie-

ler. Mit sechs Punkten aus zwei Spielen war ein Auftakt nach Maß gelungen. Was aber noch wichtiger war: die Hoffenheimer Truppe spielte einen glänzenden, attraktiven Fußball, wichtige Voraussetzung, um auch in Zukunft bestehen zu können. Trainer Rangnick suchte unterdessen die Euphorie etwas zu bremsen: „Die Tabellensituation ist zwar schön. Aber wir sind schlau genug, zu begreifen, dass dies nicht dauerhaft die Realität widerspiegelt.“ Ein Wermutstropfen bei dieser Begegnung war, dass der Gladbacher Anhang wiederholt Schmähgesänge gegen Dietmar Hopp vortrug, beleidigende Plakate herzeigte und damit zuletzt die eigene Klubführung zu einer formellen Entschuldigung zwang. In einem Interview nach den Vorfällen kündigte Dietmar Hopp an, zu Auswärtsspielen in Zukunft nur dann noch mitzufahren, wenn er in den Stadien nicht gefährdet wäre. Die gegen ihn gerichtete verbale Aggression hatte ein Ausmaß angenommen, das Vorsicht angeraten sein ließ. ■

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3. SPIELTAG | Bayer 04 Leverkusen

30. AUGUST 2008

Bayer 04 Leverkusen – 1899 Hoffenheim 5:2

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Luiz Gustavo war einer der überzeugendsten Spieler der Bundesliga auf der Position des Sechsers. Große Übersicht und hohe technische Fertigkeiten prägen sein Spiel.

Ein früher Doppelschlag beendete vorerst den Höhenflug. Nach Standards in der 8. und 17. Minute, bei denen die Hoffenheimer Defensive vor allem in der Zuordnung erhebliche Defizite offenbarte, lag 1899 rasch durch zwei Kopfballtore 2:0 zurück und fand selbst durch Ibisevics Anschlusstor in der 20. Minute nicht mehr wirklich ins Spiel. Ausschlaggebend war, dass sich Leverkusen an diesem herrlichen Sommertag vor nur 21.000 Zuschauern in der BayArena, die sich mitten in Umbauarbeiten befand, von Anfang an in der Hoffenheimer Hälfte druckvoll festsetzte – und beinahe in einen Spielrausch verfiel. Mehrmals vergab Helmes im Verlauf der ersten Halbzeit riesige Chancen, während Hoffenheim darum kämpfte, die zunehmende Ratlosigkeit und das Auseinanderdriften der Mannschaftsteile einigermaßen zu begrenzen. Folgerichtig gelang Leverkusen durch Kießling, der zehn Minuten früher noch eine Großchance vergeben hatte, das 3:1. 13


3. SPIELTAG | Bayer 04 Leverkusen

Bayer 04 Leverkusen B. Fernandez, Henrique, M. Friedrich, Haggui, Djapka, Rolfes, Vidal (61. Schwegler), Renato (77. Dum), Barnetta, Kießling, Helmes (86. Gekas)

1899 Hoffenheim Nach der Pause sahen die Zuschauer ein anderes Spiel. Hoffenheim kam mit Teber statt Weis aus der Kabine und spielte endlich auf Augenhöhe. Wie es aussah, war der Schreck über manche Kopflosigkeit der ersten Halbzeit überwunden, während Leverkusen sich ein wenig auf der schon gezeigten Leistung und dem Zweitore-Vorsprung auszuruhen schien. Der Einbruch nach den zwei frühen, unglücklichen Toren, die vor allem aus Unerfahrenheit resultierten, war jedoch völlig verständlich – wenn auch schade. Doch mit Leverkusen hatte man eben den ersten richtigen ‚Kracher‘ der Bundesliga zum Gegner, der zwar einen nur unwesentlich höheren Altersschnitt aufwies, aber über weitaus mehr Erstliga-Erfahrung verfügte. Leverkusen, das war beinahe ein Mythos, aus zahlreichen Europapokal-Krimis bestens vertraut. Die Hoffenheimer spürten trotz der Umbauarbeiten das besondere Fluidum der BayArena, sahen vor dem Anstoß am Spielfeldrand die Legende Rudi Völler auf und ab spazieren und ahnten, dass Bernd Schneider, auch wenn er verletzt war, weiterhin kreativer Teil des Leverkuseners Ensemble war. Gegen eine solche Truppe konnte man leicht die eigene Frische und Unbekümmertheit verlieren, vom bloßen DortSein schwere Beine bekommen und den Kopf nicht klar halten können. So war es kein Wunder, dass Hoffe sich in der ersten Halbzeit schwer tat und beinahe unter die Räder kam. Umso beeindruckender war es, die Mannschaft nach der Pause den verlorenen Spielfaden wieder aufnehmen zu sehen. Der Hoffenheimer dynamische Mittelfeldmotor lief nun wieder ohne zu stottern, und in der 51. Minute prüfte Teber mit einem Schuss aus 16 Metern Torhüter Adler, der die Hände gerade noch rechtzeitig hoch bekam. In der 57. Minute wurde Ibisevic im Strafraum gelegt: am fälligen Strafstoß zweifelte niemand, den Salihovic sicher verwandelte.

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Özcan, Beck, Nilsson, Compper, Jaissle (71. Copado), Luiz Gustavo , Weis (46. Teber ), Salihovic, Carlos Eduardo, Ba (71. Wellington), Ibisevic

Zuschauer 22.500 (ausverkauft)

Tore 1:0 Haggui (8.) 2:0 Friedrich (17.) 2:1 Ibisevic (20.) 3:1 Kießling (36.) 3:2 Salihovic (58.) 4:2 Barnetta (83.) 5:2 Kießling (87.)

Schiedsrichter Dr. Brych

Angesichts des sich nun entwickelnden offenen Schlagabtauschs war der Anschlusstreffer völlig verdient, und mit ein wenig Glück hätte es sogar zum Ausgleich kommen können. Als das nicht geschah, entschied sich Ralf Rangnick in der 71. Minute zum Spiel mit offenem Visier: bei seiner Doppeleinwechslung kamen Neuzugang Wellington und Routinier Copado auf den Platz, wofür Jaissle, der für den immer noch verletzten Ibertsberger im Spiel war, und Demba Ba herausgenommen wurden. Wellington, das war zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison noch ein klangvoller, verheißungsvoller Name: ein brasilianisches Jungtalent, das ins pfeilschnelle, technisch hochstehende Hoffenheimer Angriffsspiel sehr gut zu passen schien.


Bis zur 83. Minute lastete atemlose Gespanntheit über der BayArena. Hoffenheim stürmte und kombinierte, brachte aber den Ball immer noch nicht über die Linie, trotz vielversprechender Gelegenheiten von Ibisevic, Beck und Salihovic. Dann brach sich frenetischer Torjubel in der Baustelle: ein tückischer Flatterball von Barnetta, scharf aus 25 Metern abgezogen, landete hinter Özcan im Netz. Und vier Minuten später fiel auch noch das 5:2, in der Summe des Spielgeschehens ein viel zu hoher Spiel- und Endstand. Nilsson hatte bei einem Leverkusener Konter das Nachsehen gehabt und wurde umspielt, so dass Kießling nur noch den Fuß hinhalten musste. Leverkusen war zwar besser, aber nicht um drei Tore. Sondern Hoffenheim hatte, das war das

Fazit der Partie, besonders in der ersten Halbzeit eine echte Lehrstunde erteilt bekommen. Aber in der zweiten Halbzeit war auch deutlich geworden, was Rangnicks junge Truppe zu leisten vermochte, wenn sie die Herausforderung durch erfahrene, technisch versierte Mannschaften wirklich annahm.

Mittelfeldregisseur Carlos Eduardo - auch er einer der besten seines Fachs

Dass es in Leverkusen zu keinerlei verbalen Anfeindungen gegen Dietmar Hopp und die Mannschaft kam, war wohltuend. Die Werkself und ihr Publikum hatten wohl selber früher unter ähnlichen Vorurteilen gelitten. Dass Bayer Leverkusen unterdessen vollauf als Bundesliga-Edelstein akzeptiert war, sollte den Kraichgauern Hoffung geben. ■

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4. SPIELTAG | VfB Stuttgart

13. SEPTEMBER 2008

1899 Hoffenheim – VfB Stuttgart 0:0 Weil vor allem etliche Stuttgarter Fans noch im Mannheimer Verkehr feststeckten, wurde das Südwest-Derby zehn Minuten später als üblich angepfiffen. Die Gefahr, dass es zu Überreaktionen spät hereindrängender Fans kommen könnte, war einfach zu groß. Zudem wäre es schade gewesen, hätte ein Teil der Zuschauer die Anfangsphase des Spiels verpasst. Zuerst vergab Simak in der 3. Minute eine Großchance, dann taten es in der 14. und 15. Minute Ibisevic und Weis ihm nach.

Die besondere Würze des Derbys lag darin, dass in den Hoffenheimer Reihen mit Beck, Weis, Jaissle und Compper vier ehemalige Stuttgarter standen, die dort nicht oder kaum zum Zuge gekommen waren. In Hoffenheim nahmen sie rasch eine wichtige Funktion ein, alle vier wurden sogar bald in die Nationalmannschaft berufen. Aus Stuttgarter Sicht hatte man es an diesem Nachmittag dennoch mit einer Art Azubis zu tun, und darum war man überzeugt, dem überraschend erfolgreich gestarteten Emporkömmling zeigen zu können, wo Bartel den Fußballmost holt: besonders nach der Partie gegen Leverkusen. Dass es anders kam, hatte viele gute Gründe. Nach einer gewissen Nervosität zu Beginn spielte 1899 immer furioser und drückte dem Stuttgarter Spiel zunehmend den eigenen Stempel auf. Es war das kompromisslos schnelle Hoffenheimer Spiel, das den Gästen schwer zu schaffen machte, das blitzartige Kombinieren und gedan-

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kenschnelle Umschalten von Verteidigung auf Angriff. Und in der Abwehr überragte Marvin Compper alles und jeden: an seinem tadellosen Stellungsspiel, seinem scharfen Auge, seiner feinen Technik scheiterten viele Stuttgarter Angriffsversuche. Immerhin kam der VfB auch in der ersten Halbzeit zu schönen Spielzügen und gefährlichen Angriffen: Gomez zog in der 27. Minute aus 15 Metern gegen Özcan ab, der den Ball hielt; eine Minute später strich Lanigs Kopfball knapp übers Tor; in der 39. Minute parierte Özcan einen Schuss von Simak aus kurzer Distanz. Allerdings vergab Hoffenheim ebenfalls viele gute Chancen: nach seiner Chance in der 14. Minute und der Chance von Weis in der 15. Minute traf Ibisevic in der 35. Minute nur das Außennetz. Insgesamt sah die erste Halbzeit ca. 30 Minuten lang viel schönes Spiel und Bewegung auf

dem Platz, wobei vor allem 1899 Hoffenheim strukturell überlegen war. In der zweiten Halbzeit nahm die Hoffenheimer Überlegenheit noch zu. In der 53. Minute scheiterten Ba und Weis kurz nacheinander in aussichtsreicher Position, in der 62. Minute sprang ein Freistoß von Salihovic gegen die Brust von Stuttgarts Keeper Lehmann, der in der 82. Minute auch einen Kopfball von Obasi mit einem großartigen Fußreflex abwehren konnte.

Beim zweiten Heimspiel kam es im Carl-BenzStadion zur bis dato größten Hoffenheimer Fan-Choreographie.

Es war der erste Einsatz von Obasi im deutschen Oberhaus. In der 60. Minute für Ibisevic eingewechselt, trug der eben von den Olympischen Spielen heimgekehrte Silbermedaillengewinner mit grandiosen Flankenläufen und trickreichen Kombinationen viel zur Hoffenheimer Schlussoffensive bei. Dass er überhaupt so lange gefehlt hatte, war dem immer heftigeren Druck seines Heimatlandes und dem verständnisvollen Einlenken der Hoffenheimer Verantwortlichen zuzu-

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4. SPIELTAG | VfB Stuttgart

schreiben, die verhindern wollten, dass einer ihrer wichtigsten Stürmer auch aus Sorge um seine Familie vielleicht Schaden nehmen würde an der zeitlichen Überschneidung von Olympia und Bundesliga. Und wie so oft im Leben sollte sich das verständnisvolle Einlenken noch als glücklicher Umstand erweisen – wenn auch nicht in diesem Spiel. Gegen Ende der Partie bäumte sich Stuttgart noch einmal auf, konnte aber außer ein paar Kontern keine entscheidenden Akzente mehr in Richtung des Hoffenheimer Tors mehr setzen. Umso häufiger sah man nun gereizte, rüde Attacken gegen die Gastgeber, mehrmals drohte der Platzverweis. Bei einem heftigen Bodycheck in der 90. Minute von Jens Lehmann gegen Demba Ba, nachdem die Situation längst geklärt war, konnte der Cousin von Hoffenheims Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus von Glück sagen, dass er nur Gelb gezeigt bekam.

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Am Ende blieb es beim torlosen Unentschieden, einer echten Standortbestimmung. Aufgrund der gezeigten starken Leistung war die Mannschaft von 1899 Hoffenheim endgültig in der Ersten Liga angekommen. Waren die Siege gegen Cottbus und Gladbach demgegenüber noch von vergleichsweise begrenztem Aussagewert, während das Spiel gegen Leverkusen einer etwas überdotierten Lehrstunde glich, zeigte das Unentschieden gegen Stuttgart, wie enorm lernfähig die Hoffenheimer Mannschaft sein konnte. Und sie bewies in diesem Spiel, dass sie absolut erstligareif war. Die in den Medien öfters angestellten Überlegungen, der talentierten jungen Mannschaft fehle es an ‚Standing‘ oder an der nötigen Professionalität, waren damit eindrucksvoll widerlegt. ■


1899 Hoffenheim Özcan, Beck , Nilsson, Compper, Ibertsberger, Weis, Luiz Gustavo , Salihovic (79. Teber), Carlos Eduardo (73. Copado), Ba , Ibisevic (60. Obasi)

VfB Stuttgart Lehmann , Boulahrouz (84. Mandjeck), Tasci, Delpierre, Boka, Khedira , Hitzlsperger, Lanig , Simak (73. M. Fischer), Hilbert (79. Rudy), Gomez

Zuschauer 26.300 (ausverkauft)

Tore –

Schiedsrichter Sippel

Viele engagierte Zweikämpfe und etliche gelbe Karten prägten das Spiel. Die Vereinsmaskottchen Hoffi und Fritzle verstanden sich trotzdem gut.

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5. SPIELTAG | Borussia Dortmund

21. SEPTEMBER 2008

1899 Hoffenheim – Borussia Dortmund 4:1 Es brauchte exakt vier Minuten und 28 Sekunden: dann war der Torreigen gegen Dortmund eröffnet. Carlos Eduardo und Beck, dessen fliegender Weißschopf sich bei Tempovorstößen auf der rechten Flanke zum Markenzeichen von 1899 Hoffenheim zu entwickeln begann, setzten sich beim ersten Hoffenheimer Angriff des Spiels erfolgreich rechts durch. Carlos Eduardo passte den Ball steil in den Strafraum auf Tobi Weis, der auf Ibisevic weitergab. Der Hoffenheimer Torjäger schaltete schneller als die junge Dortmunder Abwehr und schob zum 1:0 ein.

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1899 Hoffenheim Özcan, Beck, Nilsson, Compper, Ibertsberger, Weis, Luiz Gustavo (74. Teber), Salihovic (74. Vorsah), Carlos Eduardo, Ba (71. Obasi), Ibisevic

Borussia Dortmund Weidenfeller, Rukavina, Subotic, Felipe Santana, Schmelzer, Federico (46. Blaszczykowski), Sahin, Tinga, Kringe (64. Kehl), Valdez , Klimowicz (46. Sadrijaj)

Zuschauer 26.300 (ausverkauft)

Tore 1:0 Ibisevic (5.) 2:0 Salihovic (25.) 3:0 Ibisevic (47.) 4:0 Carlos Eduardo (67.) 4:1 Felipe Santana (90.)

Schiedsrichter Rafati

In der folgenden Viertelstunde baute Hoffenheim immer mehr strukturelle Überlegenheit auf, ohne dass es aber zu größeren Chancen kam. Danach scheiterte Demba Ba am Dortmunder Schlussmann, während Valdez den Ball über Özcan und das Hoffenheimer Tor lupfte. Von da an stand Dortmund permanent unter Druck. Als sich in der 25. Minute Salihovic den Ball vor der Strafraummitte zu einem Freistoß aus 23 Metern zurechtlegte, durfte das Publikum ein weiteres Schmuckstück aus dem Inventar der Hoffenheimer Offensive bewundern: wenige Schritte in vorgebeugter, scheinbar schlurfender Haltung auf den Ball zu genügten dem Bosnier, um mit links förmlich eine Granate abzufeuern und den Ball in scharfer Kurve über die Dortmunder Mauer und an Weidenfeller vorbei ins Tor zu zirkeln. Schon in der 29. Minute hatte Ibisevic die nächste Gelegenheit auf dem Fuß, die Weidenfeller in höchster Not entschärfen konnte. Und in der 33. Minute verkürzte er wirkungsvoll den

Winkel vor dem heranstürmenden Demba Ba. Dortmund wirkte in dieser Phase, imgrunde bis zum Pausenpfiff, nur noch hilflos und griff zu vielen harten Fouls. Ebenso hilflos und unsportlich verhielten sich Teile des Dortmunder Anhangs, indem sie in Sprechgesängen Hoffenheim und Dietmar Hopp zu verhöhnen suchten. Besonders übel war ein Plakat, übers ganze Spiel hochgehalten, auf dem ein Fadenkreuz über dem Gesicht des Hoffenheimer Mäzens lag, darunter in Anlehnung an Arnold Schwarzeneggers ‚Terminator‘ der Satz: Hasta la vista Hopp. Humor war so etwas schon lange nicht mehr. Konsequenzen daraus waren unumgänglich und sollten folgen. Nach der Pause wiederholte sich im Sportlichen das Szenarium der ersten Halbzeit, wieder legte 1899 Hoffenheim rasch vor – nach einem unwiderstehlichen Dribbling von Demba Ba und seinem Zuspiel erhöhte Ibisevic in der 47. Minute auf 3:0, der in der 51. Minute allein vor Weidenfeller den Ball nach dessen Glanzreaktion noch an den

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5. SPIELTAG | Borussia Dortmund

Querbalken krachen ließ. Hoffenheim wirbelte, spielte Dortmund an die Wand und hätte noch etliche weitere Treffer verdient gehabt, während der Gegner sich durch behäbige Taktik, ungenaues Pass-Spiel, mangelnde Ballbeherrschung und eine insgesamt recht bräsige Einstellung hervortat. In der 67. Minute schoss Carlos Eduardo das 4:0, es war sein erster Bundesliga-Treffer. Luiz Gustavo hatte ihn mit einem einzigen langen Pass über die gesamte Dortmunder Mittelfeld- und Defensivabteilung hinweg freigespielt. Erst in der 90. Minute schaffte Dortmund es, mit einem Stocherball nach einem Eckstoß den Ehrentreffer zu erzielen. Ralf Rangnicks abschließendes Statement zum mehr als verdienten Sieg gegen die bislang ohne Niederlage in die Bundesliga-Saison gestarteten

22 SAISONCHRONIK 2008/09

Dortmunder lautete so knapp wie treffend: „So haben wir uns das Spiel vorgestellt. Im Großen und Ganzen eine perfekte Vorstellung.“ Die nicht wenigen Dortmunder Fans, von denen einige schon im Sommer beim B-Jugend-Meisterschaftsfinale in Hoffenheim mit verbalen Ausfällen auf sich aufmerksam gemacht hatten, waren übers gesamte Spiel lautstark präsent und verdarben die glanzvolle Begegnung mit grober, beleidigender Rhetorik. Dass Trainer Jürgen Klopp bei der anschließenden Pressekonferenz so gar nichts davon mitbekommen haben wollte, schmälerte die Reputation sehr, die er sich über die Mainzer Jahre öffentlich erworben hatte. Eine Entschuldigung von seiner Seite wäre mehr als angemessen gewesen – die dann Dortmunds Geschäftsführer Watzke übernahm.


Das Plakat mit dem Fadenkreuz hatte indessen eine weitere Grenze erheblich überschritten. Es war als unverhohlene Aufforderung zu erheblicher Gewalt zu interpretieren, auch wenn dahinter vermutlich ein eher jugendlicher, unreifer Geist steckte, der die Folgen seiner Tat vielleicht nicht völlig überblickte. Da es aber zu keiner persönlichen Erklärung, Verantwortlichkeit oder Entschuldigung kam, wurde zurecht Strafanzeige gestellt. Dietmar Hopp sagte später, es gehe darum, „ein Signal zu setzen, dass die Grenzen nicht überschritten werden dürfen.“

tion als Warnung, dass man in Hoffenheim nicht gewillt war, sportliche Begegnungen zum Tummelplatz immer rüderer Verbalattacken auf den Rängen werden zu lassen, hatte sie vollauf erfüllt. Denn von diesem Spiel an sah nicht nur der DFB, sondern sahen auch die Vereinsoberen in den anderen Stadien genauer hin, was die extremen Fans in ihren Reihen von sich gaben und hoch■ hielten – und griffen ein!

Tage darauf, als der Strafantrag gestellt war, kam es seitens des tatsächlich recht unbedarften Urhebers doch noch zu einer persönlichen, glaubwürdigen Entschuldigung, so dass die Anzeige zuletzt zurückgezogen werden konnte. Ihre Funk-

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DFB-POKAL 2. RUNDE | SC Freiburg

24. SEPTEMBER 2008

SC Freiburg – 1899 Hoffenheim 3:1 In den Tagen vor dem Spiel nahm Trainer Rangnick Stellung zu Gedanken, seine Mannschaft könne die Euphorie vielleicht nicht gut verarbeiten, die durch den glanzvollen Sieg über Dortmund und Position 2 in der Tabelle ausgelöst wurde. Der von Hoffenheim gespielte Systemfußball war seither in aller Munde.

24 SAISONCHRONIK 2008/09


SC Freiburg Pouplin, Schwaab, Toprak, Butscher, Schlitte, Uzoma, Flum , Jäger (90. Glockner), Abdessadki (46. Türker), Günes (87. Schuster), Idrissou

1899 Hoffenheim Özcan, Beck, Compper, Jaissle, Ibertsberger, Weis (85. Wellington), Vorsah (83. Nilsson), Salihovic, Carlos Eduardo, Obasi, Ibisevic (46. Ba)

Zuschauer 15.400

Tore 0:1 Salihovic (37. Foulelfmeter) 1:1 Schwaab (68. Foulelfmeter) 2:1 Türker (84.) 3:1 Idrissou (90. Foulelfmeter)

Schiedsrichter Kircher

„Die Jungs sind charakterlich alle sauber“, sagte Ralf Rangnick, „die sind geerdet. Die Spieler sind nach zwei Aufstiegsjahren hintereinander Erfolge gewöhnt. Im Team gibt es keine Euphorie.“ Zugleich wies er darauf hin, dass einige seiner Spieler ein Thema für die Nationalmannschaft werden könnten, wenn ihre Entwicklung so weiterginge, allen voran Marvin Compper. Bei der Pokalbegegnung gegen den SC Freiburg sah zunächst alles danach aus, als würde die Spielfreude der letzten Partie gegen Dortmund einfach fortdauern. 1899 Hoffenheim begann fulminant, nach wenigen Minuten stand den Freiburger Spielern angesichts der stürmischen Hoffenheimer Angriffe sichtbarer Schrecken ins

Gesicht geschrieben. In der 9. Minute verpasste Salihovic mit einem ambitionierten Freistoß von der Grundlinie nur knapp das Tor. Aber nach knapp zehn Minuten ließ der enorme Hoffenheimer Druck nach, ohne dass Freiburg aktiv dafür verantwortlich gewesen wäre: zweite Bälle wurden preisgegeben, das feine Pass-Spiel versiegte, Standardsituationen gingen ins Leere. Das gesamte offensive Spiel wurde zunehmend leichtfertig gestaltet; offenbar hatten die ersten Minuten die Mannschaft in Erinnerung an die Partie gegen Dortmund etwas überheblich gemacht. Die Defensive bot den dadurch immer besser ins Spiel kommenden Freiburgern allerdings weiter erfolgreich Widerstand.

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DFB-POKAL 2. RUNDE | SC Freiburg

Auch Isaac Vorsahs voller Körpereinsatz konnte das Aus im Pokal gegen den südbadischen Konkurrenten Freiburg nicht verhindern.

26 SAISONCHRONIK 2008/09


Ein umstrittener Foulelfmeter in der 36. Minute, von Salihovic souverän verwandelt, brachte 1899 die Führung – und bewirkte in Wahrheit den Nachteil, dass nun erst recht keine Notwendigkeit mehr zu bestehen schien, an der laxen Spielweise etwas zu ändern. Freiburg dagegen trat immer geschickter auf, teilte die Räume gut ein und übernahm die Initiative, während die Hoffenheimer Angriffe meist recht hektisch mit Einzelaktionen abgeschlossen wurden. Zwei Aktionen gegen Ende der ersten Halbzeit waren markant: einmal blieb ein brutales Foul von Abdessaki an Tobi Weis ungeahndet, einmal ein absichtliches Handspiel von Ibisevic. Beide Spieler waren schon verwarnt und hätten vom Platz gemusst, weshalb sie nach der Pause vorsichtshalber in der Kabine blieben. Die zweite Halbzeit lief ähnlich weiter wie die erste, Freiburg steckte nie auf und versuchte mit geduldigem Aufbauspiel und viel körperlichem Einsatz die Partie zu drehen. Der Lohn war in der 68. Minute ein weiterer Foulelfmeter nach einer Grätsche von Jaissle, bei dem es für Özcan nichts zu halten gab. 1899 Hoffenheim stellte sich danach endlich dem bravourösen Kampfgeist der Breisgauer, die aber die Deutungshoheit im Mittelfeld weiter für sich reklamieren konnten. Zu diesem Zeitpunkt, also gegen Mitte der zweiten Halbzeit, war es vermutlich auch zu spät, noch richtig ins Spiel finden zu wollen. Zu viele Lücken im Spiel, in der Abstimmung untereinander hatten sich einge-

schlichen, die dem Gegner immer mehr Chancen eröffneten. Folgerichtig erhöhte Freiburg nochmals den Druck – und verzettelte sich 1899 Hoffenheim in zwar angestrengtem Bemühen, das aber seltsam uninspiriert wirkte. Eine Szene in der 84. Minute führte zur kuriosen, letztlich jedoch logischen Konsequenz, dem Führungstreffer für die Gastgeber. Nach schlecht abgewehrtem Eckball war eine neuerliche Vorlage auf die Schulter von Türker gesprungen, von wo aus der Ball aus kurzer Entfernung in Özcans Maschen hüpfte. Hoffenheim gab angesichts der drohenden, nie erwarteten Niederlage nun Vollgas, wechselte Nilsson und Wellington ein und spielte nur noch offensiv. Aber ein Foulelfmeter in der 90. Minute, als Nilsson seinen Gegenspieler festhielt, brachte das endgültige Aus. So klug und couragiert Freiburg an diesem Abend auch agierte – eigentlich hatte 1899 sich selbst geschlagen. Das Hoffenheimer technisch herausragende Spiel, daran führte kein Weg vorbei, konnte nur dann erfolgreich sein, wenn es wie zu Beginn der Partie mit hohem Tempo vorgetragen wurde. Kaum schlichen sich Bequemlichkeiten oder Überheblichkeiten ein, fiel die Spielweise in sich zusammen. Fazit: SystemFußball Marke Hoffenheim würde auch in Zukunft nur bei maximalem Einsatz jedes Spielers umzusetzen sein. Und um im Pokal weiterzukommen, durfte man sich auf nichts ausruhen. Schon gar nicht auf sich selbst. Sonst war die Pokalsaison zuende, bevor sie begonnen hatte. ■

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6. SPIELTAG | Werder Bremen

27. SEPTEMBER 2008

Werder Bremen – 1899 Hoffenheim 5:4 Sportlicher Ehrgeiz kann auch Ruhe und Besonnenheit abstrahlen. Wie zum Beweis erlebte Mäzen Dietmar Hopp einen friedlichen, menschlich gesehen harmonischen Nachmittag ohne jede persönliche Anfeindung oder Bepöbelung im Bremer Weserstadion – inmitten eines der dramatischsten Fußballspiele seit langem. Wellen schlug an diesem Nachmittag allein der Sport, so wie es sein soll. Denn nur am Sport hängt das Herz. Krawall ist Sport ohne Herz. Vor dem Spiel erwartete niemand, einen späteren Bundesliga-Klassiker zu sehen zu bekommen. Aber genau dazu entwickelte sich, bei feinstem Fußballwetter, diese Partie des Bundesliga-Renommierklubs Werder Bremen gegen den Bundesliga-Novizen 1899 Hoffenheim. Angetreten waren zwei ausgeprägte Offensivspezialisten, die denn auch gleich zu Beginn der Begegnung deutlich machten, wohin die Reise gehen würde: nur nach vorn. Schon in der 6. Minute drohte dem Bremer Gehäuse Gefahr durch Obasi und Ba, die im Strafraum munter kombinierten – und nur, weil Ba ausrutschte, nicht zum Führungstreffer kamen. Dafür spielten zwei Minuten später Hunt und Özil vor dem Hoffenheimer Strafraum einen bezwingend schönen Doppelpass, den Özil, statt wie angetäuscht nach innen zu flanken, aus 16 Metern mit einem Sonntagsschuss ins linke obere Eck abschloss, unhaltbar für Özcan. Kaum war der Wiederanstoß ausgeführt, setzte sich Obasi am rechten Flügel wunderbar durch,

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seinen langen Ball verpasste Ba am linken Pfosten nur um Haaresbreite. Aber schon in der 16. Minute spielte Ibisevic einen genialen, ungemein präzisen Vertikalpass auf Ba, der vom linken Strafraumrand per Vollspann abzog und den Ball im langen Eck versenkte. Torraumszenen hüben wie drüben, beinahe im Minutentakt: bereits jetzt konnte kein Zweifel darüber bestehen, dass die Zuschauer heute etwas zu sehen bekamen. Doch keinem im Stadion war klar, was noch alles kommen sollte. Es war ein Festtag des Fußballs voller Überraschungen. Innerlich feierten die Hoffenheimer noch ihren Anschlusstreffer, als beim unmittelbar dem Wiederanpfiff folgenden Bremer Angriff Özcan einen mittelscharf geschossenen Ball nur abklatschen konnte und Diego den Abpraller ins Netz drosch. Wieder einmal hatten Freude und Unkonzentriertheit nach einem Tor den direkten Gegentreffer erst möglich gemacht. Von einem solchen Schock sollte sich 1899 eigentlich nur langsam erholen können, aber schon nach sieben Minuten schoss Obasi einen Ball an den Bremer Innenpfosten. Leider traf bereits vier Minuten später, in der 31. Minute, Hunt zum 4:1. Wieder hatte Özcan einen Ball nicht mit der nötigen Entschlossenheit abgewehrt. Doch Hunts anschließender Drehschuss ins lange rechte Eck war ein erneutes technisches Kabinettsstück, an dem es nichts zu halten gab. Wiederum drei Minuten später zirkelte Salihovic einen Freistoß an die Unterkante der Latte, der Abpraller wurde durch einen Flugkopfball von


Werder Bremen Wiese, Fritz, Mertesacker , Naldo, Boenisch (58. Pasanen), Frings, Hunt (65. Prödl), Özil, Diego, Rosenberg (65. Vranjes), Pizarro

1899 Hoffenheim Özcan, Beck, Nilsson, Compper, Ibertsberger, Teber (46. Weis), Luiz Gustavo, Salihovic , Ba, Ibisevic, Obasi

Zuschauer 42.100 (ausverkauft)

Tore 1:0 Özil (8.) 1:1 Ba (15.) 2:1 Pizarro (16.) 3:1 Diego (21.) 4:1 Hunt (30.) 4:2 Salihovic (36.) 4:3 Ibisevic (62. Foulelfmeter) 4:4 Compper (71.) 5:4 Özil (81.)

Schiedsrichter Perl

Pizarro entschärft. Nur zwei Minuten darauf gelang Salihovic das 4:2, diesmal flog sein Freistoß unhaltbar in die Maschen. Und Mertesacker hatte reichlich Glück, dass er zuvor nicht wegen einer Notbremse vom Feld musste. Zu diesem Zeitpunkt war erst knapp über eine halbe Stunde gespielt, es hatte Tore und Torszenen wie vom Fließband gegeben. Für den Rest der Halbzeit kehrte relative Ruhe ein. Und nach der Halbzeitpause ging das Spektakel erst richtig los, das sicher auch von den eher schwachen Abwehrreihen auf beiden Seiten profitierte. Auf Hoffenheimer Seite war die Startaufstellung interessant: zum ersten Mal in dieser Saison hatte der Trainer die drei Stürmer Ba, Obasi und Ibisevic gleichzeitig aufgeboten und ließ ein 4:3:3-System spielen. Durch Obasis Olympiareise hatte sich das nicht früher realisieren lassen – doch war Ibisevic auch erst durch Obasis Abwesenheit in den sportlichen Fokus gerückt. Damit war der

Hoffenheimer Traum-Sturm geboren: so dass sich die Belastung aus Obasis Olympiateilnahme zuletzt als Gewinn erwies. Aus der Kabine zurückgekehrt, legte 1899 gleich wieder los, offensiv noch einmal verstärkt durch die Hereinnahme von Weis für Teber. In der 51. Minute vergab Obasi allein vor Torhüter Wiese, der in der 59. Minute einen weiteren Freistoß von Salihovic gerade noch mit den Fingerspitzen erreichen konnte. In der 62. Minute traf Hunt mit links nur den Hoffenheimer Außenpfosten, in derselben Spielminute zog Mertesacker noch einmal die Notbremse und sah endgültig Rot. Ibisevic verwandelte den fälligen Foulelfmeter und verkürzte auf 4:3. Werder Bremen brachte darauf zwei neue Defensivkräfte, was am Hoffenheimer Sturmwirbel, der nun einsetzte, nichts zu ändern vermochte. Das förmliche Powerplay mündete in der 71. Minute nach einem Eckball, bei dem diesmal auch Wiese etwas unglücklich wirkte, in einen Kopfballtorpedo von Compper, der damit den Ausgleich erzielte. 4:4 – die Zuschauer waren zu diesem Zeitpunkt nervlich am Ende, ein solch verrücktes, sturmverliebtes, ohne alle taktischen Zwänge geführtes Spiel hatten die meisten wohl noch nie gesehen. Zu danken war es der Hoffenheimer Unbekümmertheit und Spielverliebtheit, die im Bremer Weserstadion allergrößten Eindruck hinterließ. Umgekehrt schaffte es Bremen nicht, sich dem Sog des Hoffenheimer Wirbelns zu entziehen und den zwischenzeitlichen Dreitorevorsprung über die Zeit zu spielen. In der 82. Minute brachte Werder nach längerer Zeit wieder einen Entlastungsangriff nach vorn, und Özil setzte nach einem Hoffenheimer Defensivfehler wie schon zu Beginn der Partie zu einem Sonntagsschuss ins obere linke Eck an. Nun hatte Hoffenheim den Fehler gemacht, das Unentschieden nicht zu verwalten. Doch schon zwei Minuten später klatschte ein Ball von Obasi aus der Halbdistanz auf die Querlatte, fast wäre erneut der Ausgleich gelungen. Dabei blieb es aber leider. Das Stadion stand regelrecht Kopf, als der Schlusspfiff ertönte, und selbst die Bremer Fanblöcke applaudierten den Hoffenheimer Jungs, als sie eine halbe Ehrenrun■ de liefen.

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7. SPIELTAG | Eintracht Frankfurt

04. OKTOBER 2008

1899 Hoffenheim – Eintracht Frankfurt 2:1 Der Sieg gegen Frankfurt war vielleicht etwas glücklich, aber übers ganze Spiel gesehen absolut verdient. Nach einer Chance hüben und drüben in den ersten zwei Minuten übernahm 1899 Hoffenheim das Kommando im Spiel und erstürmte für einen Tag sogar die Tabellenspitze. Aber es zeigte sich im Spiel auch, und das war noch viel wertvoller, wie sehr die Mannschaft zusammengewachsen war. Sie euphorisierte sich inzwischen weniger, wenn es gut lief, und bot dem Gegner dadurch weniger Lücken – und erschrak weniger in Momenten, in denen es einmal nicht so gut lief, was die Angriffsflächen andersherum verkleinerte. Sie gewann also an Form und Format, tat regelmäßig einen großen Schritt nach vorn und nur einen kleinen zurück. Da passte es, dass Vedad Ibisevic ein paar Tage später von goal.com zum Spieler des Monats September gewählt wurde.

Trotzdem – oder gerade deshalb – hatte Trainer Ralf Rangnick vor dem Spiel die Devise ausgegeben: „Wir sind ja nicht unterwegs wie die Harlem Globetrotters, um die Zuschauer zu begeistern, sondern um Punkte mitzunehmen.“ Frankfurt stand erwartungsgemäß tief gestaffelt und hatte sich auf Konter eingerichtet. Für spielstarke Mannschaften normalerweise ein Problem, ließ 1899 sich im Elan nach vorn kaum beeindrucken. Luiz Gustavo sorgte in der 12. Minute durch einen fulminanten Fernschuss aus gut und gern 25 Metern für Gefahr, Ibisevic und Salihovic per Nachschuss scheiterten in der 22. Minute am Frankfurter Schlussmann. Die Eintracht hatte ihre Konterversuche zu diesem Zeitpunkt schon ein-

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1899 Hoffenheim Haas, Beck, Jaissle, Compper, Ibertsberger, Weis, Luiz Gustavo , Salihovic (76. Vorsah), Obasi (75. Carlos Eduardo), Ibisevic (90. Teber), Ba

Eintracht Frankfurt Nikolov, Ochs, Bellaid (63. Caio), Galindo , Spycher, Toski (84. Liberopoulos), Russ, Inamoto , Köhler, Steinhöfer (71. Mahdavikia), Fenin

Zuschauer 26.300 (ausverkauft)

Tore 1:0 Ba (47.) 1:1 Steinhöfer (66.) 2:1 Ba (72.)

Schiedsrichter Dr. Fleischer

gestellt, so dass Torhüter Haas, für ‚Rambo‘ Özcan spielend, kaum noch zu Ballkontakten kam. In der 35. Minute traf Salihovic bei einem Freistoß nur das Außennetz, in der 42. Minute vergab Ba freistehend vor Schlussmann Nikolov nach großartigem Anspiel von Weis, aber auch aufgrund eines ebenso großartigen Reflexes des Keepers mit dem Fuß. Die Kulisse im Mannheimer Stadion mutete indes seltsam an. Da aus dem nahen Frankfurt viel mehr Fans als üblich zum Auswärtsspiel angereist waren, hatte man ihnen Zutritt zu einem zweiten Block gewährt. Das führte dazu, dass die Frankfurter meist schwarz gekleidete Anhängerschaft eine enorme Lärmkulisse aufbauen konnte, der das Hoffenheimer Publikum, unerfahren noch in Sachen Fangesang, wenig entgegenzusetzen wusste. Streckenweise wirkte es, als hätte die Eintracht das Heimrecht bei dieser Partie, und tatsächlich skandierten deren Fans

wiederholt: „Heimspiel in Mannheim!“ Dass sie auch anderes, u.a. die bekannten üblen Sprechchöre gegen Dietmar Hopp, vorbringen zu müssen meinten, senkte ihren Sympathiewert erheblich. Hinzu kam eine Rauchbombe, die der TSG 1899 Hoffenheim eine Geldstrafe von 3.000 Euro seitens des DFB einbrachte. Nach der Pause setzte Hoffe sofort nach. Eine Chaos-Situation im Frankfurter Strafraum brachte in der 47. Minute endlich die Führung: Demba Ba bekam einen Ball zurück, den er eigentlich auf Ibisevic hatte spielen wollen, und schob locker zum 1:0 ein. Frankfurt musste in der Folge das Spiel offener gestalten, erarbeitete sich mehr Raum im Mittelfeld, ohne zu glänzen oder Torgefahr aufzubauen, und schaffte es in der 66. Minute trotzdem, den Ausgleich zu erzielen. Nach einer unbedrängten Flanke von links gelang es dem ebenso unbedrängten Steinhöfer, Haas per Kopfball zu überwinden. Die Hoffenheimer Abwehr

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7. SPIELTAG | Eintracht Frankfurt

Obasi, Jaissle, Weis und Vorsah in Aktion – es war ein verdienter Sieg gegen die Eintracht aus Frankfurt.

sah für diesen einen Moment nicht wirklich gut aus, und die Mannschaft verstand, dass sie ihre Zurückhaltung aufgeben musste, die sich seit dem Führungstreffer eingeschlichen hatte. Also legte Hoffe den Schalter um, Obasi prüfte in der 68. Minute, allein aufs Tor zustürmend, den Frankfurter Schlussmann. Drei Minuten später bewies Luiz Gustavo wieder einmal sein gutes taktisches Auge: mit einem gewaltigen Ball nach vorn stellte er Ibisevic und Ba vor die lösbare Aufgabe, sich durch den kümmerlichen Rest der Frankfurter Abwehr hindurch zu kombinieren, so dass zuletzt Ibisevic allein auf Nikolov zuging – und ihn erfolgreich zum 2:1 tunnelte.

32 SAISONCHRONIK 2008/09

Als Frankfurt nun alles nach vorn warf, musste Ibertsberger in der 83. Minute mit einem artistischen Sprung den Ball per Kopf für den geschlagenen Haas von der Linie holen. In der 90. Minute rettete wiederum Haas selber den Sieg, als er einen Ball von Fenin hielt. Und in der Nachspielzeit katapultierte Ibisevic einen Freistoß aus ca. 25 Metern aufs Tor, den Nikolov gerade noch über die Querlatte lenken konnte. Danach ertönte der Schlusspfiff: 1899 Hoffenheim feierte seinen vierten Saisonsieg. ■


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8. SPIELTAG | Hannover 96

18. OKTOBER 2008

Hannover 96 – 1899 Hoffenheim 2:5 Am Ende des Spiels stand Hoffenheim wieder kurzfristig auf Platz 1 der Tabelle. Zugleich machte dieser achte Spieltag aber das Gesicht der Mannschaft deutlich: sie bewies genug Kraft, gegen jeden Gegner das eigene Spiel wirkungsvoll durchsetzen zu können. Mit jedem Spiel wuchs die mannschaftliche Geschlossenheit bisher sichtbar an.

1899 begann die Partie, wie fast immer auswärts, etwas verhalten, aber diesmal war von Beginn an zu spüren, dass die kontrollierte Spielweise aufging. Souverän wurde das eigene Spiel systematisch aufgebaut und der Gegner auf Schwachstellen hin ausgekundschaftet. Trotzdem kam es immer noch ca. alle vier Minuten zu einem Torschuss: nur weniger impulsiv als sonst. Dadurch wuchs der Druck auf Hannover kontinuierlich an, nahm die Überlegenheit zu, bis in der 35. Minute das erste Tor fiel. Beck und Ibisevic hatten sich rechts im Doppelpass versucht, Beck den Ball nach innen geflankt und Ibisevic gefunden, der die Kugel nur noch über die Linie zu drücken brauchte. In der Gewissheit, mit der bisher gezeigten spielerischen Überlegenheit das Spiel zu gewinnen, ließ die Konzentration bei 1899 dann ein bisschen nach. Die Mannschaft ging mit Torchancen, ihrer einzigen echten Schwä-

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che bisher, wieder einmal etwas leichtfertig um. Umgekehrt stieg die Lust an technischen Meisterstückchen. Das Sturmtrio aus Ba, Obasi und Ibisevic wirbelte die Abwehr von Hannover mit sehenswerten Hackentricks und Doppelpässen gehörig durcheinander. Die Bilder davon durchwanderten die Fernsehrepublik und steigerten das Renommé der Mannschaft enorm. Nach der Pause nutzte Hannover die Hoffenheimer Sorglosigkeit in Sachen Tore und drehte das Spiel, wie es im Fußball so geht, mit zwei Überraschungsmomenten in ein unverdientes 2:1 um: in der 47. und 63. Minute. Hoffenheim stürmte und Hannover führte! Was dann geschah, kam jedoch einer psychologischen, zugleich technischen Lehrstunde im Fußball nahe: ganz ruhig, ohne sichtbare Selbstzweifel, ließ 1899 die Euphorie des Gegners auslaufen, nahm das Heft wieder in die Hand und drehte das Spiel erneut und so


Hannover 96 Fromlowitz, Cherundolo, Vinicius (54. Eggimann), Fahrenhorst, Rausch, Balitsch (75. Hanke), C. Schulz, Schlaudraff (46. Stajner), Bruggink , Huszti , Forssell

1899 Hoffenheim Haas, Beck , Jaissle, Compper, Ibertsberger, Weis, Luiz Gustavo (67. Salihovic), Carlos Eduardo (75. Vorsah), Obasi, Ibisevic (86. Janker), Ba

Zuschauer 42.321

Tore 0:1 Ibisevic (35.) 1:1 C. Schulz (48.) 2:1 Stajner (63.) 2:2 Obasi (70.) 2:3 Salihovic (72.) 2:4 Ba (80.) 2:5 Ibisevic (83.)

Schiedsrichter Seemann

gründlich um, dass am Ende ein hoher Sieg heraussprang. Aber eins nach dem andern: in der 69. Minute machte ein Distanzschuss des eben erst für Luiz Gustavo eingewechselten Salihovic den Anfang. Der Hannoveraner Ersatztorhüter Frommlowitz für den seit langem erstmals verletzten Nationalkeeper Enke konnte den mächtigen Schuss nicht festhalten, Obasi staubte ab. Drei Minuten später probierte es Salihovic gleich nochmal. Und traf diesmal besser, zur Abwehr bestand keine Chance. Schon in der 80. Minute zeigte Demba Ba dem Ersatzkeeper aber erneut die Grenzen auf. Aus zwölf Metern zog er ab und feuerte ihm den Ball auf kürzestem Weg durch die Hosenträger. Und in der 83. Minute machte Ibisevic nach einer schönen Kombination den Sack endgültig zu. Hoffenheim geriet auswärts in Rückstand und siegte dennoch souverän mit 5:2.

Trainer Ralf Rangnick fasste die Eindrücke des Tages folgendermaßen zusammen: „Wir sind absolut zufrieden mit dem Spiel und dem Ergebnis. Wir haben 15 Minuten gebraucht, um in die Partie zu kommen. Dann ist es so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben. Allerdings schien sich zu Beginn der zweiten Halbzeit zu rächen, dass wir unsere Chancen nicht genutzt haben. Aber die Jungs haben beeindruckend reagiert. Am Ende war fast jeder Angriff eine Torchance.“ Den Satz des Tages indes sagte der Hannoveraner Medienchef Andreas Kuhnt, als er nach dem Spiel in der Pressekonferenz die Fragerunde der Journalisten eröffnete: „Bitte nicht so schnell sprechen wie Hoffenheim gespielt hat.“ ■

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9. SPIELTAG | Hamburger SV

26. OKTOBER 2008

1899 Hoffenheim – Hamburger SV 3:0 Wer als Tabellenzweiter den Tabellenführer schlägt, steht am Ende eines Spieltags oftmals auf Platz 1 der Tabelle. Das war aber nicht das wichtigste Ergebnis der Partie Hoffenheim gegen Hamburg. Viel wichtiger war, zu beobachten, wie die meisten Angriffe des Tabellenführers schon im Ansatz von einer hellwachen Hoffenheimer Defensive abgefangen wurden. Um zu verstehen, wie es Compper, Jaissle, Ibertsberger und Beck gelingen konnte, derart effektiv zu stören, reichte es durchaus zu wissen, dass sie unter der Woche gegen die eigenen pfeilschnellen Angreifer trainierten: die besten der Bundesliga im Moment. 36 SAISONCHRONIK 2008/09


1899 Hoffenheim Haas, Beck, Jaissle, Compper , Ibertsberger, Carlos Eduardo (84. Copado), Luiz Gustavo, Salihovic (82. Teber), Obasi, Ibisevic, Ba (75. Vorsah)

Hamburger SV F. Rost, Demel (81. J. Boateng), Reinhardt , Alex Silva, Mathijsen, Pitroipa , Jarolim, Benjamin (46. Aogo), Trochowski (71. Ben-Hatira), Olic, Petric

Zuschauer 26.300

Tore 1:0 Obasi (7.) 2:0 Ibisevic (13.) 3:0 Obasi (36.)

Schiedsrichter Stark

Vedad Ibisevic auf dem Weg zu seinem zehnten Tor. Am Ende der Hinrunde waren es achtzehn.

Auf dem Papier war der Ausgang der Partie eigentlich eine klare Sache: Bundesliga-Urgestein HSV traf auf den Emporkömmling TSG, ein Dinosaurier trat gegen den Frischling an. Da solche Prognosen im Fußball aber des Öfteren fehlgehen, hatte Trainer Martin Jol seine Mannschaft eindringlich gewarnt. „Das ist eine großartige Mannschaft, die fast unschlagbar ist“, hatte der sympathische Niederländer vor der Partie kundgetan und es „unglaublich“ gefunden, dass Gladbach in der letzten Saison vor Hoffenheim ZweitligaMeister geworden war. In den Ohren seiner Spieler war die Warnung anscheinend ungehört verhallt. Denn von Hamburger Spielerseite war vor der Partie deutlich zu vernehmen, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, 1899 Hoffenheim die wahren Grenzen aufzuzeigen. Gegen einen erfolgreichen HSV hätte die allgemein etwas überschätzte TSG keine Chance.

Es sollte anders kommen, ganz anders. Nach einhelliger Meinung der Fachpresse war das Spiel vielmehr eine Lehrstunde in modernem Fußball, die der HSV von 1899 erteilt bekam. Tatsächlich wurden die Hamburger Spieler in der durchaus richtigen Gewissheit, einen gepflegten Fußball zu spielen, von 1899 Hoffenheim regelrecht überrannt. Von der ersten Minute an baute Hoffenheim enormen Druck auf, angetrieben von Carlos Eduardo, Luiz Gustavo und Salihovic, und brachte mit den pfeilschnellen Obasi und Ba und dem gedankenschnellen Ibisevic die Hamburger Abwehr immer wieder in arge Verlegenheit. 1899 stand ganz weit vorn, spielte Pressing wie aus dem Lehrbuch und düpierte den HSV ein ums andere Mal. Ein Flachpass von Carlos Eduardo auf Obasi im Strafraum leitete in der 7. Minute den Hoffen-

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9. SPIELTAG | Hamburger SV

Mit Artistik, Dynamik, feiner Schusstechnik und hoher Laufbereitschaft erspielte sich 1899 Hoffenheim den Sieg über Hamburg.

heimer Triumph ein: mit einer raschen Körperdrehung löste sich der Nigerianer von seinem Gegenspieler und versenkte den Ball mit einem trockenen Flachschuss im kurzen Eck. Etwa fünf Minuten später eroberte Obasi den Ball im Mittelfeld, Salihovic trieb den Angriff durchs Mittelfeld voran und passte steil auf Demba Ba, dessen Schuss HSV-Keeper Rost gerade noch abwehren konnte, den Nachschuss von Ibisevic aber nicht: kaum 15 Minuten waren gespielt und es stand schon 2:0 für den vermeintlichen Underdog 1899 Hoffenheim. Nach 20 Minuten nahm sich Rost seine Vorderleute zur Brust und versuchte ihnen klar zu machen, dass er nicht ständig neue gefährliche

38 SAISONCHRONIK 2008/09

Bälle aufs Tor haben wollte. In der Konsequenz achteten die Hamburger darauf, nicht mehr zu nah an den Hoffenheimer Spielern ihrer Arbeit nachzugehen. Zu groß war die Sorge, bei deren schnellem Antritt einfach stehengelassen zu werden. Weil das trotzdem andauernd geschah, nahm der HSV immer öfter Zuflucht in Fouls, auch schweren Fouls, und kassierte allein in der ersten Halbzeit drei gelbe Karten. Indessen ging die Hoffenheimer Fuchsjagd weiter. In der 36. Minute schaltete Ba nach einem der vielen Pfiffe wegen Foulspiels am schnellsten, führte den Freistoß sofort aus und bediente Salihovic, der einen wahren Traumpass auf Obasi spielte. In vollem Lauf tauchte Obasi allein vor


Rost auf, umkurvte ihn und schob den Ball über die Linie. Und in der 40. Minute hätte Rost beinahe wieder das Nachsehen gehabt, als ein Freistoß von Salihovic nur den Posten traf. Die zweite Halbzeit sah einen etwas offensivwilligeren HSV und eine merkbar ruhiger zur Sache gehende TSG. Aber Hoffenheim blieb jederzeit Herr des Geschehens. Zwei guten Gelegenheiten seitens der Hamburger standen torgefährliche Aktionen von 1899 gleichgewichtig gegenüber: in der 67. Minute verhinderte Rost mit letztem Einsatz gerade noch das 4:0, so dass Obasis Ball über die Grundlinie rutschte. Die Partie wurde jetzt allerdings meist im Mittelfeld abgewickelt, wo es in der 70. Minute nach einer klaren Tätlichkeit von Trochowski gegen Obasi nur Gelb gab. Nach der 90. Minute verabschiedete das Publikum im wie bisher jedesmal ausverkauften Mannheimer Carl-BenzStadion die Heimmannschaft mit stehenden Ovationen. „Wir waren gar nicht da in der ersten Halbzeit, das 3:0 ist einfach unglaublich“, sagte der Hamburger Defensivmann Joris Mathijsen nach dem Spiel über Hoffenheim, und: „Ich weiß auch nicht, was die gegessen haben, die sind gelaufen wie verrückt.“ Tatsächlich jedoch ähnelte Hoffenheim in diesem Spiel einem Fischschwarm, der als GesamtKörper zeitgleich und insgesamt vor oder zurück schwimmt und jeden Einzelnen als tragenden Teil der Gesamtheit begreift. Offensive und Defensive waren Ausdruck der gleichen Grund-

haltung, und die schnelle Ball-Eroberung garantierte die maximale Entfaltung der eigenen, schnellen Spielweise. Sejad Salihovics Kommentar lautete deshalb: „Besonders in der ersten Halbzeit haben wir sehr guten Fußball gezeigt. Insgesamt ist die Mannschaft von Anfang an in einen guten Rhythmus gekommen. Ob es das Maximum war, weiß ich aber nicht.“ Insgesamt zeigte das Spiel gegen den HSV, wie tief sich die Bundesliga bei aller Bemühung um Innovation immer noch in der Vergangenheit bewegte. Spielzüge auch von Spitzenmannschaften wie dem HSV wurden feldherrengleich eingeleitet, was bedeutete, dass einzelne Mannschaftsteile wie früher Kompanien ins Gefecht geschickt wurden, während die übrigen Truppenteile tatenlos zuschauten, ob weiter vorn oder hinten Rauch aufstieg, um erst dann wieder in die Schlacht einzugreifen. Dieser Verzicht auf Komplexität bedeutete einen hohen Verlust an Dynamik und Effizienz, was gegen Mannschaften wie Hoffenheim teuer werden konnte. „Wir müssen dieses Spiel schnell vergessen. Vielen Dank.“ Mehr war von Trainer Jol bei der anschließenden Pressekonferenz nicht zu vernehmen. Mit versteinerter Miene saß er stumm auf dem Podium und ließ seinen Kontrahenten Ralf Rangnick reden, der Mühe hatte, die vielen Fragen nach Hoffenheimer Meisterschaftsambitionen dahin zu verbannen, wohin sie einstweilen gehörten: ins Reich der Träume und Wunder. ■

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10. SPIELTAG | VfL Bochum

29. OKTOBER 2008

VfL Bochum – 1899 Hoffenheim 1:3 Drei Tage nach der Eroberung der Tabellenspitze kam es in Bochum zu einer Art Blitzstart der Gastgeber. Jaissle hatte in der dritten Minute den Ball nach einer Flanke von Freier nicht optimal klären können, Grote schoss aus 16 Metern ins kurze Eck: unhaltbar für Torhüter Haas. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass ein Tor in den ersten fünf Minuten, wenn nicht nachgelegt wird, häufig in eine Niederlage mündet. So war es auch diesmal. Es sollte aber bis zur zweiten Halbzeit dauern.

Denn 1899 Hoffenheim tat sich zunächst schwer mit Bochum, das als eine Art Cottbus mit Spielwitz auftrat: defensiv robust, aufs Zerstören ausgelegt, also darauf, das Spiel eher passiv zu bestimmen und über intelligente Konter zum Erfolg zu kommen. Für den technisch feinen, schnellen Hoffenheimer Fußball war es schwer, sich gegen eine solche Spielweise durchzusetzen. Geduld war gefragt. Erschwerend kam hinzu, dass man in Bochum den Rasen vor dem Spiel kräftig gewässert hatte, was Hoffenheim ziemlich zu schaffen machte und zu häufigem Wegrutschen führte: beim Spiel auf engstem Raum braucht es eben hohe Standfestigkeit. In der zweiten Halbzeit legte 1899 die Verunsicherung durch die widrigen Umstände immer mehr ab und erhöhte den Druck. Zudem war

40 SAISONCHRONIK 2008/09

absehbar, dass Bochum die hohe Laufleistung der ersten Hälfte nicht bis zum Ende durchhalten würde. Und Tobias Weis anstelle von Sejad Salihovic war als kleiner Spieler mit tieferem Schwerpunkt weniger rutschgefährdet. Das brachte den Angriff in Schwung. In der Folge fielen innerhalb weniger Minuten die beinahe schon üblichen Hoffe-Tore: Zunächst pfiff Schiedsrichter Gagelmann in der 65. Minute, was auffällig häufig vorkam in dieser Saison, nicht auf Strafstoß für 1899, sondern verlegte den Ort des Geschehens außerhalb des Strafraums. Eduardos Freistoß prallte von der Mauer zurück, so dass er wieder an den Ball kam und ihn diesmal flach auf Demba Ba spielte – der mit der Hacke den überfälligen und längst mehr als verdienten Ausgleich erzielte. In der 70. Minute foulte Grote im Strafraum Ibisevic derart unübersehbar, dass der Schiri an der Entscheidung


VfL Bochum Fernandes, Pfertzel , Maltritz, Yahia, C. Fuchs, Schröder, Dabrowski , Freier (72. Hashemian), Azaouagh, Grote (88. Zdebel), Kaloglu

1899 Hoffenheim Haas, Beck , Jaissle, Compper, Ibertsberger, Carlos Eduardo (81. Teber), Luiz Gustavo (72. Vorsah), Salihovic (46. Weis), Obasi, Ibisevic, Ba

Zuschauer 24.444

Tore 1:0 Grote (3.) 1:1 Ba (64.) 1:2 Ibisevic (70. Foulelfmeter) 1:3 Carlos Eduardo (71.)

Schiedsrichter Gagelmann

auf Strafstoß nicht mehr vorbeikam. Entgegen der Fußballweisheit, dass der Gefoulte nicht selber schießen soll, verwandelte der Bosnier sicher zum 1:2. Nur 60 Sekunden später wurde diesmal Carlos Eduardo von den Mitspielern umjubelt, nachdem er allein vor dem Bochumer Torhüter mit einem eleganten Heber den Endstand von 1:3 klargemacht hatte.

auf: es stand zu befürchten, dass der DFB den Vorfall untersuchen und nicht berücksichtigen würde, dass der Brasilianer massiv provoziert worden war. Nicht er hatte seinen Kopf an den des Gegners gelegt, sondern umgekehrt. Carlos Eduardo hatte diese Drohgebärde dadurch zu entschärfen versucht, dass er den angriffslustigen Kopf wegdrückte.

Der Rest des Spiels bestand aus weitestgehender Selbstaufgabe der Bochumer und souveränem Durchspielen von 1899 Hoffenheim. „Bochum wird uns nicht den roten Teppich ausrollen“, hatte Ralf Rangnick vor dem Spiel gesagt und recht behalten. Für Ibisevic war es der mittlerweile elfte Treffer im zehnten Spiel.

Dietmar Hopp schaute sich das Spiel am Fernseher an: glücklicherweise, so merkwürdig das klingt. Doch musste er auf diese Weise wenigstens nicht miterleben, dass auch in Bochum wieder Transparente hochgehalten wurden, die latente Gewaltbereitschaft gegen ihn signalisierten. ■

Ein nur angedeuteter, im Spiel nicht geahndeter Kopfstoß von CarlosEduardo warf wieder einmal die Frage nach dem Sinn von Fernsehbeweisen

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11. SPIELTAG | Karlsruher SC

01. NOVEMBER 2008

1899 Hoffenheim – Karlsruher SC 4:1 Wenige Tage vor dem Spiel äußerte sich Jürgen Klinsmann, Trainer des FC Bayern, zum Thema Hoffenheim: „Ich habe schon am Anfang der Saison gesagt, als noch kein Spiel gespielt war, dass Hoffenheim auf jeden Fall ein Anwärter auf einen internationalen Platz ist. Mit dieser Mannschaft, die sie mit dieser Akribie und konzeptionellen Arbeit im Hintergrund aufgebaut haben, werden sie sehr weit kommen. 1899 ist qualitativ eine sehr starke Mannschaft, sie haben ein sehr gefestigtes Umfeld und haben auch medial den Rücken frei. Man erwartet keine Wunderdinge von den Spielern, sie können also jede Woche aufs Neue für Überraschungen sorgen. Sie werden am Ende der Saison unter den ersten Fünf stehen – und nach dem, was sie in den ersten neun Spielen abgeliefert haben, gehe ich auch davon aus, dass sie sogar ein Konkurrent um den Meistertitel werden.“

42 SAISONCHRONIK 2008/09


1899 Hoffenheim Haas, Beck , Compper, Jaissle, Ibertsberger (46. Janker), Weis (83. Teber ), Vorsah (38. Salihovic), Carlos Eduardo, Obasi, Ba, Ibisevic

Karlsruher SC Miller, Görlitz, Sebastian , Stoll, Eichner , Aduobe (71. Porcello), Mutzel , Freis (85. Celozzi), Iaschwili (65. Timm), Carnell, Kennedy

Matthias Jaissle und Marvin Compper bildeten eine zumeist hervorragende Innenverteidigung.

Zuschauer 26.300 (ausverkauft)

Tore 1:0 Ibisevic (15.) 1:1 Freis (20.) 2:1 Obasi (67.) 3:1 Ibisevic (75.) 4:1 Obasi (78.)

Schiedsrichter Dr. Brych

Zehn Minuten war die Partie alt, als 1899 Hoffenheim wieder seinen inzwischen überall gefürchteten Sturmwirbel entfachte. Demba Ba scheiterte nach schönem Zuspiel von Obasi am Torhüter, den Abpraller schoss er aus sieben Metern am Tor vorbei. Fünf Minuten später machte Ibisevic es besser: nach einer sehenswerten Ballstafette über Weis und Obasi, der den Ball an Ibisevic weiterreichte, schob der Bosnier die Kugel aus acht Metern am Torwart vorbei ins Netz. Trainer Ralf Rangnick kam darüber regelrecht ins Schwärmen: „Das 1:0 ist von Weis fantastisch eingeleitet worden, das war ein absolutes Traumtor“, sagte er später. Doch dazu gab es einen Hintergrund: vor dem Spiel war noch unklar gewesen, ob die große Zehe von Tobi Weis, beim Duschen am Vorabend heftig gestaucht, überhaupt zum Auflaufen taugen würde. Um herauszufinden, ob das verabreichte Schmerzmittel ausreichend

anschlug, wollten Rangnick und Weis vor dem Spiel schnell noch ein paar Übungen hinter der Tankstelle absolvieren, zehn Minuten lang. Die dort kickenden Jugendlichen machten große Augen, als sie sahen, wer da auf einmal samt medizinischer Betreuung auf sie zukam. Und dann fragten Tobi Weis und Rangnick sie auch noch, ob sie sich vielleicht ihren Ball ausleihen dürften, weil sie in der Eile keinen eigenen dabei hatten. Der Ball der Jungs hatte allerdings so wenig Luft, dass er erst in der nahen Tankstelle aufgepumpt werden musste, bis man mit ihm die große Zehe des großen Vorbilds angemessen testen konnte. Zurück zum Spiel: wiederum fünf Minuten später, man schrieb inzwischen die 20. Spielminute, kam es auf einmal zu einer Gelegenheit der Gäste, die eher zufällig zu nennen war, indem ein eklatanter Fehlschuss aus 25 Metern dem Karlsruher Stürmer vor die Füße fiel. Haas stürzte aus dem Kasten, hatte aber keine reelle Chance, und 43


11. SPIELTAG | Karlsruher SC

Trotz des hohen Endergebnisses von 4:1 – das Spiel hätte noch höher gewonnen werden können.

so stand es auf einmal so überraschend wie unverdient Unentschieden: 1:1. Bis zum Pausenpfiff sah das Publikum im wieder ausverkauften Mannheimer Ausweich-Stadion ein zweites Baden-Derby voller Riesen-Torchancen auf Seiten der Gastgeber. Es war allein Torhüter Miller zu verdanken, dass Karlsruhe da nicht schon mit mindestens drei oder vier Toren zurücklag. Ein wenig jener Hoffenheimer Großzügigkeit beim Verwerten war allerdings auch dabei: es vergaben Obasi (22.), Weis (26.), Ba (26., 34.) und Ibisevic (27., 41.). Nach der Pause ging es genauso weiter, es vergaben Salihovic (51., 59.) und Ba (56.), ehe

44 SAISONCHRONIK 2008/09

Obasi nach schöner Vorarbeit von Ba den Bann brechen konnte. Aus 12 Metern zog der Nigerianer ab, Miller hatte keine Abwehrchance. Drei gelbe Karten für Karlsruhe zeigten, wie hart die Defensivarbeit dort inzwischen vorgetragen wurde, Ralf Rangnick beschwerte sich zurecht am Spielfeldrand darüber. Doch auch die harte Gangart konnte 1899 Hoffenheim nicht daran hindern, den Sturmlauf fortzusetzen. So dass es Ibisevic gelang, mit seinem mittlerweile 13. Saisontreffer (bei sechs Vorlagen) den Spielverlauf zu zementieren. Im Fünfmeterraum nach einem Freistoß von Salihovic hochgestiegen, ohne sich aufzustützen oder anderweitig regelwidrig zu spielen, verwandelte er diesmal per Kopf zum 3:1. Es war die 76. Minute. Danach blieb es Obasi vorbehal-


ten, den Spielverlauf abzurunden, indem er zwei Minuten später, wieder im Fünfmeterraum, den Ball reaktionsschnell aus dem Getümmel über die Linie schob. Nach diesem erneut hohen Sieg gingen die Meinungen über die nähere und weitere Zukunft im Verein etwas auseinander. Manager Schindelmeiser sagte: „Es ist sicher schwierig zu verhindern, dass die Spieler sich nicht mit Zielen in weiter Ferne befassen, statt mit dem nächsten Spiel.“ Dem widersprach der Trainer: „Die Mann■ schaft ist völlig klar im Kopf.“

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12. SPIELTAG | Hertha BSC

09. NOVEMBER 2008

Hertha BSC – 1899 Hoffenheim 1:0 43 Tage dauerte der Hoffenheimer Siegeszug schon an, als es zum Sonntagsspiel in die Hauptstadt ging, um der alten Dame Hertha die Aufwartung zu machen. Im Olympiastadion empfing die Kraichgauer die bisherige Rekordkulisse von knapp 60.000 Zuschauern. Die Berliner waren offensichtlich neugierig auf den aktuellen Spitzenreiter, auf seinen technisch feinen, pfeilschnellen Fußball. Es war die größte Ansammlung von Hauptstädtern in diesem Jahr nach der Rede von Barack Obama an der Siegessäule.

In der ersten Halbzeit wogte das Schlachtengetümmel hin und her. Trotz zunächst defensiver, vorsichtiger Grundhaltung der Gäste gab es Torchancen hüben wie drüben. Mal vergaben Pantelic oder Woronin, mal Obasi oder Ibisevic, die aber von den gut stehenden Abwehrreihen durchgängig vor erhebliche Probleme gestellt wurden. Beide Mannschaften agierten aufmerksam und bissig, beide hatten gute Chancen, wobei die Chancen für Hoffenheim überwogen und die Berliner die etwas aggressivere Gangart gewählt hatten. In der zweiten Hälfte gab 1899 Hoffenheim mehr Gas, denn es war klar, dass man aus Berlin durchaus einen oder sogar drei Punkte würde mitnehmen können. Zweimal hatte Demba Ba dann die Führung auf dem Fuß, in der 54. Minute schoss er aus 12 Metern haarscharf am Berliner Gehäuse vorbei, in der 63. lief er nach einem Hackentrick von Obasi allein auf den Berliner Torhüter zu, der den Schuss mit einem AusnahmeReflex aber noch erwischte.

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Hertha BSC Berlin Drobny, Chahed, A. Friedrich, Simunic, Stein, Dardai, Cicero , Raffael (89. Domowtschiski), Nicu, Woronin (90. Lustenberger), Pantelic (61. Kacar)

1899 Hoffenheim Haas, Beck, Jaissle , Compper, Janker (89. Nilsson), Carlos Eduardo, Luiz Gustavo (76. Copado), Salihovic , Obasi, Ibisevic (68. Weis), Ba

Zuschauer 58.862

Tore 1:0 Woronin (70.)

Schiedsrichter Fandel

Doch die Hertha spielte mit und erarbeitete sich ebenfalls immer wieder Chancen. In der 70. Minute stand Woronin nach intelligentem Zuspiel – Luiz Gustavo hob zu lang am Boden liegend das Abseits auf – plötzlich allein vor Torhüter Haas. Ohne Probleme versenkte er den geschenkten Ball im Netz. Wie so oft in dieser Saison hatte Hertha lange zu Null gespielt und spät noch ein Tor erzielt: was sie in dieser Saison zur effizientesten Mannschaft der Liga machte. Das Berliner Olympiastadion erlebte nun einen energischen Sturmlauf von Hoffenheim. Die Hertha kam nur noch selten aus der eigenen Hälfte heraus, ohne dass es allerdings in ihrem Strafraum lichterloh zu brennen begann. Zu abgeklärt agierte die Berliner Hintermannschaft um Josip Simunic und Arne Friedrich. In der 76. Minute scheiterte jedoch Demba Ba, der das Spiel allein hätte entscheiden können, nach einem der vielen Hoffenheimer Eckbälle am kurzen Pfosten. Und Salihovic, einst in Berlin als „schlampiges Talent“ angesehen und schon zu Regional-

ligazeiten nach Hoffenheim abgewandert, wirkte manchmal etwas überhastet und verkrampft. Es machte den Eindruck, als wollte er in seiner alten Heimat zu viel beweisen. Dadurch entschärfte er immer wieder viel versprechende Drucksituationen und konnte sich das Spiel von Hoffenheim verschiedene Male nicht effektiv entfalten. Insgesamt rächte es sich jedoch vor allem, dass 1899 nicht früher erfolgreich eingenetzt hatte. „So eine Niederlage sei ihnen zugestanden“, sagte Ralf Rangnick nach dem Spiel, „sie haben seit Wochen glänzend gespielt.“ Marvin Compper äußerte sich ähnlich: „Es war klar, dass wir irgendwann eine Niederlage kassieren. Wir werden aber nicht die Köpfe hängen lassen.“ Dazu gab es auch keinen Grund, selbst wenn 1899 in Berlin wegen des schlechteren Torverhältnisses die Tabellenführung an Leverkusen hatte abgeben müssen und die Bayern mit nur noch einem Punkt Abstand zu ihnen aufschlossen. „Das ist mir wurscht“, sagte Rangnick dazu. ■

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13. SPIELTAG | VfL Wolfsburg

15. NOVEMBER 2008

1899 Hoffenheim – VfL Wolfsburg 3:2 Bundestrainer Joachim Löw, der schon öfter in Mannheim zu Gast war, schaute sich das Spiel diesmal aus besonderem Grund an. Denn im Kader seiner Nationalmannschaft, die vier Tage später gegen England antreten würde, standen neben dem Wolfsburger Schäfer auch zwei Jungtalente aus Hoffenheim: Marvin Compper und Tobias Weis. Damit war dem Hoffenheimer Spielwunder gewissermaßen offiziell der fußballerische Adelsschlag erteilt. Für die beiden Spieler war es ein atemberaubender Vorgang, mitten im Training die sensationelle Nachricht zu erhalten, von nun an Nationalspieler zu sein. Allerdings kam nur Marvin Compper dann zum Einsatz, während Tobi Weis vom medial titulierten „Nutella-Fluch“ heimgesucht werden sollte. Denn nachdem er ein paar Wochen später am neuesten Werbefilm der Nationalmannschaft für den Sponsor Nutella mitgewirkt hatte, sollte ihm, von Verletzungssorgen geplagt, fußballerisch immer weniger gelingen und der Weg zurück in den Nationalmannschaftskader vorerst verstellt sein. Vor ihm war das schon Kevin Kuranyi, Benni Lauth und Andreas Hinkel so gegangen. Nach der Niederlage gegen die Hertha schien es nicht undenkbar, dass 1899 Hoffenheim zuhause auch gegen die offensivstarken Wolfsburger unterliegen würde. Die Frage war also, ob das Mannschaftsgefüge die Berliner Erschütterung

48 SAISONCHRONIK 2008/09


Aus Anlass der Spendenaktion ‚Ein Herz für Kinder‘ spielte diesmal auch 1899 Hoffenheim mit dem Herz auf der Brust – bisher einmalig in der BundesligaGeschichte.

unbeschadet überstanden hätte. Tatsächlich waren in Bezug auf die mannschaftliche Geschlossenheit interessante Veränderungen zu beobachten. Denn anders als bei früheren Siegen spielte Hoffenheim diesmal nicht wie aus einem einzigen Guss, nicht wie ein kompakter, kollektiver Körper, dessen Einzelteile dem großen Ganzen völlig eingegliedert sind, sondern als echtes Team, als Gemeinschaft von starken Individuen. Der Vorteil: Kollektivismus kennt nur ein einziges Spielsystem und birgt die Gefahr, irgendwann kollektiv einzubrechen. Teams von Individuen dagegen können viel flexibler auf Veränderungen und Situationsumbrüche reagieren, weil sie über ein ganzes Inventar von Möglichkeiten verfügen. Bezeichnend war, dass bei dieser Partie beide Mannschaften mit dem Aufdruck „Ein Herz für Kinder“ auf dem Trikot aufliefen: Hilfe für Kinder in Not liegt besonders Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp seit vielen Jahren sehr am Herzen. Es war eine Partie der spielerischen Offensive. In der ersten Halbzeit sah alles zunächst nach viel zähem Kampf aus, aber schon nach zehn Minuten hatte 1899 deutlich mehr Spielanteile

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13. SPIELTAG | VfL Wolfsburg

1899 Hoffenheim Haas, Beck , Jaissle , Compper , Ibertsberger, Weis, Luiz Gustavo (66. Salihovic), Carlos Eduardo (80. Vorsah), Obasi (90. Teber), Ibisevic, Ba

VfL Wolfsburg Benaglio, Riether, Ricardo Costa, Madlung , Barzagli, Schäfer, Hasebe (81. Dejagah), Josue, Misimovic (81. Gentner), Dzeko (68. Caiuby), Grafite

Zuschauer 26.000

Tore 1:0 Ibisevic (23.) 1:1 Grafite (27.) 2:1 Carlos Eduardo (37.) 2:2 Dzeko (41.) 3:2 Obasi (69.)

Schiedsrichter Winkmann

und kam durch Ibisevic in der 22. Minute durch einen abgefälschten Ball aus sieben Metern zur verdienten Führung. Fünf Minuten später vergab er allein vor dem Torhüter eine Riesenchance aus zwölf Metern. Danach kam Wolfsburg besser ins Spiel und erzielte durch sein Sturmduo Grafite und Dzeko den Ausgleich: nach Wegrutschen im Strafraum schaffte es Dzeko noch im Liegen, Grafite anzuspielen, der sich die Chance nicht entgehen ließ. Als in der 36. Minute ein quicklebendig aufspielender Demba Ba nur durch Ziehen am Trikot gestoppt werden konnte, legte sich Carlos Eduardo den Ball zum Freistoß zurecht und schoss ihn so gekonnt ins linke obere Eck, dass es nichts zu halten gab. Nach nur vier Minuten gab 1899 die neuerliche Führung schon wieder ab: auch hier ging ein Freistoß voraus, den Haas nicht gut genug klärte. Allerdings entging dem Schiedsrichter vor dem Torschuss von Dzeko ein nicht

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völlig angelegter Wolfsburger Arm. Insgesamt sahen die Zuschauer großzügig mit ihrem Übergewicht umgehende Hoffenheimer und höchst effizient ihre wenigen Torchancen nutzende Wolfsburger. In der zweiten Halbzeit kam für Luiz Gustavo nach 20 Minuten Salihovic ins Spiel, der nach seiner schwächeren Leistung in Berlin nicht zur Anfangsformation gehörte. Statt seiner setzte Tobi Weis viele Akzente. Dennoch war es Salihovic vorbehalten, in der bis dahin ausgeglichen verlaufenden zweiten Halbzeit die spielentscheidende Szene einzuleiten: in der 69. Minute sah er vom Rand des Strafraums aus Demba Ba im Abseits, Obasi aber nicht, und spielte darum klug auf Obasi, der mit rechts unbedrängt ins lange Eck schießen konnte. Wolfsburg brach danach ein bisschen ein, wirkte verkrampft und konnte die sich trotzdem gelegentlich bietenden Chancen nicht nutzen.


Fazit: die Partie gegen Wolfsburg wurde nach allen Regeln der Fußballkunst gewonnen. 1899 überrannte den Gegner nicht, sondern griff alle fünf Minuten neu an und kämpfte ihn schließlich nieder. Dabei wäre ein unglückliches Unentschieden, sogar eine unglückliche Niederlage durchaus möglich gewesen. Dass es nicht dazu kam, lag daran, dass individuelle Fehler durch individuelle Stärken ausgeglichen wurden und 1899 sichtbar zu einem starken Team starker Einzelspieler zusammengewachsen war. Der Sprung von der Talentmannschaft mit rauschhaften Siegen hin zur soliden Spitzenmannschaft war geschafft. Ein Wermutstropfen beendete die Partie: in der 90. Minute zog Obasi sich eine Innenbanddehnung am rechten Knie zu. Seinen Länderspieleinsatz vier Tage darauf bei der Partie Nigeria gegen Kolumbien musste er absagen. ■

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14. SPIELTAG | 1. FC Köln

22. NOVEMBER 2008

1. FC Köln – 1899 Hoffenheim 1:3

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1. FC Köln Mondragon , McKenna , Geromel, Mohamad , Wome, Pezzoni, Petit, Vucicevic (62. Sanou), Antar (69. Matip), Chihi (62. Radu), Novakovic

1899 Hoffenheim Haas, Janker (90. Nilsson), Jaissle , Compper, Löw , Weis (84. Teber), Luiz Gustavo , Salihovic , Carlos Eduardo (71. Vorsah), Ibisevic, Ba

Zuschauer 50.000 (ausverkauft)

Tore 0:1 Ba (32.) 0:2 Ibisevic (67.) 1:2 Petit (79.) 1:3 Ibisevic (88.)

Schiedsrichter Aytekin

Marvin Comppers Einstand in der Nationalmannschaft war unter der Woche auf der etwas ungewohnten Position des linken Außenverteidigers verheißungsvoll verlaufen. In der Jugend beim VfB Stuttgart, genau wie bei den Amateuren und Profis in Mönchengladbach, hatte er auf der Position zwar gespielt, seine Berufung in den Kader der Nationalmannschaft aber als glanzvoller Hoffenheimer Innenverteidiger erworben, der in Ballsicherheit, Überblick und spielerischer Eleganz immer wieder an den jungen Franz Beckenbauer erinnerte. Sein Trikot aus der Begegnung, die in Berlin mit 1:2 verloren ging, schenkte er dem Mann, der wie kein anderer die Voraussetzungen für seinen kometenhaften Aufstieg geschaffen hatte: Dietmar Hopp.

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14. SPIELTAG | 1. FC Köln

In einer von Kölner Seite hitzig geführten Partie musste Luiz Gustavo mit Gelb-Rot vom Platz. Mehr Grund zur Freude hatten die beiden Torschützen Ibisevic und Demba Ba.

Beim Spiel in Köln fehlten zum ersten Mal drei Leistungsträger: Obasi, Ibertsberger (beide verletzt) und Beck (gesperrt). In der Folge gab es eine schwächere Mannschaftsleistung zu beobachten – was den sogenannten Zauberfußball betraf. Umso beeindruckender war die Kampfleistung der Mannschaft im wie jedesmal ausverkauften und bis zur Massenhysterie mit der eigenen Mannschaft gehenden Kölner Stadion. Die Umstellung vom inzwischen gewohnten 4-33 zum 4-4-2-System gelang zwar, aber zu viele vertraute Positionen waren anders besetzt, um die sonst traumsicheren Laufwege wiederzufinden. Hoffenheim war dadurch gezwungen, ‚traditioneller‘ zu spielen, musste Verzögerungen einbauen, um Pässe abzusichern, und konnte Köln darum zu keinem Zeitpunkt schwindlig spielen, wobei sich das Fehlen der Offensivstärke von Beck zusätzlich bemerkbar machte.

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In der ersten Halbzeit war Hoffe spielerisch überlegen, aber Köln hatte die besseren Chancen. Leider erhielt Luiz Gustavo in der 29. Minute schon die siebte gelbe Karte der Saison. Drei Minuten später stoppte ein Tor von Demba Ba den etwa zehnminütigen Versuch der Kölner, in Führung zu gehen. Carlos Eduardo hatte mit einem genialen Steilpass auf Ibisevic die Szene eingeleitet, der jedoch Übersicht bewies und uneigennützig auf seinen Stürmerkollegen abtropfen ließ. Ba stand völlig frei und traf mit seinem Schuss ins rechte Eck. Die Kölner Versuche, selber auch einen Treffer zu erzielen, liefen zunächst noch ins Leere, eine einzige Sturmspitze hatten sie aufgeboten. Und es sollte bis weit in die zweite Halbzeit hinein dauern, ehe ihnen ein Tor gelang – um einiges zu spät. So erlebte das Spiel vorher viele torferne


Compper eine grandiose Leistung abrief, versuchte die Kölner Hintermannschaft vergeblich ins Abseits laufen zu lassen, so dass Salihovic regelgerecht zum Schuss kam. Seinen Kracher konnte der Kölner Keeper nur mit dem Fuß abwehren, den Abpraller verwandelte Ibisevic in bewährter Abstaubermanier.

Höhepunkte: in der 52. Minute etwa grätschte McKenna an der Seitenlinie Salihovic derart brutal um, dass der Schiedsrichter nicht umhin kam, Rot zu zeigen. Die daraus resultierende numerische Überlegenheit nützte Hoffe jedoch wenig, denn nur drei Minuten später holte sich Gustavo durch überflüssiges Foulspiel die nächste gelbe Karte ab: machte zusammengezählt Gelb-Rot. Erst dann kehrte allmählich Ruhe in der Begegnung dieser zwei so verschiedenen Aufsteiger ein, und es wurde wieder Fußball gespielt. Dabei kamen die infolge von zwei Herausstellungen offeneren Räume der spielstärkeren Mannschaft, also 1899, deutlich zugute. In der 66. Minute wurde der Vorteil zählbar. Einen weiten Ball von Jaissle, der zusammen mit

Erst in der 78. Minute gelang auch den Kölnern ihr Tor, es war der Ehrentreffer. Und zwar ahmte Petit sein Mittelfeld-Pendant Salihovic nach und versuchte sich an einem Freistoß aus 30 Metern. Der Ball wäre aber nie und nimmer ins Tor gegangen, wenn er nicht abgefälscht worden wäre. So jedoch gelang der glückliche Anschlusstreffer, der die Kölner Anhängerschaft noch einmal so richtig zum Kochen brachte – was ihre Fußballer zum letzten Sturmlauf des Spiels veranlasste, aber der Gefahr aussetzte, sich einen Konter einzufangen. Es war wieder einmal Ibisevic, der daraus den größten Nutzen zog. Erst leitete er selber den Konter ein, dann schloss er ihn zum verdienten Endstand von 1:3 ab. Es war bereits sein 16. Saisontreffer, allenthalben wurden Vergleiche zu Gerd Müller gezogen, der es in einer einzigen Saison einmal auf 40 Tore gebracht hatte. Nach dem Spiel kam es zu einer Art neuer Partie mit Worten. Es war, als wollte Kölns Trainer Daum wenigstens dieses Nach-Spiel mit markigen Sätzen gewinnen. Dass er mit seinen verbalen Grätschen aber nur offen legte, welche die von ihm verordnete Gangart auch im Spiel selber gewesen war, bedachte er anscheinend nicht. Tatsache war jedoch, dass die Öffentlichkeit es vorzog, über seinen Versuch, die Hoffenheimer Bank an der roten Karte für McKenna für schuldig zu befinden, eher müde zu lächeln. In der Vergangenheit war einfach zu deutlich geworden, dass die wiederkehrende extreme Härte der Kölner Mannschaft System hatte. Und dass hier einer sprach, der darunter litt, nicht das eigene Team so erfolgreich vorne zu sehen, war allzu offensichtlich. ■

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15. SPIELTAG | Arminia Bielefeld

29. NOVEMBER 2008

1899 Hoffenheim – Arminia Bielefeld 3:0 Mit drei Punkten Vorsprung auf Verfolger Leverkusen ging Hoffe als sensationeller Spitzenreiter in die Partie. Längst hatte die Mannschaft sich in die Herzen und Köpfe der Fußballrepublik gespielt, war das Wort vom ‚Wunder von Hoffenheim‘ in aller Munde. Und so war das Carl-Benz-Stadion wieder einmal ausverkauft. In die Mannschaft zurückgekehrt waren Ibertsberger und Beck, während Salihovic und Luiz Gustavo gesperrt waren. Für sie liefen Teber und Vorsah auf. Obasi fehlte wegen seiner Verletzung noch immer.

Vor dem Spiel wurde Vedad Ibisevic gefragt, wie er es zum erfolgreichsten Torschützen der bisherigen Saison geschafft hatte, was sein Erfolgsrezept sei: „Ich setze mich nicht unter Druck, das ist mein Geheimnis“, sagte der Bosnier mit dem für ihn typischen schmalen Lächeln. Schon in der 5. Minute des Spiels schlug Ibisevic wieder zu: Tor Nummer 17! Ein Flankenlauf von Kapitän Teber leitete den Treffer ein. Seine Flanke in die Mitte nahm Ibisevic mit einer Art Seitfallzieher an und beförderte die Kugel aus neun Metern unhaltbar ins Netz. Vorher hatte allerdings schon Demba Ba eine Riesenchance ausgelassen.

56 SAISONCHRONIK 2008/09


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15. SPIELTAG | Arminia Bielefeld

1899 Hoffenheim Haas, Beck, Jaissle, Compper , Ibertsberger, Weis, Vorsah, Teber (84. Janker), Ba, Ibisevic (84. Wellington), Carlos Eduardo (71. Copado)

Arminia Bielefeld Eilhoff, Lamey, Herzig , Kucera, Rau (76. Mijatovic), Kauf, Marx (63. Tesche), Kirch, Halfar, Kamper (63. Katongo), Wichniarek

Zuschauer 26.000

Tore 1:0 Ibisevic (5.) 2:0 Carlos Eduardo (11.) 3:0 Copado (89. Foulelfmeter)

Schiedsrichter Weiner

Bei einem Aufbauversuch der merkbar beeindruckten Arminen schnappte sich sechs Minuten darauf Carlos Eduardo den Ball, zog übers halbe Spielfeld los bis an den Strafraum und zog, da er immer noch nicht entscheidend beeinträchtigt wurde, trocken ab. Aus 18 Metern landete der Ball im rechten, unteren Eck. Es sah nun danach aus, als würde die Arminia mit Mann und Maus untergehen. Aber Bielefeld kämpfte sich etwa ab der 25. Minute zurück ins Spiel, holte sich zwei gelbe Karten, von denen eine dunkelgelb zu bewerten war, und erwarb sich insgesamt viel sportlichen Respekt. Dennoch gelang es dem Gast nie, die im Stil einer Spitzenmannschaft das Spiel kontrollierenden Gastgeber nachhaltig zu gefährden.

Trotz moderner, dynamischer Spielweise schaffte es die Arminia nicht, die Hoffenheimer Abwehr zu überwinden.

58 SAISONCHRONIK 2008/09

In der zweiten Halbzeit zeigte Bielefeld, dass der Verein mehr Punkte hätte sammeln können als in der Saison bis dahin geschehen – und dass die Mannschaft, anders als Hamburg, Schalke, Köln oder Dortmund, keinen langsamen deutschen Querpassfußball spielte. Vielmehr agierte Bielefeld ambitioniert dynamisch, modern und schnell,


Wellington, ein weiteres brasilianisches Jungtalent in den Hoffenheimer Reihen, kam in der 84. Minute für Ibisevic ins Spiel.

kam dadurch in der zweiten Hälfte zusehends besser ins Spiel und hätte mit etwas Glück auch ein Tor schießen können: besonders wenn das Handspiel von Beck im Strafraum in der 48. Minute geahndet worden wäre. Wirklich interessant an dieser zuletzt doch etwas einseitigen Partie war, wie 1899 angesichts der Bielefelder Bemühungen mit dem komfortablen Vorsprung von zwei Toren umging. Hinten wurde souverän geklärt, wobei sich Vorsah mit gutem Auge und bestechender Wucht auszeichnete. Vorne tat Hoffe gerade genug, um die Arminia jederzeit unter Druck zu halten: aber eben nicht zu viel, so als ob man Kräfte sparen wollte für das große Spiel eine Woche später gegen die Bayern. Es zeigte sich, dass die jugendliche Hoffenheimer Unbekümmertheit um ein höchst realistisches, erwachsenes Element angereichert war.

der zweiten Halbzeit zwei dicke Chancen ausgelassen hatte, wurde er zum Ende der Partie nicht ganz elfmeterreif gefoult. Es war die 88. Minute, der Schiedsrichter pfiff und zeigte in die Mitte. Copado griff sich den Ball, legte ihn sich am Elfmeterpunkt zurecht – und schob die Kugel abgebrüht genau in die Mitte zum 3:0-Endstand ein. „Hoffenheim hat gezeigt, was es kann. Einen verdienteren Sieger hat man selten gesehen“, kommentierte der Bielefelder Mittelfeldmann Marx die Partie. Einmal mehr wurde damit deutlich, wieviel sportliche Fairness die Westfalen auszeichnete. Nicht anders als beim Kommentar von Trainer Michael Frontzeck: „In dieser Verfassung sind die Hoffenheimer die beste Mannschaft in der Bundesliga.“ ■

In der 72. Minute kam mit Copado neben Teber ein weiterer Leistungsträger der so erfolgreichen Zweitligasaison ins Spiel, Carlos Eduardo durfte in die Kabine. Und nachdem Demba Ba im Verlauf

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16. SPIELTAG | Bayern München

05. DEZEMBER 2008

Bayern München – 1899 Hoffenheim 2:1 Fast 200 Länder übertrugen dieses Bundesliga-Spitzenspiel, von dem niemand zu Beginn der Saison auch nur geahnt hätte, welchen sportlichen Wert es haben könnte. Der FC Bayern hätte 150.000 Tickets absetzen können: ein Ansturm, wie man ihn in München nur von den ganz großen Partien in der Champions League kannte. Dass hier die Begegnung mit einem Aufsteiger anstand, machte die Sache erst richtig brisant.

60 SAISONCHRONIK 2008/09


1899 Hoffenheim Haas, Beck , Compper, Jaissle, Ibertsberger, Weis, Luiz Gustavo, Carlos Eduardo (90. Vorsah), Obasi (74. Salihovic), Ibisevic, Ba

Bayern München Rensing , Oddo, Lucio, van Buyten, Lahm, Schweinsteiger (61. Borowski ), van Bommel, Ze Roberto , Ribéry, Toni, Klose Punktsieger: Matthias Jaissle überzeugte im Duell mit Frank Ribéry.

Zuschauer 69.000 (ausverkauft)

Tore 0:1 Ibisevic (49.) 1:1 Lahm (60.) 2:1 Toni (90.)

Schiedsrichter Meyer

Und so kam es vor dem Spiel zu einigen verbalen Attacken von Manager Hoeneß, der die Gefahr, die vom Hoffenheimer modernen Fußball auf seine Bayern ausging, realistisch einzuschätzen wusste und sich deshalb umso mächtiger ins Zeug legte. „Man muss die Hoffenheimer erst in den nächsten Jahren ernst nehmen“, sagte er und glaubte wohl selbst nicht daran. „Wenn Sie flotte Sprüche hören wollen, dann müssen Sie nach München gehen. Wenn Sie flotten Fußball sehen wollen, dann sind Sie bei uns richtig“, hatte Ralf Rangnick erwidert. Franz Beckenbauer dagegen weissagte in der WELT, dass Hoffenheim der kommende Herbstmeister würde. „Ich gehe aber davon aus, dass die Bayern Hoffenheim zeigen, wo der Bartel den Most holt, und gewinnen“, fügte er hinzu – und sollte auch damit recht behalten. „Die Begeisterung dort ist einfach unglaublich“, sagte er außerdem,

„ja gut, das erinnert mich ein bisschen an uns, an den Aufstieg 1965. Da sind wir mit Begeisterung und Euphorie gleich Dritter geworden.“ Wie zum Beweis startete 1899 Hoffenheim, das in Bestbesetzung antrat, bei insgesamt defensiverer Spielweise vehement in die Partie. Ein blitzartiger Konter von Demba Ba hätte nach sieben Minuten schon die Führung bedeuten können, hätte er, statt selber zu schießen, auf den freistehenden Ibisevic gepasst. Wenig später, in der 10. Minute, köpfte er auf Flanke von Obasi knapp übers Tor. Zwei Minuten darauf zog Luca Toni einen Ball nur knapp am Gehäuse von Haas vorbei. Für die erste Halbzeit war damit das Kontingent an Großchancen erschöpft. Die Zuschauer sahen dennoch ein atemberaubend schnelles Spiel mit ständig wechselnden Szenen und rasantem

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16. SPIELTAG | Bayern München

Hoffenheimer Pressing, effizienter Hoffenheimer Defensive und guter Münchner Präsenz auf dem Platz. Die Bayern gingen das hohe Tempo von der ersten bis zur letzten Minute mit und waren Hoffes bislang stärkster Gegner. Unangenehm zum Tragen kam die in den letzten Spielen gewachsene mannschaftliche Geschlossenheit der Bayern, vermehrt um die technische Klasse ihrer erfahrenen Einzelspieler. Besonders für den Angriff machte sich das bemerkbar: die Bayern waren auf das 1899-er Flachpass-Spiel gut eingestellt, so dass etliche Angriffe vorm oder im Sechzehner stecken blieben und zurückprallende Bälle häufig beim Gegner landeten. Das war der Nachteil des spürbar gedrosselten Hoffenheimer Offensivwillens – schwärmten sonst bei schnellen Angriffen fünf bis sechs, manchmal sieben Spieler gleichzeitig aus und verwirrten damit die gegnerische Abwehr erheblich, waren es in diesem Spiel meist nur vier Spieler, die ihr Glück vor dem Tor der Bayern suchten – und nicht fanden. Beck und Ibertsberger agierten offensiv sehr viel vorsichtiger als sonst, um dem Sturm der Bayern kein freies Feld zu überlassen. Die Folge davon war, dass die Bayern zunehmend ihr Spiel durchsetzten – in der ersten Halbzeit noch ohne durchschlagenden Erfolg, später mit fatalem Ausgang. Die zweite Halbzeit begann, wie es sich für eine Heimmannschaft gehört, mit gesteigertem Bemühen der Bayern. Aber nach vier Minuten verlor Lucio unglücklich den Ball, es folgte ein Doppelpass-Duett von Tobi Weis und Demba Ba, das Weis mit einer Hereingabe auf Ibisevic voll-

62 SAISONCHRONIK 2008/09

endete – und der Bosnier versenkte den Ball aus sieben Metern im Netz. Es brauchte fast zwanzig Minuten, ehe die Bayern sich vom ersten Schreck über den Rückstand und vor allem wegen der anschließenden, bestechend selbstbewusst vorgetragenen Angriffe der Hoffenheimer erholt hatten. In der 60. Minute nahm Lahm das Herz der Bayern in die Hand, marschierte wie in der Nationalmannschaft von links vorn in die Mitte, ohne ernsthaft angegriffen zu werden, und zog aus 18 Metern ab. Im letzten Moment bekam Compper noch den Fuß dazwischen, fälschte den Ball dadurch jedoch unglücklich ab, der sich an Haas vorbei unhaltbar zum Ausgleich ins Netz senkte. Jetzt stürmten die Bayern, die an diesem Freitagabend unbedingt als Sieger vom Platz gehen wollten. Es schien für sie fast eine Frage der Ehre zu sein, ein Zweikampf von alter und neuer Zeit, eine Frage von bayerischem Machterhalt. Der fulminant aufspielende Liganeuling sollte und durfte dem Rekordmeister hier keinesfalls das Wasser reichen – und dazu mussten die Bayern eben gewinnen, denn es war sichtbar, dass Hoffenheim mindestens auf Augenhöhe mitspielte. Das machte sich nicht zuletzt am Bayern-Star Ribéry fest. Seine viel gelobten Dribblings wurden nahezu ausnahmslos von Beck neutralisiert, und das ohne Foul zu spielen. Ein-, zweimal nur kam der Franzose durch. In der 69. Minute schaffte er es, einen schnell ausgeführten Freistoß auf den Kopf von Toni zu bringen, der aber knapp am Tor vorbeiköpfte. Drei Minuten später blieb Obasi verletzt liegen und


wurde gegen Salihovic ausgetauscht. Der brachte noch einmal Schwung in die Hoffenheimer Reihen. Ein Freistoß von ihm in der 83. Minute aus 30 Metern zischte haarscharf übers Münchner Tor, in der 88. Minute stand er nach einem hohen Ball und gekonntem Dribbling um zwei Münchner allein vor Rensing – und versuchte ihn vergeblich zu tunneln. Hätte er scharf an ihm vorbei geschossen, das Spiel wäre mit einem verdienten Sieg von 1899 zuende gegangen. So jedoch kam es in der Nachspielzeit zu einer geradezu tragischen Szene. Statt mit dem Unentschieden zufrieden zu sein, bot Rangnicks junge Truppe noch einmal alles auf, um den schon erschnupperten Sieg zu holen – und verlor den Ball durch Ibertsberger an Toni. Was Salihovic eben noch misslungen war, gelang dem alten Fuchs aus Italien: durch die Hosenträger von Haas versenkte er die Kugel zu einem erneuten, sprichwörtlichen Dusel-Sieg des FC Bayern.

„Wir haben noch das Tor gemacht. Wir haben also die bessere Offensiv-Qualität“, versuchte sich Philipp Lahm nach dem Spiel an einer etwas lauen Beweisführung. Während Ralf Rangnick auf die Frage, was die Bayern besser gemacht hätten als Hoffenheim, umgekehrt erwiderte: „Sie haben ein Tor mehr gemacht.“ Die relative Bitterkeit des Abends kam auch in seiner folgenden Bemerkung zum Ausdruck: „Wenn man das Spiel so verliert, das ist schon brutal.“ Damit hatte er zweifellos recht – aber der Hoffenheimer Spielwitz, der sportliche Mut und die körperliche Frische samt dem enormen Publikumszuspruch und dem Lob der Experten: das alles konnte 1899 Hoffenheim an diesem Abend stolz und zufrieden aufs bisher Erreichte sein lassen. So sah es auch Dietmar Hopp: „Wir registrieren nicht ohne Stolz, dass die Spielweise unserer Mannschaft so großen Anklang findet“, sagte er. ■

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17. SPIELTAG | Schalke 04 Mannheim hatte Hoffenheim in der Hinrunde eine großartige Heimstatt geboten. Die Mannschaft dankte der Stadt und allen Fans für die herzliche Aufnahme und großartige Atmosphäre im Carl-BenzStadion.

14. DEZEMBER 2008

1899 Hoffenheim – Schalke 04 1:1 Schalke fand unerwartet schnell ins Spiel, Hoffenheim brauchte dafür 15 Minuten. Dann zeigte sich, was über die Hinrunde immer prägender geworden war: eine außergewöhnliche Fähigkeit, geschmeidig auf den Gegner einzugehen und die jeweiligen Bedingungen des Spiels intelligent zu beantworten. Anders gesagt war das Spiel ein schweres Stück Arbeit, war der Gegner außer zu Beginn rein aufs Zerstören aus und musste auf seine Schwachstellen erst ausgetestet werden. Ohne den grippekranken Carlos Eduardo, dafür mit Salihovic in der Startaufstellung, war dies das letzte Heimspiel im Carl-Benz-Stadion, bevor mit dem Start in die Rückrunde die niet- und nagelneue Rhein-Neckar-Arena bezogen werden konnte.

64 SAISONCHRONIK 2008/09

„Die Atmosphäre hier in Mannheim war außerordentlich“, sagte Ralf Rangnick, „wir verlassen Mannheim mit einem weinenden Auge.“ Tatsächlich war die Überbrückungszeit in einem fremden Stadion, von der Geschäftstelle großartig eingefädelt und begleitet, ungewöhnlich erfolgreich verlaufen. Mannschaft und Publikum hatten sich in Mannheim gar nicht fremd, sondern wie zuhause gefühlt.


Weil Schalke teils aggressiv, teils überzogen hart in die Zweikämpfe ging, tat Hoffe sich anfangs schwer. Das Spiel fraß sich im Mittelfeld fest, Torchancen waren bis zur 30. Minute außer bei Standardsituationen Mangelware, zwei gelbe Karten schlugen für Schalke zubuche. Dann erst besann sich Hoffe auf die bewährte Spielweise, kombinierte frecher und tat sich vor allem in der Balleroberung hervor. Die Folge davon waren drei gute Chancen für Demba Ba, in der 33., 37. und 38. Minute, die entweder abgepfiffen oder vergeben wurden. In der 40. Minute geschah wieder einmal das, was bei zuviel ausgelassenen Gelegenheiten häufig geschieht: der eine stürmt, der andere macht das Tor. Altintop war es, der sich auf der rechten Seite einmal durchsetzen konnte und den Ball auf Asamoah spielte. Aus 14 Metern freistehend schoss der ehemalige deutsche Nationalspieler problemlos ins Tor.

In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel immer mehr von Schalker Hitzigkeiten dominiert, es entwickelte sich eine ziemlich zerfahrene Partie. Hoffenheim ließ sich davon leider anstecken, statt klarer Aktionen wurden immer wieder etwas hastige Spielzüge vorgetragen. Die Mannschaft wirkte erschöpft, war aber von den vielen Schalker Nickligkeiten und Ausrastern auch beeindruckt. Drei weitere gelbe und zwei gelb-rote Karten verteilte der Schiedsrichter an die Gelsenkirchener, so dass Schalke gegen Ende nur noch mit neun Mann auf dem Platz stand. Das rauhe Klima behinderte die freie Hoffenheimer Spielentfaltung: eine allzu berechtigte Sorge um Verletzungen war bei vielen Aktionen spürbar, so dass Angriff und Mittelfeld weit unter ihren Möglichkeiten blieben. Das Fehlen von Carlos Eduardo machte sich ebenfalls bemerkbar. Aber zum Glück versenkte in der 73. Minute Teber mit seinem wohl wichtigsten Auftritt der Hinrunde den Ball unhaltbar im Netz. Ein Foul von Fabian Ernst, das zu

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17. SPIELTAG | Schalke 04

Die Mannschaft freute sich über den Gewinn der Herbstmeisterschaft, Selim Teber über sein Tor zum 1:1-Endstand.

einer dritten gelb-roten Karte für Schalke hätte führen müssen, ergab wenigstens einen Freistoß: Teber legte sich den Ball zurecht, nahm Maß und zirkelte ihn ins linke untere Eck. Der Rest des Spiels, besonders ab der 80. Minute, als nach Jones auch Engelaar des Feldes verwiesen worden war, war eine Schalker Abwehrschlacht. Zweimal schoss Hoffe noch knapp vorbei oder wurde durch den herausragenden Torhüter Neuer am Erfolg gehindert, dann war das Spiel um – und 1899 Hoffenheim mit vier Toren Vorsprung bei gleicher Punktzahl vor den Münchener Bayern verdienter Herbstmeister. „Zufriedenheit ist kein angemessener Ausdruck“, sagte Dietmar Hopp. „Erst der völlig überraschende Aufstieg und jetzt Herbstmeister. Ich bin unheimlich stolz. Wir sind nicht mehr der Dorfverein, wir sind der Verein der Metropolregion Rhein-Neckar.“ „Wir haben nicht nur erfolgreichen, sondern auch guten Fußball gezeigt“, erklärte Jan Schin-

66 SAISONCHRONIK 2008/09

delmeiser. „Jetzt müssen wir versuchen, diesen Status zu festigen – eines dürfen wir aber nicht vergessen: Wir haben als Aufsteiger in der Vorrunde 35 Punkte geholt! Das allein verdient Respekt.“ „Wir werden in Zukunft der Gejagte sein, aber das sind wir schon die ganze Zeit“, kommentierte Ralf Rangnick die erfolgreich abgeschlossene Hinrunde. „Jetzt wird es darum gehen, das Niveau zu halten.“ Wieviel positive Emotionen die TSG 1899 Hoffenheim über 17 Bundesligaspiele hinweg wecken konnte – was die negativen Begleiterscheinungen wie Hetz-Plakate und üble Sprechchöre etwas relativierte –, zeigte sich im Anschluss ans Spiel gegen Schalke. Nirgendwo in Deutschland, nicht in Kaufhäusern, noch im Internet, noch in der Hoffenheimer Geschäftsstelle gab es ein einziges blau-weißes Trikot mehr zu kaufen. Die Begeisterung über die gezeigten Leistungen hatte alle Erwartungen übertroffen. ■


1899 Hoffenheim Haas, Beck, Jaissle, Compper, Ibertsberger, Vorsah (46. Luiz Gustavo ), Weis, Salihovic, Obasi (49. Teber ), Ibisevic, Ba (90. Wellington)

Werder Bremen Neuer, RaďŹ nha , HĂśwedes, Krstajic, Westermann, Ernst , Jones , Engelaar , Farfan (90. Rakitic), Hal. Altintop (83. Bordon), Asamoah (63. Kobiaschwili)

Zuschauer 26.300 (ausverkauft)

Tore 0:1 Asamoah (40.) 1:1 Teber (72.)

Schiedsrichter Gagelmann

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18. SPIELTAG | Energie Cottbus

31. JANUAR 2009

1899 Hoffenheim – Energie Cottbus 2:0 In der Winterpause, eigentlich zur erholsamen Vorbereitung gedacht, geschah vieles, das die Rückrunde massiv belastete. Zuerst kehrten einige Spieler, die den Jahreswechsel zusammen in New York verbracht hatten, erkältet zurück.

68 SAISONCHRONIK 2008/09


1899 Hoffenheim Hildebrand (60. Haas), Beck, Jaissle, Compper, Ibertsberger, Weis , Luiz Gustavo , Salihovic, Teber (80. Vorsah), Sanogo (88. Terrazzino), Ba

Energie Cottbus Tremmel , Cagdas, Radeljic, Cvitanovic, Ziebig, Rajnoch, T. Rost, Skela (69. Rangelow), Angelow, Jula , Sörensen (84. Iliev)

Zuschauer 30.150 (ausverkauft)

Tore 1:0 Ba (28.) 2:0 Sanogo (63.)

Schiedsrichter Gräfe

Im spanischen La Manga, wo man dasselbe Trainingslager bezogen hatte wie 12 Monate zuvor, war der Krankenstand darum hoch – und das Wetter schlecht. Es herrschten alles andere als optimale Bedingungen. Zudem hatte man zwei Testspiele gegen die Ligakonkurrenten Hamburg und Bochum verabredet, die beide in der Vorrunde von 1899 Hoffenheim regelrecht vorgeführt worden waren. Ihr Ehrgeiz, dem so erfolgreichen Liga-Neuling zu zeigen, dass man daraus gelernt hatte, sollte sich als fatal erweisen. Besonders die Hamburger legten sich schwer ins Zeug, die Partie wurde zu hart ausgetragen. Dabei kam es zu einem folgenschweren Zweikampf von Jerome Boateng und Vedad Ibisevic, dessen Kreuzband dabei riss. Der Schock saß tief: mit 18 Treffern auf Platz 1 der Torjägerliste, erfolgreich wie lange kein Stürmer mehr, hatte ihn auf die denkbar unnötigste Weise der Alptraum jedes Sportlers heimgesucht. Mindestens sechs bis neun Monate würde es dauern, bis Hoffes Toptorjäger zurückkommen konnte. Es gab aber noch mehr folgenreiches Geschehen: ein heftiges Foul von Olic an Eduardo veranlasste den heißblütigen Brasilianer, dem Hamburger mit einem empörten, aber weichen Stoß mitzuteilen, was er von dessen harter Gangart hielt. Olic ließ es sich nicht nehmen, mit solider Münze heimzuzahlen, und langte Eduardo kräftig ins Gesicht. Der Schiedsrichter beendete die sich anbahnende Keilerei, indem er beiden Rot zeigte. Schnell war diese Angelegenheit beim DFB auf dem Tisch, der beide Spieler für die nächsten zwei Partien im Ligabetrieb sperrte.

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18. SPIELTAG | Energie Cottbus

Da Ibisevic für die nächsten Monate ausfiel, schaute man sich in Hoffenheim nach einem kurzfristigen Ersatz um und verpflichtete auf Leihbasis Boubacar Sanogo von Werder Bremen. Die viel bedeutendere Neuverpflichtung kam allerdings aus Valencia: der dort unterbeschäftigte deutsche Meister von 2007 und ehemalige Nationaltorhüter Timo Hildebrand wechselte in den Kraichgau. Das war schlicht eine Sensation. Eine weitere Sensation war der Umzug ins heimische Stadion, in die neu errichtete RheinNeckar-Arena. Unmittelbar an der A6 gelegen, gegenüber dem Auto- und Technikmuseum Sinsheim, lockte es eine Woche vor dem Start in die Rückrunde zum ersten Mal 30.150 Zuschauer auf die Ränge. Nach der feierlichen Einweihung mit einem großen, bunten Rahmenprogramm wurde natürlich auch Fußball gespielt: gegen eine Auwahl der Metropolregion, am Ende stand ein 6:2-Erfolg. Sichtbar müde war die Mannschaft aus dem

70 SAISONCHRONIK 2008/09

Trainingslager gekommen, seelisch erschöpft auch durch die tragische Verletzung ihres besten Torjägers. Gleichzeitig wurde auf dessen eigenen Wunsch Francisco Copados Abschied gefeiert, der viel zum rasanten Aufstieg von 1899 Hoffenheim beigetragen hatte. Ein letztes Mal trat er in den Farben von Hoffenheim an und holte sich den verdienten Beifall der Fans. Das erste reguläre Heimspiel in der luftigleichten, filigranen, blau-weißen, wunderschönen Arena sah Energie Cottbus als Gast. Ein weiterer Gast auf den Tribünen war Franz Beckenbauer, der mit seinem Besuch die verbalen Wogen glätten wollte, die gegen Ende der Hinrunde zwischen den Bayern und Hoffenheim hochgeschlagen waren. Was er zu sehen bekam, war ein glatter Sieg von 1899 Hoffenheim, der etwas darüber hinwegtäuschte, wie schwer sich die Mannschaft mit dem Verlust von Ibisevic tat. Zumal auch noch Obasi wegen eines Muskelfa-


Das erste Heimspiel in der in Rekordzeit fertiggestellten RheinNeckar-Arena wurde gegen Energie Cottbus mit 2:0 gewonnen. Leider verletzte sich Timo Hildebrand bei seinem Liga-Debüt für Hoffenheim.

serrisses fehlte, den er sich in der Vorbereitung zugezogen hatte. Sanogo, der gleich im ersten Spiel traf – es sollte aber sein einziger Treffer in der gesamten Saison bleiben, wie er auch in der Hinrunde im Bremer Trikot nur ein einziges Tor erzielt hatte, ebenfalls gegen Cottbus –, gliederte sich scheinbar recht gut in die Mannschaft ein. Aber es war Demba Ba, der sich am meisten hervortat in diesem Spiel. Während der neue Torhüter Hildebrand weitgehend beschäftigungslos blieb, drückte Hoffe anfangs wie gewohnt aufs Tempo und erspielte sich in den ersten zehn Minuten einige gute Chancen. Dann jedoch ließ sich die Mannschaft von der Härte der Cottbusser beeindrucken und verlor viel an Kreativität. Erst in der 29. Minute, nach Ecke Salihovic und einer Flanke durch Teber, kam die numerische Wende: Ba stieg am höchsten, konnte den Ball per Kopf sich selber vorlegen und schob ihn, während die Cottbusser Abwehr noch desorientiert nach der Kugel suchte, über die Linie. Es war zugleich das erste Tor im neuen Stadion! Danach verflachte das Spiel wieder, die Cottbusser hatten einfach zuviel Beton angerührt. Nach der Pause kamen dann die Lausitzer in der 52. Minute zu einer völlig überraschenden Torgelegenheit, als Compper bei Unterzahl Hoffe wegen Nasenblutens von Jaissle einen harmlosen

Angriffsball auf die Schulter bekam und Rost den Ball an die Latte schoss. Leider zog sich beim Klärungsversuch Torhüter Hildebrand eine schmerzhafte Schambeinprellung zu, so dass ab der 61. Minute unerwartet wieder Daniel Haas zwischen den Pfosten stand. Dem Pech des Torhüterneulings stand umso mehr Glück des Torjägerneulings gegenüber: nach einem Zuspiel per Hacke und schöner Vorarbeit von Jaissle knallte Sanogo den Ball in der 64. Minute unhaltbar ins Netz. Es war die erste wirklich heiße Torszene der Hoffenheimer. In der Folge gab es noch einige gute Ansätze im neu formierten Offensivspiel zu sehen, aber Entscheidendes war nicht dabei. Darum konnte Franz Beckenbauer auch zehn Minuten vor Spielende das Stadion verlassen, ohne befürchten zu müssen, etwas zu verpassen. Und so war es. Das Spiel endete standesgemäß 2:0, die Rhein-NeckarArena war angemessen eingeweiht. Da die Bayern ihr Freitagsspiel gegen den HSV verloren hatten, stand Hoffe weiter auf Platz 1 der Tabelle. „Wir tun so, als seien wir gefühlter Achter“, hatte Ralf Rangnick jedoch in weiser Voraussicht vor dem Spiel gesagt. Nach dem Spiel sagte er weniger prophetisch: „Wir sind gut aus den Startlöchern gekommen, mehr war nicht zu erwarten. Der Zauberfußball kommt hoffentlich später wieder.“ ■

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19. SPIELTAG | Borussia Mönchengladbach

07. FEBRUAR 2009

Bor. Mönchengladbach – 1899 Hoffenheim 1:1 „Stellen Sie sich vor, auch Wolfsburg und Hoffenheim kommen in die Champions League, das wünscht sich keiner ernsthaft für die Bundesliga“, hatte Frankfurts Vorstandsvorsitzender Bruchhagen in einem Interview wenige Tage vor dem Spiel gegen Gladbach gesagt. Zeitgleich warnte der Dortmunder Geschäftsführer Watzke: Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim, das „Trio mit den Großressourcen“, müsse sich bald nur noch vor Bayern München fürchten. Traditionsklubs wie Schalke, Dortmund, Hamburg oder Stuttgart, „die ihr Geld sauber verdienen“, hätten dann keine Chance mehr auf einen Champions-League-Platz. „Aber welche Vereine“, fragte er, „sorgen denn für den Boom in der Liga? Wo sind die Stadien voll? Wo kochen Emotionen? Wo verkauft das Fernsehen seine Abos, verdient es das Geld, das es den Klubs zahlt?“

72 SAISONCHRONIK 2008/09

Über solche Ansichten und vermeintliche Einsichten durfte man durchaus anderer Meinung sein. Die Antwort darauf wurde aber am besten auf dem Platz gegeben. Und beim Blick auf die Tabelle, die absolut neutral darüber informierte, wer zu welchem Zeitpunkt den jeweils erfolgreichsten Fußball in Deutschland spielte, zeigte sich, dass 1899 Hoffenheim auch nach dem Kräftemessen in Gladbach weiter die Tabelle anführte: weit vor Frankfurt und Dortmund. Im Spiel war allerdings immer noch eine gewisse Müdigkeit und Leere zu beobachten. Mönchengladbach begann leidenschaftlich und übernahm die Initiative, dann kam Hoffenheim besser ins Spiel, überließ aber bald wieder der Fohlen-Elf das Kommando. Halbe Torchancen hüben und drüben prägten die Partie: in der 16. Minute zischte ein Volleyschuss von Teber knapp am Pfosten vorbei, in der 20. verzog Rob Friend nur um Zentimeter, in der 23. vertändelte Sanogo durch zu viel ballkünstlerischen Ehrgeiz eine schöne Flanke von Teber, Jaissle vergab in der 37. Minute, wieder nach einer Flanke von Teber,


Borussia Mönchengladbach Bailly, Gohouri, Galasek, Daems, Stalteri, Bradley , Dorda, Baumjohann (82. Paauwe), Marin (62. Neuville), Friend , Matmour

1899 Hoffenheim Haas, Beck, Jaissle , Compper , Ibertsberger (85. Wellington), Luiz Gustavo, Weis (76. Terrazzino), Salihovic, Teber (62. Obasi ), Sanogo, Ba

Zuschauer 42.421

Tore 1:0 Baumjohann (44.) 1:1 Wellington (89.)

Schiedsrichter Wagner

sieben Meter frei vor dem Tor. Erst kurz vor der Pause wendete sich das Schussglück, als Baumjohann aus 25 Metern einen machtvollen Schuss abzog, der am etwas zu weit vorn stehenden Daniel Haas vorbei in die Maschen flog. Nach der Pause arbeitete sich 1899 an der immer stärkeren Gladbacher Abwehr ab, die in Torhüter Bailly außerdem einen sicheren Rückhalt hatte. Großartige Chancen ergaben sich so nicht. Trotzdem steckte 1899 nie auf und probierte mit allen Mitteln, den doppelten Abwehrriegel zu knacken. In der 69. Minute drang Obasi, der immer noch leicht angeschlagen wenige Minuten zuvor für Teber gekommen war, in den Strafraum ein und wurde elfmeterreif gefoult. Das sah auch Schiedsrichter Wagner so, der aber nach Rücksprache mit seinem Assistenten wegen angeblicher Schwalbe Obasi Gelb zeigte. Wieder einmal wurde Hoffenheim ein verdienter Elfmeter geraubt. Offenbar kamen die Schiedsrichteraugen manchmal nicht mit der Geschwindigkeit mit, in der Hoffe seine Angriffe vortrug.

Hoffenheim brachte nun Terrazino für Weis und kurz vor Schluss noch Wellington für Ibertsberger. Erst einmal aber setzte Ba in der 78. Minute, umringt von drei Gladbacher Abwehrspielern, den Ball mit einem Fallrückzieher an die Latte. Zu diesem Zeitpunkt hätte es gut und gern, wäre der Elfer gegeben worden, 1:2 stehen können. Stattdessen mühte Hoffenheim sich immer noch wenigstens um den Ausgleich. Und der kam… Aber das dauerte bis zur vorletzten Spielminute, kurz zuvor hatten Neuville und Matmour noch eine Riesenkonterchance für Gladbach vergeben. Dann jedoch flog der Ball, nach einem Freistoß verlängert, ans lange Eck, wo Wellington sich am höchsten in die Luft schraubte und einköpfte – zum mehr als verdienten Ausgleichstreffer. ■

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20. SPIELTAG | Bayer 04 Leverkusen

13. FEBRUAR 2009

1899 Hoffenheim – Bayer 04 Leverkusen 1:4 Nach den verbalen Angriffen der Vorwoche hatte Geschäftsführer Watzke von Borussia Dortmund inzwischen nachgelegt und vom DFB und der DFL gefordert, zu überprüfen, ob nicht in Hoffenheim die 50+1-Regel ausgehöhlt würde. Vonseiten des DFB, aber auch von Fußballgrößen wie Günter Netzer gab es sofort Rückendeckung für 1899 Hoffenheim. Das allgemeine Lob der vorbildlichen Arbeit in und um Hoffenheim hallte in der Fußballrepublik stärker nach als die nadelstichartige Kritik.

Die Konstellation in der Tabelle war unterdessen so, dass Trainer Ralf Rangnick vor der Freitagabend-Partie gegen Leverkusen zu Protokoll gab: „Wenn wir das Spiel gewinnen, dann haben wir Leverkusen mit neun Punkten Rückstand erst einmal auf Distanz gehalten. Nach der Niederlage gegen Stuttgart liegt der Druck ganz klar aufseiten von Bayer.“

Souveränität war für die Abwehr von herausragender Bedeutung. Und so lag es vielleicht an seiner Abwesenheit, dass bei einem in der 2. Spielminute über rechts vorgetragenen Angriff der Gäste der Ball in der Mitte auf den gänzlich frei stehenden Helmes traf. Dessen fulminantem Schuss unter die Latte hatte Hildebrand nichts entgegenzusetzen.

Zurück im Team vor ausverkaufter Heimkulisse waren Hildebrand und Carlos Eduardo, auf der rechten Verteidigerposition spielte wie immer Andreas Beck, aus dem unter der Woche der dritte Nationalspieler von 1899 Hoffenheim geworden war – im Freundschaftsspiel gegen Norwegen hatte er in der zweiten Halbzeit einen sehr guten Einstand gegeben.

Die Verstörung war groß – Hoffe war eiskalt erwischt worden, bei tatsächlich zugig-kaltem Wetter mit gelegentlichem Schneetreiben. Was tun? Stürmen um jeden Preis, jetzt schon? Leverkusen zeigte nach dem frühen Tor viel Selbstvertrauen, Hoffenheim versuchte sich in engagiertem Pressing. Dadurch kam es nach Flanke Weis in der 10. Minute zu einer schönen Kopfballchance durch Sanogo, der aber knapp am Tor vorbei köpfte.

Noch auf der Bank saß Obasi, es fehlte Compper, der sich an der Wade verletzt hatte. Dessen

74 SAISONCHRONIK 2008/09


Zwei Minuten später landete ein Leverkusener Freistoß in der Hoffenheimer Abwehr, Jaissle rutschte auf dem nassen Boden aus – und Nilsson trat, davon irritiert, neben den Ball. Irgendwie kam in der Konfusion Rolfes nahe zum Ball, auf den Hildebrand aber inzwischen eine Hand gelegt hatte. Der Leverkusener spitzelte ihm die Kugel aus den Fingern und drückte sie über die Linie. Kein Tor, dachte jeder, der die Szene genau beobachtet hatte. Beim Schiedsrichter war das offenbar nicht so, er traf eine eklatante Fehlentscheidung und zeigte zum Mittelpunkt. Nie und nimmer hätte der Treffer gewertet werden dürfen. Hoffenheim wurde davon aber eher wachgerüttelt als betäubt und arbeitete sich umso lebhafter in die Partie hinein. Zweimal hintereinander war dann wieder der Schiedsrichter gefragt: einmal in der 17. Minute, als er ein Foul an Salihovic im Sechzehner einigermaßen

nachvollziehbar nicht als elfmeterreif einschätzte. Ein zweites Mal in der 21. Minute, als Adler außerhalb seines Fünfmeterraums Demba Ba im Luftkampf niederriss. Es gab Freistoß für Adler. Dabei war er es, der gefoult hatte. Die Entscheidung hätte eindeutig Strafstoß für Hoffe lauten müssen. In der 30. Minute konnte selbst ein noch so konzilianter Referee nicht mehr übersehen, dass Adler regelwidrig zugelangt hatte. Diesmal war Ba mit einem langen Ball nach links außen in den Strafraum geschickt und von Adler zu Fall gebracht worden. Den tatsächlich gegebenen Elfmeter nagelte Salihovic exakt in die Tormitte, die Adler beim Sprung in die vermutete Ecke leer gelassen hatte. Durch den Anschlusstreffer wurden die Gäste zusehends nervös. Hoffenheim drückte immer

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20. SPIELTAG | Bayer 04 Leverkusen

76 SAISONCHRONIK 2008/09


1899 Hoffenheim Hildebrand, Beck, Jaissle, Nilsson (46. Vorsah), Ibertsberger, Luiz Gustavo , Weis (46. Obasi), Salihovic, Carlos Eduardo, Ba, Sanogo (69. Wellington)

Bayer 04 Leverkusen Adler , Castro , M. Friedrich, Henrique, Kadlec (65. Djakpa), Zdebel, Rolfes, Renato Augusto (65. Schwegler), Barnetta , Kießling, Helmes (86. Charisteas)

Zuschauer 30.150 (ausverkauft)

Tore 0:1 Helmes (3.) 0:2 Rolfes (12.) 1:2 Salihovic (31. Foulelfmeter) 1:3 Helmes (45.) 1:4 Castro (48.)

Schiedsrichter Dr. Fleischer

mehr aufs Tempo und gewann 60% der Zweikämpfe. Ein Freistoß von Salihovic segelte nur äußerst knapp über die Latte, Carlos Eduardo wurde im letzten Moment halbrechts am Torschuss gehindert. In der 45. Minute bekam auch Leverkusen wieder einen Freistoß, bei dem die Hoffenheimer Mauer nicht sattelfest wirkte und Weis den in die Mitte geschossenen Flachball abfälschte. Helmes staubte ab zum 1:3: Schock mit Pausenpfiff. Ralf Rangnick musste zur Halbzeit reagieren. Er brachte Obasi für Weis und Vorsah für Nilsson. Statt jedoch damit vorne Druck zu entfachen und hinten Sicherheit aufzubauen, was der Plan gewesen war, nahmen die Gäste das Heft in die Hand und kamen in der 48. Minute zu einem Eckball. Die Kugel segelte über Hildebrand hinweg in den Strafraum, wo sich ein Luftkampf zwischen dem klein gewachsene Leverkusener Castro und dem Hoffenheimer Hünen Vorsah entspann.

Castro hätte das Duell nie gewinnen dürfen – und köpfte trotzdem zum 1:4 ein. Alle Leverkusener Tore waren zum denkbar schlechtesten, ungünstigsten Zeitpunkt gefallen. Mit diesem vierten Stich ins Herz der Mannschaft verlor 1899 Hoffenheim für diesmal den Glauben an sich. Leverkusen hatte wie in der Hinrunde alles richtig gemacht und vor allem mehr Cleverness bewiesen. Zwar gab es im Verlauf der zweiten Halbzeit hier und da kleinere Chancen, aber die Partie fuhr sich von Minute zu Minute fester und war imgrunde seit der 48. Minute gelaufen. Nach 90 Minuten war jedermann froh, als endlich der Abpfiff ertönte. An diesem Tag, einem Freitag mit Tageszahl 13, war leider nichts anderes mehr zu erwarten. Hoffe fuhr die erste Heimniederlage ein, und das bei der Flutlichtpremiere im neuen Stadion!

Boubacar Sanogo, nach Ibisevics tragischem Kreuzbandriss in der Winterpause von Werder Bremen ausgeliehen, traf diesmal leider nicht – anders als im ersten Heimspiel der Rückrunde.

„Wir haben zu viele Fehler gemacht, was für uns untypisch ist“, resümierte Ralf Rangnick. „Aber wir haben in der Hinrunde auch mit drei Toren gegen Leverkusen verloren, das wirft uns nicht um.“ Als einen Tag später Hertha BSC im Berliner Olympiastadion die Bayern aus München mit 2:1 bezwang, lag die alte Dame Hertha auf einmal mit einem Zähler vor 1899 auf Platz 1. Es war eine Weile her, dass die Hoffenheimer Spieler und Verantwortlichen die Tabelle nicht von ganz oben angeschaut hatten… Wie würden sie den sich andeutenden Rücksturz in die Normalität verkraften? ■

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21. SPIELTAG | VfB Stuttgart

21. FEBRUAR 2009

VfB Stuttgart – 1899 Hoffenheim 3:3 Vor der Partie gab es erhebliche Aufregung: und zwar war bekannt geworden, dass zwei Wochen vorher, nach dem Spiel gegen Gladbach, die Hoffenheimer Spieler Ibertsberger und Janker einige Minuten verspätet zur Dopingkontrolle angetreten waren. Theoretisch drohte beiden Spielern nun eine Sperre von einem Jahr, wenn man die strengen internationalen Regeln zur Anwendung bringen würde.

Es war aber bald klar, dass die Hoffenheimer Spieler bei ihrer Verspätung nicht bewusst schuldhaft gehandelt hatten, sondern eher einer gewissen Laxheit zum Opfer gefallen waren, mit der Dopingfragen im deutschen Fußball immer noch angegangen wurden. Kleinere Verspätungen konnten auch bei anderen Vereinen gelegentlich vorkommen, wenn bspw. noch Mannschaftsbesprechungen angestanden hatten. Der DFB entschied darum schnell, Augenmaß zu wahren, und gab auch dem Gladbacher Protest gegen die Wertung des Spiels Mönchengladbach-Hoffenheim nicht nach. Die öffentliche Diskussion darüber wogte einige Wochen hin und her und schwächte den sportlichen Antritt von 1899 spürbar. Erst die Verletzung von Ibisevic, dann ein durchwachsener Start in die Rückrunde, jetzt negative Schlagzeilen: das alles war man (noch) nicht gewöhnt. Mitte März verurteilte das DFB-Sportgericht 1899 Hoffenheim schließlich wegen des Verstoßes gegen

78 SAISONCHRONIK 2008/09

die Anti-Doping-Richtlinien zu einer Geldstrafe von 75.000 Euro und den Hoffenheimer Dopingbeauftragten Peter Geigle wegen unsportlichen Verhaltens zu 2.500 Euro, da er es war, der die Spieler zu größerer Eile hätte anhalten müssen. Das war, vor allem, weil keine Sperren ausgesprochen wurden, ein mild abgewogenes Urteil, das viel richterliche Weisheit offenbarte: denn es gab nie den geringsten Zweifel, dass es sich hier rein um ein Versäumnis, nicht aber um Doping handelte. Gegen den VfB Stuttgart zu spielen, war angesichts der vielen personellen Verbindungen wie immer eine besondere Angelegenheit. Als neuester Ex-Stuttgarter hätte diesmal Timo Hildebrand zwischen den Pfosten stehe sollen. Doch hatte er sich eine Oberschenkelzerrung zugezogen und musste den Kasten schon wieder Daniel Haas überlassen. Außerdem fehlte verletzungsbedingt Obasi, während Sanogo auf der Bank saß, weshalb Hoffe mit einer einzigen, wie sich noch


VfB Stuttgart Lehmann, Osorio, Tasci, Boulahrouz , Boka (30. Magnin ), Khedira, Hitzlsperger, Hilbert, Simak (71. Lanig ), Cacau (83. Marica), Gomez

1899 Hoffenheim Haas, Beck, Compper , Jaissle, Ibertsberger, Luiz Gustavo (68. Terrazzino), Vorsah, Weis (68. Sanogo), Salihovic , Carlos Eduardo, Ba (77. Teber)

Zuschauer 54.000

Tore 0:1 Ba (24.) 1:1 Cacau (26.) 2:1 Gomez (31.) 2:2 Ba (45.) 3:2 Gomez (63.) 3:3 Ba (67.)

Schiedsrichter Kempter

zeigen sollte, sensationell gut aufgelegten Sturmspitze auflief: Demba Ba. Dafür war Compper in die Mannschaft zurückgekehrt. Eine stabile Defensive war in diesem Spiel auch nötig. Stuttgart, seit vier Heimspielen unter Trainer Babbel unbesiegt, drückte von Beginn an aufs Tempo, spielte aggressiv, häufig sehr aggressiv, ohne dass der allzu weichherzig eingestellte Schiedsrichter Kempter vorerst Gelb gezogen hätte. Lieber nahm er in Kauf, dass sich eine aggressive Spirale in Gang setzte: bei Derbys selten eine gute Entscheidung. Es dauerte fast 20 Minuten, bis Hoffe sich der stürmischen Stuttgarter Eröffnung wirkungsvoll widersetzte. In der 24. Minute drang Beck zum ersten Mal gefährlich über rechts in den Strafraum ein, spielte kurz weiter auf Demba Ba – und der drehte sich blitzschnell um seinen Gegenspieler, zog ab ins lange Eck und ließ Lehmann im Stuttgarter Tor schlecht aussehen. Leider hielt die

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21. SPIELTAG | VfB Stuttgart

„Das war ein richtiger Fight. Das kennt man sonst nur aus England. Wir freuen uns über das gute Spiel, es wäre aber mehr drin gewesen“, sagte Ralf Rangnick nach der Partie.

glückliche Führung wieder einmal nur zwei Minuten, dann überlief Cacau links das halbe Spielfeld, zog aufs kurze Eck und verlud Torhüter Haas. In der 29. Minute bekam Salihovic zurecht die gelbe Karte gezeigt. Aber sein heftiges Foul an Boka wäre vielleicht weniger grob ausgefallen, wenn der Schiedsrichter vorher einige ebenso berechtigte Karten an die Stuttgarter ausgeteilt hätte. Die zu vielen gut gemeinten Ermahnungen schadeten dem Spiel: das sich in der 31. Minute zu wenden schien, als nach einer Ecke Gomez den Ball aus kürzester Distanz zur Stuttgarter Führung einnicken konnte. Danach gab es zehn Minuten zwar ergebnislosen, aber wunderschönen Tempofußball auf beiden Seiten zu bewundern. Gegen Ende der ersten Halbzeit nahm Stuttgart sich zurück, und schon kam Hoffe wieder effektiver nach vorn. In der letzten Spielminute, Stuttgart war gedanklich schon in der Kabine, ging Demba Ba gegen zwei Mann steil auf und davon und schob den Ball überlegt am herausstürzenden Jens Lehmann vorbei: Pausenstand 2:2.

80 SAISONCHRONIK 2008/09


Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte: Hoffenheim drückte und wollte ein weiteres Tor. Anders war jetzt nur, dass die Stuttgarter öfters zu Kontergelegenheiten kamen, die sie zunächst aber nicht zu nutzen verstanden. Das änderte sich schlagartig in der 63. Minute, als Gomez wieder mal steil, diesmal ohne Abseits aufs Hoffenheimer Tor zulief und Haas mit einem eleganten Heber düpierte. Vier Minuten später schlug Hoffe zurück: wieder wurde Demba Ba auf die Reise geschickt, setzte sich wieder gegen seinen Gegenspieler durch und schoss zum 3:3 ein. Rangnick brachte zur Offensivverstärkung nun noch Sanogo und Terrazino, setzte damit alles auf eine Karte – und hätte fast auch gewonnen. Stuttgart stand von nun an unter einer Daueroffensive, die sich nur selten noch in einen Konter ummünzen ließ. Das Anrennen der Hoffenheimer blieb aber ebenso ergebnislos: bis in der Nachspielzeit Carlos Eduardo von Magnin vor dem Tor gefoult wurde. Der Schiedsrichter entschied regelgerecht sofort auf Elfmeter. Salihovic legte sich den Ball zurecht. Gegen johlendes Pfeifen des Gottlieb-Daimler-Stadions lief er an

– und semmelte die Kugel knapp über die Querlatte. Möglich, dass er zuviel persönlichen Ehrgeiz in den Schuss gelegt hatte, nachdem ein paar Minuten zuvor Torhüter Lehmann Salihovics Schuh, der bei einem Zweikampf verloren gegangen war, unfair und in der klaren Absicht, Salihovic zu demütigen, hinter sich aufs Tornetz geworfen hatte. „Demba Ba hat heute klasse gespielt. Er war brandgefährlich. Er war aber nur einer der Lichtblicke. Speziell in der zweiten Halbzeit konnte man sehen, dass die Mannschaft wieder an die Leistungen aus der Hinrunde anknüpfen konnte“, sagte Jan Schindelmeiser. Und attestierte der Mannschaft „Moral und Herz“. „Das war ein richtiger Fight. Das kennt man sonst nur aus England. Wir freuen uns über das gute Spiel, es wäre aber mehr drin gewesen“, urteilte Ralf Rangnick. ■

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22. SPIELTAG | Borussia Dortmund

28. FEBRUAR 2009

Borussia Dortmund – 1899 Hoffenheim 0:0 Immer noch fehlte Timo Hildebrand, der sich seine Rückkehr in die Bundesliga sicher anders vorgestellt hatte. Aber Daniel Haas vertrat ihn in Dortmund vor 78.800 Zuschauern meist souverän. Mit mancher guten Parade half er verhindern, dass die Gastgeber ihre Serie von acht Unentschieden im heimischen Signal Iduna Park erfolgreich beendeten. Compper fehlte diesmal wegen einer Gelbsperre, während Obasi und Weis zunächst auf der Auswechselbank Platz nahmen.

Von Beginn an sahen die Zuschauer ein Kampfspiel, assistiert von den Rängen, die gegenüber Hoffe ein regelrechtes Feindbild aufgebaut hatten, assistiert durch öffentliche Äußerungen der Clubführung. Sieben gelbe Karten, davon fünf für Hoffenheim, eine gelb-rote Karte für Kehl und eine unberechtigte rote Karte für Tobi Weis schlugen zubuche.

Subotic im Strafraum blieb in der 38. Minute wieder einmal ungeahndet: für Hoffenheim gab es in klaren Situationen viel öfter keinen Elfmeter, als dass tatsächlich auf den Punkt gezeigt wurde. In der 15. Minute zeigte wiederum Haas gegen Zidan eine sensationelle Reaktion und verhinderte den Rückstand. Auch in der 39. Minute bewies er, als er gegen Tinga klären konnte, seine Klasse.

Viermal hätte Hoffenheim allein in der ersten Halbzeit in Führung gehen können, bei zwei Freistößen von Salihovic in der 11. und 35. Minute und in der 21. Minute bei einem wunderschönen Zusammenspiel von Teber, Beck und Carlos Eduardo, wobei Teber den Ball nach einem Abpraller unnötigerweise absichtlich mit der Hand berührte. Ein klares Foulspiel von Demba Ba durch

Während der gesamten zweiten Halbzeit blieben heiße Torraumszenen mehr oder minder Mangelware. Für den rotgefährdeten Teber kam Weis, später ging Sanogo für Obasi vom Platz, und kurz vor Schluss wurde Wellington für Ba eingewechselt. Leider gelang ihm nicht wie gegen Gladbach noch in vorletzter Minute ein Treffer. Sanogo wiederum hatte von Spiel zu Spiel immer sicht-

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Borussia Dortmund Weidenfeller, Owomoyela, Subotic, Felipe Santana, Schmelzer, Kehl , Sahin, Tinga , Hajnal (79. Kringe), Valdez (68. Frei), Zidan (86. Kullmann)

1899 Hoffenheim Haas, Beck , Vorsah , Jaissle, Ibertsberger, Luiz Gustavo , Teber (46. Weis ), Salihovic, Carlos Eduardo, Ba (87. Wellington), Sanogo (64. Obasi)

Zuschauer 78.800

Tore –

Schiedsrichter Fandel

barer Probleme, mit der antritts- und gedankenschnellen Hoffenheimer Spielweise zurechtzukommen. Bis er sich in eine Aktion hineingedacht und den Ball zurechtgelegt hatte, war sie meist schon entschärft. Aber auch Obasi konnte an diesem Tag wenig mehr ausrichten. So dass die letzte Aufregung des Spiels darin bestand, dass Tobi Weis von Schiri Fandel die rote Karte gezeigt bekam, während Kehl mit gelb-rot vom Platz musste. Was war geschehen? Kehl stieß Weis zwar gelbwürdig im Mittelfeld um, aber als er dann über ihn weg lief, berührte Weis ihn knapp mit dem Bein, worauf Kehl sich nach allen Regeln der Schauspielkunst fallen ließ. Fandels rote Karte tendierte also Richtung Tätlichkeit oder Revanchefoul,

war aber absolut unberechtigt. Das gab er nach dem Spiel in großer Ehrlichkeit auch zu: „Ein Fehler von mir“, sage er. Das torlose Unentschieden war letztlich nicht ungerecht, ein nicht immer schön anzuschauendes Kampfspiel hatte keinen strahlenden Sieger verdient. Und so sah Ralf Rangnick eher die positiven Seiten: „Wir haben in zwei Auswärtsspielen gegen starke Mannschaften wie Stuttgart und Dortmund jeweils einen Punkt geholt. Das ist für eine Mannschaft, die vor zwei Jahren noch in der Regionalliga gespielt hat, eine gute Ausbeute.“ ■

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23. SPIELTAG | Werder Bremen

07. MÄRZ 2009

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 0:0

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1899 Hoffenheim Haas, Janker, Jaissle, Compper, Ibertsberger, Beck, Vorsah, Carlos Eduardo, Obasi (70. Terrazzino), Ba, Sanogo (81. Wellington)

Werder Bremen Wiese, Boenisch, Mertesacker, Baumann, Pasanen (57. Prödl), D. Jensen , Tziolis, Diego, Hunt (61. Niemeyer), Almeida (77. Rosenberg), Pizarro

Nach dem fulminanten Spiel der Hinrunde waren die Erwartungen beim Heimspiel gegen Bremen groß. Spannend war die Partie, aber es fehlten diesmal die Tore…

Zuschauer 30.150 (ausverkauft)

Tore –

Schiedsrichter Weiner

Vor dem Spiel war in der neuen Rhein-Neckar-Arena der Rasen komplett ausgetauscht worden. Nach nur zwei Spielen war das unumgänglich geworden, weil der alte aus unerfindlichen Gründen nicht gut hatte anwachsen wollen. Fürs Hoffenheimer technisch feine Spiel hatte sich dadurch alles andere als ein Heimvorteil im schönen neuen Zuhause ergeben.

Andi Beck kommentierte das so: „Es kommt darauf an, dass der letzte Pass sitzt. Das war bei uns in der Hinrunde tödlich. Aber jetzt kommt ja der Frühling, und mit besseren Platzbedingungen nimmt vielleicht auch die Passgenauigkeit wieder zu.“ Es gab in den Medien auch sonst viele Spekulationen, warum es mit der sensationellen Spielweise von 1899 Hoffenheim und der dazu passenden Punkteausbeute nicht mehr so gut lief. Ralf Rangnick hatte Wesentliches bereits erklärt: „Über Wochen und Monate haben meine Spieler gelesen, wie gut sie sind. Sie wurden wie Popstars behandelt, wie Models abgelichtet. Mit schwach-

sinnigen Dingen wurden die Spieler konfrontiert, da fiel es dem einen oder andern vielleicht etwas schwer, sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren In einem Spiegel Online-Interview sagte Andreas Beck: „Die Entwicklung hier ist noch lange nicht zuende. Wir werden noch viel lernen. Wir sind ja noch so jung.“ Für die Partie gegen Bremen konnte man erwarten, dass nicht nur der perfekte neue, stolperfreie und elastische Rasen dem Spiel aufhelfen würde. Auch der Gegner stand für eine Wiederholung der Tugenden der Hinrunde, als Offensive alles und Tempo das Wichtigste waren. Allerdings musste Hoffenheim fast auf sein

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Rekordpech: dreimal traf Boubacar Sanogo gegen seine ehemaligen Kameraden nur das Aluminium.

komplettes Mittelfeld verzichten: Salihovic litt unter einem Außenbandanriss im Knie, Luiz Gustavo und Teber waren gelbgesperrt, Tobi Weis musste wegen der unberechtigten roten Karte des letzten Spiels passen, wenn auch nur für dieses eine Spiel. Dafür konnte Obasi in die Anfangsformation zurückkehren, obwohl klar war, dass er noch nicht ausreichend Kraft für 90 Minuten hatte. Und immer noch stand Haas zwischen den Pfosten. Bei Bremen fehlten dagegen Naldo, der für drei Spiele gesperrt war, Özil, der an einer Knieverletzung laborierte, Frings und Fritz, beide mit Oberschenkelproblemen. Trotzdem entfaltete sich bei dieser erheblichen Minimierung der jeweiligen Kader ein munteres, phasenweise spannendes Spiel. Zu Anfang waren es die Bremer, die mehr vom Spiel hatten, auch wenn Hoffe in der 6. Minute mal wieder einen klaren Handelfmeter nicht zugeteilt bekam. Im weiteren Verlauf kam Hoffe immer besser ins Spiel. In der 13. Minute verstocherte Mertesacker die bis dahin beste Gelegenheit, als ihm der Ball nach einer Ecke unerwartet vor die Füße fiel. In

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der 30. Minute zeigte Carlos Eduardo, dass er sich vor seinem brasilianischen Gegenüber Diego nicht zu verstecken brauchte und ihm mindestens ebenbürtig war: nachdem er sich durch die halbe Bremer Abwehr getanzt hatte, kam sein Pass auf den parallel laufenden Obasi, dessen Abspiel auf Sanogo allerdings nicht verwertet wurde. Auf der anderen Seite berührte drei Minuten später ein Kopfball von Almeida die Querlatte. Umgekehrt traf in der 39. Minute ein Schuss von Sanogo nach einigem Hin und Her im Bremer Strafraum aus fünf Metern nur den Pfosten. Die erste Halbzeit wurde vielleicht nicht zum erwarteten Offensivspektakel, dafür gab es zu viele Fehlpässe auf beiden Seiten, aber die Zuschauer in der ausverkauften Rhein-Neckar-Arena hatten trotz der fehlenden Tore ein gutes Spiel mit nicht wenigen Strafraumszenen gesehen. Die zweite Halbzeit bot noch mehr Abwechslung. Schon in der 52. Minute setzte Sanogo, der vor Ehrgeiz gegen seine ehemaligen Kameraden förmlich glühte, zum zweiten Mal den Ball gegen den Pfosten. Diesmal war noch mehr Glück für Werder dabei, denn der Ball sprang vom Innen-


Rekordpech: dreimal traf Boubacar Sanogo gegen seine ehemaligen Kameraden nur das Aluminium.

pfosten seitlich weg und lief die Torlinie entlang. Eine Minute darauf köpfte Sanogo den Ball aus spitzem Winkel Torhüter Wiese direkt in die Arme. Wie es aussah, hätte er das Spiel alleine entscheiden können. Denn nur nochmal zwei Minuten später hatte Wiese mit einer großartigen Fußabwehr vor Demba Ba retten können – der Ball fiel Sanogo vor die Füße, aber sein Schuss aus kurzer Distanz ging zum dritten Mal ans Aluminium. Er hatte an diesem Tag keinen Pakt mit dem Pfosten geschlossen: wenn doch, war es der falsche gewesen. In jedem Fall handelte es sich um einen Rekord: dreimal in einem Spiel hatte noch kein Stürmer bisher den Pfosten getroffen.

sivverstärkungen ein, was den Spielfluss von Hoffe wirkungsvoll behinderte. Darum wechselte auch Ralf Rangnick und brachte für Obasi, der sein Kraftreservoir aufgebraucht hatte, Terrazino. In der 75. Minute vergab Pizarro freistehend vor Haas eine Riesengelegenheit, während einmal Wiese vor Ba in höchster Not retten konnte, einmal Haas vor Pizarro rettete. In der letzten Viertelstunde gaben beide Mannschaften ihre taktische Vorsicht auf und spielten auf Sieg. Es gab immer wieder brandgefährliche Szenen, herrliche Pässe und großartige Dribblings: letztlich vergebens. Die Partie endete 0:0, hätte aber ebenso gut 3:3 oder 5:5 ausgehen können. ■

In diese Drangperiode von 1899 Hoffenheim wechselte Werders Trainer Schaaf zwei Defen-

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24. SPIELTAG | Eintracht Frankfurt

14. MÄRZ 2009

Eintracht Frankfurt – 1899 Hoffenheim 1:1 Auch in diesem Spiel gab es viele Veränderungen: Luiz Gustavo und Weis waren zwar zurück, aber Obasi musste wie Hildebrand der Partie verletzt fernbleiben, während Sanogo angeschlagen antreten konnte. Die permanenten, verletzungsbedingten Variationen in der Aufstellung machten es der Mannschaft schwer, zu einer einheitlichen, verlässlichen Spielweise zu finden. Vor dem Spiel übte sich Frankfurts Präsident Fischer zudem noch in verbalem Speerwurf: „Es ist doch klar, dass wir nicht glücklich sind über das Modell Hopp. Für den Wettbewerb ist das nicht gut.“ 88 SAISONCHRONIK 2008/09


Eintracht Frankfurt Nikolov (43. Pröll), Jung, Russ , Bellaid, Petkovic, Fink, Chris, Steinhöfer , Meier, Köhler (62. Korkmaz ), Fenin

1899 Hoffenheim Haas, Beck, Jaissle, Compper, Ibertsberger (88. Janker), Weis, Vorsah (75. Teber), Luiz Gustavo, Ba, Sanogo (72. Wellington ), Carlos Eduardo

Zuschauer 51.500 (ausverkauft)

Tore 0:1 Carlos Eduardo (10.) 1:1 Fink (47.)

Schiedsrichter Gräfe

Damit lag er gründlich falsch: sein Speer landete weit außerhalb des Wertungsbereichs. Denn in Wahrheit hatte nur selten ein Liga-Neuling die deutsche Oberklasse sportlich so sehr herausgefordert wie 1899 Hoffenheim, selten andere Vereine so sehr animiert, die eigene Spielweise zu überdenken und an das vorgelegte Tempo anzupassen. Das ‚Modell Hopp‘ erwies sich für den Wettbewerb also eher als eine Art Frischzellenkur, auch wenn bzw. gerade weil manches althergebrachte Prinzip dadurch ins Wanken geriet. Außerdem spülte Hoffenheim durch gesteigertes Zuschauerinteresse Geld in die gegnerischen Kassen: das Frankfurter Stadion etwa war ausverkauft – ungewöhnlich bei einer Partie gegen einen Aufsteiger!

Im Übrigen erwies es sich seitens mancher Vereinsverantwortlicher inzwischen als eine beliebte Methode, vor den Spielen gegen 1899 Hoffenheim mit verbalen Rundumschlägen zu versuchen, Irritationen bei den Kraichgauern auszulösen und die eigene Mannschaft samt Fans anzustacheln. So kam es immer noch häufig vor, dass von den Rängen hässliche Sprechchöre und Gesänge zu vernehmen waren. Anders bei Bannern: hier hatte die restriktive Politik des DFB gegriffen. Nur noch selten gab es in den Stadien diffamierende, hetzerische Parolen gegen Hoffenheim oder Dietmar Hopp zu lesen. Die spielerische Überlegenheit von Hoffe nahm davon ohnehin keinen Schaden, aus der erfolgreichen Zweitligasaison war man Schlimmeres gewöhnt. In der durchwachsenen Rückrunde war eher zu beobachten, dass Verletzungssorgen und Umstellungsfolgen Probleme bereiteten. Ein meist bravouröser Kampfgeist machte etliche der Defizite aber wieder wett. Und mit ein bisschen Glück hätten zwei der Unentschieden, gegen Bremen und Stuttgart, leicht auch gewonnen werden können.

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24. SPIELTAG | Eintracht Frankfurt

Eine kampfstarke Frankfurter Eintracht brachte den Herbstmeister an den Rand einer Niederlage. Andreas Iberstberger trug die Spuren des Kampfs im Gesicht.

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Das war bei der Partie in Frankfurt nicht anders. Nur dass es diesmal nicht an Glück fehlte. In der ersten Halbzeit schienen die Vorzeichen denn auch vertauscht worden zu sein: nicht Hoffenheim, der Aufsteiger, mühte sich um sportliches Format, sondern die Eintracht, die selber wie ein Aufsteiger spielte. Hoffenheim konnte nach Belieben schalten und walten, das Frankfurter Spielverständnis sah keine eigene Impulsgebung vor. Schon in der 4. Minute tauchte Sanogo nach einem feinen Hackentrick von Carlos Eduardo frei vor Nikolov auf, doch der Frankfurter Schlussmann konnte Sanogos ungenauen Schuss aus acht Metern ohne eigenes Zutun zur Ecke lenken: er wurde einfach angeschossen. Wie entfesselt stieg Hoffe in die Partie ein, die nur in eine Richtung lief. Frankfurt konnte kaum einen Ball behaupten und bekam in der 10. Minute dafür die Quittung. Compper schickte Carlos Eduardo mit einem Steilpass tief aus der eigenen Hälfte auf die Reise, der Brasilianer erlief sich geschickt den Ball und spitzelte ihn an Nikolov vorbei ins Netz. Nach einer halben Stunde ließen die Dauerangriffe plötzlich nach, Hoffe zog sich zurück und verwaltete die knappe Führung. Frankfurt kam dadurch besser ins Spiel, ohne deswegen schon überzeugen zu können. Trotzdem waren die gewachsenen Spielanteile kein gutes Zeichen: 1899 Hoffenheim vertraute zu sehr der eigenen technischen Überlegenheit, suchte den Abschluss eher über elegante, trickreiche Aktionen und vernachlässigte den kämpferischen Aspekt. Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, rächte sich die etwas überhebliche Gelassenheit. Anscheinend hatte es in der Frankfurter Pausenkabine eine geharnischte Ansprache gegeben. Jedenfalls kehrte Frankfurt wie verwandelt zurück,

ging engagiert in jeden Zweikampf und eroberte sich damit weitaus mehr Spielanteile als zuvor. In der 47. Minute spielte die Eintracht den Ball ungehindert bis an die rechte Grundlinie, es kam eine Flanke in die Mitte. Die Hoffenheimer Abwehr sah dabei nicht gut aus: statt die Augen offen zu halten, konzentrierte sich alles auf den Mittelstürmer. So übersah man den heranrauschenden Fink, der unbedrängt aufsteigen und die Kugel an Haas vorbei unhaltbar einnetzen konnte. Die Folge des Ausgleichstreffers war, dass die Eintracht nun das Spiel immer mehr kontrollierte, munter nach vorn spielte und auch hinten viel sicherer stand, während Hoffenheim nach der verlorenen Form der ersten Halbzeit suchte. Das eigene Spiel war komplett auseinander gefallen, aber auf die Idee, sich in die Partie zurückzukämpfen, kam niemand. Fast lustlos und wie enttäuscht wirkten die Bemühungen, dass man nicht mehr ebenso glanzvoll wie in der ersten Halbzeit agieren konnte, woran auch die Einwechslung von Teber und Wellington nichts zu ändern vermochte. Dadurch riss der Spielfaden immer mehr ab, so dass Hoffe zuletzt froh sein konnte, dass die Eintracht nicht nachzulegen verstand bzw. bei einem Lattenkracher in der 72. Minute großes Pech hatte. Am Ende war daher ein eher glückliches Unentschieden zu verbuchen, das den Trainer aber nicht froh stimmte: „Wir haben zwei grundverschiedene Halbzeiten gesehen. In der Pause haben wir dann zur Mannschaft gesagt, dass sie aufpassen muss. Nach dem Gegentor hat die Eintracht fantastisch Druck ausgeübt. Ich bin von meinen Jungs das erste Mal enttäuscht, dass sie das Spiel aus der Hand gegeben haben. Sie haben scheinbar gedacht, dass hier nichts mehr passieren kann. Da war schon Überheblichkeit dabei.“ ■

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25. SPIELTAG | Hannover 96

21. MÄRZ 2009

1899 Hoffenheim – Hannover 96 2:2 Nachdem der DFB in der Woche vor dem Spiel entschieden hatte, wegen der Verspätungen beim Dopingtest in Gladbach nicht die Spieler Ibertsberger und Janker mit Spielsperren, sondern 1899 Hoffenheim mit einer Geldstrafe zu belegen, zog Gladbach nun auch den Einspruch gegen die Wertung des fraglichen Spiels zurück. Die fußballerische Konkurrenz hatte angesichts des Einspruchs ohnedies milde gelächelt – inzwischen stellte sich heraus, dass Gladbach die Anti-Doping-Richtlinien selber nicht einwandfrei befolgt hatte. Beim Test hatte sich Gladbachs Mannschaftsarzt im Kontrollraum aufgehalten, was nicht zulässig war.

Gegen Hannover ging 1899 Hoffenheim in der ausverkauften Rhein-Neckar-Arena zu Beginn wieder schwungvoll zur Sache. Dass die aktuelle Angriffsformation bei strahlendem Sonnenschein weniger durchschlagend wirkte als Angriffsformationen in der Hinrunde, war angesichts des Fehlens von Ibisevic, Obasi, Ba und Salihovic kein Wunder. Die vier hatten 40 der bisher 50 Tore erzielt. Immerhin meldete Hildebrand sich wieder zurück im Kasten. Bereits nach einer Viertelstunde kam es zu einer neuerlichen Schreckensnachricht: Ibertsberger musste verletzt ausscheiden, Diagnose Innenbandriss, 4-6 Wochen Pause. Für ihn kam Terrazino, während Luiz Gustavo in die Viererabwehrkette zurückging und dort Ibertsberger vertrat. Trotz dieser erneuten Umstellung spielte Hoffe zunächst weiter mit Druck nach vorn und bekam in der 19. Minute einen Elfmeter zuge-

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sprochen, nachdem Beck an der Torauslinie gefoult worden war. Diesmal war endlich auch einmal Glück dabei, denn wie es aussah, war das Foul bereits jenseits der Torauslinie erfolgt. Teber führte aus und hatte gleich nochmal Glück, dass die Kugel über Enkes Hand ins Tor sprang. Nur zwei Minuten danach trug Hannover den ersten ordentlichen Angriff vor und bekam einen Freistoß 25 Meter vor dem Tor. Bruggink führte aus und fand Balitsch, der völlig ungedeckt war. Ohne Mühe versenkte er den Ball unten rechts. Wieder schien die Abwehr etwas geschlafen zu haben, wieder war ein Vorsprung ohne Not aufgegeben! Danach spielten beide Mannschaften zerfahren und konzeptlos. Erst in der 30. Minute kam es wieder zu einem schönen Hoffenheimer Angriff, als Weis sich an der rechten Grundlinie durchset-


1899 Hoffenheim Hildebrand, Beck , Jaissle (56. Fabricio ), Compper, Ibertsberger (16. Terrazzino), Weis (78. Wellington), Vorsah, Luiz Gustavo, Teber, Sanogo, Carlos Eduardo

Hannover 96 Enke, Pinto, Eggimann, Andreasen, Rausch , B. Schulz (90. Lala), Balitsch , Stajner (90. Krzynowek), Bruggink, Rosenthal, Forssell (82. Hanke)

Zuschauer 30.150 (ausverkauft)

Tore 1:0 Teber (20. Foulelfmeter) 1:1 Balitsch (22.) 1:2 Eggimann (74.) 2:2 Wellington (84.)

Schiedsrichter Stark

zen konnte, auf Teber abspielte, der auf Beck ablegte. Dessen Schuss aus 16 Metern wurde von Enke pariert. Aus den Kabinen zurück spielten beide Mannschaften besser auf, mit mehr Zug zum Tor. In der 49. Minute lief Carlos Eduardo nach grandiosem Pass von Vorsah allein auf Enke zu, der aber klären konnte. Kurz zuvor hatte Andreasen einen aussichtsreichen Kopfball neben Hildebrands Kasten gesetzt. In der 54. Minute dann die nächste, noch größere Schreckensnachricht: bei einem Zweikampf hatte sich Jaissle so schwer verletzt, dass auch er ausgewechselt werden musste. Wie bei Ibisevic wurde später ein Kreuzbandriss diagnostiziert. Jaissle, der zusammen mit Compper eine der besten Innenverteidigungen der Bundesliga gebildet hatte, würde mehr als sechs lange Monate ausfallen.

Trainer Ralf Rangnick, der inzwischen wenig Auswahl mehr auf der Bank hatte, schickte Fabricio zu seinem ersten Bundesligaeinsatz aufs Feld. Der junge brasilianische Linksverteidiger war erst in der Winterpause nach Hoffenheim gekommen und galt als ganz großes Talent, das weiter ausgebildet werden musste. Er machte seine Sache in diesem Spiel nicht schlecht. Ansonsten aber war es, als würde der Schreck über das Hoffenheimer Verletzungsdrama sich über beide Mannschaften legen. So schwungvoll die zweite Halbzeit begonnen hatte – jetzt versandete sie in verkrampften Bemühungen, irgendwie zum Abschluss zu kommen und das Spiel womöglich noch zu gewinnen. 1899 hielt dabei die aussichtsreicheren Anteile, zum Beispiel kam Compper nach einer Ecke von Teber frei zum Kopfball und setzte die Kugel knapp über die Latte. Das geschah in der 72. Minute. In der

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25. SPIELTAG | Hannover 96

Zunächst lief es noch gut für 1899 Hoffenheim: Teber verwandelte einen Strafstoß zum 1:0. Am Ende aber stand es 2:2 – und Jaissle war mit Kreuzbandriss und Ibertsberger mit Innenbandanriss ausgeschieden.

94 SAISONCHRONIK 2008/09


74. gab es wieder einen Freistoß für 96, den wieder Bruggink trat. Diesmal fand er im Getümmel Eggimann, dessen Kopfball im langen Eck landete: der Führungstreffer für die Niedersachsen. Als Reaktion brachte Ralf Rangnick nun Wellington. Aber es ging wenig zusammen bei 1899 Hoffenheim, das immer noch spielerisch um Akzente bemüht war, während Hannover 96 wühlte und ackerte, um mit drei Punkten heimfahren zu können. Das wäre angesichts der Spielanteile aber ungerecht gewesen – was im Fußball oft wenig besagt. Hier jedoch griff der Fußballgott einmal ausgleichend ein und ließ in der 84. Minute Teber sich nach schönem Zuspiel

von Carlos Eduardo auf rechts frei durchspielen. Tebers flache Hereingabe gelangte auf den Fuß von Wellington, der erst noch einen Gegenspieler elegant aussteigen ließ und dann unbedrängt links unten einschob: wenigstens Unentschieden! Eine Minute später versuchte sich Teber im Glück zu sehr: weil Enke zu weit vor dem Tor stand, setzte er zu einem Distanzschuss von der Mittellinie an. Aber der Torhüter bekam gerade noch die Finger an den Ball, der darum auf der Latte aufsetzte. Es folgten einige spannende Minuten, in denen beide Mannschaften durchaus noch den Siegtreffer hätten schießen können – letztlich blieb es aber beim gerechten 2:2. ■

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26. SPIELTAG | Hamburger SV

04. APRIL 2009

Hamburger SV – 1899 Hoffenheim 1:o Sensationshungrige Journalisten, wie immer auf der Suche nach griffigen Formulierungen, sprachen schon vom Fluch der Rhein-Neckar-Arena. Die so erfolgreiche Mannschaft der Hinrunde hatte nach dem Umzug ins eigene Stadion fünfmal hintereinander Unentschieden gespielt und nur ein einziges Mal gewonnen. Dabei genügte ein Blick nach Düsseldorf, wohin Bayer Leverkusen wegen dringender Umbauarbeiten am heimischen Stadion für die Heimspiele der Rückrunde umgezogen war, dass ein Stadionwechsel mitten in der Saison für keine Mannschaft leicht zu verdauen war. Leverkusen, in der Hinrunde außerordentlich erfolgreich, spielte sogar eine noch schlechtere Rückrunde als 1899 Hoffenheim.

Am neuen Stadion lag es also nicht. Vielmehr hatte das letzte Spiel gegen Hannover gezeigt, was viel eher die Ursache war: Verletzungen über Verletzungen hatten den schmalen Kader derart abgeschmolzen, dass ständig Umstellungen vorgenommen werden mussten. Da traf es sich gut, dass Andreas Beck von einem erneuten Länderspieleinsatz heil zurückgekehrt war, Demba Ba seine Rippenprellung soweit ausgeheilt hatte, dass er wieder auflaufen konnte, Obasi wieder fit war und dass Sejad Salihovic nach rekordverdächtiger Rekonvaleszenz ebenfalls wieder zur Verfügung stand. Unterdessen war Matthias Jaissle erfolgreich am Knie operiert worden, während sich Andreas Ibertsberger gegen eine OP entschied und auf ein Comeback noch in dieser Saison hoffen konnte. Leider fehlte Luiz Gustavo wegen einer Sperre, die der DFB nachträglich per Fernsehbeweis ausgesprochen hatte. In der Szene, um die es ging, hatte Bruggink im Spiel gegen Hannover Gustavo vor einem Freistoß absichtlich kräftig auf den Fuß getreten und Gustavo den Spieler

96 SAISONCHRONIK 2008/09

mit einer Armbewegung abgewehrt. Gewertet wurde dies in merkwürdiger Verkennung der Sachlage als Ellenbogencheck und sportjuristisch als „minderschwere Tätlichkeit“ sanktioniert, während man, noch merkwürdiger, gegen Bruggink keinerlei Sanktion verhängte. „Wir spielen in Hamburg auf Sieg“, versprach indes Ralf Rangnick. Sein Hamburger Gegenüber Martin Jol dachte öffentlich über die Demütigung seiner Mannschaft im Hinrundenspiel nach: „Das haben wir nicht vergessen. Die Spieler brennen“, sagte er mit steinerner Miene. Ivica Olic wiederum, Stürmer des HSV, der beim ‚Freundschaftsspiel‘ in der Hinrunde vor allem durch rüde Fouls und eine Prügelszene mit Carlos Eduardo aufgefallen war, kündigte doppeldeutig an: „Dieses Mal treffe ich richtig, aber ins Tor.“ In den ersten zehn Minuten versuchte Hamburg mit Schwung, die Zielvorgaben umzusetzen. Hoffenheim brauchte etwas Zeit, um sich zu sammeln, aber dann ging es auch aufseiten der Kraichgauer schwungvoll nach vorn. Die Zuschau-


Hamburger SV F. Rost , Benjamin (46. J. Boateng), Mathijsen, Gravgaard, Aogo, Tavares, Pitroipa (86. Rincon), Jarolim , Jansen, Guerrero (13. Trochowski), Olic

1899 Hoffenheim Hildebrand, Beck, Nilsson, Compper, Janker (84., Fabricio), Teber (77. Terrazzino), Carlos Eduardo, Salihovic , Ba, Sanogo (68. Wellington), Obasi

Zuschauer 57.000 (ausverkauft)

Tore 1:0 Pitroipa (28.)

Schiedsrichter Meyer

er sahen eine ausgeglichene Partie, getrübt nur durch die frühe Auswechslung von Guerrero, der mit Hildebrand zusammengeprallt war. Hoffes Schlussmann hatte sich dabei eine tiefe Fleischwunde am Knie zugezogen. Er überspielte die Schmerzen und blieb bis zum Ende im Tor. In der 16. Minute setzte sich Obasi auf der rechten Seite unwiderstehlich durch und flankte in die Mitte. Sanogo setzte zum Kopfball an, verfehlte den Ball jedoch um Haaresbreite. Eine Minute darauf verzeichnete der HSV einen folgenlosen Pfostentreffer. Wieder nur zwei Minuten später vertändelte Ba allein vor Rost den Ball. Danach kehrte etwas Ruhe im Spiel ein. Beide Mannschaften schalteten einen Gang zurück und suchten ihr Glück in hohen Bällen nach vorn, ohne dass Zählbares dabei heraussprang. Das änderte sich kurzfristig in der 28. Minute, als Pitroipa, von

Trochowski freigespielt, den Ball eigentlich schon verloren hatte und ihn von Hildebrand, der nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war, zurück vor die Füße gelegt bekam. Ohne Mühe schob Pitroipa zum 1:0 ein. Danach herrschte wieder überwiegend Flaute in Hamburg, bis der Pausenpfiff ertönte. Nachdem Ralf Rangnick gegen Ende der ersten Halbzeit bereits wild gestikulierend am Spielfeldrand aufgefallen war, hatte er in der Kabine wohl eine Gardinenpredigt gehalten: zurück auf dem Platz präsentierte sich seine Mannschaft weit weniger abwartend als zuvor. Doch der HSV hatte offenbar die gleiche offensive Marschrichtung verordnet bekommen. Die Folge davon war, dass beide Mannschaften sich im Mittelfeld zerfleischten. Es war kein schönes Spiel, das da abgeliefert wurde, Torchancen blieben Mangelware, Fouls und auch Schwalben gab es zuhauf. Einmal vergab Ba vor Rost, ein anders Mal klärte Beck auf der Linie. Dann wurde Sanogo, der weitgehend wirkungslos geblieben war, gegen Wellington ausgewechselt, ohne das sich dadurch viel änderte, während Salihovic und Jarolim eine Art Privatfehde auszutragen begannen, was in eine gelbe Karte für den Hoffenheimer und in eine Ampelkarte für den Hamburger mündete. Erst in den letzten zehn Minuten warf Hoffe noch einmal alles nach vorn. Nilsson köpfte nach einer Ecke aus fünf Metern, Rost zeigte eine Glanztat. Salihovic verzog einen Freistoß knapp am Tor vorbei. Und in der 90. Minute wurde Obasi im Strafraum, was außer Schiri Meyer und seinem Assistenten jeder gesehen hatte, am Fuß getroffen – und erhielt dafür Gelb! Doch Hoffe gab auch danach nicht auf. In der Nachspielzeit kam Ba nach Flanke Terrazino frei zum Kopfball und setzte ihn knapp über die Latte. Damit war die letzte Chance vertan, auch diese Partie noch in ein Remis umzudrehen. „In der ersten Halbzeit waren wir vielleicht etwas beeindruckt von der Kulisse“, sagte Ralf Rangnick nach dem Spiel. „Wir spielten da mit angezogener Handbremse. Die zweite Halbzeit war besser und wir hätten am Ende Unentschieden spielen müssen. Die Tabelle ist nicht entscheidend. Wir müssen wieder dahin kommen, dass wir gewinnen, und das wollen wir gegen Bochum wieder schaffen.“ ■

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27. SPIELTAG | VfL Bochum Fußball-Ballett à la Compper. Diesmal konnte der Hoffenheimer noch klären, am Ende kassierte die Mannschaft eine bittere Niederlage.

11. APRIL 2009

1899 Hoffenheim – VfL Bochum 0:3 Die Worte von Ralf Rangnick nach dem Spiel in Hamburg, als er einen Sieg gegen Bochum ins Auge gefasst hatte, vermehrte er kurz vor der Partie um die Ankündigung: „Wir wollen unter die ersten fünf, mindestens.“ Ein Saisonendspurt sollte also her, wozu man unter der Woche für drei Tage ins Trainingslager nach Baiersbronn gefahren war. Dabei hatte es Turbulenzen um Kapitän Selim Teber gegeben, der, unzufrieden mit der Zahl seiner Einsätze, erklärt hatte, Hoffenheim zum Saisonende verlassen zu wollen. Teber fehlte dieses Mal im Aufgebot. Außerdem fehlte wieder Hildebrand – seine Knieverletzung in Hamburg war gravierender als gedacht. Möglicherweise hätte er dort besser nicht durchspielen sollen. 98 SAISONCHRONIK 2008/09


Es wurde ein denkwürdiges Spiel. Hoffenheim begann gewohnt druckvoll, während Bochum auf Konter lauerte. Immer wieder kam es zu aussichtsreichen Chancen der Kraichgauer, die aber etwas leichtfertig vergeben wurden. Obasi, Ba, vor allem Salihovic, aber auch Carlos Eduardo wirkten unkonzentriert, versuchten allerlei Schönspielerei und Tricks, während Wellington wirkungslos blieb – nicht zuletzt deshalb, weil er sich mit Vorliebe hinter der Bochumer Abwehr im Abseits aufhielt. Je länger die erste Halbzeit andauerte, je weniger Pässe kamen an, und umso gedankenloser wurden die Abschlussversuche, die entweder leichte Beute für den Bochumer Schlussmann waren oder aber das Tor weit verfehlten.

Gelegentlich kam Bochum darum zu den erhofften Kontern, die manchmal nur mit ein wenig Glück neutralisiert werden konnten. Die Hoffenheimer zunehmende Planlosigkeit eröffnete dem Gast aber zunehmend strukturelle Möglichkeiten – trotz des deutlichen Chancenverhältnisses von 7:1 für Hoffe. Am Ende kam es so, wie es kommen musste und absehbar war: nach einer Ecke faustete Haas den Ball nicht sauber aus der Gefahrenzone, so dass ein Bochumer zum Schuss kam. Sestak stand im Weg, fälschte ab – es stand 0:1. Kurz darauf hatte Salihovic nach einem Dribbling Pech, dass sein Schussversuch das Tor nur wenige Zentimeter verfehlte.

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27. SPIELTAG | VfL Bochum Wieder war es Sestak, der zu Beginn der zweiten Halbzeit die Hoffenheimer Fans in Angst und Schrecken versetzte – nicht jedoch die Hoffenheimer Spieler, die Sestaks Drehschuss aus acht Metern, der nur knapp den rechten Pfosten verfehlte, unbeeindruckt hinnahmen. Unkonzentriertheiten, schlampige Pässe, fahrlässiger Umgang mit Torchancen: trotz des Rückstands spielte Hoffe weiter wie in der ersten Halbzeit. Je länger das so ging, je mehr Unzufriedenheit wurde sichtbar. Anders als sonst, wenn jeder für jeden rannte, kämpfte und so leicht keinen Ball verloren gab, übertrafen sich manche Hoffenheimer Spieler diesmal mit gleichgültigen Mienen, Schulterzucken und lethargischem Zurücklaufen, wenn wieder mal ein Angriff ins Leere gelaufen war. Es war der Tiefpunkt der Saison! Die Erfolglosigkeit der Rückrunde forderte anscheinend ihren Tribut, das Mannschaftsgefüge fiel auseinander. Und so kam es in der 55. Minute zum entscheidenden Nackenschlag, als nach einem Bochumer Einwurf Compper den Ball genau vor die Füße des Entscheiders dieser Partie legte: Sestak umkurvte noch Salihovic, dann schoss er aus 14 Metern humorlos zum 0:2 ins rechte untere Eck. Eine Minute darauf verzog Ba allein vor dem Tor, wieder einmal. Hoffe wurde jetzt nervös. Es lag etwas in der Luft, mit Händen zu greifen, das auf jeden Spieler übersprang: der Ungeist einer selbst herbeigeführten Niederlage. Carlos Eduardo war der erste, bei dem der Virus zum Ausbruch kam, in der 59. Minute wehrte er sich bei einem der vielen harten Zweikämpfe, die er zu bestehen hatte, mit einem Schlag beider Arme nach hinten und traf seinen Gegenspieler voll ins Gesicht. Schiedsrichter Rafati blieb nichts anderes übrig, als die rote Karte zu ziehen. Der nächste Viruspatient hieß Daniel Haas. Als nur zwei Minuten nach Eduardos Platzverweis wieder Sestak steil aufs Hoffenheimer Tor ging, stürzte Haas aus dem Kasten und holte den zweifachen Torschützen außerhalb des Strafraums grob von den Beinen. Auch hier kam nur eine einzige Reaktion des Schiedsrichters infrage: rote Karte. Nilsson wurde daraufhin aus der Partie genommen, um für Hoffes dritten Torhüter, Ramazan Özcan, Platz zu machen.

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Mit acht Feldspielern versuchte 1899 trotzdem noch das Unmögliche möglich zu machen. Fast war es, als seien die Spieler durch die vielen Schocks nun erst richtig aufgewacht. Doch gegen eine Kontermannschaft wie Bochum, die zwei Mann mehr auf dem Feld hatte, führte der beinahe verzweifelt anmutende Hoffenheimer Offensivdrang zu erheblichen Defensivlücken. In der 69. Minute gelang den Bochumern ohne Mühe darum der entscheidende Konter, der in diesem Spiel natürlich nur von einem einzigen Spieler abgeschlossen werden konnte: Sestak. Sein Treffer zum 0:3 war zugleich der Endstand. „Keiner rennt mehr für den andern“, beschwerte sich Salihovic nach dem Abpfiff. Teber assistierte: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass jeder nur für sich spielt und selber gut aussehen will. Es kann schon sein, dass ein paar denken, dass sie Superstars sind.“ ■

1899 Hoffenheim Haas , Beck, Nilsson (62. Özcan), Compper, Janker , Carlos Eduardo , Vorsah (46. Weis), Salihovic, Obasi, Wellington (60. Terrazzino), Ba

VfL Bochum Fernandes, Concha, Yahia, Mavraj, Bönig (77. Grote), Imhof , Dabrowski, Maltritz, Ono (64. Pfertzel), Epalle (10. Freier), Sestak

Zuschauer 30.150 (ausverkauft)

Tore 0:1 Sestak (42.) 0:2 Sestak (55.) 0:3 Sestak (70.)

Schiedsrichter Rafati

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28. SPIELTAG | Karlsruher SC

18. APRIL 2009

Karlsruher SC – 1899 Hoffenheim 2:2 Das Fiasko des Heimspiels gegen Bochum wirkte nach. „Wir müssen uns jetzt wieder kleinere Erfolgserlebnisse erarbeiten – nicht mehr die komplizierten Sachen machen, nichts mehr für die Galerie“, sagte Manager Schindelmeiser vor dem Baden-Gipfel. Und Dietmar Hopp schaltete sich öffentlich zum Thema Carlos Eduardo ein: „Meine Enttäuschung über ihn ist groß, weil ich wenig Verständnis dafür habe, wenn jemand innerhalb eines Jahres dreimal vom Platz fliegt. Damit schadet er dem Verein, der Mannschaft und sich selbst.“

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Karlsruher SC Miller, Celozzi, Drpic, Langkamp, Eichner , Mutzel (77. Franz), Aduobe (63. Iaschwili), Federico, Stindl, Kennedy, Freis

1899 Hoffenheim Özcan, Beck, Nilsson, Compper, Janker, Luiz Gustavo , Teber , Weis (73. Sanogo), Salihovic , Obasi, Ba (79. Wellington)

Zuschauer 29.054

Tore 0:1 Salihovic (28.) 1:1 Freis (33.) 1:2 Teber (48.) 2:2 Federico (65.)

Schiedsrichter Kinhöfer

Mitte der Woche war bekannt geworden, dass der DFB aufgrund wiederholter Unsportlichkeit eine drakonische Strafe gegen den Hoffenheimer Mittelfeldstar verhängt hatte. Mit fünf Spielen Sperre hatte man ganz tief in die Kiste mit der Aufschrift „Exempel statuieren“ gegriffen. Daniel Haas war mit einer ‚gewöhnlichen‘ Sperre für drei Spiele belegt worden. Natürlich war die Stimmung gedrückt. Zum ersten Mal rangierte ein Herbstmeister nach dem 27. Spieltag nicht mehr unter den ersten fünf der Tabelle. Und gemessen am isolierten RückrundenTabellenstand traf an diesem Wochenende mit Hoffenheim der 17. auf den 18, nämlich Karlsruhe. Dazu passte es, dass ein paar Tage vor der Partie ein sichtbar verwirrter alter Mann das Trainingsgelände belagerte und darauf bestand, ein Probetraining absolvieren zu wollen. Gegenüber Radio Regenbogen äußerte er sich so: „Ich bin ProfiArtist und immer für ein Comeback gut.“ Ramazan Özcan erklärte er dagegen, er sei der Osterhase. Da auch die Polizei meinte, der Mann sei nicht

bedrohlich, ließ man ihn gewähren. Während seine „Profi-Kameraden“, wie er die Hoffenheimer Spieler nannte, trainierten, machte er akrobatische Übungen hinter dem Zaun. Weniger passend waren Einlassungen ehemaliger Fußballgrößen, etwa des legendären Klaus Schlappner, einst Trainer bei Waldhof Mannheim. Er sprach von Hoffenheimer „Visionen, die nicht neu“ seien, von einer „Retortengeschichte“ und „Alleskönnern, die sich hinter Dietmar Hopp produzieren“ und eine „große Gefahr“ wären. Sein Rundumschlag gegen das Trainerteam, das er für viel zu groß hielt, schloss gezielte Angriffe gegen Bernhard Peters und Hans-Dieter Hermann ein. „Mich würde es nicht wundern, wenn demnächst noch ein Eskimo auftaucht“, sagte Schlappner und verkannte, dass es bestimmt auch Inuits gibt, die gut Fußball spielen können. Und dass sie wie jedermann sonst überall in der Fußballwelt willkommen zu heißen sind. Aus dem Kreis der Spieler hörte man vor dem Spiel nur noch Stimmen, die explizit an bessere Tage anknüpften. Das Negativerlebnis des letzten

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28. SPIELTAG | Karlsruher SC

Zweimal gab Hoffe die Führung gegen Karlsruhe aus der Hand – es war die zehnte Partie in Folge ohne Sieg.

104 SAISONCHRONIK 2008/09


Spiels hatte den Mannschaftsgeist also eher gestärkt, und auch Kapitän Teber rückte wieder in den Kader auf. Neben Hildebrand und den Dauerverletzten fehlte beim badischen Erstliga-Derby allerdings nun noch Vorsah mit Rückenproblemen. Ein seifiger Rasen infolge von Dauerregen erwartete die badischen Kontrahenten, die anfangs beide etwas verkrampft an die Arbeit gingen. Mittelfeldduelle prägten die Partie, gespickt mit Fouls und Unterbrechungen. Erst in der 24. Minute erarbeitete Obasi eine nennenswerte Chance. Aber Teber, von Obasi freigespielt, scheiterte aus zehn Metern an Torhüter Miller. Damit war allerdings eine Art Startschuss gefallen, Karlsruhe kam kurz darauf gefährlich vors Tor von Özcan. Und schon in der 28. Minute wurde es wieder auf der Gegenseite gefährlich: Salihovic leitete einen Doppelpass ein, bekam den Ball zurück, legte sich auf links vor und schoss aus 20 Metern unhaltbar ein. Aber der nicht unverdiente Vorsprung hielt wieder nur kurz. Nach fünf Minuten startete Freis einen Karlsruher Konter, den er, allein vor Özcan, souverän abschloss. Danach hatte Karlsruhe bis zum Pausenpfiff sogar leichte Feldvorteile. Die zweite Halbzeit begann in identischer Formation, keine der Mannschaften hatte Auswechslungen vorgenommen. Besonders Karlsruhe wollte da weitermachen, wo man aufgehört hatte, und kam in der 47. Minute zu einem Eckball, der aber schlecht ausgeführt wurde. Beim Neuaufbau unterlief ein Abspielfehler, Hoffenheim stieß in die entstandene Lücke. Eine butterweiche Flanke von Salihovic war über links die Folge. Teber, der goldrichtig stand, nahm den Ball mit einem wunder-

schönen Flugkopfball an und beförderte ihn über die Linie. In der 52. Minute köpfte Demba Ba knapp am Tor vorbei. Vom erneuten, schnellen Rückstand war Karlsruhe derart verunsichert, dass nahezu nichts mehr gelang. Außerdem pfiffen die eigenen Zuschauer das Team gnadenlos aus. 1899 Hoffenheim kontrollierte das Spiel, und es schien nur noch eine Frage der Zeit, wann der dritte Treffer für Hoffe das Spiel entscheiden würde. Doch dann fiel in der 65. Minute, mitten in die Pfiffe der Karlsruher Fans hinein, der Ausgleichstreffer, die Hoffe-Abwehr hatte einen eher harmlosen Ball nicht weggebracht, so dass Federico sich aus 18 Metern an einem Gewaltschuss versuchen konnte. Der Ball wurde lang und länger und zappelte im linken Eck. Rangnick brachte zur Verstärkung der Offensive umgehend Sanogo: nichts anderes als ein Sieg passte ins Konzept. Aber es war alles andere als klar, wie die Partie ausgehen würde. Das Spiel wurde jetzt offen ausgetragen und bot mit ständigen Angriffen und viel Kampf auf beiden Seiten den Zuschauern viel Abwechslung und dramatische Unterhaltung. Als auch Wellington eingewechselt wurde, wuchs der Druck von 1899 noch einmal an, bis Sanogo in der 83. Minute zu seiner ersten Riesen-Chance kam, die er knapp vergab. KonterChancen der Hausherren, wiederholt gefüttert durch einige Verwirrung im Hoffenheimer Strafraum, komplettierten das Bild. Gelbe Karten im Minutentakt für Teber, Franz und Luiz Gustavo bewiesen die teilweise übertriebene Kampfmoral und Nervosität. In der 89. Minute langte Luiz Gustavo zum zweiten Mal zu und kassierte die gelb-rote Karte. Karlsruhe drängte in Überzahl daraufhin noch einmal mit aller Macht nach vorn. In der Nachspielzeit landete ein Fernschuss von Federico am Pfosten und sprang von da genau in die Arme von Özcan. Mit dem Schlusspfiff endete die inzwischen zehnte Partie ohne Sieg: ein Absturz nahezu, was der Tabellenstand mit Platz acht deutlich belegte. Aber die Mannschaft hatte kämpferisch überzeugt. Nach dem Spiel gegen Bochum musste es zu einer Reaktion der Mannschaft kommen. Mit einem erkämpften Unentschieden, das den Mannschaftsgeist wiederbelebte, konnte man deshalb zufrieden sein. ■

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29. SPIELTAG | Hertha BSC

24. APRIL 2009

1899 Hoffenheim – Hertha BSC 0:1 In der Woche vor dem Spiel gegen die Hertha hakte Ralf Rangnick das lange aufrechterhaltene Ziel, an europäischen Wettbewerben teilzunehmen, für die laufende Saison ab. „Es macht keinen Sinn, sich noch mit solchen Zielen zu beschäftigen, das wäre unrealistisch“, sagte er und fügte als Plansoll für die Zukunft hinzu: „Wir müssen uns in der Breite besser aufstellen. Wir sind ein sehr hohes Risiko mit einem sehr schmalen Kader eingegangen. Und wir müssen mit Abgängen rechnen. Daher müssen wir neue Leute holen.“ Nach Pressemeldungen sollte es sich bei einem der geforderten Neuzugänge um Aachens Jungstar Lewis Holtby handeln.

Die Rhein-Neckar-Arena war auch an diesem Freitagabend wieder ausverkauft. Bei bestem Fußballwetter meldeten sich Hildebrand und Vorsah, der für den gesperrten Luiz Gustavo spielte, zurück in die Mannschaft, die vom ersten Moment an zeigte, wie ernst es ihr mit der Rückkehr zu den Tugenden der Hinrunde war. Hertha BSC beschränkte sich auf seine Defensivqualitäten um die grandiose Innenverteidigung aus Friedrich und Simunic, während 1899 druckvoll nach vorn spielte und einen Eckball nach dem andern herausholte. In der 6. Minute wurde zum x-ten Mal ein klarer Elfmeter verweigert, als ein Herthaner mit der Hand zum Ball ging. Aber Hoffe hätte es aus eigener Kraft schaffen können und müssen, ein Tor zu erzielen: Ansätze zu Chancen gab es genug. Oft fehlte es aber am letzten, tödlichen Pass, und

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die Fernschüsse, an denen sich Beck, Vorsah, Teber und Salihovic versuchten, kamen nicht genau genug. Selten war zu sehen, dass die Hertha über Pantelic umgekehrt gute Chancen herausarbeitete. Meist war sie erfolgreich darum bemüht, die hinteren Reihen geschlossen zu halten. Und wenn doch einmal ein Ball durchkam, gab es ja noch Drobny, den Berliner Torhüter. Fast aus dem Nichts fiel darum das einzige Tor des Spiels, beim ersten anständigen Angriff der Hertha. In der 40. Minute war es, als Raffael, der Vorsah auf sich zog, zu Pantelic passte, der sich in Jankers Rücken freigelaufen hatte. Pantelic wiederum sah, dass Ebert im Strafraum frei anspielbar war, und leitete den Ball weiter. Ebert hatte alle Zeit der Welt, sich den Ball zurechtzulegen und abzuziehen. Sein Schuss landete, vielleicht nicht völlig unhaltbar, im kurzen Eck.


Bis zur Pause hatte der Minimalismus, den die Berliner in dieser Saison favorisierten, wieder einmal Früchte getragen. Das gegenläufige Hoffenheimer Prinzip, ständig anzugreifen und so viele Torchancen herauszuarbeiten, bis zwangsläufig Tore fallen, war unter die minimalistischen Räder geraten. Trainer Rangnick wechselte zur Verstärkung der eigenen fußballerischen Ideen darum mit dem Wiederanpfiff Wellington für Weis ein, ohne dass sich am Prinzipienstreit Hoffenheim/Berlin viel änderte: Hoffe griff an, Hertha mauerte. Das ging so über zwanzig Minuten hinweg, infolge der Berliner Störfeuer nicht in höchstem Spieltempo.

1899 Hoffenheim Hildebrand, Beck, Nilsson, Compper (84. Terrazzino), Janker, Vorsah, Weis (46. Wellington), Teber (76. Sanogo), Salihovic, Obasi, Ba

Hertha BSC Berlin Drobny , Stein, von Bergen, Simunic, Cufre (16. Nicu), Ebert, Piszczek (78. Rodnei), Kacar, Cicero, Raffael, Pantelic (87. Chermiti)

Zuschauer 30.150 (ausverkauft)

Dann erlahmte der Hoffenheimer Angriffsgeist etwas, wohl auch aus Ratlosigkeit. Denn inzwischen hatte man so ziemlich alles probiert, was denkbar war, ohne den Ball wirklich zwingend vors Tor zu bringen. Ba scheiterte mit Kopf und Fuß, Obasi teils artistisch ebenso. Der in der 76. Minute für Teber eingewechselte Sanogo erzielte schon wieder einen Pfostentreffer.

Tore 0:1 Ebert (40.)

Schiedsrichter Stark

Herthas Trainer Favre brachte angesichts der nicht nachlassenden Hoffenheimer Angriffe einen

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29. SPIELTAG | Hertha BSC Trotz 15 Ecken für Hoffenheim und vielfältiger Überlegenheit samt zurückgekehrter Spielfreude verlor 1899 zum zweiten Mal gegen die Hertha mit 0:1.

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weiteren Verteidiger. Es war deutlich, dass nur ein weiterer Glückstreffer seiner Mannschaft das Spiel vorzeitig würde entscheiden können. Die Hertha spielte sich zuletzt souverän durch die Partie hindurch und erreichte angesichts von insgesamt 15 Hoffenheimer Ecken einen durchaus glücklichen Sieg. Aufseiten von Hoffe war dennoch keine Niedergeschlagenheit zu verzeichnen. Die Rückrunde, soviel war allen Beteiligten mittlerweile klar, zählte nicht mehr nach Punkten, sondern nach Leistung. Und die war untadelig gewesen an diesem Abend.

„Wir haben gut gespielt und teilweise schon wieder so gutes Pressing gezeigt wie in der Vorrunde“, sagte völlig zurecht Per Nilsson. „Wir hatten heute über weite Strecken Spaß. Aber richtig Spaß macht es, wenn man auch gewinnt“, analysierte Selim Teber das Ergebnis. Und ergänzte seine Worte mit der Erkenntnis: „Wir brauchen wieder das Gefühl, auch gewinnen zu können.“ Bis tatsächlich ein Sieg die Hoffenheimer Geister erfrischte, sollte es allerdings noch ein bisschen dauern. ■

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30. SPIELTAG | VfL Wolfsburg

02. MAI 2009

VfL Wolfsburg – 1899 Hoffenheim 4:o „Wir fahren als Außenseiter nach Wolfsburg, können dort aber die Meisterschaft mitentscheiden“, sagte Andreas Beck vor der Abreise in die VW-Metropole. – So hatten sich die Zeiten geändert. Wenige Monate zuvor wäre die Begegnung das absolute Spitzenspiel der Liga gewesen, nun war nur noch die Frage, ob 1899 den Favoriten und Tabellenführer allenfalls zum Straucheln bringen könnte, der mit einer Serie von zehn Siegen in Folge antrat. Allerdings gab es zum ersten Mal Unruhe in Wolfsburg: Gerüchte waren aufgekommen, dass Erfolgstrainer Magath den Verein zum Ende der Saison verlassen würde. Das Publikum begrüßte ihn deshalb trotz der großen Erfolge mit einem Pfeifkonzert.

Zurück in den Hoffenheimer Kader meldete sich Luiz Gustavo, dafür fehlten diesmal Teber und Nilsson. Vorsah rückte in die Innenverteidigung, die also erneut umgestellt werden musste, während Wolfsburg mit einer seit sechs Spielen komplett unveränderten Formation auflaufen konnte. In den ersten zehn Minuten des Spiels überraschte Hoffenheim die Gastgeber mit offensiver Spielweise. Dann erst fand Wolfsburg besser ins Spiel, was sich zunächst noch in gefährlichen Kontern ausdrückte. Denn bis zum gegnerischen Strafraum beherrschte 1899 weiter das Spielgeschehen, ohne aber gefährlich vors Tor zu kommen. Erst in der 21. Minute wurde das anders, als Sanogo über halblinks steil ging und zu Demba Ba passen wollte – statt selber zu schießen! Obwohl freistehend, fürchtete er den Fehlschuss mehr als den Pass zum Stürmerkollegen, der von zwei Verteidigern gedeckt war.

110 SAISONCHRONIK 2008/09

Kaum drei Minuten später setzte sich Obasi rechts durch und flankte in den Strafraum, wo Ba aufstieg und aus sechs Metern unbedrängt zum Kopfball kam. Doch so genau er auch gezielt hatte, ins lange Eck: Wolfsburgs Torhüter Benaglio streckte und dehnte sich im Sprung immer weiter und erwischte den Ball gerade noch mit den Fingerspitzen. Nach diesen beiden verpassten Riesenchancen ließ 1899 sich wie enttäuscht etwas zurückfallen, Wolfsburg nahm Fahrt auf und hatte zum ersten Mal mehr Ballbesitz. Zu dramatischen Torszenen reichte es noch nicht, die blieben weiter Hoffenheim vorbehalten. In der 39. Minute kam es zur vielleicht aussichtsreichsten Torchance: Demba Ba, durch einen Traumpass von Salihovic einsam und steil auf Torhüter Benaglio losgeschickt, zog aus zehn Metern unbedrängt ab – und schoss gefühlte zehn Meter am Tor vorbei.


VfL Wolfsburg Benaglio (90. Lenz), Pekarik (34. Dejagah), Simunek , Barzagli , Schäfer, Josue (83. Zaccardo), Riether, Gentner , Misimovic, Grafite, Dzeko

1899 Hoffenheim Hildebrand, Beck , Vorsah, Compper (79. Fabricio), Janker , Weis (73. Wellington ), Luiz Gustavo, Salihovic, Obasi (89. Groß), Sanogo, Ba

Zuschauer 30.000 (ausverkauft)

Tore 1:0 Dzeko (65.) 2:0 Dzeko (74.) 3:0 Dzeko (78.) 4:0 Grafite (89. Foulelfmeter)

Schiedsrichter Gagelmann

Eines war vorhersehbar: wer hier drei Großchancen vergab, würde irgendwann von Wolfsburg bestraft werden. Fast schien es noch vor der Pause dahin zu kommen, als erst Compper einen Ball beinahe ins eigene Tor grätschte und dann Hildebrand zweimal großartig hielt. In der 45. Minute kam ihm dabei sogar der Pfosten zuhilfe. Insgesamt hätte Hoffenheim die Führung trotzdem mehr als verdient gehabt. Aus den Kabinen kehrten beide Mannschaften unverändert zurück und drückten gleichermaßen aufs Tempo. Es entwickelte sich ein Schlagabtausch in fußballerischer Hochkultur: mit Chancen und schönen Paraden auf beiden Seiten. Erst die 66. Minute brachte die Wende, als Sanogo im Mittelfeld einen Pass der Wolfsburger so unglücklich abfälschte, dass er die Hoffenheimer Defensivabteilung überflog und auf dem Fuß von Dzeko landete. Der überlegte nicht lange, ob er das Geschenk annehmen sollte. Aus zwölf Metern

zog er in halblinker Position unhaltbar ab und erzielte die Wolfsburger Führung. Unglücksrabe Sanogo hätte nur eine Minute später seinen Fehler ausbügeln können, als er frei vor Benaglio zum Schuss kam: doch als veritabler Pechvogel vergab er natürlich auch diese Chance. Nun wechselte Ralf Rangnick Wellington ein, für Tobi Weis. Hoffenheim drückte noch mehr aufs Tempo und riskierte umso gefährlichere Wolfsburger Konter. In den folgenden fünf Minuten wurde die Gefahr zweimal schmerzhaft real. Erst startete Grafite rechts durch und flankte in die Mitte zu Dzeko, der keine Mühe hatte, sein zweites Tor zu erzielen. Vier Minuten später flankte wieder Grafite, diesmal von links, in einer Art langem, weichem Heber bis ans lange Eck, wo Dzeko per Direktabnahme und Volley zum inzwischen doch glücklichen 3:0 einschoss: damit gelang ihm ein blütenreiner Hattrick. Hoffenheim wurde von den unbeschwert aufspielenden Gastgebern nun noch mehr in die Defensive gedrückt. In der 88. Minute holte in höchster Not Andreas Beck den Wolfsburger Schäfer im Strafraum von den Beinen. Es gab zurecht Elfmeter, aber zu Unrecht die gelb-rote Karte: in der ersten Halbzeit hatte Schiedsrichter Gagelmann den gelben Karton gegen Beck wegen einer Lapalie gezogen. Zum Lohn für seine guten Vorbereitungen durfte Grafite antreten und verwandelte sicher zu einem auf dem Papier standesgemäßen, dem Spielverlauf nach aber viel zu hohen Sieg. Hoffes Formkurve zeigte trotzdem fraglos wieder nach oben. Noch fehlte jedoch das Quentchen Glück, das man zum Siegen brauchte – oder einen größeren, leistungsfähigeren Kader. Dieser Ansicht war jedenfalls Ralf Rangnick, der nach der Partie sagte: „Mit Mittelmaß kann ich mich nicht identifizieren. Ich bin nicht bereit, weitere Rückschritte in Kauf zu nehmen.“ In der Konsequenz mahnte er Verstärkungen „auf sechs, sieben Positionen“ an. Die Presse interpretierte Rangnicks Sätze indes als verklausulierte Rücktrittsdrohung und brachte ihn als heißen Kandidaten für die Nachfolge von Felix Magath ins Gespräch. Damit war ein Medienkarussel angeschoben, das in der folgenden Woche zunächst für erheblichen Rummel, zuletzt aber für wohlabgewogene Ruhe sorgte. ■

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31. SPIELTAG | 1. FC Köln

09. MAI 2009

1899 Hoffenheim – 1. FC Köln 2:0 In einer ersten Reaktion auf die Äußerungen von Ralf Rangnick sagte Dietmar: „Der Etat muss in erster Linie wirtschaftlich ausgewogen und sinnvoll sein. … Ich mache keine halsbrecherischen Aktionen. Bevor ich noch etwas sage, will ich erst mit Ralf Rangnick reden.“

Damit hatte Hoffenheims Mäzen den entscheidenden Punkt gesetzt. Statt weiter verbalen Schlagabtausch in der Öffentlichkeit zu betreiben, was von den Medien erwünscht, befördert und phasenweise auch provoziert wurde, fädelte er lieber die persönliche Begegnung ein und wurde darin sofort von Ralf Rangnick und Jan Schindel-

meiser unterstützt – der die Verantwortlichen „deckungsgleich in allen Grundüberzeugungen“ nannte. Im Gespräch zwei Tage später, an dem neben Dietmar Hopp und Ralf Rangnick auch Jan Schindelmeiser und Jochen A. Rotthaus teilnahmen, waren die Missverständnisse schnell ausgeräumt. „Ich freue mich, dass die atmosphärischen Störungen restlos beseitigt sind und wir in vollstem Vertrauen weiterarbeiten werden“, sagte Dietmar Hopp im Anschluss an die Sitzung. „Wir haben in allen Punkten Einigkeit erzielt“, sagte auch Ralf Rangnick. „Die Mannschaft muss so zusammengesetzt sein, dass wir Ausfälle verkraften. Deshalb brauchen wir mindestens sechs neue Spieler. … Wichtig war für mich, das Gefühl zu haben, dass eine Weiterentwicklung stattfindet. Dieses Gefühl habe ich seit dem Gespräch zu 100 Prozent.“ Jan Schindelmeiser fügte hinzu: „Unser Hauptaugenmerk liegt weiter auf jungen und talentierten Spielern. Wir haben zusätzlich aber auch Bedarf an erfahrenen Spielern.“

112 SAISONCHRONIK 2008/09


1899 Hoffenheim Hildebrand, Janker, Nilsson, Vorsah, Fabricio (46. Sanogo), Weis (89. Terrazzino), Luiz Gustavo, Salihovic , Ba (90. Groß), Obasi, Wellington

1. FC Köln Mondragon, Brecko, Geromel, Mohamad , Wome, Petit (81. McKenna), Matip (70. Yalcin), Pezzoni , Vucicevic, Ehret (70. Chihi), Novakovic

Zuschauer 30.150 (ausverkauft)

Tore 1:0 Salihovic (58.) 2:0 Ba (68.)

Schiedsrichter Michael Kempter

Vereinbart worden war, dass der gesetzte Rahmen von 10 Mio. Euro für Neuverpflichtungen in gebotenen Einzelfällen nach Rücksprache auch überstiegen werden könnte. Die erste große Unruhe im Hoffenheimer Bundesligaleben war damit innerhalb weniger Tage beseitigt, was der bevorstehenden Partie gegen den 1. FC Köln natürlich gut tat: auch wenn neben dem gesperrten Beck und dem verletzten Teber nun auch noch verletzungsbedingt Marvin Compper fehlte, so dass Fabricio in einem von der Presse als ‚letztes Aufgebot‘ titulierten Team zu einer weiteren, wenngleich kurzen Bewährungsprobe kam. Die erste Halbzeit war zunächst geprägt von vielen Mittelfeldduellen, die Verkrampfung beider Mannschaften war unübersehbar. Köln löste sich als erstes aus der Erstarrung und vergab durch Vucicevic und Geromel in der 10. Minute zwei erstklassige Chancen. Immer noch störten jedoch viele Fehlpässe, kleinere Fouls und Unkonzentriertheiten den Spielfluss. Torchancen gab es darum selten: oder sie wurden wie in der 28. Minute durch Obasi leichtfertig entschärft. Erst

113


31. SPIELTAG | 1. FC Köln in der 35. Minute sorgte Salihovic für echte Aufregung, als er sich im Strafraum gegen drei Kölner durchsetzte, aber aus spitzem Winkel an Torhüter Mondragon scheiterte. Alle weiteren Aktionen endeten im Nichts, die erste Halbzeit war keine fußballerische Offenbarung… Nach der Pause kam Sanogo für Fabricio, um die Offensivbemühungen zu verstärken. Luiz Gustavo rückte hinten nach links in die Viererkette, Salihovic und Weis bildeten eine Art DoppelSechs, während Ba und Obasi die Außenbahnen und Sanogo und Wellington das Zentrum besetzten. Tatsächlich entwickelte 1899 dadurch mehr Zug zum Tor und hätte schon in der 47. Minute beinahe die Führung erzielt, als ein Freistoß von Salihovic erst auf Obasis Hinterkopf landete, danach von Novakovic abgefälscht und von Mondragon gegen den Pfosten gelenkt wurde. In den darauffolgenden zehn Minuten wurde Hoffenheim immer gefährlicher, aber noch fehlte

114 SAISONCHRONIK 2008/09

es an Präzision beim letzten Zuspiel und auch am nötigen Glück: bis in der 58. Minute ein Freistoß von Salihovic elegant über die Kölner Mauer flog und unhaltbar im rechten Eck landete. 1899 spielte jetzt befreit auf, ermöglichte Köln jedoch etwas zu viele Kontergelegenheiten, die durch technisches Unvermögen ungenutzt blieben. Mit jeder weiteren Minute wuchs der Druck aufs Kölner Tor weiter an. In der 66. Minute verschoss Sanogo noch in spitzem Winkel aus 10 Metern, statt auf den völlig freistehenden Wellington abzuspielen. Aber schon zwei Minuten darauf war die Hoffenheimer Welt wieder im Lot: in ca. 25 Metern Entfernung zum Tor entschloss sich Demba Ba wie aus dem Nichts, es auch einmal per Fernschuss zu probieren. Was daraus folgte, war ein Zaubertor, der wie aus dem Nichts fulminant geschossene Ball schlug im oberen rechten Winkel unhaltbar ein, es stand 2:0. Damit hätte das Spiel im Prinzip entschieden sein sollen.


Köln, das vor dem Abstieg schon sicher war, hatte die Partie jedoch auf keinen Fall verlieren wollen. Außerdem glaubte man, allein aufgrund des Hinspiels in der Vorrunde mit dem so viel erfolgreicheren, eigentlich beneideten Mitaufsteiger noch ein Hühnchen zu rupfen zu haben. Das Team reagierte darum angesichts der anstehenden zweiten Niederlage gegen Hoffenheim zunehmend nervös – und mit unnötigen Fouls. Stellvertretend brachte Mohamad in der 78. Minute Demba Ba im Strafraum zu Fall und sah dafür völlig zurecht die rote Karte. Den fälligen Elfer legte sich Sanogo zurecht, von der Mannschaft dazu aufgefordert: was einmal mehr bewies, wie intakt die mannschaftlichen Strukturen nach der überlangen Negativserie noch waren. Leider versagten Sanogos Nerven auch diesmal, der Ball ging links am Kasten vorbei. Der nach 90 Minuten allseits umjubelte Sieg war für den Tabellenstand letztlich unerheblich: 1899 konnte nach oben nicht mehr viel bewegen.

Doch die enorme Erleichterung, dass man noch siegen konnte, war umso greifbarer, auf den Rängen wie auf dem Rasen, wo die Spieler ausgelassen herumtanzten, während Dietmar Hopp die halbe Tribüne abklatschte. Ungemein störend wirkten dagegen die neuerlichen verbalen Entgleisungen der Kölner Fans, die meinten, ihre Frustration in Schmähungen gegen den Hoffenheimer Mäzen ausdrücken zu müssen. „Für mich war das der schönste Sieg der Saison“, fand Per Nilsson indes die passenden Worte. „Man kann kaum erklären, wie erleichtert man ist, wenn man vorher zwölf Spiele nicht gewinnt.“ „Uns ist eine große Last von den Schultern gefallen“, sagte auch Torschütze Salihovic. „Es gab eine wichtige Halbzeitansage“, erklärte Ralf Rangnick den ganz anderen Auftritt seiner Mannschaft nach der Pause. „Es hat nicht alles geklappt, aber die Jungs hatten viel mehr Zutrauen in sich und haben dann auch wieder guten Fußball gespielt.“ ■

115


32. SPIELTAG | Arminia Bielefeld

13. MAI 2009

Arminia Bielefeld – 1899 Hoffenheim 0:2 Nur vier Tage später stand die nächste Begegnung an, es ging zur abstiegsgefährdeten Arminia aus Bielefeld. Andreas Beck fehlte nach Ablauf seiner gelb-roten Sperre diesmal wegen einer Verletzung, und auch Compper war noch nicht wieder genesen: mit beiden hatte der Trainer eigentlich fest gerechnet. Als sensationell war die Rückkehr von Andreas Ibertsberger in den Kader zu bewerten. Nach seiner schweren Verletzung hatte er unter der Woche schon wieder am Mannschaftstraining teilnehmen können und saß vorerst zwar nur auf der Bank – doch in der 73. Minute lief der anscheinend unverwüstliche Österreicher tatsächlich auf. Die Anfangsaufstellung war identisch mit der erfolgreichen zweiten Hälfte des Spiels gegen Köln.

Sofort nach dem Anpfiff ging die Arminia leidenschaftlich kämpfend ans Werk, um 1899 Hoffenheim nach Möglichkeit zu überrumpeln – was auch beinahe gelungen wäre. In der 4. und 10. Minute rettete jeweils nur der Pfosten, einmal in der 4. vor Kirchs Luftabnahme und einmal in der 10. vor Mijatovics Kopfball nach einem Freistoß. Ein Abseitstor für die Arminen in der 12. Minute wurde zurecht nicht gegeben. Nach einer Viertelstunde fand Hoffenheim selber allmählich ins Spiel, konnte sich bei den fortgesetzten Bielefelder Bemühungen aber auf Timo Hildebrand verlassen. Ein ums andere Mal griff er ein, wenn seiner Hintermannschaft zwischenzeitlich wieder Gefahr drohte, und hielt die Partie damit offen. Im Angriff verfestigten sich die Hoffenheimer Spielzüge mehr und mehr, ohne

116 SAISONCHRONIK 2008/09

dass allerdings Torgefahr davon ausging. Umso überraschender gestaltete sich in der 25. Minute ein Offensivszenario, das nicht gerade überragend geplant war. Und zwar sollte ein langer, auf Verdacht gespielter Ball Wellington erreichen, der von drei Gegenspielern zugedeckt war. Mijatovic jedoch, der zum Pechvogel der Partie avancierte, schätzte die Situation falsch ein und versuchte, mit der Brust zu seinem Torhüter zurückzupassen. Was ihm stattdessen gelang, war eine erstklassige Vorlage für Wellington, der sich die Chance nicht entgehen ließ und den Ball souverän versenkte. Die Führung war zu diesem Zeitpunkt derart glücklich, dass Bielefeld unbeirrt weiter kämpfte und ackerte. Zu nah war man selber am Torerfolg gewesen, zu bedrohlich war die Tabellensituation.


Arminia Bielefeld Eilhoff, Lamey (59. Munteanu), Mijatovic , Bollmann, Kucera, Kauf, Marx (65. Halfar), Tesche, Katongo, Kirch, Wichniarek

1899 Hoffenheim Hildebrand, Janker , Nilsson , Vorsah, Luiz Gustavo, Weis, Salihovic (88. Groß), Obasi (86. Terrazzino), Ba, Sanogo, Wellington (73. Ibertsberger)

Zuschauer 25.200

Tore 0:1 Wellington (25.) 0:2 Salihovic (82. Foulelfmeter)

Schiedsrichter Rafati

Zweimal musste Hildebrand bis zur Pause noch rettend eingreifen.

frei – und schoss einen Bielefelder an. Hoffenheim begann nun, der Partie merkbar den Stempel aufzudrücken, die beeindruckte Arminia überließ den Gästen eine Weile lang das Spiel und kämpfte sich erst eine Viertelstunde vor Spielende wieder zurück: als Ibertsberger gerade sein Comeback feierte.

Zurück aus der Kabine legte die Arminia sofort wieder los. In der 50. Minute schoss Tesche aus drei Metern am Tor vorbei, doch auch Hoffenheim hatte sich in der Pause etwas vorgenommen. Minute für Minute eroberten sich die Kraichgauer die Bielefelder Alm mehr und hatten in der 57. Minute Pech, als es dem Bielefelder Schlussmann gelang, sich auf einen feinen Schuss von Obasi durch die Hosenträger gerade so eben noch draufzusetzen. Eine Minute später rettete auf der Gegenseite eine Glanztat von Hildebrand die Führung. Tesche hatte aus 18 Metern einen scharfen Schuss abgefeuert.

In der 82. Minute wurde das Spiel entschieden, und es war wieder Pechvogel Mijatovic, der dafür einstand. Bei einem Laufduell gegen Demba Ba drohte er im Strafraum den Kürzeren zu ziehen, grätschte ohne Aussicht auf Ballkontakt Ba in die Beine und brachte ihn zu Fall. Schiedsrichter Rafati, der schon einige haarige Situationen im Sechzehner zu Ungunsten der Hoffenheimer entschieden hatte, zögerte diesmal keine Sekunde und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Und er zückte Gelb – was für den schon gelbverwarnten Mijatovic nun noch den Platzverweis bedeutete. Salihovic trat zum Strafstoß an und verwandelte sicher zum insgesamt etwas glücklichen 0:2-Endstand.

Ab der 60. Minute löste Trainer Frontzeck seine Viererkette auf und ging damit ein noch höheres Defensivrisiko ein als bisher. Kurz darauf flankte Obasi gefährlich in den Strafraum, wo Wellington sich vergeblich an einem Fallrückzieher versuchte. Im daraus resultierenden Durcheinander stand auf einmal Demba Ba nur fünf Meter vorm Tor

„Wir hatten einen richtig guten Hildebrand im Tor. Jetzt freuen wir uns auf die Bayern“, bilanzierte Ralf Rangnick die Partie so knapp wie treffend. Seine Vorfreude auf das Spiel in drei Tagen, das tatsächlich zum absoluten Höhepunkt der Rückrunde werden sollte, teilten wohl alle Anhänger von 1899 Hoffenheim. ■

117


33. SPIELTAG | Bayern München

16. MAI 2009

1899 Hoffenheim – Bayern München 2:2 In der Hinrunde hatte noch Jürgen Klinsmann auf der Bayern-Bank gesessen. Viel zu früh war er entlassen worden, um dem Rekordmeister das erwünschte, längst überfällige neue Gesicht verleihen zu können, konzeptionell wie spielerisch. Aber solche grundstürzenden Veränderungen benötigen eben Zeit: auch 1899 Hoffenheim war nicht über Nacht erfolgreich geworden. Zehn lange Jahre hatte es zur Umsetzung der sportlichen und wirtschaftlichen Prinzipien gebraucht, die in dieser Saison ihren ersten Härtetest auf großer Bühne erlebten.

118 SAISONCHRONIK 2008/09

Statt Jürgen Klinsmann bestimmte jetzt also Jupp Heynckes die sportlichen Geschicke der Münchener, die an diesem vorletzten Spieltag noch mit beiden Augen in Richtung Meisterschaft schielten, bereit zum Sprung, falls der punktgleiche, aber vom Torverhältnis weit überlegene Tabellenführer Wolfsburg doch noch ins Stolpern käme. Kurz hinter den Bayern lauerten allerdings der VfB Stuttgart und Hertha BSC. Eine Niederlage in Hoffenheim hätte also empfindliche Folgen.


1899 Hoffenheim Hildebrand, Ibertsberger (46. Janker), Compper, Vorsah, Luiz Gustavo , Weis, Carlos Eduardo (84. Terrazzino), Salihovic , Ba, Wellington (46. Fabricio), Obasi

Bayern München Butt, Lucio, van Buyten, Demichelis , Lahm , van Bommel, Sosa (62. Zé Roberto), Schweinsteiger (87. Borowski), Ribéry, Toni, Podolski (80. Klose)

Zuschauer 30.150 (ausverkauft)

Tore 0:1 Ribery (16.) 1:1 Ba (21.) 2:1 Carlos Eduardo (28.) 2:2 Toni (44.)

Schiedsrichter Weiner

Im Kader der Hoffenheimer klafften weiter große Lücken. Immer noch fehlte Andreas Beck, für den Ibertsberger auf rechts einsprang. Vorsah ersetzte Nilsson bzw. Jaissle, Luiz Gustavo spielte wieder als linker Verteidiger. Im Mittelfeld waren Weis und Salihovic gesetzt und freuten sich, nach dem Absitzen von fünf Spielen Sperre endlich wieder Carlos Eduardo neben sich zu haben. Der Sturm rekrutierte sich diesmal aus Ba, Wellington und Obasi, während Teber, der den Verein zum Ende der Saison tatsächlich verlassen würde, wegen seiner andauernden Verletzung nicht zum Einsatz kommen konnte. Es wäre sein Abschiedsspiel für den Verein gewesen, dem er seit den Regionalliga-Zeiten rückhaltlos gedient hatte. Daher wurde Selim Teber vor dem Spiel vor ausverkauftem Haus mit stehendem Applaus würdig verabschiedet. Es war ihm anzusehen, dass ihm der Abschied nicht leicht fiel. Zum Ende der Saison verließ außer ihm noch Janker den Verein und auch die Kaufoptionen für Fabricio und Sanogo wurden nicht gezogen.

Pünktlich um 15.30 Uhr pfiff Schiedsrichter Michael Weiner das Spiel bei herrlichstem Fußballwetter an. Sofort entwickelte sich ein grandioser Schlagabtausch, bei dem 1899 zunächst die Nase vorn hatte. Aggressives Forechecking, schnelle Ballstaffetten wie in der Hinrunde und eine hohe Laufbereitschaft ließen den Bayern für einige Minuten nur noch Raum zum Reagieren. Doch auch die Münchener hatten sich an diesem Tag eine ungewohnt hohe Laufbereitschaft verordnet, so dass sie nach dem ersten Schreck über die ungestümen Hoffenheimer Angriffe selber offensiv wurden. Selten hatte man die Bayern so beweglich gesehen, was ihnen gute Torchancen einbrachte. In der 10. und 12. Minute etwa kamen Toni und Sosa frei zum Schuss, setzten den Ball aber beide weit übers Tor. In der 16. Minute spielte Podolski einen eher schwachen Ball auf Toni viel zu nah ans Tor, so dass Hildebrand ihn leicht aus der Gefahrenzone hätte befördern können. Leider gelangte seine Abwehr zu Ribéry, der aus zehn Metern ins freie Tor einschießen konnte. 1899 war nur kurz geschockt, auch wenn die Bayern sofort weiter nach vorn drückten. Von den Rängen sah man die Mannschaft wie in der Hinrunde spielen, mit wachem Geist und schnellen Füßen, und so war es außer für Bayernfans keine Überraschung, als in der 21. Minute ein blitzschneller, langer Pass den sich vorne freilaufenden Demba Ba erreichte. Der Senegalese nahm die Kugel bewundernswert sicher an und versenkte sie, unter Zuhilfenahme von Lucios Fuß, im langen Eck. Das heiße Spiel begann mit dem Ausgleichstreffer von vorn. Diesmal übernahmen die Bayern zunächst das Kommando, kamen in der 26. und 27. Minute durch Podolski und Toni zu Großchancen – und vergaben kläglich. Ribérys genialer Pass auf Podolski hatte den Nationalspieler frei vor Hildebrand auftauchen lassen, der den Schuss aber großartig parierte. Toni wiederum hatte nach einem Eckball erneut in Richtung Wolken gezielt. Hoffenheim zahlte jeden der Angriffe mit eigener Offensivkraft zurück. Nur eine Minute nach Tonis Wolkenschuss schlug Demba Ba von rechts einen Flankenball in die Mitte. Wellington kam mit dem Kopf dran und traf nur den Pfosten. Von dort gelangte der Ball vor die Füße von Eduardo,

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33. SPIELTAG | Bayern München Im Rückspiel gegen die Bayern erspielte sich Hoffenheim ein grandioses Unentschieden. Es war das letzte Heimspiel der Saison. Ein glücklicher Dietmar Hopp und Maskottchen Hoffi feierten die insgesamt hoch erfolgreiche Saison mit den Fans.

de entfernt, als man gegen die Bayern, wenn auch unglücklich, 2:1 verloren hatte. Trotzdem ging das Spiel nach der Pause unverändert munter weiter, Bayern versuchte sich in Angriffen, Hoffenheim in gefährlichen Kontern. Eine Unzahl von Chancen sprang dabei heraus, das Publikum erlebte eine Partie auf höchstem Bundesliganiveau.

der nicht lang überlegte und abzog. Aus 11 Metern rauschte der Ball an Torhüter Butt vorbei ins Tor. Die Führung für Hoffenheim verunsicherte die Bayern, zumal der Tabellenführer in Wolfsburg – wie der Anzeigentafel laufend zu entnehmen war – ein Tor nach dem andern schoss. Die Münchener mussten jetzt unbedingt einen Sieg einfahren, wenn sie ihre Chance auf die Meisterschaft vollständig wahren wollten. Trotzdem gelang ihnen bis kurz vor der Pause nicht mehr viel, Ribéry scheiterte einmal mehr an Hildebrand, während Hoffenheim bildschöne Konter spielte und durch einen Kopfball von Ba, den Butt gerade noch zur Ecke lenken konnte, fast zum 3:1 gekommen wäre. Ein klarer Elfmeter, den Butt in der 40. Minute an Ba verursachte, wurde wieder einmal nicht gegeben. Statt 4:1 stand es also weiter 2:1. Eine Minute später verletzte sich Wellington bei einem Zweikampf, hielt aber humpelnd und mit zusammengebissenen Zähnen durch. In der 44. Minute schaffte es schließlich Ribéry nach etlichen Fehlversuchen wieder einmal, an Ibertsberger vorbeizukommen. Mit viel Gefühl hob er den Ball genau auf Tonis Kopf, der zum Pausenzwischenstand von 2:2 nur noch einzunicken brauchte. Nach der Rückkehr aus der Kabine wechselte Ralf Rangnick Janker für den noch nicht wieder voll belastbaren Ibertsberger ein, für den verletzten Wellington kam Fabricio. Die Hoffenheimer Formation war damit weiter denn je von der Hinrun-

120 SAISONCHRONIK 2008/09

In der 48. Minute zielte Podolski knapp am linken Pfosten vorbei, in der 53. Minute vergab Ba einen Kopfball aus fünf Metern. Zwei Minuten darauf klärte van Buyten nach einem Freistoß von Salihovic gerade noch eben vor Vorsah. In der 64. Minute rollte der Ball nach einem Duell von Toni mit Hildebrand parallel zur Torlinie, in der 73. Minute hielt Hildebrand einen Kopfball von Ribéry, in der 78. Minute setzte Compper einen Kopfball knapp neben das Tor, in der 83. Minute traf Toni aus vollem Lauf nur das Außennetz – und der Italiener vergab noch einmal in der 90. Minute aus kürzester Distanz. Klose, der in der 80. Minute für den enttäuschenden Podolski nach langer Verletzungspause ins Spiel gekommen war, vermochte ebenfalls nichts mehr auszurichten: das Spiel endete leistungsgerecht 2:2 unentschieden. Unter Klinsmann hatten die Bayern Hoffenheim noch besiegt. So jedoch war das Titelrennen für die Bayern so gut wie gelaufen. „Das war Werbung für den Fußball“, sagte Ralf Rangnick nach dieser bisher glanzvollsten Leistung seiner Mannschaft im heimischen Stadion. Es war, pünktlich zum letzten Heimspiel der Saison und nach Ansicht vieler begeisterter Besucher, das eigentliche Einweihungsspiel der RheinNeckar-Arena gewesen. „Ohne Klinsmann habt ihr keine Chance“, hatten die Fans gesungen – und recht behalten. Für sie war dieser „gefühlte Sieg“, wie Tobi Weis nach der Partie sagte, eine Rückversicherung für die Heimspiele der nächsten Saison. Der besondere Fußball, den 1899 Hoffenheim spielte, war in einer grandiosen Partie wiedergeboren worden. ■


121


34. SPIELTAG | Schalke 04

23. MAI 2009

Schalke 04 – 1899 Hoffenheim 2:3 Und wieder fehlten wichtige Spieler. An diesem letzten Spieltag der Liga, an dem es für beide Kontrahenten um wenig Zählbares mehr ging, hatte man sich an das Fehlen der langzeitverletzten Ibisevic und Jaissle notgedrungen gewöhnt. Diesmal mussten aber auch noch Obasi und Salihovic ersetzt werden, während Compper zurück ins Team kam. Mit Vukcevic und Groß bot Trainer Rangnick zwei Startelf-Debütanten auf. Eine erfreuliche Meldung gab es vier Tage vor der Partie gegen Schalke zu vermelden: Vedad Ibisevic kehrte ins Mannschaftstraining zurück. Von seinen Kameraden wurde er mit stürmischem Applaus begrüßt.

Für einen Einsatz im Spiel war es natürlich noch zu früh. Aber dass der Kreuzbandriss und die nachfolgende Operation so schnell und gut Besserung eintreten ließen, war für alle Beteiligten in Hoffenheim ein glücklicher Moment. Für Ibisevic selbst bedeutete die Rückkehr ins Mannschaftstraining viel mehr: das Ende der Isolation in Rehas und Einzeltrainings, gepaart mit der Sorge, ob das operierte Knie jemals wieder voll einsatzfähig sein würde. „Es war schon ein super Gefühl, vor dem Urlaub nochmal mit der Mannschaft zu trainieren. Es war wie ein Neuanfang – aber nach zehn Minuten war es dann schon wie immer“, sagte der sympathische Bosnier. Für die nächste Saison war mit Ibisevic also wieder zu rechnen, der seinen Vertrag unterdessen um vier Jahre verlängert hatte, doch das war nicht die einzige Botschaft für die Zukunft. Mäzen und Gesellschafter Dietmar Hopp ließ unter der Woche noch einmal deutlich wissen, dass die

122 SAISONCHRONIK 2008/09

alte Planungsgröße von 10 Mio. Euro für Neuverpflichtungen auch insofern überholt sei, als sie nicht den Kranken- und Verletzungsstand der Rückrunde widergespiegelt habe. „Es gibt keine festgelegte Obergrenze. Generell sind zwar auch 10 Mio. Euro viel Geld“, sagte er, „aber ich habe 1899 Hoffenheim nicht unterstützt, um wieder auszusteigen. Dieser Klub soll mich lang überdauern und langfristig in der 1. Liga spielen. Die Planungsgrößen für die neue Saison waren im Frühjahr noch gar nicht absehbar.“ Die Augen der Fußballfans in Deutschland waren, als das letzte Spiel der Saison angepfiffen wurde, natürlich eher auf Wolfsburg gerichtet, das mit einem Sieg die Deutsche Meisterschaft gewinnen würde. Doch auch die Zuschauer in der ausverkauften Schalker Veltin-Arena kamen auf ihre Kosten: von der ersten Minute sahen sie


Schalke 04 Neuer, Rafinha, Höwedes, Krstajic, Westermann, Jones , Engelaar (54. Kobiaschwili), Hal. Altintop (68. Sanchez), Rakitic, Farfan, Kuranyi (85. Asamoah)

1899 Hoffenheim Hildebrand, Beck , Vorsah, Compper, Ibertsberger, Weis , Luiz Gustavo, Groß (46. Fabricio ), Carlos Eduardo, Ba (79. Wellington), Vukcevic

Zuschauer 61.673 (ausverkauft)

Tore 0:1 Ba (26.) 1:1 Krstajic (30.) 2:1 Farfan (34.) 2:2 Carlos Eduardo (49.) 2:3 Carlos Eduardo (89. Foulelfmeter)

Schiedsrichter Schmidt

ein hochklassiges, bewegtes Match. Zunächst waren es die Gastgeber, die für Aufsehen sorgten, indem gleich in der 2. Minute erst Jones und dann Altintop mit dem Abpraller Hildebrand nicht überwinden konnten. Mit wahren Blitzreflexen parierte er ihre Schüsse aus 15 und 8 Metern. Im Anschluss eroberte sich 1899 den Rasen. Demba Ba und Weis zogen in der 4. und 10. den Ball hoch übers Tor, konnten dann aber nur zuschauen, wie in der 12. Minute Hildebrand einen Befreiungsschlag von Vorsah als Querschläger gerade noch abwehrte – und den Nachschuss von Kuranyi ebenfalls. Ohne Hildebrand wäre 1899 spätestens jetzt in Rückstand geraten. Umso überraschender kam es in der 27. Minute, nachdem Schalke wieder mehr Spielanteile hatte, zu einer Flanke von Eduardo über rechts, die Ba aus sechs Metern eiskalt verwandelte. Schalke drückte darauf noch mehr aufs Tempo

und wurde belohnt. Nur drei Minuten nach der Führung für Hoffenheim fiel der Ausgleichstreffer durch Krstajic nach einem Eckball. Als darauf nun Hoffenheim seine Offensivanstrengungen vermehrte, kam Schalke nach noch einmal nur vier Minuten zu einem Konter über Jones, der aber nicht auf Kuranyi, sondern auf den dahinter sich freilaufenden Farfan passte – trotz des recht spitzen Schusswinkels war Hildebrand machtlos. Danach erspielten sich bei allem Bemühen beide Mannschaften keine zwingenden Chancen mehr, so dass es mit dem Spielstand von 2:1 in die Pause ging. 1899 Hoffenheim kehrte einen Tick frischer und mit Fabricio statt Groß auf den Rasen zurück. Kaum war die zweite Halbzeit drei Minuten gelaufen, kam es zu einem Freistoß in etwa 22 Metern Entfernung. Carlos Eduardo lief an und schoss den Ball in schönem Bogen links an der Mauer vorbei. Manuel Neuer im Tor hatte keine Chance, die platziert links oben einschlagende Kugel noch zu erreichen. Dass nun wieder Schalke stürmte und überhaupt je nach Spielstand die eine oder andere Mannschaft einen Gang zulegte, hatte einen besonderen Grund. Zwar ging es nicht mehr um internationale Plätze, Hoffenheim und Schalke lagen dafür selbst bei freundlicher Mithilfe der Konkurrenz in der Tabelle zu weit zurück. Doch je nach Spielausgang konnten die beiden Mannschaften ihre Plätze in der Abschlusstabelle tauschen. Hoffenheim war bisher auf Platz sieben, Schalke auf acht, aber mit einem Sieg würden die Gelsenkirchener auf sieben vorrücken – und durch die bessere Platzierung in der kommenden Saison mehr Fernsehgelder erhalten, immerhin 200.000 Euro. Schalke übernahm darum wieder das Kommando, schaffte es aber nicht, Hoffenheim noch einmal ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. Chancen gab es auf beiden Seiten trotzdem immer wieder, die nur nicht energisch genug genutzt wurden. Einzelleistungen hätten die Partie alle fünf Minuten entscheiden können. So jedoch blieb es dem Mann des Spiels, Carlos Eduardo, vorbehalten, den Schlusspunkt zu setzen. In der 89. Minute wurde Fabricio klar im Sechzehner gefoult, der brasilianische Spielmacher trat an und verwandelte sicher zum Endstand von 2:3

123


34. SPIELTAG | Schalke 04

„Das war ein richtig toller Abschluss für uns“, bilanzierte Ralf Rangnick. „Dass wir aus den letzten vier Spielen nochmal zehn Punkte geholt haben, ist auch mit Blick auf die Zukunft positiv.“ So sahen es auch die Hoffenheimer Fans. Lange Monate verwöhnt von Tabellenständen, die viel mit wunderbarem Fußball, aber auch ein kleines bisschen mit dem Glück des Neulings zu tun hatten, hatte die Rückrunde etliches an Geduld und Zuneigung abverlangt. Dafür waren zuletzt alle belohnt worden: Spieler, Fans, Verantwortliche. Dass die geheimsten Träume am Ende nicht wahr wurden und man in der ersten Saison im Oberhaus nach dem kometenhaften Aufstieg nicht auch gleich noch, quasi im Handstreich, sich für das internationale Geschäft qualifizierte, störte niemanden. Aber für diese junge, begeisternden Fußball spielende Mannschaft wäre selbst das möglicherweise zu früh gekommen. Und so schaute man aus Hoffenheim neidlos auf Wolfsburg, wo man sich den Titel des Deutschen Meisters redlich verdient hatte, und schaute zufrieden zurück auf eine Saison voller Höheund Tiefpunkte, voll von geradezu schicksalhaften Momenten. Die produktive Ruhelosigkeit, die in der Bundesliga Alltag war, hatte alle erfasst und ausgefüllt. Einen sensationellen Start hatte 1899 Hoffenheim in der 1.Liga hingelegt. Und viel von dem, was das Prinzip Hoffenheim ausmachte – jenes neue Zugreifen auf den Fußball mit jungen Spielern, feiner Technik und großer Eigenständigkeit der sportlichen Leiter –, viel von dem hatte schon in dieser ersten Saison im Oberhaus die Konkurrenz beeindruckt und auf sie abgestrahlt. Das allein war mehr, als man erwarten durfte, trotz mancher Häme oder Schmähung, die noch immer nicht ganz aus den Stadien weichen wollten. In der Summe hatte sich 1899 Hoffenheim jede Menge aufrichtigen Respekt erworben und mit Platz sieben auf der Abschlusstabelle eine ebenso respektvolle Position erobert. ■

124 SAISONCHRONIK 2008/09


In einem fuรŸballerischen Feuerwerk folgte ein Feuerwerk zur Erรถffnung der Rhein-Neckar-Arena im Januar 2009.

125


STATISTIK | Saison 2008/09 P

Verein

SP

G

U

V

T

P

1.

VfL Wolfsburg

34

21

6

7

80:41

69

2.

Bayern München

34

20

7

7

71:42

67

3.

VfB Stuttgart

34

19

7

8

63:43

64

4.

Hertha BSC Berlin

34

19

6

9

48:41

63

5.

Hamburger SV

34

19

4

11

49:47

61

6.

Borussia Dortmund

34

15

14

5

60:37

59

7.

1899 Hoffenheim

34

15

10

9

63:49

55

8.

FC Schalke 04

34

14

8

12

47:35

50

9.

Bayer 04 Leverkusen

34

14

7

13

59:46

49

10.

Werder Bremen

34

12

9

13

64:50

45

11.

Hannover 96

34

10

10

14

49:69

40

12.

1. FC Köln

34

11

6

17

35:50

39

13.

Eintracht Frankfurt

34

8

9

17

39:60

33

14.

VfL Bochum

34

7

11

16

39:55

32

15.

Bor. Mönchengladbach

34

8

7

19

39:62

31

16.

FC Energie Cottbus

34

8

6

20

30:57

30

17.

Karlsruher SC

34

8

5

21

30:54

29

18.

DSC Arminia Bielefeld

34

4

16

14

29:56

28

126 SAISONCHRONIK 2008/09

1. FC Energie Cottbus 2. 1899 Hoffenheim 3. Bayer 04 Leverkusen 4. 1899 Hoffenheim 5. 1899 Hoffenheim 6. Werder Bremen 7. 1899 Hoffenheim 8. Hannover 96 9. 1899 Hoffenheim 10. VfL Bochum 11. 1899 Hoffenheim 12. Hertha BSC Berlin 13. 1899 Hoffenheim 14. 1. FC Köln 15. 1899 Hoffenheim 16. Bayern München 17. 1899 Hoffenheim 18. 1899 Hoffenheim 19. Bor. Mönchengladbach 20. 1899 Hoffenheim 21. VfB Stuttgart 22. Borussia Dortmund 23. 1899 Hoffenheim 24. Eintracht Frankfurt 25. 1899 Hoffenheim 26. Hamburger SV 27. 1899 Hoffenheim 28. Karlsruher SC 29. 1899 Hoffenheim 30. VfL Wolfsburg 31. 1899 Hoffenheim 32. DSC Arminia Bielefeld 33. 1899 Hoffenheim 34. FC Schalke 04

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

1899 Hoffenheim Bor. Mönchengladbach 1899 Hoffenheim VfB Stuttgart Borussia Dortmund 1899 Hoffenheim Eintracht Frankfurt 1899 Hoffenheim Hamburger SV 1899 Hoffenheim Karlsruher SC 1899 Hoffenheim VfL Wolfsburg 1899 Hoffenheim DSC Arminia Bielefeld 1899 Hoffenheim FC Schalke 04 FC Energie Cottbus 1899 Hoffenheim Bayer 04 Leverkusen 1899 Hoffenheim 1899 Hoffenheim Werder Bremen 1899 Hoffenheim Hannover 96 1899 Hoffenheim VfL Bochum 1899 Hoffenheim Hertha BSC Berlin 1899 Hoffenheim 1. FC Köln 1899 Hoffenheim Bayern München 1899 Hoffenheim

0:3 1:0 5:2 0:0 4:1 5:4 2:1 2:5 3:0 1:3 4:1 1:0 3:2 1:3 3:0 2:1 1:1 2:0 1:1 1:4 3:3 0:0 0:0 1:1 2:2 1:0 0:3 2:2 0:1 4:0 2:0 0:2 2:2 2:3


Nr.

ANGRIFF

MITTELFELD

VERTEIDIGUNG

TOR

1

Name

BL-Einsätze

Spielminuten

Eingew.

Ausgew.

Haas, Daniel

18

1531

1

1

Özcan, Ramazan

8

658

1

28

Hildebrand, Timo

10

870

1

29

Bernhardt, Daniel

27

2

Beck, Andreas

30

2698

9

1

3

Jaissle, Matthias

22

1882

1

2

4

5

Compper, Marvin

30

2683

2

5

1

6

Silva Dornellas, Fabricio

6

189

5

1

2

14

Janker, Christoph

17

1000

7

3

4

24

Nilsson, Per

15

1058

2

3

2

26

Ibertsberger, Andreas

24

1915

1

5

2

10

Teber, Selim

23

851

14

7

6

3

17

Weis, Tobias

31

2307

5

12

3

1

21

Gustavo, Luiz

28

2324

1

6

11

2

23

Salihovic, Sejad

29

2224

4

8

10

8

25

Vorsah, Isaac

26

1383

11

4

1

33

Eduardo, Carlos

25

2046

1

10

1

8

34

Boris Vukcevic

1

86

1

37

Strifler, Jonas

39

Groß, Pascal

4

51

3

1

9

Ba, Demba

33

2879

9

4

14

12

Wellington

18

480

14

3

1

3

16

Herdling, Kai

18

Sanogo, Boubacar

15

991

4

6

1

1

19

Ibisevic, Vedad

17

1462

6

18

20

Obasi, Chinedu

24

1763

5

7

4

6

36

Terrazzino, Marco

11

199

11

127


SAISONCHRONIK 2008/09

TSG Hoffenheim Chronik 2008/09  

Die Chronik der TSG 1899 Hoffenheim für die Saison 2008/09 (c) Hoffenheimblog.de

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