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Für ihn hatte sich ein Star niedergelassen. Nach Wochen des Nebenherfliegens, saß er nun zum ersten Mal still, auf einem Ast in der Hand. Hier konnten sie sich ansehen. Von schwarz zu schwarz. Lass mich sagen, das es schneit mein Liebes. Lass mich sagen, das es regnet mein Schatz. Es sind die Satzanfänge die zählen.


Neue Tischgebete. Wir beten nie, wir bedanken uns für das Essen und schließen Teller und Münder zusammen. Dieser Verbindung funktioniert ausnahmslos. Besteck vermittelt um keine Flecken auf dem neuen Boden zu hinterlassen. Wir wollen dem nicht nachgeben. Auch ein Radio gehört dazu, doch vornehmlich sind es die Verbindungen zwischen Mund und Teller. Transportwege müssen offen gehalten werden. Nachschub neuer Tischgebete.


Endlich wieder über Nullzeit nachdenken. So lange bis sich das Blut daran gewöhnt hat. Damit es beim Auftauchen nicht platzt. Das also mach ich gerade. Ich bin in der Nullzeit angekommen und verbleibe in der Tiefe, um beim Auftauchen nicht zu Platzen. Das ist eine Menge Aufwand und auch: das Dableiben rettet Leben, ist aber auch ne Menge Arbeit. Unbezahlt selbstverständlich.


Wir essen seit Tagen, Jeden Tag und jeden Tag wird es mehr. Ich nehme an, der Tisch wird auch mit versorgt und die Stühle, der Boden, die Wände. Sie alle nehmen teil und nehmen zu. Der Stuhl und der Tisch, sind Wörter die sich mitbilden. Sie lassen sich mühelos aus dem Regal nehmen und einsetzen. Zur Not auch in die Armbeuge, unter die Knochenwülste und Berge, unter die Täler des Magens, der Sehnen und Muskel. Sie bilden genossenschaftliche Landschaftsverbände. Unsere Küche ist eine Landschaft geworden und entwildert.


Wenn ich unsere gemeinsame Zeit in etwas anderes verwandeln könnte, dann wäre sie ein Schaf. Schafe haben ein Gedächtnis für das Gegenüber. Sie können Gesichter unterscheiden, sind empfindsam. Sie haben etwas verstanden. Wenn ich eine letzte Bitte an Dich hätte, ich würde ein Schaf zum Essen einladen. In die Küche. Dort würden wir dann um den Tisch sitzen und die Gebete wären sehr komisch. Nicht das wir viel beten, aber mit einem Schaf am Tisch? In uns sind wir gefangen, wenn wir nicht Schaf sein können.


Nicht ohne die Hilfe der Schwalben. Wenn sie kommen, greifen sie jeden einzelnen Finger und tragen meine Haut unter den Dachstuhl. Zum stillsitzen.


Wir sprechen über mich und schneiden eine Blume klein. Dafür benutzen wir ein Radio. Dafür benutzen wir ein Teil der Lampe und dann sind es viele Blumenteile die fein säuberlich auf dem Tisch angeordnet sind. Wir setzen uns auf und zeichnen mit Kreide die Umrisse der Blumenskelette nach. Wir geben ihnen kindgerechte Skelettbezeichnungen und römische Nummern. Wir reiben die Kreide in den Tisch und um die Skelettteilchen herum. Dort, die Kreidelinien wachsen sich aus zu Bergen und Hügeln, zu Tälern und Savannen. Gebirgskreide die sich gehen lässt. Sie hat immer noch die weißen Kappen auf den Spitzen, doch in ihren Ausläufern bilden sich grüne und bläuliche Seen. Ich liege weiter auf dem Tisch und schmelze in die Tiefe. Die Sonne und die unermessliche Wärme der Tischbeine. Das Ganze Vollmilchlicht.


Ich fühle mich wie eine Kirche die zu Ostern geschlossen bleibt. Ich bin wie ein riesiges Gebäude was die dicken Mauern nicht mehr zurecht rücken kann, was keinen Menschen Unterschlupf bietet. Hier findet gerade kein Austausch statt. Hier wird aber auch nicht gestorben. Ich bin eine Kirche zu Ostern. Ich bin eine Kirche die geschlossen bleibt. Die Tore sind Flügeltore. Sie sind noch zu schwer, werden aber bald an Gewicht verlieren. Neue Bettwäsche denk ich dann. Das ist es was ich wollte. Das ist was mich diese Nacht glücklich schlafen lässt. Das leben als Kirche ist wirklich einfach.


Ich weiß jetzt, hier werden Menschen auf Leinen gesetzt um die Welt zu beobachten. Sie sollen dann von den Bäumen springen und am Tisch landen. Ich möchte dieser Tisch für Dich sein. Warteräume. Bis dahin: Das Mädchen was in bunten Kleider in gerade Linie durch die Blumenbeete stapft. Es war als wurde sie getränkt mit jedem Schritt. Und gleichzeitig saß der Fuß liniengenau und führte heraus. Kleinste Befreiungsschritte. Sie wollte das so und ließ sich mit Nichts in der Welt davon abbringen. Solch ein Zauber.


Für seine unwiderstehliche Art die Wolken anzufassen, hatte sie nie etwas übrig gehabt. Finger sind in der Sicht der Dinge manchmal einfach im Weg. Ein Bottich mit Wasser. Ein Kopf der sich leer über den Platz rollen lässt. Ein Kind mit dem Stock. Das sind einfache Konstellationen. Seine Finger würde hier nur Löcher reißen.


Menschen werden von Inseln, zu Landmassen. Die Menschen werden wieder zu Landmassen und sich begrĂźnen lassen. Sie werden optimistische Naturformationen. Stein und Berg und Fluss und Meer.


Die Dämme halten. Ihre Finger strichen ßber schlafende Ozeane. Sie hat sich der Tiefe ihrer Mutter entgegen gebeugt. Und so, fast aus versehen, menschliche Gravitation erfunden.


Ob wir jemals wieder den Mund öffnen? Heute hab ich die Wand abgenommen. Was darunter liegt ist wunderschön und wahr und fühlt sich frisch an. Ich kann die Hand dort lassen und die Stirn. Das Freilegen ist ein Akt des Laufens. Das Freilegen ist ein Öffnen das nicht mit dem Sterben zusammengebracht werden muss. Hier gehört Licht hin und ich bin nun müde. Ich bin sehr müde und versuche den Mund geschlossen zu halten.


Der Kalender weiĂ&#x;t sich weiter.


Die Kraft Deine Hand zu halten, wenn Du stirbst. Die Kraft Deinen Blick zu halten, Dir Blick zu geben, wenn Du stirbst. Das soll mein Auftrag sein. Wenn ich die Pläne auf dem Tisch ausbreite, dann ist dass die Überschrift. Im Schmelzen verharren. Dort wo in der Tiefe gearbeitet wird. Dort wo es gebärt. Wie oft hab ich das Gefühl das mich einfachste Dinge tiefer berühren als sonst. Das sie durchrutschen und dann dort sind wo doch eher das Sterben oder Gebären oder Lieben beschäftigt ist. Dort wo eher das Schauen wohnt und meine Werke ermächtigt zu Sein. Die einfachsten Dinge werden Gründe des Wanderns, Gründe die sich öffnen und mit jedem Schritt die Welt nach Draußen schleudern. Das, was die Welt aufnimmt, ist Gähnen. Die tiefe Lufteinnahme um Welt einzuleiben. Das Gegenteil von Vermonden vielleicht.


Ein Stein hat Steinnatur. Sich lieber nicht darin wiederfinden müssen. Abdrücken, das vielleicht. Sein Gesicht in den Stein bekommen und dann dort eine Weile bleiben. Das passiert, wenn man Geschwindigkeit und Stein zusammen antrifft. Einmaligkeit ist Anmaßung. Das können wir nicht sein lassen, das Anmaßen. Die Steinnatur würde uns besser stehen.


Der Wald und das Haus sind die gleiche Sachen in unterschiedlichen Aggregatzuständen. Der Wald und das Haus, sind Dein KÜrper vor und nach der Jugend.


Durch die Krähen verbreitete sich die Nachricht. Einmal hatten sie kein Brot, da fing das Fenster an zu singen. Wenn das Fenster sich in Richtung Norden richtet, dann hat es eine Radiofunktion. Es bevorzugt dumpfwelligen Blues. Für seine Hände sollte das reichen. Er hat sich aufgesetzt und verdaut die Nacht. Die Krämpfe lassen langsam nach. Im Grunde war es auch nur ein Krampfpunkt. Eine Singularität. Ein sich zusammenziehende Singularität, die nicht aufhörte in den Norden zu strahlen.


Der Friedhof um die Ecke öffnet sich von selbst. Die Nächte sind wärmer geworden und die Tore offen geblieben. Der Mann von der Sicherheitsfirma musste hinein. Allein mit der Taschenlampe und er dachte an seine Frau die er nie gänzlich sehen konnte, nie vollständig.


Durch seine Augen strömte Zeit und er konnte sich nicht erinnern das letzte Mal das Meer gesehen zu haben. Und dann war es einfach da. So plötzlich und seine Füße standen darin. Kein Wassermeer, keine Quallen oder Fische oder Tang, das Meer ohne Außenwand. Er stand mit den Füßen im Kern, in Unermesslichkeit und Tiefe. Ganz ohne die Füllmasse. Wie ein Karton ohne Knisterfolie.


Das Glauben und das Ahnen sind unterschiedliche Aggregatzustände. Es ist der Unterschied zwischen Wasser und Rauch, zwischen Rauch und Starre und Wasser und Starre. Das Ahnen ist dann das was man inhalieren und einatmen kann. Erst so hat man die MÜglichkeit die Kapillaren anzuerkennen.


Ich archiviere die Umrisse, die Spuren, die Narben. Spüre unsere Brückenkämpfe, Brückenbelagerungen und Landgewinne. Dort hat sich im Schussfeld summendes Gras eingerichtet. Auf der Karte bleibt festzuhalten, in diesen Teilen des Körpers wird sich das Gewebe vergrasen, momentan: Knie und Oberbauch. Narben sind nichts anderes als Wildwuchs. Beete, Kräuter und Erdbeeren. Das was wir als Unkraut bezeichnen lebt von der Sehnsucht des Frühlings.


Dort passiert bald wieder Krieg. Eine Handlung die nun zuhause stattfinden muss. Häusliche Gewalt. Auf kleinstem Raum fangen sie an sich die Köpfe auseinander zu brechen. Sie wollen nachschauen was damals schief lief. An welcher Stelle hatte man versäumt wegzugehen? Gewalt die unter dem Tisch stattfindet ist auch eine Kriegshandlung.


Wir betteln uns an. Dann beschließen wir die Dichte aus uns heraus zu nehmen. Die Dichte aus der untersten Schicht der Welt zu entfernen ist einfach. Wir können der Dichte den Leibe entrücken, indem wir benennen. So wird entkernt zwischen uns. So haben wir uns im Bahnhof getroffen. Dort wird es bald keine Fotos mehr geben, sondern nur noch Bezeichnendes. Weißes Rauschen hat dort einen eigenen Aggregatzustand. Abschied auch.


Eine Delle bin ich geworden. Ich werde angesprochen als Mensch und antworte als Delle. Es kĂśnnte viel passieren ohne das ich wirklich dabei bin. Ich schalte mich aus oder auf stumm. Wie eine eingedrĂźckte Radiostation. Mein Herz ist eine lautlose Wellenanlage, meine Leber, meine Niere, mein Darm; alle in der Bringschuld. Nichts wird im vor hinein aufgezeichnet. Alles live im Wellenbad. Hier sind wir noch die Hits, die der ersten Stunde.


Ich bin ein Sendersuchlaufprogramm. Wenn Du jetzt gehen würdest, dann könnte ich Dich nicht wieder einstellen. Nicht wieder weit genug drehen um Dich zu treffen. Das ist ein Problem in der Feinabstimmung. Das ist ein Problem in der Nähe. Dann rauscht es dermaßen, dass ich nicht mehr die Finger heben kann.


Eine Erkenntnis: die Sache mit der Forelle. Das ich sie als Forelle bezeichnete tut mir leid. Sie ist kein Fisch und ich sollte das wissen. Das geschah wie ein Unfall. Ein Auto stĂźrzt durch das Haus und brennt im Garten nieder.


Es geschieht im Körper. Dort wird es ein und umgebaut. Dort wird produziert. Dort werden Fabriken aufgebaut und bewacht. Das kleinste der Werke ist für die Augen verantwortlich. Hier werden Samtvorhänge gestrickt, gehängt und zugezogen. Immer mal zum Waschen abgenommen. Nicht immer, manchmal bleiben sie auch dran und werden einfach vollgespritzt. Ich erinner mich an Dich und Du bist nicht da.


Es ist Fastenzeit. Der Hasenmann zum Beispiel. Dem erklär ich alles nochmal denn, er braucht mich. Er ist ein Mann der nichts will und alles in der Hand hat. Jede Hand hat fünf Finger. Jede Hand ist offen und hält soviel wie reingelegt wird. Ob der Hasenmann auch selber Dinge berühren kann? Aufhebt, vom Boden zum Beispiel oder aus der Luft schnappt, weiß ich nicht. Vielleicht gleichen seine Hände eher einer fleischfressenden Pflanze die nur darauf wartet berührt zu werden und dann zuschnappt. Dieser Mann hat die Dinge in die Hand gelegt bekommen, wie ein Kind das Leben. Und ich denke nur daran berührt zu werden. Geburtstage sind abgesagt.


Meine Hand ist ein einsames Stück Erde.Ich möchte Dich bitten das Gras zwischen den Ringfingern zu behalten. Es soll auf deiner Handfläche wachsen und darin nisten. Dort sollen dann Bienen und Ameisen leben können. Ich möchte mich mit Insekten in Deiner Hand treffen. Ich möchte dort zu Hause sein, wo es rauscht.


Wenn ich mir das genau überlege, dann sind Schiffe immer nur nach vorne ausgerichtet. Sie haben Meer unter'm Bauch. Haben es dort hinbekommen. Es wurde aus dem Himmel gesaugt und unter das Holz gelegt, Stück für Stück. Nicht unter Pferde und Igel und Falken. Das wäre keine gute Idee gewesen. So viele Faktoren und so eine breite Welt. Ich hab den Tag mit Sitzen verbracht.


Wie der Mond da so steht. Das ist ein Stück Erde will ich immer rufen. Und wenn ihr nicht die Füße still halten könnt, könnte es sein, dass der Boden unter Euch auch zu Mond wird. Auch die Erinnerungen von all dem wird dann Mond und ihr wundert euch. Dein Körper wird vermondet. Deine Organe werden vermondet, Deine Gelenke werden vermondet. Das wird niemals aufhören. Knöchern und kalt, kalkig auch. Der Fuß wird sich heben und mit jedem Schritt wird sich die Schwerkraft verabschieden. Sie kann ja kein Mond werden, sonst wär das alle nicht so schlimm mit der Erdwerdung.

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