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Netzkultur: Umgangsformen im Internet


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Netzkultur: Umgangsformen im Internet Marc Böhler und Jan Freitag

Das Netz entstand in den sechziger Jahren als Forschungsprojekt der Armee in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und wurde anschliessend zur Kommunikation unter den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen an den amerikanischen Universitäten eingesetzt. Es waren also vor allem ForscherInnen aus den Computerwissenschaften, der Physik, Mathematik und so weiter, die via Internet untereinander Kontakt hatten und das Netz bewohnten. ForscherInnen sind dafür bekannt, dass sie genau und logisch denken können. Die Verhaltensregeln aus der Anfangszeit des Netzes beruhen daher vor allem auf logischen Schlüssen. So wussten zum Beispiel die Netzmenschen der ersten Stunde, dass die Menge der Informationen (Daten), die über das Internet transportiert werden kann, beschränkt ist. Je mehr Daten über das Netz transportiert werden, desto langsamer wird daher das Netz als Ganzes. Damit nun alle NetzbenutzerInnen zu jeder Zeit angenehm, das heisst schnell genug, miteinander kommunizieren können, sollten die Leitungen nicht mit unnötigen Informationen belastet werden. Ein verschwenderischer Umgang mit unnötigen Informationen wird daher auch heute noch von der alteingesessenen Netzgemeinschaft bemängelt oder abgelehnt. Sie sprechen dann von der sogenannten Bandbreitenverschmutzung.

Bandbreitenverschmutzung bedeutet, dass die Kabel durch unnötige Informationen belastet werden, welche dadurch die Geschwindigkeit im gesamten Netz beeinträchtigen. 15


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Netiquette – zusammengesetzt aus Net für Netz und Etiquette für Benimmregeln. Die Netiquette ändert sich laufend.

Flame – englisch für Flamme. Bezeichnet unfreundliche oder sogar beleidigende E-Mail. Der Name entstand, weil die Sender von Flames den Empfängern einheizen möchten.

Die Netiquette verlangt deshalb, dass sich die kommunizierenden Menschen immer auf das Nötigste beschränken. Diese Beschränkung bedeutet auch, dass grosse Informationsmengen auf kluge Art und Weise organisiert werden sollten. Das heisst zum Beispiel, dass lange Texte aus vielen kurzen Einzelteilen bestehen sollen, die untereinander verknüpft sind. Auf diese Weise können die NetzbenutzerInnen dann selber entscheiden, welchen Knoten sie folgen möchten und welche Informationen sie beziehen wollen oder nicht. Eine weitere Regel aus der Netiquette lautete: «Sag offen, was du sagen willst, und zensiere nie.» Hauptsache, man war offen und ehrlich. Dadurch entstanden die sogenannten Flames, die einen wichtigen Stellenwert in der Netzkultur einnehmen, aber immer weniger akzeptiert werden. Denn die heutige Netiquette besteht im Gegensatz zu derjenigen aus der Anfangszeit des Netzes auch aus Verhaltensregeln, die nicht nur wegen der Technologie entstanden sind, sondern von unseren allgemeinen Umgangsregeln entlehnt sind. Zum Beispiel gilt inzwischen auch im Netz der sogenannte kategorische Imperativ, der vorschreibt, keinem anderen anzutun, was du nicht willst, das man dir antut. Somit soll man auch niemandem eine Flame senden, denn niemand erhält gerne böse E-Mails. Englisch, die Netzsprache

«Netzlisch» bedeutet Englisch im Netz, eine besondere Art von Englisch, vom Stil her wie gesprochene Sprache, aber voller Abkürzungen und Emoticons (siehe Seite xy).

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Die Sprache, mit der kommuniziert wird, spielt auch eine wichtige Rolle. Im Netz ist die wichtigste Sprache Englisch. Nur ungefähr vier Prozent aller Web-Seiten sind Deutsch, obwohl Deutsch die zweitwichtigste Sprache im Internet ist. Aber keine Angst. Das Netzlisch entspricht nicht dem Englisch der alten Dichter. Beim Chatten spielt es keine Rolle, ob man fehlerfrei schreibt oder nicht. Hauptsache, deine Sätze sind verständlich und machen Sinn. Bei EMails ist es jedoch wichtig, einigermassen fehlerfrei zu schreiben. Grobe Fehler machen hier keinen guten Eindruck. Da jedoch bei vielen E-Mail-Programmen


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eine Rechtschreibeprüfung eingebaut ist, lassen sich solche Fehler leichter vermeiden. Neben der grösseren Freiheit bezüglich Rechtschreibung besteht auch beim Schreibstil ein Unterschied zum traditionellen Brief. Im Gegensatz zu Briefen auf Papier sind die E-Mails oft in der Umgangssprache geschrieben. Es wird einfach geschrieben, was einem gerade in den Sinn kommt. Für die Kommunikation in Chatboxen und auch via E-Mail ist es daher wichtiger, im mündlichen Englisch gut zu sein.

Kleine Philosophie des Netzes Um beschreiben zu können, was Netzkultur ist, muss man erst einmal fragen: Was ist ein Netz? Ein Netz besteht aus mehreren Teilen, ein Fischernetz zum Beispiel aus vielen Schnüren. Ausserdem müssen diese Teile in einer bestimmten Art und Weise miteinander verbunden werden. Sie werden untereinander «organisiert», das heisst verknüpft. Ohne die Knoten hat man kein Fischernetz, sondern eine Menge Schnüre. Das Netz, mit dem wir es hier zu tun haben, ist gleichzeitig auf zwei unterschiedliche Weisen geknüpft: Es besteht einerseits aus vielen grösseren Computern, die immer Teil des Netzes sind, und ungezählten Computern zu Hause oder in Büros, die ab und zu Teil des Netzes sind. Das Computernetz ist eine Art der Verknüpfung. Andererseits besteht es auch aus Buchstaben, Sätzen, Texten, Bildern, Tönen und Animationen (kurzen Videoclips), die unter sich ebenfalls ein Netz bilden. In diesem Zeichennetz sind die Verknüpfungen so vielfältig, dass keine davon alle anderen enthalten kann. Beim Beispiel des Fischernetzes enthält die Verknüpfung der Schnüre am Rand alle anderen. Das Zeichennetz hingegen hat keinen Rand und auch keinen Anfang und kein Ende. Man gelangt durch viele Zugänge hinein, von denen keiner der Hauptzugang ist. (Du kannst deinen Hauptzugang zum Netz selber auswählen.) Weil sie nicht von einem starren Rahmen zusammengehalten werden, verändern die Zeichen ständig ihre Beziehung zueinander und damit auch ihre Bedeutung. Das ist die andere Art, wie dieses Netz geknüpft ist. Sie ist gleichbedeutend mit Netzkultur. Das heisst, dass die Art und Weise, wie die Menschen im Netz miteinander umgehen und kommunizieren, geprägt ist von der Art und Weise, wie die Zeichen, die sie dazu benötigen, untereinander organisiert sind.

K N KNOTEN NET KNOTEN NETZ TE ZN

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Abkürzungen und Emoticons, die Netzzeichen

Emoticons – aus Emotions für Gefühle und Icons für Symbole. Beispiele: Smiley :-) Twinkey ;-) unglücklicher Smiley :-(

Netizens sind die BürgerInnen des Netzes (zusammengesetzt aus den englischen Wörtern Net und Citizen).

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Ein weiteres Merkmal der Kultur im Netz sind zahlreiche Abkürzungen, zum Beispiel CU oder TTYL. CU steht für «see you» und heisst «wir sehen uns». TTYL heisst «talk to you later» und bedeutet «wir sprechen uns später». Eine der meistverwendeten Abkürzungen ist ROTFL = «rolling on the floor laughing». Auf Deutsch bedeutet dies «sich lachend auf dem Boden wälzen» und ist ein Zeichen für ein grosses Gefühl der Freude, ebenso wie LOL («laughing out loud» = «laut lachen»). Um im Netz Gefühle auszudrücken, werden auch Symbole verwendet, die mit den Sonderzeichen wie Doppelpunkt, Klammern, Bindestrich etc. getippt werden. Diese Symbole haben die Bezeichnung Emoticons. Davon ist der Smiley :-) das häufigste. Es gibt ihn auch in Kurzform :) oder gespiegelt (-: Anstelle des ROTFL kann der Smiley auch in der Steigerungsform :-)))))))) dargestellt werden. Ebenfalls populär ist der Twinkey ;-) Dieses Emoticon stellt ein Augenzwinkern dar und bedeutet, dass man es nicht ganz ernst gemeint hat. Weitere Beispiele sind der skeptische Smiley :-/ und der Kuss :-* Den schreiende Smiley :-@ sieht man selten. Häufiger werden GROSSBUCHSTABEN verwendet, um jemanden ANZUSCHREIEN. In der Netiquette steht jedoch geschrieben, DASS HÄUFIGES RUMSCHREIEN NICHT GERN GESEHEN WIRD!!!! Heute wird trotzdem sehr viel rumgeschrien.Wie auf einem Jahrmarkt versuchen alle Unternehmen mit dem Netz Geld zu verdienen und Ramsch zu verkaufen. Zum Glück muss niemand hinhören, der oder die nicht will. Somit bleibt die Netzkultur auch in Zukunft wegen der eingefleischten Netizens bestehen. Wer hingegen offen auf seinen Gewinn abzielt und Geld in den Vordergrund stellt, hat Mühe in diese Netzgemeinschaft aufgenommen zu werden, denn ein Grundsatz aus der Anfangszeit des Netzes existiert noch heute: «Kommunizieren ist gut, Geld verdienen nebensächlich.»

Aus dem Archiv: «Netzkultur: Umgangsformen im Internet»  

«Als man noch von Netiquette sprach...» Aritkel im SJW-Heft «Internet» aus dem Jahr 1998. Schweizer Jugendschriftenwerke.

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