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12    Stadtkultur



l   der landbote   l   Montag, 14. dezember 2009

Auf der Suche nach einer eigenen Identität Für die Winterthurer Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Eva Burkard widerspiegeln Integrationsprobleme von Ausländern ein Grundproblem des modernen Menschen: die Suche nach Identität. Diesem Thema geht sie literarisch nach. Wer Eva Burkard besucht, fährt an den Rand von Winterthur Töss. Vorbei an fettig duftenden Kebab-Buden, ernst dreinblickenden Frauen in Kopftuch und langen Mänteln, Ramsch­ läden und Spelunken, die aussehen, als böten sie Menschen aus dem Balkan nach Feierabend ein gemütliches Beisammensein bei Gelächter und Kartenspiel. Das Quartier ist ein Schmelztiegel der Kulturen, und dass Eva Burkard hier lebt, ist kein Zufall. Vor dieser bunten und lärmenden Kulisse schreibt die Autorin Romane, Erzählbände und Gedichte. Ihre Texte handeln von Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und sich in einer fremden Kultur integrieren müssen. «Es beschäftigt mich, dass die Globalisierung nicht nur wirtschaftlich geschieht, sondern durch die Menschen hindurch geht und ihre Schicksale in Bewegung bringt», sagt Eva Burkard. Dabei betonen ihre Werke stets die schwierigen Seiten der Migration: die Brüche, die in den Biografien entstehen, die Gefühle von Entwurzelung und die Identitätsprobleme von Secondos. Ihre Arbeiten sind auf Resonanz gestossen – allen voran der Porträtband «globalkids.ch», der BalkanJugendliche zum Thema Migration zu Wort kommen lässt, und der Gedichtband «Sehnsüchte.Gebündelt», für den die Autorin 2001 den zweiten Preis der Heinz-Weder-Stiftung in Bern erhielt. Nun arbeitet Eva Burkard an einem neuen Buchprojekt.

Das Fremde im Eigenen Was drängt Eva Burkard, das Motiv der Migration literarisch zu verarbeiten – ein Thema, das in aller Munde ist? Die studierte Sozialpädagogin und Psychoanalytikerin, deren Lebensweg von Dessau über das marxistische Ber-

lin nach Zürich führte, hat als Therapeutin viel mit Migrantenfamilien gearbeitet. Ihre Texte sind aber nicht nur ein politischer Appell für die stärkere Integration von Ausländern. Auf einer tie­fe­ren Ebene ist das Migrationsmotiv für Eva Burkard mit einem gesellschaftlichen Thema verflochten, das sie fasziniert und in vielfältigen literarischen Variationen verarbeitet: das Thema der Identitätssuche. Ein beständiges Identitätsgefühl, das Sicherheit und Orientierung verleiht, sei für die Menschen heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr, sagt sie. «Wir leben in einer immer komplexeren Welt und müssen ständig Neues und Unerwartetes in unser Selbst- und Weltbild integrieren.» Viele Menschen leiden unter einem brüchigen Identitätsgefühl und instabilen Selbstzuständen, die sie nicht zu einem sinnvollen Ganzen integrieren können, findet die Psychoanalytikerin. «Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen und zahlreiche Rollen, die wir in unserem Leben einnehmen können.» Dies führe schnell zu einer psychischen Überforderung und zu Orientierungsproblemen. Ausländer, die ihre Heimat verlassen, bringen die Schwierigkeit der Selbstfindung exemplarisch zum Ausdruck. «Sie sind unweigerlich mit der Herausforderung konfrontiert, in der Anpassung eine individuelle Form zu finden.» Integrationsprobleme von Ausländern als kultureller Kristallisationspunkt einer allgegenwärtigen gesellschaftlichen Realität? Für Eva Burkard ist es so.

Der Sinn zeigt sich später Für die Autorin ist klar, dass Biografien heute nicht mehr geradlinig verlaufen können, sondern von Brüchen

Erst im Nachhinein merkt sie: Das sind Verse eines Gedichts. Eva Burkard fügt alles mühelos zur einer Gestalt zusammen. Bild: pd

und Zufällen geprägt sind. «Das Ideal eines planbaren Lebenslaufs ist zur Illusion geworden.» Vielfach lasse sich erst im Nachhinein eine Sinngestalt im Leben finden, welches allzu oft chaotisch und willkürlich verlaufe. Auch Eva Burkards künstlerische Arbeitsweise ist eher chaotisch als planvoll. «Manchmal­ drängt es mich einfach, einzelne Sätze oder Satzfragmente zu Papier zu bringen, ohne dass ich damit von vornherein eine Absicht verbinde. Erst im Nachhinein merke ich: Das sind Verse eines Gedichts.

Die fügen sich mühelos zu einer Gestalt zusammen.» Eine Arbeitsweise, die ihre letzte Konsequenz in ihren «cut-ups» findet. Das sind Collagen aus Wörtern und Sätzen, die neu zusammengesetzt werden. In Zukunft will Eva Burkard weitere Bücher und Gedichte schreiben und dabei auch vermehrt Berührungspunkte mit anderen Künsten schaffen. Vor allem die Kombination von Lyrik und Malerei fasziniert sie, Bilder oder Fotografien, die mit kurzen lyrischen Texten kommentiert werden. Im Fe­

Ein Erzromantiker auf Spieldosenhöhe Zum Glück musste er in die Noten schauen. Der extravagante Pianist Fazil Say wird durch Prokofjew gebändigt. Schon am Mittwoch hat der türkische Pianist Fazil Say mit eigenwilligen Mozart-Interpretationen im Stadt­ haussaaal für allerlei Überraschungen gesorgt. An seinem Piano-plus-Abend am Samstag bestätigte, ja verstärkte er den Eindruck, dass er nicht nur ein fabelhafter Bravourpianist, sondern auch für Extravaganzen jederzeit gut ist, und die Berichterstatterin wurde das Gefühl nicht immer los, dass er sich mit seinen mitunter übertriebenen Gestikulationen gern in Szene setzt, wobei das dem künstlerischen Resultat nicht unbedingt dienlich ist. Dies ging zunächst mit Says Wiedergabe von Mussorgskis «Bildern einer Ausstellung» so weit, dass man den Eindruck erhielt, er wolle unter allen Umständen das allbekannte Werk anders als alle seine Kollegen gestalten, es gewissermassen «neu erfinden». Hat Mussorgski das nötig? Hat er nicht selber schon seine Vortragsangaben in Dynamik und Agogik recht genau bezeichnet, die für eine ereignisreiche tönende «Bilderschau» vollauf genügen?

und Steilheiten nach oben wie nach unten. Das alles kann ungemein faszinieren. Vor allem aber ist seine pianistische Meisterschaft zu bewundern und zu würdigen, die kaum Grenzen zu kennen scheint, über eine unerschöpfliche Vielfalt an Nuancen und Emotionen verfügt und mit diesen den Hörer auch vereinnahmt. Die grosse, die enttäuschende Überraschung erfolgte danach durch

die Programmänderung, welche die Erwartung auf die Erfindung des «CEUS»-Bösendorfer-Flügels, der dank Reproduktionstechnik erlaubt hätte, dass Say «mit sich selber vierhändig» ge­spielt hätte, zunichte machte. Ein dazu be­nö­tig­tes Teilstück ist nicht rechtzeitig eingetroffen. Schade. Und dennoch glücklicherweise! Denn jetzt spielte Say Prokofjews Siebente Sonate, und weil er hiefür

An die Liebenden

Bis ins Rauschhafte Say baute viel Neues, anderes, bisweilen Skurriles ein, ging gern ins Extreme, begnügte sich nicht mit normalem Forte und Fortissimo, sondern steigerte sich bis ins Rauschhafte, unterteilte einzelne Phrasen und Details, die ohnehin schon durch die Musik dargestellt sind, in weitere Miniaturfragmente von laut und leise, Akzente

die Noten be­nö­tig­te, in die er hineinschauen musste, konnte er nicht mehr wie vordem gestikulieren. Und siehe da: Sein Vortrag wurde einheitlicher, klarer strukturiert, in der Anlage des grossen Werkes auch architektonisch klar nachvollziehbar. Dafür hat Prokofjew natürlich auch selber gesorgt, indem die drei Sätze in ihrer starken jeweiligen – und von elementarer Motorik geprägten – Charakteristik unverwechselbar sind, was Say überzeugend zur Darstellung brachte. Und fast überhörte man darob, wie souverän er den gewaltigen spieltechnischen Ansprüchen gewachsen war.

Er wandelt in reinen Moll- und Durgefilden: Fazil Say. Bild: Marco Borggreve

Und der «ganz andere» Say liess sich zum Schluss in sein musikalisches Innere schauen, als er drei eigene Balladen mit Liebe, Klangfinesse und innigen Gefühlen vortrug. Dabei gab er sich als Erzromantiker zu erkennen, der in reinen Moll- und Durgefilden wandelt, Stimmungen mittels repetitiven Begleitfiguren und lieblichen Sextengängen heraufbeschwört und sich auch einmal – vor allem im seinem Kind gewidmeten Mittelstück – in lichte Spieldosenhöhen begibt. Und natürlich lässt er sich in der dritten Ballade («an die Liebenden» gerichtet) auch die Gelegenheit nicht entgehen, Pathos und leidenschaftliche Steigerungen aufzuheizen, und dennoch dann in einen entspannten Pianoschluss einzugehen. Wirklich: Man mag von Fazil Says aussergewöhnlicher Weise, sich und die Musik darzustellen, restlos oder auch nur mit Vorbehalten begeistert sein: Zu bewundern sind er, seine Fantasie und sein immenses Können auf jeden Fall.  lRITA WOLFENSBERGER

bruar erscheint im Huber-Verlag in Frauenfeld ihr neues Buch «BalkanKids – Die neuen Schweizer erzählen» mit Texten über Jugendliche aus dem Balkan und der Türkei.  lMARKUS STEFFEN

Buchhinweis Eva Burkard: Balkan-Kids – Die neuen Schweizer erzählen. Huber-Verlag, Frauenfeld 2010. 200 Seiten, Fr. 39.90. Erscheint im Februar 2010.

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Ein Gast zurzeit. Bild: pd

Unerfüllte Wünsche (14) Ein Mensch, der sich im Web «kitschipitschi» nennt, bietet im Augenblick Baumschmuck an, «der jeden zum Lachen bringt»: Männer mit Flügeln zum Beispiel oder auch Hasen mit Flügeln, das Stück männlicher Porzellanengel kostet 14 Euro (ohne Versand, Hasenengel dito). Wirklich lächerlich!, dieser Mann im Baum (und was für eine Frau will auch einen solchen Hasen haben?). Lieber ist uns da schon der Vogel, der so schön in die hohe Zeit (und auch den Kalender) passt, es ist ein Paradiesvogel. Sein Körper ist der Spiegel aller Farben, die es gibt, ein Schimmer von Glitzer überzieht die Gestalt, und die Federn sind ein Hauch. So hat dieser Vogel einen Platz auf einem Bäumchen gefunden, das nie ein Weihnachtsbaum werden will. Und gehen auch Tag für Tag hier die Türchen auf: Er bleibt (o.k., am Samstag war deshalb die Abteilung geschlossen). Aber es muss nicht immer die Vorstellung eines Feuervogels sein. Über das Wochenende war die Amsel auf Besuch, sie schaute von ihrem Baum herab, ob auf unserem Balkon für sie ein Apfel ausgelegt sei (sie mag schrumpelige). Und die Amsel bekam das Geschenk. Auch für sie geht ein Türlein auf. (bu)

eva_burkard  

Bis ins Rauschhafte Unerfüllte Wünsche (14) Der Sinn zeigt sich später bruar erscheint im Huber-Verlag in Frauenfeld ihr neues Buch «Balkan-...