Page 1

Oberland

Samstag 8. Februar 2014

SOCIAL MEDIA TOURISMUSORGANISATIONEN IM INTERNET

Kopf Salat

Emotionen auf der digitalen Ebene Pioniergeist, Ästhetik und Emotionen stehen im Mittelpunkt eines neuen Kommunikationsprojekts von Gstaad Saanenland Tourismus und der Saanewald Lodge: Über das Fotonetzwerk Instagram sollen damit eine Million Menschen erreicht werden. Noch vor zehn Jahren dauerte es mehrere Tage, wenn nicht gar Wochen – heute ein paar Sekunden: Vor zehn Jahren wurde ein Foto auf Film gebannt, entwickelt, abgeholt, in einem Album eingeklebt und – last, but not least – seinen Freunden, Verwandten und Bekannten gezeigt. Heute hingegen wird ein Foto per Smartphone gemacht, bearbeitet und ein paar Sekunden später im Internet mit Hunderten, wenn nicht gar Tausenden von Menschen rund um die Welt geteilt. Alleine auf dem Social-MediaFotonetzwerk Instagram (siehe Kasten) geschieht dies 55 Millionen Mal pro Tag. Diese Entwicklung will sich nun auch Gstaad Saanenland Tourismus in Zusammenarbeit mit der Saane-

wald Lodge im Rahmen eines im Alpenraum einzigartigen Kommunikationsprojektes zunutze machen. Unter dem Titel «The Gstaad Slow Life Experience» sollen noch heute und morgen eine Millionen Menschen via Instagram mit attraktiven Bildern aus dem Saanenland erreicht werden. Dafür wurden acht ausgewählte Instagram-Nutzer (Instagramers genannt) eingeladen, welche im digitalen Netzwerk eine Million Freunde (Followers genannt) vereinen. Die acht Instagramers sollen am Wochenende bei diversen Aktivitäten mit ihren Smartphones Bilder machen und via Instagram im Internet mit anderen Leuten teilen. Die Bilder werden dabei mit Stichworten

(Hashtags genannt) versehen, damit sie leichter gefunden werden können. Auf Instagram können die Fotos anschliessend bewertet und kommentiert werden. Zum Projekt gehört auch eine öffentliche Fotosafari am Sonntag (Instameet genannt), zu der alle interessierten Instagram-Nutzer eingeladen sind.

sich zwar nicht sofort in Logiernächten messen. Mit den Bildern können wir aber potenzielle Gäste anregen, das Gesehene selber vor Ort erleben zu wollen», hofft Sonnekalb. Und schliesslich könne Gstaad trotz über hundertjähriger Tourismusgeschichte mit diesem Projekt auch wieder einmal Pioniergeist zeigen.

Bilder statt Texte «Mit dem Projekt wollen wir auf eine neue Art mit unseren Gästen und an der Destination Interessierten in direktem Kontakt bleiben. Im Zentrum steht dabei die Vermittlung von Emotionen», sagt Kerstin Sonnekalb, Kommunikationsleiterin von Gstaad Saanenland Tourismus. Da dies mit Bildern einfacher funktioniere als mit Texten, sei Instagram eine perfekte Plattform dafür. Auf die Platzierung von Produktwerbung werde explizit verzichtet. «Der Nutzen des Projektes lässt

«Das langweilt die Leute» Darum geht es auch Paul Peyer. Der Besitzer der Saanewald Lodge ist der eigentliche Initiant des Kommunikationsprojektes. «Ich probiere einfach gerne neue Dinge aus. Manchmal funktionieren sie, manchmal nicht. Das Instagram-Projekt ist genau so etwas», sagt Peyer. Er rechne daher auch nicht damit, dass die virtuellen Likes, also Bewertungen der Bilder, direkt in Logiernächte transferiert werden könnten. «Aber die Sichtbarkeit unserer Lodge und des Saanenlandes wird sicherlich

erhöht.» Peyer hat sich denn auch um die Auswahl der eingeladenen Instagramers gekümmert. Im Vordergrund seien dabei erstens der Fotostil, zweitens die Herkunft und erst drittens die Anzahl Followers gestanden, sagt Peyer. Und weiter: «Es war sicher kein wissenschaftliches Auswahlverfahren.» Nichtsdestotrotz seien gerade bei der Herkunft der eingeladenen Gäste die Zielmärkte der Destination berücksichtigt worden. Eine Entschädigung für ihre Arbeit würden die Instagramers nicht erhalten. Die Reise und der Aufenthalt würden jedoch bezahlt. Für die Instagramers gebe es aber auch keine Einschränkungen, was sie am Wochenenden fotografieren würden. Peyer habe einzig von Anfang an gesagt, dass er nicht unzählige Fotos von der Saanewald Lodge sehen wolle. «Das langweilt die Leute nur.» Marius Aschwanden

INSTAGRAM UND CO.

Social Media Das Fotonetzwerk Instagram gehört zu den sozialen Medien. Solche ermöglichen Nutzern, sich im Internet untereinander auszutauschen und mediale Inhalte einzeln oder in Gemeinschaft zu erstellen. Bei Instagram funktioniert dieser Austausch hauptsächlich über Fotos. Die Nutzer erstellen diese mit ihren Smartphones und können die Bilder anschliessend über das Internet anderen innerhalb von Sekunden zugänglich machen. Instagram hatte im September 2013 nach eigenen Angaben 150 Millionen aktive Nutzer. Anders funktioniert etwa die Social-Media-Plattform Twitter: Diese hat sich auf die Verbreitung von Textnachrichten spezialisiert. Nach eigenen Angaben hat Twitter 241 Millionen aktive Nutzer. Die berühmteste Social-Media-Plattform ist aber Facebook. Zusammen mit 1,23 Milliarden aktiven Nutzern feierte Facebook diese Woche sein zehnjähriges Bestehen. mab

«Kundenbeziehungen aufbauen»

Wie beurteilen Sie den Nutzen des Marketingprojekts «The Gstaad Slow Life Experience»? Manuel Nappo: Ich kann mir vorstellen, dass der Nutzen im Vergleich mit dem Aufwand ziemlich gross sein könnte. Schliesslich ist es der Nutzer selber, der den grössten Teil der Arbeit verrichtet. Zudem wird ein neuer Weg auf einer alternativen Plattform zu Facebook gewählt. Bei Instagram können mithilfe der Hashtags (Stichworte) auch Bilder von Nutzern angesehen werden, welchen ich selber gar nicht folge. Auf Facebook ist das anders. Meines Wissens ist es zudem das erste Mal, dass in der Schweiz ein solches Projekt umgesetzt wird. Welcher konkrete Nutzen besteht denn nun für die Initianten? Imagewerbung steht sicher im Vordergrund. Gstaad kann sich als moderner, kreativer Ort präsentieren. Zudem kann aber auch bereits damit begonnen werden, potenzielle Neukunden abzuholen. Möglicherweise stellen In-

Claudius Jezella

Neues Rezept für Des-Alpes-Suppe

W

as macht die kluge Hausfrau, wenn etwas in ihren Töpfen überzukochen droht? – Deckel auf, Dampf ablassen. Genau das haben die Interlakner Gemeindeköche aber leider verpasst bei der Zubereitung ihrer Des-Alpes-Suppe, nachdem einige Projektgegner ihnen in ebendiese gespuckt hatten. Wichtiger Wohnraum und die Zukunft des Kongressstandorts hier, der Ausverkauf des Filetstücks am Höheweg unter Preis und ein bedrohter Mammutbaum dort – das Thema wurde in den vergangenen Wochen von Befürwortern und Gegnern so hochgekocht, dass das Ergebnis der morgigen Abstimmung für die Verlierer absolut ungeniessbar sein wird. Und was würde also die erfahrene Hausfrau an dieser Stelle unternehmen? – Wegschütten, was nicht mehr zu retten ist, und ein neues Menü kreieren, das beiden Gruppen schmeckt. Also, mal sehen: Man müsste Übernachtungsmöglichkeiten schaffen, aber gleichzeitig den Naherholungscharakter mit Wiese und Mammutbaum erhalten. Der Neubau darf nicht zu viel kosten, weil das Investoren abschreckt, muss aber gleichzeitig genug Geld in die Gemeindekassen spülen.

So präsentiert sich Gstaad Saanenland Tourismus auf dem Fotonetzwerk Instagram.

Projekte wie «The Gstaad Slow Life Experience» seien die Zukunft des Marketings. Manuel Nappo, Leiter Fachstelle Social Media an der Hochschule für Wirtschaft Zürich, sagt, wieso.

3

stagram-Nutzer, welche die Bilder sehen, im Netzwerk Fragen: «Beautiful, where ist this?» etwa. Darauf müssen die Verantwortlichen dann eingehen. Liegt die Zukunft des Marketings in solchen Projekten? Insofern ja, als dass man in Zukunft immer mehr um den einzelnen Kunden buhlen muss. Dank den sozialen Medien können alle Nutzer im Internet ihre Bedürfnisse kundtun. Auf diese müssen die Organisationen reagieren und Beziehungen zu den potenziellen Kunden aufbauen. Zudem darf nicht vergessen werden: In den Städten hat es meistens keinen Schnee, somit habe ich auch keine Lust zum Skifahren. Sehe ich aber in den sozialen Medien, dass im Skigebiet super Bedingungen herrschen, dann überlege ich es mir noch einmal. Eine solche Verbindung kann ohne Digitalisierung nicht erzeugt werden.

Manuel Nappo Leiter Fachstelle Social Media HWZ

Wie wichtig sind dabei bildbasierte Plattformen wie Instagram? Sie werden immer wichtiger. Diese Plattformen liefern einen direkten, unvermittelten und vom Nutzer generierten Status quo. Was geschieht, wenn auf solchen Plattformen Bilder kursieren, die eine Destination nicht von ihrer schönsten Seite zeigen? Dann wäre dies eine grossartige Chance, etwas zu verbessern. Eine vollkommene Destination gibt es nicht. Wenn etwas Unvorteilhaftes verbreitet wird, ist es wichtig, dass die Organisation kommuniziert, das Problem erkannt zu haben und etwas zu unternehmen. Aber auch wenn das Problem nicht gelöst werden kann, ist dies eine Chance. Dann muss halt erklärt werden, wieso es keine Lösung gibt. Müssen Tourismusorganisationen heute in sozialen Medien präsent sein? Ich bin der Meinung, dass soziale Medien für Tourismusorganisationen im globalen Markt mit einer netzaffinen Zielgruppe unumgänglich sind. Soziale Medien sind das günstigste globale Kommunikationsmittel. Marius Aschwanden

Screenshot

SOCIAL MEDIA BEI DEN TOURISMUSORGANISATIONEN

Unterschiede Soziale Medien spielen im Marketing der Tourismusdestinationen im Berner Oberland unterschiedliche Rollen. Alle Destinationen unterhalten zwar mindestens eine Facebook-Seite, manche sind aber auch auf bis zu fünf Plattformen präsent. Allgemein werden über soziale Medien vor allem aktuelle Bilder, Hinweise auf Veranstaltungen, Angebote oder Ausflugsziele kommuniziert. Durchwegs wird dabei Facebook als wichtigste Plattform eingeschätzt. Die Anzahl Likes (Personen, welche die jeweilige Tourismusseite verfolgen) variiert aber gewaltig: Die Dachmarke Interlaken kommt mit ihren drei Seiten auf gesamthaft 36 000 Likes. Social Media werden hier aber auch «als integraler Bestandteil der Kommunikation und des Marketings verstanden», sagt die Kommunikationsverantwortliche Bettina Bhend. Gegenüber klassischem Marketing sieht Bhend vor allem Vorteile in der Unmittelbarkeit, der Interaktivität in Echtzeit und der dialogischen Struktur der sozialen Medien. Am unteren Ende in Sachen Facebook-Likes steht Lenk-Simmental Tourismus mit 1700 (über zwei Seiten), gefolgt von Kandersteg Tourismus mit 2200 Likes. Der Marketingleiter von

Lenk-Simmental Tourismus, Eric Berset, räumt den sozialen Medien aber auch eine «eher untergeordnete Rolle» ein. «Wir versuchen mit relativ geringem personellem Aufwand eine möglichst positive Wirkung zu erzielen», sagt Berset. Und Kandersteg Tourismus habe eben erst die Aufgaben von Kandertal Tourismus übernommen, erklärt Geschäftsführerin Doris Wandfluh. «Wir sind dabei erst im Aufbau», sagt Wandfluh. Bei Haslital Tourismus seien die sozialen Medien wichtig, würden aber eine untergeordnete Rolle spielen. Pascal Spiess, Marken- und Produktmanager, sagt: «Der grösste Hipe ist bereits vorbei. Die Nutzergruppen verändern sich.» Urs Pfenninger, Resortmanager bei Adelboden-Frutigen Tourismus, hingegen ist der Meinung: «Soziale Medien sind im heutigen Kommunikationsmix nicht mehr wegzudenken.» Trotzdem wird derzeit nur Facebook bedient. Mit fünf Plattformen ist die Jungfrau Region im Oberland auf den meisten sozialen Medien präsent. Zudem seien weitere Auftritte geplant, sagt Marketingleiter Stephan Römer. Insbesondere Foto- und Videoplattformen würden immer mehr an Glaubwürdigkeit und Gewicht gewinnen. mab

So, dann alles gut umrühren und fertig: Auf das Des-Alpes-Gelände zaubert die Küchenfee ein Zeltdorf, das die Umwelt schont und dazu die verschiedensten Gruppen anlockt: Familien mit kleinem Geldbeutel, Geschäftsleute, die nach einem harten Kongresstag unter Neonlicht den freien Blick in den Sternenhimmel geniessen, Pärchen, die die Lagerfeuerromantik schätzen, sowie Adventure-Freaks beim Extreme Tending. Die eurogeplagten Gäste aus Deutschland und Holland lassen sich mit ein paar Caravan-Stellplätzen zurückgewinnen, gleich neben dem Platz, der für die Berner Stadtnomaden reserviert ist. Und mit der Jurtenburg in der Mitte des Areals wollen die Marketingstrategen einen riesigen Markt erschliessen, der bisher völlig brach liegt: die vielen Nomadenvölker dieser Erde, die dann über den Feuerstellen ihr eigenes Des-Alpes-Süppchen kochen. Guten Appetit! Mail: c.jezella@bom.ch

In Kürze ZWEISIMMEN

Ausschuss gebildet Nach dem Kauf des Areals an der Thunstrasse wurde vom Gemeinderat ein Bauausschuss zur Weiterverfolgung des Projektes «Neubau Feuerwehrmagazin» gebildet. Dieser soll dem Rat die Anträge für das weitere Vorgehen unterbreiten. Dem Ausschuss gehören Martin Sulliger, Departement Sicherheit, Ernst Hodel, Departement Finanzen, Peter Allemann, Kdt Feuerwehr, Bernhard Fähndrich, Chef Ölwehr, und Markus Kunz an. pd

Emotionen auf der digitalen Ebene  

TOURISMUSORGANISATIONEN IM INTERNET - Berner Oberländner