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N r 68 März 2017 www.mannschaft.com schwul ist cool

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EUR 6.50

Keine Angst vor dem Kochen Seite 20

USA: Ein Land rebelliert Seite 58 Schule und Vielfalt Ab Seite 26


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März 2017


EDITORIAL

Mannschafts Umkleide

Ein Blick in unsere Redaktion

Herr Bossart ist unser neuer Experte für Stil- und Modefragen, der sich monatlich zu Wort melden wird. In dieser Ausgabe: Wie man sich für ein stilvolles Dinner kleidet.

→ Seite 18

LIEBER LESER

Robin Schmerer ist unser neuer Serien­ junkie! Der Frankfurter versorgt dich regel­ mässig mit aktuellen Neuigkeiten und LGBT -Inhalten aus der Welt der Serien.

→ Seite 52

MANNSCHAFT MAGAZIN März 2016

N r 68 März 2017 www.mannschaft.com schwul ist cool

März 2017

9 771664 626042

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CHF 8.00

Keine Angst vor dem Kochen Seite 20

USA: Ein Land rebelliert Seite 58

Nun wünsche ich dir eine unterhaltsame Lektüre mit der neuen Mannschaft und danke dir für deine Treue.

Schulen und Vielfalt Ab Seite 26

Foto: Patrick Mettraux

Wir sind aus dem Winterschlaf erwacht und melden uns zurück mit der März-Ausgabe. Wir waren jedoch nicht untätig und haben hinter den Kulissen fleissig an unseren Rubriken gearbeitet. Es freut mich daher ausserordentlich, dass wir die Mannschaft um drei Redaktoren und eine Illustratorin erweitern können. Im Teil «Männersache» greift Herr Bossart monatlich Themen zu Mode und Stil auf. In «Horizont» darf ich Robin Schmerer begrüssen, unseren neuen Experten für Web- und TV -Serien. Im «Szene»-Teil nimmt sich Marco Pellet als neuer Ratgeber eurer Fragen, Sorgen und Bedenken rund um den schwulen Alltag an. Diesen Monat geht es um die Begrüssungsküsschen, die sich schwule Männer gerne zu geben pflegen. Die witzige Illustration dazu liefert Melanie Carrera, die nach zu langer Abwesenheit endlich wieder für uns zeichnet. Von der ersten Ausgabe an war sie dabei, bis sie aufgrund ihrer Weiterbildung eine Pause einlegen musste. An dieser Stelle also ein ganz herzliches Willkommen zurück! Haben einige von euch vielleicht einen Neujahrsvorsatz gefasst? Etwa «gesünder essen»? Falls dieser jetzt, knapp zwei Monate im neuen Jahr, bereits verdrängt und vergessen ist, will ich dir keine Standpauke halten. Aber vielleicht einen anderen Ansatz liefern. In seinem Porträt zeigt uns der Koch Lazaros Kapageoroglou verschiedene Möglichkeiten auf, wie wir unsere Ernährung schrittweise und ohne in Extreme zu gehen bewusster gestalten können. → Seite 20 Redakteur Markus Stehle widmet sich im Rahmen von mehreren Beiträgen dem Thema Vielfalt und Integration an Schulen. Als Beispiel nimmt er Schweden und kommt dabei zu interessanten Erkenntnissen. → Seite 26

Foto: Nora Heinisch

Greg Zwygart Chefredakteur März 2017

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INHALTSVERZEICHNIS

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«Jeder kann kochen»

Editorial

MANNSCHAFT+ 6 – 12

Arts, Brands, Community, Drink & Eat

Kein Essen schmeckt so gut und ist so gesund wie selbst gekochtes, findet Lazaros Kapageoroglou. Seit er denken kann, dreht sich sein Alltag um frische Zutaten und deren Zubereitung. Mit seinem Blog will der 30-Jährige nun andere für das Kochen begeistern.

33

«Natürlichkeit – das ist das A und O»

Community: «No discrimination, please!», Seite 8.

MÄNNERSACHE

HORIZONT 38

Interview: Saleem Haddad

16

«Lauftraining im Winter – geht das?» Stil mit Bossart: Besser angezogen fürs stilvolle Dinner

19

Grooming: Hol die Masken raus!

30

Akzeptanz von Homosexuellen – mehr Schein als Sein?

4

März 2017

Bild: Immanuel Brändemo

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Gelebte Gleichheit im hohen Norden

42

Kolumne Harlekin

43

Blattkritik: «Woche heute»


INHALTSVERZEICHNIS

44

Reisefieber: Rajasthan

50

Film/DVD

52

Serienjunkie

IMPRESSUM

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fels: Eine Bereicherung des Alltags

67

5 Fragen: Martin Wolkner

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54

Nachtleben

Marco spricht Klartext

56

5 Fragen: Abdiel Montes de Oca

SZENE 58

Ein Land rebelliert

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Dating: Die Geister, die er nicht rief

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Stefan Kaufmann

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World News

MANNSCHAFT MAGAZIN Nr. 68, März 2017 Internationale Ausgabe HERAUSGEBER Lautes Haus GmbH Brunnhofweg 47, CH -3007 Bern mannschaft.com kontakt@mannschaft.com redaktion@mannschaft.com REDAKTION   Greg Zwygart, Markus Stehle, Thomas Künzi, Christina Kipshoven LAYOUT & DESIGN   Eclat, Greg Zwygart, Olivier Bucher BILDREDAKTION   Raffi P.N. Falchi KORREKTORAT This Fetzer, Schaumkino TEXT   Thomas Abeltshauser, Michel Bossart, Andreas Gurtner, Christina Kipshoven, Thomas Künzi, Markus Stehle, Stephan Lücke, Frank Richter, Robin Schmerer, Patrick Schneller, Curdin Seeli, Greg Zwygart ANZEIGENVERKAUF   werbung@mannschaft.com

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Tel.: +41 31 534 18 30

Comic

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DAS PATENPROJEKT

ABOSERVICE   Mannschaft Magazin ist im Abonnement (EUR 59/Jahr) sowie im Spezialabo für Studierende/Lernende (EUR 39/Jahr) erhältlich. mannschaft.com/abonnieren AUFLAGE   20 000 für Deutschland und die Schweiz DRUCK Kolofon Group, kolofon.eu Jegliche Wiedergabe und Vervielfältigung von Artikeln und Bildern ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion gestattet. Die nächste Mannschaft erscheint am 29. März 2017.

März 2017

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MANNSCHAFT+

ARTS

Schwule in der U-Bahn Umgeben von Heteros Am 14. und 15. März zeigt das Berner «Uncut»-Kino das argentinische Drama «Taekwondo». Der Film spielt in einem grossen Ferienhaus in einem vornehmen Vorort von Buenos Aires. Die Atmosphäre könnte männlich-heterosexueller nicht sein. Fernando und seine Kumpels geniessen die Auszeit von ihren Freundinnen, lassen Machosprüche

fallen, rauchen und saufen. Als Aussenseiter stösst Germán, ein Bekannter aus Fernandos Taekwondo-Kurs, zur Gruppe. Dass dieser schwul ist und aus der Reihe tanzt, scheinen Fernandos Freunde zunächst nicht zu bemerken. Auch nicht, dass sich zwischen Fernando und Germán etwas mehr als nur Freundschaft entwickelt.

— gaybern.ch/uncut

Neues Buch In den Achtzigerjahren wurde queerer Aktivismus als Selbstbehauptung der Unangepassten verstanden – Schwule, Lesben und Transmenschen. Seither hat sich der Begriff «Queer» weiterentwickelt und umfasst heute Konzepte wie «Critical Whiteness», «Homonormativität» und «kulturelle Aneignung». Zu diesen Themen äussern sich mehr als zwanzig Autorinnen und Autoren im Sammelband «Beiss­reflexe», der am 1. März erscheint.

— queerverlag.de

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März 2017

Am 1. Januar wurden in New York City zusammen mit einer neuen U-Bahn-Linie auch mehrere U-Bahn-Stationen eröffnet. In derjenigen der 72. Strasse ziert die Installation «Perfect Strangers» («Perfekte Fremde») von Künstler Vik Muniz die Wände. Die Mosaikporträts sollen echte Menschen darstellen, denen man im Pendleralltag so begegnet. Unter ihnen: Ein Händchen haltendes Männerpaar. Dabei handelt es sich um die New Yorker Thor Stockman und Patrick Kellogg, die seit drei Jahren verheiratet sind.

«Tom of Finland»-  Ausstellung Hypermaskuline Männer in Uniform, Leder und Stiefeln – die Zeichnungen von «Tom of Finland» sind unverkennbar. Zeitgleich finden in Berlin zwei Ausstellungen zu Touko Laaksonen, dem Mann hinter dem Pseudonym, statt. Bis zum 15. April geht die Galerie Judin im Rahmen von «Ecce Homo» der stilistischen und motivischen Entwicklung von

Laasksonens Arbeit nach. Die Ausstellung «Loves and Lives» im Salon Dahlmann zeigt bis zum 6. Mai anhand von Briefen, Fotografien und Spätwerken aus Privatbesitz, wie aus dem begabten Werbegrafiker eine international erfolgreiche Marke mit politischer Strahlkraft wurde.

— galeriejudin.com — salon-dahlmann.de


die schwule Seemannsparty die lesbische Seefrauparty Sebastien Triumph

Zootboy Sa 1. April 2017, 22 UHR Bierhübeli, Bern www.haddockparty.ch März 2017

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MANNSCHAFT+

BRANDS

Levi's: 501  wird skinny Die Levi’s 501 ist der beliebteste Schnitt der amerikanischen Jeansmarke. Diese wurde nun um eine «Skinny»-­ Variante erweitert. Die 501 Skinny ist schmaler geschnitten und ist sowohl in schwarz als auch im klassischen Jeansblau erhältlich.

Wir verlosen Toys von Fun Factory! Zum 20. Geburtstag des Erotikspielzeugherstellers «Fun Factory» verlosen wir drei aufregende Toy-Sets. Mit dabei: Der «Cobra Libre II», der als neuste Innovation für den Mann gilt. Das Unternehmen ist für Spielzeug in allen

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März 2017

Formen und Farben bekannt und stellt sein gesamtes Sortiment in Deutschland her, durchschnittlich sind das 3000 Toys pro Tag. Mehr Infos zu den Toy-Sets und zur Verlosung gibts auf dem Web: – mannschaft.com

Airbnb setzt auf Vielfalt

H&M-Kollektion mit TheWeeknd

Im Februar lancierte die Vermietungsplattform Airbnb ihre Kampagne «#weaccept» («wir akzeptieren»). Zu sehen sind Menschen unterschiedlicher Herkunft. Eine Stimme sagt: «Egal, wer du bist, woher du kommst, wen du liebst oder woran du glaubst – wir bei Airbnb teilen die Ansicht, dass jeder Mensch das Gefühl haben sollte, von anderen angenommen und akzeptiert zu werden.» Der Werbespot feierte Premiere am Super Bowl in den USA und erreichte so ein Publikum von über 100 Millionen Menschen.

Der Frühling klopft an! Für H&M hat der Sänger The Weeknd verschiedene Streetwear-Styles ausgewählt. Es war ihm wichtig, «Bomberjacken und Hoodies mit eleganten Hemden und Blazern zu kombinieren», sagt Abel Tesfaye alias The Weeknd zur Auswahl der verschiedenen Teile. Die Kollektion mit dem Namen «Spring Icons selected by The Weeknd» ist ab dem 2. März in allen H&M-­ Stores mit Herrenmode sowie online erhältlich. – hm.com


gaycity.ch

Where to go in the little big city 1

MOUSTACHE Die Sauna für Männer Engelstrasse 4 www.moustache.ch (Nachtsauna jeden Fr / Sa)

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HUUSMAA Kafi – Reschti – Bar Badenerstrasse 138 044 241 11 18 www.huusmaa.ch Sa & So Brunch 10:00 – 15:00

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MÄNNERZONE Shop & Bar Kernstrasse 57 www.maennerzone.ch

ON E.C H

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LES GARÇONS Bar/Tanzbar Kernstrasse 60 www.garcons.ch Täglich geöffnet ab 18.30 Uhr

MA EN NE RZ

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BEAUTY LOUNGE FOR MEN Haarentfernung, Kosm etik, Anti-Aging und Bodyforming Kalkbreitestrasse 42 www.marciomf.ch 079 533 41 01

MED. DENT. KLAAS FRIEDEL Heinrichstrasse 239 yss-Platz Mit Tram ab 4/13/17 bis Escher-W www.swissdentalcenter.ch 043 444 74 00

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CHECKPOINT Gesundheitszentrum Konradstrasse 1 www.checkpoint-zh.ch 044 455 59 10

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DANIEL H. Bar-Restaurant Müllerstrasse 51 8004 Zürich 044 241 41 78 www.danielh.ch

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PARACELSUS Apotheke & Drogerie Langstrasse 122 paracelsus@bluewin.ch 044 240 24 05

LEONHARDSAPOTHEKE Stampfenbachstr. 7 www.leonhards.apotheke.ch 044 252 44 20

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MACHO City Shop Häringstrasse 16 www.macho.ch

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PARAGONYA Wellness Club Mühlegasse 11 www.paragonya.ch

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PREDIGERHOF bistro – bar Mühlegasse 15 www.predigerhof.ch

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TIP TOP BAR Die Schlager Bar Seilergraben 13 www.tip-top-bar.ch Dienstag – Samstag ab 18.30 Uhr

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CRANBERRY Bar Metzgergasse 3 www.cranberry.ch

Interesse in diesem Inserat aufgeführt zu sein? Anfragen an: info@zbiro.ch

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MANNSCHAFT+

COMMUNITY

Die Schweiz lockert Blutspendeverbot Männern hatten. «Vermutlich werden nicht viele schwule Männer davon profitieren können», anerkennt die Blutspende SRK Schweiz. Laut deren Direktor Rudolf Schwab sei die Lösung aber ein erster Schritt «weg von einer Regelung, die viele zu Recht als diskriminierend betrachten».

Die Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung hält nichts von Gesetzen, die auf der Grundlage der Religionsfreiheit eine Diskriminierung von LGBT-­ Menschen erlauben. Dies ergab eine Analyse des «Public Religion Research Institute», das im vergangenen Jahr über 40 000 Personen interviewte. Gemäss den Ergebnissen sind mehr als 60 % der Befragten dagegen, dass Geschäfte sich auf religiöse Überzeugungen berufen dürfen, um ihre Dienstleistungen gegenüber LGBT-Personen verweigern zu können. Genau dies fordern konservative Republikaner seit Längerem. Des Weiteren ergab die Studie, dass 58 % der US-Bevölkerung die Eheöffnung für gleichgeschlechtliche Paare befürwortet.

© Pit Pony

Ab dem 1. Juli 2017 werden in der Schweiz neu auch Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), zur Blutspende zugelassen. Was im ersten Moment gut klingt, hat einen Haken: Blut dürfen ab Juli nur jene MSM geben, die in den vorausgegangenen zwölf Monaten keine sexuellen Kontakte mit anderen

«No discrimination, please!»

Hessentag: RapNacht abgesagt Die Stadt Rüsselsheim hat Anfang Februar die Rap-Nacht am diesjährigen Hessentag im Juni abgesagt. Grund dafür war der geplante Auftritt von Kollegah (Bild) und Farid Bang. Den Rappern wird Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Gewaltverherrlichung in ihren Texten vorgeworfen. Der Lesben- und Schwulenverband Hessen begrüsste den Entscheid der Verantwortlichen. In einem offenen Brief hatte er die Texte der Rapper kritisiert.

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App für CSD Stuttgart Der CSD Stuttgart hat seine eigene App lanciert für iOS und Android. Nebst einem umfangreichen Terminkalender können bis zum Event Lagepläne und Programm­abläufe der CSD-Parade abgerufen werden. Ebenso kann man virtuell im Programm­heft blättern.


Wir sind die neue Generation schwuler Männer. Gefällt dir unser Magazin? Mit einem Abo unterstützt du unsere Arbeit und bekommst die Mannschaft monatlich bequem nach Hause geschickt. Werde jetzt Teil der Mannschaft! → mannschaft.com/abonnieren

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MANNSCHAFT+

DRINK/EAT

Vielfältige Limonaden

Das beste Chili  für die LGBT-Jugend Wer kocht das beste Chili con Carne? Ende Januar fand in Lantana im US-Bundesstaat Florida zum fünften Mal das «Gay Chili Cook-off» statt. Verschiedene LGBT-Bars aus der Region kochen, die Besucher kosten und geben ihren Favoriten die Stimme.

«Thomas Henry» steht für ausgefallene Bitterlimonaden, von «Elderflower Tonic» und «Spicy Ginger» hin zu «Mystic Mango» und «Ultimate Grape­fruit». Dahinter steckt ein junges deutsches Unternehmen, das mit seinen ausgefallenen Kompositionen Cocktails neu definieren will.

— thomas-henry.de

Gewonnen hat die «Mad Hatter Lounge», eine LGBTBar aus dem benachbarten Lake Worth. Der Erlös des Anlasses – dieses Jahr waren es 3000 US-Dollar – kommt jeweils dem Jugendprogramm der LGBT-Organisation «Compass» zugute.

Die mobile Bar Slow Food Market Slow Food steht für lokale Lebensmittelspeziali­ täten direkt vom Produzenten. Vom 10. bis 12. März findet der «Slow Food Market» in Bern statt. Besuchende erhalten die Möglichkeit, sich bei den über 180 Ausstellern über Angebote, Traditionen und Herstellungsmethoden zu informieren. Jeweils am Nachmittag bereiten regionale Chefköche in der offenen Showküche diverse Gerichte zu.

— slowfoodmarketbern.ch

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Die drei Jungs von «Zurich-Montreal» hauchen alten, ausgedienten Kisten und Überseekoffern neues Leben ein. Sie versehen sie mit Rädern und montieren im Innern Regale, so dass sie als Barkoffer eine neue Bestimmung finden, passend fürs Wohn- und Esszimmer. Auf Wunsch verwandelt das Team auch eigene Koffer in eine Bar auf Rädern.

— zurichmontreal.ch


LOGOWAND

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Werden Sie Partner der Mannschaft. werbung@mannschaft.com 031 534 18 30 März 2017

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DO YOU WA N T TO C H AN G E POS IT ION?

* KAOSPILOTS SWITZERLAND is a school for creative leaders, responsible entrepreneurs and change makers. www.kaospilots.ch

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MÄNNERSACHE

20 «Jeder kann kochen» 26 Gelebte Gleichheit … März 2017

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MÄNNERSACHE – Sport

m i g n i n i » a ? r t s f a «Lau r – geht d e t n i W Nach seinem Bericht zum New-York-Marathon hat Greg Zwygart viele E-Mails mit Fragen und Anregungen rund ums Thema Laufen erhalten. ast nell h h c s «Wie dich vom ?» du rholt hon e t a r a M Die Erholungsphase verlief erstaunlich gut. Klar, bin ich den darauffolgenden Tagen etwas gehumpelt, aber regeneriert habe ich mich überraschend schnell. Ich habe mich dabei an die Empfehlungen meiner Laufgruppe und meines Trainingsplans gehalten. Will heissen: Kein Laufen in den ersten vierzehn Tagen nach dem Marathon. Danach eine gemächliche Wiederaufnahme des gewohnten Lauftrainings, ohne dabei grosse Distanzen in Angriff nehmen zu wollen.

in du deinter t s a H « W » ng im Traini rbrochen? e t n u Ich habe mich lange als Schönwetterläufer bezeichnet. Schon nur bei leichtem Niesel­ regen oder bei Temperaturen unter 5 Grad habe ich meine Laufschuhe links liegen lassen. Das hat sich mit meinem Marathontraining geändert. Wieso sollte ich meine wertvolle Kondition nur wegen ein bisschen Nässe und Kälte aufs Spiel setzen, um dann im Frühling wieder von vorne zu beginnen? Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe im Winter nicht so intensiv trainiert wie vor dem Marathon im November, bin aber wöchentlich mindestens einmal joggen gegangen, um meine Kondition zu erhalten.

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Frontrunners in deiner Nähe

r du mi t s e d «Wür Marathon einen fehlen?» emp

Das Training in einer LGBT -Laufgruppe ist motivierend und erleichtert einem Anfänger den Einstieg in den Laufsport.

DEUTSCHLAND Berlin Frontrunners

vorspiel-berlin.de Letztendlich bist du derjenige, der die letzten Kilometer unter deine Füsse bringen muss. Wie gut du am grossen Tag trainiert bist, kannst nur du selber beeinflussen. Wähl einen Trainingsplan, der deiner Ausdauer und deiner Kondition entspricht, und plan dir zusätzliche vier Wochen ein für unvorhergesehene Zwischenfälle. (Bei mir war das ein lästiger Wespenstich am Fuss). Für deinen Seelenfrieden empfehle ich dir, im Rahmen deines Marathontrainings mindestens zwei Läufe über 33 Kilometer zu absolvieren. Wenn du am Marathon selber spürst, dass es einfach nicht mehr geht, ist es keine Schande, diesen abzubrechen. Lieber frustriert aufgeben und für den nächsten trainieren, als vor dem Ziel zuammenzuklappen.

Frontrunners Cologne

frontrun.de Hamburg Frontrunners

startschuss.org Hannover Frontrunners

leinebagger.de Team München

teammuenchen.de Abseitz Stuttgart Laufgruppe

abseitz.de SCHWEIZ Bern Frontrunners

frontrunners.ch Zürich Frontrunners

meetup.com/Front-Runners


MÄNNERSACHE — Sport

ei ich, b n l r h ä f ge ure «Ist esstemperat ?» Minu trainieren zu Joggen bei Minustemperaturen kann die Lunge gefrieren lassen, besagt die Grossstadtlegende. Dem ist natürlich nicht so. Die Luft wird von der Luftröhre erwärmt, bevor sie die Lunge erreicht. Sehr kalte und trockene Luft kann die Atemwege dennoch reizen. Abhilfe schafft ein Mundschutz, um die eingeatmete Luft zu befeuchten und zu erwärmen. Es versteht sich von selbst, dass man sich bei klirrender Kälte entsprechend warm anziehen muss, um Frostbeulen zu vermeiden. Die grösste Gefahr beim Laufen im Winter sind nicht etwa Minustemperaturen, sondern Schnee und Glatteis. Die Verletzungsgefahr ist hier ziemlich hoch. Unter diesen Umständen das Lauftraining unbedingt vom Freien auf das Laufband ins Fitnesscenter verlegen oder gleich einen Ruhetag einlegen.

er App h c l e «Mit wierst du?» train Ein Leser machte mich darauf aufmerksam, dass ich immer wieder von meinem «tollen Trainingsplan» schwärmte, die dazugehörige App jedoch nicht mit einem Wort erwähnte. Es ist natürlich nicht so, dass ich dieses Geheimnis für mich behalten will. Ich habe mit der App «Runkeeper» trainiert. Dabei kann man Trainings für verschiedene Distanzen wählen oder sich ein bestimmtes Ziel setzen, etwa «abnehmen» oder «schneller werden.» Ein sehr angenehmes Feature dieser App ist die Möglichkeit, Trainings im Kalender neu zu terminieren, falls du an einem Datum verhindert bist. Die Trainingspläne sind auch in der kostenlosen Version der App möglich, vertiefte Analysen gibts jedoch erst mit dem kostenpflichtigen Abo. Mein Tipp: Zuerst mit der Gratisversion der App trainieren. Wer mit der App einen persönlichen Rekord aufstellt, erhält einen Rabattcode für die Premium-Version der App.

en s geh t e k c ro «Snot gar nicht!» ja In meinem Bericht habe ich von der Fähigkeit vieler Läuferinnen und Läufer «geschwärmt», die ihre Nase ohne Taschentuch mit einem kräftigen Atemstoss auf den Boden entleeren können, da der Schweiss mitgeführte Taschentücher ziemlich schnell unbrauchbar werden lässt. Das «appetitliche» Produkt nennt sich «Snotrocket», «Rotzrakete» auf gut Deutsch. Nun erreichte mich die – zu Recht – angewiderte Nachricht eines Nichtläufers aus München, der direkt am Olympiapark wohnt und dabei oft ungewollter Zeuge von Läuferinnen und Läufern und ihren Rotzraketen wird. Seine Bitte an die Laufgemeinschaft: «Legt euch Stofftaschentücher zu, die sich waschen lassen, damit wir uns das nicht mehr mitansehen müssen!» Ich stimme ihm völlig zu und entschuldige mich an dieser Stelle für meine ungezogenen Lauffreunde. Wer Rotzraketen bläst, soll dies in ein Stofftaschentuch tun oder ungesehen auf den Naturboden ausserhalb der Stadt. ANZEIGE

Dein Institut für Kosmetik, Massagen, dauerhafte Haarentfernung mit Diodenlaser, auch Sugaring oder Wachs fühle dich wohl in meinem besonderen Ambiente ich widme dir Zeit – nur für dich – lass dich verwöhnen ich unterstütze dich mit Leidenschaft auf deinem Weg zum Wohlbefinden, Selbstbewusstsein, positiver Ausstrahlung und Lebensbalance

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MÄNNERSACHE

STIL MIT BOSSART

Besser angezogen fürs stilvolle Dinner

M

an(n) greift zu Hemd und Jackett. Soll es mit Krawatte sein, so hat das Hemd keinen Button-­ Down-Kragen und die Krawatte, auch wenn sie von Hermès sein sollte, keine Tierchen oder sonst lustigen Motive drauf. Besser als die steife Krawatte ist ohnehin ein feines Halstuch, das schön gebunden im Kragen und Hemd versorgt getragen wird. Keine wehender Schal bitte; bei Grace Kelly war das hübsch, bei Ihnen ist es das nicht. Jeans sind in Ordnung, sofern Sie in Europa und nicht in einem Fünfsternehotel sind. Zweifler greifen lieber zur dunklen Stoffhose im Schrank. Ob Jeans, ob Stoff: Der Mann mit Stil trägt dazu Lederschuhe, und zwar ohne fürchterliche Gummisohlen. Herr Bossart kann nicht verstehen, warum es überhaupt erlaubt ist, Lederschuhe mit klobigen Gummisohlen herzustellen. Ab 18 Uhr sind Schuhe und Gurt des feinen Herrn in der Regel schwarz. Einem Mann gönnt man drei Accessoires. Verheirate Brillenträger müssen sich nichts überlegen: Uhr, Brille und Ehering – der Mann ist geschmückt. Und ja, das Leben ist gemein. Zu den Socken. Damit kann man ein Outfit so richtig aufpeppen oder komplett ruinieren. Wer unsicher ist, der mache nichts falsch und trage schwarze Socken. Farbige Socken sind okay, wenn sie unifarben sind und die Farbe irgendwo im Outfit nochmals vorkommt (Jackett, Krawatte, Halstuch, Einstecktuch). Strenge geometrische Muster und Vielfarbigkeit im gleichen Ton gehen. Bitte, bitte unbedingt – wie bei der Krawatte – auf lustige Motive verzichten. Smileys, Blümchen und so ... Das findet vielleicht das Patenkind lustig, alle andern schämen sich für Sie. Wirklich.

Bei Grace Kelly war der wehende Schal hübsch, bei Ihnen ist es das nicht.

Haben Sie eine Frage zu Stil? Fragen Sie Herrn Bossart. Er weiss Rat. bossart@mannschaft.com

Herr Bossarts Tipps Hemd, Socken und Einstecktuch aus fair gehandelter Baumwolle, biologisch, nachhaltig und im stilvollen Desgin bietet Carpasus an. Die beiden jungen Männer hinter dem Ostschweizer Label haben die Zeichen der Zeit verstan­ den. Erhältlich in ausgewählten Shops in der Schweiz und in Österreich und weltweit im Online Shop. – carpasus.ch

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Mit den Jacketts von Drykorn macht man eigentlich alles richtig. Die­jenigen, die schmale, taillierte Schnitte tragen können, sowieso. Das deutsche Label definiert sich laut Eigenwerbung als metropolitan, erreichbar und progressiv und spricht Indivi­ dualisten an, die selbstbewusst und unabhängig sind. Stimmt. – drykorn.com


MÄNNERSACHE

GROOMING

Hol die Masken raus!

1 Die «HIMALAYAN CHARCOAL FACIAL MASK» von THE BODY SHOP ist eine vegane Lehmmaske und mit Bambuskohle, Grünteeblättern und biologischem Teebaumöl angereichert. Sie verfeinert die Poren und entfernt Unreinheiten sowie überschüssiges Fett. 2 Plagen dich Augenringe? Die

«EXPRESS SMOOTHING EYE MASK» von SHISEIDO ist eine luxuriöse Augenmaske mit Retinol, die die sensible Augenpartie glättet und mit Feuchtigkeit versorgt. 3 Die Lehmmaske «DEEP

PORE CLEANSING CLAY» von ANTHONY ist für normale und ölige Hauttypen gedacht und entfernt Unreinheiten wie Mitesser und überschüssigen Talg. Kein billiges, dafür aber ein langanhaltendes Produkt, da für das ganze Gesicht jeweils nur wenig Inhalt benötigt wird. 4 In Indien hat Sandelholz eine lange Tradition als ein natürliches Schönheitsmittel. Mit wenig Wasser angerührt ist das Puder der «SANDELHOLZ MASKE» von KHADI für sensible, trockene Haut sowie Pigment­ störungen gedacht und wirkt feuchtigkeitsspendend. März 2017

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— Rubrikentitel

UNTERTITEL

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«Jeder kann kochen» COVER

Kein Essen schmeckt so gut und ist so gesund wie selbst gekochtes, findet Lazaros Kapageoroglou. Seit er denken kann, dreht sich sein Alltag um frische Zutaten und deren Zubereitung. Mit seinem Blog will der 30-Jährige nun andere für das Kochen begeistern. Im Gespräch mit der Mannschaft verrät er, warum jeder kochen sollte und weshalb er mit Superfoods nichts anfangen kann.

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imt. Eine Handvoll Kreuzkümmel. Petersilie. Die Gerüche von Kräutern und Gewürzen versetzen Lazaros Kapageoroglou zurück in Grossmutters Küche. Schon als Vierjähriger begeisterte sich der gebürtige Grieche für die Zubereitung von Speisen und half seiner Grossmutter bei der Herstellung des Filoteigs – der aus Wasser und Mehl bestehenden Grundlage für das griechische Pitabrot. «Ich war immer in der Küche», sagt Lazaros mit einem Lächeln. Im Anschluss an seine Ausbildung zum Koch war Lazaros auf mehreren griechischen Inseln für Hotels und Restaurants tätig. Nach einem Aufenthalt in Frankreich zog er schliesslich vor knapp sechs Jahren in die Schweiz, wo er eine Stelle als Koch in einem griechischen Restaurant in Zürich fand. Im Herbst letzten Jahres hat er sich als Privatkoch selbstständig gemacht. Auf seinem Blog mit dem sinnigen Namen «Laz uns kochen» postet er nun seine eigenen Rezepte, inklusive Fotos und selbstgedrehter Videos.

«Wann, bitte sehr, haben wir hier in Europa Chiasamen gegessen?»

Schwule Männer im «Superfood»-Wahn

Lazaros’ Begeisterung für frische Zutaten und ihre Verarbeitung zu schmackhaften Gerichten hält bis heute an. Wie ein Kind im Spielzeugladen erkundet er jeweils das Frischangebot von Supermärkten. Welches Obst hat gerade Saison, welches Gemüse gibts in Hülle und Fülle? «Das Angebot an frischer Ware sagt jeweils viel über die Kultur und die Küche eines Landes aus», sagt er. Es sind auch die frischen Zutaten, die gemäss Lazaros die Grundlage für eine gesunde, nachhaltige Ernährung bilden. Wenig anfangen kann er hingegen mit den sogenannten Superfoods – exotischen Lebensmitteln aus fernen Gefilden, die für den Körper besonders nährstoffreich und gesund

Text — Greg Zwygart Fotos — Patrick Mettraux

sein sollen. Gerade schwule Männer würden besonders viel Geld ausgeben für solche «Wunderprodukte», die in unseren Breitengeraden nicht produziert werden. «Zum Beispiel Grüntee aus Matcha-­Pulver. Ein Päckchen kann bis zu vierzig Euro kosten», sagt Lazaros. «Dabei gibt es viele Tees aus heimischen Kräutern, für die man nur wenig Geld ausgeben muss und die genauso gesund sind.» Für ihn stecken hinter den vielseitig angepriesenen Eigenschaften der Samen, Beeren und Pülverchen nichts weiter als kurzweilige Trends und cleveres Marketing. Vor wenigen Jahren waren etwa die Chia­samen der Renner unter Ernährungs­ bewussten. Diese stammen von einer Untergattung der Salbeipflanze, die fast nur in Mexiko zu finden ist. «Wann, bitte sehr, haben wir hier in Europa solche Samen gegessen?», sagt er lachend mit seinem griechischen Akzent. «Ich habe Chia natürlich auch probiert und mir gesagt, ‹Lazaros, das schmeckt doch nicht gut.›» Offensichtlich sei er nicht in der Minderheit gewesen, denn die Preise für Chiasamen seien gesunken, als der Trend abgeflacht sei. Mittlerweile führen sogar Discounter wie Aldi oder Lidl das einst so begehrte Superfood im Sortiment. Statt viel Geld für importierte Pulver, Beeren oder eben Samen auszugeben, empfiehlt Lazaros, sich auf regionale Produkte zu besinnen, die frisch geerntet sind und nur kurze Produktionsund Lieferwege hinter sich haben. «Haferflocken sind ausgezeichnete Kohlenhydratlieferanten. Auch Kichererbsen, die zudem reich an Eiweissen sind», sagt Lazaros. Dennoch haben diese Lebensmittel in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung ein eher angestaubtes Image. «Auch Kohl­rabi und Rhabarber verfügen über viele März 2017

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COVER

Nährstoffe und qualifizieren sich durchaus auch als Superfood. Nur klingen sie halt nicht so sexy wie Açai oder Spirulina. Dafür sind sie kostengünstig und überall erhältlich.»

3 Gegenstände, worauf Lazaros in der Küche nicht verzichten kann

90 Kilo bei einer Körpergrösse von 170

Doch warum sind ausgerechnet schwule Männer besonders anfällig für Ernährungstrends und lassen sich auf deren Versprechen ein? «Viele von uns, nicht alle, sind zu sehr auf ein attraktives Äusseres fixiert und darauf, wie man das mit Fitness und einer gesunden Ernährung erreichen kann», sagt Lazaros. Allzu oft gehe dabei vergessen, dass eine ausgewogene Ernährung einen erheblichen Beitrag für Wohlbefinden und ein gesundes Selbstbewusstsein leiste. «Es mag kitschig klingen, aber Schönheit kommt von innen, egal, wie viel Gewicht du stemmst und wie gross deine Brustmuskeln werden.» Man täte viel besser daran, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen und Nahrungsmittel ausgewogen und im Mass zu geniessen. «Olivenöl ist auch nicht gesund, wenn man zu viel davon zu sich nimmt», sagt Lazaros. Dazu gehöre auch ein entspanntes Verhältnis zum Sport. Doch das ist leichter gesagt, als getan. «Ich sehe es ja schon bei mir, dass ich dazu tendiere, zu übertreiben», sagt er. Er ertappt sich oft dabei, wie er ein schlechtes Gewissen bekommt, nur weil er sich an einem Tag den Gang ins Fitnessstudio spart. «Das ist doch verrückt!» Das Bewusstsein für gesunde Zutaten und ein Gefühl für ein Mass der Dinge musste Lazaros auf die harte Tour lernen. Als Jugendlicher war er übergewichtig und brachte als Zwanzigjähriger 90 Kilo auf die Waage – bei einer Körpergrösse von 170cm. «In der griechischen Kultur gilt man als gesund, wenn man isst», sagt er. Dieses Übergewicht werde ihn ständig verfolgen und ihn daran erinnern, ausgewogen zu essen. «Da habe ich wohl jetzt einen kleinen Schaden», lacht er. Frischkäse statt Rahm, Honig statt Zucker

Für seine Rezepte berücksichtigt Lazaros saisonale, frische und leicht erhältliche Ingredienzien. Zu seinen Kreationen zählen einerseits traditionelle westeuropäische Gerichte, die er neu interpretiert. Andererseits kommen auf seinem Blog auch Liebhaber mediterraner Küche auf ihre Kosten. Nur selten ist eine Zutat für Lazaros’ Geschmack zu ungesund oder zu fetthaltig. Statt sie auszulassen, versucht er, den «Übeltäter» mit einer anderen, gesünderen Alternative zu ersetzen. Für

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seine Zwetschgenwähe* verwendet er statt Rahm etwa Frischkäse, für ein natürliches Süssungsmittel greift er zu Honig. «Wer es genau nimmt, kann sogar auf den Honig verzichten», sagt Lazaros. «Die Zwetschgen enthalten Fruchtzucker, für eine zusätzliche Süsse sorgt der Zimt.» Indem man einzelne Zutaten mit kalorienärmeren Alternativen ersetzt, kann eine ausgewogene Ernährung schrittweise erzielt werden. Oder man versucht, bei der Zubereitungsart neue Wege zu gehen. «Einen guten Burger muss man nicht frittieren, man kann ihn auch im Ofen backen.» Monatelanges Arbeiten ohne Ruhetag

Schon Lazaros’ Eltern machten frisches Obst und Gemüse zu ihrem Lebensinhalt. Sie verkauften dieses am Markt in seiner Heimatstadt Thessaloniki. Und weil sie täglich zwölf Stunden arbeiteten, übernahm Lazaros schon als kleiner Junge die Herrschaft über die Küche des Elternhauses. Nach der Schule um drei Uhr nachmittags sorgte er dafür, dass das Essen für seinen jüngeren Bruder und seine Eltern auf dem Tisch stand, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen. «Mein Bruder und ich haben so gelernt, selbstständig zu sein», sagt Lazaros. «Jeder musste eine Verantwortung übernehmen, meine war das Kochen.» Das Kochen zuhause bereitete Lazaros auf einen intensiven Einstieg ins Berufsleben vor. Nach der zweijährigen Lehre zum Koch arbeitete er unter anderem auf Santorini, auf Kreta und in einem Boutiquehotel am EliaStrand, einer der beliebten Schwulenstrände auf Mykonos. Die Arbeitszeiten für das einheimische Personal an Touristendestinationen waren

*Wähe: schweizerisch und süddeutsch für Blechkuchen

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«Kohlrabi und Rhabarber klingen halt nicht so sexy wie Açai oder Spirulina.»


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lang und anspruchsvoll. Im Rahmen der Touristensaison von März bis Ende Oktober arbeitete Lazaros ohne Ruhetag bis zu elf Stunden pro Tag, und das während mehreren Jahren. «Manchmal frage ich mich auch, wie ich das durchgestanden habe. Es war so viel Arbeit», erinnert er sich. Er war zuständig für das Frühstück, das Mittagessen und das Abendessen der Gäste. Zwischendurch konnte er sich während kleinen Pausen am Strand erholen. «Schwimmen, flirten, dann wieder hoch zum Hotel. Sehr wahrscheinlich konnte ich von der Sonne und vom Meer Kraft tanken.» Zudem habe man die Dankbarkeit der Gäste gespürt, die ihren Urlaub auf der Insel in vollen Zügen genossen. «Wir haben so viel Liebe von den Gästen erfahren und Karten und Geschenke von ihnen per Post erhalten. Das macht lebendig.» Spontaner Umzug in die Schweiz

Während eines Besuchs in der Schweiz vor fast sechs Jahren überkam Lazaros das Gefühl, sich da niederlassen zu wollen. Eine Bauchentscheidung, schliesslich sprach er kein Deutsch und kannte dort kaum jemanden. Ihm imponierte die Vielsprachigkeit des Landes und dass hier alle Bevölkerungsgruppen friedlich miteinander auskommen. «Ich wollte sowieso weg von Griechenland und etwas Neues erleben», sagt er. In der Zürcher Innenstadt ging Lazaros unangekündigt von Restaurant zu Restaurant und stellte sich persönlich vor. Zu seiner Überraschung wurde er freundlich empfangen und zu spontanen Vorstellungsgesprächen eingeladen. «In Griechenland wäre das nicht möglich gewesen, da reagiert man eher negativ darauf», sagt er. Ein griechisches Restaurant tat es ihm besonders an. Hier fühlte er sich wohl. Doch der Inhaber zeigte sich misstrauisch, und Lazaros ging mehrmals vorbei, um ihn von sich zu überzeugen. Die Hartnäckigkeit zahlte sich aus und das Restaurant erwies sich als Glückstreffer. Ohne dass er ein Wort Deutsch konnte, bot ihm der Inhaber einen Arbeitsvertrag an, nachdem er Lazaros zwei Wochen in der Küche genau beobachtet hatte. Er organisierte ihm eine Studiowohnung an zentraler Lage, und Lazaros meldete sich für seinen ersten Deutschunterricht an. Kulinarischer Kulturschock

Das Lernen der deutschen Sprache sowie das Einleben im Zürcher Alltag war für Lazaros keine einfache Zeit. «Eigentlich mag ich Fremdsprachen und Deutsch ist eine sehr schöne Sprache, aber jetzt habe ich genug vom

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«Wer selber kocht, spart Geld und isst gesünder. Ausserdem darf man ruhig stolz sein, etwas Selbstgekochtes zu essen.» Sprachen lernen», sagt Lazaros und lacht. Schockiert haben ihn jedoch nicht die Sprache oder die Mentalität, sondern die Gepflogenheiten beim Auswärtsessen im deutschsprachigen Raum. Gäste im Restaurant bestellen individuell Vor- und Hauptspeisen. Ein Ding der Unmöglichkeit in Griechenland. «Als ich das gesehen habe, fragte ich, weshalb kriegt der eine Gast nur das und der zweite etwas anderes», sagt Lazaros. Die griechische Esskultur sei aufs Teilen ausgerichtet. Wenn eine Familie etwas bäckt, hat die ganze Nachbarschaft etwas davon. «In Restaurants gibt es keine individuellen Portionen für einzelne Personen, sondern man stellt grosse Teller einfach in die Mitte des Tischs.» Sprung in die Selbstständigkeit

Mittlerweile ist Lazaros seit fast sechs Jahren in der Schweiz, vor einem halben Jahr hat er sich mit «Laz uns kochen» selbstständig gemacht. «Ich wollte schon immer etwas eigenes aufbauen», sagt er. Sein Projekt sei aber kein Catering. Er kauft alle Zutaten ein, übernimmt kleine Vorbereitungsarbeiten und kocht schliesslich vor Ort beim Gast zuhause oder bei der Firma, die ihn angeheuert hat. Mit den vielseitigen Rezepten auf seiner Webseite möchte Lazaros seine Leidenschaft fürs Kochen weitervermitteln. Anhand seiner Videos und der einfach zu befolgenden Rezepte sollen sich Menschen in der Küche mehr zutrauen. «So viele Leute essen ständig auswärts oder kaufen Fertiggerichte ein»,

sagt er. Ihnen möchte er Mut machen, sich für eine Mahlzeit hinter den Herd zu wagen. «Wer nur ein paar Mal zuhause kocht und das Ergebnis mit dem vergleicht, was er auswärts isst, wird den Unterschied rasch erkennen.» Dabei sei eine selbstgekochte Speise vielseitig bereichernd. «Wer selber kocht, spart Geld und isst gesünder. Ausserdem darf man ruhig stolz sein, etwas Selbstgekochtes zu essen.» Und schliesslich weiss man ganz genau, was man vor sich auf dem Teller liegen hat – was sich auswärts nicht in jedem Restaurant mit Gewissheit sagen lässt. «Nicht falsch verstehen, in Restaurants zu essen ist etwas sehr Schönes», sagt er. Wer vermehrt zuhause kocht, habe aber mehr Geld zur Verfügung, um sich beim Auswärtsessen auch etwas gönnen zu können, sei das ein Besuch beim Starkoch oder bei einem Restaurant, das besonderen Wert auf nachhaltige und regionale Speisen legt und dadurch etwas teurer ist. Extreme Ernährungsdiktate vermeiden

Auf Lazaros’ Blog finden sich nebst klassischen Fleischgerichten auch vegane und vegetarische Rezeptideen. «Ich habe schon oft vegan oder vegetarisch gekocht und es erst im Nachhinein realisiert», sagt er. Der Trend zum Verzicht auf Tierprodukte habe ihn zum Umdenken angeregt, was seinen Fleischkonsum angeht. «Wie beim Fitnesswahn finde ich es jedoch falsch, auf Extreme zu setzen», sagt er.


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Vegetarisch oder vegan zu kochen, sei keine Herausforderung, die ganze Ernährung einem fleischlosen oder tierproduktfreien Diktat zu unterwerfen jedoch schon. Man müsse keinen bedingungslosen Verzicht eingehen, um bewusst und ökologisch nachhaltig zu kochen. «Ich finde, ein bisschen Ei oder Butter kann nicht schaden.»

Lazaros kocht: Süsskartoffel-­ bonbons mit Joghurtdip

Experimentierfreudiger kochen und essen

Lazaros’ Rezepte sind dafür gedacht, auch Anfängern den Einstieg in die Welt des Kochens zu ermöglichen. Fortgeschrittene Köche ruft er dazu auf, experimentierfreudiger zu werden. «Oft ist man zu sehr darauf fixiert, die Ingredienzien, die im Rezept erwähnt sind, zu besorgen und mit den genauen Mengenangaben zu arbeiten», sagt Lazaros. Stattdessen soll man im Supermarkt die Augen offenhalten nach frischen, saisonalen Produkten, mit denen sich die erforderten Zutaten ersetzen oder ergänzen lassen. Denn schlussendlich soll das Kochen Freude bereiten. Weniger Freude – da stimmt auch Lazaros zu – bereiten das anschliessende Aufräumen und Abwaschen. Eine bedachte Vorbereitung könne aber dazu beitragen, den Verschleiss an Geschirr und Kochutensilien beim Kochen auf das Nötigste zu reduzieren. Doch um den Abwasch kommt man letztendlich nicht herum. «Da empfehle ich, in eine Spülmaschine zu investieren», sagt er lachend. «Oder sein Date für die gekochte Mahlzeit zur Rechenschaft zu ziehen.» Lass dich von Lazaros bekochen! • Vom 17. bis 19. März am «Streetfood Market» im Zürcher Hauptbahnhof. • Vom 9. bis 10. Juni an der Zurich Pride.

4 grosse Süsskartoffeln 100 g geriebener Parmesan 80 ml Olivenöl oder geschmolzene Butter ½ Paket Filoteig 200 g Naturjoghurt 1 Limette 1 EL Curry Thymian Salz und Pfeffer 1. Süsskartoffeln schälen und in «Sticks», zirka 6 cm lang und 2 cm breit, schneiden. Anschliessend die Sticks in siedendem Wasser für zirka zehn Minuten kochen lassen. 2. Abgiessen und gut abtropfen. Wenig Öl oder geschmolzene Butter auf die Sticks geben und mit Curry und frischem Thymian würzen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. 3. Filoteig in viereckige Stücke (zirka 14 cm lang und 6cm breit) zuschneiden

und mit einem Pinsel mit Olivenöl bestreichen. Pro Bonbon werden zwei geschnittene Teigstücke benötigt. 4. Süsskartoffelsticks in die Mitte eines Teigstücks legen, mit etwas Parmesan bestreuen und mit einem zweiten Teigstück wie ein Bonbon zusammenrollen. Alle Bonbons auf ein mit Back­ papier ausgelegtes Blech legen und für 20 min bei 180 Grad backen. 5. Joghurt, etwas Limettensaft, Thymian und einen Esslöffel Olivenöl in eine Schüssel geben. Umrühren und mit Salz und Pfeffer abschmecken. 6. Die knusprigen Süsskartoffelbonbons mit Joghurtdip direkt aus dem Ofen servieren oder auch kalt geniessen!

Lust auf mehr Rezepte? — lazunskochen.com — instagram.com/laz_uns_kochen_

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MÄNNERSACHE  — Schule und Vielfalt

Gelebte Gleichheit im hohen Norden In Schweden ist die Förderung gesellschaftlicher Vielfalt stark institutionalisiert. Dies bestätigen die Erfahrungen des Hochschuldozenten Thomas Rhyner, der im letzten Sommer für einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt ins skandinavische Land reiste. Text — Markus Stehle

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MÄNNERSACHE  — Schule und Vielfalt

das Bildungssystem des Landes. «Die schwedischen Schulstrukturen gelten in vielerlei Hinsicht als vorbildlich.» Wie sieht die Realität aus?

Vor diesem Hintergrund ist Schweden ein besonders spannendes Land für den 49-Jährigen. Er arbeitete jahrelang als Grundschullehrer, bevor er pädagogische Psychologie und Sozialpsychologie studierte. Heute unterrichtet er an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen Psychologie, Pädagogik und Didaktik, wobei der Schwerpunkt seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit im Genderbereich liegt. «Ich wollte nach Schweden reisen, um mir meinen eigenen Eindruck zu verschaffen und neue Ideen zu erhalten», erklärt Rhyner. Eine Stadt feiert

Es dauerte nicht lange, da erhielt der Pädagoge ein erstes Bild von der schwedischen Offenheit. «Ich war gerade erst in Stockholm angekommen, da erfuhr ich, dass die Pride lief – welch ein Zufall!» Er schaute sich die Parade an und war gleichermassen beeindruckt wie berührt. «Diese Konzentration von Energie war einmalig», schwärmt der Familienvater. Man habe regelrecht spüren können, welcher Stellenwert dem Anlass und dem Gedanken der Vielfalt beigemessen werde. «Rund 45 000 Personen zogen durch die Innenstadt – wie viele weitere die Strassen säumten, konnte ich schlicht nicht abschätzen.» Die offizielle Webseite Schwedens spricht von 400 000 Zuschauerinnen und Zuschauern, die der Pride jährlich beiwohnen – das sei eines mehrerer Zeichen dafür, «wie willkommen LGBT -Menschen als Teil der schwedischen Gesellschaft sind.» Für die Polizei gehört die Stockholm Pride zum festen Bestandteil des jährlichen Veranstaltungskalenders, hier 2015.

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BBA und Elche, blonde Menschen, Ikea und Volvo – Schweden ist für vieles berühmt. Es waren aber nicht Popsongs und Riesenhirsche, die Thomas Rhyner dazu bewegten, sein Sabbatical im nordischen Königreich zu verbringen. Der Ostschweizer Lehrerbildner interessierte sich vielmehr für die Frage, wie die Schweden mit Themen wie Diversität und Gleichberechtigung umgehen. «Sie sind ja bekannt dafür, diesbezüglich sehr fortschrittlich zu sein», sagt er. Ausserdem, so Rhyner, schaue man in unseren Breitengraden oft mit Bewunderung auf

Klein, aber fein

Nach seinem Aufenthalt in Stockholm reiste Rhyner weiter. Nach Karlstad in der Provinz Värmland, wo er zehn Wochen verbrachte. «Dort bestätigte sich, was ich in Stockholm erlebt hatte», erzählt er. Zeitgleich mit seinem Eintreffen fand die Värmland Pride statt. «Jedes Jahr im September steht Karlstad eine Woche lang im Zeichen des Regenbogens. Eine Stadt, in der gerade mal 60 000

Im Flur des einen Schulhauses fiel ihm ein Zertifikat des nationalen LGBT-Verbands «RFSL» ins Auge.

Menschen leben.» An der Universität, über deren Eingang eine riesige Gay-Pride-Flagge prangte, wurden in dieser Zeit mehrere Veranstaltungen zu LGBT -Themen organisiert. «Ich erinnere mich an eine Podiumsveranstaltung, an der über die Relevanz solcher Anlässe diskutiert wurde», erzählt Rhyner. Auf dem Podium hatten die Rektorin der Uni, eine Dozentin sowie zwei Mitglieder der LGBT -Studierendengruppe Platz genommen, moderiert wurde das Gespräch vom Universitätspfarrer. «Eine Rektorin, die offen für die Idee der Pride einsteht – gross­ artig!», findet Rhyner. Auch die Parade sei sehr schön gewesen. «4000 Menschen bildeten den Umzug, an dem unter anderem auch der Bischof von Karlstad teilnahm.»

Offizielle Unterstützung

Es war aber nicht nur die schiere Anzahl von Besucherinnen und Besuchern, die Thomas Rhyner imponierte. Besonders überraschte ihn, wie viele staatliche Institutionen die Veranstaltung mittrugen. «Eine Delegation des Stockholmer Spitals war dabei, ebenso marschierten Vertreter der Armee und der Polizei, des Flughafens oder des Lehrerinnen- und Lehrerverbands in der Parade.» Eine derartige Unterstützung von behördlicher Seite fehle in der Schweiz, findet Rhyner. In Zürich würden zwar einige grössere Privatunternehmen die Pride begleiten und einzelne engagierte Politikerinnen und Politiker Reden halten. «Von einer breiten institutionellen Abstützung, wie ich sie in Schweden erlebte, sind wir in der Schweiz aber noch weit entfernt.»

LGBT-freundliche Schulen

Während seiner Zeit in Karlstad besuchte Thomas Rhyner auch zwei Grundschulen. Im Flur des einen Schulhauses fiel ihm ein Zertifikat des nationalen LGBT-Verbands «RFSL» ins Auge. Der Verband zählt über 7000 Mitglieder und verfügt über 38 Niederlassungen im ganzen Land. Seine LGBT-­Zertifizierung verleiht er sowohl an Privatunternehmen als auch an staatliche Organisationen, die sich zur Vielfalt bekennen, aktiv auf die Gleichbehandlung und Nicht-Diskriminierung von LGBT-Menschen hinarbeiten und einen entsprechenden Kriterienkatalog erfüllen. «Ein spannendes Konzept», findet der ehemalige Grundschullehrer. «Dass sich Schulen um diese Zertifizierung bemühen, ist meiner Meinung nach ein weiteres Beispiel für die starke März 2017

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Der schwedische LGBT-Verband «RFSL» zertifiziert sowohl Privatunternehmen als auch staatliche Organisationen, die sich zur Vielfalt bekennen und aktiv auf die Gleichbehandlung und Nicht-Diskriminierung von LGBT-Menschen hinarbeiten.

Verlinkung von öffentlichen Institutionen und der LGBT-Thematik.» Progressive Gesetzgebung

Was Thomas Rhyner in seinen Erzählungen beschreibt, ist nicht zuletzt auch Spiegelbild der Rechtslage schwedischer LGBT . ILGA Europe, die europäische Sektion der «International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association», prüft die Gesetzes­ bücher der europäischen Staaten alljährlich auf ihre LGBT -Freundlichkeit und erstellt eine entsprechende Rangliste. Im letzten Jahr erreichte Schweden Platz vier, hinter Ländern wie Malta, Grossbritannien oder Spanien. Diese gute Rangierung beruht auf den diversen gesetzgeberischen Anpassungen, die in den letzten Jahren vorgenommen wurden. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind beispielsweise schon seit 1995 anerkannt. Acht Jahre später erhielten schwule und lesbische Paare das Adoptionsrecht, 2009 öffnete Schweden die Ehe für homosexuelle Paare. Im gleichen Jahr wurde das Antidiskriminierungsgesetz um das Kriterium der Transidentität erweitert, und seit 2013 müssen Transmenschen keine Sterilisation mehr über sich ergehen lassen, um eine Änderung des amtlichen Geschlechts zu erwirken.

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Durchaus selbstkritisch

All dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in Schweden noch Arbeit gibt. «Es wäre selbstgefällig, zu behaupten, dass nichts mehr getan werden muss», schreibt der Autor Rikard Lagerberg auf sweden.se, der offiziellen Homepage von Schweden. Gesetze blieben letztlich Gesetze. Deren Erlass alleine habe noch nicht jegliche Benachteiligung von LGBT -Menschen im Alltag eliminiert. So habe eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2012 gezeigt, dass «sich 35 Prozent der befragten schwedischen LGBT s in den letzten zwölf Monaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität diskriminiert fühlten». Das, findet Lagerberg, sei «keine sehr schmeichelhafte Zahl». Gleichheit als Überlebensstrategie

Und dennoch: Es ist unbestritten, dass Schweden in Bezug auf die Akzeptanz von LGBT -Menschen deutlich besser abschneidet als der europäische Durchschnitt. Um mehr über die Gründe hierfür zu erfahren, hat Thomas Rhyner sein Augenmerk auf den ideologischen Boden gerichtet, auf dem die schwedische Gesellschaft gründet. «Ich wollte die Funktionsweise von Staat und Bevölkerung besser verstehen», erklärt er.

«Warum ist zum Beispiel die Gleichstellung von Mann und Frau derart fortgeschritten?» Einen Erklärungsansatz fand er in der Wikingerzeit – in der Zeit zwischen 800 und 1050 n.Chr., als die Männer der damaligen skandinavischen Bevölkerung regelmässig zu ausgedehnten Raubzügen und Handelsreisen in die weite Welt aufbrachen. «Das Leben in der Heimat musste weitergehen», erklärt Rhyner. «Die Frauen übernahmen die Aufgaben der abwesenden Männer und

«Das Leben in diesem rauen Klima ist ein ständiger Kampf. Eigenbrötler haben keine Chance, deshalb ist das Gemeinschaftsund Gleichheitsgefühl stark ausgeprägt.»


MÄNNERSACHE  — Schule und Vielfalt

schmissen den Laden, um es salopp zu sagen. Nicht zuletzt deshalb haben sie in dieser Region seit jeher eine starke Position inne.» Auch die geografische Lage Schwedens habe einen Einfluss. «Das Leben in diesem rauen Klima ist ein ständiger Kampf. Eigenbrötler haben keine Chance, deshalb ist das Gemeinschafts- und Gleichheitsgefühl stark ausgeprägt.» Parlamentsmehrheit bei Sozialdemokraten

Dass sich in Schweden ausgeglichene Rollenbilder und hohe LGBT -Standards entwickeln konnten, hängt gemäss Rhyner auch mit der Stellung der Kirche zusammen. «Die Reformation wurde hier äusserst konsequent durchgeführt», erklärt er. «Die katholische Kirche besitzt seit 500 Jahren keine Deutungshoheit mehr im Land.» Spürbare Spuren habe schliesslich auch die Tatsache hinterlassen, dass das schwedische Parlament im 20. Jahrhundert grossmehrheitlich von den Sozialdemokraten dominiert wurde. «Egalitäre Gesellschaftsstrukturen gehören zu den Kernanliegen der sozialdemokratischen Parteipolitik», erklärt Rhyner. Dementsprechend seien arbeitende Mütter, staatlich finanzierte Kindertagesstätten oder Vaterschaftsurlaube für einen Grossteil der Bevölkerung zur Normalität geworden. «Und ich glaube, dass die Schweden deshalb auch gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen grundsätzlich offen sind.» Handlungsbedarf in den Führungsetagen

Was die Aufklärungs- und Präventionsbemühungen in der Schweiz angeht, so steht für Thomas Rhyner eines fest: «Es braucht mehr als das, was derzeit getan wird.» In den

Schulen sei die Lage zwar besser als vor zwanzig Jahren, als homosexuelle Lehrkräfte noch tabu waren und LGBT -Themen mit keiner Silbe in den Lehrplänen erwähnt wurden. «Wenn sich eine Lehrperson aber nicht für dieses Gebiet interessiert, dann kann sie es auch heute noch umgehen – wohl ohne Konsequenzen.» Ausserdem, so Rhyner, fehle es nach wie vor an Akteurinnen und Akteuren aus den höchsten Chargen staatlicher Institutionen, die öffentlich für die Vielfaltsförderung einstehen. Er habe zum Beispiel noch nie von einer Bildungsdirektorin oder einem Bildungsdirektor gehört, die oder der sich explizit für LGBT -­Belange stark gemacht hätte. «Unsere Departemente müssen in dieser Hinsicht offener werden, stärker zusammenarbeiten und versteckte Diskriminierungen ansprechen.» Gelebte Vielfalt sei eine Bereicherung für jeden und generiere viel Energie. «In Schweden habe ich zum einen erkannt, wie wichtig eine entsprechende Politik ist. Zum anderen sah ich, wie gut sie funktionieren kann», resümiert der Hochschuldozent. Er selbst setzt die Erkenntnisse seines Forschungsaufenthaltes bereits um. Derzeit erarbeitet er ein Vorlesungsmodul zum Thema Geschlecht und Menschenrechte, wobei er sich am schwedischen Vorbild orientiert. Es gehe darum, die Bedeutung der Menschenrechte am Beispiel der Genderund LGBT -­Thematik zu erläutern, sagt Rhyner. «Die Studierendenschaft soll erkennen, dass wir diese Fragen von Seiten der Hochschule angehen.»

Auf formaler Ebene ist in Deutschland vielerorts verbindlich vorgesehen, dass die LGBT-Thematik im Schulkontext behandelt und Ideen wie die Akzeptanz von Verschiedenheit vermittelt werden.

lic. phil. Thomas Rhyner Dozent Erziehungs-

Optimistisch nach vorne blicken

Und wie steht es um die Akzeptanzförderung an den deutschen Bildungsinstitutionen?

wissenschaften

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Insgesamt sei man «auf einem guten Weg», findet Markus Ulrich, Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD ). «Viele Politikerinnen und Politiker haben erkannt, wie wichtig die Schulen als Orte der Wertevermittlung sind.» Dementsprechend wurden in den letzten Jahren in vielen Bundesländern Initiativen lanciert, die Homo- und Transphobie an Bildungsstätten angehen wollen. Gerade vergangenes Jahr zum Beispiel verabschiedete die Regierung Baden-Württembergs – gegen heftigen

Widerstand aus politisch konservativen, christlich-fundamentalistischen Kreisen – den Plan für «Akzeptanz und gleiche Rechte». Dessen Ziel ist es unter anderem, Polizei- und Justizmitarbeitende sowie Schulpsychologen und Lehrkräfte im Umgang mit sexuellen Minderheiten besser zu schulen. Auf formaler Ebene, meint LSVD -Sprecher Markus Ulrich, sei also vielerorts verbindlich vorgesehen, dass die LGBT -Thematik im Schulkontext behandelt und Ideen wie die Akzeptanz von Verschiedenheit vermittelt

würden. «Das ist schon einmal sehr positiv.» Wie sich diese Lernvorgaben in den Klassenzimmern konkret niederschlügen, sei allerdings eine andere Frage. So ist Ulrich denn auch der Ansicht, dass es sicher Lehrkräfte gebe, die solche Fragen aus Unsicherheit oder infolge eigener homophober Einstellungen nicht thematisierten. «Es wird noch dauern, bis diese Massnahmen flächendeckend greifen. Wenn sich das politische Klima nicht wieder weiter nach rechts verschiebt, stehen die Zeichen aber gut.»

Akzeptanz von Homosexuellen – mehr Schein als Sein? © iStock.com/skynesher

Eine Umfrage unter 100 Jugendlichen an einer St. Galler Berufs­ schule hat gezeigt: Nicht wenige der jungen Frauen und Männer sind Schwulen und Lesben gegenüber nicht so positiv eingestellt, wie man vielleicht annehmen und hoffen würde. Interview — Markus Stehle

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m Rahmen des Projekts «Comout» der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St. Gallen-Appenzell (AHSGA ) besuchen schwule und lesbische Personen Schulklassen der Real-, Sekundar- und Gymnasialstufe. Dabei vermitteln sie den Jugendlichen Basiswissen zu den Themen Homosexualität und Coming-out. Jährlich leisten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AHSGA über hundert Einsätze. Im letzten Jahr fanden fünfzehn dieser Besuche an einer Berufsschule in der Stadt St. Gallen statt. Nach der Unterrichtseinheit wurden die Schülerinnen und Schüler mittels Fragebogen zu ihrer Haltung und ihrem Wissen bezüglich Homosexualität befragt wurden. Jürg Bläuer, MSM Bereichsleiter bei der AHSGA , ordnet die Ergebnisse für uns ein.

Jürg, ganz allgemein gefragt: Wie beurteilst du die Resultate der Meinungs­ erhebung?

Zuallererst muss betont werden, dass die Umfrage nicht repräsentativ war, sondern eine Momentaufnahme an dieser Schule darstellte. Nichtsdestotrotz gewannen wir spannende Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der jungen Menschen. Es zeigte sich eindeutig, dass die Männer anders eingestellt sind als die Frauen. Letztere reagieren insgesamt offener als ihre männlichen Klassenkameraden. Ausserdem ist klar ersichtlich, dass eine Diskrepanz besteht zwischen der Akzeptanz von Homosexuellen auf einer gesellschaftspolitischen Ebene und der tatsächlichen Akzeptanz der Homosexualität als solcher. So befürwortet zwar die Hälfte der


MÄNNERSACHE  — Schule und Vielfalt

Jungs die rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Sex zwischen zwei Männern halten aber nur 37 Prozent der befragten männlichen Jugendlichen für gleichermassen in Ordnung wie Sex zwischen einem Mann und einer Frau. Es existiert also ein Spannungsfeld zwischen der abstrakten Idee von Homosexualität und der konkreten Vorstellung von zwei Männern oder zwei Frauen, die zusammen sind. Wieso?

Ich glaube, das ist Ausdruck einer vorherrschenden Scheintoleranz. Zumindest nach aussen vertreten unterdessen viele die Ansicht, Schwule und Lesben sollten über dieselben Rechte verfügen wie die Heterosexuellen. Wenn die Menschen aber konkret mit dem Thema konfrontiert werden, kommen dem einen oder der anderen doch noch moralische und religiöse Wertvorstellungen in die Quere. Eine rational hergeleitete Befürwortung der rechtlichen Gleichstellung steht bisweilen einer gefühlten Ablehnung gegenüber. Alles in allem wird die weibliche Homosexualität sowohl von den Frauen als auch von den Männern als «normaler» betrachtet. Wie lässt sich das erklären?

Die Jungs sehen die männliche Homosexualität als Bedrohung ihrer eigenen Männlichkeit. Schwulsein passt nicht in ihr Bild vom «richtigen» Mann. Demgegenüber haben sie mit der weiblichen Homosexualität viel weniger Probleme. Sie geht ihnen nicht so nah, und vielleicht finden sie die Vorstellung von zwei Frauen, die intim sind, sogar anregend. Stichwort Porno. Die Schülerinnen

sind Schwulen gegenüber offener. Einen schwulen Kollegen finden viele ziemlich cool. Und sie sind durch Lesben offenbar weniger in ihrem eigenen Frauenbild gestört. Krass sind die Unterschiede bei der Frage, wie die Jugendlichen auf das Outing eines schwulen Freundes reagieren würden: 43 Prozent der Männer beurteilen dieses als «sehr unangenehm», bei den Frauen sind es nur 19 Prozent.

Ja, der Klassiker. Die jungen Männer haben Angst davor, dass ein schwuler Freund auf sie stehen könnte, und finden zum Beispiel das gemeinsame Duschen plötzlich seltsam. Oder sie befürchten, die Klassenkameraden könnten sie nun auch für schwul halten, wenn sie mit dem homosexuellen Freund unterwegs sind. Das zeigt, dass Schwulsein in den Köpfen mancher jungen Männer nach wie vor negativ behaftet ist – denn sonst wäre es ihnen egal, was die Leute diesbezüglich denken.

«Die Jungs sehen die männliche Homo­sexualität als Bedrohung ihrer eigenen Männlichkeit. Schwulsein passt nicht in ihr Bild vom ‹richtigen› Mann.»

Haben dich die Ergebnisse überrascht?

Nein, nicht wirklich, um ehrlich zu sein. Davon auszugehen, dass unsere Gesellschaft wirklich schon so weit ist, wie manche gerne glauben, ist fast schon naiv. Als wir die Ergebnisse auf unseren Onlinekanälen publizierten, zeigten sich manche sehr erstaunt. Heute seien die Leute doch tolerant und akzeptierend, so der Tenor. Es waren ehrlich gesagt eher diese Reaktionen, die mich überraschten. Bei der Frage nach der Entstehung von Homosexualität bestehen noch Wissenslücken. Fast die Hälfte der Jugendlichen geht davon aus, Homosexualität sei eine

Jürg Bläuer MSM-Bereichsleiter und Projektleiter Comout, AHSGA

Foto: Gregory Batardon

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MÄNNERSACHE  — Schule und Vielfalt

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Manche Jungs sehen die männliche Homosexualität als Bedrohung der eigenen Männlichkeit.

Entscheidungssache. Bestehen Bemühungen, die Aufklärung zum Thema an den Schulen zu institutionalisieren?

Eigentlich ist das bereits der Fall. In der Schweiz sieht der Lehrplan 21 vor, dass die Schulen auf die Thematik eingehen müssen. Die Frage ist nur, in welcher Form sie das tun. Welche Lehrmittel werden verwendet, und wer vermittelt den Inhalt? Es ist wichtig, dass die Lehrpersonen qualifiziert informieren und dementsprechend ausgebildet werden. An der Pädagogischen Hochschule St. Gallen zum Beispiel absolvieren alle Studierenden im Verlauf ihrer Ausbildung einen Workshop, in dem sie von Lesben und Schwulen mit Wissen aus erster Hand versorgt werden. Wie kann man jungen Männern die Angst nehmen vor Homosexualität? Was müssen sie begreifen?

Es gilt, ihnen ein männliches Rollenbild mitzugeben, das nicht so stark auf Kategorien wie Macht und Dominanz beruht. Sie müssen verstehen, dass sie nicht den Macho zu spielen brauchen und dass ein Mann ganz viele Seiten haben und leben kann – unabhängig davon, ob er schwul, hetero oder bi ist. In

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letzter Zeit waren in gewisser Weise vielleicht auch wir selbst, die LGBT , auf dem Holzweg. Wir trugen dazu bei, dass klare Kategorien geschaffen wurden. Jene des Schwulen, des Heteros, der Lesbe und so weiter. Womöglich sollten wir künftig vermehrt darauf hinarbeiten, dass nicht mehr so trennscharf definiert wird, und stattdessen aufzeigen, dass nicht automatisch «schwul», «lesbisch» oder «bi» ist, wer auch mal gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen macht. Das heisst, man würde weniger stark auf der «schwulen» oder «lesbischen» Identität beharren.

Sozusagen. Im Zuge der Emanzipations­ bewegung haben wir Schwulen – verständlicherweise – nach einer eigenen Identität gesucht. Im Sinne von: «Wer sind wir, was macht uns Schwule aus?» Das war sinnstiftend und gemeinschaftsbildend, einte und stärkte uns. So wichtig das für viele war und für manche vielleicht auch heute noch ist – wir sollten nicht vergessen, dass es die eine schwule Identität mit all ihren Klischees nicht gibt. Wenn wir selbst aus diesem Denkschema rauskommen, dann geraten die Jugendlichen vielleicht auch weniger rein.

«So wichtig das für viele war und für manche vielleicht auch heute noch ist – wir sollten nicht vergessen, dass es die eine schwule Identität mit all ihren Klischees nicht gibt.»


MÄNNERSACHE  — Schule und Vielfalt

«Natürlichkeit – das ist das A und O» Sollen sich homosexuelle Lehrpersonen im Schul­betrieb outen? Dieser Frage widmete Pascal Rotach seine Master­ arbeit, die er zum Abschluss seiner Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen verfasste. Im Interview mit der Mannschaft spricht der 30-jährige Oberstufenlehrer über seine wichtigsten Erkenntnisse. Interview — Markus Stehle Pascal, wie kamst du darauf, deine Masterarbeit zu diesem Thema zu schreiben?

Eigentlich war das reiner Selbstzweck. Ich bin selber Lehrer und schwul, und während des Studiums hatte ich mich immer wieder gefragt, wie ich künftig im Berufsalltag mit meiner Homosexualität umgehen sollte. Ich begann zu recherchieren und musste bald einmal feststellen, dass es zu dieser Thematik nur wenige Informationen gab. So fiel der Entschluss, mich in meiner Masterarbeit mit Fragen rund ums Coming-out in der Schule zu beschäftigen. Welche Methode hast du angewendet?

Ich führte qualitative Interviews mit sechs geouteten homosexuellen Lehrkräften – drei Männer, drei Frauen, die auf verschiedenen Stufen unterrichten, von der Grundschule über die Oberstufe bis ins Gymnasium. Ich wollte von ihnen vor allem zwei Dinge wissen: Was war ihre Motivation, sich im Kontext der Schule zu outen? Und wie sind sie konkret vorgegangen? Was sagten die Befragten zu ihrer Motivation, das Coming-out zu geben?

Es ging ihnen darum, sich natürlich

verhalten zu können und sich nicht zu verstecken zu brauchen. Sie wollten nicht immer aufpassen müssen, was sie in welcher Situation sagen und welche Geschichte sie wann erzählen. Einzelne sagten ausdrücklich, sie hätten auch im Schulumfeld kein Doppelleben führen wollen. Und wie sind sie beim Coming-out konkret vorgegangen?

Auch hier war Natürlichkeit das Schlagwort. Keine der Lehrpersonen machte das eigene Schwul- oder Lesbischsein explizit zum Thema. Sie erwähnten es einfach, eher nebensächlich, als es sich im Gespräch ergab. Welche Erfahrungen haben deine Interviewpartnerinnen und –partner rund um ihr Outing gemacht?

Fast ausnahmslos gute. Schwierigkeiten gab es keine, weder mit der Schüler- noch mit der Elternschaft. Mit Autoritätsproblemen und dergleichen hatte niemand zu kämpfen. Einer der Lehrer erzählte sogar, unter seinen männlichen Schülern hätte sich ein regelrechter Wettbewerb entwickelt, wer mit dem Schwulsein ihres Lehrers am März 2017

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MÄNNERSACHE  — Schule und Vielfalt

lockersten umgehe. Nur eine Person berichtete von ein paar Seitenhieben aus dem Lehrerteam heraus. Wie handhabst du selbst das Ganze?

Ich habe die Erkenntnisse meiner Arbeit angewendet. Das heisst, ich lege Wert auf einen natürlichen Umgang. Ich band es meinen Schülerinnen und Schülern nie auf die Nase. Zu Beginn wussten sie es nicht, aber nach etwa einem halben Jahr war es so weit – da kam sie, die Frage: «Herr Rotach, wir hörten, Sie seien schwul?» Ich bestätigte zunächst nicht, da die Frage nur von einer Schülerin nach dem Unterricht kam. Tags darauf griff ich die Frage dann aber im Plenum auf und erwähnte in zwei Sätzen, dass ich seit so und so vielen Jahren in einer Partnerschaft sei und mit meinem Freund zusammenwohnt. Und wie nahm die Klasse das auf?

Sie nahm es sehr gut auf. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern kam bald nach dem Gespräch auf mich zu, wobei einer der Schüler das Wort ergriff und meinte: «Herr Rotach, wir finden, Sie sind einfach ein toller Lehrer» (lacht). Die Schüler gingen zwar nicht konkret auf mein Schwulsein ein. Es war aber klar, dass diese Äusserung im Zusammenhang mit meinem Coming-out stand. Es war ein sehr schöner Moment. Wie lief es ausserhalb der Klasse?

Während einer kurzen Phase hörte ich in den Schulgängen ab und zu ein wenig Getuschel, wenn ich durchlief. Aber ein, zwei Monate später war das wieder vorbei. Weisst du von Erfahrungen weiterer Lehrerinnen und Lehrer?

Ja, vier ehemalige Mitstudentinnen und Mitstudenten der PH St. Gallen sind ebenfalls homosexuell. Ich weiss, dass von ihnen niemand geoutet ist an der Schule. Sie fürchten sich zu sehr vor negativen Reaktionen. Welchen Tipp würdest du anderen homosexuellen Lehrerinnen und Lehrern geben?

Ich halte es für wichtig, dass man keine Angriffsfläche bietet und die eigene Homosexualität als eine völlig normale Tatsache hinstellt, die schlicht nicht diskutiert werden kann. Zudem würde ich die Schulleitung informieren. So ist man sich der nötigen Rückendeckung gewiss, sollte es zu Problemen kommen. Ich hatte im Vorstellungsgespräch klar darauf hingewiesen, dass sie mit mir einen schwulen Lehrer anstellen würden. Die Reaktionen waren bestärkend. Die Schulleitung sagte, das sei überhaupt kein Problem.

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Meiner Meinung nach hat es keinerlei Relevanz für den Schulbetrieb, ob ein Lehrer oder eine Lehrerin homosexuell ist. «Keine Angriffsfläche bieten» – wie gelingt dir das?

Ich verspüre in Bezug auf meine Homosexualität keine Unsicherheit und bin mit mir selbst im Reinen. Meiner Meinung nach hat es keinerlei Relevanz für den Schulbetrieb, ob ein Lehrer oder eine Lehrerin homosexuell ist. Ich kann meinen Job genauso gut machen wie ein Heterosexueller. Ich glaube, meine Klassen haben das verstanden. Letztendlich geht es um Selbstsicherheit. Du musst wissen, wer du bist, wenn du vor eine Klasse stehst. Die Schülerinnen und Schüler spüren derartige Dinge sofort. Wie beurteilst du den Umgang der Schulen mit dem Thema?

Ich glaube, unterdessen ist eine gewisse Sensibilität vorhanden. Ich kann das nicht für die ganze Schweiz verallgemeinern, da fehlen mir die entsprechenden Kenntnisse. An denjenigen Schulen, an denen ich bis anhin unterrichtet habe, war Homosexualität aber stets ein Thema. Es wurde nicht totgeschwiegen, sondern im Rahmen der Sexualpädagogik oder von Fächern wie «Individuum und Gemeinschaft» in die Jahresplanung mit einbezogen. Die Schule, an der ich tätig bin, lädt jeweils für alle Schülerinnen und Schüler der dritten Oberstufe das Projekt «Comout» der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St. Gallen-Appenzell ein. Auf diese Weise erfahren die Klassen Wertvolles zum Schwul- und Lesbischsein sowie zum Coming-out-Prozess.

Pascal Rotach Oberstufenlehrer, Oberstufenzentrum Flös, Buchs, St. Gallen


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MÄNNERSACHE

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HORIZONT

50 Film

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HORIZONT — Buch

«Ich entdeckte eine schwule Szene, die ich nicht für möglich gehalten hätte.» Mit seinem Erstlingsroman «Guapa» gibt uns Saleem Haddad einen Einblick in das schwule Leben im Nahen Osten. Das Buch fand weltweit grosse Beachtung und erscheint am 1. März erstmals auf Deutsch. Interview – Thomas Abeltshauser Fotos – zvg

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HORIZONT — Buch

E

s ist eines der erstaunlichsten Roman­ debüts der letzten Jahre und wird seit seinem Erscheinen vor einem Jahr von der Kritik gefeiert. Saleem Haddad, geboren 1983 in Kuwait, erzählt in «Guapa» 24 Stunden aus dem Alltag des jungen Rasa, seines heimlichen Lovers und seiner queeren Freunde in einer arabischen Grossstadt. Gemeinsam versuchen sie, inmitten der Tumulte des Arabischen Frühlings zu überleben. Eine bewegende Geschichte über einen jungen Schwulen auf der Suche nach seinem Platz im Leben und ein Blick hinter die Nachrichtenbilder aus dem Nahen Osten auf eine junge Generation, die zwischen allen Stühlen sitzt. Saleem, dein Debütroman bietet Einblick in den kaum bekannten Alltag einer jungen, queeren Generation im Nahen Osten. Wolltest du ihnen eine Stimme geben?

Ich wollte schon lange eine Geschichte über das schwule Leben in der Arabischen Welt schreiben, weil ich den Eindruck hatte, dass es nie authentisch und so dargestellt wurde, wie ich es kannte. Heutzutage wird in diesen Ländern öffentlich etwas mehr über Homosexualität gesprochen und man sieht Schwule und Lesben im Fernsehen, aber es gibt noch immer kaum Bücher, Spielfilme oder andere kulturelle Produkte. Aber damit war es für mich auch eine Herausforderung, denn wenn man sein Leben nicht in den Medien repräsentiert sieht, denkt man zunächst, dass die eigene Erfahrung eine ganz einzigartige ist, die sich nicht auf andere übertragen lässt. Dieser Gedanke sass mir immer im Nacken, aber ich habe trotzdem weitergemacht, und es wurde ein sehr therapeutischer Prozess für mich. Mir wurden viele Fragen klar, nicht nur im Zusammenhang mit meiner Sexualität, sondern auch bezüglich sozialer und politischer Themen, die in dieser Zeit auftauchten. Basieren die Figuren auf realen Menschen und Begebenheiten?

Auf eine Art sind sie alle verschiedene und teils auch widersprüchliche Seiten von mir selbst. Rasa ist mir sicher am nächsten, wie er alles in Frage stellt und sich alleingelassen fühlt, das entspricht zum Teil auch mir in einem bestimmten Moment meines Leben. Maj, Aktivist und Dragqueen, ist mit seiner rebellischen, ermutigenden Art eine Mischung vieler meiner Freunde und auch ein bisschen von mir selbst. Er erinnert Rasa immer wieder daran, sich selbst treu zu bleiben, was immer das auch heissen mag. Und Teta, Rasas Grossmutter, bei der er lebt, habe ich nach dem Vorbild meiner eigenen Oma

geformt. Sie hat mich von ganz klein auf geprägt. Wir hatten immer ein sehr enges Verhältnis und sie ist sehr, sehr viel netter als Teta im Roman, aber sie hat denselben schwarzen Humor und diese zupackende Art. Warum lässt du die Geschichte in einer anonymen Stadt spielen?

Ich habe ein paarmal versucht, sie in einer bestimmten Stadt anzusiedeln, Kairo, Damaskus, Amman oder Beirut. Aber ich habe gemerkt, dass ich so nicht die Geschichte schreiben konnte, die mir vorschwebte. Es war dann eine sehr unbewusste, impulsive Entscheidung, über die ich beim Schreiben nicht weiter nachdachte. Jetzt im Nachhinein denke ich, dass es auch daran lag, dass ich nicht einzelne queere Communitys mit ihren Strukturen und Besonderheiten ausstellen wollte. Ich bin ein schwuler Araber und reise viel im Nahen Osten, also kenne ich die queeren Orte in den verschiedenen Ländern und habe daraus eine Welt kreiert, in der sich viele homosexuelle Araber wiederfinden. Ich habe das Buch zu einer Zeit der politischen Krisen geschrieben, zwischen 2012 und 2014. In Ägypten kam es zum Coup, in Syrien tobte der Krieg. Ich wollte nicht, dass die Konflikte eines einzelnen Landes die Handlung überschatten. Mir ging es eher um bestimmte Dynamiken, auf die ich aufmerksam machen wollte.

«Wenn man sein Leben nicht in den Medien repräsentiert sieht, denkt man zunächst, dass die eigene Erfahrung eine ganz einzigartige ist, die sich nicht auf andere übertragen lässt.»

Du hast als Mitarbeiter verschiedener Hilfsorganisationen eine grosse Kenntnis der sozialen und politischen Situation in der Region, die im Roman auch eine wichtige Rolle spielt. War es schwer, dein Wissen und deine Erfahrungen organisch in die Handlung einfliessen zu lassen?

Es war eine Herausforderung, mich davon zu distanzieren, besonders wenn man so viel Detailwissen hat wie ich. Aber als ich den Roman schrieb, habe ich politische Arbeit gemacht und war viel in den Ländern des Arabischen Frühlings unterwegs. Wenn es etwas gibt, das einem bei der NGO-Arbeit gesagt wird, ist es, die eigenen Gefühle aus dem Spiel zu lassen. Selbst wenn ich hier in Grossbritannien oder in Brüssel bei der EU Lobbyarbeit gemacht habe, damit sie die Protestbewegungen unterstützen, musste ich meine Emotionen zurückhalten. Ich musste meine Gegenüber mit rationalen und analytischen Argumenten überzeugen. Nebenbei den Roman zu schreiben, war für mich eine Möglichkeit, meine Emotionen zu kanalisieren. Wie haben LGBT-Leser im Nahen Osten auf den Roman reagiert?

«Guapa» Saleem Haddad ISBN: 9783959850841 € 16.99, CHF 23.75 Buchpräsentation in Anwesenheit des Autors Dienstag, 28. März 2017, 20 Uhr Literarisches Colloquium Berlin Moderation: Antje Rávic Strubel 8€ (regulär) / 5€ (ermässigt) Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt. März 2017

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HORIZONT — Buch

Das ist eine Frage, die ich mir selbst auch stellen musste. Ich arbeitete viel im Jemen, weil ich mich diesem Land sehr verbunden fühle. Als ich in einem Flüchtlingslager in einem abgelegenen Teil des Jemens tätig war, musste ich meine Homosexualität verheimlichen. Heute wäre dies wegen des Buches wohl nicht mehr möglich. Vielleicht habe ich unbewusst den Roman auch geschrieben, weil ich mich insgeheim solchen Situationen nicht mehr aussetzen will. Du bist als Sohn eines libanesisch-palästinensischen Vaters und einer deutsch-irakischen Mutter in Kuwait geboren. Während des Golfkriegs seid ihr nach Zypern geflohen, schliesslich nach Jordanien gezogen. Wie war deine Jugend, in der dir auch irgendwann klar wurde, dass du auf Jungs stehst?

«Das Konzept des Coming-outs gibt es in dem Sinne nicht. Und wenn ich darüber mit westlichen Homomagazinen rede, wollen sie das oft nicht hören.»

«In der arabischen Kultur wird generell nicht über Sexualität gesprochen, da ist ein Bekenntnis zur eigenen Homosexualität fast bizarr.»

Was ich bisher mitbekommen habe, ist absolut positiv. Und das habe ich ganz ehrlich so nicht erwartet. Denn das meiste, was über unsere Community geschrieben wird, ist falsch. Wir sind sehr vorsichtig und kritisch geworden. Viele Schwule haben mir erzählt, dass sie sicher waren, sie würden das Buch hassen und sich darüber ärgern. Als sie es dann lasen, hätten sie es geliebt. Aber das sind nur die Menschen, die auf mich zugekommen sind. Ich habe bislang keine negativen Reaktionen bekommen, auch wenn es bestimmt Leute gibt, die den Roman nicht mochten. Dabei muss ich klarstellen, dass ich mit diesem Buch nicht für die ganze LGBT -Community sprechen kann. Es ist nur die Geschichte dieser Figuren. Wenn sich Leser wiedererkennen, freut mich das, aber wenn nicht, ist es auch ok. Es gibt viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Vielfalt ist wichtig. Hatte die Veröffentlichung des Buchs einen Einfluss auf deine Arbeit für NGOs?

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Ich fühlte mich immer als Aussenseiter. Das war das Charakteristikum, das mich geprägt hat. Aber meine Sexualität war nur ein Aspekt dieses Aussenseiterdaseins. Deshalb fällt es mir schwer, mein Schwulsein davon zu trennen, was es heisst, vor einem Krieg zu fliehen und an immer wieder neuen Orten aufzuwachsen. Aber was ich sagen kann: Als arabischer Jugendlicher in den Neunzigerjahren gab es im Nahen Osten keine Repräsentation von Homosexualität. Es gab ein, zwei Dragqueens, aber über ihre Sexualität wurde nie gesprochen. Sie traten im Fernsehen auf und wurden gefeiert, aber die Frage, mit wem sie ins Bett gingen, war ein Tabu. Sie waren Künstler. Ich sah Schwule zum ersten Mal in amerikanischen TV -Serien, aber nicht in meinem Alltag. Und das war hart. Es gab einfach keinen Ort, an dem man offen schwul sein konnte. Ich dachte, dass ich würde heiraten müssen, sonst wäre mein Leben vorbei. Du musstest Angst um dein Leben haben?

Ich wäre nicht ermordet, aber zumindest sozial geächtet und aus der Gesellschaft verstossen worden. Das hat mir sehr zu schaffen gemacht, und auf eine Art hadere ich noch immer mit dieser Scham und der Angst, das Gesicht zu verlieren. Erst als ich nach dem Studium in den Nahen Osten zurückkehrte, entdeckte ich eine schwule Szene, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Meine Welt öffnete sich, ich hatte plötzlich schwule Freunde und war nicht mehr allein. Aber ich muss dazu auch sagen, dass Sexualität im arabischen Raum ganz anders behandelt wird als im Westen. Das Konzept des Coming-outs gibt es in dem Sinne nicht. Und wenn ich darüber mit westlichen


HORIZONT — Buch

Homomagazinen rede, wollen sie das oft nicht hören. Aber auch wenn das Coming-out für mich die richtige Entscheidung war, ist es das für viele Araber noch immer nicht. Denn in der arabischen Kultur wird generell nicht über Sexualität gesprochen. Da ist ein Bekenntnis zur eigenen Homosexualität fast bizarr. Der Titel des Romans bezieht sich auf die Underground-Homobar «Guapa», in der sich die Freunde treffen, feiern und über ihr Privatleben ebenso reden wie über die politische Situation und wie man sich wehren kann. Gibt es diesen Ort wirklich?

schweigen und mich in mein Kämmerlein zurückzuziehen und kreativ zu sein? Oder ist jetzt die Zeit, wütend zu sein und meine Stimme zu erheben? Es ist ein ständiges Ringen, weil der politische Aktivist und der

«Ich sah Schwule zum ersten Mal in amerikanischen TV-Serien, aber nicht in meinem Alltag.»

Er beruht auf einer Reihe von Bars in Beirut und Amman und ich erfand noch ein paar Details dazu. Aber ich möchte diese Orte lieber nicht öffentlich machen.

Schriftsteller in mir so eng miteinander verbunden sind.

Du lebst mittlerweile in London. Vermisst du dort das politische Engagement?

Spürst du in Londons Homoszene Rassismus oder Islamophobie?

Ich war damals hin und her gerissen. Bin ich Aktivist oder Autor oder Analytiker? Auch jetzt, mit Trump und Brexit, habe ich wieder den Drang, etwas zu tun. Ich will eigentlich einen zweiten Roman schreiben, aber ist jetzt wirklich der richtige Moment, um zu

Ich kann das nicht wirklich beurteilen, weil man mich nicht auf den ersten Blick als Araber erkennt. Ich war beim Flirten oft eine sichere Wahl, weil ich zwar nicht so aussehe, aber einen arabischen Name habe und damit ein bisschen der Exot bin. Ich habe selbst nie

etwas Rassistisches erlebt, aber es passiert natürlich. Und Islamophobie? Absolut. Wir müssen da als LGBT -Community insgesamt ganz genau aufpassen, dass wir nicht manipuliert werden und andere Minderheiten unterdrücken. Und das passiert. Marie Le Pen hat in Frankreich eine grosse schwule Anhängerschaft, weil sie über die Homophobie in der muslimischen Gesellschaft spricht. Dagegen müssen wir uns wehren. Ändert sich etwas in der Gesellschaft im Nahen Osten in Bezug auf Homosexualität? Ist die jüngere Generation offener?

Absolut! Und es passiert in rasender Geschwindigkeit. Leute, die nur sieben, acht Jahre jünger sind als ich, gehen bereits viel offener mit ihrer Sexualität um als ich damals. Und gerade habe ich einen Freund getroffen, er ist Mitte Zwanzig und er war über Weihnachten in Beirut und begegnete dort den 18-, 19-Jährigen, die gerade anfangen, in Bars zu gehen. Er meinte nur, so etwas habe er noch nie gesehen. Diese Kids gehen in Drag in die Clubs und auf Konzerte, halten Händchen in der Strasse. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten. Es ist natürlich kein Riesenphänomen, es sind ANZEIGE

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Kolumne

immer noch wenige. Aber dass es diese Jugend gibt, ist sehr signifikant. Es wird vielleicht Rückschläge geben, aber ich bin grundsätzlich sehr optimistisch, was die Zukunft angeht. Was muss sich am Umgang der Medien mit dem Thema arabische Homosexuelle ändern?

Für mich als Autor ist es wichtig, ganz unterschiedliche Geschichten und Erfahrungen zu fördern und Leute zu ermutigen, die vorherrschenden Klischees zu schwächen. Die Schwierigkeiten im Nahen Osten werden oft von anderen für politische Zwecke missbraucht. Wir müssen versuchen, die Debatte darüber wieder mehr selbst zu führen. Natürlich gibt es massive Probleme mit

Harlekin über Barcelona: das tägliche Leben. harlekin@ mannschaft.com Illustration: Fiona Good

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Frauenfeindlichkeit und Homophobie, aber wir dürfen nicht erlauben, dass damit eine ganze Region unter Generalverdacht gestellt wird. Wir müssen unsere eigenen Geschichten erzählen und unsere eigene Perspektive darstellen. Wir haben schon von deiner sehr vielschichtigen Familie gesprochen. Hast du noch Verwandtschaft in Deutschland?

Meine Grossmutter lebt in Köln, sie ist fantastisch. Sie lernte meinen irakischen Grossvater in den Fünfzigerjahren kennen und zog mit ihm von Köln nach Bagdad, ohne ein Wort Arabisch zu sprechen oder zu wissen, was sie dort erwartet. Jetzt ist sie im Ruhestand und lebt wieder in Köln. Wenn wir uns unterhalten, spricht sie Arabisch mit einem

ecter, mein Hund, ist Jungfrau, sowohl in den Sternen als auch romantisch. Vielleicht deshalb ist er ein derartiger Gourmet. Freudsche Verschiebungen. Wie mein Gym-Trainer Juan sagt, ist Lecter ein «durchtrainierter Mops». Meine Rede. In Amsterdam zählt das nicht. Die Vueling-Flight-Attendant am Check-in lässt uns nicht an Bord. Ich versuche alles: verzweifelt, wütend, billig. Dann sage ich: «Take care, Lady» und versuche würdevoll zu verschwinden. Leider war sie im Recht: Das Maximalgewicht Hund samt Kiste beträgt acht Kilo. Lecter und sein Koffer zeigen stattliche vierzehn. Wir wissen das seit zehn Jahren, ist aber nie was passiert. Meine Quittung kein Orient­express: Amsterdam-Brüssel-Paris-Barcelona in sündhaft teuren Zügen. Wer Amsterdam besucht, der sollte mal in den berüchtigten Fetischclub «Church» gehen. Donnerstags wird eine «normale» Party veranstaltet – mit Kleidung, ohne Fetische, keine Orgien. Einfach allerlei Drogen und Sex auf Toiletten. Verkorkst und heimlich meint normal? Ein Bier kostet donnerstags zwei Euro, ab zwei Uhr wird geknutscht, sagt man mir. Ich integriere mich. Open-minded und progressiv würde ich das Ambiente bezeichnen. Zwei, drei Zeitgenossen können nicht anders und erscheinen nackt, was niemanden interessiert. Ich versuche genauso «entspannt» nicht hinzuschauen. Ebenfalls im «Church»-Club gab es in diesen Tagen einen Diskussionsanlass

fetten irakischen Akzent, ganz wundervoll. Ich besuche sie regelmässig, einfach um ihre Geschichten zu hören. Sie hat wirklich etwas zu erzählen, weil sie so viel erlebt hat. Sprichst du selbst Deutsch?

Nein, leider nicht. Aber ich könnte mir gut vorstellen, mal eine Weile in Deutschland zu leben und die Sprache zu lernen. Als ich letzten Sommer längere Zeit in Berlin war, liebte ich die Energie der Stadt. Es war kurz nach dem Brexit, und als ich zurück nach London kam, sagte ich zu meinem Freund: Wir müssen nach Berlin ziehen! Aber dann ist uns eingefallen, wie scheusslich das Wetter dort im Winter ist. Aber vielleicht ziehen wir irgendwann nach Lissabon, mal sehen.

zum Thema PrEP . Ein Meeting zwischen Politik, Stiftungen und «Nachtleben». In Amsterdam setzt sich eine AIDS -Stiftung seit einiger Zeit für das Thema PrEP ein. Ihr Idealszenario ist es, dass man das HIV -Präventivmedikament via Krankenkasse beziehen kann. Ich wurde mit PrEP im Winter vor einem Jahr in den USA erstmals konfrontiert. Ich war «on holiday», die andern «on PrEP ». Man klärte mich – unüberzeugend – auf. In Holland wurde ich nun etwas besser informiert. Heutiger Stand, ohne Gewähr: Safe, ausser bei «kinky stuff», wenn vergleichsweise viel Blut im Spiel ist. Dann erfahre ich etwas, das für mein Profil spannender klingt: Anscheinend kann man anstelle des täglichen Konsums auch einfach eine Pille schlucken und ist somit für den Folgetag safe, vorausgesetzt, man nimmt postkoital eine zweite. Ich bleibe skeptisch. Chemieübersättigung? Andere Geschlechtskrankheiten? Nichtsdestotrotz finde ich, dass Sex ohne Commitment und ohne HIV im Kopf schon eine schöne Vorstellung ist. Was ich mache und nicht mache, will ich im Nachhinein nicht bereuen, mein Grundsatz. So erlebte ich auch meine Zugfahrt schliesslich recht sportlich. Ich hatte mir von Anfang an gesagt: Bis ich gestoppt werde, mache ich weiter. Klappt es einmal nicht, lasse ich es sein. Wenn das beim Thema HIV doch auch so einfach wäre.


HORIZONT

BLATTKRITIK

Schummeln, schwindeln, Schumacher

N � Der Wahnsinn. «Woche heute» hat ein neues Foto von Schumi? Schnell auf Seite 8 geblättert.

↓ Hier die grosse Enttäuschung für Sensationsgeile: Das «neue» Foto wird nur im Text beschrieben. Wohl, weil es gar nicht existiert.

Was soll ich als Nächstes lesen? Wie kann man diese Kolumne verbessern? Sags mir auf:

frank@mannschaft.com

ormalerweise schreibe ich an dieser Stelle eine Einleitung, in der ich den Lesestoff vorstellte. Heute kann ich getrost darauf verzichten. Denn was die «Woche heute» ist, sieht man ja auf den ersten Blick. Darum hier das Fazit: Die «Woche heute» ist das beschissenste Stück Müll in Printform, das mir je in die Finger gekommen ist. Und das will was heissen, denn ich lese regelmässig das «Like Mag» und den «Blick am Abend». Für unsere deutschen Leser: Die beiden Zeitschriften liegen inhaltlich irgendwo zwischen «Bild» und dem Katalog von «Möbelhaus Roller». Um fair zu sein, meine Erwartungen gegenüber dem Klatschblatt waren tief. Trotzdem wurden sie noch unterboten. Aber fangen wir ganz vorne an, beim Cover. Das ziert Michael Schumacher. Sein schwerer Skiunfall liegt mehr als drei Jahre zurück. Seither hat man nichts von ihm gehört oder gesehen. Doch die «Woche heute» berichtet von «bewegenden Einblicken» und einem neuen Foto, das die ganze Wahrheit zeigt. Schnell also auf Seite acht geblättert. Was man dort sieht, lässt einem den Atem stocken. Denn das besagte Foto ist im Heft gar nicht abgedruckt, es wird im Text beschrieben. «Immer noch ist das tragische Foto in Umlauf, das den verunglückten Weltmeister aus nächster Nähe im Krankenbett zeigt.» Woher das Blatt die Info hat, ist nicht ersichtlich. Dafür zeigt es eine Luftaufnahme von Schumachers Haus und schreibt dazu: «Verdächtig – Das Schweizer Anwesen hat sich stark verändert. Inzwischen wuchs Gras über die brachen Flächen.» Wahnsinn, es ist Gras über etwas gewachsen! Man wünscht sich für das Kapitel Schumacher das Gleiche. Auch Florian Silbereisens wilde Nächte entpuppen sich als ziemlich aufgebauscht. Die «Woche heute» will erfahren haben, dass in seinem Tourbus gefeiert wird, bis sich die

Achsen biegen. Das passende Zitat dazu hat das Heft in einer TV -Sendung gefunden. In der hat Silbereisen beiläufig gesagt: «Wir feiern im Bus manchmal noch ein bisschen.» Grund genug für das Klatschheft, eine wilde Partystory daraus zu basteln. Angereichert wird das Ganze mit Zitaten, die der Moderator irgendwann mal in den Medien von sich gegeben hat. Die «Woche heute» webt sie geschickt in den Text ein, um die steile Party­these zu stützen. Am Schluss doppelt das Heft noch nach. «Doch wie gefährlich ist dieses Junggesellenleben? Muss seine Liebste, Helene Fischer, etwa aufpassen?» Die Antwort liefert das Blatt selbst. «Helene weiss, ihr Flori kommt immer wieder zu ihr zurück». Na, Gott sei Dank. Auf Seite elf wartet der nächste Knaller auf die betagte Leserschaft. «Gefährliche Versuchung – warum Heidi Klum so von Brad Pitt fasziniert ist». Hier hat das Heft in Sachen Recherche ganze Arbeit geleistet. Denn die «Woche heute» weiss, dass Klum und Pitt in sieben Tagen zwei Mal aufeinandertrafen: Bei den Golden Globes und bei einer Charity-Gala! Wenn das mal kein Beweis für eine heisse Liebschaft ist. Wahrscheinlich sitzen die beiden gerade im Flieger nach Venedig, während ich diese Zeilen schreibe, und schlürfen Champagner aus Heidis High Heels. Das Gerücht stimmt. Man kann aus altem WC -Papier Zeitschriften machen. Die «Woche heute» ist der Beweis. Das Heft spitzt nicht nur zu, es erfindet gnadenlos, klaut Zitate und zieht haarsträubende Schluss­ folgerungen. Aufs Korrektorat wird getrost verzichtet. Den paar Omas werden die Das/ dass-Fehler sowie Verwechslungen bei der Gross- und Kleinschreibung ja kaum auffallen. Auffällig ist hingegen etwas anderes. Keiner der Texte weist eine Autorenzeile auf. Wohl aus gutem Grund. Denn wer für dieses Heft geschrieben hat, hat etwas mit Schumacher gemeinsam: Er möchte in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen werden. Kaufempfehlung für … … Menschen über 65, Altpapiersammler, Kreuzworträselfans

Text & Fotos — Frank Richter März 2017

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Märchenland der Maharadschas

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HORIZONT  — Reisefieber

Der Bundesstaat Rajasthan im Nordwesten Indiens begeistert mit herrschaftlichen Palästen, mächtigen Festungen, prunk­ vollen Tempeln und quirligen Städten. Die faszinierenden Kontraste zwischen Tradition und Moderne, denen man hier auf Schritt und Tritt begegnet, machen eine Reise durch den Ort der Könige, wie Rajasthan übersetzt heisst, zu einem ein­ maligen Erlebnis für alle Sinne.

Redaktion Andreas Gurtner

Zauberhaftes Spiegelbild: Der Padmini Mahal liegt direkt an einem kleinen See.

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HORIZONT  — Reisefieber

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bwohl Rajasthan bereits vor vielen tausend Jahren besiedelt wurde, entwickelte sich in dieser trockenen Wüstenregion Nordindiens erst um 300 vor Christus ein erstes Grossreich. Je wohlhabender dieses wurde, desto grösser wurden auch die Besitzansprüche einzelner Clans. Das Reich zerfiel folglich in unzählige kleinere Dynastien, die alle ihre eigenen prunkvollen Paläste und Festungen erbauten. Es ist daher nicht erstaunlich, dass kein anderer Bundestaat Indiens so reich an erhabenen Palästen ist wie Rajasthan. Im 10. Jahrhundert kam es zunächst zu ersten islamischen Invasionen und später zur grossflächigen Islamisierung Nordindiens. Viele bekannte Monumente wie beispielsweise der Taj Mahal wurden während dieser Zeit der muslimischen Herrschaft errichtet. Erst mit der Machtübernahme durch die Engländer im 19. Jahrhundert fand die Islamisierung ein abruptes Ende. Heute bildet Rajasthan den flächengrössten Bundesstaat der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt. Mit seinen einzigartigen Bauwerken und spektakulären Landschaften, die von Wüstenregionen bis zu dichtem Dschungel reichen, gehört Rajasthan zu den beliebtesten Reisezielen des indischen Subkontinents. Um Rajasthan zu erkunden, sollte man sich viel Zeit nehmen. Die Distanzen zwischen den Städten und Sehenswürdigkeiten sind gewaltig und die Strassen von höchst unterschiedlicher Qualität. Von Selbstfahrten ist aufgrund des chaotischen Verkehrs absolut abzuraten. Damit man die Reise unbeschwert geniessen kann, mietet man sich besser einen Wagen mit Fahrer, was in Indien kein Vermögen kostet.

Rosarote Hauptstadt

Jaipur, die Hauptstadt Rajasthans, kann auf ein rasantes Wachstum zurückblicken. Seit der letzten Jahrhundertwende hat sich die Bevölkerung mehr als verfünffacht

Gay Life Homosexualität wird in Indien bis heute gesellschaftlich stark tabuisiert. Zudem existieren uralte schwulenfeindliche Geset­ ze wie der Paragraf 377, der «sexuelle Handlungen wider die Natur» seit der britischen Kolonialherrschaft unter Strafe stellt. Auch wenn aufgrund gleichge­ schlechtlicher Handlungen seit rund zwanzig Jahren keine Gefängnisstrafen mehr ausgesprochen wurden, kommt es immer wieder zu Erpressungen und Repressalien gegen Lesben und Schwule – oftmals auch durch die Polizei. Im Juli 2009 entschied der Delhi High Court, dass der besagte Paragraf im Strafgesetzbuch grundsätzlich verfas­ sungswidrig sei. 2013 hob der indische Supreme Court die untergerichtliche Entscheidung jedoch wieder auf. Nach

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1 Schlechte Planung: Fatehpur Sikri wurde bereits nach zehn Jahren wegen Wassermangels wieder verlassen. 2 Ein extravagantes Gebäude: Der Palast der Winde wurde für den Harem des Maharadschas erbaut. 3 Heilige Kühe gehören in Rajasthan zum festen Strassenbild. 4 Ikone aus Marmor: Der Taj Mahal in Agra ist das wohl bekannteste Gebäude Indiens. 5 Das mächtige Mehrangarh-Fort dominiert das Stadtbild von Jodhpur.

einem Rüffel der Vereinten Nationen hat der Supreme Court im Februar 2016 angekün­ digt, sich erneut mit der Überprüfung der Kriminalisierung von Schwulen und Lesben auseinanderzusetzen. Die indische Filmin­ dustrie Bollywoods, die Homosexualität immer wieder zum Thema macht, leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Toleranz gegenüber Gays vor allem in den Städten kontinuierlich zugenommen hat. Auch die indischen Medien setzen sich zunehmend mit LGBT -Rechten aus. Es bleibt somit zu hoffen, dass sich der Trend zur gesellschaftlichen Öffnung fortsetzt. Eine überschaubare Szene mit gayfriendly Hotels und Bars findet man in Jaipur, der grössten Stadt Rajasthans. Wie überall in Indien empfiehlt es sich jedoch auch hier, in der Öffentlichkeit diskret aufzutreten.

— pink-pages.co.in

und ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar. Nichtsdestotrotz wirkt die Stadt für indische Verhältnisse sauber, gut organisiert und aufgeräumt. Die mehr als 5000 Tempel, Paläste und sonstigen Prachtbauten machen die Stadt auch touristisch sehr attraktiv. Wer im geschäftigen Stadtzentrum Jaipurs ankommt, dem fällt sogleich auf, dass fast alle Häuser rosarot gestrichen sind. Der Grund dafür liegt bereits sehr weit zurück: 1876 liess der damalige Maharadscha zu Ehren des Besuchs des Prince of Wales die gesamte Stadt in einem sanften Rosaton streichen. Offenbar gefiel die aussergewöhnliche Farbe den Bewohnern so gut, dass sie das rosarote Stadtbild nicht mehr hergeben wollten. Auch das unumstrittene Highlight der Stadt, der sogenannte «Palast der Winde», trägt diese Farbe. Das Gebäude bildet einen Teil des Stadtpalastes und wurde von Maharadscha Sawai Pratap Singh im Jahr 1799 erbaut. Und das nur aus einem Grund: Seine Haremsdamen sollten das städtische Leben und besonders die pompösen Festumzüge von den unzähligen verzierten Fenstern dieses Gebäudes aus beobachten können. Zum Schutz Jaipurs wurden auf den umliegenden Hügeln mächtige Festungen und kilometerlange Schutzmauern errichtet. Die bekannteste Festung, das Amber Fort, liegt rund elf Kilometer nördlich der Stadt. Im Inneren der von dicken Mauern umgebenen Befestigungsanlage findet man Gärten, reich verzierte Palasträume, einen Tempel und Katakomben. Besucher können sich frei durch das labyrinthartig aufgebaute Gebäude bewegen und fühlen sich dabei wie auf einer Zeitreise. Unterhalb des Forts liegen mehrere schöne Gärten, in denen man nach der


HORIZONT  — Reisefieber

schweisstreibenden Besichtigung der Festung neue Kraft sammeln kann. Von hier aus ist der Blick über den Maotha-­See und das sich dahinter erhebende Amber-­ Fort besonders schön. Mächtige Hügelfestung

Verlässt man Jaipur in südwestlicher Richtung mit dem Ziel Udaipur, so kommt man unterwegs an einer der grössten Befestigungsanlagen Indiens vorbei: dem Chittorgarh-Fort. Dieses im 5. Jahrhundert errichtete Bollwerk befindet sich auf einem weitläufigen Hochplateau, das auf allen Seiten bis zu 180 Meter steil abfällt. Trotz Klippen und mächtigen Festungsmauern wurde Chittorgarh mehrmals erobert und zerstört. Heute gelangt man über eine enge kurvige Strasse, die durch sieben Tore führt, ins Innere der Festung. Dort angelangt, lohnt sich insbesondere ein Besuch des Gaumukh Kund, eines pittoresken Wasserspeichers, von dem aus sich ein toller Ausblick über die Festung und die umliegende Landschaft bietet. Eine weitere Stelle, die man sich nicht entgehen lassen sollte, ist der 37 Meter hohe Siegesturm – der Vijay Stambha – der im 15. Jahrhundert errichtet wurde. Abschliessend lohnt sich auch noch ein Besuch des Padmini Mahals, einer wunderbaren Palastanlage, die vor langer Zeit für die Prinzessin Padmini errichtet wurde. Die Anlage liegt direkt an einem kleinen See, in dessen Mitte ein weiterer Minipalast auf einer Insel thront. In diesem hat die Prinzessin – abgeschirmt von neugierigen Blicken – den grössten Teil ihres Lebens verbracht, bis sie während eines Angriffs feindlicher Truppen in ehrenhafter Selbstverbrennung verstarb. Die Weiterfahrt bis nach Udaipur, dem Venedig Rajasthans, dauert von Chittorgarh aus nochmals gut drei Stunden.

Auf einen Blick Anreise Etihad Airways fliegt ab der Schweiz und Deutschland via Abu Dhabi nach Jaipur, Neu-Delhi und Mumbai. (ab CHF 650.- / EUR 500.-). Beste Reisezeit In den trockenen und kühleren Wintermonaten von Ok­ tober bis März. Im Sommer kann es unerträglich heiss werden, bevor der Monsun im Herbst starke Regenfälle mit sich bringt. Sprache Die offiziellen Landesspra­ chen Indiens sind Hindi und Englisch. Man kann sich folglich in ganz Indien gut auf Englisch verständigen.

Einreise Um in Indien einreisen zu können, benötigen Bürger der Schweiz und der EU einen gültigen Reisepass sowie ein E-Visum, das online beantragt werden kann. Transportmittel Es empfiehlt sich, ein Auto mit Fahrer zu mieten. Ein zuverlässiger lokaler Anbieter mit einer modernen Fahrzeugflotte ist beispielsweise — indiabycaranddriver.com Sicherheit In den grossen Städten sollte man wachsam sein. Grundsätz­ lich gilt Rajasthan jedoch als sicheres Reiseziel. Weitere Infos  — tourism.rajasthan.gov.in

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Schwebende Sommerpaläste

Die zauberhafte Stadt Udaipur zählt zu den beliebtesten nationalen Urlaubszielen Indiens und hat sich insbesondere bei Hochzeitsreisenden einen Namen gemacht. Kein Wunder, bietet die romantisch am Ufer des Lake Picholas gelegene Stadt doch jede Menge toller Fotomotive. In der Mitte dieses Sees, der übrigens 1362 angelegt wurde, stehen einige der schönsten Paläste Rajasthans. Als besonderes architektonisches Highlight gilt der Lake Palace, der im See zu schweben scheint und in dem 1983 Dreharbeiten für den James-Bond-Film «Octopussy» stattfanden. Heute beherbergt diese ehemalige königliche Sommerresidenz, die im 18. Jahrhundert errichtet wurde, ein Luxushotel für eine gut betuchte Klientel. Vom Lake Palace aus geniesst man einen tollen Blick auf das nahe Stadtzentrum, in dessen Mitte der prächtige Stadtpalast hervorsticht. Obwohl dieses riesige Gebäude dem Maharadscha von Udaipur noch heute als Wohnsitz dient, ist ein Teil auch als Museum für interessierte Besucher zugänglich. Neben dem Ausblick auf die Dächer der Stadt und den Lake Pichola kann man hier die verschwenderischen Relikte der Königszeit bestaunen – von Spiegelzimmern, vergoldeten Deckenverzierungen bis zu Wandmosaiken, die aus hunderttausenden Glassteinen bestehen.

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Unbezwingbare Bastion März 2017

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Rund zwei Fahrstunden von Udaipur entfernt liegt inmitten einer malerischen Berglandschaft die Hügelfestung von Kumbalgarh, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde und heute zum Weltkulturerbe gehört. Die gesamte Anlage wird von einem 36 Kilometer langen Mauerring mit gewaltigen Wachtürmen und halbrunden Bastionen umgeben. Besucher können die Mauer zu Fuss entdecken, wobei sich unterwegs immer wieder tolle Ausblicke auf die Festungsanlage und das umgebende Bergpanorama bieten. Im Zentrum des Forts befindet sich ein Palast mit mehreren Tempeln und Gärten. Aufgrund seiner Grösser war Kumbalgarh von der Aussenwelt völlig unabhängig, weshalb das Fort selbst einer längeren Belagerung standhalten konnte. Rund 200 Kilometer nördlich von Kumbalgarh erreicht man die geschäftige Stadt Jodh­pur, in deren Mitte das majestätische Mehrangarh-Fort auf einem Felsen thront. Den Eingang der Festung erreicht man entweder nach einem steilen Aufstieg oder einer rasanten Tuktukfahrt. Oben angekommen, lässt sich eine atemberaubende Aussicht auf die darunterliegende verwinkelte Altstadt werfen. Da die meisten Häuser

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einen hell­blauen Farbanstrich aufweisen, der in den heissen Sommermonaten für Kühlung sorgen soll, ist Jodhpur auch unter dem Bei­namen «blaue Stadt» bekannt. An klaren Tagen lässt sich hinter dem blau schimmernden Häusermeer die Silhouette des gewaltigen Umaid Palace entdecken. Als in der Mitte der 1920er Jahre eine Dürre die Region um Jodhpur heimsuchte, beschloss der Maharadscha, einen Palast zu errichten, um der hungernden Bevölkerung Arbeit zu verschaffen. Am Bau des Palastes aus Sandstein waren knapp 3000 Arbeiter ungefähr vierzehn Jahre lang beschäftigt. Architektonisch gesehen ist das Bauwerk, das heute ein Luxushotel sowie ein Museum beherbergt, eine Mischung aus östlichen und westlichen Baustilen. Auch die adelige Familie wohnt nach wie vor in einem Teil des monumentalen Palasts, der als weltweit grösstes Gebäude in Privatbesitz gilt. Zauberhafte Wüstenstadt

Westlich von Jodhpur beginnt die Wüste Thar, die sich bis weit nach Pakistan erstreckt. Nach einer rund fünfstündigen Fahrt erreicht man die Oasenstadt Jaisalmer, in deren Zentrum sich das 1156 errichtete Golden Fort erhebt. Gebaut wurde es vom

Rajputen-Herrscher Rawal Jaisal, der zugleich der Stadt ihren Namen gab. Bei Sonnenauf- und -untergang leuchten die massiven Sandsteingemäuer des Forts jeweils in goldener Farbe und es scheint, als würde die Stadt mit der umgebenden Wüste verschmelzen. Legenden besagen, dass dies früher Feinde in der Dämmerung von Angriffen abgehalten habe. Heute werden in Jaisalmer keine Schlachten mehr geschlagen – dafür lädt der historische Stadtkern im Fort zu ausführlichen Besichtigungstouren ein. Den Hauptplatz der Festung erreicht man über eine kurvige, belebte Pflasterstras­ se, die von drei grossen und beeindruckenden Toren unterbrochen wird. Innerhalb der Festung zählt der Maharawal-Palast zu den imposantesten Gebäuden. Wenn man durch das Gebäude hoch bis zum Dach geht, erlebt man einen atemberaubenden Panoramablick, der einem deutlich macht, wie sehr das Jaisalmer-Fort und die Stadt verschmolzen sind. Neben dem Palast findet man auch mehrere Havelis, bei denen es sich um reich verzierte, mehrstöckige Wohnhäuser handelt, die vor langer Zeit von wohlhabenden Händlern erbaut wurden. Auch dem Gassenwirrwarr ausserhalb der dicken Festungsmauern sollte man unbedingt einen


Besuch abstatten. Hier pulsiert das Leben und muss man sich einen Weg durch die fliegenden Händler, herumstehenden Kühe, farbigen Markstände und den hektischen Verkehr suchen. Von Jaisalmer aus führt der Weg über weitere sehenswerten Städte wie beispielsweise Bikaner und Ajmer nach Jaipur zurück. Von hier aus lohnt es sich, weiter in den Bundesstaat Uttar Pradesh zu reisen, der über eine gut ausgebaute Strasse erreicht werden kann. Nur wenige Kilometer nach dem Überschreiten der Staatsgrenze erreicht man die faszinierende Geisterstadt Fatehpur Sikri aus dem 16. Jahrhundert. Der nur 26 Jahre alte Herrscher Akbar der Grosse wollte hier ein aufwendiges Denkmal zum Ruhm seine Taten bauen. In nur sechzehn Jahren liess er deshalb seine neue strahlende Hauptstadt aus dem Boden stampfen. Aber schon gut zehn Jahre nach dem Bau verliessen Akbar und sein Hofstaat Fatehpur Sikri wieder. Unter anderem war von Anfang an die Wasserversorgung ein Problem. Der Wassermangel sorgte allerdings auch dafür, dass die Geisterstadt immer noch nahezu perfekt erhalten ist. Denn keiner der späteren Herrscher und Eroberer Indiens hatte je ein Interesse daran, hier zu wohnen, die Stadt zu besetzten oder gar zu zerstören. Zu den eindrücklichsten Gebäuden von Fatehpur Sikri gehört zweifelsohne die fotogene Jama Masjid-Moschee mit ihrem riesigen Innenhof. Indiens Wahrzeichen

Nun sind es nur noch knapp 40 Kilometer bis zum wohl bekanntesten Bauwerk Indiens: dem Taj Mahal in der Stadt Agra. Der Bau dieses riesigen Mausoleums wurde 1631 vom Grossmogul Shah Jahan zum Gedenken an seine kurz zuvor verstorbene grosse Liebe in Auftrag gegeben. Das im Stil einer Moschee errichtete Gebäude ist 58 Meter hoch und besteht hauptsächlich aus weis­ sem Marmor. Auch wenn man sich durch schier endlos wirkende Touristenmassen kämpfen muss, um ins Innere des Prunkbaus zu gelangen, lohnt sich ein Besuch dieses im grellen Sonnenlicht schimmernden Weltkultur­erbes allemal. Von Agra aus ist es nicht mehr weit bis in die indische Hauptstadt Neu-Delhi, die man über eine moderne Schnellstrasse erreicht. Hier kann man sich nochmals ein paar Tage Zeit nehmen, um die zahlreichen Monumente der Kapitale zu besuchen, oder man tritt vom internationalen Flughafen aus direkt den Rückflug in die Heimat an.

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Insidertipps

Tree of Life, Jaipur Diese luxuriöse Hotel­ anlage mit nur vierzehn Villen liegt ausser­ halb von Jaipur in einer malerischen Hügel­ landschaft. Jeder, der eleganten Bungalows verfügt über ein Schlafzimmer, einen Salon, ein grosses Badezimmer sowie einen pri­ vaten Garten. Besonders schön sind die Luxury Pool & Spa Villas, die zusätzlich über ein eigenes Schwimmbecken und einen Whirlpool verfügen. Zum Angebot des Ho­ tels zählen ein Fitnesscenter, ein Spa, ein grosser Poolbereich sowie ein Restaurant. Letzteres serviert indische und internati­ onale Spezialitäten auf höchstem Niveau. Den internationalen Flughafen von Jaipur erreicht man in rund vierzig Minuten. — treeofliferesorts.com

Killa Bhawan, Jaisalmer Die acht Zimmer dieses spektakulären Boutiquehotels verteilen sich über drei ehemalige Bürger­ häuser, die in die dicken Festungsmauern der Stadt Jaislamler gebaut wurden.

Mehrere Dachterrassen bieten zu jeder Tages- und Nachtzeit grossartige Blicke über das Fort und die darunterliegende Stadt. Die komfortabel ausgestatteten Zimmer sind mit alten indischen Möbeln dekoriert, so dass man sich hier wie in einem Märchen aus 1001 Nacht fühlt. Vom Hotel aus lassen sich die Attraktionen der Stadt gut zu Fuss erreichen. Darüber hinaus bietet das Hotel Exkursionen wie Kamelrei­ ten in den Dünen der Wüste Thar an. — hotelkillabhawan.com

Hyatt Regency, Gurgaon Reisende, die über den Flughafen von Neu-Delhi nach Rajasthan reisen, können sich nach ihrer Ankunft in Indien in diesem komfortablen Hotel von den Flugstrapazen erholen. Auf der Strecke nach Jaipur und Agra gelegen, lassen sich von hier aus viele Sehenswür­ digkeiten schnell erreichen. Die eleganten Zimmer verfügen über jeglichen Komfort und bieten ein grosses Marmorbad mit Regendusche und Badewanne. Zu den An­ nehmlichkeiten des Hotels zählen ein Aus­ senpool, eine Bar und ein Fitnesscenter mit Spa. Im hoteleigenen Restaurant darf man sich auf leckere indische, thailändische, japanische und westliche Gerichte freuen. — gurgaon.regency.hyatt.com

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HORIZONT —  Film / DVD

Moonlight Schwarz und schwul und doppelt diskriminiert

Drama, USA 2016. Regie & Drehbuch: Barry Jenkins. Darsteller: Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes, Jharrel Jerome, André Holland, Jaden Piner. Kinostart: 9. März

«Moonlight» und «Hidden Figures» sind völlig verschieden inszeniert. Den Kern aber haben die Dramen gemeinsam: Sie schildern die doppelte Diskriminierung von Afroamerikanern. Der pointierte und energische «Hidden Figures» die, in den Sechzigerjahren schwarz und Frau zu sein; der nüchterne und ruhige «Moonlight» die, heute schwarz und schwul zu sein. Der strenge Dreiakter «Moonlight» schildert Schlüsselszenen aus dem Leben von Chiron: Wie er als Kind (Alex Hibbert) erstmals Unterstützung erhält; wie er als Teenager (Ashton Sanders) mit seiner drogensüchtigen Mutter bricht; wie er sich als Erwachsener (Trevante Rhodes) endlich seinen Gefühlen stellt. Die einzige, freilich vage Konstante in Chirons Leben ist der gleichaltrige Kevin, mit dem er die erste sexuelle Erfahrung hat. Wer einen erbaulichen Coming-out-Film erwartet, wie man ihn bei uns spätestens seit «Beautiful Thing» (1996) kennt, irrt: «Moonlight» ist viel näher bei den Problemfilmen, die das schwule Kino vor Jahrzehnten prägten – nur viel verhaltener. Dies zeigt umso deutlicher auf, wie wichtig er ist, und dass unter Afroamerikanern die Akzeptanz von Homosexualität ferner ist, als man meinen könnte. Doch vor allem zeigt «Moonlight» ethnisch übergreifend auf, wie verheerend Intoleranz und Ausgrenzung sind und immer sein werden.

Redaktion Patrick Schneller filmguru@mannschaft.com

Patrick weiss immer noch nicht, ob er über Lasse Hallströms unsägliche esoterische Hunde-­ ReinkarnationsMär lachen oder weinen sollte.

Der kubanische Dealer Juan (Mahershala Ali) gibt dem neunjährigen Chiron Selbstvertrauen.

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März 20172016 Dezember


D V D Doctor Strange

Historiendrama, USA/TWN/MEX 2016, Regie & Drehbuch: Martin Scorsese. Kinostart: 2. März

1637 reisen die Jesuitenpriester Rodrigues (Andrew Garfield) und Garupe (Adam Driver) nach Japan, um ihren Mentor Ferreira (Liam Neeson) zu suchen: Der soll im Zuge der dortigen Inquisition bekehrt worden sein. Seit Jahrzehnten war es ein Herzensprojekt von Martin Scorsese, den 1971 erstverfilmten Roman «Schweigen» von Shûsaku Endô (1923–1996) zu adaptieren. Nun ist es so weit. Der 74-jährige Meisterregisseur legt ein 160-minütiges Epos vor, das mit schwelgerischer Bildsprache und hypnotisierender Tonspur fasziniert. «Silence» ist weniger ein Film als vielmehr ein meditatives Erlebnis für alle Sinne. Andrew Garfield zeigt dabei nach Mel Gibsons pazifistischer Schlachtplatte «Hacksaw Ridge» zum zweiten Mal in kürzester Zeit, dass er zu den interessantesten jüngeren US -Stars gehört.

Nora (M.) macht Politpropaganda für das Frauenstimmrecht.

Die göttliche Ordnung Tragikomödie, CH 2017, Regie & Drehbuch: Petra Volpe. Kinostart: 9. März

Kubo: Der tapfere Samurai

Der aufgeweckte Bub Kubo gerät unvermittelt in ein gefährliches Abenteuer, als er von den Finsteren Schwestern heimgesucht wird. Mit Hilfe einer Äffin muss er das Geheimnis seiner Ahnen klären. Der Stop-Motion-Trickfilm der Laika-­ Studios («Coraline») ist eine inhaltlich mitreissende, optisch betörende Hommage an die japanische Manga- und Anime-­ Kultur und fernöstliche Mythologien als Ganzes. Ein Meisterstück des Animationskinos.

Ouija: Ursprung des Bösen 1971. Die junge Nora (Maria Leuenberger) lebt im Appenzell. Als die zweifache Mutter gegen den Willen ihres Mannes Hans (Max Simonischek) wieder arbeiten will, avanciert sie unverhofft zur lokalen Vorkämpferin für das Frauenstimmrecht. Dass Frauen in der Schweiz bis vor 46 Jahren keine politische Stimme hatten, erschreckt immer wieder. Die Aargauerin Petra Volpe veranschaulicht mit dieser fiktiven Story die politische und damit gesellschaftliche Emanzipation von damals pointiert und treffsicher. Dass sie das Ganze mit der sexuellen Revolution koppelt, wirkt indes aufgesetzt.

Fantasyabenteuer, OT: «Kubo and the Two Strings». USA 2016, Erscheint 2. März

Silence

Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) war der beste Neurochirurg der Welt, ehe ihn ein Unfall aus der Bahn warf. Dank der Uralten (Tilda Swinton) lernt er seine mystischen Kräfte kennen – und muss gleich die Welt retten. Die neben «Guardians of the Galaxy» eigenwilligste Marvel-Verfilmung – und unbestritten die psychedelischste. Ein Fantasytrip der Extraklasse, mit schön schrägem Humor und visuell ähnlich genial wie «Inception».

Horror, OT: «Ouija: Origin of Evil». J/USA 2016, Erscheint 23. Februar

Rodrigues steckt nicht bloss in der Klemme, sondern in den Fesseln der japanischen Inquisition.

Fantasy-Action, USA 2016, Regie: Scott Derrickson. Erscheint 28. Februar

HORIZONT —  Film / DVD

Die junge Witwe Alice (Elizabeth Reaser) hält sich und ihre zwei Töchter als Pseudo-­ medium über Wasser. Doch aus Betrügerei wird bitterer Ernst, als die kleine Tochter von einem Geist besessen wird. Das Prequel zum 08/15-Grusler «Ouija» übertrifft den Vorgänger dank sorgfältigem Aufbau, effektiver Gänsehaut-Spannung und zündenden Schocks auf allen Ebenen. «Oculus»-Regisseur Mike Flanagan hat Genre-Kino offenbar einfach drauf! März 2017

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HORIZONT — Serienjunkie

Die Jungs fürs Heimkino – «Looking» erscheint auf DVD und Blu-Ray Ähnlich wie die Serie «Girls» stand auch «Looking» für eine neue Form des Realismus im Serienbereich. In unaufgeregten Bildern erzählte die HBO -Produktion von den Ups and Downs einer schwulen Männerclique in San Francisco. Das Ganze war so charmant und so nah an der Gefühls- und Lebenswelt seiner Zuschauer, dass die Welle der Empörung umso grösser war, als die Serie nach nur zwei Staffeln eingestellt wurde. Gerne hätten wir Patrick (Jonathan Groff), Agustín (Frankie J. Alvarez) und Dom (Murray Bartlett) noch weiter dabei zugesehen, wie sie sich den Herausforderungen des Alltags stellen und versuchen, Jobs und Beziehungen unter einen Hut zu bekommen. Um die überaus treue Fangemeinde nicht gänzlich vor den Kopf zu stossen und die Serie nicht halbgar zu beenden, schob man einige Zeit später einen 90-minütigen Fernsehfilm nach, der alle noch offenen Erzählstränge zu einem Ende führen sollte. Darunter auch die wohl wichtigste Frage: Für wen wird sich Patrick am Ende entscheiden? Kevin, Richie oder für keinen von beiden? Mit der am 16. März erscheinenden Komplettbox können nun endlich auch diejenigen diese feinfühlige wie humorvolle Serie sehen, die nicht über Pay-TV verfügen. Alle anderen können sich auf ein Wiedersehen mit den sympathischen Jungs freuen und einen Blick zurück werfen.

Realitätsnah und bodenständig: Der schwule Alltag von Agustin, Patrick und Dom in der HBO-Serie «Looking».

Serienjunkie «When We Rise»: Miniserie über den Kampf für gleiche Rechte.

Am Anfang des Regenbogens

Redaktion Robin Schmerer Was soll ich als Nächstes schauen? Was ist deine Lieblingsserie ?

robin@mannschaft.com

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Unter dem Titel «When We Rise» startete unlängst auf dem amerikanischen Sender ABC eine achtteilige Miniserie über die Anfänge der Schwulen- und Lesbenbewegung Ende der Sechziger- und Anfang der Siebziger­jahre. Zu den Produzenten gehören unter anderem Gus van Sant und Dustin Lance Black, die auch auf dem Regiestuhl Platz genommen und zuvor bereits beim oscarprämierten Kinofilm «Milk» (über den schwulen Politiker Harvey Milk) zusammengearbeitet haben. Die Darstellerriege ist nicht minder hochkarätig.

Vor der Kamera geben sich bekannte Schauspieler/-innen wie Whoopi Goldberg, Rosie O’Donnell, Denis O’Hare, TR Knight oder Charlie Carver die Klinke in die Hand. «When We Rise» basiert vage auf den Erinnerungen des LGBT-Aktivisten Cleve Jones, der von Guy Pierce («Memento», «The King’s Speech») gespielt wird, und beginnt mit dem Stonewall-Aufstand von 1969. Bereits die ersten Trailer sahen überaus vielversprechend aus. Es bleibt zu hoffen, dass die Serie auch recht schnell ihren Weg zu uns finden wird.


HORIZONT — Serienjunkie

LGBT-Charaktere in Serien Matt Fielding Melrose Place (1992–1999)

Sex- oder Kussszenen mit Matt Fielding (Doug Savant) gab es bei Melrose Place keine.

Aus der Kritik, die Serie «Beverly Hills 90210» bilde lediglich eine weisse, heterosexuelle Oberschicht ab und sei frei von jeglicher Diversität, wollte man beim Sender FOX lernen, als 1992 das Spin-Off «Melrose Place» startete. Mit der Figur des Matt Fielding gehörte von Anfang an ein Schwuler zum Hauptcast. Zwar behandelten die Storys rund um Matt wichtige Themen der Zeit, wie etwa den noch von Vorurteilen behafteten Umgang mit HIV und Aids, doch blieb ausgerechnet in der Serie, die sich vorwiegend um Affären und Bettgeschichten drehte, Matts Schlafzimmertür zu. Sexszenen? Fehlanzeige! Selbst bei Küssen wurde stets kurz vorm entscheidenden Moment abgeblendet, weshalb sogar das Magazin The Advocate titelte «Why can’t this man get laid?» («Warum wird der Typ nicht flachgelegt?») Hier musste noch viel Pionierarbeit geleistet werden.

(K)ein Grund zum Heulen Bei RTL II zur schlechtesten Sendezeit und quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit versendet, kamen bisher hauptsächlich Amazon-­Prime-Nutzer in den Genuss der MTV -Serie «Teen Wolf», die auf dem gleichnamigen Film aus den Achtzigerjahren basiert und auch einige LGBT -Charaktere vorzuweisen hat. Ab dem 31. März heulen die Werwölfe nun endlich auch bei uns auf DVD , und alle Fans von Teen-Dramen mit übernatürlichem Einschlag heulen höchstens noch vor Freude. ANZEIGE

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HORIZONT

NACHTLEBEN

← Zootboy an PartyPremiere in Bern Eine neue Party für Bern! Am 1. April feiert «Haddock – die schwule Seemannsparty» Premiere im Bierhübeli. Los gehts um 22 Uhr in der Lounge mit Deep House von Kimbro. DJ Zootboy aus Karlsruhe eröffnet mit seinem Pop-Set den Mainfloor im Bierhübeli, gefolgt von House von DJ Sebastien Triumph (La Demence).

– haddockparty.ch

Neues Label lädt zum Maskenball Unter dem Namen «maNN ege» geht am 3. März in Luzern ein neues Partylabel für LGBT -Feiernde an den Start. Der erste Abend findet im Brooklyn Club statt und steht im Zeichen des Maskenballs. Besu­ chenden steht es offen, sich dement­ sprechend zu kleiden. Das Zürcher DJ -Duo liefert Deep-House-Sounds.

– facebook.com

MANNSCHAFT PICKS BERN: ELEKTRO TOLERDANCE @ ISC Sa., 25. Februar, ab 2200 tolerdance.ch Kommt von Karlsruhe nach Bern: DJ Zootboy.

Mehr Ausgang: mannschaft.com /gayparty

Basel: queerPlanet mit Juiceppe Heimspiel für den Basler DJ Juiceppe: Zum ersten Mal legt der Wahlzürcher am 11. März an der queerPlanet in Basel auf. Schützen­ hilfe erhält er von Resident-DJ Taylor Cruz. Zu hören gibts eine bunte Mischung aus House und Dance.

– queerplanet.ch

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ZÜRICH: BOYTESCHEMA @ HEAVEN Fr., 3. März, ab 2300 heavenclub.ch LUZERN: FRIGAY NIGHT @ LOFT Fr., 17. März, ab 2300 frigaynight.ch ZÜRICH: AREA BLUMENPARTY @ HIVE Sa., 18. März, ab 2200 area.ch ZÜRICH: HELL ON HEELS @ HEAVEN Fr., 25. März, ab 2300 heavenclub.ch


HORIZONT

Battle of the Queens «Battle of the Queens» heisst die wohl queerste und unterhaltsamste Nacht im Zürcher Heaven, dieses Jahr am 18. März. Die Kandidatinnen, bekannt aus dem «Heaven Drag Race», duellieren sich mit hitzigen Performances und gehen dabei so richtig miteinander ins Gefecht. Wer kann Kampf Sieg für sich entscheiden?

– heavenclub.ch

St. Gallen: Sack & Pack Wie jeden ersten Sonntag im Monat steigt am 5. März die «Sack & Pack»-Party im St. Galler News. Ab 20 Uhr gibts Cocktails und Sound vom DJ -Duo Glitzerhaus.

Zürich: Kiki ist neu bei Frieda's Das beliebte Zürcher Elektro-Label «Kiki» hat mit Frieda's Büxe eine neue Bleibe gefunden. Gefeiert wird die neue Residency am 24. Februar mit De Posada (Bild), Dani Nydegger, In Space, Workinprogress sowie Kyrill & Redford.

– yourkiki.ch

– newscafebar.ch

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HORIZONT — 5 Fragen Bild: zvg

Fragen an Abdiel Montes de Oca Vom 19. bis 22. April 2017 zeigen die Schwulen Berner Sänger «Schwubs» ihr neues Programm «Rimini» im Schlachthaus in Bern. Die Mannschaft sprach mit Chorleiter Abdiel Montes de Oca. Abdiel, warum heisst das neue Schwubs-­ Programm «Rimini»?

Mit Rimini verbindet man Nostalgie, Strand und schöne Männer. Die Schwubs-Sänger brauchen etwas frische Luft, um kreativ zu sein. Also gehen sie nach Rimini. Zudem passt der Name zu den Melodien, die wir für das diesjährige Programm ausgewählt haben. So wie ich Schwubs kenne, wird uns auf der Bühne auch eine Geschichte vorgespielt.

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«Einer unserer Sänger hat ABBAs ‹Mamma Mia› umgetextet. Ich hoffe, die Frauen im Publikum sind uns nicht böse, wenn sie es hören. »

Natürlich. Es passiert viel in Rimini (lacht). Den Sängern widerfahren wieder lustige Dinge. Bei den Texten sind wir dieses Jahr um einiges provokativer, besonders bei einem Lied, das ich hier leider nicht verraten darf. Aber selbstverständlich gibt es auch bei diesem Programm ein Happy End.

Dieses Mal steht kein professioneller Gast mit den Sängern auf der Bühne. Sie tragen also die Verantwortung für die Lieder, die Texte und die Choreografie. Sie werden natürlich von der Regisseurin Linda Trachsel begleitet, auf der Bühne sind sie aber auf sich alleine gestellt.

Welche Songs kannst du mir verraten? Gibt es dabei eine besondere Heraus­ forderung für die Sänger?

Die vier Konzertdaten von Schwubs sind immer restlos ausverkauft. Weshalb gibt es nicht mehr Aufführungsdaten?

Wir singen Conchita Wursts «Rise Like A Phoenix», aber auch Klassiker wie «Xanadu» oder «Amor, Amor, Amor» von Julio Iglesias. Thomas Hirschi, einer unserer Sänger, hat ABBAs «Mamma Mia» auf eine sehr witzige Art und Weise umgetextet. Ich hoffe, die Frauen im Publikum sind uns nicht böse, wenn sie es hören.

Nebst der ganzen Dekoration, der Steh- und der Generalprobe können wir leider nicht mehr als vier Aufführungen am Stück anbieten. Wir sind kein professioneller Chor, und die Sänger arbeiten alle nebenbei. Das wäre zu viel. Jedoch werden wir in sechs Monaten – gleich wie letztes Jahr – das Programm wiederholen.

März 2017

Im Mai sind Schwubs Gastgeber des «Südakkord». Worum geht es?

Der Südakkord ist ein Festival mit verschiedenen LGBT-Chören aus dem Süden Deutschlands. Vom 25. bis 28. Mai findet dieses nun zum ersten Mal in Bern im Hotel National statt. Wir erhalten Besuch von rund fünfzehn Chören, die am Freitag- und Samstagabend Ausschnitte aus ihrem Programm zum Besten geben. Es ist eine Leistungsschau, aber kein Wettbewerb. Wir bekommen einen Einblick in die Arbeit anderer Chöre und tauschen uns mit ihnen aus. Für die Konzerte am Abend sind jeweils Tickets verfügbar. Tickets für «Rimini»: — schlachthaus.ch Tickets für «Südakkord»: — suedakkord.org

Interview — Greg Zwygart


—  Rubrikentitel

UNTERTITEL

SZENE

74 Comic 68 Patenprojekt 58 Ein Land rebelliert März 2017

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SZENE — USA

© Bonzo McGrue

Während Trumps Amtsantritt wurde in den ganzen USA protestiert, hier in San Diego.

Ein Land rebelliert Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump bangen Minderheiten in den USA um ihre Rechte. Jessica Donath hat mit Demonstrierenden gesprochen und rekapituliert die Ausgangslage für die US-amerikanische LGBT-Community. Text: Jessica Donath

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SZENE — USA

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avi Cheng ist besorgt. Die Grafikdesignerin, die als 15-Jährige mit ihrer Familie aus Hong Kong in die USA eingewandert ist, fürchtet, dass Anti-LGBT-Massnahmen der neuen amerikanischen Regierung schwächere Mitglieder der Gesellschaft treffen werden. «Mir wird nichts passieren, ich habe viel Unterstützung». Sie war mit ihrer Frau Bracha am Vorabend der Vereidigung von Donald Trump zur Demonstration in West Hollywood gekommen, einer Kommune in der Mitte von Los Angeles mit traditionell hohem Anteil an LGBT -Einwohnerinnen und -Einwohnern. In vielen Grossstädten Amerikas, zum Beispiel in Trumps Wohnort New York, gingen die Menschen am Abend vor und am Wochenende nach der Amtsübernahme des fünfundvierzigsten Präsidenten auf die Strasse. Doch die etwa 200 Teilnehmenden im Gemeindezentrum im Plummer Park, West Hollywood, schwenkten gut sechs Wochen nach der Wahl und dem zeitweise unter der Gürtellinie ausgefochtenen Wahlkampf keine Plakate mit Anti-Trump-Botschaften. Sie trugen auch nicht die charakteristischen, zum Symbol der Protestbewegung gewordenen pinken Wollmützen. Vielmehr ging es darum, sich gegenseitig Mut zu machen und nicht alleine zu sein. Kevin J. Kline, ein transgeschlechtlicher Pfarrer, erklärte dann auch die aus der Not geborene Fähigkeit vieler LGBT -Menschen, aus Fremden eine Wahlfamilie zu flechten, zur «Super­ power». «Wir sind für solch eine Situation geschaffen», sagte er.

auf seinem Nominierungsparteitag hat mit dem in Deutschland geborenen Investor Peter Thiel zum ersten Mal ein offen schwuler Redner gesprochen. Weniger gut schneiden dagegen Vizepräsident Mike Pence und der neue Gesundheitsminister Tom Price ab. In seinem Heimatstaat Indiana tat sich Pence durch die Unterstützung eines Gesetzes gegen «religiöse Diskriminierung» hervor. So sollte sich zum Beispiel ein Blumenhändler weigern dürfen, einem lesbischen Brautpaar Blumensträusse zu verkaufen. Price, der in der Vergangenheit Homosexualität mit Pädophilie verglichen hat, nimmt eine Schlüsselrolle im Kabinett ein. In seinen Aufgabenbereich fällt das Gesetz zur allgemeinen Krankenversicherung, auch als Obamacare bekannt. Trump hat im Wahlkampf versprochen, das amtsenglisch Affordable Care Act (ACA ) genannte Gesetz abzuschaffen bzw. durch andere Massnahmen zu ersetzen. Einige Errungenschaften von Obamacare kommen besonders LGBT -Menschen zugute. Zum ersten Mal durften Bewerber mit kostspieligen Vorerkrankungen

«Mir wird nichts passieren, ich habe viel Unterstützung.»

West Hollywood: Kein wütender Protest, sondern ein solidarisches Beisammensein.

© Jessica Donath

Die ersten Tage der neuen Regierung

Fast zeitgleich mit Donald Trumps Amtübernahme verschwanden Internetseiten des Weissen Hauses, die sich noch kurz zuvor mit LGBT -Angelegenheiten beschäftigt hatten, aus dem weltweiten Netz. Ein böses Omen? Obwohl er versprochen habe, als Präsident aller Amerikanerinnen und Amerikanern zu dienen, versuche Donald Trump «systematisch alle Spuren von LGBT -Leuten aus dem Weissen Haus zu wischen», schrieb Chad Griffin, der Präsident der Human Rights Campaign (HRC ), in einer Presseerklärung. Gemeinsam mit anderen Menschenrechtsorganisationen, die sich unter anderem für die Gleichberechtigung von LGBT -Amerikanern einsetzen, will die HRC Druck auf die neue Regierung ausüben. Dazu dient zum Beispiel das «Trump Accountability Project» (Trump-Rechenschaftsprojekt). Dabei wird alles gesammelt, was der neue Präsident und seine Mitstreiter in der Vergangenheit gesagt und getan haben, um LGBT -Menschen zu schaden oder den Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung zu verhindern. Donald Trump persönlich hat sich vor seiner Präsidentschaftskandidatur nicht viel zu Schulden kommen lassen. Im Wahlkampf sprach der zum dritten Mal Verheiratete zwar gerne von der traditionellen Ehe, sagte aber auch öffentlich, dass jeder im Trump Tower die Toilette benutzen darf, die ihm oder ihr angebracht erscheint. Und März 2017

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© Liz Lemon

SZENE — USA

Unterstützung in fast allen Bereichen des Lebens an. In ähnlicher Art und Weise wie das Trump Accountability Project verfolgt das Center unter «100 Days and Me» Anti-LGBT -Massnahmen der neuen Regierung. In den Tagen nach der Wahl von Anfang November nahmen mehr Menschen die Dienste der Organisation in Anspruch, per Telefon und persönlich. «Viele Transmenschen waren besorgt, dass sie vielleicht ihre Papiere zur Geschlechtsangleichung nicht mehr durchbekommen. Und innerhalb von nur ein paar Stunden kamen am Wahlabend Hunderte zusammen, die vom Ausgang enttäuscht waren», erinnert sich Gil Diaz, Kommunikationsmanager des Centers. Seit der Wahl machten sich seine Klienten nicht nur über Kabinettsmitglieder sorgen, sondern hätten auch Angst vor der Umsetzung einiger prominenter Wahlkampfversprechen. Zwei davon nahm sich die neue Regierung gleich in den ersten Wochen vor: Die geplante Mauer zwischen den USA und Mexiko sowie ein Einreiseverbot für Bürger ausgewählter muslimischer Staaten. Warum Einwanderung ein LGBT-Thema ist

An den Protesten in der Hauptstadt Washington, D. C., wurden über 200 Teilnehmende verhaftet.

wie zum Beispiel HIV /AIDS von den Krankenkassen nicht abgelehnt werden. Auch schaffte das Gesetz die Deckelung von Medikamentenkosten ab. 20 Millionen Amerikaner, die vorher keine Krankenversicherung hatten, zittern nun um ihren Versicherungsschutz. «Unzählige LGBT -Menschen leben mit der Angst, dass wir wieder zurückkehren in eine Zeit, als jede noch so kleine Krankheit nicht nur den finanziellen, sondern auch den physischen Ruin bedeutete», sagte David Stacey, «HRC Government Affairs»-Direktor. Transpersonen wird die Rücknahme des ACA besonders hart treffen, weil unklar ist, ob Versicherungen in Zukunft noch die Kosten für eine Geschlechtsangleichung übernehmen müssen. Als das Gesetz 2013 in Kraft trat, beschrieb das «National Center for Transgender Equality» die Vorzüge so: «Für tausende Transmenschen im ganzen Land hat das Warten auf eine bezahlbare und umfassende Krankenversicherung ein Ende.» Ungewissheit macht Angst

Diese Unsicherheit über die Zukunft der eigenen Rechte trübt die Stimmung in der LGBT -Community. Das 1969 gegründete Los Angeles LGBT -Center bietet Betroffenen

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Die Organisation «National LGBTQ Taskforce» hat errechnet, dass in den USA fast eine Million Einwanderer leben, die sich als LGBT identifizieren. Mehr als 250 000 halten sich ohne gültige Papiere im Land auf. Zu ihnen hat bis vor Kurzem auch Javier gehört. Auf der Internetseite von HRC berichtet er, dass seine Mutter schon früh geahnt hatte, dass ihr Sohn schwul sei. Um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen, floh sie mit ihren zwei kleinen Kindern aus Guatemala in die USA . Menschenrechtsorganisationen wie die «American Civil Liberties Union» (ACLU ) fürchten nun, dass dieser Weg in Zukunft vielen Menschen versperrt bleibt. Die Trump-Regierung hat eine Verfügung erlassen, die einen 120-tägigen Aufnahmestopp für Flüchtlinge und Asylsuchende, sowie ein 90-tägiges Einreiseverbot für Besucher aus sieben mehrheitlich islamischen Staaten bedeutet. Besonders vom Aufnahmestopp für Flüchtlinge und Asylbewerber sind LGBT -Menschen betroffen. Das Williams Institute, ein Thinktank der University of California in Los Angeles, weist darauf hin, dass in sechs der sieben vom Reisebann betroffenen Ländern Homosexualität ein Straftatbestand ist. Als Reaktion auf Initiativen wie die Reiseverordnung kommt es immer wieder nicht nur zu Massendemonstrationen, sondern auch zu ausserordentlichen Spendenaktionen. So versprachen verschiedene Prominente, dass sie Spenden verdoppeln werden, wenn Twitternutzer ein Foto ihrer Spendenquittung posten – angefangen mit der Sängerin Sia, die «helft unseren queeren und Einwandererfreunden» twitterte, über Talkshowmoderatorin Rosie O’Donnell, Schauspieler Judd Apatow und führende Technologieunternehmer. Auf diese Weise hat die ACLU in weniger als 48 Stunden 24 Millionen US -Dollar an Spendengeldern eingenommen – etwa sechsmal so viel, wie sonst im ganzen Jahr gespendet wird. Solche Reaktionen dürften Davi und anderen LGBT -Menschen Hoffnung geben und Mut machen.


SZENE

ZITIERT Gehört, gelesen, gesehen.

«Wir wissen nicht, was mit Donald Trump noch alles auf uns zukommt – und er weiss es wohl selbst noch nicht.» Schauspielerin Cynthia Nixon attackierte den US-Präsidenten Donald Trump im Rahmen einer Demonstration vor dem «Stonewall Inn» in New York.

«Ihr alle liebt ja die neusten News, deshalb hier mal ein paar alte Neuigkeiten: Ich bin schwul.» Ende Januar gab der US-amerikanische Rapper iLoveMakonnen («Tuesday») sein Coming-­out auf Twitter. Für diesen Schritt erhielt der 27-Jährige viel Zuspruch von seinen zahlreichen Followern.

«Es war überhaupt kein Problem, grossartige transgeschlechtliche Schauspieler/-innen zu finden. Wenn Hollywood sagt, dies sei schwierig, dann ist das nichts als Bullshit.» Regisseur und Drehbuchautor Dustin Lance Black («Milk») sprach über seine neue Serie «When We Rise», die in den USA am 27. Februar Premiere feiert (mehr Infos dazu auf Seite 52).

«Der Grund, warum ich nicht offen über meine sexuelle Orientierung spreche, ist ganz einfach: Ich will mich nicht mit der Polizei rumschlagen und in Gerichtssälen sitzen müssen.» In seiner Biografie spricht der ge­ feierte Bolly­wood-Regisseur Karan Johar nur implizit über sein Schwul­ sein. Er sei in Indien zum «Aus­ hängeschild der Homo­sexualität» geworden und erhalte täglich

hunderte homophobe Tweets. Für seine Äusserungen erntete er Kritik: In Indien sei zwar der homosexuelle Geschlechtsakt illegal, fürs Schwul­ sein als solches könne man aber nicht bestraft werden.

Bilder (i.U): William Morris Endeavor, DemocracyNow.org, Paul Schreiber, BollywoodBubble.com

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SZENE — Dating

Die Geister, die er nicht rief Gefälschte Grindr-Profile machen dem US-Amerikaner Matthew Herrick das Leben schwer. Unterdessen hat er gegen das Dating-App-­ Unternehmen Klage eingereicht. Dieses hüllt sich bisher in Schweigen.

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© Matthew Herrich

nde Januar veröffentlichte das Tech-Magazin Wired einen Bericht, der empört. «Gefälschtes Grindr-Profil macht einem Mann das Leben zur Hölle», so der Titel des Artikels. Darin wird geschildert, was der in New York lebende Schauspieler Matthew Herrick in den letzten Monaten über sich ergehen lassen musste. Es sei an einem Tag im vergangenen Oktober gewesen, als plötzlich ein Typ vor Herricks Wohnung stand. Der Mann war wegen eines Sex-Dates gekommen und bezog sich auf eine Konversation, die er mit Herrick auf Grindr geführt habe. Letzterer erwiderte, er sei seit einer Woche nicht mehr auf der App gewesen, woraufhin der Unbekannte sein Handy zückte und dem 32-Jährigen ein Profil mit Foto zeigte. Darauf zu sehen: Herrick, unverkennbar, wie er mit nacktem Oberkörper in der Küche steht. «Das bin zwar ich, aber ich bin es nicht wirklich», hatte Herrick laut Wired entsetzt geantwortet. Intensive Belästigung

Was nun folgte, gleicht einem Albtraum. Während Wochen kreuzten mehrmals täglich fremde Männer bei Herrick auf – sei es vor seinem Appartement, sei es im Restaurant in Manhattan, wo er arbeitet. «Erst waren es drei pro Tag, danach acht oder neun, und dann mehr als ein Dutzend», schreibt Wired-Autor Andy Greenberg. Dabei nahmen alle Bezug auf vermeintliche, via Grindr vereinbarte Sextreffen. Offensichtlich war ohne Wirkung geblieben, dass Herrick kurz nach der ersten überraschenden Begegnung im Oktober mit Grindr Kontakt aufgenommen und gemeldet hatte, dass jemand einen gefälschten Account von ihm erstellt hatte. So blieb nicht nur das ursprüngliche Fake-Profil bestehen, es tauchten sogar immer neue, immer schlimmere Versionen auf. Solche, die «harten, ungeschützten Sex sowie Orgien und Drogen» anboten. «Diese zunehmend extremen Einladungen führten dazu, dass immer aggressivere und gewaltbereitere Typen auftauchten», so Greenberg. Infolge der Tatsache, dass die Profile jeweils auch die Telefonnummer enthielten, sei Herrick zudem mit zahlreichen Anrufen, Nachrichten und Genitalbildern bombardiert worden. Juristische Mittel ergriffen

Unterdessen sind es schon über 700 fremde Männer, die Herrick abwimmeln musste. «Mein Leben und meine Privatsphäre wurden mir entrissen. Täglich werde ich

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gedemütigt», gab Herrick gegenüber Wired zu Protokoll. Erschreckend ist auch die hohe Anzahl seiner fehlgeschlagenen Versuche, Grindr zur Sperrung jener IP -Adresse zu bewegen, von der aus die gefälschten Accounts erstellt wurden. Über 50 Mal habe Herrick Grindr kontaktiert, schreibt Greenberg, aber nie mehr erhalten als die automatisch generierte Antwort, man werde die gemeldeten Profile untersuchen. Letztendlich sah sich Matthew Herrick gezwungen, den Rechtsweg einzuschlagen: Ende Januar reichte er bei einem New Yorker Gericht Klage gegen Grindr ein. Die rechtlichen Vorwürfe lauten unter anderem auf Sorgfaltspflichtverletzung, vorsätzliche Zufügung seelischen Leidens oder irreführende Geschäftspraktiken.

Matthew Herrick wurde in den letzten Monaten von über 700 Männer besucht – ungewollt.

«Scruff» offenbar kooperativer

Wie Wired weiter ausführt, stecke hinter den gefälschten Accounts ein Exfreund von Herrick. Die Klageschrift nenne den Ex zwar als Urheber der Fake-Profile, als Angeklagter wird er aber nicht aufgelistet. Sowohl Herrick als auch seine Anwältin Carrie Goldberg betonen, dass sich die Klage ausschliesslich gegen Grindr richte. «Ein bösartiger User läuft Amok und missbraucht das Produkt dieser Firma als Waffe», wird Goldberg zitiert. Grindr sei in der Lage, diesem Treiben Einhalt zu gebieten, tue dies aber nicht. Anders verhielt sich demgegenüber der

Text – Markus Stehle


SZENE — Dating

App-­Anbieter «Scruff», auf dessen Dating-Plattform ebenfalls Fake-Profile von Herrick aufgetaucht waren. Er meldete sich beim Unternehmen, schilderte die Sachlage, und 24 Stunden später waren die gemeldeten Fälschungen bereits gelöscht. Zudem habe Scruff dafür gesorgt, dass die einschlägige IP -Adresse keine weiteren Accounts mehr kreieren konnte, schreibt Andy Greenberg. Grindr hingegen schwieg bis dato. Nicht nur Wired erhielt keine Stellungnahme, auch das Newsportal «LGBTQ Nation» schrieb Anfang Februar, man habe «Grindr kontaktiert und um einen Kommentar gebeten». Das Ende noch offen

Wie das Gericht entscheidet, wird sich zeigen. Dass Grindr rechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann, steht alles andere als fest. Sämtliche Berichte zu Herricks Geschichte weisen auf «Section 230» des sogenannten «Communications Decency Act» hin. Diese Norm besagt, dass Internetdienstanbieter für den Inhalt, den Nutzer posten, nicht belangbar sind. Wired zitiert die Medienrechtsanwältin Ashley Kissinger dahingehend, dass sie sich im vorliegenden Fall auf diesen Artikel berufen würde. «Müsste ich die Verteidigung von Grindr übernehmen, dann hätte ich mit Section 230 ein sehr überzeugendes Argument zum Schutz des Angeklagten.» So bleibt denn Herrick bis auf weiteres nichts anderes übrig, als die Situation zu ertragen. Am 6. Februar schrieb er auf Twitter, dass «das Unternehmen noch

immer nichts unternommen hat». Es sei ekelerregend. «Die Profile existieren unverändert, und ich bin diesen Qualen nach wie vor ausgesetzt.» In der Schweiz: Griffigere Handhabe

Käme ein gleichgelagerter Sachverhalt vor ein hiesiges Gericht, dann wäre der Verfahrensausgang sehr viel weniger unsicher. «Bei uns existiert kein Pendant zur ‹Section 230›», erklärt der Zürcher Rechtsanwalt Martin Steiger. «Gemäss Schweizer Recht handelt es sich bei Herricks Fall um eine klassische Persönlichkeitsverletzung.» Das Gesetz sehe vor, dass jede Partei, die bei einer widerrechtlichen Persönlichkeitsverletzung mitwirkt, vor Gericht eingeklagt werden könne, führt Steiger aus. «Man kann also nicht nur den eigentlichen Urheber der Rechtsverletzung zur Verantwortung ziehen, sondern auch den Provider, der die Rechtsverletzung ermöglicht – in diesem Fall eben Grindr.» Zwar könne das Verfahren unter Umständen relativ zeitaufwendig sein – gerade, wenn es sich beim Dienstanbieter um ein ausländisches Unternehmen ohne zuständige Schweizer Niederlassung handle. Dennoch sei wichtig, dass man wisse: «Unsere Rechtsordnung stellt die nötigen Mittel zur Verfügung. Es besteht die Möglichkeit, sich zu wehren.»

«Gemäss Schweizer Recht handelt es sich bei Herricks Fall um eine klassische Persönlichkeitsverletzung.»

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SZENE — Community

«Wir sind ganz normale Familien» Im März feiert die nationale Elternorganisation «fels» (Freundinnen, Freunde und Eltern von Lesben und Schwulen) ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Seit ihrer Gründung macht sie sich für die Gleichstellung von Homosexuellen in der Schweiz stark – und sendet damit wichtige Botschaften aus. Text — Markus Stehle

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SZENE  —  Community

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nser Sohn war 20 Jahre alt, als er sich Mitte der Neunzigerjahre als schwul outete», erzählt Fritz Lehre. Schockiert seien seine Frau und er nicht gewesen, vielmehr überrascht. «Es war einfach eine neue Situation.» Eine Situation, die das Elternpaar zum Denken anregte. «Uns wurde erstmals richtig bewusst, dass Schwule und Lesben noch nicht annähernd gleichgestellt waren. Das empfanden wir als ungerecht. So beschlossen wir, aktiv zu werden.» Auf die Strasse, fertig, los!

Bedarf an politisch Engagierten war damals zweifelsohne vorhanden. Ab 1995 organisierten die nationalen Schwulen- und Lesbenverbände immer wieder Anlässe und Demonstrationen, mit denen sie von Bundesrat und Parlament gesetzgeberisches Handeln hin zur Erarbeitung des Partnerschaftsgesetzes verlangten. «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare», lautete die Forderung. Hunderte, ja Tausende von Homosexuellen hätten sich jeweils auf dem Bundesplatz zu Protesten eingefunden, wobei immer häufiger auch Eltern von Schwulen und Lesben mit von der Partie gewesen seien, erinnert sich Fritz. Auf diese Weise lernten er und

seine Frau andere Väter und Mütter kennen, bald fiel der Entscheid, gemeinsam aufzutreten – als eine Gruppierung von Eltern, die offen zu ihren homosexuellen Kindern stehen. So wurde im März 1997 «fels» gegründet, der Verein der «Freundinnen, Freunde und Eltern von Lesben und Schwulen». Waren bei der Gründungsversammlung 25 Personen dabei, zählt die Organisation heute 230 Mitglieder. «Auf diesem Niveau sind wir seit Längerem stabil», sagt Fritz, der fels präsidiert. Den Zuwachs führt er nicht zuletzt auf die politische Arbeit des Vereins zurück. «Darin liegt unsere Stärke, hierauf fokussieren wir uns», so Fritz. Er ist überzeugt, dass man sichtbar sein müsse. «Wenn wir uns zeigen, dann sehen die Leute, dass auch wir Familien sind.» Gesundes Schulumfeld schaffen

Einen weiteren Schwerpunkt setzt die Vereinigung auf die Aufklärungsarbeit. Einige der fels-Eltern beteiligen sich am Schulprojekt «GLL» (Gleichgeschlechtliche Liebe leben), das im Jahr 2000 in Zusammenarbeit von fels, dem Schweizer Dachverband der Schwulen PINK CROSS und der Lesbenorganisation Schweiz LOS entstand. Im Rahmen von GLL besuchen jeweils ein schwuler Mann, eine

lesbische Frau sowie der Vater oder die Mutter eines homosexuellen Kindes eine Schulklasse, um die Jugendlichen über die Themen Coming-out, Homo- und Bisexualität zu informieren. «Bei GLL geht es vor allem darum, ein tolerantes Schulumfeld zu schaffen – ein Umfeld, in dem sich junge Schwule und Lesben wohl fühlen», sagt Fritz. Er selbst ist bei den Schulbesuchen immer wieder gerne mit dabei. Mit den Kindern, für die Kinder

Auch Eva und Markus Bietenholz sind überzeugt vom Einsatz, den fels leistet. Vor sieben Jahren gab ihre damals 14-jährige Tochter das Coming-out. «Für unsere Familie war das weder ein Drama noch ein Problem», erzählt Eva. Das Thema habe sie aber insofern beschäftigt, als sie sich fragte, was das für Julia bedeute. «Könnte sie Probleme kriegen? Würde sie es schwieriger haben im Leben als ihr heterosexueller Bruder?» In einem Heft erfuhr sie zum ersten Mal von fels. «Ich besuchte die Website und sah, dass sich diese Väter und Mütter aktiv für die Rechte ihrer Kinder einsetzen. Das gefiel mir sehr, und auch mein Mann war begeistert.» Kurz darauf nahmen Eva und Markus an einem fels-Anlass teil, wenig später wurden sie ANZEIGE

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SZENE — Community

Mitglieder. Heute sind sie im Vereinsvorstand tätig, marschieren jedes Jahr am Demonstrationsumzug der Zurich Pride mit und beteiligen sich an verschiedensten Aktionen. Im Abstimmungskampf zur CVP -Initiative zum Beispiel begab sich Eva zusammen mit ihrer Tochter in den Zürcher Hauptbahnhof und verteilte Flyer, um für ein Nein an der Urne zu werben. «Wir sind keine Selbsthilfegruppe, sondern haben Freude an unseren Söhnen und Töchtern», sagt Eva zu ihrer Motivation, bei fels mitzuarbeiten. «Deshalb machen wir uns für sie stark. Wir wollen, dass sie die gleichen Rechte geniessen wie heterosexuelle Menschen.» Keine Berührungsängste

Die politische Ausrichtung und die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins gehörten zwar zu fels, erklärt Fritz Lehre. Dies dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Organisation auch Unterstützung für Eltern anbietet, die mit der Homosexualität ihres Kindes überfordert sind. «Wir verfügen über ein Beratungstelefon, ausserdem können sich sowohl besorgte Eltern als auch deren Kinder per E-Mail an uns wenden.» Manchmal vermöge bereits ein längeres Gespräch gewisse Ängste zu nehmen und neue Erkenntnisse zu schaffen, so der Vereinspräsident. «Und rund einmal pro Woche bestellt jemand unsere kostenlosen Unterlagen, die diverse Informationen rund ums Thema enthalten.» Weiterhin sensibilisieren

Was die gesellschaftliche Akzeptanz von Schwulen und Lesben angehe, so seien in den letzten Jahren grosse Fortschritte erzielt worden, finden Fritz und Eva. Es komme immer seltener vor, dass für die Eltern eine Welt zusammenbricht, wenn sich ihre

Fritz Lehre, fels-Präsident, mit Sohn Marco.

Kinder outen. Das heisse aber nicht, dass sämtliche Probleme vom Tisch seien, so Eva. «Ich merke gelegentlich, dass Homosexualität noch nicht überall als normal und selbst-

auch im persönlichen Gespräch – am Esstisch etwa oder beim Kaffee – kann man die Menschen für die Anliegen von LGBT -Personen sensibilisieren.» «Keine wirkliche Akzeptanz»

«Es wäre wünschenswert, dass sich Eltern von Anfang an mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter homosexuell sein könnte.» verständlich angesehen wird.» Deshalb sei es unerlässlich, weiterhin auf die Leute zuzugehen, mit ihnen zu reden und sie auf die Thematik aufmerksam zu machen. «Gerade

Auch Fritz betont, dass noch nicht alle Ziele erreicht seien. «Immer wieder hört man doch folgende Bemerkung von den Leuten: ‹Wir haben nichts gegen Schwule und Lesben, aber wir wollen einfach nicht, dass sie heiraten und Kinder adoptieren.›» Diese Einstellung finde sich nach wie vor in der Bevölkerung, sei es bei Politikerinnen und Politikern, sei es bei Erziehungsfachkräften oder gar bei Eltern von Lesben, Schwulen, Bisexuellen oder Transmenschen. «Wer so denkt, akzeptiert die Gleichstellung und die Gleichwertigkeit von LGBT -Personen nicht!», findet der fels-Präsident. Schliesslich weist er auf einen weiteren Punkt hin: «Es wäre wünschenswert, dass sich Eltern von Anfang an mit der Tatsache auseinandersetzen, dass auch ihr Sohn oder ihre Tochter homosexuell sein könnte. Zudem sollten sie den Kindern von klein auf zu verstehen geben, dass es völlig normal und in Ordnung ist, wenn man gleichgeschlechtlich liebt.» Freude an fels

Gemeinsam auf Reisen: Markus und Eva Bietenholz mit ihren Kindern Benjamin und Julia in Prag.

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Und was halten die Kinder selbst vom Engagement ihrer Eltern? «Unser Sohn Marco freut sich sehr», erzählt Fritz Lehre. «Er ist stolz auf fels, und das hat er uns auch schon zu verstehen gegeben.» Gleich klingt es bei Eva und Markus Bietenholz – Julia sei stolz und begeistert. «Auch ihr Bruder begleitet uns immer an den Pride-Umzug, und nachher gehen die beiden gemeinsam an die Party», so Eva. «Es ist toll – die ganze Familie ist jeweils auf den Beinen.»


HORIZONT — 5 Fragen Bild: Tilman Schenk

Fragen an Martin Wolkner «Homochrom» ist eine seit 2009 bestehende monatliche schwule Film­ reihe in sechs Rhein-RuhrStädten und seit 2011 ein jähr­liches Festival. Grün­ der und bis heute feder­ führend ist Martin Wolkner, der gerade in der Teddy-­ Jury der Berlinale sass. Martin, wie kam es zur Gründung von «homochrom»?

2009 herrschte Unzufriedenheit mit der sich verändernden Szene im Ruhrgebiet. Als Filmwissenschaftler sah ich zudem, dass LGBT-Themen unterrepräsentiert und kleinere Filme nie im Kino zu sehen waren. Darum habe ich mit Hilfe eines Freundes eine Plattform geschaffen, um zumindest einige davon im Kino zu zeigen. Was ist dein Lieblings-Queerfilm?

Was war ich in «Weekend» verknallt, als ich ihn das erste Mal gesichtet habe! Es gibt so viele gute Queerfilme zu entdecken, aber auch echte Krücken. Deswegen ist mir bei «homochrom» eine Vorauswahl der Filme wichtig. Nur die interessantesten schaffen es ins Programm. Was machst du, wenn du dich nicht mit queeren Filmen befasst?

«Homochrom» nimmt viel Zeit ein. Beruflich mache ich zusätzlich Filmuntertitelungen, schreibe Texte, würde eigentlich gerne wieder einen Roman schreiben oder eine meiner vielen Filmideen umsetzen. Privat höre ich

«Unser Filmfestival bekommt nicht genug Förderung, um die Arbeit dafür angemessen zu bezahlen.» viel Musik, gehe manchmal aus, treffe Freunde. Nichts Besonderes oder Wildes. Dafür ist auch nicht viel Zeit oder Geld da. Wie hat sich die schwul-lesbische Filmbranche in den vergangenen Jahren entwickelt?

Wie überall in der Filmbranche ist durch Digitaltechniken das Filmemachen billiger und einfacher geworden, ebenso das Vertreiben von Filmen. Dadurch können LGBT-Filmemacher ohne den damals grossen finanziellen Druck ihre Ideen umsetzen. Entsprechend vielfältiger sind die Geschichten geworden. Und es sind mehr und mehr Festivals hinzugekommen.

«Homochrom» ist das zweitgrösste Filmfestival in Deutschland. Wie stolz macht dich das?

Ich freue mich darüber, auch wenn ich deswegen in Armut lebe. Denn ein Filmfestival ist aufwendig, aber unseres bekommt nicht genug Förderung, um die Arbeit dafür angemessen zu bezahlen. Mein Wunsch ist, dass sich «homochrom» weiter gut entwickelt und auch über eingeschworene LGBT-­ Kreise hinaus wahrgenommen wird. Wenn es mehr Geld gäbe, könnten wir noch viel mehr machen. — homochrom.de Interview — Stephan Lücke März 2017

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SZENE — Gesellschaft

Eine Bereicherung des Alltags Das Projekt «mit mir» des Hilfswerks Caritas Schweiz bringt sozial benachteiligte Kinder mit Freiwilligen zusammen. Diese fungieren als Patinnen und Paten für die Kinder. Die gemein­same Freizeitgestaltung kann für beide Seiten sehr wertvoll sein, wie Redaktor Markus Stehle erfuhr.

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SZENE — Gesellschaft

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igentlich wollte Robert Komorowski schon vor Jahren am Patenschaftsprojekt «mit mir» teilnehmen. Im Rahmen dieses Projekts des Hilfswerks Caritas Schweiz verbringen Freiwillige Zeit mit Kindern, die in schwierigen familiären Umständen leben. Als Patinnen und Paten schenken sie den Kindern Aufmerksamkeit und gestalten deren Freizeit mit, in der Regel ein- bis zweimal pro Monat. «Ich war begeistert, als ich davon erfuhr», so Robert. Oft höre man von Patenschaften für Kinder im Ausland. «Dass in der Schweiz ein solches Programm besteht, war mir nicht bewusst gewesen.» Damals schon Pate zu werden, lag für Robert aber nicht drin. Er arbeitete in der Gastronomie, seine Einsatzzeiten waren unregelmässig. «Nun bin ich seit Längerem im Büro tätig, sodass ich meinen Plan in die Tat umsetzen konnte.» Er meldete sich bei der Caritas Aargau an, und schon bald darauf klappte es mit der Vermittlung: Seit vergangenem Mai ist er der Pate des achtjährigen Marcus. Überfordernde Familiensituation

Marcus ist eines von 87 «mit mir»-Kindern im Kanton Aargau. Einerseits stammen viele dieser Knaben und Mädchen aus Familien, die mehr als drei Kinder haben. «Die Mütter und Väter haben meist zu wenig Zeit, um sich um den Nachwuchs zu kümmern», erklärt Aurélie Payrastre, Leiterin von «mit mir» bei der Caritas Aargau. «Zudem sind in der Regel auch die Finanzen knapp.» Besonders Familien mit Migrationshintergrund befänden sich oft in schwierigen Situationen. «Den meisten Flüchtlingsfamilien fehlt in der Schweiz ein Bekanntenund Verwandtenkreis, der sie unterstützt. Die Eltern kennen niemanden, der ihnen bei der Kinderbetreuung unter die Arme greifen könnte.» Wichtige Bezugspersonen

Andererseits wächst ein grosser Teil der vermittelten Patenkinder bei alleinerziehenden Müttern auf. So auch Marcus, dessen Mutter Monica seit drei Jahren auf sich gestellt ist und sich ohne Hilfe des Vaters um Marcus und seine zwei Schwestern kümmert. Dementsprechend froh ist sie um das Patenschaftsprojekt: «Es ist schön, dass eine zusätzliche Person da ist, der ich meinen Jungen anvertrauen kann», erklärt Monica. Das sei eine grosse Erleichterung. Marcus habe mit Robert nicht nur eine

«Es ist schön, dass eine zusätzliche Person da ist, der ich meinen Jungen anvertrauen kann.» weitere Bezugsperson in seinem Leben, sondern auch ein männliches Vorbild. «Es ist perfekt», meint die Mutter. «Robert ist ein junger Mann, der sich Zeit nimmt für meinen Sohn und um sein Wohlergehen besorgt ist – auf diese Stütze würde ich nicht mehr verzichten wollen.» März 2017

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SZENE — Gesellschaft

Bauernhof, Wasserrutschen und Zoo

Auch Robert ist sehr zufrieden. «Bis jetzt habe ich nur gute Erfahrungen gemacht», so der 32-Jährige. Er sieht Marcus mindestens einmal im Monat, oft kommen spontane Treffen wie gemeinsame Abendessen dazu. «Es macht immer Spass, wenn ich mit Marcus etwas unternehme.» So haben die zwei etwa den Wasserpark «Alpamare» oder das «Connyland» besucht, besonders lustig sei auch das Geocaching, eine virtuelle Schnitzeljagd, gewesen. «Und einmal gingen wir auf den Bauernhof der Eltern meines Freundes», erzählt Robert. «Wir schauten die verschiedenen Tiere an und streichelten die Esel, das war sehr schön.» Offenheit zentral

Dass bisweilen auch Roberts Partner an den Ausflügen teilnimmt, freut Marcus’ Mutter. «Ich verstehe mich bestens mit ihm», sagt sie. «Ausserdem hilft so zum Teil gar ein zweiter Erwachsener mit, das ist toll!» Über Roberts Homosexualität war Monica von Anfang an im Bilde. Die Caritas hatte sie auf Roberts ausdrücklichen Wunsch hin entsprechend informiert. «Es war mir ein Anliegen, dass die Mutter Bescheid weiss», so Robert. «Ich wollte, dass alle Karten auf dem Tisch liegen und keine Geheimnisse bestehen.» Monica schätzt diese Offenheit. «Nur wenn beide Seiten ehrlich sind, kann das nötige gegenseitige Vertrauen entstehen.» Dass der Pate ihres Sohnes schwul ist, spielte für sie aber nie eine Rolle. «Ich habe diesbezüglich keinerlei Vorurteile.» Verlässlich und kinderfreundlich

Die Frage nach der sexuellen Orientierung potenzieller Patinnen und Paten ist auch aus Sicht der Caritas nicht relevant. «In den Vermittlungsgesprächen mit den Familien reden wir in der Regel nicht explizit über dieses Thema», sagt Aurélie Payrastre. Auch Kriterien wie die Religionszugehörigkeit oder der Beruf des Paten seien meist nebensächlich, sowohl für das Hilfswerk als auch für die Eltern. «Meist wünschen sich die Mütter und Väter nicht mehr, als dass die Person offen, verlässlich und in der Lage ist, auf ihr Kind einzugehen. Das entspricht grundsätzlich auch den Voraussetzungen, die wir an die Patin oder den Paten stellen.» Ob die Interessentinnen und Interessenten diese Qualitäten mitbringen, klärt die Caritas in einem ausführlichen Gespräch ab. «Wir besuchen die Person bei ihr zuhause und unterhalten uns mit ihr», erklärt Aurélie. «Und schliesslich verlangen wir nebst einem Strafregisterauszug auch die Angabe von zwei Referenzen.»

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Dass bisweilen auch Roberts Partner an den Ausflügen teilnimmt, freut Marcus’ Mutter. Frist Probleme auftauchen, kann die Vereinbarung natürlich aufgelöst werden», erklärt Aurélie. Das passiere bisweilen – etwa, wenn der Pate oder die Familie umzieht oder geänderte berufliche Umstände bei der Patin zu einem Zeitmangel führen. «Manchmal hat die Mutter auch Mühe, loszulassen. Oder jemand entwickelt mit der Zeit Erwartungen, die nicht mehr zu den Vorstellungen der anderen Seite passen.» Insgesamt aber seien solche Konflikte eher selten. «Die meisten Gespanne bleiben erhalten und pflegen den Kontakt auch nach Ablauf der drei Jahre weiter.» Neue Einblicke

Mehrjährige Verpflichtung

Auch Marcus und Robert kommen bestens klar miteinander. Letzterer sieht die Tage mit seinem Patenkind als Bereicherung des Alltags. «Zum einen, weil wir spannende Ausflüge machen. Dabei sehe ich die Welt wieder durch die Augen eines Kindes, das ist super.» Zum anderen verstehe er besser, was es bedeutet, für ein Kind zu sorgen. «Geh ich alleine raus, dann habe ich meist nur das Portemonnaie und mein Telefon dabei, mehr brauche ich nicht.» Mit einem Kind hingegen kämen plötzlich ganz neue Aspekte hinzu, meint Robert. «Habe ich genug zu Trinken eingepackt, und Snacks für zwischendurch? Brauchen wir Sonnencreme? Taschentücher? Vielleicht eine Regenjacke? Solche Dinge überlege ich mir jeweils.» Das Patenschaftsprojekt kann er nur weiterempfehlen. «Jedem, der gerne etwas mit Kindern unternimmt und regelmässig etwas Zeit zur Verfügung hat, sei ‹mit mir› geraten.»

Ob sich das Kind, dessen Familie und der Pate dann auch tatsächlich über längere Zeit verstehen, wird während einer dreimonatigen Probezeit evaluiert. «Danach schauen wir gemeinsam, wie das Zusammenspiel lief», so Aurélie. Meistens funktioniert es gut, die Vermittlung ist laut der Projektleiterin in rund 80 % der Fälle erfolgreich. Sind alle Parteien zufrieden, unterzeichnen sie eine Einsatzvereinbarung, die grundsätzlich auf drei Jahre ausgerichtet ist. «Sollten allerdings schon während dieser

Patenprojekte für interessierte Leser in Deutschland: Patenprojekte in ganz Deutschland: — aktivpaten.de Berlin: — biffy-berlin.de, Berlin: — handinhand-patenschaft.de Hamburg: — mentor-ring.org Köln: — ki-koeln.de/projekte/patenprojekt München: — patenprojekt-muenchen.de Stuttgart: — stuttgart.de/bildungspaten

März 2017

Aurélie Payrastre Projektleiterin «mit mir», Caritas Aargau


SZENE

MARCO SPRICHT KLARTEXT

Küsschen, die ich nicht (geben) will Lieber Marco Unter schwulen Männern ist es üblich, sich zur Begrüssung Küsschen zu geben – auch unter flüchtigen Bekannten. Dieser «Brauch» ist mir unangenehm und scheint mir veraltet. Luftküsschen finde ich oberflächlich. Ich schätze es auch nicht, wenn mir Männer ihre feuchten Lippen auf die Wange drücken. Wie kann ich mich davon distanzieren, ohne dabei arrogant und unnahbar zu erscheinen? Gibt es eine Alternative zu den Küsschen? - Philipp (24)

Lieber Philipp Die Begrüssungsküsschen sind nicht nur unter schwulen Männern üblich, sondern auch zwischen Männlein und Weiblein. Frauen tuns untereinander, auch wenn sie nicht lesbisch sind. In unseren Breitengraden, anders als zum Beispiel in Italien, zieren sich die heterosexuellen Männern noch etwas mit den Küsschen. Das könnte sich langsam ändern, denn die heutige Jugend nimmt diese strenge Trennung der Sexualitäten nicht mehr so todernst. Von einem «veralteten Brauch» des Küsschengebens kann also keineswegs die Rede sein. Doch dein Anliegen stösst bei mir auf offene Ohren. Mir geht es ähnlich: Ich mag einfach nicht jeden küssen, und schon gar keine Fremden. Und ganz ehrlich gesagt, geht mir manchmal sogar das Hände­ schütteln zu weit. Wer weiss denn schon, wo der andere seine Hände vorher gehabt hat. Horror. Nun ist den Menschen aber eigen, dass sie in Gesellschaft leben. Nur wenige von uns sind zum Beispiel Eremiten und leben ganz alleine, ganz weit weg. Du und ich, wir

gehören nicht dazu. Das hat unweigerlich Begrüssungsrituale zur Folge. «Arrogant« und «unnahbar» zu wirken, scheint dir mehr Mühe zu bereiten als mir. Wenns mir nicht ums Küsschenverteilen ist, strecke ich einfach die Hand aus und lächle charmant. Das schafft Distanz, und das Gegenüber kann diese Geste lesen. Es erwidert den Händedruck und macht vielleicht noch einen kleinen, blöden Spruch. Was solls. Es handelt sich ja (noch) nicht um deinen besten Freund. Du siehst: Aus mir sprechen die Arroganz und die Unnahbarkeit. Ich kann damit leben, denn ich muss nicht alle Menschen mögen, auch nicht, wenn sie schwul sind. Kann ja gut sein, dass du dein Gegenüber in Zukunft regelmässiger siehst. Kann sein, dass ihr sogar so etwas wie gute Bekannte werdet. Dann wirst du mit den Küsschen, die trocken und niemals in die Luft sondern auf die Wange platziert werden, auch keine Probleme mehr haben. Unter guten Freunden finde es übrigens angebrachter, sich zu drücken, statt sich zu küssen. Das wollte ich noch sagen.

Grüsse ohne Küsse, Marco

Brennt eine Frage zum guten Ton oder zu verzwick­ ten Liebes- oder Freundschaftssituationen? Frag Marco, eine Antwort hat er bestimmt auf Lager. Ob sie dir gefällt, ist allerdings die andere Frage.

marco@mannschaft.com

Text — Marco Pellet Illustration — Melanie Carrera März 2017

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SZENE — Politik

Dr. Stefan Kaufmann, 47, sitzt seit 2009 für die CDU im Bundestag. Er ist der erste Bundestagsabgeordnete der Union, der sich als schwul outete. 2013 ging er mit seinem langjährigen Partner eine eingetragene Lebens­ partnerschaft ein, im Mai 2015 folgte die kirchliche Segnung.

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«Die Kanzlerin ist bei schwulen Themen liberaler, als es nach aussen wirkt» Die kommenden Monate stehen im Zeichen des Bundestagswahlkampfs. Inwiefern werden schwule Themen eine Rolle spielen? Wann ist mit der vollen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften zu rechnen? Ein Gespräch mit dem schwulen CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Stefan Kaufmann. Interview: Stephan Lücke Stefan, im September ist Bundestagswahl und Angela Merkel will Bundeskanzlerin bleiben. Bedeutet das weitere vier Jahre Stillstand in Sachen LGBT-­ Rechte?

Nein, das denke ich nicht. Das hat auch nichts mit einer angeblichen Blockadehaltung der Kanzlerin zu tun, sondern mit den Regelungen im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD. Die Einführung der Ehe für alle beispielsweise ist in diesem nicht vorgesehen. Die Kollegen, die ein Problem haben mit dem Thema – es werden übrigens immer weniger –, begründen ihre ablehnende Haltung daher überwiegend mit dem Koalitionsvertrag. Angela Merkel hat sich beim Thema Homoehe ablehnend geäussert …

Ja, weil sie vermeiden wollte, dieses Fass auch noch aufzumachen. Denn es gibt derzeit ja wahrlich genug Konflikte mit der CSU. Insofern war es klug, bei diesem Thema nicht für weiteren Zündstoff zu sorgen. Ich bin mir im Übrigen sicher, dass Angela Merkel nichts gegen Schwule und Lesben hat. Im Gegenteil. Auch beim Thema Homo­ ehe ist die Kanzlerin meines Erachtens weitaus liberaler, als es nach aussen wirkt. Wäre die Regierung in Sachen Homoehe weiter, wenn andere Themen nicht drängender gewesen wären, wie die Integration von Flüchtlingen?

Das spielt nur bedingt eine Rolle. Sicher überlagert die Flüchtlingsfrage derzeit die meisten anderen politischen Diskussionen. Dennoch wäre es auch ohne Flüchtlingskrise schwierig geworden, die Ehe für alle auf den Weg zu bringen. Warum?

Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir immer mehr Stimmen an die AfD verlieren. So ist es für grössere Teile der Union derzeit wichtig, das konservative Profil zu schärfen

«Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir immer mehr Stimmen an die AfD verlieren.» und sich vom linksliberalen Parteienspektrum ein Stück weit abzugrenzen. Das ist ein Grund, warum die Ehe für alle in meiner Partei momentan schwer durchsetzbar ist. Beschäftigt sich die Koalition aktuell überhaupt noch mit schwul-lesbischen Fragestellungen?

Ja, unbedingt. Noch bis vor kurzer Zeit hätte es beispielsweise keiner für möglich gehalten, die Rehabilitierung und Entschädigung

der auf Grundlage des Paragrafen 175 verurteilten homosexuellen Männer noch in dieser Legislatur auf den Weg zu bringen. Dieser wichtige Meilenstein, der vielen in der Community seit langer Zeit sehr am Herzen lag, wurde erreicht und darüber freue ich mich sehr. Am Ende dieser Legislatur werden de facto nur noch die Ehe­öffnung und das damit verbundene gemeinschaftliche Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare als offene Punkte bestehen bleiben. Vor einigen Monaten drohte der schwule SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, sich bei einer weiteren Blockadehaltung der Union vom Koalitionszwang zu lösen und mithilfe der linken Mehrheit im Bundestag die Ehe für alle zur Abstimmung zu bringen. Was ist daraus geworden?

Das steht immer noch im Raum. Ich bin mit Johannes Kahrs darüber auch persönlich im Gespräch. Er droht nach wie vor damit, mit einem Teil der SPD-Fraktion die Abstimmung zu eröffnen. Das wird sicher noch ein Thema werden in den kommenden Monaten bis zum Ende der Legislatur. Ich persönlich hätte es allerdings sinnvoller gefunden, wenn die SPD dies gleich in den Koalitionsvertrag hineinverhandelt hätte. So hat es für mich eher den Anschein, als würde dieses Thema von Zeit zu Zeit genutzt, um ein wenig Wahlkampfgetöse zu erzeugen. März 2017

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Im Interview mit diesem Magazin äusserte Johannes Kahrs, dass er »die Schnauze gestrichen voll« habe von der seiner Ansicht nach ewigen Blockadehaltung der Union. Wie verlaufen Gespräche zwischen euch beiden?

Ich sage ihm: Johannes, ich kann dich verstehen, aber die Eheöffnung war deiner Partei und Fraktion bei den Koalitionsverhandlungen offensichtlich nicht wichtig genug. Offenbar gab es für die SPD wichtigere Themen, sonst stünden die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare im Koalitionsvertrag. Dann wären sie wie alle anderen Punkte des Vertrags nach und nach abgearbeitet worden, und wir hätten uns alle weiteren Diskussionen ersparen können. Von dir hat man im vergangenen Jahr recht wenig gehört und gesehen. Warum hast du dich nicht vehementer für Schwulenrechte eingesetzt? Hältst du momentan bewusst den Ball flach, um deine Parteifreunde nicht zu ärgern?

Nein, ich würde eher sagen, dass ich mich trotz eines gewissen Gegenwindes nicht vergraben habe. Insofern wundere ich mich über deine Einschätzung. Gerade was das Thema Eheöffnung und kirchliche Segnungen angeht, habe ich mich bundesweit sehr exponiert. Auch bei der Rehabilitierung der Paragraf-175-Opfer habe ich mich sehr engagiert und gemeinsam mit meinen Mitstreitern erreicht, dass das Gesetz auf den Weg gebracht wurde. Das habe ich in der Öffentlichkeit nicht so stark diskutiert, weil mir das Thema zu wichtig ist. Innerparteilich habe ich aber einiges an Überzeugungsarbeit geleistet. Du bist erneut für den Bundestag nominiert worden. Was nimmst du dir für die nächste Legislaturperiode vor, falls du wiedergewählt wirst?

Natürlich werde ich mich weiter für Stuttgart und meine Kernthemen Bildung, Forschung und Innovation tatkräftig einsetzen. Selbstverständlich werde ich mich auch weiterhin dafür engagieren, dass wir die nächsten Schritte in Richtung Gleichstellung gehen. Die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare sind hier die zentralen Meilensteine. Sollte die Union einen Regierungsauftrag erhalten, werde ich alles dafür tun, dass diese Punkte im nächsten Koalitionsvertrag berücksichtigt werden. Überhaupt geht es mir darum, gesellschaftlich zu mehr Toleranz gegenüber Schwulen, Lesben

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und anderen sexuellen Minderheiten beizutragen, nachdem hier in den vergangenen Monaten Rückschläge zu verzeichnen waren.

« Ich werde mich auch weiterhin dafür einsetzen, dass wir die nächsten Schritte in Richtung Gleichstellung gehen. Die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare sind hier die zentralen Meilensteine.»

Der offen schwule CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn wird innerhalb der Union und auch in der Bevölkerung immer populärer. Was glaubst du: Wie stehen die Chancen, dass Deutschland eines Tages einen schwulen Bundeskanzler hat?

Jens Spahn ist sicherlich von der nachrückenden Generation der CDU-Politiker einer der profiliertesten. Er hat viel Medienaufmerksamkeit und versteckt sein Schwulsein nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er in einer Zeit der Nach-Merkel-Ära eine wichtige Rolle spielt, wenn es darum geht, führende Ämter innerhalb der Union zu besetzen – bis hin zur Kanzlerschaft. Du sprachst gerade von Gegenwind in deiner Partei. Wie tolerant ist die Union aktuell gegenüber Schwulen und Lesben?

Es sind erfreulicherweise immer weniger Personen, die mit Schwulen und Lesben ein Problem haben. Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder hat es offenbar sehr wohl. Erst kürzlich hat er geäussert, das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Deine Haltung dazu?

Ich habe mit Volker Kauder über dieses Thema gesprochen und weiss daher, dass er bei dem Thema Adoptionsrecht Bauchschmerzen hat. Insofern wird es bei diesem Thema eine Rolle spielen, ob er erneut für den Fraktionsvorsitz kandidiert. Aus meiner Sicht

sind die Eheöffnung und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare untrennbar miteinander verbunden. Insofern muss man abwarten, was nach der Wahl passiert, und dann in die Diskussion einsteigen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir endlich den Durchbruch schaffen bei der Gleichstellung. Du bist seit knapp zwei Jahren mit deinem Mann verheiratet. Ist Nachwuchs für euch ein Thema?

Das haben wir durchaus diskutiert, uns letztlich aber dagegen entschieden. Das hat primär etwas damit zu tun, dass ich als Bundestagsabgeordneter zu wenig zu Hause bin und zu wenig Zeit hätte für eine Familie. Wir waren uns auch nicht ganz schlüssig, wie wir den Kinderwunsch am besten realisieren können. So haben mein Mann und ich dieses Thema ad acta gelegt. Für negative Schlagzeilen hat dein baden-württembergischer Partei­freund Günther Oettinger gesorgt. Aufgrund homophoner Äusserungen hat der Schwulen- und Lesbenverband scharf kritisiert, dass Oettinger nun zum EU-Kommissar für Haushaltsplanung und Personalwesen befördert werden soll. Wie siehst du das?

Ich kenne Günther Oettinger sehr gut und seit vielen Jahren. Ich kann ganz klar sagen, dass er nicht homophob ist. Er ist manchmal etwas unbedarft in seinen Äusserungen und deswegen kam es durchaus zu Statements, die alles andere als geschickt waren. Das habe ich ihm auch gesagt. Dennoch fand ich die Kritik des Schwulen- und Lesbenverbandes völlig überzogen, ehrlich gesagt. Aktuell sind Diskriminierungen von homosexuellen Soldaten in der Bundeswehr ein grosses Thema. Für wie dringlich hältst du dieses Thema?

Da ich selbst Zivildienstleistender war, kann ich diese Frage nur unzureichend beantworten. Es freut mich jedenfalls sehr, dass Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen Diskriminierungen von homosexuellen Angehörigen der Bundeswehr den Kampf angesagt hat. Sie trägt damit nicht zuletzt auch dazu bei, dass die Union als weltoffene Partei wahrgenommen wird. Genau das ist sie auch. Im Wahlkampf wird es nun darum gehen, dies den Menschen klarzumachen. Ich werde meinen Teil dazu beitragen. Die nächsten Monate werden auf alle Fälle spannend!


SZENE — Dr. Gay

Letzte Nacht hatte ich ein Sexdate. Wir haben wild rumgeknutscht, dann hat er mich ohne Kondom geblasen. Anschliessend hatten wir dann Analverkehr mit Kondom. Gekommen bin ich weder beim Blasen noch beim Ficken. Es war ein bisschen zu viel Alkohol im Spiel. Meine Frage: muss ich eine PEP machen? Wo kann ich mich hinwenden dafür? Vielen Dank für deine rasche Rückmeldung. Alain (32)

Du hast dich an die Safer-Sex-Regeln gehalten und beim Sex ein Kondom benutzt, und sich ohne Kondom blasen zu lassen, ist bezüglich HIV unbedenklich. Eine PEP ist hier deshalb nicht angebracht. PEP ist die Kurzform für Post-Expositions-Prophylaxe. Dabei handelt es sich um eine dreissigtägige Notfallbehandlung nach einem HIV-Risiko. Wenn du dich zukünftig nach einer Risiko­situation informieren möchtest, ob eine PEP in Frage kommt, verliere bitte keine Zeit und wende dich direkt an eine PEP-Notfallstelle. Das Dr.-Gay-Beratungsangebot ist dafür nicht

geeignet, weil es hier bis zu mehrere Tagen dauern kann, bis du eine Antwort erhältst. Bitte beachte auch, dass eine PEP spätestens 48 Stunden nach einer Risiko­situation begonnen werden muss. Je früher der Beginn, desto besser die Erfolgschancen. PEP-Notfallstellen findest du auf drgay.ch unter Notfall/Kontakte. Alles Gute wünscht dir Dr. Gay. Ich habe gestern jemandem eins geblasen. Anschliessend hat er mich gerimmt und seinen Penis an meinem Arsch gerieben. Nachdem er auf seine Hand abgespritzt hat, hat er mit der Hand voller Sperma an meinem Loch rumgespielt. Er ist aber, so glaube ich, nicht eingedrungen. Das hätte ich bestimmt gemerkt, oder? Ich habe es nachher abgewischt. Besteht für mich ein Risiko? Benjamin (25)

Blasen, Rimmen (Arschlecken) und den Schwanz am Arsch Reiben sind bezüglich HIV ungefährlich. Sperma am Arsch ist ebenfalls unproblematisch, solange es nicht in den Anus beziehungsweise auf die Darmschleimhaut gelangt. Sollte dies doch geschehen sein, ist das HIV -Risiko gross, denn Sperma gehört zu den infektiösen Flüssigkeiten. Ein Eindringen hättest du aber

vermutlich bemerkt. Wenn du trotzdem unsicher bist, empfehle ich dir, einen HIV -Test machen zu lassen. Dieser ist bereits fünfzehn Tage nach der Risikosituation möglich. Eine empfehlenswerte Adresse für den HIV -Test inklusive kompetenter Beratung ist der Checkpoint, mycheckpoint.ch. Alles Gute wünscht dir Dr. Gay.

Hast du eine Frage an Dr. Gay? Auf drgay.ch wird deine Frage rund um (Safer) Sex, Homosexualität, schwule Identität, Coming-out, Liebe, Beziehung, HIV/Aids und andere sexuell übertragbare Infektionen sowie körperliche und seelische Gesundheit von einem geschulten Team beantwortet. Dr. Gay ist ein Beratungsangebot der Aids-Hilfe Schweiz für schwule Jungs und Männer, die mit Männern Sex haben.

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90 % der Leute Gewalt gegen Homosexuelle ab.

Gäste hielten sich zu diesem Zeitpunkt in den Räumlichkeiten auf, die meisten von ihnen konnten sich ins Freie retten. Die genaue Brandursache war bei Redaktionsschluss noch nicht geklärt, die Polizei ging bei ihren Ermittlungen allerdings von fahrlässiger Brandstiftung aus. Ein Übergreifen der Flammen auf die höher gelegenen Stockwerke konnte

letzten Jahren hat Chile mehrere Massnahmen ergriffen,

um die Diskriminierung von LGBT-Menschen zu bekämp-

fen. Zum Beispiel wurde 2012 ein Gesetz erlassen, das

homo- und transphob motivierte Diskriminierung und

Gewaltverbrechen unter Strafe stellt.

diesem Vorhaben halten nicht alle gleich viel. Ein Experte von der «Association for the Prevention of Torture» wird dahingehend zitiert, dass es sich bei dieser Massnahme um die Segregation einer ganzen Bevölkerungsgruppe handle.

geschlossene Ehe gilt auch in Italien als solche. In Italien können gleichgeschlechtliche Paare nicht heiraten, sondern sich lediglich in eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen. Das entsprechende Gesetz wurde vor einem knappen Jahr eingeführt.

Pakistan oder Indien.

«Hen» als geschlechts­ neutrales Pronomen

fängnis soll nun in einem Pilotversuch getestet werden. Von

Kassationsgerichtshof in Rom endgültig: Die in Frankreich

dies zum Beispiel Australien, Dänemark, Neuseeland, Nepal,

genen, zumindest während der Nacht. Das neue LGBT-Ge-

LGBT-Häftlinge in den Anstalten von den anderen Gefan-

gaystarnews.com berichtet. Bereits seit 1993 trennt Thailand

rere Instanzen zog. Anfang Februar entschied der oberste

se besser vor Gewalt durch andere Insassen schützen, wie

inhaftiert werden sollen. Letztere wolle man auf diese Wei-

eines Gefängnisses, in dem ausschliesslich LGBT-Personen

Ländern, die ein drittes Geschlecht vorsehen – bis jetzt tun

später verlangten sie in Neapel, dass ihre Ehe auch ins ita-

sonalpronomen verwendet.

Bangkok – Die thailändische Regierung plant die Errichtung

sich dagegen, es folgte ein Rechtsstreit, der sich durch meh-

ein Paar, als sie 2013 in Frankreich heirateten. Zwei Jahre

liefern, so wäre Norwegen eines von nach wie vor wenigen

Delfa und Raphaelle Hoedts waren bereits seit 26 Jahren

Schwedischen und wird dort als geschlechtsneutrales Per-

lienische Eheregister eingetragen wird. Die Stadt wehrte

sene gleichgeschlechtliche Ehe anerkannt. Giuseppina La

on «hen» anzugeben. Das Wort «hen» stammt aus dem

GEFÄNGNIS FÜR LGBT-HÄFTLINGE IN THAILAND?

70 % der Libanesen halten Homosexualität für unnatürlich

betrachtet. 70 % der libanesischen Bevölkerung halten Homo-

rechtsaktivisten als besonders modern und als Meilenstein

Die Begründung im aktuellen Urteil wird von Menschen-

ragraf im Strafgesetzbuch wird aber kaum noch angewendet.

Libanon offiziell zwar noch verboten, der entsprechende Pa-

Sollte die Arbeiterpartei eine mehrheitsfähige Vorlage

Rom – In Italien wurde erstmals eine im Ausland geschlos-

«männlich» oder «weiblich», sondern mit der dritten Opti-

ITALIEN ANERKENNT ERSTE GLEICHGESCHLECHTLICHE EHE

umfangreichem Umbau seine Wiedereröffnung.

gern künftig möglich sein, ihr Geschlecht nicht nur mit

medien. Demnach würde es Norwegerinnen und Norwe-

Dokumenten diskutieren. Dies berichten mehrere Online-

ten Geschlechtsoption in Pässen und anderen offiziellen

res Parteiprogramms 2017–2021 die Einführung einer drit-

Oslo – Die norwegische Arbeiterpartei will im Rahmen ih-

schichte zurück. Erst vor Kurzem feierte das Lokal nach

Splash Club» und schaut auf eine vier Jahrzehnte lange Ge-

verhindert werden. Das «Steam Works» hiess früher «Apollo

sexualität weiterhin für unnatürlich, immerhin lehnen aber

Das Feuer brach an einem Sonntagabend aus. Rund dreissig

timen Forderung der chilenischen Gesellschaft. In den

NORWEGEN: BALD PÄSSE MIT DRITTER GESCHLECHTSOPTION?

dem Entscheid zudem die grundlegende Gültigkeit von Men-

Schwulensauna «Steam Works» drei Personen ums Leben.

des internationalen Justizsystems, sondern auch einer legi-

schenrechten zugrunde gelegt. Homosexuelle Akte sind im

chen Sex unter Erwachsenen. Richter Rabih Maalour habe Berlin – Anfang Februar kamen bei einem Brand in der

auf die Ausübung von einvernehmlichen gleichgeschlechtli-

Laut queer.de ist das Urteil wegweisend: Es etabliere ein Recht

Vorwurf des «widernatürlichen» Geschlechtsverkehrs frei.

schen Hauptstadt Beirut sprach ein Richter neun Männer vom

Beirut – Im Verwaltungsdistrikt Matn im Osten der libanesi-

WICHTIGE FREISPRÜCHE IM LIBANON

die Präsidentin, entspreche man nicht nur einer Forderung

DREI TODESOPFER IN SCHWULENSAUNA

Fahrlässige Brand­ stiftung in Berliner Schwulensauna?

heit sowie dieselben Rechte für alle anerkenne. Damit, so

Ziel sei ein zufriedenstellendes Gesetz, das die Ehegleich-

schenrechtsorganisation «Human Rights Watch». Bachelets

gleichgeschlechtliche Ehe» an. Dies berichtet die Men-

kündigte den Start einer «öffentlichen Diskussion über die

Santiago – Die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet

CHILE DISKUTIERT ÜBER DIE ÖFFNUNG DER EHE


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Collage by: Patrick Mettreaux


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Model: Manuel Binetti / Foto: Pia Neuenschwander

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