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Nr 83 September 2018 www.mannschaft.com Deine Community, dein Team

9 771664 626042

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CHF 8.00

Stolz. Schwul. Staatsfeind. Hamed Sinno von Mashrou' Leila über das Trauma seiner Band Seite 26

Pink Cross feiert 25 Jahre Seite 52

Trans Model Carmen Carrera startet durch Seite 38

Die «Ehe für alle» spaltet die Gemüter Seite 60


Wir bringen Männer ins Haus.


EDITORIAL

Mannschafts Umkleide Ein Blick in unsere Redaktion

Die Reiseblogger Karl und Daan reisen als «Couple of men» um die Welt. Neu stellen sie uns jeden zweiten Monat eine neue Destination vor. In diesem Heft ist es die kanadische Metropole Toronto.

→ Seite 42

LIEBE LESER

Cedric S. Reyes arbeitet als Journalist auf den Philippinen und lebt in Manila. In einem ersten Teil seines Essays schildert er uns das schwule Erwachsenwerden in einem Entwicklungsland.

→ Seite 34

MANNSCHAFT MAGAZIN September 2017

Nr 83 September 2018 www.mannschaft.com Deine Community, dein Team

September 2018

9 771664 626042

83

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CHF 8.00

Sänger. Schwul. Staatsfeind. Hamed Sinno von Mashrou'Leila über das Trauma seiner Band Seite 26

Pink Cross feiert 25 Jahre Seite 56

Trans Model Carmen Carrera startet durch Seite 38

Die «Ehe für alle» spaltet die Gemüter Seite 60

Foto: My.Kali,

Foto: Patrick Mettraux

mykalimag.com

instagram.com/scanadia

Bei der Produktion dieser Ausgabe ist mir wieder einmal vor Augen geführt worden, wie selbstverständlich unser Magazin hier in der Schweiz auftreten darf. Doch alles der Reihe nach: Anfang Juli traf ich Mashrou’ Leila kurz vor ihrem Konzert am Montreux Jazz Festival für ein Interview. Die libanesische Band setzt sich in ihren Texten unter anderem mit Gewalt gegen Homosexuel­ le und Frauen auseinander. Da die Jungs über sexuelle Freiheit und ein offene­ res Gesellschaftsbild singen, haben sie an mehreren Orten im Nahen Osten ein Auftrittsverbot. Als Mashrou’ Leila im September 2017 in Kairo spielte, wurden nach dem Konzert etliche ihrer Fans festgenommen, weil sie Regen­ bogenfahnen geschwenkt haben sollen. Binnen dreier Monate sollen über 100 Leute festgenommen und 46 zu Haftstrafen von bis zu sechs Jahren verurteilt worden sein. Frontmann Hamed Sinno erzählte mir, wie die Ereignisse der ganzen Band zu schaffen gemacht hatten → Seite 26. Da wir keine Zeit für Fotos hatten, wandte ich mich an ein arabisches Lifestylemagazin mit Sitz in Dubai, das mit Hamed ein cooles Foto­shooting auf die Beine gestellt hatte. Man wolle uns keine Fotos verkaufen, teilte mir die künstlerische Leiterin den Entscheid der Verlagsleitung mit. Die Begründung: Wir würden «kritische und kontroverse Artikel über den Islam und Muslime» veröffentlichen. Ein anderes Magazin mit Sitz in Jordanien stellte uns schliesslich das tolle Foto von Hamed für unser Doppelcover zur Verfügung. Die wahren Stars dieser Ausgabe seid aber ihr, verehrte Leser! Unsere gan­ ze Redaktion ist überwältigt von den vielen Selfies, die ihr uns für unser Spezial­cover geschickt habt. Ihr setzt ein Zeichen für unseren Zusammenhalt und für unsere Vielfalt. Das ist das beste Cover, das man sich wünschen kann. Was sonst noch hinter dieser Aktion steckt, lest ihr auf → Seite 54. Eine spannende Diskussion prägt gegenwärtig die Initiative «Ehe für alle» und droht, unsere Community zu spalten → Seite 60. Ich wünsche eine an­ regende Lektüre und danke euch für die Treue. Greg Zwygart, Chefredaktor September 2018

3


INHALTSVERZEICHNIS

3 

Editorial

MANNSCHAFT+ 6 – 10

Arts, Brands, Community

26

Mashrou' Leila Die libanesische Band Mashrou’ Leila ist den Regierungen vieler nah­ östlicher Länder ein Dorn im Auge. Greg Zwygart sprach mit Frontsänger Hamed Sinno über Auftrittsverbote und die letztjährigen Verhaftungen nach dem Konzert in Kairo.

24

Serienjunkie

«Sharp Objects» und «American Horror Story»: Der Serienherbst kann beginnen! Uncut zeigt «The Cakemaker», Seite 6.

30

Die guten Seiten

KULTUR

Die Buchneuheiten des Monats.

MÄNNERSACHE 34

Leben in der Geisterstadt

Ein Bericht über das Leben als schwuler Mann in Manila – einer Stadt, gezeichnet von Krankheit und Korruption.

14

Film/DVD

Joaquin Phoenix spielt den schwulen Cartoonisten John Callahan.

16

Unabhängige Filme am Luststreifen Das LGBTIQ-Filmfestival hat diverse Schweizer Premieren auf Lager.

18

Kolumne Harlekin

Harlekin schlägt sich mit einem automatisierten Kundendienst rum.

5 Fragen an Rick Astley

20

32

Die neue Staffel von «Orange is the New Black» ist da! Wir sprachen mit Natasha Lyonne über den Frauenknast.

Unser Musikchef Martin Busse durfte schon ins neue Album von Sophie Hunger reinhören und ist begeistert.

Von Beruf lesbisch

4

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September 2018

Ohren auf!

38

CARMEN CARRERA Vom Zickenkrieg bei «RuPaul's Drag Race» zu glamurösen Modeshows.


INHALTSVERZEICHNIS

42

Verliebt in Toronto Das Paar Daan und Karl reist um die ganze Welt und schwärmt von ihren Reisezielen.

54

Wir sind eine Mannschaft

Unsere Leserschaft setzt sich für ein Ende der Stigmatisierung ein.

56

Basel draggt sich auf

58 49

Stil mit Bossart

Ringe am Finger sind keineswegs den Frauen vorbehalten. Herr Bossart klärt auf, was geht und was nicht.

SZENE 50

Shwule Grüsse aus dem Balkan

52

Pink Cross feiert 25 Jahre

Rolf Trechsel, Sekretär der ersten Stunde, erinnert sich an die Umstände, die zur Gründung geführt haben.

PrEP soll einen, nicht entzweien

59

Zitiert

60

Die Ehe spaltet die Gemüter

Die Community ist sich uneinig über den Kurs der Rechtskommission.

IMPRESSUM

MANNSCHAFT MAGAZIN Nr. 83, September 2018 Schweizer Ausgabe HERAUSGEBER Lautes Haus GmbH Brunnhofweg 47, CH -3007 Bern mannschaft.com kontakt@mannschaft.com redaktion@mannschaft.co REDAKTION   Kriss Rudolph, Greg Zwygart LAYOUT & DESIGN Greg Zwygart BILDREDAKTION   Raffi P.N. Falchi KORREKTORAT This Fetzer, Markus Stehle, Schaumkino TEXT   Michel Bossart, Martin Busse, Andreas Gurtner, Patrick Heidmann, Predrag Jurisic, Chris­ tina Kipshoven, Kriss Rudolph, Robin Schmerer, Patrick Schnel­ ler, Curdin Seeli, Greg Zwygart ANZEIGENVERKAUF   Christina Kipshoven, Thomas Künzi, Arno Luginbühl werbung@mannschaft.com Tel.: 031 534 18 30

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World News

66

Comic

ABOSERVICE   Mannschaft Magazin ist im Abonnement CHF 79/Jahr) sowie im Spezial­ abo für Studierende/Lernende CHF 49/Jahr) erhältlich. mannschaft.com/abo AUFLAGE   20 000 für Deutschland und die Schweiz DRUCK   Kolofon Group, kolofon.eu Mannschaft Magazin nimmt die Schweizer Rechtschreibung als Vorlage. Jegliche Wiedergabe und Vervielfältigung von Artikeln und Bildern ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion gestattet. Die nächste Mannschaft erscheint am 26. September 2018.

September 2018

5


MANNSCHAFT+

ARTS

Bitte nicht lächeln! Bild: Kunstmuseum Basel

Bis 7. Oktober ist im Kunst­ museum Basel die Ausstellung «Bitte nicht lächeln!» zu sehen. Gezeigt werden Bilder der Pariser Werbeagentur «Paul-­Martial», die bereits 1926 ein Fotoatelier einrichtete. Die Fotos gewähren einen Einblick in die Anfänge der Werbefotografie und in den Alltag der Zwanzigerjahre.

– kunstmuseumbasel.ch

Der Tortenbäcker Am 11. und 12. September zeigt Uncut im Berner Kino Rex den Film «The Cakemaker». Die israelisch-deutsche Koproduktion erzählt die Geschichte des Bäckers Thomas in Berlin, der mit dem israelischen Geschäftsmann Oren eine Affäre beginnt. Als dieser bei einem Unfall ums Leben kommt, reist Thomas nach Israel auf der Suche nach Antworten. Dort lernt er Orens

Ehefrau Anat und ihren Sohn kennen, denen ein kleines Café gehört. Thomas steigt ins Geschäft ein und backt seine Kuchen, die – obwohl sie nicht ganz koscher und den Orthodoxen ein Dorn im Auge sind – dem Laden zu einem neuen Aufschwung verhelfen. Wie lange er wohl die Vergangenheit vor Anat verheimlichen kann?

– gaybern.ch/uncut Bild: 20th Century Fox

Die Queen kommt Nach mehreren Verzögerungen und Neubesetzungen ist es endlich soweit: Am 31. Oktober kommt «Bohemian Rhapsody», der Film über das ausschweifende Leben von Queen-Frontsänger Freddie Mercury (Rami Malek) und seiner Band in die Kinos. Das Publikum erlebt den meteorhaften Aufstieg von «Queen» und ihren Beinaheuntergang, als Mercurys Lebensstil ausser Kontrolle gerät.

6

September 2018

Ailey in Zürich Vom 25. bis 30. September gastiert das «Alvin Ailey American Dance Theater» im Theater 11 in Zürich. Zu Gospel, Blues und Jazz bis hin zu Hip-Hop und Funk zelebrieren die über 30 Tänzer*innen die unterschiedlichsten Tanzstile und führen das Publikum immer wieder in neue Szenerien. Mit 25 Millionen Zuschauer*innen in 71 Ländern gehört die New Yorker Tanzkompanie zu den erfolgreichsten der USA. Während seiner Anfänge in den Fünfziger­jahren hielt Gründer Alvin Ailey seine Karriere vor seiner Mutter lange geheim – aus Scham. Kurz vor seinem Tod durch AIDS in den späten Achtzigerjahren bat er seinen Arzt, die wahre Todesursache vor ihr zu verheimlichen.

– alvinailey.ch


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BRANDS

Bild: instagram.com/britneyspears

+B

MANNSCHAFT+

Sei ein Hengst! Die Herbst/Winter-Kollektion des Labels «Wrangler» fällt auf mit kühnen Prints und kontrast­starken Farben. Die Grafik eines Hengsts zieht sich dabei konsequent durch die Herrenkollektion, wie etwa bei dieser bequemen Trainerhose. Perfekt dafür, wenn einen das schlechte Wetter wieder aufs Sofa treibt. – wrangler.de

Kurz vor ihrem Auftritt an der Brighton Pride in Gross­ britannien twitterte Britney Spears ein Bild der limitierten Pride-Edition ihres Parfüms «Fantasy». Ein Pfund des Verkaufspreises von 40 Pfund soll der LGBTIQ-­Organisation GLAAD gespendet werden, so die Sängerin. Der Post spaltete die Internetgemeinde.

Während ihr die einen Opportunismus vorwarfen, kritisierten andere die eher «bescheidene» Spende von 2,5 %. In den USA empörte Britneys Post die AntiLGBTIQ-­Facebookgruppe «1,000,000 Supporting Traditional Marriage». Sie rief zum Boykott von Britney Spears auf.

Bild: Österreich Werbung/ Christof Wagner

Britney Spears eckt an mit Parfüm

Queerer Urlaub  in Österreich Glücklich im Job In einer internen Befragung hat die Consultingfirma Accenture ihre über 1500 LGBTIQ-Fachkräfte in 31 Ländern zu Diversity und Inklusion befragt. Von ihnen sagen 92 %, dass die Firma grosse Fortschritte in Richtung Gleichstellung gemacht habe, so eine Medienmitteilung. In Firmen mit einer Gleichstellungskultur würden LGBTIQ-Mitarbeitende doppelt so schnell auf eine Managerstufe aufsteigen und dreimal so fix eine leitende Funktion übernehmen.

8

Juli/August 2018

Wien ist seit Jahren ein beliebtes Reiseziel der Community. Auch in den Städten Graz und Linz gibt es viel zu entdecken, und die Mozart­ stadt Salzburg lockt mit einer queeren Stadtführung. Mit «Österreich unterm Regenbogen» präsentiert unser Nachbarland eine Fülle an queeren Urlaubszielen und Aktivitäten. Neben gay­friendly Unterkünften, schwulen Gastgebern und Geschichten vom queeren Leben gibts auch Tipps für aktive Urlaube in der Natur. Zudem warten eine Vielzahl LGBTIQ-­ Events auf dich, darunter etwa das «Rosa Wiener Wiesn Fest» und die EuroPride 2019. — austria.info/de/lgbt


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MANNSCHAFT+

COMMUNITY

Ist «Kindr» ein  neues «Grindr»? Basel lädt ein zur Diskussionsrunde Basel-Stadt soll eine Anlaufstelle für LGBTIQ-Anliegen erhalten und sich wie Bern, Genf und Zürich dem «Rainbow Cities»-Netzwerk anschliessen. Dies fordert ein Anzug, der letzten Herbst im Grossen Rat eingereicht wurde. Am 10. September laden die Gleichstellungskommission Basel-Stadt und

das Kollektiv «Create Equality» zu einem Diskussionsabend im Theater im Teufelhof Basel ein. Unter anderem soll geklärt werden, wie sich der Kanton im Bereich LGBTIQ engagieren soll und wie die Bedürfnisse der Basler LGBTIQ-Community aus­sehen. Der Eintritt ist frei.

Die Datingplattform «Grindr» teasert ein neues Produkt an: «Kindr» (deutsch «netter»). Auf einem Video ist ein Mann zu hören: «Wenn jemand sagt, er sei nicht an Schwarzen interessiert, heisst das alle schwarze Menschen. Das bezeichne ich als sexuellen Rassismus.» Ob «Kindr» eine neue Plattform ist, die ausgrenzende Formulierungen verbietet und sich für Inklusion einsetzt? Das Geheimnis dürfte der Webseite zufolge im September gelüftet werden.

– kindr.grindr.com

– create-equality.ch

Schwule über 45 sind eher Single Wer verdient  einen Award? Am 29. September werden im Berner Kursaal die ersten «Swiss Diversity Awards» verliehen. Die Öffentlichkeit darf Personen für den «Public Award» nominieren, die sich in ihren Augen für Inklusion und Diversität eingesetzt haben. Vorschläge mit Begründungen müssen bis spätestens 30. August an die folgende E-Mail-Adresse geschickt werden:

– info@diversityaward.ch

10

Juli/August 2018

Schwule Männer über 45 sind eher Single als lesbische Frauen. Zu diesem Schluss kam eine US-amerikanische Studie, die mit 1762 Personen über 45 aus der LGBTIQ-Community geführt wurde. 57 % der befragten schwulen Männer waren Single im Gegensatz zu 39 % der lesbischen Frauen. Lediglich ein Viertel der befragten Schwulen

waren verheiratet, bei den Lesben waren es 43 %. Die Studie wurde von der AARP in Auftrag gegeben, einer Organisation für Senior*innen in den USA, und soll dazu beitragen, die Bedürfnisse von älteren LGBTIQ-­ Personen zu identifizieren. 76 % aller Befragten waren besorgt, im Alter nicht genügend Anschluss zu finden und zu vereinsamen.


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Das andere Wochenende

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September 2018

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KULTUR

14 Film

26 Mashrou' Leila

20 Orange is the new Black

September 2018

13


KULTUR – Film/DVD

Don't Worry, He Won't Get Far on Foot Vom miesepetrigen Säufer zum pointierten Zeichner

Biografie, USA 2018, Regie und Drehbuch: Gus Van Sant. Mit: Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Beth Ditto, Udo Kier. Kinostart: 16. August.

Callahan (l.) und Donnie bei einem ihrer vielen freundschaft­ lichen Gespräche.

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September 2018

John Callahan (1951–2010) war neben Gary Larson (68) der meistdiskutierte US -Cartoo­ nist der Achtziger- und Neunzigerjahre. Er widmete sich morbiden Themen und ver­ sehrten Menschen; zum Beispiel Blinden und Leprakranken. Im deutschsprachigen Raum blieb er eher unbekannt – es sei denn, man las das Satiremagazin «Titanic». Nun schildert Gus Van Sant Callahans Leben. John (Joaquin Phoenix) ist schon früh ein hoffnungsloser Alkoholiker. Dies verschlim­ mert sich, als er mit 21 bei einem Autounfall querschnittgelähmt wird. Doch sechs Jahre später hört er mit dem Trinken auf. Er tritt einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker bei, die der gutmütige Donnie (Jonah Hill) leitet. John fasst neuen Lebensmut und be­ ginnt zu zeichnen. Dennoch dauert es Jahre, bis er alle Dämonen überwindet. Es ist der Werdegang eines geplagten Man­ nes, der sich vom unausstehlichen Querulan­ ten zum spitzzüngigen Humoristen wandelt. Dies geschieht emotional stark und vielfältig, auch dank dem gewohnt eindringlichen Spiel von Joaquin Phoenix. Van Sant richtet das Augenmerk natürlich ebenso auf Donnie, Cal­ lahans wichtigste Vertrauensperson: Selten porträtierte ein Film einen Schwulen derart unaufdringlich lebensnah. Aber in erster Li­ nie ist der Streifen eine pointierte Ode an Callahans Cartoons, die bis heute nichts von ihrem Biss eingebüsst haben.

Redaktion Patrick Schneller filmguru@mannschaft.com

Patrick ist von «Mission: Impossible – Fallout» genauso beeindruckt wie vom Vorgänger. Die Reihe darf ruhig so weitergehen!


D V D Avengers: Infinity War

Dokumentarfilm, GB 2018, Regie: Ian Bonhôte, Peter Ettedgui. Kinostart: 23. August.

Der Londoner Modeschöpfer Lee Alexander McQueen (1969–2010) war ein Phänomen: Der rastlose Autodidakt schaffte früh den Aufstieg in den Szenehimmel. Mit 27 wurde er Chefdesigner bei Givenchy, führte sein ei­ genes Label aber weiter. Auch seine selbst choreografierten Modeschauen wurden Kult. Zeitlebens von Depressionen geplagt, wählte McQueen als 40-Jähriger den Freitod. Der Film rollt das Leben des schwulen Ausnahmedesigners präzise und detailliert auf und lässt praktisch alle seine Weggefährt*in­ nen zu Wort kommen. Unaufdringlich entfal­ tet sich eine in Dokumentationen selten gese­ hene Spannung. Auch wer sonst nichts mit dem Modezirkus am Hut hat, wird von Mc­ Queens Kreationen fasziniert sein. Und am Ende ganz nah an einer tragischen Ikone, die nur wenige wirklich an sich heranliess.

Frankie in einem der wenigen ruhigen Momente mit dem Rottweiler seiner russischen Freundin.

Asphaltgorillas Gaunerkomödie, D 2018, Regie: Detlev Buck. Kinostart: 30. August.

A Quiet Place

Geräuschempfindliche Monster haben ei­ nen Grossteil der Menschheit vernichtet. Auf ihrer einsamen Farm kämpfen die Abbotts (Emily Blunt, John Krasinski) mit den Kindern ums Überleben. Der Schocker, bei dem sich das Kino­ publikum nicht einmal mehr traut, Pop­ corn zu futtern, beweist einmal mehr, dass einfache Ideen manchmal die besten sind. Die beklemmende Ruhe steigert die ner­ venzehrende Spannung dabei ins schier Unermessliche.

Ready Player One Atris (Samuel Schneider) hat genug davon, Handlanger des Gangsterbosses El Keitar (Kida Khodr Ramadan) zu sein. Also lässt er sich auf einen Falschgelddeal mit seinem Jugendfreund Frankie (Jannis Niewöhner) ein. Natürlich geht alles schief, was schiefgehen kann. Detlev Bucks Gaunerposse macht Spass, hätte aber gerne etwas frecher sein dürfen. Doch die Situationskomik (und -tragik) stimmt, und die Figuren wirken trotz aller Verschrobenheit unbedarft sympathisch. Die Schweizerin Ella Rumpf («Raw») stiehlt dabei allen die Show als Taschendiebin, die Atris den Kopf verdreht.

Horror, USA 2018, Regie: John Krasinski. Erscheint: 23. August

McQueen

Fast alle Helden des Marvel-Universums müssen sich zusammenraufen, um den gnadenlosen Thanos (Josh Brolin) zu stop­ pen: Der will die Hälfte alles Lebens aus­ löschen! Der erste Teil des grossen «Avengers»-­ Showdowns ist genau das megalomane Über-Spektakel, das zu erwarten war – und noch viel mehr: Der Kracher endet mit ei­ nem Cliffhanger, wie es ihn derart konse­ quent in der Geschichte des Blockbuster­ kinos noch nicht gegeben hat.

Sci-Fi-Action, USA 2018, Regie: Steven Spielberg. Erscheint: 6. September

McQueen mit seiner Mutter Joyce, die nur wenige Tage vor ihm starb.

Fantasyaction, USA 2018, Regie: Anthony und Joe Russo. Erscheint: 21. Aug.

KULTUR – Film/DVD

2045 flüchten viele Menschen vor dem tristen Alltag in die virtuelle Welt OASIS . Als deren Erfinder stirbt, überlässt er sein Vermögen dem ersten Spieler, der dort drei Rätsel löst. Mit dem unbeschwerten Vergnügen entdeckte Steven Spielberg wieder das Kind in sich und schuf die fantastische Reise in eine virtuelle Hightechwelt, die vor Verweisen auf die Popkultur der letz­ ten Jahrzehnte strotzt – allen voran der Achtzigerjahre. September 2018

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KULTUR — Filmfestival

«Bixa Travesty», ein Film über eine trans Frau aus armen Verhältnissen in Brasilien, gewann den Teddy für besten Dokumentarfilm.

Unabhängiges Filmschaffen am Basler Luststreifen Eine vielfältige Palette an unabhängig produzierten Filmen aus der ganzen Welt ist im September am «Luststreifen» zu sehen. Nach zehn Jahren hat sich das Basler LGBTIQ-Filmfestival selbstständig gemacht. Text – Greg Zwygart

Z

ehn Jahre nach seiner Gründung löst sich das Filmfestival «Luststrei­ fen» vom Trägerverein «habs queer basel» und geht eigene Wege. Was 2008 in einem Basler Kino als kleiner Anlass mit 500 Besucher*innen und 16 Filmen und als Projekt der damaligen Homosexuellen

16

September 2018

Arbeitsgruppen Basel (habs) begann, hat sich zum zweitgrössten LGBTIQ-Filmfes­ tival der Schweiz mit 2500 Gästen entwi­ ckelt. «Luststreifen» findet heuer vom 26. bis 30.  September an vier Schauplätzen statt. In 25 Vorstellungen werden rund 40 Kurz- und Langfilme aus über 15 Ländern gezeigt.

«Die 2018 erreichte Grösse des Festi­ vals – mit eigenem Festivalzentrum, einer Jury, einer Preisvergabe und doppelt so vielen Filmen wie im vergangenen Jahr – verlangte nach einer eigenen, von der habs unabhängigen Struktur», schreibt Thomas Huber, Sprecher von «habs queer Basel»,


in einer Medienmitteilung. «Deshalb ha­ ben der habs-­Vorstand und das Luststrei­ fen-Team entschieden, dass das Filmfesti­ val eigene Wege gehen wird.» Der Luststreifen besteht nun als eigen­ ständiger Verein und soll ein unabhängi­ ges Projekt bleiben. «Es verfolgt keinen Erwerbszweck und erstrebt keinen Ge­ winn», sagt Ledwina Siegrist vom Lust­ streifen. Brasilianische Topfilme

Mit «Tinta Bruja» und «Bixa Travesty» haben sich die Organisator*innen vom Luststreifen die brasilianischen Sensati­ onsfilme 2018 ins Programm geholt. Beide Filme wurden im Februar an der Berlinale mit einem queeren Filmpreis, dem Teddy, ausgezeichnet. «Tinta Bruja» bedeutet soviel wie «He­ xentinte» und erhielt den Teddy für den besten Spielfilm. Er handelt vom jungen Pedro, der in der brasilianischen Küsten­ stadt Porto Alegre als «Neonboy» sein Geld mit einer Webcam verdient. Während das Publikum im Chatroom ihn beobach­ tet, bestreicht er sich mit verschiedenen Neonfarben und beginnt, im Dunkeln zu leuchten. Seine Welt gerät aus den Fugen, als seine Schwester aus der gemeinsamen

Wohnung auszieht und er bemerkt, dass jemand seine Shows imitiert. Schliesslich entscheidet er sich für ein Treffen mit dem unbekannten Konkurrenten, das weitrei­ chende Folgen hat. «Bixa Travesty» gewann den Teddy für den besten Dokumentarfilm und feiert am Luststreifen Schweizer Premiere. Im Zent­ rum steht Linn da Quebrada, eine schwar­ ze trans Frau aus den verarmten Vororten von São Paulo. Mit exorbitanten Outfits und viel Twerking protestiert sie auf der Bühne gegen Brasiliens Machismo und die weisse, cis-heteronormative Geschlech­ terordnung. Abseits der Bühne sind ihre zarten Seiten zu sehen, etwa mit Freun­ den oder beim gemeinsamen Kochen mit ihrer Mutter. Private Aufnahmen doku­ mentieren einen intimen Auftritt, den sie während ihrer Krebsbehandlung im Kran­ kenhaus hinlegt. Im Rahmen von Radio­ interviews drückt sie ihre Überzeugungen zu Transgeschlechtlichkeit und Feminis­ mus aus – als Frau, die sich nicht über ihre Geschlechtsorgane identifiziert. Queere Arthouse-Filme

Mit «He Loves Me» feiert ein weiterer Film am Luststreifen Schweizer Premiere. Der griechische Spielfilm setzt am Ende einer

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KULTUR — Filmfestival

DER VERSICHERUNGSTIPP

Ferien gebucht. Grippe erwischt. Geld zurück. Wir haben eine grosse Reise geplant und diese bereits bezahlt. Nun muss ich notfallmässig ins Spital. Wer bezahlt die Kosten der annullierten Reise? Wenn Sie eine Reise-Annullationsversicherung abgeschlossen haben, sind im Fall einer schweren Erkrankung die Reisekosten von Ihnen und der mitversicherten Reisebegleitung abgedeckt. Eine bei der Buchung abgeschlossene Annullationsversicherung schützt für diese eine Reise. Haben Sie eine Annullierungs- und Assistance-Versicherung für Personen abgeschlossen, sind Sie für alle Ihre Ferien im versicherten Zeitraum abgesichert. Die Assistance-Versicherung unterstützt Sie

«Krank vor den Ferien – wer bezahlt?» und die mitversicherte Begleitung auch während der Ferien, beispielsweise im Krankheitsfall. Versichert sind zudem Tickets für Konzerte oder Saisonkarten. Sitzen Sie im Ferienort wegen Unwetter fest, deckt die Assistance-Versicherung die Mehrkosten der unfreiwilligen Ferienverlängerung sowie der Rückreise. helvetia.ch/reiseversicherung

Martin Bohny Generalagent Helvetia Generalgentur Thun

Oben: Neonboy macht in «Tinta Bruja» Geld mit Webcamshows. Unten: Zwei Männer stehen in «He Loves Me» vor dem Scherbenhaufen ihrer Beziehung.


Kolumne

Beziehung zweier Männer an. Sie versu­ chen, ihre Liebe zu retten, und verlassen das schnelllebige Partyleben der Gross­ stadt, um in der freien Natur Zeit mit­ einander zu verbringen. Schaffen es der Strand und das Meer, zwei Männer wieder zusammenzuführen, die in ihren Erfah­ rungen oft verletzt und traumatisiert wur­ den? Mit malerischen Bildern begleitet der Regisseur Konstantinos Menelaou die bei­ den auf ihrer Suche nach Wahrheit und der verlorenen Unschuld. Mit viel Poetik und Symbolik erzählt auch «Der Ornithologe» von einer Suche

Harlekin über das tägliche Leben in Barcelona. harlekin@mannschaft.com Illustration: Fiona Good

Mehr von Harlekin lesen: harlekination.com

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September 2018

nach Antworten. Der Protagonist ist Fer­ nando, ein eigenbrötlerischer Ornitho­ loge, der im Freien schwarze Störche be­ obachtet. Im Fluss von Stromschnellen ergriffen, wird er von zwei chinesischen Pilgerinnen gerettet. Es beginnt eine Odyssee mit seltsamen Gestalten und wirren Ereignissen. Religionskenner*in­ nen wird schnell klar: «Der Ornithologe» ist eine Verfilmung des Lebens des Hei­ ligen Antonius von Padua, notabene als queerer Charakter. Im Rahmen des Filmfestivals fin­ den diverse Lesungen, Workshops und

Konzerte statt. Seit 2017 vergibt der Lust­ streifen «Lust-Awards», darunter einen Publikums­ preis sowie Auszeichnungen für den besten Kurzfilm, den besten Spiel­ film und den besten Dokumentarfilm. Das Festivalzentrum lädt mit Bar- und Café­ betrieb sowie Büchern, Magazinen und Podcasts zum Verweilen und Austauschen ein. Das Programm des Luststreifens wird Ende August veröffentlicht, der Ticketvor­ verkauf beginnt am 3.  September online auf kultkino.ch. – luststreifen.ch

ann verliert man eigentlich den Verstand? Eine schwierige Frage. Die Antwort ist einfach: Wenn die künstliche Intelligenz übernimmt. Bei meinem Mobiltelefonanbieter kann man das ziemlich eindrücklich erleben. Ruft man den Kundenservice an, antwortet eine Computerstimme und fordert einen klinisch korrekt dazu auf, mit ihr in ein «Gespräch» einzutreten. Wie ein Bekloppter antwortet man klar a-r-t-i-k-u-l-ie-r-e-n-d. Datenschutz, natürlich, und abhörsicher. Was geschähe, wenn ich mit der Aufzeichnung des Anrufs nicht einverstanden wäre? Bekäme ich dann meine fälschlich verrechneten 60 Euro nicht zurück? Mein Problem schliesslich muss in einem einfachen Hauptsatz Platz haben, weil der Computer es sonst nicht versteht. Lösungsorientiertes Arbeiten: Per Definition gibt es nur die Fragen, die die Firma beantworten kann. Mittelalter? Gleichschaltung? Zur Belohnung, dass man sich und sein Anliegen zu simplifizieren wusste, wird man ins virtuelle Wartezimmer verwiesen. Der Vorhof des absoluten Wahnsinns, die musikuntermalte Warteschleife. Häufig die seit Jahren missbrauchte «Für Elise», heute bekomme ich zehn Minuten Abba vorgeträllert, «Mamma mia»: «I don’t know how, but I suddenly lose control» dröhnt es da in mein Ohr. Wenn schliesslich ein unvergleichlich künstlich gut gelaunter Mensch abnimmt und Punkt-undKomma-lose Formeln an mich richtet, bin

ich sprachlos schlecht gelaunt, Menschenfeind. Es gibt noch ein weiteres Feld der modernen Verblödung, das ich diesen Sommer schmerzlich amüsiert verfolge: Stelleninserate. Ein Freund ist auf Job­ suche. Er möchte der 42-Stunden-Woche im Hamsterrad des Pendlerlebens entkommen. Ich habe ein Stellenportal mit seinem Filter aktiviert. Ein Inserat hatte es speziell in sich. Alles fett gedruckt, was man sicher nicht als unauswechselbare Eigenschaft der eigenen Persönlichkeit vergessen darf, sollte es zu einem Gespräch kommen: «Herzlichkeit; Qualitätsbewusstsein; dienstleistungsorientiertes Denken; Kunden in Fans verwandeln; Teamplay; ambitionierte Ziele; Flexibilität, Belastbarkeit und Flair; die nötige Coolness; konstruktive Kritik entgegennehmen und im Sinne der Mission intern adressieren.» In welchen Irrsinn haben wir uns da hineinmanövriert mit diesen unsäglichen Worthülsen? Es wird der perfekte Unmensch propagiert, ohne Ecken und Kanten, ohne Persönlichkeit, Ken und Barbie. Wer wird sagen: Kein Teamplayer, sondern Asperger. Vergesslich. Dumm. Uncool. Was bringen diese Castings? Manchmal scheint mir, unsere Gesellschaft löst sich in warme Luft auf und filmt sich dabei, um dann onanierend das Video zu glotzen. Ich frage mich einmal mehr, wer heutzutage eigentlich den Verstand verloren hat. Die, die vom Weg abkamen und nicht mehr in die Gesellschaft passen, oder doch vielleicht die anderen 97 %?


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Wie gut kennst du dich mit deiner HIV-Therapie aus?

Wissen ist Macht: Juno & Sophie Viele Positive wissen nicht genau, welche HIV-Medikamente sie täglich schlucken und weshalb gerade diese. Dabei ist das Gespräch mit dem Arzt über die Wahl der richtigen Therapie etwas, was die Lebensqualität langfristig verbessern kann. ransfrau Juno ist 52 Jahre jung und wurde bereits mit HIV diagnostiziert als sie an der Universität studierte. Sophie lebt in London und ist ebenfalls HIV-positiv. Nach der Diagnose hat Juno ihr Leben aktiv in die Hand genommen und setzt sich leidenschaftlich für die Förderung des Bewusstseins für HIV in der Trans-Community ein. Juno hat selbst erlebt, welche Fortschritte die Behandlung von HIV gemacht hat: Vom Beginn der AIDS-Krise in den 1980ern bis hin zu den heutigen Behandlungsmethoden. Diese Entwicklungen haben es ihr ermöglicht, zusammen mit ihrem Arzt ihre Therapie so zu gestalten, dass sie ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen leben kann. Auch Sophie hat die Behandlung mit Hilfe ihres Arztes mitgestaltet. Beide Frauen sind sich einig: Wissen ist Macht, wenn du trotz HIV dein Leben selbst bestimmen möchtest. Juno und Sophie zeigen, wie wichtig es ist, die Wahl der Therapie und die ganze Behandlung zu verstehen. Mehr Erfahrungsberichte sowie alle Infos zum Thema HIV findest du auf LiVLife.ch.

LiVLife.ch – eine Plattform für alle LiVLife.ch wurde von und mit HIV-Positiven ent­wickelt. Die Webseite bietet zuverlässige Informationen für jedefrau/jedermann und stützt sich auf aktuelle Forschungsergebnisse und Erfahrungen aus der HIV-Community – unter anderem von Menschen, die gerne ihre Geschichte erzählen. Inhaltlich ist sie nach den wichtigsten Ereignissen vor, während und nach der HIV-Diagnose gegliedert, um allen Betroffenen in jeder Phase ihres Lebens Ratschläge und Hilfe zu bieten. Neben dem Kampf gegen das Stigma liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Steigerung der Lebensqualität von HIV-­ Positiven. ViiV Healthcare arbeitet seit vielen Jahren mit der HIV-Community zusammen. So können individuelle Erfahrungen gesammelt werden, die zu einem besseren Verständnis der Lebensweise der Betroffenen beitragen – jetzt und in Zukunft. Werde Teil von LiVLife.ch, indem du uns deine Geschichte erzählst. Mehr Infos findest du auf unserer Seite.

CH/HIV/0073/18/07.08.2018/08.2018

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KULTUR  —  Interview

Bild: La Ligne, New York

Von Beruf lesbisch Natasha Lyonne ist hetero, gilt bei frauenliebenden Frauen aber als eine der grössten Lesbenikonen in Film und Fernsehen. Gegenwärtig ist sie in der neuen Staffel von «Orange is the new Black» zu sehen. Die Mannschaft traf die Schauspielerin in Berlin und sprach mit ihr über die Pride und die Faszination von lesbischen Rollen. Interview – Patrick Heidmann

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KULTUR  —  Interview

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atasha, willkommen in Berlin! Hast du ein bisschen Zeit, dir die Stadt anzusehen?

Wir kommen gerade erst aus Köln, wo ich mit meinen Kolleginnen Danielle Brooks und Jackie Cruz auf einem Wagen in der Pride-Parade mitgefahren bin. Wobei es hier in Berlin Christopher-Street-Day heisst, stimmts? Jedenfalls sind wir jetzt nur für die Interviews hier in Berlin, viel Zeit bleibt da nicht. Aber immerhin sind wir in dem Hotel untergebracht, in dem Michael Jackson einst sein Baby vom Balkon baumeln liess. Das alleine ist ja schon ein Ereignis. Ausserdem kenne ich Berlin ganz gut. Mein Freund hat ja deutsche Wurzeln, deswegen sind wir immer mal wieder hier. Zuletzt vergangenes Jahr an Weih­ nachten. Köln war sicherlich nicht deine erste Pride ...

Wo denkst du hin! Vor zwei oder drei Jahren hatte «Orange Is the New Black» auch schon einen Wagen bei der Pride in New York. Das war der Hammer. Ob­ wohl es so heiss war, dass irgendwann unsere Mu­ sikanlage versagte. Es ist irgendwie ironisch, bei der Pride mit einem stillen Wagen durch die Strassen zu fahren, das kannst du dir sicher vorstellen. Also ha­ ben wir angefangen, selbst Lärm zu machen und zu singen. Danielle war dabei, auch Dascha Polanco und Elizabeth Rodriguez, wenn ich mich richtig erinne­ re. Und natürlich Lea DeLaria, die irgendwann sogar anfing zu scatten, wie es sich für eine Jazzliebhaberin gehört. Heutzutage wird ja gerne mal beklagt, dass die Pride-Paraden ihren Charme und ihr politisches Ansinnen von einst verloren hätten und reine Kommerzveranstaltungen geworden seien. Wie siehst du das als gebürtige New Yorkerin, die ja sicher auch schon in den Neunzigern mit dabei war?

Die inzwischen sechste Staffel von «Orange is the new Black» läuft gerade bei Netflix. Wie früh hast du eigentlich geahnt, dass diese Serie eine so grosse, lang laufende Sache wird?

Die Serie hat obendrein endgültig deinen Status als Lesbenikone gefestigt, oder?

Das kann man vermutlich so sagen. Die Serie hat das fortgesetzt und vor allem auf ein neues Level geho­ ben, was damals mit dem Film «But I’m a Cheerlea­ der» (deutsch «Weil ich ein Mädchen bin», Anm. d. Red) begonnen hat. Vielleicht sind «Die lesbischen Rollen das beides die wichtigsten Ar­ sind vielleicht die beiten meines Lebens. «But I’m a Cheerleader» habe ich mit wichtigsten Arbeiten Clea DuVall gedreht, die auch meines Lebens.» 20 Jahre später noch meine bes­ te Freundin ist. Bei «Orange Is the New Black» wurde erstmals das Ensemble zu einer Art zweiter Familie für mich und ich weiss, dass ich mindestens zwei gute Handvoll dieser Kolleginnen ein Leben lang nicht aus den Augen verlieren werde. Aber sorry, ich schweife ab ... was ich von meinen queeren Fans so mitbekomme, ist wirklich toll. Die sind leiden­ schaftlich, humorvoll und tragen unglaublich viel Lie­ be im Herzen. Ihre Positivität ist irgendwie ein Abbild von alledem, wofür diese Serie steht. Und ich bin Net­ flix dankbar, dass die uns damals gezwungen haben, Instagram- und Twitter-Accounts anzulegen. Sonst Bild: Ignite Entertainment

Das war ich in der Tat, wenn auch nicht immer zwin­ gend jedes Jahr. Und bestimmt hat sich die Veran­ staltung verändert, wie sich überhaupt fast alles seit damals verändert hat. Dass wir zum Beispiel solche Ereignisse heutzutage zu einem grossen Teil vor allem durch unsere Smartphones erleben, ist nun einmal Realität, das lässt sich auch nicht umkehren. Da gibt es also immer eine Künstlichkeit in der Erfahrung, die wir früher nicht kannten. Das heisst aber nicht, dass die Absichten dahinter nicht noch genauso wahrhaf­ tig sein können wie damals. Und dass die ältere zur jüngeren Generation sagt, früher sei alles besser und echter gewesen, ist irgendwie auch eine Selbstver­ ständlichkeit. Aber in Zeiten, in denen unsere per­ sönlichen Freiheiten und Rechte täglich aufs Neue irgendwo eingeschränkt und beschnitten werden, ist es wichtiger denn je, Pride zu feiern. Und ich finde, das spürt man auch.

Am Anfang habe ich erst einmal mit gar nichts ge­ rechnet. Als es vor fünf Jahren losging, waren Eigen­ produktionen bei Netflix ja noch etwas ziemlich Neu­ es und niemand wusste, was da zu erwarten war. Und anfangs sollte ich ja sowieso nur für vier Folgen eine Gastrolle spielen. Ich war natürlich von Beginn an be­ geistert, dass die Drehbücher so toll waren und die­ se Geschichte vor allem von und mit Frauen erzählt wird. Aber ich hätte mir nie vorzustellen gewagt, dass die Serie ein solches Phänomen wird. Auch weil ich es in 35 Jahren vor der Kamera zuvor noch nie erlebt hat­ te, Teil eines Projekts zu sein, das gleichzeitig von den Fans und den Kritikern gefeiert und fester Bestandteil der Popkultur wird.

Natasha Lyonne (rechts) als lesbischer Teenager im Umpolungscamp. Die Komödie «But I'm a Cheerleader» aus 1999 hat längst Kultstatus erreicht. September 2018

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KULTUR  —  Interview

Bild: Netflix

Von der Nebenrolle zum Hauptcharakter: Natasha Lyonne als Nicky Nichols in «Orange Is The New Black».

würde ich womöglich nur einen Bruchteil dieser tol­ len Reaktionen auf meine Arbeit mitbekommen.

ausdenken. Aber ich glaube, Nicky selbst würde sich zumindest wünschen, wenigstens einmal mit Day­ anara zu schlafen!

Was kannst du uns über die neue Staffel verraten?

Ich will natürlich nicht zu viel erzählen, um nieman­ dem den Spass an der Serie zu vermiesen. Es versteht sich von selbst, dass die Ereignisse der fünften Staffel nicht ohne Folgen bleiben. Niemand kommt unver­ sehrt aus dieser Sache davon, und entsprechend sind sowohl Loyalität als auch Paranoia grosse Themen in den neuen Folgen. Und wir befinden uns jetzt in ei­ nem Hochsicherheitstrakt. Wie ergeht es Nicky dort?

Tja, was soll ich sagen ... Nickys grösste Stärke im Ge­ fängnis war immer ihre schnelle Auffassungsgabe. Und ihre freche Schnauze. Das half ihr mehr beim Überleben als Stärke oder strategisches Denken. Im Hochsicherheitstrakt könnten ihr diese Eigenschaften aller­ «LGBTIQs haben einen dings eher schaden. Deswegen sie lernen, ein bisschen besonderen Blick auf die muss mehr zu kalkulieren und we­ Welt und die Gesellschaft.» niger frei von der Leber weg zu handeln. Mindestens eine weitere Staffel von «Orange is the new Black» wird es noch geben. Was wünschst du dir noch für die Zukunft für Nicky?

Oh, ich lasse mich sehr gerne überraschen, was un­ sere tollen Autor*innen sich noch alles für mich

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Die Liste der queeren Rollen und Geschichten in deiner Filmografie ist noch viel länger und umfasst etwa «Will & Grace», «If These Walls Could Talk 2», «Party Monster» oder «G.B.F.». Hast du die Nähe zur LGBTIQ-Community gesucht?

Ich weiss gar nicht, ob ich das so einfach erklären kann. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass die «queer culture» seit jeher immer besonders cool war. Deswe­ gen fühlten sich Leute wie Lou Reed zu ihr hingezo­ gen und deswegen stahl David Bowie das eine oder andere bei Klaus Nomi. LGBTIQs haben einen beson­ deren Blick auf die Welt und die Gesellschaft. Und sie sind freier und offener, was das Erfahren und Experi­ mentieren mit der eigenen Sexualität angeht, auch die Suche nach einer eigenen Wahrheit. Weil queere Kul­ tur historisch immer anders war als der Mainstream, war sie immer Vorreiterin und hat bis heute auch das Zeug dazu, die Welt zu verändern. Von Marlene Die­ trich in ihren androgynen Hosenanzügen über John Waters und Divine bis hin zu unserer wunderbaren Laverne Cox! So ganz erklärt das aber noch nicht deine Rollenauswahl!

Stimmt. Und es ist natürlich kein Zufall, dass ich ge­ rade lesbische Frauen besonders oft gespielt habe. Schon als junge Frau hatte ich einfach nie Lust


KULTUR  —  Interview

darauf, nur eine Art Accessoire zu verkörpern. An­ fang 20 wurden mir aber ständig Drehbücher ange­ boten, in denen ich nur die dritte Blondine von rechts sein sollte. Da habe ich grossen Hollywoodproduk­ tionen dann doch lieber den Rücken gekehrt und kleine Independentfilme gedreht, in denen deutlich mehr Raum für queere Figuren war. Ausserdem hat­ te ich zu den Lesben nicht selten einen viel stärkeren persönlichen Bezug. Warum das?

Wann immer ich als kleines Mädchen vor dem Fern­ seher sass und von einer Schauspielkarriere träumte, dann identifizierte ich mich weniger mit Jessica Lan­ ge oder Bette Davis, die ich natürlich auch toll fand, als mit Männern wie Harry Dean Stanton, Dennis Hopper oder Gene Hackman. Ich wollte sein wie die – komplexe menschliche Wesen, schwierig, düster, drei­ dimensional. Wenn Frauen vor der Kamera überhaupt mal so sein dürfen, dann, wenn sie lesbisch sind, weil sie da eben nicht ins Verhältnis zu einem Mann ge­ rückt werden müssen. Kein Wunder, hat Nicky Nichols in «Orange Is the New Black» mehr mit Jack Nicholson in «Five Easy Pieces» als mit Sarah Jessica Parker in «Sex and the City» zu tun. Aber die gute Nachricht ist ja, dass sich gerade wirklich einiges verändert – und ich hoffe sehr, dass in Film und Fernsehen Gender und Sexualität in dieser Hinsicht bald eine eher unterge­ ordnete Rolle spielen.

Natasha Lyonne Natasha Lyonne wurde 1979 als Tochter jüdisch-orthodoxer Eltern in New York geboren. Mit sieben Jahren spielte sie in «Heartburn» («Sodbrennen») die Nichte von Meryl Streep. Als junge Erwachsene stand sie für Woody Allen vor der Kamera («Everyone Says I Love You») und erreichte mit «American Pie» ein Millionenpublikum weltweit. Es folgten Auftritte in «Scary Movie 2» und «Blade: Trinity». In Jamie Babbits Kult­ komödie «But I’m a Cheerleader» («Weil ich ein Mädchen bin») spielte sie einen lesbischen Teenager, der von seinen Eltern in ein Umpolungscamp geschickt wird, und baute sich dadurch in der LGBTIQ-Community eine treue Fangemeinde auf. Schlagzeilen machte sie nicht zuletzt mit persönlichen Problemen: Alkohol und Drogen, ein Haftbefehl, dann Hepatitis C, eine kollabierte Lunge und eine OP am offenen Herzen. Damals widmete ihr Rufus Wainwright den Song «Natasha». Doch Lyonne kämpfte sich zurück, sowohl gesundheitlich als auch beruflich. Seit 2013 ist sie in der Serie «Orange Is the New Black» als lesbische Gefängnisinsassin Nicky zu sehen und erhielt dafür bereits eine Emmy-Nomination. Die sechste Staffel der Serie ist seit Ende Juli bei Netflix zu sehen.

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KULTUR — Serienjunkie

Der Horror-Kult geht in die nächste Runde – «American Horror Story: Cult» auf DVD/Blu-ray © 20th Century Fox Television

Die beliebte Horroranthologieserie «American Horror Sto­ ry» blickt mittlerweile auf bereits sieben Staffeln zurück, die sich jeweils ganz unterschiedlicher Themen angenom­ men haben. Mit «American Horror Story: Cult» erscheint die aktuellste Staffel am 27. September auch hierzulande auf DVD und Blu-ray. Neben den bizarren bis trashigen Storylines, die ganz auf Horror- und Gruselmomente set­ zen, ist die Serie auch für ihre zahlreichen LGBTIQ-­ Figuren und -Handlungsstränge bekannt. Kein Wunder, zeichnet doch immerhin der offen schwule Showrunner Ryan Murphy («Glee», «Pose») für «American Horror Sto­ ry» verantwortlich. In «Cult» wird erstmals gänzlich auf übernatürliche Elemente verzichtet und stattdessen die Geschichte eines Sektenführers erzählt, der die politi­ schen Unruhen nach dem für viele überraschenden Wahl­ sieg Donald Trumps für seine Zwecke ausnutzt. Auch das lesbische Paar Ivy und Ally gerät in seine Fänge. Für Auf­ sehen sorgten in dieser Staffel vor allem mehrere schwu­ le Sexszenen zwischen Colton Haynes, Evan Peters und Billy Eichner. In einer Nebenrolle ist übrigens Chers trans­ geschlechtlicher Sohn Chaz Bono zu sehen – ausgerechnet als Trump-Supporter. Unterdessen startet am 12. Septem­ ber in den USA bereits die achte Staffel der Serie mit dem vielversprechenden Titel «Apocalypse».

Zu oft Stephen Kings' «Es» geschaut? In «American Horror Story: Cult» macht eine Sekte in Clownkostümen die Gegend unsicher und sorgt für Angst und Schrecken.

© HBO

Serienjunkie

Die scharfen Kommentare ihrer Mutter reissen bei Reporterin Camille alte Wunden auf.

Einschneidende Erinnerungen: «Sharp Objects»

Redaktion Robin Schmerer

Was soll ich als Nächstes schauen? Welche ist deine Lieblingsserie ?

robin@mannschaft.com

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Seit dem 30. August zeigt der Sender «Sky Atlantic HD » (in der Schweiz via Teleclub) die neue Thriller-Serie «Sharp Objects» mit der mehrfach oscarnominierten Schauspielerin Amy Adams. Nach dem grossen Erfolg mit der Serie «Big Little Lies» (die unlängst für eine zweite Staffel verlängert wurde), setzt man beim Sender HBO erneut auf eine Romanver­ filmung und lässt einmal mehr den Regisseur Jean-Marc Vallée auf dem Regiestuhl Platz nehmen. In «Sharp Objects» verkörpert Adams eine alkoholkranke Reporterin, die

nach Jahren in ihren Heimatort zurückkehrt, um über den Mord an zwei jungen Mädchen zu berichten. Dabei muss sie sich auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen, die besonders in Form ihrer kontrollsüchtigen Mutter (Pat­ ricia Clarkson) wieder über sie hereinbricht. Wie die literarische Vorlage von Gillian Flynn besticht auch die achtteilige Miniserie durch eine recht düstere Atmosphäre. Immerhin wurde sie von Blumhouse Productions umge­ setzt, einer Produktionsfirma, die vor allem mit Horrorfilmen grosse Erfolge feiert.


KULTUR – Serienjunkie

LGBTIQ-Charaktere in Serien Henry Best «Cucumber»/«Banana» (2015)

Liebt Zweideutigkeiten, ist aber hochgradig unsicher: Henry will sein Leben umkrempeln.

Der 46-jährige Versicherungsangestellte Hen­ ry aus Manchester hat mindestens genauso grosse Angst vor der Ehe wie vor Analsex. Kein Wunder, dass sein langjähriger Lebens­ gefährte das Weite sucht, als Henry dessen Heiratsantrag ablehnt. Nachdem er auch noch seine Arbeitsstelle verliert, findet sich Henry plötzlich in einer WG mit jungen, schwulen Kerlen wieder. Dort stellt er nicht nur fest, dass sich die Community seit seiner Jugend grundlegend verändert hat, sondern er muss auch wieder lernen, sich auf dem Datingpar­ kett zu beweisen. Gar nicht so einfach! Wie das Leben für einen unsicheren schwulen Mann mittleren Alters und ohne Waschbrett­ bauch aussieht, bekommen wir im Fernsehen vergleichsweise selten zu sehen. Genau das ist vielleicht einer der Gründe, warum die briti­ schen Serien «Cucumber» und «Banana» so ungeheuer sehenswert sind.

Die Emmys werden bunt Mit den Emmy Awards wird am 17. Septem­ ber bereits zum 70. Mal der wichtigste ame­ rikanische Fernsehpreis verliehen. Dieses Jahr sind derart viele Produktionen mit LGBTIQ -­Thematik und -Darsteller*innen nominiert, dass die Organisation «Gay and Lesbian Alliance Against Defamation» (GLAAD ) von «einem Meilenstein in Sachen Inklusion» spricht. Potenzieller Abräumer ist «American Crime Story: Der Mord an Gian­ ni Versace» mit 13 Nominierungen. Auch die Jungs von «Queer Eye» dürfen hoffen, sie sind für vier Emmys im Rennen. ANZEIGE

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Wenn die Musik zum Staatsfeind wird Die libanesische Band Mashrou’ Leila ist den Regierungen vieler nahöstlicher Länder ein Dorn im Auge. Greg Zwygart sprach mit Frontsänger Hamed Sinno über Auftrittsverbote und die Verhaftungen nach dem Konzert in Kairo.

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iele westliche Medien hypen die Indie-Folk-Band Mashrou’ Leila als die Ausnahmeerscheinung des Nahen Ostens. Eine liba­ nesische Gruppe, die mit einem schwulen Frontsänger und pointierten Songtexten über sexuelle Freiheit singt, Geschlech­ terrollen in Frage stellt und die patriarchale Gesellschaft über den Haufen werfen will. Für Hamed Sinno werden solche Einleitun­ gen langweilig. «Superlangweilig», sagt er im Interview mit der Mannschaft, nur wenige Stunden vor dem Konzert seiner Band am «Montreux Jazz Festival» im Juli. Er nehme es den Me­ dien aber nicht übel, es sei ja gut gemeint. «Ich bin nur eine Person, die mit drei ande­ ren auf der Bühne steht. Ihre Geschichten sind genauso interessant wie meine, wenn nicht noch interessanter. Ich finde es be­ merkenswert, wenn nichtqueere Personen sich für unsere Anliegen einsetzen.»

«Ich finde es bemerkenswert, wenn nichtqueere Personen sich für unsere Anliegen einsetzen.»

Vielschichtige Problematik, vielschichtige Texte

Solche Einleitungen laufen auch Gefahr, den Nahen Osten und seine Bevölkerung zu pauschalisieren – als konservativ und religionsfanatisch, frauenfeindlich und ho­ mophob. Westliche Medien interpretieren auch gerne den Islam und den Terrorismus in die Texte von Mashrou’ Leila. So handle der Songtext von «Are You Certain?» – eine Zusammenarbeit mit dem New Yorker Mu­ sikprojekt «Hercules & Love Affair» – vom Attentat im Pariser Bataclan und vom dop­ pelten Selbstmordanschlag in Beirut und darüber, was diese Geschehnisse mit dem islamischen Glauben zu tun haben. «Nicht wirklich», sagt Hamed. «Der Song handelt vom Unwissen und fordert Men­ schen heraus, die in ihrem Glauben unbeirrt sind. Als hätten sie einen uneingeschränk­ ten Zugang zur absoluten Wahrheit.»

Die Songtexte von Mashrou’ Leila strot­ zen nur so von Symbolik und Idealen, vom Traum einer freien Gesellschaft. «Erhebt eure Stimme im Gesang, Lieder sind immer noch erlaubt», singt Hamed etwa im Song «Tayf (Ghost)», der nach der gleichnamigen und mittlerweile geschlossenen Schwulen­ bar in Beirut benannt ist. Hamed singt von einem queeren Menschen, der Neonfarbe weint und Elektrizität trinkt. Damit spielt der Text auf die Kriminalisierung von Ho­ mosexualität im Libanon an. «Das Gesetz spricht mit keinem Wort von der Homo­ sexualität, lediglich von unnatürlichem Sex», erklärt Hamed. «Und so singe ich davon, wie wir Unnatürliches aus unserer Umgebung nehmen und etwas Natürliches daraus machen.» Der 30-Jährige singt aber nicht nur in Metaphern. «Mein Leben ver­ geht, während meine Rechte von deinen Gefühlen gepfändet werden. Du radierst mich aus den Geschichtsbüchern, als läge es an dir, sie zu schreiben», heisst es in der zweiten Strophe. Mashrou’ Leila als revolutionär zu be­ zeichnen, wäre aber ebenso falsch, wie den Nahen Osten zu pauschalisieren. Im Song «Shim el Yasmine» («Riech den Jasmin») singt Hamed, dass er die Traditionen nicht befolgen könne, weil er seinen Liebhaber nicht seinen Eltern vorstellen darf. «Gerne hätte ich dein Essen gekocht, dein Haus ge­ putzt, deine Kinder verwöhnt. Gerne wäre ich deine Hausfrau.» Obschon Hamed fast ausschliesslich auf Arabisch singt, sei die Sprachbarriere im Westen kein Problem. «Viele Konzertbesu­ cher*innen googeln die Texte, bevor sie an unser Konzert kommen. Ich finde das toll», sagt er. Aus Amateuren werden Senkrechtstarter

Text – Greg Zwygart Foto – zvg

Hamed und seine Bandkollegen gründeten Mashrou’ Leila vor zehn Jahren, im Februar September 2018

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Bild: Lionel Flusin, Montreux Jazz

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Mashrou' Leila kann gegenwärtig fast ausschliesslich im Westen auftreten, hier am «Montreux Jazz Festival» in der Schweiz.

2008, als sie noch Studenten an der Ame­ rikanischen Universität von Beirut waren. Ihre Hauptmotivation war es, sich mit der Musik vom Prüfungsstress und von der politisch unsicheren Lage in der libanesi­ schen Hauptstadt abzulenken. Im darauf­ folgenden Jahr nahm die Band am Musik­ wettbewerb eines Radiosenders teil und gewann mit dem Song «Raksit Leila» («Lei­ las Tanz») sowohl die Publikums- als auch die Jurystimme. Der Hauptpreis war ein Plattenvertrag, aus dem ihr Debütalbum «Mashrou’ Leila» entstand. Der Bandname ist ein Wortspiel und hat zwei Bedeutun­ gen, einerseits «Leila’s Projekt», anderer­ seits «Nachtprojekt». Ob der Name nun auf eine Freundin namens Leila anspielt, oder sich auf ihre allnächtlichen Jamsessions bezieht, lässt die Band bei Interviews je­ weils schmunzelnd offen. Aus vielen nahöstlichen Ländern verbannt

Hamed ging von Anfang an offen mit seiner Homosexualität um. Eine Alternative gab es nicht. «Ich kann mir nicht vorstellen, eine öffentliche Karriere zu haben und ständig über meine Sexualität zu lügen», sagt er. «In Beirut kenne ich viele Musiker und Sänger, die auf Instagram mit einer Frau posieren

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und so tun, als sei es ihre Freundin. Das wäre einfach zu viel für mich.» Die Offenheit des Sängers wurde im Aus­ land viel gelobt und bescherte der Band eine treue LGBTIQ-Fanbase. Doch sie hatte ihren Preis, nicht zuletzt auch wegen den Songtex­ ten, die von vielen nahöstlichen Regierun­ gen als kontrovers taxiert werden. «In vielen Ländern des Nahen Ostens dürfen wir nicht spielen, unsere Familien haben schon Todes­ drohungen erhalten», so Hamed. Dann gebe es sicherlich auch andere Konsequenzen, die sie nicht zu spüren bekämen. «Wenn wir von Radiosendern nicht gespielt oder nicht für Konzerte gebucht werden, kriegen wir das nicht mit.» Zurzeit spielt Mashrou’ Leila vor allem im Westen, in vielen nahöstlichen Ländern ist ein Auftritt nicht denkbar. «Nach Syrien können wir nicht wegen des Kriegs. Paläs­ tina steht wegen der israelischen Besetzung ausser Frage», sagt er. «Und in Saudi-Arabi­ en zu spielen geht aus naheliegenden Grün­ den nicht.» Veranstalter luden die Band zweimal nach Jordanien ein. Die Konzerte wurden vom jordanischen Innenministerium al­ lerdings kurzfristig abgesagt, gegenwärtig darf Mashrou' Leila im Land nicht auftreten.

Hamed schliesst einen erneuten Anlauf vor­ läufig aus. «Es bräuchte viel Überzeugungs­ arbeit seitens der Veranstalter, damit wir in unseren Kalendern die Tage freihalten und uns mental auf ein Konzert vorbereiten», sagt er. «Das erste Mal war schon herz­ zerreissend genug, beim zweiten Mal zo­ gen wir einen Schlussstrich.» Dabei spielte Mashrou’ Leila schon mehrere Male in Jor­ danien. Für viele Fans aus Palästina sei es die einzige Möglichkeit gewesen, die Band live zu sehen. Schicksalhaftes Konzert in Kairo

Seit zehn Jahren nimmt Mashrou’ Leila kein Blatt vor den Mund und spricht sich für eine offenere Gesellschaft aus. Ob man im Nahen Osten langsam die Hoffnung ver­ liert? «Schwer zu sagen. Die meisten Men­ schen schwanken zwischen vollkommener Hoffnungslosigkeit und vorsichtigem Opti­ mismus», sagt Hamed. «Vieles im Libanon macht einem das Leben schwer. Das Was­ ser und die Landschaft sind beispielsweise so stark verschmutzt, dass sie toxisch sind. Das bewegt mich dazu, nicht länger dort le­ ben zu wollen.» Seit dem letztjährigen Vorfall in Kairo darf Mashrou’ Leila auch nicht mehr in


«Wir wussten, dass wir eines Tages aufgrund unserer Texte und unserer Offenheit Probleme kriegen würden. Wir rechneten aber nicht damit, dass unser Publikum die Konsequenzen tragen müsste.» Ägypten auftreten. Ende September 2017 spielte die Band im Rahmen eines Musik­ festivals dort vor über 35 000 Menschen. Hamed schwärmt auch heute noch von der Stimmung, die an jenem Abend herrschte: «Das Konzert war einfach magisch. Das Publikum fühlte sich so glücklich an, voller Liebe.» Doch während ihres Aufritts wur­ den Fans mit der Regenbogenfahne fotogra­ fiert – Bilder, die in Ägypten in den Tagen darauf für viel Aufruhr sorgten. Die Behör­ den reagierten mit einer Razzia und nah­ men über 70 Menschen fest, darunter zwei Konzertgänger, die die Regenbogenfahne geschwenkt hatten. Der Vorfall hatte verheerende Aus­ wirkungen auf die vierköpfige Band und stürzte sie in ein schwarzes Loch. «Die Er­ fahrung hat meine mentale Gesundheit be­ lastet, ich habe zwölf Kilo zugenommen», sagt Hamed. Noch heute sei die ganze Band traumatisiert. «Wir wussten, dass wir eines Tages aufgrund unserer Texte und unserer Offenheit Probleme kriegen würden. Wir rechneten aber nicht damit, dass unser Pu­ blikum die Konsequenzen tragen müsste. Es ist wie eine schallende Ohrfeige.» Während Mashrou’ Leila im Westen auf Tournee geht, treffen die Bandmitglieder immer wieder Fans, die aus dem Nahen Os­ ten fliehen mussten. «Wir haben erst gerade jemanden in Köln getroffen, in Kanada wer­ den wir ebenfalls jemanden kennen lernen. Das macht uns jeweils schwer zu schaffen.» (K)eine Flucht in fiktive Welten

Drei Jahre sind seit «Ibn El Leil», dem letz­ ten Album von Mashrou’ Leila, vergangen. Seit dem Vorfall in Ägypten tut sich die Band schwer damit, zusammenzusitzen

und neue Musik zu produzieren. Man kom­ me nicht darum herum, sich irgendwie für das Geschehene verantwortlich zu fühlen. Soll man die Einschränkung der Persön­ lichkeitsrechte und die Verfolgung von LGBTIQ-­ Menschen stillschweigend hin­ nehmen oder jetzt erst recht thematisieren? «Wir werden auch weiterhin nicht in Ägyp­ ten oder Jordanien auftreten dürfen, wenn wir ein neues Album über Gender oder Ho­ mosexualität schreiben», sagt Hamed. Die Band spielt mit dem Gedanken, für ihr neues Album fiktive Texte zu schreiben und eine komplett andere Welt zu erfinden. Sich mit anderen Dingen zu beschäftigen als Gender oder sexueller Orientierung, zum Beispiel Rasse. «Der Libanon ist ein so vielfältiges Land, und trotzdem grenzen sich alle voneinander ab», sagt Hamed. Die Libanesen bleiben unter sich, ebenso die Gastarbeiter*innen aus Asien und Afrika, wie auch die Flüchtlinge aus dem Irak, Syri­ en oder Palästina. Die LGBTIQ-­Community sei in dieser Hinsicht auch kein Musterkind. «In den USA halten mich weisse Menschen oft für einen Mexikaner. Nicht selten sickert dabei auch Rassismus durch.» Gibt es ein voraussichtliches Erschei­ nungsdatum für neue Musik? «Auf keinen Fall», sagt Hamed und lacht während dem Gespräch zum ersten Mal. Es stellt sich he­ raus, dass es gar nicht so einfach ist, über fiktive Welten zu schreiben. «Je mehr Mu­ sik wir schreiben, desto mehr wird uns be­ wusst, dass wir für fiktive Texte genauso Probleme kriegen werden wie für unsere jetzigen Texte. Wir haben uns vorgenom­ men, nicht über unsere Welt zu schreiben. Das ist aber unvermeidbar.» – mashrouleila.com

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KULTUR — Buch

Die guten Seiten Carol Rifka Brunt Sag den Wölfen, ich bin zu Hause Der erste Satz Meine Schwester Greta und ich sassen an diesem Nachmittag Model für ein Gemälde, das mein Onkel Finn von uns anfertigte, weil er wusste, dass er bald sterben würde.

Das Genre

Roland Müller-Flashar aus der Berliner Buch­handlung Prinz Eisenherz hat Carol Rifka Brunt für uns gelesen.

– prinz-eisenherz.com

Ein Familienroman über eine amerikanische Mittelschichtsfamilie im New York der frü­ hen Achtzigerjahre. Im Vordergrund steht die Beziehung zwischen June und ihrem schwu­ len Onkel Finn, der an AIDS sterben wird. Um den Onkel ranken sich Familiengeheim­ nisse, die June erst nach und nach erfährt. Bald nach der Beerdigung stellt sie fest, dass sie sich die Erinnerung an Finn teilen muss – mit Toby, Finns Lebensgefährten, den sie zu dessen Lebzeiten nicht kennen lernen durfte. Ein Kennenlernen nicht ohne Hindernisse und schmerzhafte Erkenntnisse.

Die Handlung June Elbus muss den Tod ihres geliebten Onkels verarbeiten. Er war ein bekannter Maler, der allerdings in den letzten Jahren nichts mehr ausgestellt hat. Finn malt in seiner letzten Le­ bensphase ein Bild von June und ihrer Schwes­ ter, für das sie Porträt sitzen. June und Finn verbringen aber viel Zeit zu zweit, haben einen

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eigenen Code, er nennt sie «Krokodil», sie hö­ ren zusammen, wenn es besonders intensiv ist, Mozarts Requiem. Eine innige, auch verspon­ nene Beziehung, wie sie nur selten gelingt. Nach Finns Tod stellt sich heraus, dass er wohl einen Partner hatte, den er aber gegen­ über June niemals erwähnt hat, weil seine Schwester (die Mutter der Mädchen) es nicht wollte. Dieser junge Mann, der offenbar die grosse Liebe Finns war, sendet ihr nun heim­ liche Botschaften, sie nähern sich vorsichtig an. Sie erzählen sich Geschichten über Finn und erleben kleine Abenteuer ... Manchmal verlierst du einen Menschen, um einen anderen zu gewinnen.

Das Urteil Ein grosser Coming-of-Age-Roman, eine zar­ te Geschichte über das Erwachsenwerden, über Familie, in den gekonnt das Thema AIDS eingeflochten wird. Es ist schmerzhaft, zu lesen, wie in den frühen Achtzigerjahren mit AIDS in der Gesellschaft, wie mit den Kranken umgegangen wurde, aber keine Angst: Es bleibt alles im Rahmen, und so viel sei verraten: Anders als im normalen Leben gibt es hier am Ende eine Versöhnung. Roman, 360 Seiten, Random House.

Stefan Heissenberger Schwuler* Fussball

David Fuchs Bevor wir verschwinden

Die Dissertation des Kultur- und Sozialanth­ ropologen Dr. Stefan Heissenberger. Während drei Jahren studierte er schwule Fussballteams in Deutschland, darunter zum Beispiel die Mannschaft «Vorspiel Berlin». Die ethnogra­ fische Studie beschäftigt sich nicht mit pro­ minenten Fällen wie etwa dem Coming-out des ehemaligen Profis Thomas Hitzlsperger. Vielmehr rückt sie jenseits des Scheinwerfer­ lichts den Alltag von schwulen Fussballteams im Freizeit- und Amateurbereich in den Fo­ kus. Die teilnehmende Beobachtung als Spie­ lertrainer führte Stefan Heissenberger auf die Vorder- und Hinterbühnen dieses Unterfeldes des sonst recht heteronormativen Fussballs.

Als angehender Arzt absolviert Benjamin ein Praktikum auf der Krebsstation. Dass er dort ausgerechnet auf seine Jugendliebe Ambros trifft, hätte er sich nicht träumen lassen. Ambros wird als Patient behandelt, sein Körper ist voller Metastasen. Inmitten des Krankenhausalltags nähern sich die beiden behutsam wieder aneinander an. Zwischen resoluten Pflegerinnen, röcheln­ den Zimmernachbarn und jovialen Ober­ ärzten ist ihnen bewusst, dass es die Augen­ blicke sind, die ihnen bleiben. Das Debüt des Arztes David Fuchs. Ein Auszug aus dem Roman wurde mit dem «FM4-Wortlaut»-Preis ausgezeichnet»

Fachbuch, Transcript Verlag, 382 Seiten.

Roman, Haymon Verlag, 216 Seiten.


KULTUR —  5 Fragen

Fragen an Rick Astley Mit zahlreichen Hits war er in den Achtzigern einer der bekanntesten Pop­ sänger der Welt; noch heute ist «Never gonna give you up» von keiner guten Party wegzudenken. Mit dem Album «Beautiful Life» wills der 52-Jährige nochmals wissen.

Herr Astley, spielen Sie mal wieder auf einer Pride, so wie Madrid 2015?

Klar, wenn man mich anruft, mache ich das gerne. Ich hoffe, das kommt jetzt nicht falsch rüber, aber: Ich finde, sowas wie eine Pride sollte eigentlich gar nicht mehr nötig sein, dass jemand schwul oder lesbisch ist, sollte keine Nachricht mehr sein. Aber ich verste­ he es: So weit sind wir noch nicht. Haben Sie viele schwule Fans?

Auch wenn es dieses Klischee gibt, dass Schwule nur Techno hören: Ich habe viele schwule Fans und spielte zu Beginn meiner Karriere auch in schwulen Clubs, zum Bei­ spiel im «Heaven» in London. Das Musik­ business war immer dafür bekannt, wie man bestimmte Zielgruppen benutzt oder einsetzt. Nach dem Motto: Wenn wir die Schwulenclubs dazu kriegen, die Platte zu spielen, dann wird sie ein Hit. Im September treten Sie auch in Berlin auf. Kylie Minogue hat dort im Berghain gesungen. Haben Sie eine Wunsch­location?

«Wenn wir die Schwulen­ clubs dazu kriegen, die Platte zu spielen, dann wird sie ein Hit.» Es wäre jedenfalls nicht dort! Ist es nicht so, dass man da nicht fotografieren darf? Ich re­ spektiere das natürlich, aber wenn Kylie da spielt und du darfst keine Bilder machen… Ich will doch Fotos von der Show sehen! Andererseits ist das natürlich auch ganz cool, dass einfach niemand es sieht, ausser denen, die da waren. Sie waren auf Kylies 50. Geburtstag. Sind Sie befreundet?

Nicht eng. Wir sind uns damals ein paarmal über den Weg gelaufen, wir hatten ja mit Stock/Aitken/Waterman dieselben Produ­ zenten. Wir haben beide die Hähme und die Kritik erlebt, wenn es damals hiess: Ihr werdet von diesen Leuten produziert?! Und ich war ja vor meiner ersten Platte der Teeund-Sandwich-Boy, wenn «Dead or Alive» im Studio waren oder die Mädels von

Bananarama. Wenn ich sie heute treffe, la­ chen wir über die alten Zeiten. Wie finden Ihre damaligen Produzenten Ihre neue Platte?

Ich habe Mike Stock bei Kylies Party gese­ hen. Ich weiss nicht, ob sie sowas wie Stolz empfinden, wenn sich einer ihrer Künstler abseilt und sein eigenes Ding macht. Aber er hat sehr nette Sache über mein Album ge­ sagt. Interview: Kriss Rudolph

Rick Astley «Beautiful Life»

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KULTUR – Musik

Neue Musik

Blood Orange Negro Swan Wer meint, in Sachen R’n’B und Soul schon al­ les gehört zu haben, den wird Dev Hynes alias Blood Orange schnell eines Besseren beleh­ ren. In seiner Vergangenheit hat der Brite viele unterschiedliche musikalische Gang­arten er­ probt, weshalb auch seine neue Platte «Negro Swan» recht eigenwillig daherkommt – trotz Gastauftritten von Stars wie Puff Daddy oder A$AP Rocky. Diese tummeln sich zusammen mit anderen Kollegen der Branche auf Hynes ungewöhnlich wabernden, elektronischen Klang­teppichen. Ein Genuss! Erscheint am 24. August 2018, (Domino Records/Goodtogo)

Sophie Hunger Molecules Nach dem Erscheinen ihres letzten Albums «Supermoon» (2015), das in der Deluxe-Edi­ tion mit Songs wie «Spaghetti mit Spinat» oder «Weltmeister» aufwartete, lag Sophie Hunger der Mainstream zu Füssen. Aus ihr hätte eine neue Joy Denalane oder ein Pop­ star wie Balbina werden können, und doch entschied sich die gebürtige Bernerin, beim Nachfolger «Molecules» auf alles zu verzich­ ten, was auch nur im Entferntesten nach Charttauglichkeit hätte klingen können. Konsequent. Aber so ist sie, unsere Frau Hun­ ger. Sobald sich ein Käfig aus Monotonie oder Erwartungsdruck um sie zu formen droht, biegt sie auch schon heftig an dessen Stäben. Befreit von sämtlichen Konventionen lässt es sich eben deutlich kreativer sein. Für «Mole­ cules» richtet sie den Blick auf ihr privates Seelenleben. Auf die eigenen Dämonen und

Gedanken, die sie sich vorher nie zu formu­ lieren gewagt hatte. Ein Umzug nach Berlin und das Eintauchen in das hedonistische Nachtleben der Stadt taten ihr Übriges, wo­ durch das Album ungewohnt düster und elektronisch klingt. Statt des für sie typi­ schen Sprachmixes aus Deutsch, Englisch, Französisch und Schwizerdütsch singt sie, mit Ausnahme weniger kurzer Zeilen, rein auf Englisch und tauscht Klavier, Gitarre und Schlagzeug zu grossen Teilen gegen Synthe­ sizer ein. Zwar ist die Schweizerin nicht die Erste, die auf diese Idee gekommen ist, doch beherrscht sie den stilistischen Spurwechsel wie nur wenige vor ihr. Nehmen wir also Fahrt auf und folgen Sophie Hunger in ihr atmosphärisches Klanguniversum.

Ohne medienwirksam inszenierte Kampa­ gnen hat es der 31-Jährige in das gleissende Licht des öffentlichen Interesses geschafft. Einziger Katalysator war und ist dabei das Kompositionsgeschick des Isländers. Diesem sind ebenso klassische wie avantgardistische Stücke zu verdanken, die ein breites Pub­ likum rund um den Globus zu begeistern wissen. «re:member» entstand mithilfe ei­ ner eigens entwickelten Software, die seinen feinfühligen Pianoarrangements einen Hauch von Übersinnlichkeit verleiht.

Erscheint am 31. August 2018, (Caroline International/Universal Music)

Erscheint am 24. August 2018, (Decca Music Group Ltd.)

Ólafur Arnalds re:member

Oops … I played it again Leyya Wannabe

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Metric Dressed to Supress

John Grant Love Is Magic

Redaktion Martin Busse


MÄNNERSACHE

38 Carmen Carrera

49 Stil mit Bossart

Bild: Silvana Denker

42 Unter­ wegs zu zweit


Leben in der Geisterstadt Ein Bericht über das Leben als schwuler Mann in Manila, der Hauptstadt der Philippinen – einer Stadt, gezeichnet von Krankheit und Korruption. Teil 1/2 Text – Cedric S. Reyes Illustration – Sascha Düvel


MÄNNERSACHE – Fokus

S

eit der letzten Risikosituation sind drei Monate vergangen. Für den HIV-Test besuche ich die Manila City Hall, das Herz des Zentrums der kor­ rupten Vergangenheit dieser alten Stadt, das Kolosseum unserer schlechten Ge­ wohnheiten. Hier waltet Joseph «Erap» Estrada, der ehemalige Präsident der Philippinen, der für die Veruntreuung öffentlicher Gelder in Millionenhöhe verurteilt wurde. Nach seiner Amtsenthebung hat er es geschafft, wieder in ein öffentliches Amt gewählt zu werden. Als Bürgermeister der Hauptstadt ist er nun in seiner zweiten Amtszeit. Es überrascht nicht, dass sich die Kor­ ruptionsvorwürfe wacker halten. Letztes Jahr deckten Finanzrevisoren auf, dass städtische Steuergelder zu Nachbarschaf­ ten umverteilt wurden, die gar nicht exis­ tieren. Regierungsgelder verschwanden im Nirgendwo. Die Journa­list*innen nannten diese Nachbarschaften «ghost barangays», also Geisternachbarschaften. Einem alten Hund kannst du keine neuen Tricks bei­ bringen. Ich bin einer von 1,6 Millionen Wähler*innen, der das zweifelhafte Ver­ gnügen hat, sich ins Machtzentrum eines Plünderers begeben zu müssen. Soziale Hygiene zum Zweiten

Nachdem ich in der Manila City Hall an­ gekommen bin, suche ich nach der «Social Hygiene Clinic», wie die Kommunalver­ waltungen auf den Philippinen ihre kos­ tenlosen HIV-Testzentren gerne nennen. Sie sind notwendige Einrichtungen in ei­ nem Land, das steigende Infektionszahlen mit dem Virus aufweist. 2009 bezeichne­ te UNICEF die Philippinen als eines von nur sieben Ländern mit zunehmenden HIV-Ansteckungen. Die Zahlen steigen immer noch. 2017 sprach das nationale Ge­ sundheitsministerium von 31 (!) Neuanste­ ckungen pro Tag. Seit der Datenerfassung 1984 hat die Regierung 2466 durch AIDS bedingte Todesfälle registriert. Mein erstes Mal

Ich erinnere mich an das letzte Mal, an dem ich mich in meiner Heimatstadt Parañaque, rund 22 Kilometer vom Zentrum Manilas

Das Nationale Gesund­ heitsministerium spricht von 31 Neu­ ansteckungen pro Tag

entfernt, in einer öffentlichen Gesundheits­ einrichtung testen liess. Es war vor drei Jahren und mein erster HIV-Test. Ich war 19 und hatte mich noch nicht an die quälen­ de Ungewissheit gewöhnt, die mit solchen Tests einhergeht. Damals hatten mich eine Handvoll Ri­ sikosituationen und deren mögliche Kon­ sequenzen eingeholt. Ich wusste, was im Fernsehen darüber gesagt wurde, und hatte mich mit den Zahlen auseinanderge­ setzt. Ich hatte furchtbare Angst und hielt nach möglichen Symptomen Ausschau. Eine einfache Erkältung liess mich fiebrig werden, ganz zu schweigen von den Situa­ tionen, in denen ich wirklich Fieber hatte. Wie das Leben so spielt, hatte ich jeman­ den kennen gelernt. «Sich testen zu lassen, ist eine Verantwortung», sagte er. Es sei meine Pflicht gegenüber dem Partner und denjenigen, mit denen ich eine intime Be­ ziehung führe. Er schlug vor, dass wir uns beide testen lassen, bevor wir uns weiter treffen würden. Ich war einverstanden. Private Krankenhäuser verrechnen bis zu 2000 Pesos für einen HIV-Test, um­ gerechnet 37 Franken oder 32 Euro. Dies herauszufinden, war nicht einfach. Mit ei­ ner fadenscheinigen Begründung blieb ich zuhause. Als ich sicher war, dass niemand mehr im Haus war, rief ich ein nahe gele­ genes Krankenhaus an, um mich nach dem Test zu erkundigen. Man hielt sich kurz, die Informationen waren knapp. Ich würde die 2000 Pesos vor Ort bezahlen und mit mei­ nem Beleg 15 Tage später zurückkehren, um meine Ergebnisse abzuholen. Das waren Geld und Zeit, die ich mit 19 Jahren nicht hatte. Ich war Student an der Universität und gemäss UNAIDS Teil einer Hochrisiko­ gruppe – Männer zwischen 15 und 24 Jah­ ren, die Sex mit Männern haben. In meinem Kopf musste der Test an diesem Tag oder gar nie stattfinden. Ich wägte meine Optionen ab. Es gab gemein­ nützige Organisationen, die in der ganzen Megastadt verstreut waren und kostenlo­ se, anonyme Tests anboten, bei denen man die Resultate am selben Tag erhielt. Kliniken wie «Love Yourself» und «The Red Whistle» waren in der Tat eine bes­ sere Option. Freunde von mir hatten sich dort testen lassen und vom effizienten Ab­ lauf und den freundlichen Mitarbeitenden geschwärmt. Nach Erhalt der Ergebnisse habe man vom ehrenamtlichen Berater Kondome und Gleitmittel erhalten, ver­ packt in die eindringliche Mahnung, stets safen Sex zu praktizieren. Dafür muss­ ten meine Freunde lediglich die Anreise

Obwohl mich meine Überzeugungen und Prinzipien an etwas anderes glauben liessen, begann ich zu beten. bezahlen und sich tadeln lassen, dass sie mit dem Test so lange gewartet hatten. Solche Kliniken kamen für mich aber nicht in Frage, da die nächste Einrichtung eine zweistündige Fahrt mit der klappri­ gen Stadtbahn entfernt gewesen wäre. Der Test war mehr als nur ein Eintrag auf meiner To-do-Liste, er war eine hals­ brecherische Mission, die niemand mit­ bekommen durfte, bis ich ein negatives Resultat erhielt, am allerwenigsten meine übereifrigen Eltern. Ein positives Resulat stand ausser Frage und überstieg meine Vorstellungskraft. Ich musste daran glau­ ben, negativ zu sein. Was ich brauchte, war ein Testzentrum, das kostenlose Tests anbot und in der Nähe war. Das führte mich in die «Social Hygie­ ne Clinic» von Parañaque, die nur zwanzig Minuten von zuhause entfernt war. Kurz bevor ich das Haus verliess, rief ich an und sie baten mich, vorbeizukommen. Einfach vorbeikommen. Eine Rückkehr zum Glauben und das Überbordwerfen von Prinzipien

Obwohl mich meine Überzeugungen und Prinzipien an etwas anderes glauben lies­ sen, begann ich zu beten. Ich hatte mich auch in den Monaten vor diesem ersten HIV-­ Test wieder an Gott gewandt, mit dem mich meine Eltern in meiner Kind­ heit bekannt gemacht hatten. Ich trug stets ein Rosenkranz um mein Handgelenk und verwendete ihn sogar, wenn mir langwei­ lig war. Regelmässig rezitierte ich diesel­ ben Worte, das gleiche, unermüdliche Ge­ bet für ein negatives Ergebnis. September 2018

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MÄNNERSACHE – Fokus

Man denke an die katholische Kirche, die jegliche Ansätze zur Sexualkunde unterdrückt und die Gratis­ vergabe von Kondomen verhindert. Auf dem Weg zum Testzentrum ver­ kündete ich meinen Glauben. Murmelnd hielt ich eine gequälte Andacht, während mir die Pflegerin Blut zog und die Etiket­ te der Spritze beschriftete. Ich stellte mir vor, wie ich in die offenen Arme Gottes fiel. Ave Maria, voll der Gnade, gewähre mir ir­ gendeine andere Strafe. Ein fehlgeleitetes Bittgebet. Irgend­ wie hatte ich es geschafft, mich in die Irre zu führen, als ergebe es einen perfekten Sinn. Als könnte ich mich bei einer höhe­ ren Macht anbiedern, die mich vor einer Krankheit bewahren würde. Als ob sie eine Infektion verhindern könnte, die sich zu jenem Zeitpunkt schon längst in mei­ nem Blutkreislauf ausgebreitet hätte. Als wäre Krankheit die Konsequenz für die Gottverlassenen. Als trügen die Betroffe­ nen die Schuld. Die Sorgen, die mich zum Beten bewegt hatten, sind dieselben, die diese Epidemie überhaupt mitverantworten. Man denke an die katholische Kirche, die jegliche An­ sätze zur Sexualkunde unterdrückt und die Gratisvergabe von Kondomen verhin­ dert. Man denke an die Regierung, die mit nützlichen Massnahmen viel zu lange zu­ gewartet hat. Man denke an die Elite, an die Gebildeten wie mich, die sich mit Ge­ beten oder anderen Scheinbildern von den kranken Massen abheben. Wir alle sollten zur Verantwortung gezogen werden. In

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einem Entwicklungsland sind HIV-Pati­ ent*innen die Letzten, bei denen man nach Schuldigen suchen muss. Mahnmal

Einige Dinge gingen mir damals durch den Kopf, als ich auf die Ergebnisse meines ersten HIV-Tests wartete. Zuerst dachte ich an den Mann, den ich gerade erst näher kennen lernte. Dieser zärtliche, bleichge­ sichtige Mann. Er versicherte mir, dass er sich weiterhin mit mir treffen würde. Egal, wie das Ergebnis ausfallen würde. Ich dachte an meine Mutter, die Zahn­ ärztin. Die Frau, die ich liebte. Im selben Jahr hatte sie herausgefunden, dass ich schwul bin. Sie bat mich, nein verlangte, dass ich jeweils vor dem Einschlafen ein heilendes Gebet sprechen sollte. Ich dürfte keinen Abend verpassen. Sie bügelte meine Hemden, bereitete mir das Frühstück vor, scheuerte den Boden, zog meine Backen­ zähne – als Gegenleistung musste ich bloss ihren Gott um Vergebung bitten. Während mir mein Berater erklärte, dass es bei einem HIV-Test nur zwei mögliche Resultate gebe – reaktiv oder nicht reak­ tiv –, fragte ich mich, ob meine Mutter recht hatte. War meine schwule Identität all die­ se Mühe wert? Konnte ich diese Dämonen vertreiben und mir trotzdem treu bleiben? Man drückte mir einen Zettel in die Hand. Nicht reaktiv. Ich dachte an den Priester, der an einem Sonntag in der Kirche vor der versammel­ ten Gemeinde verkündete, dass Tod und AIDS die Strafe Gottes für Homosexuelle seien. Ich dachte an den stets unsichtbaren Feind. Ich dachte an die Geister, die Staats­ gelder kassieren. Ich dachte ans Überleben, obwohl man uns lieber tot sehen würde. Ich dachte an das Leben als eine Empörung und als Proklamation: Wir sind immer noch da. In Manila lebend

Jetzt, drei Jahre später, sitze ich in einem HIV-Testzentrum in einer anderen Stadt. Ich habe mich geirrt, dieses Mal habe ich nicht so gut recherchiert. Die «Social Hy­ giene Clinic» von Manila ist abgelegen und befindet sich nicht in der City Hall. Es ist kurz nach zwölf Uhr mittags, als ich sie schliesslich erreiche. Ähnlich wie in ande­ ren Regierungsgebäuden der Stadt ist die Belüftung mangelhaft, von den Wänden löst sich die Farbe. Auf Plakaten steht die Regierungsmassnahme «No noon Break». Regierungsangestellte haben zugunsten der Anliegen der Bürger*innen auf eine Mittagspause zu verzichten.

Wie in anderen Regierungsgebäuden missachten die Mitarbeitenden die Regeln und sind in der Mittagspause. Man hört sie laut miteinander schwatzen. Während ich auf die Wiederaufnahme des Betriebs warte, denke ich an die drei Jahre zurück, die seit meinem ersten Test vergangen sind. Ein Stück persönliche Geschichte komprimiert in einen Zeitraum, in dem man erwachsen werden muss. Nun ist es wieder an der Zeit für einen Test. Im Flur nähern sich zwei Männer und fragen mich, ob die Klinik geöffnet sei. «Die Berater*innen sind in der Mittags­ pause», sage ich ihnen. Mir wird sofort klar, dass sie ein Paar sind, und sie be­ greifen, dass ich mir Gedanken über mein Ergebnis mache. Sie sagen nichts. Die Gegenwart von zwei völlig fremden Per­ sonen beruhigt mich. Trotz aller Übel die­ ser Stadt, trotz der Ungewissheit unseres Status sind wir hier. Wenn die Mittagszeit vorbei ist, begeben wir uns nacheinander in ein Zimmer, um uns einer nach dem an­ deren von Nadeln stechen zu lassen. Teil 2 dieses Essays erscheint in der Oktober-Ausgabe.

Die Philippinen Der Inselstaat der Philippinen befindet sich in Südostasien und umfasst über 7500 Inseln. Die Bevölkerung zählt rund 106 Millionen Menschen, davon leben geschätzte 22 Millionen im Ballungsraum der Hauptstadt Manila. Im Zuge ihrer 333-jährigen Kolonialherrschaft führten die Spanier das Christentum ein, 81 % der Bevölkerung bezeichnen sich heute als katholisch. Die katholische Kirche ist auch heute noch stark in der Politik und in der Bevölkerung verankert und verfügt über grossen Einfluss auf Themen wie Verhütung, Sexualkunde und LGBTIQ-­ Angelegenheiten. Die Philippinen gehören nicht nur bei den HIV-Neuinfektionsraten zu den Spitzenreitern in Asien, sondern auch bei den Schwangerschaftsraten bei Minderjährigen. Mit der Ausnahme des Vatikans sind sie das einzige Land der Welt, in dem Scheidungen rechtlich nicht möglich sind. Auf gesetzlicher Ebene bestehen für LGBTIQ-­Personen keine spezifischen Rechte, weder eine Form der Partnerschaft noch ein landesweiter Schutz vor Diskriminierung. Zurzeit wird im obersten Gerichtshof eine Klage zur Öffnung der Ehe behandelt.


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MÄNNERSACHE — Mode

«Trans Models haben viel zu bieten» Von der Dragqueen zum gefragten Model. Carmen Carrera wurde mit «RuPaul’s Drag Race» bekannt und outete sich 2012 als transgender. Im Juli 2018 war sie als erste trans Frau auf dem Laufsteg der «Miami Swim Week» zu sehen. Interview – Greg Zwygart Bilder – zvg

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MÄNNERSACHE — Mode

C

armen, als erstes offen trans­ geschlechtliches Model warst du auf der «Miami Swim Week» unterwegs. Wie war die Erfahrung?

Ehrlich gesagt: sehr hektisch. Als Lauf­ stegmodel steht man unter einem grossen Zeitdruck. Ich lief mehrere Shows hinter­ einander, und das für unterschiedliche De­ signer*innen. Man ist konstant dabei, sich umzuziehen und umgestylt zu werden, da jedes Label natürlich über einen anderen Look verfügt. Aber es ist ein aufregendes Erlebnis, das einem das Adrenalin zu Kopf steigen lässt. Ausserdem bin ich sehr stolz, dies als erstes offenes trans Model an einer «Miami Swim Week» zu tun. Dabei geht es natürlich um Bademode. Ist es für ein trans Model besonders anspruchsvoll, seinen Körper zu zeigen?

Das Ganze war wie eine Übung für mich, denn ich liebe es, ins Fitnessstudio zu ge­ hen und meinem Körper Gutes zu tun. Ich gebe mir immer besonders Mühe, als Mo­ del noch besser zu werden. Aber es war ein langer Weg, um an den Punkt zu gelangen, an dem ich jetzt bin, das gebe ich zu. Du bist für viele Labels gelaufen. Welche Mode hat dir am meisten gefallen?

Uff, das ist nicht einfach. «Sauvage» hat umwerfende Designs, aber auch die bra­ silianische Designerin «Carmen Steffens». Ich habe mich sehr gefreut, dass sie mich als Model ausgewählt hat. Für das «Black Tape Project» – mein Lieblingslabel – habe ich leider das Cas­ ting verpasst. Joel Alvarez, der Designer, kreiert seine Mode nur mit Klebeband und stellt so aussergewöhnliche Looks zusam­ men. Ich will unbedingt für ihn arbeiten, denn die Marke setzt ein Zeichen für weib­ liche Emanzipation. In der Modeindustrie giltst du als Vor­ reiterin. Hat die Branche Berührungsängste mit trans Models?

Wie ich von den Menschen wahrgenommen werde, weiss ich nicht. Aber ich achte darauf, wie ich behandelt werde. Generell schlägt mir keine offene Diskriminierung entgegen. Trans Models haben es aber immer noch nicht einfach, für Modeschauen gebucht zu werden. Es gibt so viele von ihnen, aber sie werden einfach nicht berücksichtigt. Auch für mich ist es schwer, obwohl ich gerade weltweit für Aufmerksamkeit sorge. Wäre ich biologisch weiblich geboren, wäre es sicherlich einfacher. Das ist lei­ der eine Realität, aber die Branche ist im

Umbruch. Sobald sie ihre Vorurteile beiseite schiebt und uns als Menschen kennen lernt, wird die Geschlechtsidentität keine Rolle mehr spielen. Langsam aber sicher wird sich das ändern. Es ist schade, denn wer trans Models ausschliesst, verpasst so einiges.

«Die Person zu werden, die man innerlich schon immer war, ist eine unglaubliche Bereicherung.» Eine Petition mit über 45 000 Unterschriften forderte von «Victoria’s Secret», dich als Engel für ihre berühmte Modeschau zu engagieren. Trotzdem hat es nicht geklappt. Warum?

Ich sehe «Victoria’s Secret» nicht als pro­ gressives Label. Auch nicht, wenn es um die Körpervielfalt von Frauen geht. Dabei lässt sich das Unternehmen eine grosse Gelegen­ heit entgehen. Nicht nur in Bezug auf das Geschäft, sondern auch hinsichtlich Akzep­ tanz und Gleichstellung. In den USA findet gerade ein Umdenken statt, um aus der Mo­ dewelt einen positiven Ort zu machen. Meine Fans würden es lieben, wenn ich für «Victoria’s Secret» laufen würde – auch ich, natürlich. Die Petition hat sich nicht negativ auf mich ausgewirkt. Im Gegenteil, es spornt mich an, dass ich von «Victoria’s Secret» noch nichts gehört ab. Ich bin noch jung und voller Energie und habe zu vie­ le Gelegenheiten, als dass ich gerade diese Show laufen müsste. Schliesslich hatte ich meine Anfänge als Dragqueen und musste schon immer meine Kreativität unter Be­ weis stellen. Wir werden sehen, wie sich die Geschichte entwickelt. Sprichst du mit Körpervielfalt die «Body Positivity»-Bewegung an?

Genau. Die Laufstege sollten mehr «echte» Menschen willkommen heissen. Das wür­ de ein Zeichen gegen den Industriestan­ dard setzen. Wir sollten die Individualität feiern, statt irgendwelchen gesundheits­ schädigenden Idealen nachzueifern. Dieser Planet hat doch so viel mehr zu bieten. Du bist jetzt 33 Jahre alt. Ist das Altern in der Branche ebenso eine Herausforderung wie die Transgeschlechtlichkeit?

Überhaupt nicht. Zeit ist eine Illusion, ich denke nicht an mein Alter. Ich bin jetzt ge­ fragter denn je. Viele Menschen wünschen

mir Erfolg und wollen, dass ich der Welt zeige, dass ich talentiert bin. Und solange nicht alle in dieser Industrie einsehen, dass auch trans Menschen talentiert sind, wer­ de ich nicht aufgeben. Das Alter spielt also keine Rolle. Sollte ich 70 Jahre alt sein und «Victoria’s Secret» es sich doch noch anders überle­ gen und mich an ihre Modeschau einladen, dann werde ich das verdammt noch mal tun (lacht). Die innere Schönheit vergeht nicht. Was ist die grösste Bedrohung für trans Menschen in den USA?

Präsident Trump. Unsicherheiten und Ig­ noranz regieren das ganze Land. Man fürchtet sich vor uns trans Menschen und vor unseren Anliegen, gibt uns aber keine Gelegenheit, sie zu beweisen. Eine Person ist an der Macht, die der Bevölkerung das Gefühl gibt, dass es okay ist, entsprechend den eigenen Ängsten zu handeln. Wir Min­ derheiten müssen ein solches Verhalten dann tolerieren. Das habe ich nie verstan­ den. Wieso müssen wir Menschen tolerie­ ren, die uns nicht verstehen? Du setzt dich für trans Rechte und HIV-­ Prävention ein. Was hat dazu geführt?

Zwei Dinge. Mein Vater ist in den Achtzi­ gerjahren an AIDS gestorben, als noch nicht so viele Behandlungsmöglichkeiten vorhan­ den waren. Die Stigmatisierung hat mich und meine Familie stark geprägt. Wenn ich mich für eine Organisation engagiere, kann ich dazu beitragen, dass sie ihre Reichweite vergrössert und so mehr Menschen erreicht. Die zweite Erfahrung beruht auf der Kontroverse, die das Lager der RuPaul-­Fans gespalten hat, als ich RuPaul für seine in der Sendung verwendeten Begriffe (siehe Box, Anm. d. Red.) kritisierte. Ich realisierte, dass es an der Zeit war, über trans Themen auf­ zuklären. Auch die LGBTIQ-­Community ist gegen internalisierte Vorurteilen und Igno­ ranz nicht gefeit. Viele Elemente der Dragkultur gelten als frauenfeindlich und transphob. Wo ziehst du die Grenze?

Ganz einfach: Wenn sich jemand an dei­ nen Aussagen stört, dann vermeide sie. Andernfalls musst du allfällige Gegen­ reaktionen in Kauf nehmen. Wenn Men­ schen ausfällig werden, ist es oft schwer, ihren Standpunkt zu verstehen, besonders im Internet. Wenn wir uns für die Gleich­ stellung von Frauen und trans Menschen bemühen wollen, dann müssen wir für ihre Anliegen empfänglich sein. September 2018

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MÄNNERSACHE — Mode

Schnell umziehen und Make-up nachziehen: An der «Miami Swim Week» lief Carmen Carrera für mehrere Designer*innen.

Trans Frauen und Dragqueens gelten nicht als die besten Freundinnen. Du kennst beide Seiten: Was können sie voneinander lernen?

Drags leben, um auf der Bühne zu stehen, zu glänzen und ihr Publikum zu unterhal­ ten. Den einen gelingt das eher als den an­ deren. Damit muss man sich abfinden, das ist Showbusiness. Trans Menschen ist es wichtig, dass ihre Körper nicht fremdbe­ stimmt werden. Es ist unsere Aufgabe, uns gegenseitig Mut und Kraft zu geben. Übrigens möchte ich mich wieder an Dragshows beteiligen, ich habe das nicht ganz abgeschrieben. Viele trans Menschen sind sich ihrer Geschlechtsidentität schon als Kind bewusst. Du hast dich lange als schwuler Mann identifiziert. Bereust du es, dein Coming-out nicht schon früher gehabt zu haben?

Ich wusste lange nicht, was trans ist. Ich bin in den Neunzigerjahren aufgewachsen, da gab es einfach schwarz oder weiss, asia­ tisch oder lateinamerikanisch, schwul oder hetero. Ich wusste schon damals, dass ich am nächsten Tag lieber als Mädchen aufwa­ chen wollte , aber die Gesellschaft sagte mir, dass ich wohl schwul sein müsste. Naiv und unschuldig bin ich diesen Weg lange gegan­ gen, der mich schliesslich zur Erkenntnis

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geführt hat, dass ich trans bin. Diesen Weg bereue ich nicht. Ich habe die faszinierends­ ten Menschen kennen gelernt und verfüge jetzt noch über viele schwule Freunde. Ja, wir sind anders, aber wir haben dieselben Erfahrungen mit Menschen gemacht, die uns in eine Schublade stecken wollten. Viele trans Menschen machen bei der Transition nicht nur äusserliche, sondern auch innerliche Veränderungen durch. Was hat dich an deiner Transition am meisten überrascht?

Meine persönliche Entwicklung. Als «Mann» war mein einziges Ziel, mein Äusserliches zu verändern. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich dabei auch geistig weiterentwickeln würde. Die Person zu werden, die man innerlich schon immer war, ist eine unglaubliche Bereicherung. Heute fühle ich mich so wohl in meiner Haut, es ist wunderbar. Für das persönli­ che Umfeld ist es allerdings nicht immer einfach, sich an die Person nach der Tran­ sition anzupassen. Vor allem, wenn man schon lange miteinander befreundet ist. Was würdest du einer jungen Carmen Carrera ans Herz legen?

Gib nicht auf. Wenn es nicht klappt, ver­ such es erneut. Such dir dein Glück und hab keine Angst davor, Menschen zu lieben.

Carmen Carrera Carmen Carrera wurde 1985 als Kind einer Peruanerin und eines Puerto Ricaners im US-Bundesstaat New Jesey geboren. Zum ersten Mal ins Rampenlicht trat sie 2011 als Kandidatin bei der dritten Staffel von «RuPaul’s Drag Race» – damals war Carmen Carrera noch ihr Künstlername. Gemeinsam mit den anderen Kandidatinnen Manila Luzon, Delta Work und Raja trat sie als Clique namens «Heathers» auf und coverte den Song «Lady Marmalade». Nachdem sie 2012 für ein TV-Programm die Rolle einer trans Kellnerin gespielt hatte, outete sie sich öffentlich als trans. 2014 kritisierte sie RuPaul in einem Facebookpost für eine Challenge in seiner Sendung mit dem Namen «Female oder Shemale» – Kandidatinnen mussten anhand von Fotos das Geschlecht der porträtierten Frau erraten. Obwohl sich RuPaul später für dieses «Spiel» entschuldigte, sorgte Carrera bei vielen Fans für Unverständnis. Sie sei undankbar für den Erfolg, den ihr die Sendung beschert habe. Gegenwärtig wird sie von «Elite Model Management» in New York vertreten.


Die Kollektion des Bademodelabels «Sauvage» – Carmen Carrera hat den Durchbruch geschafft. September 2018

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MÄNNERSACHE

UNTERWEGS ZU ZWEIT Das deutsch-niederländische Paar Karl und Daan reist zusammen um die Welt. Auf ihrem Blog coupleofmen.com erzählen sie von ihren Abenteuern. Ab sofort schreiben sie jeden zweiten Monat auch für die Mannschaft.

Bild und Text: Couple of men

Ein Blick von der Toronto-Island-Fähre auf die Skyline Torontos.

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Verliebt in Toronto September 2018

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MÄNNERSACHE – Unterwegs zu zweit

� Der Regenbogen-Zebrastreifen im «Church-Wesley Village», dem Zuhause der LGBTIQ-Community Torontos. ← Sonntags findet im Bücherladen «Glad Day» ein Drag-Brunch statt. ↓ Der Toronto-Schriftzug beim Nathan-Phillips-Square ist ein beliebtes Fotomotiv und Ausgangspunkt für Entdeckungstouren.

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MÄNNERSACHE – Unterwegs zu zweit

Moderne Wolkenkratzer aus Glas und Stahl, histori­ sche Gebäude rund um Queens West und Chinatown sowie ein eigenes, lebendiges Gay-Village. Die grösste kanadische Stadt Toronto weiss zu begeistern, auch uns. Es ist unsere dritte Reise in das wohl schwulen­ freundlichste Land der Welt. Im Frühjahr verbringen wir zehn Tage in der Provinz Ontario, um dort ihre schönsten, aufregendsten und interessantesten Seiten zu entdecken. Bei unserer Ankunft ist das Wetter frühlingshaft mild, die Sonne blinzelt durch die Wolkenkratzer-­ schluchten. Kurzerhand entscheiden wir uns, zum Hotel zu laufen und nicht mit dem Taxi zu fahren. Dabei bahnen wir unseren Weg durch das geschäftige Treiben der Businessmenschen vorbei an den XXL-­ Autos, die hupend im Verkehr feststecken, zum alten Rathaus, das ein bisschen verloren neben den mo­ dernen Häuserriesen und dem berühmten Toronto-­ Schriftzug am Nathan-Philips-Square steht. Auch wenn das Hotelbett beim Einchecken verfüh­ rerisch aussieht und wir so langsam den Jetlag spüren, entscheiden wir uns, mit einem «Coffee to go» und der Kamera ausgerüstet eine erste Tour zu machen. Eine Stadt mit vielen Gesichtern

Die «Graffiti Alley» erstreckt sich rund einen Kilometer durch den «Fashion District».

Toronto ist nicht nur die grösste Stadt Kanadas, son­ dern gilt auch als eines der führenden Wirtschaftsund Finanzzentren weltweit. Das konnten wir be­ sonders in der geschäftigen Downtown hautnah miterleben. Die Einkaufsstrasse rund um den Yonge-­ Dundas-Square – auch kleiner Times Square von To­ ronto genannt – zeugt ebenfalls von der Kaufkraft und Finanzstärke der Stadt. Überall wird gebaut und vor

allem rund um das Zentrum und entlang der Yonge und der Church Street entstehen neue Gebäude und Wolkenkratzer. Wir wollten uns von der Ausdehnung der Stadt von oben überzeugen und staunten nicht schlecht: Auf der durch Gitter gesicherten Aussichts­ plattform des 553 Meter hohen Canadian National Tower (CN) sieht man Richtung Norden über Siedlun­ gen, grüne Parks und Wälder hinweg, gegen Süden wird man sich der endlosen Weite des Ontariosees bewusst. Die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings

Vom Toronto-Schriftzug aus in westlicher Richtung erstreckt sich die Queens Street West, kurz auch Queens West genannt. Dieser ältere Teil der Stadt gilt heute als das alternative und kreative Zentrum Toron­ tos. Nach nur wenigen Minuten zu Fuss erreichen wir Chinatown mit allerlei Restaurants, Ständen und Märkten, die bunter nicht sein könnten. Von hier aus sind es nur noch ein paar Schritte zur Graffiti-Alley mit ihren zahlreichen Kunstwerken bekannter und weniger bekannter nationaler und internationaler Streetart-Künstler*innen. Wir verabredeten uns mit ein paar Einheimischen im Trinity-Bellwoods-Park auf ein Glas Wein, um die ersten, schon sehnsüchtig er­ warteten Sonnenstrahlen des Frühlings zu feiern. Hier fällt es uns leicht, mit Leuten ins Gespräch zu kom­ men und die neuesten Insidertipps für das kommende Wochenende zu erfahren. Wir fühlen uns sicher, ak­ zeptiert und frei. Bis auf wenige Ausnahmen in den Aussenbezirken, wo wir unsere Hände vorsichtshalber loslassen, ist Toronto für uns eine internationale, gastund schwulenfreundliche Stadt.

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MÄNNERSACHE – Unterwegs zu zweit

Zebrastreifen in Regenbogenfarben

schwulen Mann, sind hier viele der Bars, Cafés und Natürlich darf ein Besuch in The Village nicht fehlen, Clubs vor allem am Wochenende bestens besucht. und das nicht nur wegen der Regenbogen-Zebrastrei­ fen. Das Church-Wesley-Village gilt als Zuhause der Ausflug zu den Niagarafällen LGBTIQ-Community Torontos und auch heute noch Wer noch ein bisschen mehr Zeit hat, darf sich einen als Anlaufstelle für queere Menschen aus der ganzen Ausflug zu den Niagarafällen nicht entgehen lassen. Welt. Hier findet etwa der schwule Drag-Sonntags­ Mit einer der regelmässig verkehrenden Buslinien be­ brunch im Buchladen «Glad Day» statt. Während ei­ nötigt man zirka drei Stunden von Toronto Downtown nes solchen Brunches treffen wir den Schriftsteller bis zur kanadischen Stadt Niagara Falls in Ontario. Die Steven Bereznai. Von ihm erfahren wir, dass seine Niagararegion – bestehend aus der US-amerikanischen schwulenfreundliche Heimatstadt – wie so viele Städ­ und der kanadischen Seite der Wasserfälle – zählt te weltweit – mit dem Sterben mit über 18 Millionen Besu­ von bekannten und traditi­ cher*innen zu den beliebtesten «Die alteingesessenen Touristenattraktionen in ganz onsreichen Schwulenbars und -clubs zu kämpfen hat. Nordamerika. Wenn wir schon Bars und Clubs der einmal hier sind, dann machen «Viele der schwulen Clubs Schwulenszene gehen wir auch das volle Programm: sind aufgrund zahlreicher Neu­ Zip-Lining entlang des Niagara­ bauten geschlossen oder weil neue Wege, um am flusses, eine Bootstour zu den sich das Publikum vermehrt Leben zu bleiben.» kanadischen Horseshoe-Fällen, online trifft», erzählt Steven, eine Fahrt hinter die Wasserfäl­ während eine der hiesigen Dragqueens einen Spagat auf le und als krönender Abschluss das Parkett hinlegt. Der Autor wirkt aber keineswegs ein zehnminütiger Helikopterflug über das Tal und die pessimistisch, denn die alteingesessenen Clubs und rauschenden Wassermassen, die nachts in bunten Far­ Bars der Schwulenszene gehen neue Wege, um am Le­ ben angestrahlt werden. ben zu bleiben, etwa mit Videospielabenden oder mit Zurück in der kanadischen Metropole steht dann «Drag Race»-Events. Steven ist überzeugt: «Das Be­ nur noch eine Sache auf unserer Bucket List: eine dürfnis von LGBTIQ-­Menschen nach solchen Räumen Bootsfahrt zu den Toronto Islands. Diese der Stadt ist immer noch da, wenn auch nicht mehr so stark wie vorgelagerten Inseln im Ontariosee sind von Down­ town aus ganz einfach mit der Fähre zu erreichen. früher.» Er scheint recht zu haben, denn in Torontos Schwu­ Auch wenn es für den schwulen FKK-Strand im April lenviertel gibt es immer noch jede Menge zu sehen, noch zu kühl ist, erleben wir hier einen wirklich ein­ zu shoppen oder mitzusingen. Neben zahlreichen maligen Blick auf die beleuchtete Skyline von Toronto. Shops und Einkaufsmöglichkeiten für den modernen Kanada, wir haben uns erneut in dich verliebt!

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Innerhalb von drei Stunden erreichbar: Die majestätischen Niagarafälle.


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MÄNNERSACHE

STIL MIT BOSSART

Ring mit mir W

äre dies eine Frauenzeitschrift, bräuchte es diesen Stiltipp gar nicht. Denn Frauen kön­ nen so viele Ringe an so vielen Fingern tra­ gen, wie sie wollen. Während drüben also alles erlaubt ist, ist hüben bei den Männern etwas Zurückhaltung geboten. Herr Bossart rät zu allerhöchstens zwei Ringen an den beiden Männerhänden. Wohlverstanden: total zwei Ringe, nicht zwei pro Hand. Ob beide Ringe an einer oder an jeder Hand je einer getragen wird, ist seiner Meinung nach eine Frage des eigenen Geschmacks und des Kom­ forts. Folgendes gilt es, auf jeden Fall zu beachten: Tragen

«Dicke Klunker an schmalen und kleinen Herrenfingern wirken deplatziert und haben etwas Zuhälterisches.» Sie mehr als einen Ring, sollten sie aus dem gleichen Edel­ metall sein. Einzige Ausnahme ist der Ehering, den man ja nicht einfach der Garderobe anpassen kann. Dicke Klunker an schmalen und kleinen Herrenfingern wirken deplatziert und haben etwas Zuhälterisches. Vermeiden Sie das bitte. Umgekehrt verlieren sich zarte Ringe an haa­ rigen und grossen Männerhänden. Nun ist der Fingerring aber kein reines Schmuckstück, sondern auch mit Symbolik behaftet. Man denke an den Ehe-, Siegel- oder Freundschaftsring. Während in der Schweiz Eheringe traditionell links getragen werden, ste­ cken sich deutsche und österreichische Ehemänner den Trauring an den rechten Ringfinger. An den Mittelfinger dieser Hand steckt man auch gröbere, maskuline Ringe. Vorsicht ist dann allerdings beim festen Händedruck gebo­ ten, denn das kann sonst richtig schmerzhaft werden. Herr Bossart hat gelesen, dass die linke Hand eher den

Charakter des Mannes symbolisiere. Diese Hand sei darum ideal für Statementringe wie Siegel- oder Symbolringe für Club-, Gang-und Logenmitgliedschaften. Doch Herr Bos­ sart ist kein Freund von sturen Regeln; schauen Sie selbst, an welchem Finger welcher Ring am besten zu Ihnen passt. Und zum Schluss noch ein kleiner Spassverderber: Der Grundsatz, der stilvollen Männern drei Schmuckstücke zugesteht, gilt noch immer. Wer also zwei Ringe trägt, sollte nur noch ein zusätzliches Schmuckstück – zum Bei­ spiel eine Armbanduhr – tragen.

Illustration: Dominik Schefer, Olivier Bucher

Haben Sie eine Frage zu Stil? Fragen Sie Herrn Bossart. Er weiss Rat. bossart@mannschaft.com

Herr Bossarts Tipps Als der Deutsche Thomas Sabo 1984 sein Schmuckunternehmen gründete, hätte er wohl kaum gedacht, dass seine Schmuck­ kollektionen einst in Läden rund um den Globus feilgeboten würden. Glücklicherweise hat er dabei nicht nur an die Damen gedacht, sondern führt auch eine sehr umfangreiche Herrenkollektion. – thomassabo.com

Wer für Schmuck nicht gar so tief ins Portemonnaie greifen möchte, findet bei Valmano eine ansprechende Auswahl an modischen Ringen für zarte bis weniger zarte Männerfinger. Das 2013 gegründete Unternehmen ist auf dem besten Weg dazu, der vertrauenswürdigste und kundenorientierteste Onlinejuwelier Europas zu werden. – valmano.de September 2018

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SZENE

SHWULE GRÜSSE VOM BALKAN

Wiener Naschmarkt Anekdoten und Geschichten von Balkan-Gays Text – Predrag Jurisic Illustration – Sascha Düvel

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ufgedreht vom Wodka-Red-Bull in der Flughafenbar sitzt der shwul-­ serbische Teddybär Aleksandar ne­ ben seiner neuen Bekanntschaft aus Schwe­ den, Lasse, dem Theaterschauspieler, der in Deutschland, Österreich und in der Schweiz diesen Sommer ein paar Auftritte hat, im Flugzeug. Während das Bordpersonal die letzten Instruktionen samt Sauerstoffmas­ ken und Schwimmwesten zum Besten gibt, erfasst Lasses Hand diejenige von Alek­ sandar: «Hey, warum drückst du meine Hand so fest?», fragt der shwule Teddy. «Sorry, ich habe leichte Flugangst», zittert Lasse zurück. Immer noch vom Wodka-Red-Bull ange­ peitscht winkt Aleksandar weltmännisch ab und beginnt, die Flugangst mit Statistik kleinzureden: «Wusstest du, dass die meis­ ten Menschen bei der Hinreise zum Flug­ hafen verunfallen und nicht im Flieger? Oder hast du gewusst, dass 2017 etwa 200 Tote bei Flugunfällen zu beklagen waren, während auf den deutschen Strassen und Autobahnen rund 3 000 Menschen den Tod fanden? Und das bei fast der halben Welt­ bevölkerung, die jährlich durch die Gegend fliegt?» Lasse hört nur Tod und Unfall. Er schwitzt. Sein nordisches Gesicht verfärbt sich langsam grün-gräulich. Seine Atmung wird schneller. «Alles ok?», fragt Alek­ sandar verunsichert. «Ich weiss, das Fliegen ist die sicherste Reisemethode. Aber meine Angst davor ist einfach zu gross: Was, wenn etwas auf zehntausend Metern Höhe pas­ siert?», hyperventiliert Lasse. «Keine Bange. Wenn dort oben etwas passiert, dann fallen wir vermutlich eher in Ohnmacht, als dass wir den Rest noch mitbekommen. Und das ist obendrein ziemlich unwahrscheinlich», tätschelt Aleksandar Lasses Hand, der in der Zwischenzeit gar nicht bemerkt hat, dass der Flieger bereits abgehoben und öst­ lich abgedreht hat mit Kurs auf Wien. Das Anschnallzeichen ist bereits erloschen, der Bordservice in Gang: «Was möchtest du trinken?», fragt Aleksandar Lasse, der sich mittlerweile beruhigt und wieder auf den Kurztrip eingestellt hat: «Gerne einen Gin Tonic», schmunzelt er dem ewig grinsenden Bordpersonal entgegen. Beide stossen mit ihrem Feriendrink an und küssen sich – völ­ lig befreit, weil keine Augen von Verwand­ ten und Bekannten Aleksandar beäugen und vor der serbischen Community bloss­ stellen könnten. Aleksandar geniesst den Moment und freut sich, dass Lasse nun seine Hand

berührt, sie streichelt und ihn dabei ver­ schmitzt anlächelt, während sich Alek­ sandar dringlich darum bemüht, seine auf­ getürmte Hose etwas abflachen zu lassen. Doch Lasse hat dies schon längst bemerkt und lässt nicht locker, indem er Aleksan­ dars Knie berührt. «Hör auf!», zischt Alek­ sandar Lasse entgegen, obwohl er seine Aufmerksamkeit und Hingabe vollumfäng­ lich geniesst. Aber Lasse lässt nicht locker: «Kennst du den Wiener Naschmarkt?», fragt er den leicht erregten Aleksandar. «Nein, war ja noch nie in Wien», stammelt Aleksandar zurück. «Dann müssen wir die­ sen unbedingt versuchen. Aber vorher will ich ein wenig von dir naschen.» Lasse beugt sich zu Aleksandar rüber und fasst ihm zwischen die Beine, während er ihn innig küsst. Aleksandar erwidert seine Küsse, fühlt sich aber zunehmend gehemmt: «Da sind noch Leute, Lasse», faucht er ober­ lehrerhaft. Unbeeindruckt fährt Lasse seine Verfüh­ rungsmasche fort, bis das Anschnallzeichen ertönt: «Verehrte Fluggäste, hier spricht Ihr Captain, wir landen in Kürze in Wien. Das Wetter ist sonnig bei 27 Grad. Wir hoffen, Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt an Bord, und wünschen Ihnen eine schöne Zeit in Wien.» Während das Flugzeug sich durch die Böen am Wiener Flughafen kämpft und Lasse dabei gefühlte sieben Tode stirbt, freut sich Aleksandar schon auf die Fortset­ zung von Lasses Avancen und greift nach seiner Hand, sieht ihn an und flüstert: «Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Nein, ich glaube, ich liebe dich.» Lasse weiss nicht, wie er reagieren soll, zumal ihn der Flieger ziemlich durchschüttelt und er sich auch nicht ganz so sicher mit seinen Gefüh­ len ist. Etwas beengt lächelt er bloss zurück und drückt Aleksandars Hand. Hat Aleksandar das «L-Wort» zu früh ausgesprochen? Oder ist Lasse bloss schlecht, weil der Flieger ein paar Turbulenzen durchfliegt und er keinen Nerv für Aleksandars Offenbarung hat? Mehr dazu gibt’s in der nächsten Ausgabe der Mannschaft. Shwule Liebesgeschichten von Balkan-­Gays ... Erzähl uns deine romantische Geschichte, die du als Balkan-Gay erlebt hast: Was waren die Hürden, was die Höhepunkte? Keine Bange – wir behandeln deine Geschichte natürlich diskret.

– predrag@mannschaft.com


SZENE 66 Comic

60 «Ehe für alle»

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SZENE  —  Aktivismus

Die «Aktion Wecker» von Pink Cross am 17. August 1998. Der Autor links im Bild, vorne links der spätere Berner Regierungsrat Bernhard Pulver.

Gezeugt auf dem Albispass, geboren im «anderLand» Im September feiert Pink Cross sein 25. Jubiläum. Rolf Trechsel, Mitglied und Sekretär der ersten Stunde, erinnert sich an die Umstände, die zur Gründung geführt haben.

«D

ie Zeit ist reif» war der Titel eines Flyers für das Projekt ei­ nes «professionellen Schwu­ lensekretariates». Die Aussage war mehr als ein Werbespruch: Erst tief greifende Veränderungen in der Community in den Neunzigerjahren hatten eine breite natio­ nale Organisation in der Schweiz möglich gemacht. Vorher dominierten Abgrenzung und Vorurteile: Hier die aus der 68er-Bewe­ gung hervorgegangenen Homosexuellen Arbeitsgruppen und ihre Dachorganisati­ on HACH – in den Augen vieler Schwuler abgehobene linke Studenten –, da die «bür­ gerliche» Schweizerische Organisation der Homosexuellen SOH. Aber auch die «Kom­ merzschwestern» der Betriebe oder die

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«Ledermänner» der Motorradclubs wurden von vielen schräg angeschaut. Was die Po­ litik anbelangt, waren bei den HACH eher gesellschaftliche Provokation als Realpoli­ tik angesagt, während die indirekt aus dem «Kreis» hervorgegangene SOH zwar viel realpolitische Erfahrung, aber wenig perso­ nelle Ressourcen hatte. AIDS brachte diese Fronten ins Wanken. Die damals tödliche Krankheit machte eine Zusammenarbeit mit Behörden unabding­ bar. Die Ideologie einer ausserparlamen­ tarischen Opposition gegen das «System», als deren Teil sich die HACH im weitesten Sinne sah, verblasste. AIDS betraf alle – die Szene rückte zusammen. In dieser Situation spielte ein «Aha-­ Erlebnis» der Arbeitsgruppe Politik von

SOH und HAZ beziehungsweise HACH eine gewisse Rolle. Die kleine Gruppe von etwa einem halben Dutzend Männern (der ich ebenfalls angehörte) befasste sich mit der von der HACH damals wenig beachte­ ten Realpolitik. Ein Thema war die im Gang befindliche Revision des Militärstrafrech­ tes. Nach Ansicht des Bundesrates sollten homosexuelle Kontakte in der Armee straf­ bar bleiben. In einem Brief an die Mitglieder der vorberatenden Kommission des Natio­ nalrates erläuterte die Arbeitsgruppe ihre Argumente gegen ein solches Verbot und wurde prompt auf den 16. August 1988 zur Anhörung in die Kommission eingeladen. Die vorberatende Kommission wie später das Parlament kippten schliesslich das Ver­ bot aus dem Gesetz. Wir waren verblüfft


SZENE  —  Aktivismus

über das Interesse der Politik an unserem Standpunkt und über diesen leichten Erfolg. Das bestärkte nicht nur uns in der Meinung, dass auf der Schiene «Realpolitik» noch mehr zu holen war. Dazu war aber mehr Breite und mehr Professionalität nötig. Organisationen kommen zusammen

An der Zukunftswerkstatt und Delegierten­ versammlung der HACH am 26. Mai 1990 auf dem Albispass bei Zürich beschlossen deshalb die Anwesenden (neben vielen wei­ teren Projekten), eine Gruppe mit einem Konzept für ein politisches Schwulensekre­ tariat zu beauftragen. Die HACH-Delegier­ tenversammlung vom 8. Dezember 1990 genehmigte das rudimentär gehaltene Kon­ zept und beauftragte die Gruppe, Kontakte zu anderen Organisationen aufzunehmen. Diese Kontakte waren erfolgreich. Bereits am 19. Oktober 1991 trafen sich in Bern Vertreter von 25 Schwulenorganisationen und -betrieben, beschlossen die Gründung eines «Vorvereins» und die Wahl eines breit abgestützten Vorstandes. In diesem Vor­ verein waren neben SOH und HA-Gruppen auch Personen der HuK (Homosexuelle und Kirche), des «Züri-Gay-Fäscht» und diverser Betriebe sowie – als einzige Organisation der Westschweiz – von «Homologay» Neu­ enburg vertreten. Präsident wurde Nicolas Wenger von der damaligen VHELS (Verei­ nigung homosexueller Erzieher*innen und Lehrer*innen der Schweiz). Und wo waren die Lesben? Sicher wa­ ren einzelne Organisationen – vorab die damals erst zweijährige Lesbenorganisa­ tion Schweiz (LOS) – angefragt worden. Das Interesse war verhalten. Zudem schien

es den Initianten bereits schwierig genug, die Schwulen unter einen Hut zu bringen. Die karge Vertretung der Westschweiz war gleich von Anfang an sichtbar und liess es ratsam erscheinen, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Eine wichtige Entscheidung wurde gleich an der ersten Sitzung dieses Vorver­ eins getroffen: das Organisationsmodell.

«AIDS betraf alle – die Szene rückte zusammen.» Beschlossen wurde ein Verband, dem so­ wohl Organisationen und Betriebe als auch Einzelpersonen beitreten können. Dieser Zwitter zwischen Basis- und Dachorga­ nisation war finanziell bedingt: Als reine Dachorganisation von armen lokalen Or­ ganisationen wäre das «teure» Sekretariat kaum finanzierbar gewesen. Der Dachverband muss sich beweisen

Am 5. Juni 1993 wurde schliesslich Pink Cross im damaligen «anderLand» der HAB im Berner Mattequartier feierlich aus der Taufe gehoben. Der Vorverein hatte sich nicht nur mit programmatischen Vorberei­ tungen, sondern bereits mit der Werbung von Einzelmitgliedern und Organisationen befasst. So startete die neue Organisation mit 28 Organisationen und 269 Einzelmit­ gliedern. Erster Präsident wurde der Jour­ nalist Beat Wagner, der keiner der grossen Organisationen angehört hatte und damit Pink Cross ein unverbrauchtes neues Ge­ sicht gab.

Allerdings war bereits von Anfang an klar, dass die Zahl der Einzelmitglieder nicht ausreichte, um das Sekretariat zu fi­ nanzieren. Als erster Sekretär mit Teilzeit­ stelle war für mich deshalb Mitgliederwer­ bung eine zentrale Aufgabe. Rasch konnten wir viele Mitglieder der angeschlossenen Organisationen als Doppelmitglied wer­ ben, die Mitgliederzahl verdoppelte sich jährlich. Dieser Erfolg wäre allerdings nicht möglich gewesen, hätte das Sekreta­ riat nicht gleich zu Beginn seine Nützlich­ keit unter Beweis gestellt: Es erledigte die administrative Arbeit der Petition «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare». Diese Petition war von einem eigenen Ver­ ein unter Beteiligung der HACH sowie der LOS parallel zum Projekt des Sekretariates entwickelt worden, erschien aber später für viele Schwule als erste breite Aktion von Pink Cross und LOS. 30 000 Unter­ schriften waren angepeilt – mit 85 181 Un­ terschriften konnten wir aufzeigen, dass sich die grosse Vorbereitungs- und Auf­ bauarbeit gelohnt hatte. Pink Cross war unentbehrlich geworden – und wird es auch noch lange bleiben. Rolf Trechsel war von 1994 bis 2000 erster Pink-Cross-Geschäfts­leiter. Unterstütze die Arbeit von Pink Cross und werde Mitglied: – pinkcross.ch/mitglied-werden Am 15. September feiert Pink Cross sein 25. Jubiläum in der Heitere Fahne in Wabern bei Bern. Alle sind eingeladen – unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten. – pinkcross.ch/25jahre ANZEIGE


IN EIGENER SACHE

Wir sind eine Mannschaft Egal, ob jung oder alt, positiv oder negativ, cis oder trans, homo, bi oder hetero: Wir sind eine Mannschaft und setzen uns für ein Ende der Stigma­tisierung HIV-positiver Menschen ein.

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n unserer Pride-Ausgabe vom Juni riefen wir un­ sere Leserschaft auf, sich mit einem Selfie zu zei­ gen und so ein Zeichen für den Zusammenhalt unserer Community zu setzen. «Wir sind begeistert, dass sich so viele Leute für diese Aktion angemeldet haben», sagt Thomas Künzi, Geschäftsleiter und Mit­ gründer der Mannschaft. «Unsere Leser*innen machen sich stark gegen die Stigmatisierung HIV-­ positiver Menschen. Das freut uns riesig. Wir sind eine Mann­ schaft – ein schöneres Statement gibt es doch nicht.» #undetectable – was heisst das?

Ärztin darauf testen. Rechtlich gesehen bist du auf der sicheren Seite. Du musst deinen HIV-­Status nicht mehr offenlegen, wenn du das nicht möchtest. Wie funktioniert der Schutz durch Medikamente?

Die HIV-Medikamente verhindern im Körper eines HIV-positiven Menschen die Vermehrung des Virus. Nach einiger Zeit ist bei einer gut wirksamen Therapie im Blut kein HIV mehr nachweisbar. Man spricht dann von einer «Virenlast unter der Nachweisgrenze». Kurz darauf sind dann auch im Sperma, in der Scheidenflüssigkeit, in anderen Körperflüssigkeiten und in den Schleimhäuten keine oder nur noch sehr wenige HI-Viren nachweisbar. Eine Übertragung von HIV auf Sexpartnerinnen und -partner ist dann praktisch unmöglich.

Die HIV-Forschung hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. HIV-positive Menschen sind un­ ter einer nachhaltig wirksamen antiretroviralen Thera­ pie nicht ansteckend. An dieser Stelle möchten wir kurz zusammenfassen, was die Kampagne #undetectable Wie sicher ist der Schutz durch Medikamente? der Aids-Hilfe Schweiz für dich als Mann, der mit Män­ Studien haben ergeben, dass eine gut wirksame HIV-Therapie mindestens genauso zuverlässig vor der nern Sex hat, bedeutet. Für dich als HIV-Negativer heisst das: Wenn du Übertragung von HIV schützt wie Kondome. In diesem sicher weisst, dass die Virenlast deines Sexpartners Fall ist also auch Sex ohne Kondom Safer Sex. Absolu­ unter der Nachweisgrenze liegt, kannst du auf ein te Sicherheit gibt es in beiden Fällen nicht, denn auch Kondom verzichten. Du beim Kondomgebrauch kriegst so kein HIV, an­ kann etwas schiefgehen. dere Geschlechtskrank­ «Unsere Leser*innen machen sich Aber beide Methoden heiten unter Umständen haben eine sehr hohe stark gegen die Stigmatisierung aber schon. Das Kondom Schutzwirkung. sollte nur weggelassen HIV-positiver Menschen.» werden, wenn alle Betei­ Kann die Viruslast ligten einander vertrau­ wieder ansteigen – und en können, wissen, dass die Bedingungen für siche­ damit die Möglichkeit der Übertragung entstehen? ren Sex ohne Kondom erfüllt sind, und sich alle mit Das kann vor allem passieren, wenn die Medikamente der Entscheidung wohlfühlen. Nach wie vor gilt: Im nicht regelmässig eingenommen werden. Die Wirk­ Zweifelsfall immer mit Kondom. samkeit der Therapien kann nach einiger Zeit auch Für dich als HIV-Positiver bedeutet das: Wenn deine aus anderen Gründen nachlassen. Bei Menschen, die Virenlast mindestens sechs Monate unter der Nach­ die HIV-Therapie schon länger richtig einnehmen, ist weisgrenze liegt, du regelmässig deine Medikamente das jedoch äusserst selten und geschieht in der Regel nimmst und dein Arzt deine Werte regelmässig kont­ sehr langsam. Deswegen sind regelmässige Kontrol­ rolliert, bist du nicht mehr ansteckend. In diesem Fall len der Virenlast wichtig, in der Regel alle drei bis ist auch Sex ohne Kondom Safer Sex. Allerdings kannst sechs Monate. du mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen an­ Mehr Informationen zu #undetectable findest du gesteckt werden. Lass dich von deinem Arzt oder deiner auf der Website von Dr. Gay: drgay.ch/undetectable

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SZENE  —  Ausgang

Basel draggt sich auf Von Bingo und Burlesque bis hin zum Rockkonzert: In Basel stehen in den nächsten Monaten gleich vier Drag-Events an. Dragqueen Odette Hella’Grand zieht hinter den Kulissen die Fäden.

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Bild: Leonel Oliveira

iemand kann sagen, dass in der Basler LGBTIQ-­Szene nichts läuft. Nebst der wöchentlichen Zischbar, den Partyreihen «La Messe», «ok sebastién», «Rainbow – Feel the Heaven» und «queer­ Planet» sowie dem anstehenden «Luststrei­ fen»-Filmfestival (siehe Seite 16) bereichern gleich vier Drag-Events den queeren Kalen­ der der kommenden Monate. Hinter den Veranstaltungen steckt die Basler Dragqueen Odette Hella’Grand, die mit einer Körpergrösse von 220 cm – Haare und Absätze inbegriffen – ihrem Namen alle Ehre macht. Die Basler Dragqueen ist aber mehr als nur Lokalprominenz. 2016 staubte sie beim «Heaven Drag Race» in Zürich das Krönchen ab, gewann die «Drag Race» in Arosa, und an der letztjährigen Zurich Pride moderierte sie auf der grossen Bühne. Preise im Wert von über 10 000 Franken

Als Organisatorin angefangen hat Odet­ te mit «Odette’s Bingo» vor zwei Jahren, nachdem sie mit Freunden in Amsterdam und Berlin ein Gay-Bingo besucht hatte. «Das waren riesige Events in grossen Fa­ brikhallen, bei denen man lange Schlange stehen musste», erinnert sie sich. Zwi­ schen den Bingorunden gabs Prosecco und Showeinlagen der moderierenden Drags. Odette war begeistert. Das müsse man in der Schweiz auch machen. «Odette’s Bingo» hat sich seit seiner ers­ ten Austragung in der Zischbar als Publi­ kumsmagnet etabliert und erhielt durch ei­ nen Beitrag des Regionalsenders «Telebasel» zusätzlich Publicity. Doch der Erfolg ist in erster Linie Odettes gründlichen Vorberei­ tungen zu verdanken. Bereits Wochen vor der Veranstaltung investiert sie Stunden in das Organisieren der Preise. «Das heisst vor allem viel herumtelefonieren und E-Mails schreiben», sagt sie. So kommen jeweils Preise im Wert von über 10 000 Franken zusammen, darunter Schmuck, Kleidung, Kosmetik und Getränke, aber auch Ausge­ falleneres wie Sextoys. Der Erlös der Bingo­ karten – sie kosten je drei Franken und sind während vier Runden gültig – kommt

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Die Königin von Basel: Odette Hella'Grand.

jeweils einem gemeinnützigen LGBTIQ-­ Zweck zugute, dieses Mal der Supportgrup­ pe «Eclipse», die in Thessaloniki LGBTIQ-­ Flüchtlinge unterstützt. Pro Abend werden jeweils 500 bis 700 Bingokarten verkauft, die Besucherzahl schätzt Odette auf rund 300 Personen. Attraktiv bei Heteros

Vor der nächsten Austragung von «Odette’s Bingo» im Oktober hat Odette, die ihren bürgerlichen Namen lieber nicht verraten will, aber noch anderes zu tun. Am 27. Sep­ tember findet in der Bar «Soho Basel» zum ersten Mal «Queen’s Gathering» statt, eine

Burlesque- und Travestieshow im klassi­ schen Sinne. Schützenhilfe erhält Odette dabei von Dita Whip und der Zürcher Drag­ queen Gossipa. Der Event ist in erster Li­ nie auf ein heterosexuelles Publikum aus­ gerichtet. «Es geht darum, die Kunst vom Herzen der Community hinauszutragen», sagt sie. Bei vielen Heterosexuellen sorge eine Dragqueen als hyperfeminisierte Per­ sönlichkeit immer noch für einen Wow-Ef­ fekt. «Ein Mann, der sich besser schminken kann als so manche Frau und in Highheels daherkommt – für viele ist das ein regel­ rechter Mindfuck.» Das zunehmende In­ teresse an Burlesque- und Travestieshows


SZENE  —  Ausgang

Dragqueens als Rockstars

Kurz vor Jahresende bestreitet Odette am 29. Dezember mit dem Benefizkonzert «Drag Meets Rock» ihren letzten Event 2018. «Man werfe fünf Dragqueens mit fünf Rockbands zusammen und sehe, was dabei

Bild: Telebasel (Screenshot)

schreibt Odette der immer grösseren Sicht­ barkeit von Dragqueens zu. «Es klingt kli­ schiert, aber seit ‹Ru Paul’s Drag Race› in den Mainstreammedien unterwegs ist, ha­ ben wir die Möglichkeit, aus dem Schatten zu treten», sagt sie. «Das will ich nutzen, um mehr Bewusstsein für LGBTIQ-­ Anliegen und für die Kunstform Drag zu generieren.» Am 9. November organisiert sie die drit­ te Ausführung von «Drag Roylällety», eine Wahl im Stile von «Heaven Drag Race», wenn auch in kleinerem Rahmen. Odette will sich dabei aber nicht profilieren. «Ich möchte jungen Make-up-Künstler*innen und Nachwuchs-Drags die Möglichkeit ge­ ben, aufzutreten und sich einem Publikum vorzustellen», sagt sie. Anmeldungen sei­ en bereits aus Solothurn, dem Aargau und aus der Romandie eingegangen. «Es ist ein Projekt, um die West- und die Nordwest­ schweiz zusammenzubringen. Indem wir nicht nur regional denken, werden wir zu einer grossen nationalen Familie.»

Das nächste «Odette's Bingo» findet am 16. Oktober in der Zischbar statt.

herauskommt», sagt sie. Die erste Ausfüh­ rung im letzten Dezember sei auf grosse Resonanz gestossen. «Es ist ein spannendes Projekt, da diese beiden Szenen von aussen betrachtet nur wenige Berührungspunkte aufweisen.» Die Einnahmen des letztjähri­ gen «Drag meets Rock» – 1000 Franken – wurden für die Rettung verfolgter Schwu­ ler in Tschetschenien gespendet. Mit diesen vier Events hat Odette aber noch lange nicht genug, im Gegenteil. In Planung sind etwa ein Drag-Brunch oder ein Drag-Dinner, das mehrmals im Jahr stattfinden soll. Odette, die 60 % im Ge­ sundheitsbereich arbeitet, hätte noch viele Ideen. Wird Basel die neue Drag-Haupt­ stadt der Schweiz? Odette winkt lachend

ab. «Die Drag-Kultur ist in Basel zwar auf dem aufsteigenden Ast, kann aber mit Städten wie Lausanne oder Zürich nicht mithalten», sagt sie. «Ich bin auch nicht der Überzeugung, dass Drags an jede Ver­ anstaltung gehören. Einmal im Monat reicht völlig aus.» Wichtig sei, dass man auch in der heu­ tigen Zeit, in der viele Szenenbars schlies­ sen, Treffpunkte für die LGBTIQ-Commu­ nity habe, die kostengünstig sind. Beim Bingoabend bestehe etwa keine Spiel­ pflicht, so Odette. «Der Eintritt ist gratis, man kann sich einfach dazusetzen und mit allen einen lustigen Abend verbringen. Darum geht es doch.» Text – Greg Zwygart ANZEIGE

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SZENE

GAY HEALTH

PrEP soll einen, nicht entzweien Im Rahmen der «AIDS 2018» rief Conchita Wurst zu mehr Solidarität im Umgang mit HIV auf. Warum wir das in der Community bitter nötig haben.

lesbischen Frauen, Bisexuellen, trans Personen, Queers, Drags und vielen anderen Menschen, die sich mit der Regenbogenfahne identifizieren. Lasst uns darauf eine wahre Gemeinschaft bilden und keine Interessensver­ tretung, die sich bei der kleinsten Meinungsverschieden­ heit gegenseitig zerfleischt (sorry, liebe Vegetarier*in­ nen). Oder braucht es diese Gemeinschaft vielleicht gar nicht mehr? Ist es Zeit, unsere eigene Wege zu gehen und lediglich an den Prides zusammenkommen und einen auf heile Familie machen? Die Antwort darauf habe ich leider nicht. Am besten also zurück zu einem Thema, bei dem ich mich um eini­ ges besser auskenne: Die sexuelle Gesundheit von MSM . Fakt ist, dass die Zahl der PrEP -User in der Schweiz kon­ tinuierlich wächst, und das ist auch gut so (trotz allen Vorurteilen gegen die User). Fakt ist auch, dass viele Männer die PrEP mit dem Grund ablehnen, dass sie «immer» ein Kondom benut­ zen. Ach, ja? Wirklich «immer»? Dann brauchst du die PrEP tatsächlich nicht. Aber Hand aufs Herz: Hat nicht schon fast jeder von uns einmal, vielleicht zweimal, in der Hitze des Gefechts auf das Kondom verzichtet?

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September 2018

Bild: Steve Forrest, Workers' Photos, IAS

D

er Sommer neigt sich dem Ende zu und die Menschen kehren für den Alltagstrott in ihre von der Sonne aufgeheizten Büros zurück. Nach dem Sommerloch und Hundstagen von über 30 Grad geht es nun wieder vorwärts. Als Arbeiter in der HIV -Prävention habe ich aber oft das Gefühl, dass es bei uns eben nicht vorwärtsgeht. Mit der PrEP läuft es in der Schweiz trotz allen Fortschritten nicht rund. Noch immer sind keine Medikamente aus heimischer Produktion zur HIV -Prophylaxe zu einem erschwinglichen Preis erhältlich. (Wenigstens gibt es andere Möglichkeiten. Falls du mehr dazu wissen willst, beraten wir dich im Checkpoint gerne.) Das Gute vor­ weg: Die meisten PrEP -User verhalten sich verantwor­ tungsvoll und gehen zu ihren regelmässigen STI - und Begleittests. Zum Schlechten: Nebst dem hohen Preis, der Wirksamkeit und den Nebenwirkungen werden die Diskussionen rund um PrEP leider vom sogenannten «Slutshaming» geprägt. Solche, die zugunsten von PrEP auf Kondome verzichten und somit zur Gesundheit von männerliebenden Männern beitragen, werden von der eigener Community kritisiert, nicht selten sogar aufs Übelste als Schlampen beschimpft. Da soll einer noch sagen, dass es eine Conchita Wurst nicht braucht, die im Juli an der «AIDS 2018» in Amster­ dam gegen die Stigmatisierung von Menschen mit HIV aufrief. Traurig, dass das immer noch nötig ist. Aber so lange wir es nicht einmal innerhalb unserer Communi­ ty schaffen, Menschen zu akzeptieren, die nicht gemäss unserem Geschmack handeln, ist dieser Kampf wohl aussichtslos. Wie wollen wir gemeinsam für die «Ehe für alle» kämpfen, wenn wir es nicht einmal schaffen, für einen besseren Zugang zur PrEP einzustehen? Unsere Community besteht aus Männern, die mit Männern Sex haben (MSM ), schwulen Männern,

Dieses Einmal kann leider genau das eine Mal sein. Und deshalb geht Safer Sex mit all seinen verschiedenen Prä­ ventionsmöglichkeiten uns alle etwas an. Wählen wir die für uns beste Lösung, ohne dabei diejenige des ande­ ren zu kritisieren. Noch etwas in eigener Sache. Für alle MSM , die selbst von HIV betroffen sind, bietet der Checkpoint Zürich ab sofort wieder die Möglichkeit, sich anonym oder persönlich mit Männern auszutauschen, die selbst mit HIV leben. Kontaktaufnahme unter folgender Ad­ resse: raffael.berchtold@checkpoint–zh.ch. Und für jegliche Fragen und Kommentare gern je­ derzeit ein E-Mail an mail@checkpoint-zh.ch. Like uns auf Facebook für aktuelle Informationen oder besuch unsere Webseite. Text — Oliver Vrankovic, Checkpoint Zürich

Conchita Wurst an der Eröffnung der «AIDS 2018» im Juli.


SZENE

ZITIERT Gehört, gelesen, gesehen.

«Für viele Menschen ist es ein wichtiger Meilenstein und ich freue mich, ihn mit allen teilen zu können.» Anfang August wurde Beth Ford zum neuen CEO der US-amerikanischen Agrargenossenschaft «Land O’Lakes» ernannt. Somit ist Ford auch die erste offen lesbische Frau auf der «Fortune 500», der Liste der umsatzstärksten Unternehmen der Welt.

«Die Wahrheit ist, dass ich auf Männer und Frauen stehe.» Tommy Ahlers, Minister für Ausbildung und Forschung in Dänemark, outete sich in einem Interview als bisexuell. Nach der Scheidung von seiner Ehefrau 2012 kursierten in den dänischen Medien Gerüchte über seine Homosexualität.

«Ich bin schwul. Und der beste DBFZ-Gamer auf diesem verdammten Planeten.» «Sonic Fox» konnte sich gegen 2575 andere Gamer*innen durchsetzen und wurde in Las Vegas zum Weltmeister im «Dragon Ball FighterZ» gekürt. Der 20-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Dominique McLean heisst, konnte eine Trophäe und ein Preisgeld von 15 000 Franken nach Hause nehmen.

«Normal ist vielleicht das schlimmste Wort, das es gibt» Apple-Chef Tim Cook hielt Ende Juli beim LGBTIQ-Festival «Loveloud» in Salt Lake City im US-Bundes­staat Utah eine kurze Ansprache – und löste einen tosenden Applaus aus. Menschen seien nicht dafür gemacht, das

Gleiche zu fühlen und zu denken, seien nicht dafür gemacht, gleich zu sein. «Ihr seid ein Geschenk für die Welt, ein einzigartiges und spezielles Geschenk, genau so, wie ihr seid», sagte Cook. «Euer Leben bedeutet etwas.»

Bilder (im Uhrzeigersinn, o.l.): Kim Vadskær, Land O'Lakes, twitter.com/sonicfox5000, Imago/Ron Sachs

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SZENE  —  Politik

Für eine «Ehe für alle» in mehreren Etappen

N

achdem der Bundesrat und die nationalrätliche Kommission ein Rechtsgutachten erstellen liessen, scheint endlich allen klar zu sein, was einige LGBTIQ-­Aktivist*innen schon lange sagten und ich zusammen mit den Nationalrät*in­ nen Chantal Galladé und Daniel Jositsch be­ reits im September 2015 in der Mannschaft schrieb: Die Ehe kann auf Gesetzesstufe für alle geöffnet werden inklusive Adoptions­ rechten, womit keine langwierige Verfas­ sungsänderung notwendig wird. Gemäss den Gutachten ist für den Zugang zur Fort­ pflanzungsmedizin für gleichgeschlechtli­ che Paare aber eine Verfassungsänderung nötig. Auch die Hinterlassenenrente benö­ tige länger, weil dafür eine AHV-Revision notwendig sei (eine Revision, die das Par­ lament seit Jahren nicht hinkriegt). Deshalb will eine Mehrheit der Kommission sehr rasch die Ehe für alle inklusive Adoptionsund Einbürgerungsrechte auf Gesetzesstufe umsetzen und die Fortpflanzungsmedizin und die Hinterlassenenrente in einer zwei­ ten Etappe angehen. Dies, um schnellst­ möglich die «Ehe für alle» zu ermöglichen. Das hat nun LGBTIQ-Verbände auf den Plan gerufen, die eine abgeschwächte «Ehe für alle» kritisieren. Einige Personen gehen sogar so weit, dass sie sagen, das Vorgehen sei lesbenfeindlich und dass es «eine solche Ehe nicht geben kann». Auch ich möchte hundertprozentige Gleichstellung. Aber die­ sen Etappensieg, nämlich bald eine Ehe für alle inkl. Adoptions- und Einbürgerungs­ rechten zu haben (also noch weitergehend,

Alan David Sangines Gemeinderat (SP), Stadt Zürich

Die «Ehe spaltet die Die Rechtskommission des Juli erneut für die Initiative erwägt statt einer einmaligen mehreren Etappen. Damit die LGBTIQ-Community. Anna Rosenwasser und der David Sangines beziehen in

Fortsetzung auf Seite 62, links.

Die Initiative «Ehe für alle» – eine Timeline

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September 2018

Redaktion

2013

GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy reicht die parlamentarische Initiative «Ehe für alle» ein, die eine Verfassungsänderung zur Öffnung der Ehe und der eingetragenen Partnerschaft für alle Paare fordert. Die Ehe über die Verfassung öffnen zu wollen, führt in der LGBTIQ-Community teilweise zu Kritik. Vertreter*innen bemängeln zudem, dass die Initiative die Adoptionsfrage ausklammert.

2015

Im Februar gibt die Rechtskommission des Nationalrats mit 12 zu 9 Stimmen bei einer Enthaltung der «Ehe für alle» Folge. Im September folgt die Schwesterkommission des Ständerats mit 7 zu 5 Stimmen bei einer Enthaltung. Damit hat die Rechtskommission des National­rats zwei Jahre Zeit, um einen Erlass zu erarbeiten.


SZENE  —  Politik

Für eine «Ehe für alle» mit einer einmaligen Revision

W

für alle» Gemüter

Anna Rosenwasser Geschäftsführerin Lesbenorganisation Schweiz (LOS)

Nationalrats sprach sich im «Ehe für alle» aus und Revision eine Umsetzung in zieht sie tiefe Gräben durch Die LOS-Geschäftsführerin Zürcher Gemeinderat Alan der Mannschaft Stellung.

ir fordern, dass für die «Ehe für alle» sämtliche diskriminieren­ de Gesetze geändert werden – und zwar alle aufs Mal. Fortpflanzungsmedizin heisst: ein si­ cherer Zugang zu Samenspenden. Das be­ trifft Paare, die zu zweit kein Kind zeugen können. Entsprechend ist dieser Zugang für viele Frauenpaare zentral. Wenn er nicht sicher ist, bedeutet das gesundheitli­ che, rechtliche und finanzielle Risiken für Eltern, Kinder und Spender. Und man be­ denke: Bei der Heteroehe war diese Mög­ lichkeit bei Unfruchtbarkeit schon immer inklusive. Heteros können im Fall einer Samenspende ihre Kinder einfach und sicher anerkennen lassen – wir Queers benötigen dazu noch immer aufwendige, langwierige Adoptionsverfahren. Die meisten LGBTIQ-Kämpfer*innen wünschen sich, dass die «Ehe für alle» aus­ schliesslich auf der Gesetzesebene statt auf der Verfassungsebene behandelt werden kann, weil das vieles erleichtert. Nun sagen uns Befürworter*innen des mehrstufigen Verfahrens, dass eben genau darum mehre­ re Stufen nötig seien: Weil das erste Element der «Ehe für alle» auf Gesetzesebene umge­ setzt werden kann, das zweite Element, die Fortpflanzungsmedizin, aber vielleicht eine Verfassungsänderung braucht. Allermin­ destens, sagt man uns nun, müsste man dies nochmals rechtlich abklären. Wieso aber hat die nationalrätliche Rechtskommission diesen so wichtigen Aspekt nicht rechtlich abgeklärt, bevor der Fortsetzung auf Seite 62, rechts.

Greg Zwygart

2017

Die Rechtskommission des Nationalrats will prüfen, ob die Initiative «Ehe für alle» auch auf Gesetzesstufe ohne Verfassungsänderung umgesetzt werden kann. Sie beauftragt das Bundesamt für Justiz mit einem Rechtsgutachten und beantragt eine Fristverlängerung von zwei Jahren.

2018

Das Rechtsgutachten bestätigt eine mögliche Eheöffnung auf Gesetzesstufe, inklusive Volladoption und Einbürgerungsrechte. Der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin wird allerdings von der Bundesverfassung geregelt, die Unfruchtbarkeit oder eine Erbkrankheit voraussetzt. Die Rechtskommission fällt den Grundsatzentscheid, die «Ehe für alle» statt in einer einmaligen Revision in mehreren Etappen umzusetzen.

2019

Bis Februar 2019 muss die Verwaltung zuhanden der Rechtskommission des Nationalrats eine «Kernvorlage» zur Umsetzung der «Ehe für alle» auf Gesetzesstufe vorlegen. Da der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin der Verwaltung zufolge eine Verfassungsänderung benötigt, soll diese ausgeklammert werden. Ebenso die Hinterlassenenrente, die im Zuge der AHV-Revision erfolgen müsse. September 2018

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SZENE  —  Politik

Fortsetzung von Seite 60.

als die Initiative Bertschy forderte), sollten wir nicht gefährden. Zum Vergleich: 2012 wurde die Volladoption im Nationalrat ab­ geschwächt und auf die Stiefkindadoption reduziert. Damals kritisierte ich diese Sala­ mitaktik («Wir wol­ len die ganze Sa­ «Genauso sollte es jetzt lami», Mannschaft Juni 2012). Aber es einleuchten, dass die waren gerade jene Ehe für alle, inklusive Verbände, die heute am lautesten Kritik Volladoption und Ein­ üben, die mich da­ bürgerungsrechte zum mals baten, an die Kinder zu denken, Greifen nahe ist.» die bereits in (vor­ wiegend lesbischen) Familien leben. Es sei wichtig, die Rechte dieser Familien abzusichern und in einem nächsten Schritt die Volladoption zu for­ dern. Das leuchtete mir ein. Aber genauso sollte es jetzt einleuchten, dass die «Ehe für alle», inklusive Volladoption und Einbür­ gerungsrechten, zum Greifen nahe ist und rasch und ohne langwierige Verfassungsän­ derungen umgesetzt werden kann. Sollte der Zugang zu Fortpflanzungs­ medizin (und die Hinterlassenenrente) ohne langwierige Verzögerungen und Verfassungsänderung umsetzbar sein, bin auch ich dafür, sie sofort umzusetzen. Aber sollte es nicht möglich sein, sollten wir die «Ehe für alle» rasch Realität werden las­ sen, statt sie mit destruktiven Haltungen wie «lieber keine Ehe als eine solche Ehe» lahmzulegen. Denn wer es bevorzugt, die «Ehe für alle» jetzt zu verhindern, sorgt dafür, dass viele Paare noch auf Jahre hi­ naus weder heiraten, adoptieren, noch ihre Partner*innen erleichtert einbürgern lassen können, und nimmt somit in Kauf, dass diese Diskriminierung länger erhal­ ten bleibt. Die politischen Prozesse in der Schweiz sind mühsam und langwierig. Aber gerade deswegen sollten wir all un­ sere Kräfte bündeln, um die «Ehe für alle» rasch umzusetzen, und danach bei einer Verfassungsänderung zum Zugang zur Fortpflanzungsmedizin ebenfalls vereint noch diesen Schritt erkämpfen. Jetzt müs­ sen wir an die tausenden Paare denken, denen das Ehe- und Adoptionsrecht ver­ weigert wird – genauso, wie wir bei der Stiefkindadoption an bestehende Famili­ en denken mussten. Das langfristige Ziel ist und bleibt jedoch auch dann weiterhin die hundertprozentige Gleichstellung ohne Wenn und Aber.

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Fortsetzung von Seite 61.

Vorschlag des mehrstufigen Verfahrens gemacht wurde? Der Zugang zur Fort­ pflanzungsmedizin ist für viele queere Menschen, darunter ganz viele lesbische und bisexuelle Frauen, von grosser Bedeu­ tung. Es wäre also nur fair gewesen, diese Frage sauber abzuklären, bevor man dieses Thema einfach auf später vertagt. Fun fact: Sowohl bei der Eheöffnung als auch bei der erleichterten Einbürgerung anno dazumal wurde zunächst auch die Auffassung vertreten, dass eine Verfas­ sungsänderung nötig sei – ein europaweit bekanntes und beliebtes Argument von Gegner*innen, um fortschrittliche Rege­ lungen zu verhindern. Eine zeitgemässe Auslegung – wie wir sie auch für die Fort­ pflanzungsmedizin brauchen! – hat dann in beiden Fällen dazu geführt, dass man diese Auffassung fallen liess und jetzt der Meinung ist, dass die Anliegen auf Geset­ zesebene umgesetzt werden können. Wenn der Zugang zur Fortpflanzungs­ medizin nicht jetzt im Rahmen der «Ehe für alle» kommt, wann kommt er dann? Wir haben zwei Optio­ nen: Entweder ge­ «Würde der erste Schritt hen wir davon aus, dieses Thema durchkommen und der dass vor dem Stimmvolk zweite nicht, hätte man die durchkommt – dann wir uns Anliegen lesbischer, müssen nicht davor fürch­ bisexueller und queerer ten, ihn von Anfang in der «Ehe für Frauen geopfert für eine an alle» zu integrieren. möglichst schnelle Ehe.» Oder aber man geht davon aus, dass das Stimmvolk einer Verfassungsänderung, also Ehe für wirklich alle, nicht zustimmen würde – das würde aber bedeuten, dass die Fortpflanzungsme­ dizin alleine erst recht keine Chance hat. Würde also der erste Schritt durchkommen und dieser wichtige zweite Schritt nicht, hat man die Anliegen unzähliger lesbischer, bisexueller und queerer Frauen geopfert für eine möglichst schnelle Ehe. Wir wollen aber keine möglichst schnel­ le Ehe. Wir wollen eine gerechte Ehe. Sonst ist sie ja nicht für alle. Veranstaltungshinweis Die LOS organisiert ein Podium zum Thema samt Publikumsdiskussion und Apéro: Am Freitag, 31. August, um 19 Uhr im «Karl der Grosse» in Zürich.


SZENE —  Dr. Gay

Meine grosse Liebe erwidert meine Gefühle nicht. Was kann ich tun? Antwort: Scan mit deiner Kamera den QR-Code ein, um die Antwort auf Frage 1 zu lesen.

Ich habe ein Problem mit meinem Penis. Im schlaffen Zustand kann ich meine Vorhaut ohne grössere Probleme zurückziehen. Wenn ich aber eine Erektion habe, kann ich sie nicht mehr zurückziehen. Wenn ich es trotzdem versuche, schmerzt es. Hast du mir Tipps, was ich machen kann? Jan (21)

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geistige Verwirrung scheint vorzuherrschen. Sobald diese korrigiert ist, kehren wir an den Eurovision zurück.»

schwule Paar weigerte sich und musste das Flugzeug verlassen.

Auf Social Media beschwerte sich der Partner des betroffenen

Frau geküsst hatte, stellte TRT die Ausstrahlung ein.

Bundesstaat Washington entschuldigte sich und verfasste

mehrere Stellungnahmen, um auf die Welle der Empörung zu

net. Das Gesetz stammt aus der britischen Kolonialzeit.

selten angewendet.

11 % der jungen Männer sind schwul oder bi

einführen, soll praktizierter Analverkehr «bewiesen» werden.

natelangen Vorbereitungen erst zwei Tage vor dem Event.

«Geschlechtsverkehr gegen die natürliche Ordnung» bezeich­

fehlende Rollenbilder in den Medien verantwortlich.

Finger oder andere Objekte in den Anus des Angeklagten

Die Bewilligung erhielten die Veranstalter*innen trotz mo­

Gesetz aus der britischen Kolonialzeit wird allerdings nur

bei den Bi­sexuellen macht das «Australian Research Centre»

Jahren für ein Verbot aus. Indem medizinisches Personal ihre

te Aktivistin Ro-Ann Mohammed gegenüber «Pink News».

Homosexualität wird im Strafgesetzbuch Sambias als

Frauen und 40 % der bisexuellen Männer. Für den tiefen Wert

Homosexuelle Handlungen sind in Barbados illegal. Das

bereits hinter sich im Gegensatz zu nur 48 % der bisexuellen

mit seinen knapp 280 000 Bewohner*innen berühmt ist.

die Organisation «Human Rights Watch» sprechen sich seit

Frauen und 83 % der schwulen Männer haben ihr Coming-out

sich ergehen lassen. Die Vereinten Nationen bezeichnen die

der Anlass an den Karneval erinnert, für den der Inselstaat

«Liebe und Positivität haben die Stimmung geprägt», sag­

und Freundeskreis nicht geoutet seien. 86 % der lesbischen

ner im Alter von 30 und 38 Jahren Analuntersuchungen über

schierten durch die Strassen. Gemäss diversen Medien habe

Methode als Folter, und sowohl der Weltärztebund als auch

47 % der LGBTIQ-Befragten sagten, dass sie im Familien-

kündet werden. Im Rahmen des Prozesses mussten die Män­

Community und auch Tourist*innen – tanzten und mar­

aus, Bisexuelle hingegen 15 %.

5 % als bisexuell. Lesben machten 2 % der befragten Frauen

Handlungen verurteilt worden. Das Strafmass – ihnen drohen

Rund 120 Menschen – darunter die lokale LGBTIQ-­ bis zu 14 Jahre Haft – soll zu einem späteren Zeitpunkt ver­

sexuell. Davon bezeichneten sich 5 % der Männer als schwul,

Lusaka – In Sambia sind zwei Männer wegen homosexueller

22 % der Frauen identifizierten sich als homo-, bi- oder pan­

Personen zwischen 18 und 29 Jahren. 11 % der Männer und

sener befragte der australische Fernsehsender ABC 11 000

Sydney – In einer Studie zum Wohlbefinden junger Erwach­

stadt von Barbados Ende Juli erstmals ein Prideumzug statt.

PAAR NACH ERZWUNGENEN ANAL­ UNTERSUCHUNGEN VERURTEILT

BISEXUELLE HABEN MÜHE MIT DEM COMING-OUT

schlechtliche Paare rechtlich anerkennt.

Thailand wäre das erste ostasiatische Land, das gleichge­

der Ehe in der Zukunft.

soll ebenfalls ein Wegbereiter sein für eine mögliche Öffnung

fahrung mit registrierten Partnerschaften verfügen. Das Gesetz

britannien berücksichtigt, die teilweise bereits über lange Er­

Ländern wie Mexiko, Südafrika, Kanada, Australien und Gross­

Für den Gesetzesentwurf wurden die Erfahrungen von

Partnerschaft abgeschlossen haben und nun in Thailand leben.

Paare abgesichert werden, die im Ausland eine registrierte

Bridgetown – Trotz Widerstand der Kirche fand in der Haupt­

ERSTE PRIDE ZIEHT DURCH DIE STRASSEN VON BARBADOS

Sie forderten eine Untersuchung und riefen zum Boykott auf.

Vorfall verantwortlich. Vielen User*innen war das nicht genug.

sie und machte eine «unglückliche Verwechslung» für den

Conchita Wurst eine «geistige Verwirrung»

Krista Siegfrieds 2013 im Song «Marry Me» im Brautkleid eine

regelrechten Shitstorm. Die Fluggesellschaft mit Sitz im US-­

reagieren. «LGBTIQ-Gleichstellung ist uns wichtig», schrieb

dabei. Grund für den Ausstieg war gemäss TRT eine Unstim­ migkeit bei den Regeln. Nachdem die finnische Kandidatin

Der Post ging viral und bescherte der Alaska Airlines einen

Die Türkei war von 1975 bis 2012 regelmässig beim ESC

auch Frau zu sein», sagte Ibrahim Eren, TRT-­Sprecher. «Eine

ben, weil ein heterosexuelles Paar zusammensitzen wollte. Das

Mannes: «Ich habe mich noch nie so diskriminiert gefühlt.»

Bart und Rock ausstrahlen, der behauptet, sowohl Mann als

Partner in der Premiumklasse für einen Economy-Sitz aufge­

ten Ende Juli bekannt. Mit dem Gesetz sollen auch diejenigen

dies das Departement für den Schutz von Rechten und Freihei­

Grund dafür sei ESC-Gewinnerin Conchita Wurst von 2014. abends – wenn Kinder zusehen – keinen Österreicher mit

Partnerschaft ermöglicht. Thailändischen Medien zufolge gab

nach Los Angeles musste ein Mann den Sitz neben seinem

gleichgeschlechtlichen Paaren in Thailand eine registrierte

und Fernsehanstalt TRT in der ersten Augustwoche bekannt. «Als staatliche Fernsehanstalt können wir um neun Uhr

Bangkok – Bis September soll ein Gesetzesentwurf stehen, der

sion Song Contest ESC aus. Dies gab die türkische Hörfunk-

THAILAND WILL REGISTRIERTE PARTNERSCHAFTEN EINFÜHREN

Ankara – Die Türkei schliesst eine Rückkehr an den Eurovi­

WEGEN DER WURST: DIE TÜRKEI MACHT AUCH 2019 NICHT MIT

SeaTac – Auf einem Flug der Alaska Airlines von New York

ALASKA AIRLINES ENTSCHULDIGT SICH BEI SCHWULEM PAAR

Shitstorm trotz mehrerer Entschuldigungen


SZENE

COMIC

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Mannschaft Magazin September 2018  

Mannschaft Magazin September 2018  

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