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Verantwortung – wer trägt sie und warum? Rolf de Witt, Berlin – Vortrag auf den 11. Münchner AIDS Tagen, 4.2.2006

Primärprävention: Verantwortung – wer trägt sie und warum? Vorbemerkung: Ich beschränke mich weitgehend auf das Gebiet der Primärprävention, auch wenn dies, wie Sie im Folgenden sehen, nicht gänzlich von dem der Sekundärprävention abzugrenzen ist. 1. Einleitung Nach wie vor stellt die HIV-Infektion eine chronische Erkrankung dar, die mit einem hohen Diskriminierungspotential einhergeht. Eine Verantwortungsdiskussion bewegt sich daher immer im Spannungsfeld von Verantwortung, Schuldzuweisung bis hin zur Diskriminierung. Spätestens seit der Veröffentlichung der Neuinfektionszahlen durch das Robert-Koch-Institut ist eine intensive Diskussion über das Thema „Verantwortung“ entbrannt. Unter dem Deckmäntelchen des „investigativen Journalismus“ ist in den Medien eine Vielzahl von Berichten erschienen, die sich im Endeffekt mit einer neuen Schulddiskussion befassen. Ob man hierbei von Journalismus im Wortsinne reden kann, will ich hier nicht diskutieren. Klar wird jedoch, dass wir eine Diskussion wie vor ca. 20 Jahren haben. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Während damals moralische Schuldzuweisungen vor allem aus der Politik (Gauweiler) kamen, haben sie heute ihren Ursprung vermehrt in der so genannten „schwulen Community“. Dannecker spricht von einer „Verbürgerlichung“ in der schwulenpolitischen Diskussion. Die Motive dieser zweifelsohne festzustellenden Tendenz sowie der Entsolidarisierung mit den HIV-Infizierten sollen hier nicht Thema sein. Sie beeinflussen jedoch ohne Zweifel die aktuelle Verantwortungsdiskussion. Hier einige Beispiele für Medienberichte zum Thema „Verantwortung“: 2. Aktuelle Beispiele aus den Medien zum Thema „Verantwortung“ 2.1 Die Tageszeitung Jan Veddersen, 6.10.2005 unter dem Titel: „Der Tod ist keine Bagatelle“ „Strafbar machen sich HIV-Infizierte nicht, wenn sie ihre Sexualpartner nicht darüber in Kenntnis setzen, dass sie HIV-infektiös sind - die Freiheit ist auch eine des Nichtwissens und des Risikos im Augenblick der sexualisierten Zuspitzung. Wie die Politik mit diesem Phänomen umgehen wird, ist offen: Möglich, dass Neuinfizierte in der Solidargemeinschaft "mitgeschleppt" werden - möglich allerdings auch, dass man, bei Nachweis des Besuchs von riskanten Orten, auf die Bezahlung der Medikamente verzichten möchte. Der Tod ist keine Bagatelle: Schwule Männer können das wissen - auch beim Sex.“ 2.2 rbb Gesendet in „Klartext“ (rbb) am 19.10.2005 unter dem Titel: „Verantwortungslos – wie AIDS in der Szene zum guten Ton gehört“ Gesendet in „Kontraste“ (das Erste) am 20.10.2005 Gedreht wurde der Beitrag im „Armstrong“, einem der Berliner Szenelokale der „härteren Gangart“, es hat unmittelbar nach der Ausstrahlung geschlossen. Interviewt wurden u.a. Gäste. Clubbesucher „Bei uns ist es ja bekannt, das ist auch kein Geheimnis mehr, da ist der Partnertausch schon mal sexuell, aber – verdammt noch mal – das kann safe bleiben. Und das ist ganz wichtig, leider ist es nicht so.“ „Schade ist nur, dass die Bevölkerung, beziehungsweise der Steuerzahler eben halt reichlich zahlen muss, denn ein HIV-Infizierter der kostet ja im Monat ein reichliches Geld.“ Jörg Gölz, HIV-Schwerpunktpraxis Kaiserdamm „Im Durchschnitt kostet eine Behandlung heute 1.500 Euro pro Monat.“ [Kommentar] „Und die Steuerzahler zahlen’s ja!“ Die Produkte der Pharmaindustrie werden es schon richten. 2.3 ARD Report Mainz, gesendet 5.11.2005

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Verantwortung – wer trägt sie und warum? Rolf de Witt, Berlin – Vortrag auf den 11. Münchner AIDS Tagen, 4.2.2006 Hier ein Auszug aus einem Interview mit Dirk Ludigs, Chefredakteur der „du&ich“, einer bundesweiten Schwulenzeitschrift: O-Ton, Dirk Ludigs, Chefredakteur Du & Ich: »Was das Entstehen einer Bareback-Kultur angeht, wie wir sie sehen im Internet, in verschiedenen Foren, wie wir sie sehen in der Pornoindustrie, in der Partyszene, das ist etwas, das halte ich für verantwortungslos in dieser Form. Das halte ich für unmoralisch und das halte ich für etwas, was entweder von der Szene selbst oder wenn die Szene nicht in der Lage ist, hier selbst reinigend einzugreifen, auch von außen eine deutliche Grenze gesetzt werden muss.« [Kommentar] Für Roman [neuinfizeriert] kommen solche Überlegungen zu spät. Doch die Gesundheit tausender anderer, bislang Nicht-Infizierter steht auf dem Spiel. 2.4 Der PKV (Verband der privaten Krankenversicherer) Dieses Plakat hing vom 29.11. bis 5.12.2005 am Palast der Republik in Berlin [Bild des Plakates. Es zeigt einen als männliches Genital geformten Fliegenpilz mit der Überschrift: „AIDS vergiftet Leben. Benutz´Kondome!“]

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Verantwortung – wer trägt sie und warum? Rolf de Witt, Berlin – Vortrag auf den 11. Münchner AIDS Tagen, 4.2.2006 ...und erschien als Beispiel für ein begrüßenswertes Engagement auf der Website www.welt-aids-tag.de. Diese wird betrieben von der Deutschen AIDS-Hilfe, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Deutschen AIDS-Stiftung. [Screenshot der Website]

Vor dem Hintergrund des „neuen AIDS“ ist es fraglich, ob es sich hier um gelungene Prävention handelt. Allen Beispielen gemein ist jedoch, dass die Würde von HIV-Infizierten grob missachtet wird. Insgesamt kann hier von respektvollem Umgang mit Männern, die Sex mit Männern haben sowie deren Sexualität, nicht die Rede sein. Ich denke, jeder von Ihnen wird eine Einstellung zu den Medienausschnitten haben, vielleicht dem Einen oder Anderen zustimmen. Zunächst stellen sich die Fragen: „Verantwortung, was ist das? Wer kann Verantwortung tragen und unter welchen Bedingungen?“ 3. Eine Definition zum Begriff „Verantwortung“ Ich verwende hier die Definition von Schwartländer, weil sie einen umfassenden Verantwortungsbegriff darstellt: Nach Johannes Schwartländer hat die Verantwortung eine „dreistellige Beziehung“: x Allein der Mensch trägt Verantwortung x für sein Handeln, sowie übernommene Aufgaben und Pflichten („die Verantwortung übernehmen“, „Verantwortungsbereich“, die Verantwortung für jemanden oder etwas haben) x vor einer Instanz, die Rechenschaft fordert (z. B. Eltern, Freunde, der „Öffentlichkeit“, der „Geschichte“, einem Gericht, dem autonomen Sittengesetz, Gott als höchstem Richter) Deutlich wird hier, dass Verantwortung einen aktiven Prozess beschreibt: Die Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln sowie für übernommene Aufgaben und Pflichten. Nicht etwa für von außen übertragene oder aufgezwungene Aufgaben und Pflichten.

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Verantwortung – wer trägt sie und warum? Rolf de Witt, Berlin – Vortrag auf den 11. Münchner AIDS Tagen, 4.2.2006 4. Voraussetzungen für die Übernahme von Verantwortung in der Prävention Voraussetzung für die Übernahme von Verantwortung sind zwei wesentliche Faktoren: Das Bewusstsein, dass eine Verantwortung existiert und die Fähigkeit, diese übernehmen zu können. In Bezug auf das Individuum kann kompetentes Handeln erreicht werden, „wenn die Individuen - gut informiert sind: Über das nötige Wissen verfügen („Wissen“) und - ein positives Selbstwertgefühl entwickeln können (Fühlen“) und - ihre Situation reflektieren und Handlungsoptionen entwickeln können („Wollen“) und - ihre Bedürfnisse kommunizieren und durchsetzen können („Sprechen“) und - tatsächlich die Wahl zwischen verschiedenen Optionen haben, sich für gesundheitsförderliches Handeln entscheiden zu können („Können“) Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, ist die Übernahme von Verantwortung möglich. Bevor die Frage beantwortet werden kann, wer welche Verantwortung in Bezug auf die Einschränkung der Neuinfektionen mit HIV übernehmen kann, muss zunächst die nach den vorhandenen Aufgaben diesbezüglich beantwortet werden. Hier ist bewusst die Rede von „Einschränkung“. Aufgrund des immer vorhandenen Restrisikos einer HIVInfektion und des Faktors „Mensch“ wird es nie möglich sein, Neuinfektionen gänzlich auszuschließen. Im folgenden Kapitel wird zunächst auf die Verantwortungsbereiche und die sich stellenden Aufgaben eingegangen, danach wird eine Zuordnung versucht. 5. Wesentliche Aufgaben in der HIV-Prävention In diesem Abschnitt werden Aufgaben in der HIV-Prävention dargestellt. Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dieser Grobgliederung muss eine Feingliederung folgen, die den jeweiligen Zielgruppen gerecht wird. Die wesentlichen Aufgaben in der Primärprävention: -

besonders vulnerablen Gruppen die Kompetenz vermitteln, sich gesundheitsförderlich zu verhalten (für sich selbst und andere) der Banalisierung von AIDS und HIV-Infektion entgegenwirken der Tendenz zur Individualisierung von Gesundheitsrisiken entgegenwirken über strukturelle Ursachen und Kontexte von HIV- und anderen sexuelle übertragbaren Infektionen aufzuklären. sich selbst und andere zu schützen

6. Verantwortung – wer trägt sie und warum? Eigentlich lässt sich die Frage danach, wer die Verantwortung trägt, ebenso einfach wie banal beantworten: Jeder. Oder genauer gesagt: Jeder, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Grundlage für diese Möglichkeiten ist ebenso die Bereitschaft, das Bewußtsein für die Verantwortung, so wie die Fähigkeit zur Übernahme. Auch müssen die Rahmenbedingungen für ein gesundheitsförderliches Handel, wie vorher beschrieben, gegeben sein. Es gibt verschiedene Ansatzpunkte: 6.1 Gesellschaft/Politik -

Individuen stärken, damit sie sich und andere schützen können Ausgrenzung vermeiden Solidarität mit Betroffenen schaffen (vulnerable Gruppen, Infizierte, Erkrankte...) Einhaltung des Grundgesetzes und der Menschenrechte Rahmenbedingungen für strukturelle Prävention herstellen, um: -

besonders vulnerablen Gruppen die Kompetenz zu vermitteln, sich gesundheitsförderlich zu verhalten (für sich selbst und andere); der Banalisierung von AIDS und HIV Infektion entgegenzuwirken der Tendenz von Individualisierung von Gesundheitsrisiken entgegenwirken über strukturelle Ursachen und Kontexte von HIV- und anderen sexuelle übertragbaren Infektionen aufzuklären.

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Verantwortung – wer trägt sie und warum? Rolf de Witt, Berlin – Vortrag auf den 11. Münchner AIDS Tagen, 4.2.2006 6.2 Jeder Einzelne - Verhalte dich so, dass du dich selbst und andere einem möglichst geringen Risiko aussetzt. 7. Beispiele für die Übernahme von Verantwortung Hier eine Anzeige, die manCheck in der siegessäule 12/2005 gesponsort bekommen hat. Sie soll ein Beispiel dafür sein, was wir uns unter Übernahme von Verantwortung vorstellen. [Anzeigenmotiv in der „siegessäule zum Welt-AIDS-Tag 2005: „Wir übernehmen Verantwortung für uns selbst und andere]

8. Thesen zur aktuellen Verantwortungsdiskussion These 1: Die Diskussion zum Thema Verantwortung ist auch Ausdruck für die Veränderung in der schwulen Community: Derzeit geht es überwiegend um Verbürgerlichung. Ausdruck dafür ist die scheinbar zentrale Bedeutung der Homoehe. ...also müssen alle „Schmuddelkinder“ stigmatisiert und Infektionsrisiken auf andere projiziert werden. These 2: Protagonisten der HIV Prävention haben früher immer auch Abwehrkämpfe gegen eine repressive Politik geführt. Heute ist das nicht mehr der Fall. These 3: Prävention braucht weiterhin deutliche zentrale Botschaften. Im Individuellen muss allerdings weiter differenziert werden. Es müssen unterschiedlichen Möglichkeiten des Individuums entsprechende Risikomanagementstrategien zugänglich gemacht werden. These 4: Die HIV-Infizierten sind momentan nicht Adressaten der Prävention. Sie müssen in ihrem Bemühen ANDERE nicht zu riskieren, stärker motiviert und unterstützt werden. These 5: Die alte, an das tödliche AIDS gekoppelte Präventionsrethorik ist kontraproduktiv, weil sie Abwehr mobilisert. Es geht darum, die Menschen zu motivieren, Gesundheit zu erhalten (ihre und die anderer). These 6: Die HIV-Prävention kann die HIV Infektion nicht aus der Welt schaffen, sie kann lediglich dazu beitragen, sie einzuschränken. These 7: Man kann nicht von HIV Positiven erwarten, dass sie die volle Verantwortung dafür übernehmen, die Infektion nicht weiterzugeben. Die Verantwortung für die eigene Gesundheit können Ungetestete und HIVNegative nicht delegieren, vor allem nicht bei anonymem Sex.

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These 8: Die strukturelle Prävention ist von zentraler Wichtigkeit. Was die Einzelnen zu ihrer Gesundheit und zur Verminderung von Risiken beitragen können, hängt stark von ihrem sozialen Umfeld und der Gesellschaft ab. Nicht zuletzt auch von der Akzeptanz, die ihrem Lebensstil entgegengebracht wird. These 9: Bei Nichtinfizierten und Ungetesteten steht als Motivation:“ Ich will nicht, dass ich mich infiziere.“ im Vordergrund. Also ein egoistisches, selbstsorgendes Motiv. Für den HIV-Infizierten sieht das anders aus. Er hat das größere Problem, denn er muss das Infektionsrisiko des anderen mitdenken. Sein Motiv ist „Ich will nicht, dass ich andere infiziere.“ Hier ist Altruismus gefragt. Gleichzeitig hat er an vielen Orten das Problem, dass er die Infektion nicht kommunizieren kann (Was er natürlich auch nicht muss). These 10: Beim Geschrei einiger Nicht-Infizierter und Ungetesteter über die Verantwortung der Infizierten geht es im Endeffekt nur um den eigenen Wunsch, unsafen Sex haben zu wollen. Denn wer konsequent Safer Sex betreibt ist unabhängig von den Wünschen anderer, die dies evtl. nicht wollen: Er muss ja nicht mitmachen. 9. Einige Statements: "Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit. Das ist der Grund, weshalb sich die meisten Menschen vor ihr fürchten." George Bernard Shaw „Negative [eingestellte] Menschen suchen Sündenböcke. Positive [eigestellte] lösen Probleme.“ – Bruno Gideon

10. Literatur DAH-Delegiertenrat / AG Prävention: Diskussionspapier: Haltung des Verbandes zum Thema „Verantwortung“ (Berlin, 2005) Dannecker, Martin: HIV-Prävention und Verantwortung Vortrag zur DAH Mitgliederversammlung (Stuttgart, 2004) Dannecker, Martin: Perspektiven in der HIV Präventionspolitik, www.etuxx.de Feddersen, Jan: Der Tod ist keine Bagatelle, in: die Tageszeitung, 6.10.2005, S. 14 Gideon, Bruno: Nicht auf meine Kosten! (Zürich, 2001) Hechler, Daniel: Sexfalle Sauna-Club - Das AIDS-Virus breitet sich wieder aus , in Report Mainz 28.11.2005, http://www.swr.de/report/archiv/index.html Kraetzer, Ulrich: AIDS – die neue Sorglosigkeit in der homosexuellen Szene, in: ARD Kontraste 20.10.2005, http://www.rbb-online.de/_/kontraste/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_3276661.html Kraetzer, Ulrich: Verantwortungslos – wie AIDS in der Szene zum "guten Ton" gehört, in rbb KLARTEXT 19.10.2005, http://www.rbb-online.de/_/fernsehen/magazine/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_3272192.html RBB Klartext Staub, Roger: Prävention – alte Probleme, neue Ideen? (k.A.) Wicht, Holger: Wir geben ein Zeichen, in: siegessäule, 12/2005 Wright, Michael T.: Sexuelle Gesundheit: Der Name einer neuen Sexualmoral? (Vortrag, Göttingen, 2005) www.welt-aids-tag.de www.wikipedia.de

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