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Zwรถlf Bilder sind ein Jahr Vol.2


Widmung

Dieses Buch ist allen gewidmet, die Bilder nicht in Museen eingesperrt sehen wollen, um sie wie Tiere im Zoo zu betrachten, sondern sie um sich haben möchten, in Wohn- und Arbeitsräumen, damit sie in ihnen und mit ihnen leben können.


Zu diesem Buch


Im ersten Band des Buches „Zwölf Bilder sind ein Jahr“ stellte die Münchner Künstlerin Silvia Eger einen Zyklus von Bildern vor, die in den Jahren 2015 und 2016 entstanden. Dabei handelte es sich um die gedruckte Ausgabe der „Bilder des Monats“, einer im Abstand von vier Wochen erscheinenden Newsletter-Serie, mit der die Künstlerin jeweils ein ausgewähltes Werk vorstellte, das von einem Text begleitet wurde. Im Juli 2017 fand diese Serie in gleicher Methodik eine Fortsetzung, sodass der zweite Band des Buches nun einen Zeitraum bis zum Juni 2018 betrachtet. Auch in diesem Buch werden die monatlich sehr frei ausgewählten Bilder präsentiert. Und natürlich sind die hier gezeigten Werke nicht die einzigen, die Silvia Eger in diesem Zeitraum schuf. Es ist eher ein kleiner Ausschnitt aus einer Fülle von Bildern, die innerhalb von zwölf Monaten entstanden. Wer durch dieses Buch blättert, kann den Eindruck haben, dass die Bilder durchaus von verschiedenen Künstlern stammen könnten. Das ist bewusst so, denn Silvia Eger nimmt sich die Freiheit, in ihren Werken eine Vielzahl kreativer Ansätze zu verwirklichen. Wenn man also von „der Handschrift“ der Künstlerin sprechen will, dann ist dies die Vielfalt an Ideen, mit denen sie Farben, Formen und Materialien zum Leben erweckt. Einem Leben, das in seiner gestalterischen Abstraktion der Betrachterin und dem Betrachter jeden Raum gibt, darin ganz eigene Bilder zu sehen. Die Optik der Bilder kann ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, in diesem Buch zeigen. Mit der Haptik, also dem Fühlbaren, das von vielen der Bilder von Silvia Eger ausgeht, wird es schon schwierig, da man diese im wörtlichsten Sinne „begreifen“ muss. Dazu sind Sie gerne, so das jeweilige Bild nicht schon verkauft ist, ins Atelier der Künstlerin eingeladen. Dabei können Sie auch das weitere Spektrum ihres Schaffens kennenlernen. Und die Texte, die Sie in diesem Buch finden, sollen Optik und Haptik eine dritte Dimension hinzufügen und die Bilder auf ganz eigene Weise zum Sprechen bringen. Viel Freude wünscht Ihnen Herbert Maro Herausgeber


07Juli eingebettet Wie reich ist doch unsere Sprache. Sie wird zwar, im Vergleich zu anderen Sprachen, als sehr präzise bezeichnet, doch eigentlich gewinnt sie ihren Reiz aus den Dingen, bei denen sie Ungenauigkeiten und Deutungen zulässt. Nehmen wir einfach das Wort „eingebettet“. Wenn ein Ring eingebettet in ein seidenes Kissen vor uns liegt, dann ist der Ring im Zentrum unserer Aufmerksamkeit, das Kissen ist schönes Beiwerk. Liegt ein unansehnlicher Industrieort eingebettet in safte Hügel, dann rettet das Drumherum in unserer Wahrnehmung die eher schmucklose Hauptsache. Die Muschel schafft dem Inhalt Einbettung, womit auch der Tatsache Rechnung getragen ist, dass eingebettet sein gefühlsmäßig immer mit Geborgenheit und Schutz einher geht. Und dann ist da auch noch der angenehme Zustand des Liegens, ist doch das „Bett“ ein tragender Bestandteil des gesamten Wortes. Dinge, die stehen oder fliegen, sind selten bis gar nicht eingebettet. Letztlich führt uns das Wort „eingebettet“ zurück zu unseren Ursprüngen, hat uns ja der Mutterleib die Einbettung geboten, nach der wir uns ein Leben lang zurück sehnen.


08August

Goethes Blau und Gelb

Wie lieben wir unseren Dichterfürsten. Er hat uns das Leben in all seinen Facetten wenn nicht erklärt, so doch nahe gebracht. Wir freuen uns, dass Goethe, wo immer es uns in Italien hin verschlägt, vor uns schon da war und uns so ein Stück Heimat in der Fremde bietet. Unverbrieft, aber hoch wahrscheinlich ist, dass er seine Farbenlehre als späte Folge seiner italienischen Momente entwickelt hat, da die Farbigkeit Weimars seinerzeit doch sehr zu wünschen übrig ließ. Zu Blau wusste er im Kapitel „Sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe“ zu sagen: „Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.“. Und der Farbe Gelb sprach er im selben Kapitel zu, dass sie „in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich führt und eine heitere, muntere, sanft reizende Eigenschaft besitzt.“ Dem und allem andern, was Goethe zu den Farben und ihrer Wahrnehmung sagt, will man nicht widersprechen, es höchstens mit einem höflichen Hinweis ergänzen: Das, was jeder von uns bei Farben empfindet, ist persönliche Bauchsache. Insgeheim wusste Goethe das natürlich auch.


Sind sie nun rot oder braun, diese Sanddünen, die sich wie Berge vor Dir erheben? Die Sonne und auch die ohnehin geringe Feuchtigkeit der Luft verändern die Farben stetig. Du beginnst den Aufstieg, der dich alsbald an die Arbeit des Sisyphus erinnert. Zwei Schritte vor, einen zurück. Gerutscht. Irgendwie kommst Du doch nach oben. Hätte Dir der Aufstieg nicht schon den Atem genommen, wärst Du jetzt von dem Panorama atemlos. Die Alpen aus Sand und unter Dir eine Ebene, platt wie ein See, aus dem die Gerippe abgestorbener Bäume wie moderne Kunstwerke aufragen. Der Abstieg ist ein Abrutschen, stetig begleitet von einem singenden Ton. Es ist der fließende Sand, dessen Reibung an der darunter liegenden Schicht diesen Ton erzeugt. Du überquerst die Ebene, stets mit dem Gefühl, dass diese Oberfläche einbrechen könnte und Du in diesem imaginären See versinkst. Am Rande der Ebene, wieder im Wüstensand, lässt Du Dich nieder, nimmst etwas von Deinem Proviant. Ein Wüstenfuchs schleicht sich scheu näher, nimmt den hingeworfenen Brocken dankbar an. Und Du sinnst darüber nach, ob Du den Fuchs nun dafür beneiden oder bedauern sollst, dass er in dieser archaischen Landschaft lebt.

NAMIB SANDS

09September


Die Erde hat sie, Planeten haben Sie, auch Personen, Gegenstände, Materialien, Farben haben sie. Die Rede ist von der Anziehungskraft, oder synonym auch Attraktivität genannt. „attrahere“ sagten die Lateiner und bezeichneten damit physikalische Zustände oder auch Charaktereigenschaften, die Gegenstände oder auch uns Menschen an sich ziehen. Doch was ist das eigentlich, das Anziehende? Bei der Erdanziehung wissen wir’s genau, sie ist hinlänglich erforscht und belegt. Aber was zieht uns zu Menschen, zu Farben, zu Geschehnissen hin? Hierfür gibt es zahlreiche wissenschaftliche Erklärungen, für das einzelne Individuum sind sie nur bedingt brauchbar. Wir wissen, dass uns etwas attraktiv erscheint, ja sogar, dass da oft chemische Reaktionen ablaufen, aber nicht warum das so ist. Es möge so bleiben. Denn wüssten wir’s, dann wären die Anziehungskraft und der Mythos der Attraktivität wahrscheinlich dahin.

10Oktober

farbanziehung


11November f e d e r l e i c h t Ich hatte einen Traum. Früher. Immer und immer wieder. Die Menschenmenge war groß, es war eng, viel zu eng für mich. Doch ich wusste, ich muss nur meine Arme bewegen, wie Flügel, und schon konnte ich mich über die staunende Menge, über alles erheben. Das Gewicht meines Körpers, das ich anfangs noch deutlich spürte, wurde immer leichter, bis ich fast schwerelos über allem schwebte. Leicht wie ich nun war konnte ich, vom Schlag meiner Arme gelenkt, weiter steil aufsteigen oder diesen aussetzend steil nach unten stürzen. Niemals war Angst da, dass mir etwas geschehen könnte, auch nicht bei riskanten Manövern, die selbst die mitfliegenden Vögel staunen ließen. Doch irgendwann, und in jedem Traum immer gleich, wollte mich die schwindende Kraft meiner Armschläge nicht mehr tragen, ich kam dem Erdboden stetig näher. Im Traum wusste ich, dass ich diese Situation schon oft geträumt hatte, versuchte, dieses Mal nicht landen zu müssen, die Arme noch heftiger bewegend als beim Aufstieg. Vergeblich. Ich landete wieder in einer Menge. Tief enttäuscht und doch unendlich glücklich, dass dieses kurzzeitige, wunderbare Schweben nur mir beschieden war.


„Ich seh’ etwas, was Du nicht siehst“. Mancher mag sich noch an das Ratespiel erinnern, das man als Kind mit einer Freundin oder einem Freund spielte. Als Anhaltspunkt für den Mitspieler gab es nur einen Hinweis auf die Farbe oder die Form des Gegenstandes, der zu erraten war. Eine kleine Übung für die Beobachtungsgabe und die Imagination. Um Letztere geht es auch bei abstrakten Bildern, die keinen Titel tragen. Abstrakt bedeutet ja nicht, dass sich das Bild vom Vorstellbaren entfernt, im Gegenteil. Ohne Titel erst hat die Vorstellungskraft freien Lauf, kann sich die Imagination des Künstlers, der Künstlerin mit der des Betrachters verbinden, um in dessen Kopf wahrhaft zu vollenden. Und was siehst Du, was sehen Sie nun in diesem Bild? Was immer es ist, es wird einzigartig und unwiederholbar sein.

12Dezember Ohne titel


01Januar

a u c k l a n d wat e r f r o n t t w o Die Reise nach Neuseeland hat etwas vom Reisen früherer Jahrhunderte. Obwohl mit dem Flugzeug unterwegs, dauert sie gefühlt so lange wie Hannibals Zug über die Alpen. Dann endlich in Auckland. Die Waterfront ist sowas wir das eigentliche Herz der „City of Sails“. Hier liegen die Segler für den Americas Cup. Ansonsten Cafès, Restaurants, Theater, viel beliebige Architektur, die Hochhäuser des Central Business District im Rücken. Man könnte sich gleich Interessanterem zuwenden, wäre da nicht ein Gebäude, das den Blick magisch einfängt. Eine Bank mit einer Fassade aus Metallteilen gewoben, sich mit dem Licht ständig verändernd. Wow! Man möchte dem Architekten die Hände küssen für so ein Highlight. Und wünscht sich, dass er auch mal den Weg nach Deutschland findet. Auch wenn die Reise, siehe oben......


ROTGEMISCH

02Februar

Irgendwie hat sich der Schöpfer unserer Sprache bei der Farbe Rot vertan: „das“ Rot sollte die Farbe heißen, also sächlichen Geschlechts sein. Da hat er wohl nicht genau hingesehen. Rot ist nie und nimmer so indifferent wie eine Sache. Wenn schon, dann müsste man zumindest „der“ Rot sagen, denn Rot ist ja in seiner ganzen Attitüde männlich, stark, eindringlich, fordernd, Einhalt gebietend. Doch mehr noch wäre „die“ Rot angebracht. Rot und eine schöne Frau haben vieles, wenn nicht alles gemeinsam. Sie tritt überwältigend auf, ist sich ihrer Wirkung nur allzu bewusst und zeigt mit jeder Geste, dass sie weiß, was sie will. Und wir, ja wir als Betrachter stehen diesem Bann hilflos gegenüber und können die Augen von ihr nicht lassen. Also, lieber Sprachschöpfer: Können wir uns auf „die“ Rot einigen? Ja? Danke vielmals!


„Dreieck, oder Viereck. Nein, doch nicht. Oder Rhombus. Irgendwie Tetris jedenfalls.“ „Quatsch, Tetris hat doch Quadrate.“ „Aber da sind doch Quadrate!“ „Wo?“ „Na, mach’ Deine Augen auf!“ „Seh’ nix.“ „Geh’ mal näher ran. Und?“ „Wie und?“ „Na, was siehst Du?“ „Da hat jemand Fliesen verlegt, oder so.“ „Das siehst Du?“ „Ja das seh’ ich.“ „Mann, Du bist hoffnungslos. Geh’ mal weiter weg, vielleicht klingelt’s dann bei Dir.“ „Nix klingelt, aber was willst Du eigentlich von mir?“ „Dass Du mir sagt, was das Bild ausdrücken will.“ „Muss ich das?“ „Musst Du nicht.“ „Dann is’ ja gut – und jetzt verschwinde. Ich habe gerade was in dem Bild entdeckt.“ „Was?“ „Sag’ ich nicht!“ „Blödmann, Banause!“

DAS FORMENSPIEL

03März


04April

D ER N EBEL H EBT S I CH

Noch ist alles in einen grauen Schleier gehüllt, die Welt darunter scheint verschwunden. Ein Schritt vorwärts und man versinkt wohl im Nichts. Wird das Dasein jemals wiederkehren? Oder wird das Nichts zur ständigen Kulisse unseres Lebens? Was war da einmal? Ein See? Ein Berg? Gar der Horizont? Die Erinnerung zeichnet Bilder von Gesehenem, das nun der Sichtbarkeit entzogen ist. Man wagt den Schritt und hat, unvermutet, noch immer festen Boden unter sich. Plötzlich, als hätte dieser Schritt das Heben des Schleiers angestoßen, lassen sich Fragmente ahnen. Ein Blau, das sich zum Himmel entwickelt, ein Braun von feuchter Erde. Mehr und mehr Farben, erst weich gezeichnet, dann kräftiger. Staunen macht sich breit. Sie ist noch immer da, diese Welt. Ein weiterer Schritt nur und der ganze Weg liegt wieder vor uns.


05Mai

Abgerissen Es ist an der Zeit, sich einer Sache zu widmen, die von den Philosophen dieser Welt bislang kaum beachtet wurde. Die Rede ist vom Riss. Selbst Karl Marx, dessen Werk sich ja zentral mit den Rissen in Arbeitswelt und Gesellschaft beschäftigt, hat den Riss als solchen im wahrsten Sinne des Wortes links liegen lassen. Dabei ist es gerade der Riss, der auf dieser Welt, vieles, wenn nicht alles in Bewegung hält. Als Aufriss bildet er einen ersten Ansatz von vielem. Im Abriss stellt er sich als Teil von etwas Größerem dar, kann aber auch Beseitigung oder Destruktion bringen. Hingerissen schenkt er uns Faszination. Rausgerissen unterbricht er uns, oft ungewollt und mit Ärger verbunden. So ziehen sich Risse, sichtbar und unsichtbar durch Welt und Existenz. Man kann sie kitten oder verstärken, ignorieren kann man sie nicht. Wenn Risse schließlich dazu beitragen, die Mauern niederzureissen, die unsere Menschlichkeit verstellen, dann steht ihnen der Friedensnobelpreis zu.


Albern.Angenehm.Attraktiv.Aufstrebend.Augenzwinkernd.Bunt.Charmant.Durchsichtig. Einladend.Entspannt.Feierlich.Fluoriszierend.Frei.Fröhlich.Geradlinig.Gut.Heiter. Himmelwärts.Humorvoll.Innig.Jung.Kindisch.Kitzelnd.Lachend.Lebenslustig. Leichtlebig.Lieblich.Locker.Lustig.Mitreißend.Natürlich.Nett.Perfekt.Prickelnd. Reflektierend.Schillernd.Schwebend.Schwerelos.Spiegelnd.Spielerisch. Stetig.Tanzend.Transparent.Unbeschwert.Ungezwungen.Unterhaltsam.Verbindend. Vollendet.Witzig.Zielstrebig.Zufällig.Zwanglos.

06Juni

BUBBLES


Impressum: Herausgeber: Herbert Maro und Silvia Eger. Text zum Bild: Herbert Maro. Design im Auftrag der rathoch58 GmbH: Benno Perathoner, bbp@bennoart.de Atelier und Showroom der Künstlerin: Von-der-Pfordten-Strasse 28 · 80687 München. www.malerei-intuitiv.de · info@malerei-intuitiv.de · Tel. 0171-54 55 923.


Schlussbemerkung: Ein Foto kann die wahre Wirkung von Farben, Formen und f체hlbaren Elementen, welche die Wahrnehmung eines Bildes in der Realit채t pr채gen, nur ann채hernd wiedergeben.


www.malerei-intuitiv.de

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Silvia Eger: Zwölf Billder sind ein Jahr Vol. 2  

Das zweite Buch mit ausgewählten Bilden aus dem Schaffen der Münchner Künstlerin Silvia Eger, begleitet mit Texten von Herbert Maro. Second...

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