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FLORIDA Beiträge für das Leben nach der Stadt No. 1/2010

» ICH VERLANGE VON EINER STADT, IN DER ICH LEBEN SOLL: ASPHALT, STRASSENSPÜLUNG, HAUSTORSCHLÜSSEL, LUFTHEIZUNG, WARMWASSERLEITUNG. GEMÜTLICH BIN ICH SELBST. « Karl Kraus, ›Pro Domo et Mundo‹ (1912)

AN ALLE MEINE HAUSGENOSSEN Ein Irrtum. Es war nicht meine Türe oben auf dem langen Gang, die ich geöffnet hatte. »Ein Irrtum«, sagte ich und wollte wieder hinausgehen. Da sah ich den Inwohner, einen mageren bartlosen Mann, mit festgeschlossenem Munde an einem Tischchen sitzen, auf dem nur eine Petroleumlampe stand. In unserem Haus, diesem ungeheuren Vorstadthaus, einer von unzerstörbaren mittelalterlichen Ruinen durchwachsenen Mietskaserne, wurde heute am nebligen eisigen Wintermorgen folgender Aufruf verbreitet: An alle meine Hausgenossen: Ich besitze fünf Kindergewehre. Sie hängen in meinem Kasten, an jedem Haken eines. Das erste gehört mir, zu den andern kann sich melden, wer will. Melden sich mehr als vier, so müssen die überzähligen ihre eigenen Gewehre mitbringen und in meinem Kasten deponieren. Denn Einheitlichkeit muss sein, ohne Einheitlichkeit kommen wir nicht vorwärts. Übrigens habe ich nur Gewehre, die zu sonstiger Verwendung ganz unbrauchbar sind, der Mechanismus ist verdorben, der Pfropfen abgerissen, nur die Hähne

knacken noch. Es wird also nicht schwer sein, nötigenfalls noch weitere solche Gewehre zu beschaffen. Aber im Grunde sind mir für die erste Zeit auch Leute ohne Gewehre recht. Wir, die wir Gewehre haben, werden im entscheidenden Augenblick die Unbewaffneten in die Mitte nehmen. Eine Kampfesweise, die sich bei den ersten amerikanischen Farmern gegenüber den Indianern bewährt hat, warum sollte sie sich nicht auch hier bewähren, da doch die Verhältnisse ähnlich sind. Man kann also sogar für die Dauer auf die Gewehre verzichten und selbst die fünf Gewehre sind nicht unbedingt nötig, und nur weil sie schon einmal vorhanden sind, sollen sie auch verwendet werden. Wollen sie aber die vier andern nicht tragen, so sollen sie es bleiben lassen. Dann werde also ich allein als Führer eines tragen. Aber wir sollen keinen Führer haben und so werde auch ich mein Gewehr zerbrechen oder weglegen. Das war der erste Aufruf. In unserem Haus hat man keine Zeit und keine Lust, Aufrufe zu lesen oder gar zu überdenken. Bald schwammen die kleinen Papiere in dem Schmutzstrom, der, vom Dachboden ausgehend, von allen Korridoren

genährt, die Treppe hinabspült und dort mit dem Gegenstrom kämpft, der von unten hinauf schwillt. Aber nach einer Woche kam ein zweiter Aufruf: Hausgenossen! Es hat sich bisher niemand bei mir gemeldet. Ich war, soweit ich nicht meinen Lebensunterhalt verdienen muss, fortwährend zu Hause und für die Zeit meiner Abwesenheit, während welcher meine Zimmertür stets offen war, lag auf meinem Tisch ein Blatt, auf dem sich jeder, der wollte, einschreiben konnte. Niemand hat’s getan. Manchmal glaube ich, alle meine vergangenen und künftigen Sünden durch die Schmerzen meiner Knochen abzubüßen, wenn ich abends oder gar morgens nach einer Nachtschicht aus der Maschinenfabrik nach Hause komme. Ich bin nicht kräftig genug zu dieser Arbeit, das weiß ich schon seit langem und doch ändere ich nichts. In unserm Hause, diesem ungeheuren Vorstadthause, einer von mittelalterlichen Ruinen durchwachsenen Mietskaserne, wohnt auf dem gleichen Gang wie ich, bei einer Arbeiterfamilie, ein Amtsschreiber.

Sie nennen ihn zwar Beamter, aber er kann doch nur ein kleiner Schreiber sein, der mitten in dem Nest des fremden Ehepaars und seiner sechs Kinder auf einem Strohsack am Boden die Nächte verbringt. Und wenn es also ein kleiner Schreiber ist, was kümmert er mich. Selbst in diesem Haus, in dem sich doch das Elend versammelt, das die Stadt auskocht, gibt es gewiss über hundert Leute … Auf dem gleichen Gang wie ich wohnt ein Flickschneider. Trotz aller Vorsicht verbrauche ich die Kleider zu bald, letzthin musste ich wieder einen Rock zum Schneider tragen. Es war ein schöner, warmer Sommerabend. Der Schneider hat für sich, die Frau und sechs Kinder nur ein Zimmer, das gleichzeitig Küche ist. Überdies aber hat er noch einen Mieter bei sich, einen Schreiber von der Steuerbehörde. Dieser Zimmerbelag geht doch ein wenig über das Übliche hinaus, das ja in unserem Hause schon arg genug ist. Immerhin, man lässt jedem das Seine, der Schneider hat gewiss für seine Sparsamkeit unwiderlegliche Gründe und keinem Fremden fällt es ein, eine Besprechung dieser Gründe einzuleiten. Franz Kafka


FLORIDA IST EINE KÜNSTLERISCHE ARBEIT VON SCHROETER UND BERGER (GESTALTUNG), DANIEL POLLER (FOTOGRAFIEN) UND ROGER BEHRENS, IN ZUSAMMENARBEIT MIT ALEXANDRA WALIGORSKI (TEXTAUSWAHL), UND ERSCHEINT IM RAHMEN VON ›POSTURBAN – KUNST UND LEBEN NACH DER STADT‹. florida.maknete.org ›POSTURBAN – KUNST UND LEBEN NACH DER STADT‹, KURATIERT VON CORINNA KOCH UND ROGER BEHRENS FÜR MAKNETE E. V., IST TEIL DES PROJEKTS »SIDEWALK DELI«. posturban.maknete.org »SIDEWALK DELI« IST EIN KOOPERATIONSPROJEKT VOM KUNSTVEREIN HAMBURG UND DER IBA HAMBURG. DER VEREIN MAKNETE (MOBILE ARBEITSGRUPPE FÜR KUNST UND NEUE TECHNIK) SIND U. A.: ALENA NAWROTZKI, ALEXANDRA WALIGORSKI, BJÖRN BENEDITZ, CORINNA KOCH, JAN SIEBER, RUPPRECHT MATTHIES. maknete.org GESTALTUNG: SCHROETER UND BERGER. BÜRO FÜR LÖSUNGEN. schroeterundberger.de DRUCK: DIEROTATIONSDRUCKER V.I.S.D.P.: MAKNETE E. V., DIE SCHUTE, VERINGKANAL HINTER DER HONIGFABRIK, INDUSTRIESTRASSE 125, 21107 HAMBURG.


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POLITIK UND PRAXIS

Aristoteles »Der Erscheinungsort gelingender Praxis ist die Stadt.« Heinz Paetzold

Die Stadt ist nicht bloß Gemeinschaft des Wohnorts oder nur zur Verhütung gegenseitiger ungerechter Beeinträchtigungen und zur Förderung des Tauschverkehrs da. Dies alles muss zwar vorhanden sein, wenn eine Stadt entstehen soll; aber wenn es auch alles da ist, hiermit noch keine Stadt vorhanden ist, sondern dass eine Stadt erst die Gemeinschaft von Familien und Geschlechtern in einem guten Leben ist, zum Zweck eines vollendeten und sich selbst genügenden Lebens. Dies alles ist aber ein Werk der Freundschaft, denn Freundschaft ist nichts anderes als die freie Entscheidung, miteinander zu leben. Das Endziel der Stadt ist die Vollkommenheit des Lebens. I.

Dass die Stadt mit dem Festlande und dem Meere und dem ganzen Staatsgebiete möglichst gleichmäßig in Verbindung stehen müsse, haben wir schon vorhin erklärt. Was aber ihre Lage für sich betrifft, so ist es wünschenswert, dass sie einer vierfachen Rücksicht entspreche. Die erste und notwendigste ist die Rücksicht auf die Gesundheit. Die Städte, die eine abfallende Lage nach Osten und nach den vom Aufgang kommenden Winden haben, sind die gesündesten; an zweiter Stelle sind es die nach Norden abfallenden, weil sie mehr der guten winterlichen Temperatur offen stehen. Weiterhin muss die Stadt für die Aufgaben des Friedens und des Krieges passend liegen. Für Kriegsfälle muss sie für die Bewohner leichte Ausgänge haben und für die Feinde schwer zugänglich und schwer einzuschließen sein. Quellen aber und fließendes Wasser sind am besten am Orte selbst in genügender Menge vorhanden; wenn es aber daran fehlt, so erhält man den erforderlichen Bedarf durch Anlegung vieler großen Zisternen zur Aufnahme des Regenwassers, so dass

die Bewohner, wenn sie im Kriege vom Lande abgeschnitten sind, niemals Wassermangel leiden. Da aber für die Gesundheit der Einwohner gesorgt werden muss und diese zunächst durch die gute Lage des Ortes und seine Richtung, an zweiter Stelle aber auch durch die Verwendung gesunder Wasser bedingt ist, so muss auch hierauf keine geringe Sorge verwandt werden. Denn alles, was wir am meisten und häufigsten für den Körper gebrauchen, trägt auch am meisten zur Gesundheit bei; von der Art ist aber von Natur die Wirkung des Wassers und der Luft. Deshalb muss in wohlberatenen Städten, wo nicht alles fließende Wasser gleich gut oder nicht in Fülle vorhanden ist, das Wasser zum Trinken und das zu anderem Gebrauch gesondert gehalten werden. Anlangend die festen Plätze ist nicht für alle Staaten die nämliche Einrichtung zu empfehlen; so gehört z. B. eine Akropolis (Burg) für Oligarchien und Monarchien, für Demokratien die ebenmäßige Befestigung des Ganzen, und für Aristokratien keines von beiden, sondern eher mehrere feste Plätze. Die Anlage der Privathäuser gilt für geschmackvoller und den sonstigen praktischen Rücksichten entsprechender, wenn sie geradlinig ist und der neueren, hippodamischen Bauart folgt, für die Sicherheit im Kriege dagegen ist das Gegenteil, wie es in alten Zeiten Brauch war, besser. Denn bei dieser Bauart können die Fremden aus dem Häuserwirrwarr schwer herauskommen und die Angreifer sich in ihm schwer zurechtfinden. Man muss deshalb bei der Anlage der Stadt beide Systeme miteinander verbinden – dies ist möglich, wenn man sich nach dem ländlichen Muster richtet, das hin und wieder das System der Rebpfähle genannt wird –, und muss auch nicht der ganzen Stadt regelmäßige Durchschnitte geben, sondern nur ihren einzelnen Teilen und Gebieten; dann wird sie wie nach Schönheit so nach Sicherheit wohl bestellt sein. Endlich die Mauern anlangend sagt man zwar, dass Städte, die auf Tugend Anspruch machen, keine

zu haben brauchen, aber das heißt doch sehr altväterlich urteilen, besonders wo man die Städte, die mit jener Rede geprahlt haben, durch eine gegenteilige Erfahrung widerlegt sieht. Gegenüber einem gleich starken und einem an Zahl nicht sehr überlegenen Feinde ist es freilich keine Ehre, hinter festen Mauern Schutz zu suchen; da es aber möglich ist und vorkommt, dass das Übergewicht der Angreifer für alle menschliche Tapferkeit bei allzu geringer Zahl zu groß wird, so muss man, wenn es überhaupt gilt, sich zu retten und nicht Schaden und Schande zu erleiden, die höchstmögliche Festigkeit der Mauern für eines der ersten Kriegserfordernisse ansehen, zumal in der Gegenwart, wo die Technik der Wurfgeschütze und Belagerungsmaschinen solche Fortschritte gemacht hat. Jene Forderung, die Städte mit keinen Mauern zu umgeben, klingt ebenso, als wenn man zur Anlage der Stadt eine für feindliche Einfälle recht günstige Gegend aussuchen und die schützenden Höhen ringsum abtragen sollte, oder wie wenn man um die Privathäuser keine Umwehrungen aufführen dürfte, damit die Bewohner keine Gefahr laufen, Feiglinge zu werden. Auch ist gewiss nicht zu übersehen, dass es Bürgern, die ihre Stadt mit Mauern umgeben haben, freisteht, sich dieses Schutzmittels zu bedienen, oder nicht, während sie in einer offenen Stadt keine Wahl haben. Ist nun dieses richtig, so muss man nicht bloß Mauern um die Städte aufführen, sondern auch dafür sorgen, dass sie durch schöne und edle Form mit der Würde der Stadt im Einklang stehen, dann aber auch allen strategischen Anforderungen, wie überhaupt, so namentlich mit Rücksicht auf die neueren Erfindungen entsprechen. Denn wie die Offensive sich der verschiedenartigsten Vorteile zu versichern sucht, so muss auch die Defensive einmal das Alte in Obacht nehmen und dann beständig Neues dazu erfinden und ersinnen. Man greift ja auch von vornherein nicht gern Leute an, die sich gut gerüstet haben.

II.

Da die Gesamtheit der Bürger auf die Speiselokale verteilt und die Stadtmauern an geeigneten Stellen von Wachthäusern und Türmen durchbrochen sein müssen, so liegt hierin natürlich eine stillschweigende Aufforderung, eine bestimmte Anzahl der Speiselokale in diesen Wachthäusern einzurichten. Sie kann man also auf diese Weise anlegen; die den Göttern geweihten Gebäude aber und die vornehmsten Speisehäuser der Behörden liegen schicklicherweise auf einem angemessenen Platz zusammen, mit Ausnahme derjenigen Heiligtümer, denen das Gesetz oder ein pythischer Orakelspruch eine abgesonderte Lage zuweist. Angemessen dürfte nun aber ein solcher Platz sein, der einen seiner erhabenen Bestimmung entsprechenden Anblick bietet und die benachbarten Teile der Stadt an Festigkeit übertrifft. Es geziemt sich, dass unterhalb dieses Platzes ein Markt von der Art angelegt wird, wie man sie in Thessalien trifft, wo sie Freimärkte heißen. Das sind Märkte, die von allen Waren rein gehalten werden müssen, und die kein Banause, kein Bauer und sonst keiner von einer ähnlichen untergeordneten Stellung muss betreten dürfen, wenn er nicht von der Behörde vorgeladen ist. Es würde zur Schönheit dieser Örtlichkeit beitragen, wenn auch die Übungsplätze der Männer daselbst angelegt würden. Denn es schickt sich, dass auch diese Anstalten nach Lebensaltern getrennt und bei den jüngeren Leuten einige Magistratspersonen anwesend sind, während die Übungsplätze der Männer bei der Magistratur liegen. Sich so unmittelbar unter den Augen der Behörden zu wissen, flößt vorzugsweise die wahre Scham und jene Furcht ein, wie sie freien Männern ansteht. Von diesem Markte muss der Warenmarkt verschieden und getrennt sein und eine Stelle einnehmen, an die man alle von der See oder vom Binnenlande kommenden Warensendungen leicht hinschaffen kann. Da aber die Gesamtheit der Bürgerschaft in Priester und Magistrate


zerfällt, so haben auch die Speiselokale der Priester schicklicherweise in der Nähe der heiligen Gebäude ihre Stelle. Dagegen die Amtsgebäude für die Behörden, denen die Beurkundung der Verträge, die Annahme der Rechtsklagen, die Vorladung der Beklagten und andere dergleichen Geschäfte sowie auch die Markt- und die so genannte Stadtpolizei zustehen, müssen in der Nähe des Marktes an einem allgemein zugänglichen Orte belegen sein, wie es eben der Ort um den Markt für die notwendigen Bedürfnisse ist. Nach uns soll ja der obere Markt von geräuschvollem Treiben frei sein und ist für den Handel mit den gewöhnlichen Bedarfsartikeln nur der untere Markt bestimmt. Auch auf dem Lande muss die gedachte Anordnung sich wiederholen. Auch dort soll es der Aufsicht halber für die Beamten, die von den einen Waldaufseher, von den anderen Feldpolizisten genannt werden, Wachthäuser und Speiselokale geben. Auch sollen Tempel, teils für die Götter, teils für die Heroen, über das platte Land verteilt sein. Indessen wäre es müßig, jetzt bei diesen Dingen lange zu verweilen. Denn auf diesem Felde liegt die Schwierigkeit nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Man spricht von den Dingen, wie man sie wünscht, aber sie kommen, wie das Glück es fügt. • Auszüge aus: Aristoteles, ›Politik‹, 3. & 7. Buch, 1280 b f, 1330 a ff.

DIE GROSSSTÄDTE UND DAS GEISTESLEBEN Georg Simmel

Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren – die letzterreichte Umgestaltung des Kampfes mit der Natur, den der primitive Mensch um seine leibliche Existenz zu führen hat. Mag das . Jahrhundert zur Befreiung von allen historisch erwachsenen Bindungen in Staat und Religion, in Moral und Wirtschaft aufrufen, damit die ursprünglich gute Natur, die in allen Menschen die gleiche ist, sich ungehemmt entwickele; mag das . Jahrhundert neben der bloßen Freiheit die arbeitsteilige Besonderheit des Menschen und seiner Leistung fordern, die den Einzelnen unvergleichlich und möglichst unentbehrlich macht, ihn dadurch aber um so enger auf die Ergänzung durch alle anderen anweist; mag Nietzsche in dem rücksichtslosesten Kampf der Einzelnen oder der Sozialismus gerade in dem Niederhalten aller Konkurrenz die Bedingung für die volle Entwicklung der Individuen sehen – in alledem wirkt das gleiche Grundmotiv: der Widerstand des Subjekts, in einem gesellschaftlichtechnischen Mechanismus nivelliert und verbraucht zu werden. Wo die Produkte des spezifisch modernen Lebens nach ihrer Innerlichkeit gefragt werden, sozusagen der Körper der Kultur nach seiner Seele – wie mir dies heut gegenüber unseren Großstädten obliegt – wird die Antwort der Gleichung nachforschen müssen, die solche Gebilde zwischen den individuellen und den überindividuellen Inhalten des Lebens stiften, den Anpassungen der Persönlichkeit, durch die sie sich mit den ihr äußeren Mächten abfindet. Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht.

Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, d. h. sein Bewusstsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt; beharrende Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewusstsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfasst, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen. Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens – stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewusstseinsquantum, das sie uns wegen unserer Organisation als Unterschiedswesen abfordert, einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes. Daraus wird vor allem der intellektualistische Charakter des großstädtischen Seelenlebens begreiflich, gegenüber dem kleinstädtischen, das vielmehr auf das Gemüt und gefühlsmäßige Beziehungen gestellt ist. Denn diese wurzeln in den unbewussteren Schichten der Seele und wachsen am ehesten an dem ruhigen Gleichmaß ununterbrochener Gewöhnungen. Der Ort des Verstandes dagegen sind die durchsichtigen, bewussten, obersten Schichten unserer Seele, er ist die anpassungsfähigste unserer inneren Kräfte; er bedarf, um sich mit dem Wechsel und Gegensatz der Erscheinungen abzufinden, nicht der Erschütterungen und des inneren Umgrabens, wodurch allein das konservativere Gemüt sich in den gleichen Rhythmus der Erscheinungen zu schicken wüsste. So schafft der Typus des Großstädters, – der natürlich von tausend individuellen Modifikationen

umspielt ist – sich ein Schutzorgan gegen die Entwurzelung, mit der die Strömungen und Diskrepanzen seines äußeren Milieus ihn bedrohen: statt mit dem Gemüte reagiert er auf diese im wesentlichen mit dem Verstande, dem die Steigerung des Bewusstseins, wie dieselbe Ursache sie erzeugte, die seelische Prärogative verschafft; damit ist die Reaktion auf jene Erscheinungen in das am wenigsten empfindliche, von den Tiefen der Persönlichkeit am weitesten abstehende psychische Organ verlegt. Diese Verstandesmäßigkeit, so als ein Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigungen der Großstadt erkannt, verzweigt sich in und mit vielfachen Einzelerscheinungen. Geld und Großstadt

Die Großstädte sind von jeher die Sitze der Geldwirtschaft gewesen, weil die Mannigfaltigkeit und Zusammendrängung des wirtschaftlichen Austausches dem Tauschmittel eine Wichtigkeit verschafft, zu der es bei der Spärlichkeit des ländlichen Tauschverkehrs nicht gekommen wäre. Geldwirtschaft aber und Verstandesherrschaft stehen im tiefsten Zusammenhange. Ihnen ist gemeinsam die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte paart. Der rein verstandesmäßige Mensch ist gegen alles eigentlich Individuelle gleichgültig, weil aus diesem sich Beziehungen und Reaktionen ergeben, die mit dem logischen Verstande nicht auszuschöpfen sind gerade wie in das Geldprinzip die Individualität der Erscheinungen nicht eintritt. Denn das Geld fragt nur nach dem, was ihnen allen gemeinsam ist, nach dem Tauschwert, der alle Qualität und Eigenart auf die Frage nach dem bloßen Wieviel nivelliert. Alle Gemütsbeziehungen zwischen Personen gründen sich auf deren Individualität, während die verstandesmäßigen mit den


Menschen wie mit Zahlen rechnen, wie mit an sich gleichgültigen Elementen, die nur nach ihrer objektiv abwägbaren Leistung ein Interesse haben – wie der Großstädter mit seinen Lieferanten und seinen Abnehmern, seinen Dienstboten und oft genug mit den Personen seines gesellschaftlichen Pflichtverkehrs rechnet, im Gegensatz zu dem Charakter des kleineren Kreises, in dem die unvermeidliche Kenntnis der Individualitäten ebenso unvermeidlich eine gemütvollere Tönung des Verhaltens erzeugt, ein Jenseits der bloß objektiven Abwägung von Leistung und Gegenleistung. Das Wesentliche auf wirtschaftspsychologischem Gebiet ist hier, dass in primitiveren Verhältnissen für den Kunden produziert wird, der die Ware bestellt, so dass Produzent und Abnehmer sich gegenseitig kennen. Die moderne Großstadt aber nährt sich fast vollständig von der Produktion für den Markt, d. h. für völlig unbekannte, nie in den Gesichtskreis des eigentlichen Produzenten tretende Abnehmer. Dadurch bekommt das Interesse beider Parteien eine unbarmherzige Sachlichkeit, ihr verstandesmäßig rechnender wirtschaftlicher Egoismus hat keine Ablenkung durch die Imponderabilien persönlicher Beziehungen zu fürchten. Und dies steht offenbar mit der Geldwirtschaft, die in den Großstädten dominiert, und hier die letzten Reste der Eigenproduktion und des unmittelbaren Warentausches verdrängt hat und die Kundenarbeit täglich mehr reduziert –, in so enger Wechselwirkung, dass niemand zu sagen wüsste, ob zuerst jene seelische, intellektualistische Verfassung auf die Geldwirtschaft hindrängte, oder ob diese der bestimmende Faktor für jene war. Sicher ist nur, dass die Form des großstädtischen Lebens der nährendste Boden für diese Wechselwirkung ist; was ich nur noch mit dem Ausspruch des bedeutendsten englischen Verfassungshistorikers belegen will: im Verlauf der ganzen englischen Geschichte habe London niemals als das Herz von England gehandelt, oft als sein Verstand und immer als sein Geldbeutel! An einem scheinbar unbedeutenden Zuge auf der Oberfläche des Lebens vereinigen sich, nicht wenig charakteristisch, dieselben seelischen Strömungen. Der moderne Geist ist mehr und mehr ein rechnender geworden.

Der exakte Geist

Dem Ideale der Naturwissenschaft, die Welt in ein Rechenexempel zu verwandeln, jeden Teil ihrer in mathematischen Formeln festzulegen, entspricht die rechnerische Exaktheit des praktischen Lebens, die ihm die Geldwirtschaft gebracht hat; sie erst hat den Tag so vieler Menschen mit Abwägen, Rechnen, zahlenmäßigem Bestimmen, Reduzieren qualitativer Werte auf quantitative ausgefüllt. Durch das rechnerische Wesen des Geldes ist in das Verhältnis der Lebenselemente eine Präzision, eine Sicherheit in der Bestimmung von Gleichheiten und Ungleichheiten, eine Unzweideutigkeit in Verabredungen und Ausmachungen gekommen – wie sie äußerlich durch die allgemeine Verbreitung der Taschenuhren bewirkt wird. Es sind aber die Bedingungen der Großstadt, die für diesen Wesenszug so Ursache wie Wirkung sind. Die Beziehungen und Angelegenheiten des typischen Großstädters pflegen so mannigfaltige und komplizierte zu sein, vor allem: durch die Anhäufung so vieler Menschen mit so differenzierten Interessen greifen ihre Beziehungen und Betätigungen zu einem so vielgliedrigen Organismus ineinander, dass ohne die genaueste Pünktlichkeit in Versprechungen und Leistungen das Ganze zu einem unentwirrbaren Chaos zusammenbrechen würde. Wenn alle Uhren in Berlin plötzlich in verschiedener Richtung falsch gehen würden, auch nur um den Spielraum einer Stunde, so wäre sein ganzes wirtschaftliches und sonstiges Verkehrsleben auf lange hinaus zerrüttet. Dazu kommt, scheinbar noch äußerlicher, die Größe der Entfernungen, die alles Warten und Vergebenskommen zu einem gar nicht aufzubringenden Zeitaufwand machen. So ist die Technik des großstädtischen Lebens überhaupt nicht denkbar, ohne dass alle Tätigkeiten und Wechselbeziehungen aufs pünktlichste in ein festes, übersubjektives Zeitschema eingeordnet würden. Aber auch hier tritt hervor, was überhaupt nur die ganze Aufgabe dieser Betrachtungen sein kann: dass sich von jedem Punkt an der Oberfläche des Daseins, so sehr er nur in und aus dieser erwachsen scheint, ein Senkblei in die Tiefe der Seelen schicken lässt, dass alle banalsten Äußerlichkeiten schließlich durch

Richtungslinien mit den letzten Entscheidungen über den Sinn und Stil des Lebens verbunden sind. Die Pünktlichkeit, Berechenbarkeit, Exaktheit, die die Komplikationen und Ausgedehntheiten des großstädtischen Lebens ihm aufzwingen, steht nicht nur in engstem Zusammenhange mit ihrem geldwirtschaftlichen und ihrem intellektualistischen Charakter, sondern muss auch die Inhalte des Lebens färben und den Ausschluss jener irrationalen, instinktiven, souveränen Wesenszüge und Impulse begünstigen, die von sich aus die Lebensform bestimmen wollen, statt sie als eine allgemeine, schematisch präzisierte von außen zu empfangen. Blasiertheit

Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt vorbehalten wäre, wie die Blasiertheit. Sie ist zunächst die Folge jener rasch wechselnden und in ihren Gegensätzen eng zusammengedrängten Nervenreize, aus denen uns auch die Steigerung der großstädtischen Intellektualität hervorzugehen schien; weshalb denn auch dumme und von vornherein geistig unlebendige Menschen nicht gerade blasiert zu sein pflegen. Wie ein maßloses Genussleben blasiert macht, weil es die Nerven so lange zu ihren stärksten Reaktionen aufregt, bis sie schließlich überhaupt keine Reaktion mehr hergeben – so zwingen ihnen auch harmlosere Eindrücke durch die Raschheit und Gegensätzlichkeit ihres Wechsels so gewaltsame Antworten ab, reißen sie so brutal hin und her, dass sie ihre letzte Kraftreserve hergeben und, in dem gleichen Milieu verbleibend, keine Zeit haben, eine neue zu sammeln. Die so entstehende Unfähigkeit, auf neue Reize mit der ihnen angemessenen Energie zu reagieren, ist eben jene Blasiertheit, die eigentlich schon jedes Kind der Großstadt im Vergleich mit Kindern ruhigerer und abwechslungsloserer Milieus zeigt. Mit dieser physiologischen Quelle der großstädtischen Blasiertheit vereinigt sich die andere, die in der Geldwirtschaft fließt. Das Wesen der Blasiertheit ist die Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge, nicht in dem Sinne, dass sie nicht wahrgenommen würden, wie von dem Stumpfsinnigen, sondern so, dass die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird.

Reserviertheit

Die geistige Haltung der Großstädter zu einander wird man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen dürfen. Wenn der fortwährenden äußeren Berührung mit unzähligen Menschen so viele innere Reaktionen antworten sollten, wie in der kleinen Stadt, in der man fast jeden Begegnenden kennt und zu jedem ein positives Verhältnis hat, so würde man sich innerlich völlig atomisieren und in eine ganz unausdenkbare seelische Verfassung geraten. Teils dieser psychologische Umstand, teils das Recht auf Misstrauen, das wir gegenüber den in flüchtiger Berührung vorüberstreifenden Elementen des Großstadtlebens haben, nötigt uns zu jener Reserve, infolge deren wir jahrelange Hausnachbarn oft nicht einmal von Ansehen kennen und die uns dem Kleinstädter so oft als kalt und gemütlos erscheinen lässt. Ja, wenn ich mich nicht täusche, ist die Innenseite dieser äußeren Reserve nicht nur Gleichgültigkeit, sondern, häufiger als wir es uns zum Bewusstsein bringen, eine leise Aversion, eine gegenseitige Fremdheit und Abstoßung, die in dem Augenblick einer irgendwie veranlassten nahen Berührung sogleich in Hass und Kampf ausschlagen würde. Die ganze innere Organisation eines derartig ausgedehnten Verkehrslebens beruht auf einem äußerst mannigfaltigen Stufenbau von Sympathien, Gleichgültigkeiten und Aversionen der kürzesten wie der dauerndsten Art. Die Sphäre der Gleichgültigkeit ist dabei nicht so groß, wie es oberflächlich scheint; die Aktivität unserer Seele antwortet doch fast auf jeden Eindruck seitens eines anderen Menschen mit einer irgendwie bestimmten Empfindung, deren Unbewusstheit, Flüchtigkeit und Wechsel sie nur in eine Indifferenz aufzuheben scheint. Tatsächlich wäre diese letztere uns ebenso unnatürlich, wie die Verschwommenheit wahlloser gegenseitiger Suggestion unerträglich, und vor diesen beiden typischen Gefahren der Großstadt bewahrt uns die Antipathie, das latente und Vorstadium des praktischen Antagonismus, sie bewirkt die Distanzen und Abwendungen, ohne die diese Art Leben überhaupt nicht geführt werden könnte: ihre Maße und ihre Mischungen, der Rhythmus ihres Auftauchens und Verschwindens, die Formen, in denen ihr genügt wird – dies bildet mit den im engeren Sinne vereinheitlichenden


Motiven ein untrennbares Ganzes der großstädtischen Lebensgestaltung: was in dieser unmittelbar als Dissoziierung erscheint, ist so in Wirklichkeit nur eine ihrer elementaren Sozialisierungsformen. Diese Reserviertheit mit dem Oberton versteckter Aversion erscheint aber nun wieder als Form oder Gewand eines viel allgemeineren Geisteswesens der Großstadt. Sie gewährt nämlich dem Individuum eine Art und ein Maß persönlicher Freiheit, zu denen es in anderen Verhältnissen gar keine Analogie gibt: sie geht damit auf eine der großen Entwicklungstendenzen des gesellschaftlichen Lebens überhaupt zurück, auf eine der wenigen, für die eine annähernd durchgängige Formel auffindbar ist. Das früheste Stadium sozialer Bildungen, das sich an den historischen, wie an gegenwärtig sich gestaltenden findet, ist dieses: ein relativ kleiner Kreis, mit starkem Abschluss gegen benachbarte, fremde, oder irgendwie antagonistische Kreise, dafür aber mit einem um so engeren Zusammenschluss in sich selbst, der dem einzelnen Mitglied nur einen geringen Spielraum für die Entfaltung eigenartiger Qualitäten und freier, für sich selbst verantwortlicher Bewegungen gestattet. So beginnen politische und familiäre Gruppen, so Parteibildungen, so Religionsgenossenschaften; die Selbsterhaltung sehr junger Vereinigungen fordert strenge Grenzsetzung und zentripetale Einheit und kann deshalb dem Individuum keine Freiheit und Besonderheit innerer und äußerer Entwicklung einräumen. Athen

Das Kleinstadtleben in der Antike wie im Mittelalter legte dem Einzelnen Schranken der Bewegung und Beziehungen nach außen, der Selbständigkeit und Differenzierung nach innen hin auf, unter denen der moderne Mensch nicht atmen könnte. Noch heute empfindet der Großstädter, in die Kleinstadt versetzt, eine wenigstens der Art nach gleiche Beengung. Je kleiner ein solcher Kreis ist, der unser Milieu bildet, je beschränkter die grenzenlösenden Beziehungen zu anderen, desto ängstlicher wacht er über die Leistungen, die Lebensführung, die Gesinnungen des Individuums, desto eher würde eine quantitative und qualitative Sonderart den Rahmen des Ganzen sprengen.

Die antike Polis scheint nach dieser Richtung ganz den Charakter der Kleinstadt gehabt zu haben. Die fortwährende Bedrohtheit ihrer Existenz durch Feinde von nah und fern bewirkte jenen straffen Zusammenhalt in politischer und militärischer Beziehung, jene Beaufsichtigung des Bürgers durch den Bürger, jene Eifersucht der Gesamtheit gegen den Einzelnen, dessen Sonderleben so in einem Maße niedergehalten war, für das er sich höchstens durch den Despotismus seinem Hause gegenüber schadlos halten konnte. Die ungeheure Bewegtheit und Erregtheit, die einzigartige Farbigkeit des athenischen Lebens erklärt sich vielleicht daraus, dass ein Volk von unvergleichlich individuell angelegten Persönlichkeiten gegen den steten inneren und äußeren Druck einer entindividualisierenden Kleinstadt ankämpfte. Dies erzeugte eine Atmosphäre von Gespanntheit, in der die schwächeren niedergehalten und die starken zu den leidenschaftlichsten Selbstbewährungen angereizt wurden. Und eben damit gelangte in Athen dasjenige zur Blüte, was man, ohne es genau umschreiben zu können, als »das allgemein Menschliche« in der geistigen Entwicklung unserer Art bezeichnen muss. Funktionelle Größe

Es ist nicht nur die unmittelbare Größe von Bezirk und Menschenzahl, die, wegen der weltgeschichtlichen Korrelation zwischen der Vergrößerung des Kreises und der persönlichen, innerlich-äußerlichen Freiheit, die Großstadt zum Sitz der letzteren macht, sondern, über diese anschauliche Weite noch hinausgreifend, sind die Großstädte auch die Sitze des Kosmopolitismus gewesen. Vergleichbar der Form der Vermögensentwicklung – jenseits einer gewissen Höhe pflegt der Besitz sich in immer rascheren Progressionen und wie von selbst zu steigern – vergrößern sich der Gesichtskreis, die wirtschaftlichen, persönlichen, geistigen Beziehungen der Stadt, ihr ideelles Weichbild, wie in geometrischer Progression, sobald erst einmal eine gewisse Grenze überschritten ist; jede gewonnene dynamische Ausdehnung ihrer wird zur Staffel, nicht für eine gleiche, sondern für eine größere nächste Ausdehnung, an jeden Faden, der sich von ihr aus spinnt, wachsen dann wie von selbst immer neue an, gerade wie innerhalb der Stadt das unearned increment der Bodenrente

dem Besitzer durch die bloße Hebung des Verkehrs ganz von selbst wachsende Gewinne zuführt. An diesem Punkt setzt sich die Quantität des Lebens sehr unmittelbar in Qualität und Charakter um. Die Lebenssphäre der Kleinstadt ist in der Hauptsache in und mit ihr selbst beschlossen. Für die Großstadt ist dies entscheidend, dass ihr Innenleben sich in Wellenzügen über einen weiten nationalen oder internationalen Bezirk erstreckt. Das bedeutsamste Wesen der Großstadt liegt in dieser funktionellen Größe jenseits ihrer physischen Grenzen: und diese Wirksamkeit wirkt wieder zurück und gibt ihrem Leben Gewicht, Erheblichkeit, Verantwortung. Wie ein Mensch nicht zu Ende ist mit den Grenzen seines Körpers oder des Bezirkes, den er mit seiner Tätigkeit unmittelbar erfüllt, sondern erst mit der Summe der Wirkungen, die sich von ihm aus zeitlich und räumlich erstrecken: so besteht auch eine Stadt erst aus der Gesamtheit der über ihre Unmittelbarkeit hinausreichenden Wirkungen. Dies erst ist ihr wirklicher Umfang, in dem sich ihr Sein ausspricht. Arbeitsteilung

Die Städte sind zunächst die Sitze der höchsten wirtschaftlichen Arbeitsteilung; sie erzeugen darin so extreme Erscheinungen, wie in Paris den einträglichen Beruf des Quatorzième: Personen, durch Schilder an ihren Wohnungen kenntlich, die sich zur Dinerstunde in angemessenem Kostüm bereit halten, um schnell herangeholt zu werden, wo sich in einer Gesellschaft  am Tisch befinden. Genau im Maße ihrer Ausdehnung bietet die Stadt immer mehr die entscheidenden Bedingungen der Arbeitsteilung: einen Kreis, der durch seine Größe für eine höchst mannigfaltige Vielheit von Leistungen aufnahmefähig ist, während zugleich die Zusammendrängung der Individuen und ihr Kampf um den Abnehmer den Einzelnen zu einer Spezialisierung der Leistung zwingt, in der er nicht so leicht durch einen anderen verdrängt werden kann. Das Entscheidende ist, dass das Stadtleben den Kampf für den Nahrungserwerb mit der Natur in einen Kampf um den Menschen verwandelt hat, dass der umkämpfte Gewinn hier nicht von der Natur, sondern vom Menschen gewährt wird. Denn hierin fließt nicht nur die eben angedeutete Quelle der

Spezialisierung, sondern die tiefere: der Anbietende muss in dem Umworbenen immer neue und eigenartigere Bedürfnisse hervorzurufen suchen. Die Notwendigkeit, die Leistung zu spezialisieren, um eine noch nicht ausgeschöpfte Erwerbsquelle, eine nicht leicht ersetzbare Funktion zu finden, drängt auf Differenzierung, Verfeinerung, Bereicherung der Bedürfnisse des Publikums, die ersichtlich zu wachsenden personalen Verschiedenheiten innerhalb dieses Publikums führen müssen. Und dies leitet zu der im engeren Sinne geistigen Individualisierung seelischer Eigenschaften über, zu der die Stadt im Verhältnis ihrer Größe Veranlassung gibt. Tragödie der Kultur

Die Entwicklung der modernen Kultur charakterisiert sich durch das Übergewicht dessen, was man den objektiven Geist nennen kann, über den subjektiven, d. h., in der Sprache wie im Recht, in der Produktionstechnik wie in der Kunst, in der Wissenschaft wie in den Gegenständen der häuslichen Umgebung ist eine Summe von Geist verkörpert, deren täglichem Wachsen die geistige Entwicklung der Subjekte nur sehr unvollständig und in immer weiterem Abstand folgt. Übersehen wir etwa die ungeheure Kultur, die sich seit  Jahren in Dingen und Erkenntnissen, in Institutionen und Komforts verkörpert hat, und vergleichen wir damit den Kulturfortschritt der Individuen in derselben Zeit – wenigstens in den höheren Ständen – so zeigt sich eine erschreckende Wachstumsdifferenz zwischen beiden, ja in manchen Punkten eher ein Rückgang der Kultur der Individuen in Bezug auf Geistigkeit, Zartheit, Idealismus. Diese Diskrepanz ist im Wesentlichen der Erfolg wachsender Arbeitsteilung; denn eine solche verlangt vom Einzelnen eine immer einseitigere Leistung, deren höchste Steigerung seine Persönlichkeit als ganze oft genug verkümmern lässt. Jedenfalls, dem Überwuchern der objektiven Kultur ist das Individuum weniger und weniger gewachsen. Vielleicht weniger bewusst, als in der Praxis und in den dunklen Gesamtgefühlen, die ihr entstammen, ist es zu einer quantité négligeable herabgedrückt, zu einem Staubkorn gegenüber einer ungeheuren Organisation von Dingen und Mächten, die ihm alle Fortschritte, Geistigkeiten, Werte allmählich aus der Hand spielen und sie aus der Form


des subjektiven in die eines rein objektiven Lebens überführen. Es bedarf nur des Hinweises, dass die Großstädte die eigentlichen Schauplätze dieser, über alles Persönliche hinauswachsenden Kultur sind. Hier bietet sich in Bauten und Lehranstalten, in den Wundern und Komforts der Raum überwindenden Technik, in den Formungen des Gemeinschaftslebens und in den sichtbaren Institutionen des Staates eine so überwältigende Fülle kristallisierten, unpersönlich gewordenen Geistes, dass die Persönlichkeit sich sozusagen dagegen nicht halten kann. Das Leben wird ihr einerseits unendlich leicht gemacht, indem Anregungen, Interessen, Ausfüllungen von Zeit und Bewusstsein sich ihr von allen Seiten anbieten und sie wie in einem Strome tragen, in dem es kaum noch eigener Schwimmbewegungen bedarf. Andererseits aber setzt sich das Leben doch mehr und mehr aus diesen unpersönlichen Inhalten und Darbietungen zusammen, die die eigentlich persönlichen Färbungen und Unvergleichlichkeiten verdrängen wollen; so dass nun gerade, damit dieses Persönlichste sich rette, es ein Äußerstes an Eigenart und Besonderung aufbieten muss; es muss dieses übertreiben, um nur überhaupt noch hörbar, auch für sich selbst, zu werden. Die Atrophie der individuellen durch die Hypertrophie der objektiven Kultur ist ein Grund des grimmigen Hasses, den die Prediger des äußersten Individualismus, Nietzsche voran, gegen die Großstädte hegen, aber auch ein Grund, weshalb sie gerade in den Großstädten so leidenschaftlich geliebt sind, grade dem Großstädter als die Verkünder und Erlöser seiner unbefriedigtsten Sehnsucht erscheinen. Indem man diese beiden Formen des Individualismus, die von den quantitativen Verhältnissen der Großstadt genährt werden: die individuelle Unabhängigkeit und die Ausbildung persönlicher Sonderart – nach ihrer geschichtlichen Stellung fragt, gewinnt die Großstadt einen ganz neuen Wert in der Weltgeschichte des Geistes. • Gekürzt, aus: ›Die Grossstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung‹, Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden, Band 9, Dresden 1903, S. 185–206

VERSTÄDTERUNG UND UMWELT Die Entwicklung der Städte bis zum Jahr 2000

»Verstädterung« bezeichnet einen proportionalen Zuwachs des Bevölkerungsteils, der in oder in der Nähe eines großstädtischen Ballungsraums lebt. Die Folgen der Verschiebung der Bevölkerung von den ländlichen Gegenden zu den Großstädten sind in Bezug auf verschiedene demografische und sozioökonomische Variablen untersucht worden, aber ein vollständiges Verständnis dieses Vorgangs und seiner Bedeutung für die zukünftige Bevölkerungsentwicklung steht noch aus. •

Der größte Teil des prognostizierten Zuwachses würde in den bereits bestehenden Städten stattfinden und als Folge davon würden viele Städte in den unterentwickelten Ländern fast unvorstellbar groß werden. Zum Beispiel würde Mexiko-Stadt im Jahr  fast  Mill. Menschen beherbergen – ungefähr viermal so viel wie die gegenwärtige Bevölkerung von New York City. Die Bevölkerung von São Paolo würde  Mill. übersteigen. Insgesamt würden mehr als  Städte die Millionengrenze überschreiten, die meisten davon in Entwicklungsländern. Das rapideste städtische Wachstum der unterentwickelten Länder findet in den ›wilden Siedlungen‹ statt – den städtischen Slums und Elendsquartieren, wo es keine oder so gut wie keine sanitäre Einrichtungen und keine Infrastruktur gibt. Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Einwohner vieler großer Städte – z. B. Buenaventura in Kolumbien, Izmir und Ankara in der Türkei und Maracaibo in Venezuela – in wilden Siedlungen, in anderen Städten – Bagdad, Seoul, Kalkutta, Taipeh, Mexiko-Stadt und Rio de Janeiro – ist es schon ein Viertel. Schätzungen, die vor kurzem angestellt wurden, deuten darauf hin, dass sich die Bevölkerung vieler wilder Siedlungen alle  bis  Jahre verdoppeln, während die städtische Bevölkerung insgesamt sich nur alle  bis  Jahre verdoppelt. Das schnellere Wachstum der

wilden Siedlungen bedeutet, dass im Laufe der Zeit ein immer größerer Teil der Stadtbevölkerung in den unterentwickelten Ländern in diesen Siedlungen leben wird. In Bombay, wo es mit die größten wilden Siedlungen der Welt gibt, lebten  etwa  % der Bevölkerung von  Mill. in Wellblechquartieren und Slums, und diese Slumbevölkerung nahm pro Jahr um , % zu. Das schnelle Wachstum der Stadtbevölkerungen in den unterentwickelten Ländern wird bis zum Jahre  eine nie gekannte Belastung der sanitären Einrichtungen und der übrigen Infrastruktur hervorrufen. Abfallbeseitigung, Wasser, Gesundheitsvorsorge, Unterkunft, Ausbildung, Nahrung und Arbeitsplätze werden für die ungefähr , Mrd. neu hinzugekommenen Stadtbewohner benötigt werden. Schon um im Jahre  dieselben Dienstleistungen pro Kopf zur Verfügung zu stellen wie heute, müssen die unterentwickelten Länder alle Einrichtungen, Infrastruktur und öffentlichen Mittel ihrer Städte um ungefähr zwei Drittel erhöhen – und dieser massive Zuwachs würde unter dem Strich noch keine Verbesserung des gegenwärtigen Zustands darstellen. Das Ausmaß, in dem öffentliche Einrichtungen vorhanden sein werden, wird in großem Maße die Umweltbedingungen in den Großstädten der unterentwickelten Länder bestimmen. Einwandfreies Trinkwasser und Kanalisation sind zwei der grundlegenden Indikatoren der Umweltbedingungen in den Städten der UL. Obwohl sich die Verhältnisse in dem Zeitraum – gebessert haben, gibt es für eine große Zahl von Stadtbewohnern der unterentwickelten Länder immer noch kein einwandfreies Trinkwasser. Eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahre  gab an, dass zu diesem Zeitpunkt  % der städtischen Bevölkerung in den unterentwickelten Ländern keinen Wasseranschluss im Haus oder auch nur Zugang zu Wasserbehältern hatte und  % keine Einrichtung zur Beseitigung der Exkremente im Hause hatte.

Die Versorgung mit Trinkwasser in den Städten der unterentwickelten Länder ist eng verknüpft mit den Problemen der Beseitigung und Klärung der Abwässer. Ein Bericht aus dem Jahr  ergab, dass nur , % der städtischen Bevölkerung in den unterentwickelten Ländern der Erde in Unterkünften lebte, die an eine Kanalisation angeschlossen sind, die wiederum zu irgendeiner Form von konventioneller Kläranlage führt. Die Unterkünfte von weiteren , % waren an Kanalisationssysteme angeschlossen, die keine Klärung der Abwässer zuließen. Von weiteren , % wurden Plumpsklos, Abwassertanks und Eimer benutzt; die restlichen ,% besaßen noch nicht einmal das. Ohne die grundlegenden sanitären Einrichtungen sind die städtischen Bevölkerungen der unterentwickelten Länder ständig von Epidemien bedroht und sich schnell verbreitenden Infektionskrankheiten ausgesetzt. Die gesundheitlichen Folgen der Wasserverschmutzung durch Abwässer in den unterentwickelten Ländern sind schon schwerwiegend. Zunehmende Bevölkerungen – und die daraus resultierende Belastung von Strömen, Flüssen, Seen und der Küstengewässer – verbreiten verschiedene Krankheiten in den städtischen Siedlungen, die über das wasser übertragen werden. Neuere Zahlen über die Folgen von Krankheiten, die über das Wasser übertragen werden, in den Entwicklungsländern zeigen, dass auf solche Krankheiten  % der Sterbefälle der betroffenen Länder und  % der Krankheitsfälle zurückzuführen sind. In Gebieten, die von mehr als  % der Weltbevölkerung bewohnt werden, können Durchfallerkrankungen, Typhus, Cholera und Hepatitis, die dort die häufigsten Todesursachen sind, auf ungenügende Klärung der Abwässer zurückgeführt werden. •

Die gegenwärtigen Trends lassen erwarten, dass sich die Probleme der Luft- und Wasserverschmutzung verschlimmern werden, und


die Ausbreitung von Krankheiten, die über das wasser verbreitet werden, sowie die Beseitigung der Toten werden eine immer größere Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen. Allerdings ist die Beseitigung der Toten in Ländern, wo Religion und Kultur die Einäscherung begünstigen, mit weniger Gesundheits- und Platzproblemen verbunden. In Kulturen, wo die Beerdigung vorgezogen wird und wenig Platz vorhanden ist, treten die Probleme der Gesundheitsvorsorge in den Vordergrund. Die größten Schwierigkeiten ergeben sich in Großstädten der unterentwickelten Länder nach einem Erdbeben oder einer ähnlichen vorübergehenden Ursache für hohe Sterblichkeit, sie können aber auch in den Industrieländern auftreten. •

Das Wachstum der Städte, das größtenteils auf die Zuwanderung von Armen aus den ländlichen Gebieten zurückzuführen ist, könnte bis zum Jahr  in den Entwicklungsländern Städte von nie gekannten Größen entstehen lassen. Andererseits ist es möglich, dass eine Entwicklung der ländlichen Gebiete im Verein mit einem Niedergang der wirtschaftlichen und gesundheitlichen Verhältnisse in den Großstädten der unterentwickelten Länder diese Wanderungsbewegung etwas verlangsamen wird. In jedem Fall wird vorhergesagt, dass die unkontrollierten Siedlungen, in denen große Zahlen von Armen ohne Zugang zu den lebensnotwendigsten öffentlichen Einrichtungen wie Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung leben, am schnellsten wachsen werden. Bei den vorhergesagten Wachstumsraten ist es zweifelhaft, ob die öffentlichen Einrichtungen vieler Großstädte in den unterentwickelten Ländern rasch genug ausgeweitet werden können, um nur den gegenwärtigen Versorgungsstand pro Kopf aufrecht zu erhalten. Ungeklärte Abwässer, Luftverschmutzung, fehlende Unterkünfte, schlechte und überlastete Verkehrsmittel, unzulängliche Feuerschutzmaßnahmen und Krankheiten werden in diesen Städten immer größere Probleme darstellen. Unmittelbar außerhalb der Städte werden Brennholzsammler, Hirten und Holzkohlenproduzenten die Umgebung aller Bäume, Sträucher und Grasflächen berauben. Im gleichen Maß, in dem sich das zerstörte Gebiet vergrößert, nehmen die Verluste an dort heimischen Tier- und Pflanzenarten, schwere

Bodenerosion und die Gefahr schwerer Überschwemmungen zu. • ›Global 2000. Der Bericht an den Präsidenten‹, deutsche Übersetzung hg. von Reinhard Kaiser, Frankfurt am Main 1980, S. 187, S. 520 ff. und S. 529.

ELEMENTARPROGRAMM DES BÜROS FÜR EINEN UNITÄREN URBANISMUS

• Anmerkung: Derzeit gibt es weltweit ungefähr 300 Millionenstädte. – Mexiko-Stadt und São Paulo haben heute jeweils knapp 20. Mill. Einwohner, aber auch New York City zählt gegenwärtig fast 20 Mill. Einwohner (Zahlen jeweils in Bezug auf die Metropolenregion).

1. Leere des Urbanismus und Leere des Spektakels

Der Urbanismus existiert nicht: er ist nur eine ›Ideologie‹ im Sinne von Marx. Die Architektur existiert wirklich, wie das Coca-Cola: sie ist ein in Ideologie gekleidetes, aber reelles Produkt, das auf falsche Weise ein verfälschtes Bedürfnis befriedigt. Der Urbanismus kann mit einer Reklameausstellung für Coca-Cola verglichen werden: eine reine spektakuläre Ideologie. Der moderne Kapitalismus, der die Reduktion des gesamten sozialen Lebens auf das Spektakel organisiert, ist außerstande, ein anderes Spektakel zu geben als das unserer eigenen Entfremdung. Sein Traum vom Urbanismus ist sein Meisterstück. 2. Die Städteplanung als Konditionierung und falsche Beteiligung

Die Entwicklung des städtischen Milieus ist die kapitalistische Dressur des Raumes. Sie stellt die Wahl einer bestimmten Materialisierung des Möglichen dar und den Ausschluss von anderen. Wie die Ästhetik, deren Bewegung der Auflösung sie folgt, kann man sie als einen ziemlich vernachlässigten Zweig der Kriminologie betrachten. Auf der Ebene des Urbanismus im Vergleich zur bloßen architektonischen Ebene lässt sie sich jedoch dadurch kennzeichnen, dass sie die Bejahung der Bevölkerung fordert, eine individuelle Integration in die Ingangsetzung dieser bürokratischen Produktion der Konditionierung. All das wird durch das erpresserische Geschwätz von der Brauchbarkeit erzwungen. Verheimlicht wird aber, dass die ganze Bedeutung dieser Brauchbarkeit in den Dienst der Verdinglichung gestellt wird. Der moderne Kapitalismus lässt einen auf jede Kritik verzichten mit dem simplen Argument, man brauche ein Dach über dem Kopf, ebenso wie die Einführung des Fernsehens damit entschuldigt wird, man brauche Information und

Unterhaltung. So übersieht man schließlich die offensichtliche Tatsache, dass diese Information, diese Unterhaltung, diese Art des Wohnens nicht für Menschen gemacht sind, sondern ohne sie, gegen sie. Die ganze Städteplanung ist nur ein Betätigungsfeld für die Publicity und Propaganda einer Gesellschaft, d. h. die Organisation der Teilnahme an einer Sache, an der man unmöglich teilnehmen kann. 3. Der Verkehr als höchstes Stadium der Städteplanung

Der Verkehr ist die Organisation der Isolation aller und insofern das Hauptproblem der modernen Städte. Er ist das Gegenteil der Begegnung, nämlich die Absorption der für Begegnungen oder sonst eine Art von Beteiligung verfügbaren Energien. Die unmöglich gewordene Beteiligung wird durch Spektakel kompensiert. Das Spektakel wird in der Wohnung und im Standortwechsel sichtbar (Standard von Wohngebäuden und Autos). Denn in Wirklichkeit bewohnt man nicht ein Stadtviertel, sondern die Macht. Man wohnt irgendwo in der Hierarchie. Am Gipfel dieser Hierarchie kann die Rangordnung am Grad des Verkehrs gemessen werden. Die Macht wird sichtbar durch die Verpflichtung, täglich an mehr und mehr und immer weiter voneinander entfernten Orten anwesend zu sein (Geschäftsdiners). Man könnte die moderne Führungskraft als einen Mann charakterisieren, bei dem es vorkommt, dass er sich im Laufe eines einzigen Tages in drei verschiedenen Hauptstädten befindet. 4. Die Verfremdung vor dem Spektakel der Städte

Das gesamte Spektakel hat das Ziel, die Bevölkerung zu integrieren. Es tritt sowohl als Städteeinrichtung als auch als permanentes Informationsnetz in Erscheinung und bildet einen festen Rahmen für die Sicherung der bestehenden Lebensbedingungen.


Unsere erste Arbeit ist es, dass wir den Leuten erlauben, die Identifikation mit der Umgebung und dem Modellverhalten zu beenden. Das ist nicht zu trennen von der Möglichkeit, sich selbst in einigen der ersten, für die menschliche Aktivität bestimmten Zonen zu erkennen. Die Leute werden noch lange Zeit die Periode der Verdinglichung im städtischen Milieu akzeptieren müssen. Aber das Verhalten, mit dem sie sie akzeptieren, kann augenblicklich geändert werden. Man muss die Ausbreitung des Misstrauens gegen diese luftigen und kolorierten Kindergärten, die im Westen wie im Osten neue Schlafstädte bilden, unterstützen. Nur wer wach wird, stellt die Frage nach einer bewussten Konstruktion des städtischen Milieus. 5. Eine unteilbare Freiheit

Der wichtigste Erfolg der gegenwärtigen Städteplanung ist, dass sie die Möglichkeit dessen, was wir Unitären Urbanismus nennen, vergessen lässt, d. h. die lebendige, durch die Spannungen des gesamten alltäglichen Lebens geförderte Kritik an dieser Manipulation der Städte und ihrer Einwohner. Lebendige Kritik bedeutet: Errichtung von Stützpunkten für ein experimentelles Leben, Vereinigung derer, die ihr eigenes Leben auf einem für ihre Zwecke ausgerüsteten Territorium erschaffen wollen. Diese Stützpunkte sollen auf keinen Fall reserviert sein für eine von der Gesellschaft getrennte ›Freizeit‹. Keine Raum-Zeit-Zone ist vollständig abtrennbar. Praktisch übt die globale Gesellschaft immer einen Druck auf ihre aktuellen ›Ferienreservate‹ aus. In den situationistischen Stützpunkten, die die Funktion von Brückenköpfen für eine Invasion des gesamten Alltags übernehmen werden, wird dieser Druck in umgekehrter Richtung ausgeübt werden. Der Unitäre Urbanismus ist das Gegenteil einer spezialisierten Aktivität. Die Anerkennung eines getrennten urbanistischen Gebiets bedeutet schon die Anerkennung der ganzen urbanistischen Lüge und der Lüge im ganzen Leben. Das Glück wird im Urbanismus versprochen. Er wird also aufgrund dieses Versprechens gerichtet werden. Die Koordinierung der künstlerischen und wissenschaftlichen Mittel der Entlarvung muss zu einer vollständigen Entlarvung der bestehenden Konditionierung führen.

6. Die Landung

Der ganze Raum ist schon besetzt von dem Feind, der alles bis zu den Grundregeln dieses Raumes für seinen Gebrauch gezähmt hat (über die Gerichte hinaus sogar die Geometrie). Der authentische Urbanismus erscheint in dem Augenblick, in dem gewisse Zonen dieser Besatzung entledigt werden. Hier fängt das an, was wir Konstruktion nennen. Diese kann mithilfe des von der modernen Physik gefundenen Begriffs des ›positiven Lochs‹ verstanden werden. Die Freiheit zu materialisieren, heißt zuerst, dieser gezähmten Welt einige Parzellen ihrer Oberfläche zu entziehen. 7. Das Licht der Zweckentfremdung

Die Grundübung der Theorie des Unitären Urbanismus wird die Umschreibung der gesamten theoretischen Lüge des Urbanismus sein, ihre Entwendung zum Kampf gegen die Entfremdung. Wir müssen ihre Rhythmen umkehren. 8. Bedingungen des Dialogs

Das Funktionelle ist das, was praktisch ist. Und praktisch ist einzig die Lösung unseres Grundproblems: die Verwirklichung von uns selbst (unsere Lossagung vom System der Isolierung). Das ist das Nützliche und das Benutzbare. Nichts anderes. Alles andere sind nur winzige Ableitungen des Praktischen, seine Mystifizierung. 9. Das Rohmaterial und seine Transformation

Die situationistische Zerstörung der gegenwärtigen Konditionierung ist schon die gleichzeitige Konstruktion der Situationen. Sie bedeutet die Befreiung der unerschöpflichen Kräfte, die im versteinerten Alltag eingeschlossen sind. Die gegenwärtige Städteplanung, die als eine Geologie der Lüge auftritt, wird mit dem Unitären Urbanismus vor einer Technik zur Verteidigung der ständig bedrohten Bedingungen der Freiheit weichen, und zwar in dem Moment, in dem die – als solche immer noch nicht vorhandenen – Individuen frei ihre eigene Geschichte konstruieren.

10. Das Ende der Vorgeschichte der Konditionierung

Wir unterstützen nicht die Forderung, man müsse zu irgendeinem Stadium vor der Konditionierung zurückkehren; man muss über sie hinausgehen. Wir haben die Architektur und den Urbanismus erfunden, die ohne die Revolution des alltäglichen Lebens nicht verwirklicht werden können; das bedeutet die Aneignung der Konditionierung durch alle Menschen, ihre unbegrenzte Bereicherung, ihre Erfüllung. Attila Kotanyi, Raoul Vaneigem • Aus: ›Situationistische Internationale‹, No. 6, 1961

RAUM »Der soziale Raum enthält, indem er ihnen ihre (mehr oder weniger) geeigneten Orte zuweist, die sozialen Reproduktionsverhältnisse, das heißt die bio-physiologischen Beziehungen zwischen den Geschlechtern, den Alterstufen sowie die jeweilige Organisation der Familie, und die Produktionsverhältnisse, das heißt die Aufteilung und Organisation der Arbeit, also die hierarchisierten sozialen Funktionen … ›Raumrepräsentationen‹ sind von einem stets relativen und sich verändernden Wissen (einer Mischung aus Erkenntnis und Ideologie) durchdrungen. Sie sind also objektiv und dennoch korrigierbar.« Henri Lefebvre, ›Die Produktion des Raums‹ (1974) [aus: ›Raumtheorie‹, hg. von J. Dünne & S. Günzel, Frankfurt am Main 2006, S. 331, 339]


VON DER INSEL UTOPIA

Die Insel Utopia erstreckt sich in der Mitte – wo sie am breitesten ist, – zweihunderttausend Schritte weit, eine Breite, die durch die ganze Insel nur wenig schmäler wird, und nimmt gegen die beiden Enden zu allmählich ab. Das ergibt einen Umfang von fünfhundert Meilen, bei der Gestalt des aufnehmenden Mondes, den die ganze Insel hat. Zwischen dessen Hörnern bildet das Meer eine etwa zehn- bis elftausend Schritte breite Seebucht, die, da die Umgebung rings Land ist, die Winde abhält und wie ein nicht heftig bewegter, sondern mehr stagnierender See erscheint, wodurch der ganze Raum innerhalb dieses Beckens als eine Art Hafen sich darstellt, in dem zum großen Nutzen der Bewohner Schiffe nach allen Richtungen verkehren. Die Einfahrt ist von der einen Seite durch Untiefen, von der andern durch Riffe zu fürchten. Ungefähr in der Mitte zwischen diesen beiden Spitzen ragt ein Felsen empor, der eben deswegen ungefährlich ist, auf den ein Turm gebaut ist, den eine Besatzung innehat; die andern Klippen sind nicht sichtbar und bergen tückische Gefahren. Die Fahrstraßen sind nur ihnen allein bekannt, daher es nicht leicht vorkommt, dass ein Ausländer in diesen Meerbusen eindringt, wenn nicht ein Utopier den Lotzen macht. Für sie selbst sogar wäre das Einlaufen unsicher, wenn nicht gewisse Landkennungen vom Gestade aus den Fahrweg bezeichneten. Wenn diese an andere Plätze versetzt würden, so könnten sie einer beliebig großen feindlichen Flotte leicht Vernichtung bereiten. Auf der andern Seite der Insel sind lebhaft besuchte Häfen. Aber die Landungsplätze sind überall durch Natur oder Kunst so geschützt, dass riesige Truppenmassen von einer geringen Anzahl Verteidiger abgewehrt werden können. Wie übrigens berichtet wird, und wie die Gestalt des Landes selbst erkennen lässt, war dieses nicht immer rings von Wasser umgeben. Aber Utopus, dessen Name als Siegers nämlich, die Insel führt – denn früher hieß sie Abraxa – der den ländlich rauen und rohen Stamm dahin gebracht hat, dass er an Kultur und Humanität fast allen übrigen Völkern voranleuchtet, hat, alsbald nach seinem ersten Betreten des Landes und erfolgtem Siege, auf der Seite, wo das Land mit dem Festlande zusammenhing, einen Landausschnitt von fünfzehntausend Schritt Breite herstellen und so das Meer ringsherum fließen lassen. Da er zur Ausführung dieses Werkes nicht nur die Eingeborenen verhalten hatte, sondern, damit diese die Arbeit nicht für einen Schimpf ansahen, überdies alle seine Soldaten daran teilnehmen ließ, so wurde das Werk, auf eine so große Menge Menschen verteilt, in unglaublich kurzer Zeit fertig gestellt. Die Nachbarvölker (die anfangs über das Eitle dieses Unternehmens gelacht hatten) durchdrang Bewunderung über den Erfolg und Schrecken. Die Insel hat vierundfünfzig geräumige und prächtige Städte, in Sprache, Sitten, Einrichtungen und Gesetzen übereinstimmend; sie haben alle denselben Situationsplan, soweit die besondere Örtlichkeit es zulässt. Die einander nächsten sind vierundzwanzig Meilen von einander entfernt. Keine ist von der andern so abgelegen, dass man aus ihr nicht in einer Tagereise zu Fuß nach der andern gelangen könnte. Aus jeder Stadt kommen jährlich drei greise erfahrene Bürger in Amaurotum zusammen, um über die gemeinsamen Angelegenheiten der Insel zu verhandeln. Denn diese Stadt (gleichsam der Nabel des Landes und für die von allen Seiten kommenden Abgesandten am günstigsten gelegen) ist die erste, die Hauptstadt der Insel. Die Äcker sind den Städten so passend zugewiesen, dass keine von keiner Seite weniger als zwanzigtausend Schritte hat, von der einen oder andern auch bei weitem mehr, nämlich auf der Seite, wo die Städte am weitesten von einander abliegen. Keine Stadt hat das Verlangen, ihre Grenzen vorzurücken, zu erweitern. Denn sie halten sich mehr für die bloßen Besteller der Ländereien, als für deren Herren. Sie haben auf dem Lande auf allen Feldern bequem gelegene Häuser, die mit landwirtschaftlichen Geräten wohl versehen sind. Diese werden von den Bürgern, die sich abwechselnd hinausbegeben, bewohnt. Keine ländliche Familie hat an Männern und Frauen weniger als vierzig Köpfe, außerdem zwei auf der Scholle haftende Knechte, denen allen der Hausvater und die Hausmutter vorstehen, gesetzte und gereifte Personen; je dreißig einzelnen Familien ist ein Phylarch vorgesetzt. Aus jeder Familie kehren jährlich zwanzig Personen in die Stadt zurück, nachdem sie zwei Jahre auf dem Lande zugebracht haben. An deren Stelle rücken ebenso viele aus der Stadt nach, die von denen im Landbau unterrichtet werden, die ein Jahr auf dem Lande gewesen sind und daher in der Landwirtschaft schon ziemlich Kenntnisse erworben haben. Im nächsten Jahre müssen diese neuen Ankömmlinge wieder Andern Unterricht geben, damit nicht Alle zugleich Neulinge und unerfahren im Ackerbauwesen sind und so aus sachlicher Unkunde in der Lebensmittelversorgung Missgriffe vorkommen. Diese Sitte, die Landbebauer fortwährend wechseln zu lassen, besteht deswegen, damit nicht Jemand wider Willen längere Zeit in einer harten Beschäftigung auszuharren gezwungen werde; aber so Manche, denen die Erlernung des Ackerbaues der Sache selbst wegen gefällt, erwirken für sich, dass sie mehrere Jahre dabei bleiben können. Die Ackerbauern bestellen den Grund und Boden, züchten das Vieh, machen Holz und fahren es in die Stadt, zu Wasser oder zu Lande, wo sich die beste Gelegenheit bietet. Hühner ziehen sie in großer Menge auf und zwar auf sehr sinnreiche Weise. Dann die Hennen brüten ihre Eier nicht selbst aus, sondern man bringt diese dadurch zum Leben, dass eine große Menge derselben einer gewissen gleichmäßigen Wärme ausgesetzt werden; sobald nun die Küchlein aus der Schale schlüpfen, laufen sie den Menschen wie ihren Müttern nach, die sie dafür halten. Pferde ziehen sie sehr wenig auf, und das nur wilde, und zwar bloß zu dem Zwecke, um ihre Jugend in den Reitkünsten zu üben. Denn alle Arbeit des Pflügens und Fahrens verrichten die Ochsen, die, wie sie zugeben, weniger feurigen Ungestüm haben, aber an Ausdauer den Pferden überlegen, nach ihrer Meinung nicht so vielen Krankheiten unterworfen, und mit weniger Unkosten und Mühe zu unterhalten sind, und endlich, nachdem sie ausgedient haben, noch als Nahrung sich verwenden lassen. Saatgetreide verwenden sie nur zum Brodbacken. Denn entweder trinken sie Traubenwein, oder Apfel- und Birnenmost, oder zu Zeiten auch nur lauteres Wasser, manchmal auch ein mit Honig und Süßholz, das in großer Menge dort vorkommt, gebrautes Getränk. Obwohl sie genau ermittelt haben, wie viel Korn die Stadt und die dazu gehörige Umgebung zum Lebensunterhalte bedarf, und sie wissen es in der Tat ganz genau, so säen sie doch bei weitem mehr, ziehen auch mehr Vieh auf, als zu ihrem Bedarfe erforderlich ist, indem sie den Überschuss an ihre Grenznachbarn ablassen. Was sie an Sachen brauchen, die auf dem Lande nicht zu haben sind, das lassen sie sich aus der Stadt geben, aus der sie es ohne allen Entgelt von der Obrigkeit geliefert erhalten. In jedem Monat gibt es einen Feiertag, an dem die Meisten von ihnen in der Stadt zusammenkommen. Sobald die Erntezeit herannaht, zeigen die Phylarchen der Ackerbauer der städtischen Obrigkeit an, wie viel Bürger ihnen als benötigt zugeschickt werden sollen; diese Anzahl Schnitter und Erntemacher trifft am bestimmten Tage pünktlich ein und so wird bei schönem Wetter so ziemlich an einem einzigen Tage die gesamte Ernte eingeheimst. Von den Städten, insbesondere von Amaurotum Wer eine Stadt kennt, kennt die andern alle, so ähnlich sind sie untereinander, sofern nicht der Charakter der Örtlichkeit eine Änderung bedingt. Ich werde daher eine beliebige schildern, es kommt wirklich nicht besonders darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum? Denn sie ist die angesehenste, so dass ihr die andern den Vorrang des Senatssitzes überlassen; auch ist mir keine besser bekannt, insofern ich fünf Jahre ununterbrochen dort gelebt habe. Amaurotum liegt also an einer sanften Berglehne und ist von Gestalt beinahe viereckig. Ihre Breite beginnt etwas unterhalb des Gipfels des Hügels und erstreckt sich zweitausend Schritt am Flusse Anydrus hin; den Fluss entlang beträgt die Länge etwas mehr. Der Anydrus entspringt achtzig Meilen oberhalb Amaurotums aus einer mäßigen Quelle, aber durch den Zufluss anderer Flüsse, darunter zweier ziemlich großen, verstärkt, wird er vor der Stadt fünfhundert Schritt breit, und nach einem weiteren Laufe von sechzig Meilen fällt er ins Weltmeer. Wenn bei der Flut das Meer gegen dreißig Meilen weit eindringt, so erfüllt es das ganze Bett des Anydrus mit seinen Wellen und drängt das Flusswasser zurück. Da wird sein Wasser eine ziemliche Strecke mit Salzgeschmack verdorben, sodann wird der Fluss allmählich wieder süß, und durchfließt klar die Stadt; wenn dann die Ebbe eintritt, dringt umgekehrt sein unvermischtes reines Wasser fast bis zur Mündung vor. Die Stadt ist mit dem gegenüberliegenden Ufer durch eine herrlich gewölbte Brücke von Steinwerk, nicht etwa bloß von hölzernen Pfeilern oder Pflöcken verbunden in jenem Stadtteile, der am weitesten vom Meere entfernt ist, damit die Schiffe dort ganz ungehindert vorüber fahren können. Es gibt übrigens noch einen zweiten Fluss, nicht sehr groß, aber von sanftem und anmutigem Lauf. Er entspringt demselben Berge, auf dem die Stadt liegt, fließt mitten durch diese und fällt in den Anydrus. Quelle und Ursprung dieses Flusses haben die Amaurotaner, weil sie etwas außerhalb der Stadt liegen, mit Befestigungen eingefasst und so mit der Stadt verbunden, damit, wenn eine feindliche Macht eindränge, sie das Wasser in derselben weder auffangen, noch ableiten, noch verderben könne. Von da wird das Wasser in aus Backsteinen gemauerten Kanälen in verschiedenen Richtungen in die unteren Teile der Stadt geleitet, und wo das der örtlichen Beschaffenheit nach nicht möglich ist, wird das Regenwasser in geräumigen Zisternen gesammelt und leistet denselben Dienst. Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Türmen, Basteien und Bollwerken umgibt die Stadt; trockene aber tiefe und breite Gräben, mit Zäunen von Dorngestrüpp umwegsam gemacht, ziehen sich von drei Seiten um die Stadtmauern, auf der vierten versieht der Fluss die Stelle des Grabens. Die Straßen sind nicht allein zum Fahren, sondern auch die Winde abzuhalten geeignet; die Gebäude sind schmuck und bilden mit der Vorderfront eine zusammenhängende Reihe in einer Straßenbreite von fünfzehn Fuß. An der Hinterseite der Häuser liegen große Gärten, die ganze Länge der Straße entlang, an die wieder die Rückseite anderer Straßen stößt. Kein Haus, das nicht, wie vorne heraus die Straßentür, so nach hinten ein Pförtchen in den Garten hätte. Diese Türen sind zweiflügelig, mit einem leichten Druck der Hand zu öffnen, und gehen dann auch von selber wieder zu und lassen Jedermann ein, denn Privateigentum gibt es ja nicht. Denn selbst die Häuser vertauschen sie alle zehn Jahre durchs Loos. Diese Gärten halten sie hoch. Darin haben sie Weinberge, Früchte, Kräuter, Blumen, von solcher Pracht und Pflege, dass ich nirgends mehr Üppigkeit und Zier gesehen habe. Ihr Eifer in dieser Art Gärtnerei entspringt nicht nur bloß dem Vergnügen, sondern auch einem Wettstreite der Straßen untereinander in Bezug auf die Pflege der einzelnen Gärten und sicherlich ist in der ganzen Stadt nichts Nützlicheres und Angenehmeres für die Bürger zu finden. Der Gründer der Stadt scheint denn auch auf nichts mehr Sorgfalt verwendet zu haben, als auf diese Gärten. Und richtig heißt es, Utopus selbst habe von allem Anfang diese Gestalt und Anlage der Stadt vorgesehen. Aber die Ausschmückung und den weiteren Ausbau, wozu, wie er voraussah, ein Menschengeschlecht nicht genügen würde, hat er den Nachkommen überlassen. Und so steht in ihren Annalen geschrieben, die sie von der ersten Besitzergreifung der Insel an, die Geschichte von siebzehnhundertundsechzig Jahren umfassend, fleißig und gewissenhaft zusammengestellt aufbewahren, dass die Häuser im Anfang niedrig, wie Baracken und Schäferhütten, waren, aus beliebigem Holze errichtet, die Wände mit Lehm verschmiert, die Dächer spitz zulaufend und mit Stroh gedeckt. Heutzutage ist jedes Haus elegant mit drei Stockwerken gebaut, die Außenseite der Mauer entweder von Kieselstein, Zement oder gebrannten Steinen, auf der Innenseite mit Bruchstein ausgekleidet. Die Dächer sind flach und werden mit einer Kalkmasse belegt, der das Feuer nichts anhaben kann und die gegen die Unbilden des Wetters sich widerstandsfähiger als Blei erweist. Den Wind halten sie durch Glas ab (dessen Gebrauch ihnen ganz geläufig ist). Doch gibt es auch Fenster von sehr dünner, mit klarem Öl oder Bernstein getränkter Leinwand, was den doppelten Vorteil hat, dass mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird. Von den Obrigkeiten Je dreißig Familien erwählen sich jährlich eine Obrigkeit, die sie in ihrer alten Sprache Syphogrant, in der neuen Phylarch nennen. Zehn Syphogranten mit ihren Familien steht ein, wie es früher hieß, Traniborus, jetzt Protophylarch genannt, vor. Endlich schwören alle Syphogranten, deren zweihundert sind, dass sie den zum Fürsten erwählen wollen, welchen sie für den tauglichsten halten, wozu sie in geheimer Abstimmung Einen von den Vieren ernennen, die ihnen das Volk vorgeschlagen hat. Aus jedem Stadtviertel wird Einer erwählt und dem Senate empfohlen. Das Fürstenamt gilt für Lebenszeit, sofern dem nicht der Verdacht der vom Fürsten erstrebten Tyrannis entgegensteht. Die Traniboren werden alle Jahre gewählt, aber man wechselt nicht leicht mit ihnen. Alle übrigen Obrigkeiten sind jährliche. Die Traniboren kommen alle drei Tage und, wenn erforderlich, noch öfter, mit dem Fürsten zusammen, um über Staatsangelegenheiten zu beraten; Privatrechtsstreitigkeiten (wenn welche vorliegen), welche sehr selten sind, erledigen sie rasch. Syphogranten werden immer zwei in den Senat herangezogen, und zwar jeden Tag andere, indem vorgesehen ist, dass keine Beschlüsse über Staatsangelegenheiten gefasst werden über die nicht drei Tage vorher im Senate beraten und verhandelt worden ist. Außer dem Senate oder den Volksversammlungen über öffentliche Handlungen Beratungen zu halten, gilt für ein todeswürdiges Verbrechen. Diese Satzung besteht, wie es heißt, deswegen, auf dass es durch eine Verschwörung des Fürsten und der Traniboren nicht so leicht möglich sei, das Volk durch eine Tyrannis zu unterdrücken und die Staatsverfassung gewaltsam abzuändern. Daher werden wichtige Angelegenheiten in den Versammlungen der Syphogranten vorgebracht, die ihren Familien davon Mitteilung machen, dann unter sich darüber beraten und das Ergebnis ihrer Beratschlagung dem Senate kundgeben. Manchmal kommt die Sache auch an den großen Rath des ganzen Inselreichs. Auch übt der Senat die Gepflogenheit, dass über keine Sache an demselben Tage, an dem sie vorgetragen wird, debattiert, sondern dies bis zur nächsten Senatssitzung verschoben wird, damit Einer nicht mit dem, was ihm gerade auf die Zunge kommt, unbedachtsam herausplatze und dann mehr darauf sinne, wie er es verteidige, als was dem Staatswesen zum Heile gereiche und somit lieber wolle, dass dem Staatswohl als der Meinung über sein eigenes Ich Abbruch geschehe, indem er aus falscher Scham nicht will, dass man merke, er habe von Haus aus so wenig Voraussicht gehabt. Von Haus gilt es überlegt zu sprechen, nicht rasch mit dem Worte fertig zu sein. Von den Handwerken Eine allen Männern und Frauen gemeinsame Kunst ist der Ackerbau, dessen Niemand unkundig ist. In ihm werden Alle von Kindheit auf unterrichtet, teils in der Schule nach überlieferten Lehren, teils, indem sie auf die der Straße nächstgelegenen Felder wie zum Spiel hinausgeführt werden, wo sie den Arbeiten nicht nur zusehen, sondern zugleich Gelegenheit zur Körperübung benützend, sie auch wirklich ausüben. Außer dem Ackerbau (der, wie gesagt, Allen gemeinsam ist), erlernt Jeder eine beliebige Hantierung als seinen Beruf, wie z. B. die Wollweberei, die Flachsbereitung, das Maurer-, Schmiede-, Schlosser- und Zimmermannshandwerk. Denn es gibt kein anderes Handwerk, das dem Betriebe nach einigermaßen erwähnenswert wäre. Der Schnitt der Kleider ist, abgesehen davon, dass die Geschlechter von einander und der ledige Stand von den verheirateten unterschieden sind, derselbe für die ganze Insel, und bleibt es für die ganze Lebenszeit, ist für’s Auge gefällig und den Leibesbewegungen angemessen, auch sowohl für Winter- als Sommerzeit geeignet. Jede Familie verfertigt sich ihre Kleider selbst. Von allen den genannten Handwerken nun erlernt Jedermann irgendeins, nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen. Übrigens haben die letzteren, als die Schwächeren, nur die leichteren Verrichtungen auf sich, den


DIE STADT DER FRAUEN

Christine de Pizan

Als ich eines Tages meiner Gewohnheit gemäß, die meinen Lebensrhythmus bestimmt, umgeben von zahlreichen Büchern aus verschiedenen Sachgebieten in meiner Klause saß und mich dem Studium der Schriften widmete, war mein Verstand es zu jener Stunde einigermaßen leid, die bedeutenden Lehrsätze verschiedener Autoren, mit denen ich mich seit längerem auseinandersetzte, zu durchdenken. Ich blickte also von meinem Buch auf und beschloss, diese komplizierten Dinge eine Weile ruhen zu lassen und mich stattdessen bei der Lektüre heiterer Dichtung zu zerstreuen. Auf der Suche nach irgendeinem Bändchen fiel mir ganz unerwartet ein merkwürdiges Buch in die Hand; es gehörte nicht zu meinem eigenen Bestand, sondern war mir zusammen mit anderen Bänden zur Aufbewahrung anvertraut worden. Ich öffnete es, entnahm dem Titelblatt, das es sich Matheolus nannte und lächelte, denn bislang hatte ich es zwar noch nie einsehen können, aber schon oft gehört, es verbreite, im Gegensatz zu anderen Büchern, Gutes über die Frauen. Ich hoffte also, mich bei seiner Lektüre zu entspannen, kam jedoch kaum dazu, darin herumzublättern, denn schon bald rief mich meine gute Mutter und holte mich, da es an der Zeit war, zu einem stärkenden Abendessen ab. Deshalb legte ich dieses Buch vorerst beiseite, nahm mir aber vor, es am folgenden Tag genauer zu betrachten. Als ich am nächsten Morgen wieder wie gewöhnlich in meiner Studierstube saß, vergaß ich nicht, wie beabsichtigt das Buch des Matheolus noch einmal in die Hand zu nehmen. Ich fing also an, darin zu lesen und kam auch ein Stück voran. Da mir aber sein Inhalt für all jene, die an Verleumdung wenig Gefallen finden, nicht sonderlich erheiternd schien, da ich in ihm keinerlei Nutzen für den Entwurf eines ethischen oder moralischen Systems erblicken konnte und es außerdem anstößige Ausdrücke und Themen enthielt, blätterte ich nur ein wenig darin herum und legte es, nach einem Blick

auf den Schluss, beiseite, um mich anspruchsvolleren und nützlicheren Studien zuzuwenden. Aber so unbedeutend dieses Buch im Grunde auch war, es lenkte meine Gedanken doch in eine neue Richtung: in meinem Inneren war ich verstört und fragte mich, welches der Grund, die Ursache dafür sein könnte, dass so viele und so verschiedene Männer, ganz gleich welchen Bildungsgrades, dazu neigten und immer noch neigen, in ihren Reden, Traktaten und Schriften derartig viele teuflische Scheußlichkeiten über Frauen und deren Lebensumstände zu verbreiten. Und zwar nicht nur einer oder zwei oder nur jener Matheolus, der in literarischer Hinsicht völlig unbedeutend ist und Lügengewäsch verbreitet, nein: allerorts, in allen möglichen Abhandlungen scheinen Philosophen, Dichter, alle Redner (ihre Auflistung würde zu viel Raum beanspruchen) wie aus einem einzigen Munde zu sprechen und alle zu dem gleichen Ergebnis zu kommen, dass nämlich Frauen in ihrem Verhalten und ihrer Lebensweise zu allen möglichen Formen des Lasters neigen. Da mich diese Dinge sehr beschäftigten, machte ich mich daran, mich selbst und mein Verhalten als Wesen weiblichen Geschlechts zu prüfen; und in ähnlicher Weise diskutierte ich mit anderen Frauen, die ich traf: mit zahlreichen Fürstinnen, einer Unmenge von Frauen aus den unterschiedlichsten sozialen Ständen, die mir liebenswürdigerweise ihre geheimsten Gedanken offenbarten, damit ich auf der Grundlage dieses Wissens und völlig unvoreingenommen abwöge, ob das, was so viele ehrenwerte Männer über die Frauen verbreiten, zutrifft. Aber trotz allem, was ich auf diesem Wege erfuhr, und obwohl ich äußerst gründlich beobachtete und prüfte, fand ich keinerlei Anhaltspunkte für solche abschätzigen Urteile über meine Geschlechtsgenossinnen und die weiblichen Stände. Dennoch bezog ich Position gegen die Frauen und meinte, es sei völlig unvorstellbar, dass so bedeutende Männer – berühmte Gelehrte von beträchtlichem intellektuellen

Format, scharfsinnig in jeder Hinsicht, wie jene es zu sein schienen – dass diese Männer Lügen über die Frauen verbreitet hätten; und dies an so vielen Stellen, dass ich kaum einmal einen Band moralischen Schrifttums fand (ganz gleich, aus welcher Feder), ohne bereits nach kürzester Zeit auf frauenfeindliche Kapitel oder Aussprüche zu stoßen! Schon daraus schloss ich, dies müsse stimmen – auch wenn ich selbst in meiner Einfalt und Unwissenheit unfähig war, meine eigenen schlimmen Schwächen und die der anderen Frauen zu erkennen. Und so verließ ich mich mehr auf fremde Urteile als auf mein eigenes Gefühl und Wissen. In diesen Gedanken steigerte ich mich dermaßen hinein, dass ich in einem Zustand der Lethargie verharrte. Ich dachte in diesem Zusammenhang an eine Unzahl von Autoren, die einer nach dem anderen in meine Erinnerung zurückkehrten, gerade so wie ein Quell, der von neuem zu sprudeln beginnt. Zu guter Letzt kam ich sogar zu dem Schluss, Gott habe mit der Frau ein niederträchtiges Wesen erschaffen. Allerdings konnte ich es mir nicht erklären, wie der so überaus würdige Schöpfer sich zu einem solch abscheulichen Werk hatte herablassen können: zur Erschaffung eines Gefäßes, einer Brutstätte und eines Hortes aller Schlechtigkeiten und Laster, wie jene Männer behaupten. In solchen Gedanken befangen, erfüllten mich gewaltiger Überdruß und große Verzagtheit, denn ich verachtete mich selbst und mit mir das gesamte weibliche Geschlecht, als wäre es ein Irrtum der Natur. In meinem Kummer sprach ich die folgenden Worte: »Ach, Gott, wie ist das überhaupt möglich? Denn wenn mich mein Glaube nicht trügt, dann darf ich doch annehmen, dass Du in Deiner grenzenlosen Weisheit und vollkommenen Güte nichts Unvollkommenes erschaffen hast. Aber hast Du nicht selbst, und zwar auf eine ganz besondere Weise, die Frau erschaffen und sie dann mit all jenen Eigenschaften versehen, die Du ihr zu geben beliebtest? Es ist doch undenkbar, dass Du in irgendeiner Sache versagt haben solltest! Und

dennoch gibt es so viele und gewichtige Beschuldigungen, mehr noch: Urteile, Versicherungen, Schlussfolgerungen zu Ungunsten der Frauen. Dies ist ein Widerspruch, den ich nicht aufzulösen vermag. Wenn es nun stimmt, teurer göttlicher Herr, und das weibliche Geschlecht wirklich ein Ausbund aller Schlechtigkeit ist, wie es so viele Männer bezeugen (und Du sagst selbst, das Zeugnis vieler trage zur Glaubwürdigkeit bei), weshalb sollte ich dann zweifeln? Ach, Gott, warum ließest Du mich nicht als Mann auf die Welt kommen, damit ich Dir mit meinen Gaben besser dienen könnte, damit ich mich niemals irrte und ich überhaupt so vollkommen wäre, wie es der männliche Mensch zu sein vorgibt? Weil Du jedoch Deine Großmut nicht an mir hast walten lassen, musst Du auch nachsichtig hinsichtlich meiner Schwächen sein, wenn ich Dir diene, teurer göttlicher Herr, denn so ist es nun einmal: je weniger Lohn ein Diener von seinem Herrn bekommt, desto mehr enthebt ihn das von der Verpflichtung zu Dienstleistungen.« In meinem Unmut richtete ich diese und zahlreiche andere Worte an Gott, beklagte mich und haderte in meiner Torheit damit, von Gott in einem weiblichen Körper auf die Erde geschickt worden zu sein. •

Während ich mich mit so traurigen Gedanken herumquälte, ich den Kopf gesenkt hielt wie eine, die sich schämt, mir die Tränen in den Augen standen und ich den Kopf in meiner Hand barg, den Arm auf die Stuhllehne gestützt, sah ich plötzlich einen Lichtstrahl auf meinen Schoß fallen, als wenn die Sonne schiene. Und ich, die ich mich an einem dunklen Ort aufhielt, den zu dieser Stunde die Sonne gar nicht erhellen konnte, schreckte auf, gleich einer Person, die aus dem Schlaf hochfährt. Ich hob den Kopf, um die Lichtquelle zu suchen, und erblickte drei gekrönte Frauen von sehr edlem Aussehen, die leibhaftig vor mir standen. Das von ihren hellen Gesichtern ausstrahlende


Licht erleuchtete mich und alles um mich herum. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, denn alle Türen waren fest verriegelt, und trotzdem war es ihnen gelungen einzudringen. In der Befürchtung, es handele sich um eine mir als Versuchung auferlegte Geistererscheinung, schlug ich auf meiner Stirn das Zeichen des Kreuzes und war von großer Angst erfüllt. Da redete die erste der drei Frauen mich lächelnd folgendermaßen an: »Teure Tochter, erschrick nicht, denn wir sind nicht gekommen, um dir zu schaden oder dir Kummer zu bereiten, sondern um dich zu trösten und dich aus deiner Unwissenheit zu erlösen, weil uns deine Verwirrung dauert. Sie verdunkelt so sehr deinen Verstand, dass du das, was du mit Sicherheit weißt, abstreitest und das glaubst, was du selbst nicht aus eigener Anschauung oder eigener Erfahrung, sondern lediglich aus den zahlreichen Meinungsäußerungen fremder Menschen weißt. Du gleichst dem Narren aus dem Schwank, dem man, während er in der Mühle schlief, Frauenkleider anzog und der beim Erwachen, weil seine Gegner ihm weismachten, er sei eine Frau, diesen Lügen mehr Glauben schenkte als der Gewissheit seines Seins. Wie geht das an, schöne Tochter? Wo hast du all deinen Scharfsinn gelassen? Hast du denn vergessen, dass feines Gold in der Feuersglut seine Beschaffenheit beweist, die sich nicht verändert und sich höchstens noch verfeinert, je mehr es auf unterschiedliche Weise gehämmert und bearbeitet wird? Weißt du denn nicht, dass die höchsten Dinge zugleich die umstrittensten sind? Und wenn du dein Augenmerk auf die allerhöchste Dinge, die Ideen, das heißt: die himmlischen Dinge richtest, so solltest du auch einmal erwägen, ob nicht die größten Philosophen aller Zeiten, die du gegen dein eigenes Geschlecht einsetzt, vielleicht falsche Schlüsse gezogen haben; und ob nicht der eine auf den anderen antwortet und sie sich wiederholen: genau das hast du ja selbst im Buch von der Metaphysik beobachtet, wo

Aristoteles fremde Meinungen wiedergibt und sowohl Platon als auch andere wiederholt. Und bedenke ebenfalls, dass der heilige Augustin und andere Kirchenväter sogar Aristoteles korrigiert haben und damit den Fürsten der Philosophie, der in der Natur- und Moralphilosophie zu höchsten Erkenntnissen gelangt war. Es hat außerdem den Anschein, dass für dich jede Äußerung eines Philosophen den Status eines Glaubensgrundsatzes hat und du es für ausgeschlossen hältst, dass auch sie irren könnten. Was die Dichter angeht, von denen du sprichst: weißt du denn nicht, dass sie schon oft nichts anderes als Ammenmärchen verbreitet haben und zuweilen das Gegenteil von dem meinen, was sie in ihren Schriften kundtun? Aber man bekommt sie mit Hilfe einer rhetorischen Figur zu fassen, die ›Antiphrase‹ heißt; wie du weißt, bezeichnet sie den Sachverhalt, dass man jemanden als schlecht bezeichnet, in Wirklichkeit aber meint, er sei gut, und umgekehrt. Deshalb rate ich dir, ihre Werke in deinem Sinne zu lesen und die frauenfeindlichen Passagen, in welcher Absicht auch immer sie verfasst sein mögen, so zu verstehen. Vielleicht meinte es ja auch jener Autor, der in seinem Buch als Matheolus auftritt, gerade so; denn es gibt viele Dinge, die, wortwörtlich verstanden, pure Ketzerei wären. Ferner: die Erfahrung hat bewiesen, dass die heftige Kritik am heiligen und gottgewollten Stand der Ehe, so wie sie sich vor allem im Rosenroman, aber auch anderenorts findet, weil dessen Autor großen Einfluss hatte, völlig unberechtigt ist und die Beschuldigung der Frauen jeglicher Grundlage entbehrt. Denn wo hat es jemals einen Ehemann gegeben, der sich dermaßen von seiner Frau beherrschen ließ und es duldete, sich von ihr so viele abscheuliche Beschimpfungen an den Kopf werfen zu lassen, wie jene es den Frauen nachsagen? Was immer du zu diesem Thema gelesen hast, aber nie selbst erlebt hast: ich halte es für plumpe Lügen. Teure Freundin, deshalb sage ich dir zu guter Letzt, dass allein die Einfalt die Ursache deiner gegenwärtigen

Auffassung ist. Darum werde wieder du selbst, bediene dich wieder deines Verstandes und kümmere dich nicht weiter um solche Torheiten! Denn eines musst du wissen: alle Bosheiten, die allerorts über die Frauen verbreitet werden, fallen letzten Endes auf die Verleumder und nicht auf die Frauen zurück.« •

Meine edlen, hochverehrten Frauen, gepriesen sei Gott, denn nunmehr ist die Errichtung unserer Stadt vollendet und abgeschlossen. Ihr Frauen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Ihr Tugend, Ehre und Unbescholtenheit liebt, findet hier eine Bleibe, denn unsere Stadt wurde für alle ehrsamen Frauen gegründet und errichtet. Da es ferner, Ihr geliebten Frauen, in der Natur des menschlichen Herzens liegt, sich zu freuen, wenn es ein Unternehmen erfolgreich beendet und seine Widersacher überwunden hat, so dürft, liebe Frauen, Ihr Euch nun in Tugend und Gottesfurcht am Anblick dieser neuen und vollkommenen Stadt erfreuen. Sie soll Euch allen, die ihr die Tugend liebt, nicht nur als Zufluchtsort dienen, sondern auch – vorausgesetzt, Ihr verteidigt sie gut – als Hort und Zufluchtsort gegen Eure Feinde und Angreifen. Kurz und gut, Ihr Frauen aller Stände, ob vornehmer, bürgerlicher oder niedriger Herkunft, seid stets äußerst wachsam und auf der Hut gegen die Feinde Eurer Ehre und Eurer Unbescholtenheit! Ihr seht ja, liebe Frauen, wie die Männer Euch allerorts aller erdenklichen Laster zeihen. Straft sie also alle Lügen, indem Ihr Eure Tugend und die Vorbildlichkeit Eures Verhaltens unter Beweis stellt, auf dass Ihr mit dem Psalmisten sagen könnt: »Die Schlechtigkeit der Bösen wird sich gegen sie selbst kehren.« Und deshalb weicht zurück vor den hinterhältigen Schmeichlern, die Euch mit allerlei Verlockungen und auf mannigfache Weise Euer höchstes Gut, das heißt: Eure Ehre und Euren makellosen Ruf, zu nehmen trachten. Oh Ihr Frauen, flieht, flieht die

sündige Liebe, zu der sie Euch zu überreden suchen! Flieht vor ihr, um Gottes Willen, flieht vor ihr! Denn einer Sache könnt Ihr ganz sicher sein: auch wenn das, was sie an Versuchungen birgt, Euch zunächst irreführen mag – die Rechnung bezahlt letztendlich immer Ihr! Lasst Euch bitte nicht das Gegenteil einreden, denn es kann gar nicht anders kommen! Liebe Frauen, denkt stets daran, wie sehr jene Männer Euch einerseits der Schwäche, Leichtfertigkeit und Unbeständigkeit bezichtigen – wie sehr sie aber andererseits sich aller erdenklichen und höchst merkwürdigen Mittel und Betrugsmanöver bedienen, um Euch wie Tiere in Netzen und unter gewaltigen Anstrengungen einzufangen. Flieht, flieht, liebe Frauen, und meidet solche Annäherungsversuche, denn hinter ihrer lächelnden Fassade verbergen sich äußerst gefährliche, todbringende Gifte. Lasst es Euch also angelegen sein, Ihr meine hochverehrten Frauen, durch Eure Tugendhaftigkeit anziehend zu wirken, flieht das Laster in all seinen Erscheinungsformen, betreibt den Ausbau unserer Stadt, vermehrt die Anzahl ihrer Bewohnerinnen und übt Euch in Heiterkeit und Rechtschaffenheit! • Auszug aus: Christine de Pizan, ›Das Buch von der Stadt der Frauen‹, 1405, Berlin: Orlanda-Frauenverlag 1986, S. 35 ff., S. 38 ff. S. 286 ff.


THOMAS MORUS

Männern sind die übrigen mühsamen Handwerke übertragen. Meistenteils wird jeder im väterlichen Handwerk erzogen, denn die Meisten neigen von Natur dahin. Wenn aber Einer eine andere Neigung hat, wird er durch Adoption in jene Familie aufgenommen, die dieses Gewerbe betreibt, aber nicht nur vom Vater, sondern auch von der Obrigkeit wird Vorsorge getroffen, dass er einem gesetzten und ehrenhaften Familienvater übergeben werde. Hat Einer ein Handwerk gründlich erlernt und wünscht noch ein anderes zu erlernen, so wird ihm das ebenfalls gestattet. Hat er beide inne, so mag er ausüben, welches er will, sofern nicht das eine in der Stadt mehr benötigt ist. Die hauptsächlichste und beinahe einzige Beschäftigung der Syphogranten ist, dafür zu sorgen und vor zusehen, dass nicht Jemand dem Müßiggange nachhänge, sondern Jeder seinem Handwerke emsig obliege, doch braucht er deswegen nicht von Morgens früh bis spät in die Nacht beständig wie das Vieh bis zur Ermattung zu arbeiten, was doch fast allenthalben sonst das harte Arbeitslos der Dienstbarkeit und des Handwerkerstands ist, ausgenommen bei den Utopiern, die, obwohl sie den Tag mit Hinzurechnung der Nacht in vierundzwanzig gleiche Stunden teilen, doch nur sechs für die Arbeit bestimmen; drei Stunden Vormittags, worauf sie zur Mittagsmahlzeit gehen; nach dem Essen zwei Stunden Ruhezeit, dann wieder drei der Arbeit gewidmete, worauf sie mit dem Abendmahl Feierabend machen. Da sie die erste Stunde von Mittag an rechnen, so gehen sie um acht Uhr schlafen und widmen acht Stunden dem Schlafe. Die Zeit zwischen den Stunden der Arbeit, dem Schlafe und dem Essen ist Jedem nach seinem Gutdünken freigestellt; nicht dass er dieselbe in Üppigkeit oder in Trägheit verbringen soll, sondern was ihm von seiner Handwerkstätigkeit freie Zeit bleibt, das verwendet Jeder nach seiner individuellen Neigung auf die Erlernung einer andern Fertigkeit. Die Mußezwischenzeit verwenden die Meisten für die Wissenschaften. Denn es ist ein sehr schöner Gebrauch, täglich in den Frühstunden öffentlichen Unterricht zu halten, welchem diejenigen beiwohnen müssen, die speziell für die Wissenschaften bestimmt sind. Übrigens besuchen diese Unterrichtsstunden zahlreiche Männer und Frauen aus allen Ständen, der Eine diese, ein Andrer andere, wie Jeder eben Lust und Geschmack hat. Wenn aber Jemand auch diese Zeit lieber mit seiner Beschäftigung verbringt, wie so Mancher tut (dessen Geist nicht zum reinen wissenschaftlichen Denken angelegt ist), so wird ihm das nicht verwehrt, sondern er wird dafür noch gelobt, weil er dem Gemeinwohl sich so nützlich erweist. Nach dem Abendessen verbringen sie eine Stunde mit Spielen, im Sommer in den Gärten, im Winter in den gemeinschaftlichen Speisesälen. Dort treiben sie entweder Musik, oder ergötzen sich im Gespräche. Das Würfelspiel und derartige alberne und verderbliche Spiele kennen sie nicht. Aber zwei Spiele sind im Schwange, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schachspiel haben. Das eine ist ein Kampf der Zahlen, worin eine Zahl die andere raubt. In dem andern kämpfen Laster mit Tugenden in aufgestellter Schlachtordnung. In diesem Spiele wird sehr sinnreich sowohl der Widerstreit der Laster untereinander, wie ihr einmütiges Zusammenhalten gegen die Tugenden gezeigt, ebenso, welche Laster das Widerspiel der verschiedenen Tugenden sind, mit welchen Kräften sie sich offen gegen diese empören, und mit welchen geheimen Ränken sie ihnen auf krummen Wegen nachstellen, und mit welchen Hilfsmitteln andererseits die Tugenden die Macht der Laster brechen und ihre Lockungen vereiteln und auf welche Art und Weise der Sieg auf der einen oder andern Seite errungen wird. Aber um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen, ist hier etwas näher zuzusehen. Denn da nur sechs Stunden gearbeitet wird, so könnte man vielleicht der Meinung sein, dass daraus ein Mangel an den notwendigsten Erzeugnissen entstehen müsse. Aber das ist so wenig der Fall, dass besagte Zeit zur Herstellung einer Fülle von Dingen, die zu den Lebensbedürfnissen und Lebensannehmlichkeiten gehören, nicht nur genügt, sondern mehr als ausreichend ist, was ihr leicht einsehen werdet, wenn ihr bedenkt, ein wie großer Teil des Volkes bei andern Nationen müßig geht. Erstens fast alle Frauen, die Hälfte der ganzen Bevölkerung, oder, wo die Frauen tätig sind, faulenzen an ihrer Statt meistens die Männer. Wie groß ist ferner die müßiggehende Schar der Priester und Mönche?! Dazu kommen sodann die Reichen, meist Großgrundbesitzer, gewöhnlich die Junker und Adeligen genannt; dazu rechne ferner die Scharen Diener und den gesamten Schwarm müßiggängerischer Gefolgschaft, endlich die gefunden, kräftigen Bettler, die alle möglichen Krankheiten zum Vorwand für ihre Faulheit nehmen. Sicherlich würdest du die Anzahl Derer, durch deren Tätigkeit die Produkte zu Stande kommen, die zum täglichen Gebrauche dienen, geringer finden, als du wohl wähnen dürftest. Nun überlege bei dir, wie Wenige von diesen selbst wieder sich mit praktisch nützlichen, notwendigen Handwerken beschäftigen. Wo Geld der Maßstab aller Dinge ist, da müssen viel eitle und überflüssige Künste betrieben werden, die nur dem Luxus und den Lüsten dienen. Denn wenn dieselbe Anzahl von Leuten, die heutzutage überhaupt arbeiten, auf die wenigen Handwerke verteilt würde, die der natürlich einfachen Lebensweise nach bloß erforderlich sind, so würden die Preise so sehr sinken, dass die Handwerker von ihrer Arbeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr zu bestreiten vermöchten. Aber wenn alle Jene, die jetzt in müßigen Künsten und Gewerken beschäftigt sind, samt der ganzen Schar, die sich in Müßiggang und Nichtstun langweilt, und deren Jeder von den Erzeugnissen, die durch wirklich Arbeitende hergestellt werden, doppelt so viel verbraucht, als ein nützlicher Arbeiter, alle in praktisch nützlichen Berufen untergebracht würden, so würdest du mit Leichtigkeit gewahr werden, wie so sehr wenig Zeit mehr als übergenug ist, um alles das zu liefern, was entweder der unbedingte Lebensbedarf, oder die Behaglichkeit und selbst das Vergnügen – doch nur das wahre und natürliche – erheischt. Und das erhellt in Utopien aus den Tatsachen selbst. Denn dort sind in einer ganzen Stadt mit samt ihrer nächsten Umgegend aus der gesamten Zahl der Männer und Frauen, die dem Alter und den Körperkräften nach zur Arbeit tauglich sind, kaum fünfhundert, die davon befreit sind. Unter diesen dispensieren sich die Syphogranten (die gesetzlich der Arbeit überhoben sind) nicht einmal selbst vom Arbeiten, um die Übrigen umso leichter durch ihr Beispiel zur Arbeit einzuladen. Derselben Immunität erfreuen sich diejenigen, welchen das Volk zufolge der Empfehlung der Priester und den geheimen Abstimmungen der Syphogranten zum Studium der Wissenschaften lebenslängliche Befreiung gewährt. Wenn so einer die auf ihn gesetzten Hoffnungen getäuscht hat, so wird er in die Klasse der Handwerker zurückversetzt; und umgekehrt kommt es gar nicht so selten vor, dass ein Handwerksmann seine ersparten Mußestunden so emsig den Wissenschaften zuwendet, dass er ansehnliche Fortschritte macht, und, von seinem Handwerk befreit, in die Klasse der Geleierten aufsteigt. Aus diesem Stande der Gelehrten werden die Gesandten, die Priester, die Traniboren, wird endlich der Fürst selbst erwählt, den sie in ihrer alten Sprache Barzanes, in der neueren Ademus nennen. Da die ganze übrige Bevölkerung weder unbeschäftigt, noch in unfruchtbaren Handwerken beschäftigt ist, so ist leicht zu taxieren, in wie wenigen Stunden so viel nützliche Arbeit in den erwähnten Beziehungen vor sich gebracht werden kann; dazu kommt noch der erleichternde günstige Umstand, dass sie in den meisten unentbehrlichen Gewerken weniger Arbeitszeit verbrauchen, als andere Völker. Denn erstens kostet die Aufführung und die Reparatur der Gebäude anderwärts überall viele und beständige Arbeit, weil, was der Vater gebaut hat, ein fahrlässiger Erbe nach und nach verfallen lässt, während er es mit geringem Aufwande hätte in Stand halten können; dessen Nachfolger muss die Wiederherstellung dann von Frischem mit beträchtlichen Kosten besorgen lassen; nicht selten auch ist einer so zimperlich, dass er das mit großem Aufwande erbaute Haus als zu simpel verschmäht und es darum vernachlässigt; wenn es dann binnen Kurzem verfällt, lässt er sich anderswo ein anderes mit nicht geringeren Kosten erbauen. Aber bei den Utopiern, wo alle Verhältnisse wohl geordnet sind, und das Staatswesen bestens konsolidiert ist, kommt es nur selten vor, dass ein neues Haus auf einem Bauplatz aufgeführt wird, da vorhandenen Schäden nicht nur schleunig abgeholfen, sondern auch erst drohenden flugs begegnet wird. So kommt es denn, dass die Gebäude mit einem Minimum von Arbeit ungemein lange dauern, so dass die Bauhandwerker zuweilen kaum etwas zu tun haben, außer mittlerweile Zimmerholz zu hobeln und Steine zu behauen, damit, wenn es einen Bau aufzuführen gibt, dieser um so rascher entstehen kann. Nun sollst Du auch an der Kleidung sehen, wie wenig Arbeit die Utopier brauchen. Bei der Arbeit selbst sind sie ganz primitiv in Leder oder Felle gekleidet, die sieben Jahre aushalten. Wenn sie dann die Arbeit verlassen und auf die Straße gehen, ziehen sie ein Oberkleid über, welches jene gröbere Gewandung verdeckt; dieses hat dieselbe Farbe auf der ganzen Insel, und zwar die natürliche der Wolle. Sie brauchen daher viel weniger Tuchstoffe als anderswo und auch jenes eine Tuch kommt ihnen billiger. Die Herstellungsarbeit ist bei Leinen geringer, daher wird es häufiger verwendet, aber bei Leinen wird nur auf die Weiße, bei Wollstoffen auf die Reinlichkeit gesehen, die größere Feinheit des Gewebes wird nicht bezahlt. So kommt es, dass – während nirgendwo sonst vier oder fünf Wollkleider von verschiedenen Farben einem Manne genügen und den etwas Verwöhnteren nicht einmal zehn – dort Jedermann mit einem auskommt und das meist noch für zwei Jahre. Es gibt ja keinen Grund, warum er sich mehr wünschen sollte; er wäre mit ihnen weder gegen die Kälte mehr geschützt, noch würde er durch seine Kleidung um ein Haar schmucker aussehen. Da sie sich nur mit nützlichen Gewerken und Künsten befassen, und in jedem Handwerk nur wenige Arbeiter benötigt sind, so geschieht es, dass die Utopier zu Zeiten eine sehr große Anzahl Leute zur Verfügung haben, welche die öffentlichen Straßen ausbessern können, wenn diese schadhaft geworden sind. Sehr oft aber, wenn auch diese Art Arbeit nicht von Nöten ist, wird öffentlich bekannt gemacht, dass die Zahl der Arbeitsstunden herabgesetzt ist. Denn die Obrigkeiten plagen die Bürger nicht mit nutzloser überflüssiger Arbeit. Die Organisation dieses Staatswesens hat vor allem diesen einen Zweck vor Augen, alle Zeit, so weit es die Arbeiten für die Bedürfnisse der Gesamtheit erlauben, den Bürgern zur Abstreifung der Knechtschaft des Leibes und zur Befreiung und Ausbildung des Geistes zu gute kommen zu lassen. Denn darin sehen sie das wahre Glück des Lebens. Vom gegenseitigen Verkehre Jetzt wäre darzulegen, wie sich die Bürger gegenseitig unter einander verhalten, welcher Art sie Verkehr mit einander haben, und in welcher Weise die Verteilung der produzierten Sachen erfolgt. Die Stadt besteht aus Familien, die Familien werden größtenteils durch Verwandtschaft gebildet. Die mannbaren Weiber werden verheiratet und beziehen mit ihren Ehemännern ihre eigenen Wohnungen. Aber die männlichen Söhne und die Enkel bleiben in der Familie und gehorchen dem ältesten Aszendenten, so lange dessen geistige Fähigkeiten nicht altersschwach geworden sind, in welchem Falle der nächstälteste an seine Stelle tritt. Damit aber die Bevölkerung weder abnehme, noch eine Übervölkerung eintrete, ist vorgesehen, dass jede Familie, deren jede Stadt sechstausend, die Landgegenden des Weichbildes ausgenommen, enthält, nicht weniger als zehn und nicht mehr als sechzehn Erwachsene zähle. Die Zahl der unmündigen Kinder lässt sich nicht vorschreiben. Dieser Modus ist leicht innezuhalten, indem diejenigen in weniger vollzählige Familien hineingetan werden, die einer an Köpfen überreichen Familie entstammen. Wenn eine Stadt im Ganzen überhaupt zu viele Einwohner hat, so wird der Mangel anderer Städte dadurch ergänzt. Wenn aber vielleicht die ganze Insel über das rechte Maß hinaus bevölkert wäre, so werden aus jeder Stadt eine bestimmte Anzahl ausgewählt und auf dem nächstgelegenen Festlande, wo die Eingeborenen viel überschüssiges unbebautes Land haben, wird eine Kolonie angelegt, indem sie sich mit den Eingeborenen vereinigen, wenn diese in Gemeinschaft mit ihnen leben wollen. Die sich mit ihnen zur selben Lebensweise mit denselben Sitten und Gebräuchen vereinigen wollen, verschmelzen leicht mit ihnen, zu beider Völker Bestem. Denn so wird bewirkt, dass dasselbe Land für beide Überfluss bietet, das vorher für ein Volk allein dürftig und unergiebig schien. Solche, die sich weigern, nach ihren (der Utopier) Gesetzen zu leben, drängen sie soweit zurück, als sie selbst das Land zu besetzen sich vorgenommen haben. Widerstrebende werden mit Krieg überzogen. Denn für den gerechtesten Grund zum Kriege halten sie es, wenn ein Volk von dem Lande, das es besitzt, keinen Gebrauch macht, sondern es nur als toten Besitz inne hat, Andern aber gleichwohl diesen Besitz und dessen Nutznießung, worauf diese, nach dem Gebote der Natur, zu ihrer Ernährung angewiesen wären, vorenthält. Wenn eine der Städte eine solche Kalamität betroffen hat, dass ihre Bevölkerung aus den übrigen Städten, ohne dass die Einwohnerschaft einer derselben unter das vorgeschriebene Maß vermindert würde, nicht ergänzt werden kann (was bisher bloß zweimal seit Anbeginn der Landesgeschichte der Insel in Folge einer gräulich wütenden Pest sich zugetragen haben soll), so wandern die Bürger aus der Kolonie ins Mutterland zurück und füllen die Lücken aus. Denn eher lassen sie die Kolonie eingehen, als einer der Inselstädte Gefahr der Entvölkerung drohen. (Auszüge: Thomas Morus, ›Utopia‹, ) ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


EIN BRIEF AUS LONDON

Sehr oft aber stehe ich alsdann auf, sehe nach meinem Geldbeutel, und wenn es da auf gut Wetter steht, so nehme ich eine Kutsche und fliege für  Pence nach London; dieses habe ich während meines hiesigen Aufenthaltes auf mal getan. Da vergesse ich mich denn sehr leicht, und um Ihnen einigermaßen zu zeigen, dass es kaum anders möglich ist, will ich Iahnen ein flüchtiges Gemälde von einem Abend in London auf der Straße machen, das ich mündlich nicht bloß ausmalen, sondern auch noch mit einigen Gruppen vermehren will, die man nicht gern mit so dauerhafter Farbe, als Tinte, malt. Ich will dazu Cheapside und Fleetstreet nehmen, so wie ich sie in voriger Woche, da ich des Abends etwas vor  Uhr aus Herrn Boydells Haus nach meinem Logis ging, gefunden habe. Stellen Sie sich eine Straße vor etwa so breit als die Weender [in Göttingen], aber, wenn ich alles zusammen nehme, wohl auf mal so lang. Auf beiden Seiten hohe Häuser mit Fenstern von Spiegel Glas. Die untern Etagen bestehen aus Boutiquen und scheinen ganz von Glas zu sein; viele tausende von Lichtern erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden, Uhren, Glas, Zinn, Gemälde, Frauenzimmer-Putz und Unputz, Gold, Edelgesteine, StahlArbeit, Kaffeezimmer und LotteryOffices ohne Ende. Die Straße ist wie zu einem Jubelfeste illuminiert, die Apotheker und Materialisten stellen Gläser, worin sich Dietrichs Kammerhusar baden könnte, mit buntem Spiritus aus und überziehen ganze Quadratruten mit purpurrotem, gelbem, grünspangrünem und himmelblauem Licht. Die Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen und kitzeln mit ihren Aufsätzen die Nasen, für weiter keine Mühe und Kosten, als dass man beide nach ihren Häusern kehrt; da hängen Festons von spanischen Trauben, mit Ananas abwechselnd, um Pyramiden von Äpfeln und Orangen, dazwischen schlupfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, oft nicht bewachte weißarmige Nymphen mit seidenen Hütchen und seidenen

Schlenderchen. Sie werden von ihren Herrn den Pasteten und Torten weislich zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen und dem armen Geldbeutel seinen zweitletzten Schilling zu rauben, denn Hungrige und Reiche zu reizen, wären die Pasteten mit ihrer Atmosphäre allein hinreichend. Dem ungewohnten Auge scheint dieses alles ein Zauber; desto mehr Vorsicht ist nötig, alles gehörig zu betrachten; denn kaum stehen Sie still, Bums! läuft ein Packträger wider Sie an und ruft by Your leave wenn Sie schon auf der Erde liegen. In der Mitte der Straße rollt Chaise hinter Chaise, Wagen hinter Wagen und Karren hinter Karren. Durch dieses Getöse, und das Sumsen und Geräusch von Tausenden von Zungen und Füßen, hören Sie das Geläute von Kirchtürmen, die Glocken der Postbedienten, die Orgeln, Geigen, Leiern und Tambourinen englischer Savoyarden und das Heulen derer, die an den Ecken der Gasse unter freiem Himmel Kaltes und Warmes feil haben. Dann sehen Sie ein Lustfeuer von Hobelspänen Etagen hoch auflodern in einem Kreis von jubilierenden Betteljungen, Matrosen und Spitzbuben. Auf einmal ruft einer, dem man sein Schnupftuch genommen; stop thief, und alles rennt und drückt und drängt sich, viele, nicht um den Dieb zu haschen, sondern selbst vielleicht eine Uhr oder einen Geldbeutel zu erwischen. Ehe Sie es sich versehen, nimmt Sie ein schönes, niedlich angekleidetes Mädchen bei der Hand: come, My Lord, come along, let us drink a glass together, or I’ll go with You if You please; dann passiert ein Unglück  Schritte vor Ihnen; God bless me, rufen Einige, poor creature ein Anderer; da stockt’s und alle Taschen müssen gewahrt werden, alles scheint Anteil an dem Unglück des Elenden zu nehmen, auf einmal lachen alle wieder, weil einer sich aus Versehen in die Gosse gelegt hat; look there, damn me, sagt ein Dritter und dann geht der Zug weiter. Zwischen durch hören Sie vielleicht einmal ein Geschrei von hunderten auf einmal, als wenn ein Feuer auskäme, oder ein Haus einfiele oder ein Patriot zum

Fenster herausguckte. In Göttingen geht man hin und sieht wenigstens von  Schritten her an, was es gibt; hier ist man – hauptsächlich des Nachts und in diesem Teil der Stadt (the City) – froh, wenn man mit heiler Haut in einem Nebengässchen den Sturm auswarten kann. Wo es breiter wird, da läuft alles, niemand sieht aus, als wenn er spazieren ginge oder observierte, sondern alles scheint zu einem sterbenden gerufen. Das ist Cheapside und Fleetstreet an einem Dezemberabend. Bis hierher habe ich fast, wie man sagt, in einem Odem weg geschrieben, mit meinen Gedanken mehr auf jenen Gassen, als hier. Sie werden mich also entschuldigen, wenn es sich zu weilen hart und schwer ließt, es ist die Ordnung von Cheapside. Ich habe nichts übertrieben, im Gegenteil vieles weggelassen, was das Gemälde gehoben haben würde, unter andern habe ich nichts von den umzirkelten Balladen Sängern gesagt, die in allen Winkeln einen Teil des Stroms von Volk stagnieren machen, zum horchen und zum stehlen. Ferner habe ich die liederlichen Mädchen nur ein einziges Mal auftreten lassen, dieses hätte zwischen jede Szene, und in jeder Szene wenigstens einmal geschehen müssen. Man wird alle  Schritte angefallen, zuweilen von Kindern von  Jahren, die einem gleich durch ihre Anrede die Frage ersparen, ob sie auch wüssten, was sie wollten. Sie hängen sich an einen an, und es ist oft unmöglich von ihnen los zu kommen, ohne ihnen wenigstens etwas zu schenken. Sie packen einen zuweilen auf eine Art an, die ich Ihnen dadurch deutlich genug bezeichne, dass ich sie Ihnen nicht sage. Dabei sehen sich die Vorbeigehenden nicht einmal um, da ist liberty und property. Solang einem dieses neu ist, so lacht man wohl darüber, zumal da die meisten wie Christtagspuppen gekleidet und, wenn sie wollen und Gehör finden, hundertmal mehr belebt sind als manche unserer lebendigen vornehmen Christtagspuppen, hingegen ist man es einmal gewohnt und ist mehr auf seine Geschäfte als auf dieses Hexenwesen bedacht,

so ist es höchst unangenehm, und kann ich nicht begreifen, warum man diesem Unheil kein Einhalt zu tun sucht. Ich habe von einigen, die wie Fräuleins aussahen, Fragen an mich tun hören, bei welchen ein junger Student durch ein sohlendickes Fell rot geworden wäre. Georg Christoph Lichtenberg, an Ernst Gottfried Baldinger, 10. Januar 1775.


DIE GROSSEN STÄDTE

Friedrich Engels

So eine Stadt wie London, wo man stundenlang wandern kann, ohne auch nur an den Anfang des Endes zu kommen, ohne dem geringsten Zeichen zu begegnen, das auf die Nähe des platten Landes schließen ließe, ist doch ein eigen Ding. Diese kolossale Zentralisation, diese Anhäufung von dreieinhalb Millionen Menschen auf einem Punkt hat die Kraft dieser dreieinhalb Millionen verhundertfacht; sie hat London zur kommerziellen Hauptstadt der Welt erhoben, die riesenhaften Docks geschaffen und die Tausende von Schiffen versammelt, die stets die Themse bedecken. Ich kenne nichts Imposanteres als den Anblick, den die Themse darbietet, wenn man von der See nach London Bridge hinauffährt. Die Häusermassen, die Werften auf beiden Seiten, besonders von Woolwich aufwärts, die zahllosen Schiffe an beiden Ufern entlang, die sich immer dichter und dichter zusammenschließen und zuletzt nur einen schmalen Weg in der Mitte des Flusses frei lassen, einen Weg, auf dem hundert Dampfschiffe aneinander vorüberschießen – das alles ist so großartig, so massenhaft, dass man gar nicht zur Besinnung kommt und dass man vor der Größe Englands staunt, noch ehe man englischen Boden betritt. Aber die Opfer, die alles das gekostet hat, entdeckt man erst später. Wenn man sich ein paar Tage lang auf dem Pflaster der Hauptstraßen herumgetrieben, sich mit Mühe und Not durch das Menschengewühl, die endlosen Reihen von Wagen und Karren durchgeschlagen, wenn man die »schlechten Viertel« der Weltstadt besucht hat, dann merkt man erst, dass diese Londoner das beste Teil ihrer Menschheit aufopfern mussten, um alle die Wunder der Zivilisation zu vollbringen, von denen ihre Stadt wimmelt, dass hundert Kräfte, die in ihnen schlummerten, untätig blieben und unterdrückt wurden, damit einige wenige sich voller entwickeln und durch die Vereinigung mit denen anderer multipliziert werden konnten. Schon das Straßengewühl hat etwas Widerliches, etwas, wogegen sich die menschliche Natur empört. Diese

Hunderttausende von allen Klassen und aus allen Ständen, die sich da aneinander vorbeidrängen, sind sie nicht alle Menschen mit denselben Eigenschaften und Fähigkeiten und mit demselben Interesse, glücklich zu werden? und haben sie nicht alle ihr Glück am Ende doch durch ein und dieselben Mittel und Wege zu erstreben? Und doch rennen sie aneinander vorüber, als ob sie gar nichts gemein, gar nichts miteinander zu tun hätten, und doch ist die einzige Übereinkunft zwischen ihnen die stillschweigende, dass jeder sich auf der Seite des Trottoirs hält, die ihm rechts liegt, damit die beiden aneinander vorbeischießenden Strömungen des Gedränges sich nicht gegenseitig aufhalten; und doch fällt es keinem ein, die andern auch nur eines Blickes zu würdigen. Die brutale Gleichgültigkeit, die gefühllose Isolierung jedes einzelnen auf seine Privatinteressen tritt um so widerwärtiger und verletzender hervor, je mehr diese einzelnen auf den kleinen Raum zusammengedrängt sind; und wenn wir auch wissen, dass diese Isolierung des einzelnen, diese bornierte Selbstsucht überall das Grundprinzip unserer heutigen Gesellschaft ist, so tritt sie doch nirgends so schamlos unverhüllt, so selbstbewusst auf als gerade hier in dem Gewühl der großen Stadt. Die Auflösung der Menschheit in Monaden, deren jede ein apartes Lebensprinzip und einen aparten Zweck hat, die Welt der Atome ist hier auf ihre höchste Spitze getrieben. Daher kommt es denn auch, dass der soziale Krieg, der Krieg Aller gegen Alle, hier offen erklärt ist. Wie Freund Stirner sehen die Laute einander nur für brauchbare Subjekte an; jeder beutet den andern aus, und es kommt dabei heraus, dass der Stärkere den Schwächeren unter die Füße tritt und dass die wenigen Starken, das heißt die Kapitalisten, alles an sich reißen, während den vielen Schwachen, den Armen, kaum das nackte Leben bleibt. Und was von London gilt, das gilt auch von Manchester, Birmingham und Leeds, das gilt von allen großen Städten. Überall barbarische

Gleichgültigkeit, egoistische Härte auf der einen und namenloses Elend auf der andern Seite, überall sozialer Krieg, das Haus jedes einzelnen im Belagerungszustand, überall gegenseitige Plünderung unter dem Schutz des Gesetzes, und das alles so unverschämt, so offenherzig, dass man vor den Konsequenzen unseres gesellschaftlichen Zustandes, wie sie hier unverhüllt auftreten, erschrickt und sich über nichts wundert als darüber, dass das ganze tolle Treiben überhaupt noch zusammenhält. Da in diesem sozialen Kriege das Kapital, der direkte oder indirekte Besitz der Lebensmittel und Produktionsmittel, die Waffe ist, mit der gekämpft wird, so ist es einleuchtend, dass alle Nachteile eines solchen Zustandes auf den Armen fallen. Kein Mensch kümmert sich um ihn; hineingestoßen in den wirren Strudel, muss er sich durchschlagen, so gut er kann. Wenn er so glücklich ist, Arbeit zu bekommen, d.h. wenn die Bourgeoisie ihm die Gnade antut, sich durch ihn zu bereichern, so wartet seiner ein Lohn, der kaum hinreicht, Leib und Seele zusammenzuhalten; bekommt er keine Arbeit, so kann er stehlen, falls er die Polizei nicht fürchtet, oder verhungern, und die Polizei wird auch hierbei Sorge tragen, dass er auf eine stille, die Bourgeoisie nicht verletzende Weise verhungert. Während meiner Anwesenheit in England sind wenigstens zwanzig bis dreißig Menschen unter den empörendsten Umständen direkt Hungers gestorben, und bei der Totenschau fand sich selten eine Jury, die den Mut hatte, dies geradezu auszusprechen. Die Zeugenaussagen mochten noch so klar, noch so unzweideutig sein – die Bourgeoisie, aus der die Jury gewählt war, fand immer eine Hintertür, durch die sie dem schrecklichen Verdikt: Hungers gestorben, entgehen konnte. Die Bourgeoisie darf in diesen Fällen die Wahrheit aber nicht sagen, sie spräche ja ihr eigenes Urteil aus. Aber auch indirekt sind viele – noch viel mehr als direkt – Hungers gestorben, indem der anhaltende Mangel zureichender Lebensmittel tödliche Krankheiten hervorrief

und so seine Opfer hinwegraffte; indem er sie so schwächte, dass gewisse Umstände, die sonst ganz glücklich abgelaufen wären, notwendig schwere Krankheiten und den Tod herbeiführten. Die englischen Arbeiter nennen das sozialen Mord und klagen die ganze Gesellschaft an, dass sie fortwährend dies Verbrechen begehe. Haben sie unrecht? Allerdings verhungern immer nur einzelne – aber welche Garantie hat der Arbeiter, dass er nicht morgen auch an die Reihe kommt? Wer sichert ihm seine Stellung? Wer leistet ihm Gewähr, dass, wenn er morgen von seinem Brotherrn aus irgendeinem Grund oder Ungrund entlassen wird, er sich mit den Seinigen so lange durchschlägt, bis er einen andern findet, der ihm »Brot gibt«? Wer verbürgt dem Arbeiter, dass der gute Wille zur Arbeit hinreichend ist, um Arbeit zu bekommen, dass Ehrlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit, und wie die vielen von der weisen Bourgeoisie ihm empfohlenen Tugenden alle heißen, für ihn wirklich der Weg zum Glücke sind? Niemand. Er weiß, dass er heute etwas hat und dass es nicht von ihm selbst abhängt, ob er morgen auch noch etwas hat; er weiß, dass jeder Wind, jede Laune des Arbeitgebers, jede schlechte Handelskonjunktur ihn in den wilden Strudel zurückstoßen kann, aus dem er sich temporär gerettet hat und in dem es schwer, oft unmöglich ist, oben zu bleiben. Er weiß, dass, wenn er heute leben kann, es sehr ungewiss ist, ob er dies auch morgen kann. Gehen wir indes zu einer detaillierteren Untersuchung des Zustandes über, in den der soziale Krieg die besitzlose Klasse versetzt. Sehen wir, was für Lohn denn eigentlich die Gesellschaft dem Arbeiter für seine Arbeit in Wohnung, Kleidung und Nahrung erstattet, welch eine Existenz sie denen gewährt, die das meiste zur Existenz der Gesellschaft beitragen; nehmen wir zuerst die Wohnungen vor. Jede große Stadt hat ein oder mehrere »schlechte Viertel«, in denen sich die arbeitende Klasse zusammendrängt. Oft freilich wohnt die Armut in versteckten Gässchen


dicht neben den Palästen der Reichen; aber im allgemeinen hat man ihr ein apartes Gebiet angewiesen, wo sie, aus den Augen der glücklicheren Klassen verbannt, sich mit sich selbst durchschlagen mag, so gut es geht. Diese schlechten Viertel sind in England in allen Städten ziemlich egal eingerichtet – die schlechtesten Häuser in der schlechtesten Gegend der Stadt; meist zweistöckige oder einstöckige Ziegelgebäude in langen Reihen, möglicherweise mit bewohnten Kellerräumen und fast überall unregelmäßig angelegt. Diese Häuschen von drei bis vier Zimmern und einer Küche werden Cottages genannt und sind in ganz England – einige Teile von London ausgenommen – die allgemeinen Wohnungen der arbeitenden Klasse. Die Straßen selbst sind gewöhnlich ungepflastert, höckerig, schmutzig, voll vegetabilischen und animalischen Abfalls, ohne Abzugskanäle oder Rinnsteine, dafür aber mit stehenden, stinkenden Pfützen versehen. Dazu wird die Ventilation durch die schlechte, verworrene Bauart des ganzen Stadtviertels erschwert, und da hier viele Menschen auf einem kleinen Raume leben, so kann man sich leicht vorstellen, welche Luft in diesen Arbeiterbezirken herrscht. Die Straßen dienen überdies bei schönem Wetter als Trockenplatz; es werden von Haus zu Haus Leinen quer herüber gespannt und mit nasser Wäsche behangen. Nehmen wir einige dieser schlechten Viertel durch. Da ist zuerst London, und in London die berühmte »Rabenheckerei« (rookery), St. Giles, die jetzt endlich durch ein paar breite Straßen durchbrochen und so vernichtet werden soll. Dies St. Giles liegt mitten im bevölkerungsreichsten Teile der Stadt, umgeben von glänzenden, breiten Straßen, in denen die schöne Welt Londons sich herumtreibt – ganz in der Nähe von Oxford Street und Regent Street, von Trafalgar Square und dem Strand. Es ist eine unordentliche Masse von hohen, drei- bis vierstöckigen Häusern, mit engen, krummen und schmutzigen Straßen, auf denen wenigstens ebensoviel Leben ist wie auf den Hauptrouten durch die Stadt, nur dass man in St. Giles bloß Leute aus der arbeitenden Klasse sieht. Auf den Straßen wird Markt gehalten, Körbe mit Gemüse und Obst, natürlich alles schlecht und kaum genießbar, verengen die Passage noch mehr, und von ihnen, wie von den Fleischerläden, geht ein abscheulicher Geruch aus. Die Häuser sind bewohnt vom Keller bis hart unters

Dach, schmutzig von außen und innen, und sehen aus, dass kein Mensch drin wohnen möchte. Das ist aber noch alles nichts gegen die Wohnungen in den engen Höfen und Gässchen zwischen den Straßen, in die man durch bedeckte Gänge zwischen den Häusern hineingeht und in denen der Schmutz und die Baufälligkeit alle Vorstellung übertrifft – fast keine ganze Fensterscheibe ist zu sehen, die Mauern bröcklig, die Türpfosten und Fensterrahmen zerbrochen und lose, die Türen von alten Brettern zusammengenagelt oder gar nicht vorhanden – hier in diesem Diebesviertel sogar sind keine Türen nötig, weil nichts zu stehlen ist. Haufen von Schmutz und Asche liegen überall umher, und die vor die Tür geschütteten schmutzigen Flüssigkeiten sammeln sich in stinkenden Pfützen. Hier wohnen die Ärmsten der Armen, die am schlechtesten bezahlten Arbeiter mit Dieben, Gaunern und Opfern der Prostitution bunt durcheinander – die meisten sind Irländer oder Abkömmlinge von Irländern, und diejenigen, die selbst noch nicht in dem Strudel moralischer Verkommenheit, der sie umgibt, untergegangen sind, sinken doch täglich tiefer, verlieren täglich mehr und mehr die Kraft, den demoralisierenden Einflüssen der Not, des Schmutzes und der schlechten Umgebung zu widerstehen. Aber St. Giles ist nicht das einzige »schlechte Viertel« Londons. In dem ungeheuren Straßenknäul gibt es Hunderte und Tausende verborgener Gassen und Gässchen, deren Häuser zu schlecht sind für alle, die noch etwas auf menschliche Wohnung verwenden können – oft dicht neben den glänzenden Häusern der Reichen findet man solche Schlupfwinkel der bittersten Armut. So wurde vor kurzem, bei Gelegenheit einer Totenschau, eine Gegend dicht bei Portman Square, einem sehr anständigen öffentlichen Platze, als der Aufenthalt »einer Menge durch Schmutz und Armut demoralisierter Irländer« bezeichnet. So findet man in Straßen wie Long Acre usw., die zwar nicht fashionabel, aber doch anständig sind, eine Menge Kellerwohnungen, aus denen kränkliche Kindergestalten und halbverhungerte, zerlumpte Frauen ans Tageslicht steigen. In der unmittelbaren Nähe des Drury Lane Theaters – des zweiten von London – sind einige der schlechtesten Straßen der ganzen Stadt – Charles King und Parker Street, deren Häuser ebenfalls von den Kellern an bis unters Dach von lauter armen Familien bewohnt sind. In den Pfarren St. John und St.

Margaret in Westminster wohnten  nach dem Journal der Statistischen Gesellschaft . Arbeiterfamilien in . »Wohnungen« – wenn sie diesen Namen verdienen –, Männer, Weiber und Kinder, ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht zusammengeworfen, zusammen . Individuen, und von der obigen Familienzahl hatten drei Viertel nur ein einziges Zimmer. In der aristokratischen Pfarre St. Georg, Hanover Square, wohnten nach derselben Autorität . Arbeiterfamilien, zusammen an . Personen, in gleichen Verhältnissen – auch hier über zwei Drittel der ganzen Anzahl auf je ein Zimmer für die Familie zusammengedrängt. Und wie wird die Armut dieser Unglücklichen, bei denen selbst Diebe nichts mehr zu finden hoffen, von den besitzenden Klassen auf gesetzlichem Wege ausgebeutet! Die scheußlichen Wohnungen bei Drury Lane, deren eben erwähnt wurde, bezahlen folgende Mieten: zwei Kellerwohnungen  sh. ( Taler), ein Zimmer parterre  sh., eine Treppe hoch  / sh., zwei Treppen hoch  sh., Dachstuben  sh. wöchentlich – so dass allein die ausgehungerten Bewohner der Charles Street den Häuserbesitzern einen jährlichen Tribut von . Pfd. St. (. Taler) und die erwähnten . Familien in Westminster eine jährliche Miete von zusammen . Pfd. St. (. Taler) bezahlen. Der größte Arbeiterbezirk liegt indes östlich vom Tower – in Whitechapel und Bethnal Green, wo die Hauptmasse der Arbeiter Londons konzentriert ist. Hören wir, was Herr G. Alston, der Prediger von St. Philip’s, Bethnal Green, über den Zustand seiner Pfarre sagt: »Sie enthält . Häuser, die von . Familien oder ungefähr . Personen bewohnt werden. Der Raum, auf dem diese große Bevölkerung wohnt, ist weniger als  Yards (. Fuß) im Quadrat, und bei solch einer Zusammendrängung ist es nichts Ungewöhnliches, dass ein Mann, seine Frau, vier bis fünf Kinder und zuweilen noch Großvater und Großmutter in einem einzigen Zimmer von zehn bis zwölf Fuß im Quadrat gefunden werden, worin sie arbeiten, essen und schlafen. Ich glaube, dass, ehe der Bischof von London die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese so höchst arme Pfarre hinlenkte, man da am Westende der Stadt ebenso wenig von ihr wusste wie von den Wilden Australiens oder der Südsee-Inseln. Und wenn wir uns einmal mit den Leiden dieser Unglücklichen durch eigne Anschauung bekannt machen,

wenn wir sie bei ihrem kargen Mahle belauschen und sie von Krankheit oder Arbeitslosigkeit gebeugt sehen, so werden wir eine solche Masse von Hilflosigkeit und Elend finden, dass eine Nation wie die unsrige über die Möglichkeit derselben sich zu schämen hat. Ich war Pfarrer bei Huddersfield während der drei Jahre, in denen die Fabriken am schlechtesten gingen; aber ich habe nie eine so gänzliche Hilflosigkeit der Armen gesehen wie seitdem in Bethnal Green. Nicht ein Familienvater aus zehnen in der ganzen Nachbarschaft hat andere Kleider als sein Arbeitszeug, und das ist noch so schlecht und zerlumpt wie möglich; ja viele haben außer diesen Lampen keine andere Decke während der Nacht und als Bette nichts als einen Sack mit Stroh und Hobelspänen.« Bei Gelegenheit einer Totenschau, die Herr Carter, Coroner für Surrey, über die Leiche der jährigen Ann Galway am . November  abhielt, erzählen die Journale folgendes von der Wohnung der Verstorbenen: Sie hatte in Nr. , White Lion Court, Bermondsey Street, London, mit ihrem Mann und ihrem jährigen Sohne in einem kleinen Zimmer gewohnt, worin sich weder Bettstelle oder Bettzeug noch sonstige Möbel befanden. Sie lag tot neben ihrem Sohn auf einem Haufen Federn, die über ihren fast nackten Körper gestreut waren, denn es war weder Decke noch Bettuch vorhanden. Die Federn klebten so fest an ihr über den ganzen Körper, dass der Arzt die Leiche nicht untersuchen konnte, bevor sie gereinigt war, und dann fand er sie ganz abgemagert und über und über von Ungeziefer zerbissen. Ein Teil des Fußbodens im Zimmer war aufgerissen, und das Loch wurde von der Familie als Abtritt benutzt. Montag, den . Januar  wurden zwei Knaben vor das Polizeigericht von Worship Street, London, gebracht, weil sie aus Hunger einen halbgekochten Kuhfuß von einem Laden gestohlen und sogleich verzehrt hatten. Der Polizeirichter sah sich veranlasst, weiter nachzuforschen, und erhielt von den Polizeidienern bald folgende Aufklärung: Die Mutter dieser Knaben war die Witwe eines alten Soldaten und späteren Polizeidieners, der es seit dem Tode ihres Mannes mit ihren neun Kindern sehr schlecht ergangen war, Sie wohnte Nr. , Pool’s Place, Quaker Street, Spitalfields, im grö��ten Elende. Als der Polizeidiener zu ihr kam, fand er sie mit sechs ihrer Kinder in einem kleinen Hinterstübchen buchstäblich zusammengedrängt, ohne Möbel,


ausgenommen zwei alte Binsenstühle ohne Boden, einen kleinen Tisch mit zwei zerbrochenen Beinen, eine zerbrochene Tasse und eine kleine Schüssel. Auf dem Herde kaum ein Funken Feuer, und in der Ecke so viel alte Lumpen, als eine Frau in ihre Schürze nehmen konnte, die aber der ganzen Familie zum Bette dienten. Zur Decke hatten sie nichts als ihre ärmliche Kleidung. Die arme Frau erzählte ihm, dass sie voriges Jahr ihr Bett habe verkaufen müssen, um Nahrung zu erhalten; ihre Bettücher habe sie dem Viktualienhändler als Unterpfand für einige Lebensmittel dagelassen, und sie habe überhaupt alles verkaufen müssen, um nur Brot zu bekommen. Der Polizeirichter gab der Frau einen beträchtlichen Vorschuss aus der Armenbüchse. Es fällt mir nicht ein, zu behaupten, alle Londoner Arbeiter lebten in einem solchen Elend wie die obigen drei Familien; ich weiß wohl, dass zehn es besser haben, wo einer so ganz und gar von der Gesellschaft mit Füßen getreten wird – aber ich behaupte, dass Tausende von fleißigen und braven Familien, viel braver, viel ehrenwerter als sämtliche Reiche von London, in dieser eines Menschen unwürdigen Lage sich befinden und dass jeder Proletarier, jeder ohne Ausnahme, ohne seine Schuld und trotz allen seinen Anstrengungen, von gleichem Schicksal getroffen werden kann. Aber bei alledem sind diejenigen noch glücklich, die nur noch ein Obdach irgendeiner Art haben – glücklich gegen die ganz Obdachlosen. In London stehen jeden Morgen fünfzigtausend Menschen auf, ohne zu wissen, wo sie für die nächste Nacht ihr Haupt hinlegen sollen. Die glücklichsten dieser Zahl, denen es gelingt, am Abend einen oder ein paar Pence zu erübrigen, gehen in ein so genanntes Logierhaus (lodging-house), deren es in allen großen Städten eine Menge gibt und wo sie für ihr Geld ein Unterkommen finden. Aber welch ein Unterkommen! Das Haus ist von oben bis unten mit Betten angefüllt, vier, fünf, sechs Betten in einer Stube, soviel ihrer hineingehen. In jedes Bett werden vier, fünf, sechs Menschen gestopft, ebenfalls soviel ihrer hineingehen – Kranke und Gesunde, Alte und Junge, Männer und Weiber, Trunkene und Nüchterne, wie es gerade kommt, alles bunt durcheinander. Da gibt es denn Streit, Schlägereien und Verwundungen – und wenn sich die Bettgenossen vertragen, so ist das noch schlimmer, es werden Diebstähle verabredet oder Dinge getrieben, deren Bestialität unsere

menschlicher gewordenen Sprachen nicht in Worten wiedergeben wollen. Und diejenigen, die kein solches Nachtlager bezahlen können? Nun, die schlafen, wo sie Platz finden, in Passagen, Arkaden, in irgendeinem Winkel, wo die Polizei oder die Eigentümer sie ungestört schlafen lassen; einzelne kommen wohl unter in den Zufluchtshäusern, die hier und dort von der Privatwohltätigkeit errichtet wurden – andere schlafen in den Parks auf den Bänken, dicht unter den Fenstern der Königin Viktoria. Ich sprach oben von Zufluchtshäusern für Obdachlose. Wie sehr diese überlaufen sind, mögen uns zwei Beispiele lehren. Ein neu errichtetes »Refuge of the Houseless« in Upper Ogle Street, das jede Nacht  Personen beherbergen kann, nahm seit seiner Eröffnung am . Januar bis zum . März  . Personen für eine oder mehrere Nächte auf; und obwohl die Jahreszeit günstiger wurde, war die Zahl der Applikanten sowohl in diesem als in den Asylen von Whitecross Street und Wapping stark im Zunehmen begriffen, und jede Nacht mussten eine Menge Obdachloser aus Mangel an Raum zurückgewiesen werden. In einem andern, dem Zentral-Asyl von Playhouse Yard, wurden in den ersten drei Monaten des Jahres  durchschnittlich jede Nacht  Nachtlager gegeben, im ganzen . Personen beherbergt und . Rationen Brot verteilt. Dennoch erklärt das leitende Komitee, dass auch diese Anstalt dem Andrange der Benötigten einigermaßen erst dann genügt habe, als auch das östliche Asyl der Aufnahme von Obdachlosen geöffnet worden sei. •

Fassen wir nun zum Schluss die angeführten Tatsachen nochmals kurz zusammen: Die großen Städte sind hauptsächlich von Arbeitern bewohnt, da im günstigsten Falle ein Bourgeois auf zwei, oft auch drei, hier und da auf vier Arbeiter kommt; diese Arbeiter haben selbst durchaus kein Eigentum und leben von dem Arbeitslohn, der fast immer aus der Hand in den Mund geht; die in lauter Atome aufgelöste Gesellschaft kümmert sich nicht um sie, überlässt es ihnen, für sich und ihre Familien zu sorgen, und gibt ihnen dennoch nicht die Mittel an die Hand, dies auf eine wirksame und dauernde Weise tun zu können; jeder Arbeiter, auch der beste, ist daher stets der Brotlosigkeit, das heißt dem Hungertode ausgesetzt,

und viele erliegen ihm; die Wohnungen der Arbeiter sind durchgehends schlecht gruppiert, schlecht gebaut, in schlechtem Zustande gehalten, schlecht ventiliert, feucht und ungesund; die Einwohner sind auf den kleinsten Raum beschränkt, und in den meisten Fällen schläft wenigstens eine Familie in einem Zimmer; die innere Einrichtung der Wohnungen ist ärmlich in verschiedenen Abstufungen bis zum gänzlichen Mangel auch der notwendigsten Möbel; die Kleidung der Arbeiter ist ebenfalls durchschnittlich kärglich und bei einer großen Menge zerlumpt; die Nahrung im allgemeinen schlecht, oft fast ungenießbar und in vielen Fällen wenigstens zeitweise in unzureichender Quantität, so dass im äußersten Falle Hungertod eintritt. Die Arbeiterklasse der großen Städte bietet uns so eine Stufenleiter verschiedener Lebenslagen dar – im günstigsten Falle eine temporär erträgliche Existenz, für angestrengte Arbeit guten Lohn, gute Wohnung und gerade keine schlechte Nahrung – alles natürlich vom Arbeiterstandpunkt aus gut und erträglich – im schlimmsten bitteres Elend, das sich bis zur Obdachlosigkeit und dem Hungertode steigern kann; der Durchschnitt liegt aber dem schlimmsten Falle weit näher als dem besten. Und diese Stufenleiter teilt sich nicht etwa bloß in fixe Klassen, so dass man sagen könnte: Dieser Fraktion der Arbeiter geht es gut, jener schlecht, und so bleibt es und ist es schon von jeher gewesen; sondern, wenn das auch hier und da der Fall ist, wenn einzelne Arbeitszweige im ganzen einen Vorzug vor andern genießen, so schwankt doch auch die Lege der Arbeiter in jeder Branche so sehr, dass ein jeder einzelne Arbeiter in den Fall kommen kann, die ganze Stufenleiter zwischen verhältnismäßigem Komfort und dem äußersten Mangel, ja dem Hungertode durchzumachen – wie denn auch fast jeder englische Proletarier von bedeutenden Glückswechseln zu erzählen weiß. • Auszug aus: Friedrich Engels, ›Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen‹, 1845, MEW Bd. 2, S. 256 ff.

RAUM »Die kapitalistische Produktion hat den Raum vereinheitlicht, der von keinen Außengesellschaften mehr begrenzt ist. Diese Vereinheitlichung ist zugleich ein extensiver und intensiver Prozess der Banalisierung. So wie die Akkumulation der für den abstrakten Raum des Marktes in Serie produzierten Waren alle regionalen und gesetzlichen Schranken und alle korporativen Beschränkungen des Mittelalters, die die Qualität der handwerksmäßigen Produktion aufrechterhielten, brechen musste, musste sie auch die Autonomie und die Qualität der Orte auflösen. Diese Macht der Homogenisierung ist die schwere Artillerie, die alle chinesischen Mauern in den Grund geschossen hat.« Guy Debord, ›Die Gesellschaft des Spektakels‹ (Kapitel VII: ›Die Raumordnung‹, Punkt 165, Berlin 1996, S. 145)

»Die Wahrheit des Raumes ist die Zeit, so wird der Raum zur Zeit; wir gehen nicht so subjektiv zur Zeit über, sondern der Raum selbst geht über. In der Vorstellung ist Raum und Zeit weit auseinander, da haben wir Raum und dann auch Zeit; dieses ›Auch‹ bekämpft die Philosophie.« G. W. F. Hegel, ›Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften II‹, § 257.


EDGAR ALLAN POE DER MANN DER MENGE

»Ce grand malheur, de ne pouvoir être seul.« La Bruyère. Es war nicht schlecht, dies ›Es lässt sich nicht lesen‹, was man von einem gewissen deutschen Buche sagte. Es gibt Geheimnisse, die nicht gestatten, dass man sie ausspricht. Menschen sterben nachts in Betten, pressen die Hände gespenstischer Beichtväter, blicken ihnen Erbarmen suchend ins Auge – sterben mit verzweifelndem Herzen und gekrampfter Kehle, denn die entsetzlichen Geheimnisse, die nicht dulden, dass man sie enthüllt, erdrücken sie. Ach, hie und da nimmt das Gewissen der Menschen eine Last auf, die so entsetzlich ist in ihrer Schwere, dass sie nicht früher abgeworfen werden kann als im Grabe. Und so wird das innerste Wesen des Verbrechens nicht offenbart. Vor nicht allzu langer Zeit saß ich in der Abenddämmerung an einem großen Bogenfenster des Kaffeehauses D – – in London. Ich war einige Monate krank gewesen, nun aber auf dem Wege der Besserung, und je mehr meine Kräfte zurückkehrten, desto glücklicher wurde meine Stimmung, die man als das Gegenteil von Langeweile bezeichnen muss; es war ein Zustand voll inneren Aufmerkens, voll heftiger Begier nach Neuem, es war mir gewissermaßen, als blicke mein geistiges Auge zum ersten Mal frei und unverschleiert – das ›achlus hē prin epē-en‹ – und der angespannte Intellekt überragt dann so sehr seinen gewöhnlichen Zustand, wie der feurige und doch aufrichtige Verstand eines Leibniz die tolle und haltlose Beredsamkeit eines Gorgias. Nur zu atmen, war schon Freude, und selbst aus den Quellen des Schmerzes wusste ich Genuss zu schöpfen. Ich nahm an allem ein stilles, doch eindringliches Interesse. Eine Zigarre im Mund und eine Zeitung auf den Knien, hatte ich mich den Nachmittag über damit unterhalten, in die Zeitung zu blicken oder die anderen Gäste zu beobachten oder durch die rauchgetrübten Scheiben auf die Straße zu schauen. Diese Straße, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, war schon den ganzen Tag über sehr belebt gewesen; aber mit zunehmender Dämmerung wuchs die Menge der Passanten noch von Minute zu Minute, und als die Laternen angezündet wurden, wogte unaufhörlich nach beiden Richtungen ein dichter Menschenstrom vorüber. Noch nie vorher hatte ich mich zu dieser Tageszeit in einer ähnlichen Lage befunden, und das stürmende Menschenheer da draußen gab mir seltsam neue, berauschende Gefühle. Bald kümmerte ich mich gar nicht mehr um das, was drinnen vorging, sondern vertiefte mich ganz in die Betrachtung des Straßengewoges. Meine Beobachtungen waren zunächst ganz allgemeiner Art. Ich sah die Passanten nur als Gruppen und stellte mir ihre Beziehungen zueinander vor. Bald jedoch ging ich zu Einzelheiten über und prüfte mit eingehendem Interesse die zahllosen Verschiedenheiten in Gestalt, Kleidung, Haltung und Mienenspiel. Die meisten der Vorübergehenden hatten ein zufriedenes Aussehen, wie Geschäftsleute, und schienen nur daran zu denken, sich einen Weg durchs Gedränge zu bahnen. Ihre Brauen waren gerunzelt, und ihre Augen blickten lebhaft umher. Wurden sie von anderen gestoßen, so zeigten sie keine Ungeduld, sondern brachten ihren Anzug wieder in Ordnung und eilten weiter. Andere – und auch sie waren sehr zahlreich – hatten hastige Bewegungen und gerötete Gesichter; sie gestikulierten und sprachen mit sich selbst, als fühlten sie sich inmitten des Getriebes in größter Einsamkeit. Wurden sie am Weitergehen gehindert, so hielten sie plötzlich mit Murmeln inne, verdoppelten aber ihre Gestikulationen und ließen mit abwesendem und müdem Lächeln die Nachdrängenden vorüber. Wenn einer gegen sie anrannte, so verneigten sie sich viele Male und schienen von Verlegenheit überwältigt. Außer dem Ebenerwähnten hatten diese beiden großen Gruppen nichts Bemerkenswertes. Ihre Kleidung entsprach der, die man nicht ohne Ironie die ›anständige‹ genannt hat. Es waren unzweifelhaft Adelige, Kaufleute, Anwälte, Börsenleute – Patrizier und Allerweltsleute –, müßige und tätige Menschen, die ihre eigenen Wege gingen und selbständig Geschäfte machten. Sie nahmen meine Aufmerksamkeit nicht weiter in Anspruch. Die Klasse der Angestellten war leicht zu überblicken, und ich konnte sie in zwei Gruppen einteilen. Da waren die jüngeren Leute von schnell emporgeblühten, aber unsicheren Geschäftshäusern, junge Männer mit eng anliegenden Röcken, glänzenden Schuhen, pomadisiertem Haar und hochnäsigem Ausdruck. Abgesehen von einer gewissen Diensteifrigkeit, die sie nicht verleugnen konnten und die man füglich die ›Schreiberseele‹ nennen könnte, erschienen mir diese Leute als die vollkommene Nachahmung dessen, was vor zwölf bis achtzehn Monaten ›bon ton‹ gewesen war. Sie hatten die abgelegten Manieren der ersten Gesellschaftskreise, und das, glaube ich, ist am bezeichnendsten für diese Gruppe. Die Gruppe der höheren Angestellten solider Firmen war ebenso wenig zu verkennen. Man erkannte sie an ihren schwarzen oder braunen Röcken und Beinkleidern, die stets bequem saßen, an ihren weißen Westen und Krawatten, den breiten derben Schuhen und groben Strümpfen oder Gamaschen. Sie hatten alle schon einen Ansatz von Glatze, und ihr rechtes Ohr, das schon so viele Jahre die Feder getragen, hatte die komische Gewohnheit, weit abzustehen. Ich bemerkte, dass sie stets mit beiden Händen an ihren Hüten rückten und Uhren trugen, die an kurzen goldenen Ketten von plumper altmodischer Form hingen. Sie hatten ein etwas gekünstelt ehrbares Auftreten, wenn Ehrbarkeit überhaupt gekünstelt sein kann. Ferner gab es viele entschlossen und kühn aussehende Gestalten, die ich mühelos als zur Zunft der Taschendiebe gehörig erkannte, von der alle Großstädte heimgesucht werden. Ich beobachtete diese Herren sehr genau und konnte mir kaum vorstellen, wie sie von wirklich vornehmen Leuten jemals für ihresgleichen gehalten werden könnten. Die Weite ihrer Manschetten und ein gewisser übertriebener Freimut musste sie sogleich verraten. Die Spieler, von denen ich nicht wenige entdeckte, waren noch leichter herauszufinden. Sie trugen die verschiedenste Kleidung, von der des tollkühnen Taschenspielers mit Samtweste, phantastischem Halstuch, goldenen Ketten und Filigranknöpfen bis zu der des sorgfältig gekleideten Geistlichen, denn gerade dies Gewand erregt am wenigsten Verdacht. Sie alle zeichneten sich durch eine gewisse dunkle Gesichtsfarbe, ein mattes Auge und bleiche zusammengekniffene Lippen aus. Und noch zwei andere Merkmale waren es, an denen ich sie erkennen konnte; sie sprachen stets in gesucht leisem Ton und hielten den Daumen rechtwinklig zur Hand weit abgestreckt. Oft sah ich in Gesellschaft dieser Gauner eine Klasse von Leuten mit etwas anderem Gebaren, die aber dennoch Vögel derselben Gattung waren. Man könnte sie die Herren nennen, die von ihren Witzen leben. Sie scheinen in zwei Bataillonen auf Beute auszuziehen: als Stutzer und als Militärs. Die Hauptkennzeichen der ersten Art sind langes Haar und Lächeln, die der zweiten schnürenbesetzte Röcke und Stirnrunzeln. Weiter herabsteigend auf der Stufenleiter der menschlichen Gesellschaft, fand ich dunklere und schwierigere Aufgaben zum Analysieren. Ich sah jüdische Hausierer mit Falkenaugen, die aus Gesichtern blitzten, in denen alles andere nur das Gepräge kriechender Demut trug; freche gewerbsmäßige Bettler, die mit schalen Blicken jene Genossen besseren Schlages musterten, die nur Verzweiflung, Mitleid heischend, in die Nacht getrieben: gebrechliche, gespenstisch dürre Gestalten, auf die der Tod schon seine schwere Hand gelegt, die kraftlos daherschwankten und jedermann flehend ins Antlitz blickten, als suchten sie einen Trost, eine verlorene Hoffnung; bescheidene junge Mädchen, die von langer Arbeit in ihr freudloses Heim zurückkehrten und eher mit tränenvollem Blick als mit Entrüstung den frechen Augen der Wüstlinge auswichen, mit denen im Gedränge selbst eine Berührung nicht zu vermeiden war; Dirnen aller Art und jeden Alters: die unvergleichliche Schönheit in der Blüte ihrer Weiblichkeit, die an die Statue erinnert, von der Lukian berichtet, dass sie außen aus köstlichem Pariser Marmor, innen aber mit Kot gefüllt war – das ekelhafte, ganz verkommene Weib in Lumpen – die runzlige, mit Juwelen geschmückte, mit Schminke überkleisterte alte Vettel, die eine letzte Anstrengung macht, jugendlich zu erscheinen – das unentwickelte zarte Kind, das aber, durch lange Gewöhnung in allen Künsten der Koketterie erfahren, vor Ehrgeiz brennt, den älteren Schwestern im Laster gleichzukommen; Trunkenbolde, zahllos und nicht zu beschreiben; manche in Flicken und Lumpen, mit verglasten Augen und blödem Schwatzen dahertaumelnd – manche in ganzen, wenngleich schmierigen Kleidern, mit unsicher schwankendem Schritt, dicken sinnlichen Lippen und dreist blickenden, rot gedunsenen Gesichtern – andere, deren Anzügen man ansah, dass sie aus gutem Stoff und selbst jetzt noch gebürstet waren, Leute, deren Schritt übertrieben fest und elastisch, deren Antlitz jedoch erschreckend bleich war, deren rote Augen abstoßend wild blickten, und die, wie sie da durch die Menge schoben, mit zitternden Fingern nach allem tasteten, was in ihren Bereich kam. Je mehr die Nacht hereinbrach, desto mehr steigerte sich auch mein Interesse an der Szene, denn nicht nur änderte sich der allgemeine Charakter der Dinge (die milden Züge verschwanden im gleichen Maße, in dem sich der bessere Teil der Leute zurückzog, und die rohen Elemente drängten sich kühner hervor, je mehr die späte Stunde alle Gemeinheit aus ihren Höhlen lockte), sondern es hatten jetzt auch die Strahlen der Gaslaternen, die zuerst im Kampf mit dem sterbenden Tageslicht nur schwach gewesen, die Herrschaft erlangt und warfen über alles ein flackerndes, glänzendes Licht. Alles war dunkel und dennoch strahlend – gleich jenem Ebenholz, mit dem man den Stil Tertullians verglichen hat. Die seltsamen Lichtwirkungen fesselten meine Blicke an einzelne Gesichter; und obgleich die Schnelligkeit, mit der die Menge da draußen in Licht und wieder in Schatten trat, mich verhinderte, mehr als einen Blick auf jedes Antlitz zu werfen, so schien es doch, als ob ich infolge meiner besonderen Geistesverfassung imstande sei, in einem Augenblick die Geschichte langer Jahre zu lesen. Die Stirn an den Scheiben, war ich solcherart beschäftigt, die Menge zu studieren, als plötzlich ein Gesicht auftauchte (das eines hinfälligen alten Mannes von etwa fünfundsechzig oder siebzig Jahren) – ein Gesicht, das mich sofort in Bann hielt und mit der unerhörten Eigenart seines Ausdrucks meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Nie vorher hatte ich etwas gesehen, das so sonderbar gewesen wäre wie dieser Gesichtsausdruck. Mein erster Gedanke bei seinem Anblick war, wie ich mich gut erinnere, der, dass Retzsch, hätte er es gesehen, ihm unbedingt vor allen anderen Modellen zu seiner Verkörperung des Satans den Vorzug gegeben haben würde. Als ich während der kurzen Zeit, da ich den Alten das erste Mal sah, mir schnell über den Eindruck, den er auf mich machte, Rechenschaft zu geben suchte, tauchten vor meinem geistigen Auge die wirren und widersprechenden Vorstellungen auf von unendlicher Geisteskraft, Vorsicht, Dürftigkeit, Geiz, Kälte, Bosheit, Blutdurst, von Frohlocken, Heiterkeit, wildestem Entsetzen und tiefer, unendlicher Verzweiflung. Ich fühlte mich seltsam aufgeregt, angezogen und in Bann gehalten. ›Welch eigenartige Geschichte‹, sagte ich zu mir selbst, ›ist diesem Busen eingegraben!‹ Dann befiel mich ein heftiges Verlangen, den Mann im Auge zu behalten, mehr von ihm zu erfahren. Eilig zog ich meinen Mantel an, nahm Hut und Stock und eilte auf die Straße, wo ich mir in der Richtung, die ich ihn nehmen gesehen hatte, durch die Menge einen Weg bahnte; denn er war schon verschwunden. Mit einiger Mühe gelang es mir, ihn wieder in Sicht zu bekommen; ich näherte mich ihm und folgte ihm dicht, doch vorsichtig, um nicht seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich hatte jetzt gute Gelegenheit, ihn eingehend zu mustern. Er war von kleiner Gestalt, sehr mager und ersichtlich sehr hinfällig. Seine Kleidung war im großen und ganzen schmierig und zerlumpt; doch als er hie und da ins helle Licht einer Laterne trat, gewahrte ich, dass seine Wäsche, wenn auch schmutzig, so doch von feinstem Gewebe war; und wenn mein Auge mich nicht täuschte, so erspähte ich durch einen Riss in seinem fest zugeknöpften und offenbar aus zweiter Hand erstandenen Regenmantel den Schimmer sowohl eines Diamanten als eines Dolches. Diese Beobachtungen erhöhten meine Neugier, und ich beschloss, dem Fremden zu folgen, wohin er auch gehen mochte. Es war jetzt tiefe Nacht, und ein dichter, feuchter Nebel lagerte über der Stadt, der bald in andauernden heftigen Regen überging. Dieser Witterungswechsel hatte auf die Menge eine große Wirkung: ein wildes Hasten setzte ein, und eine Welt von Regenschirmen wogte darüber hin. Das Drängen, das Stoßen und das Summen verstärkte sich um das Zehnfache. Ich für mein Teil machte mir nicht viel aus dem Regen – obgleich das noch nicht ganz überstandene Fieber in mir der feuchten Kühle gar zu bedenklich entgegenlechzte. Ich band mir ein Taschentuch um den Mund und schritt weiter. Eine halbe Stunde lang bahnte der Mann sich mühsam seinen Weg durch die belebte Straße; und hier ging ich dicht an seiner Seite, aus Furcht, ihn aus den Augen zu verlieren. Da er nie den Kopf wandte, um zurückzuschauen, bemerkte er mich nicht. Endlich bog er in eine Querstraße ein; auch dort war das Gedränge sehr stark, immerhin aber bei weitem nicht so wie in der soeben von uns verlassenen Hauptstraße. Jetzt änderte er sein Benehmen. Er ging langsamer und planloser als vorher – er zögerte. Er kreuzte wiederholt und ohne sichtlichen Grund die Straße, und das Gedränge war noch so groß, dass ich bei jeder solchen Gelegenheit ihm dicht auf den Fersen bleiben musste. Die Straße war lang und schmal, und er verfolgte sie wohl eine Stunde lang; in dieser Zeit hatte die Zahl der Passanten abgenommen – bis etwa zu der Menge, wie man sie mittags auf dem Broadway nahe beim Park antrifft. So groß ist der Unterschied zwischen der Einwohnerzahl von London und der der belebtesten Stadt Amerikas. Eine weitere Wendung brachte uns auf einen glänzend erleuchteten, von Leben übersprudelnden Platz. Der Fremde nahm sein altes Gebaren wieder an. Er ließ das Kinn auf die Brust sinken, während seine Augen unter den gerunzelten Brauen gegen alle, die ihm in den Weg kamen, Blitze schossen. Er verfolgte seinen Weg ruhig und mit Ausdauer. Ich war indessen nicht wenig erstaunt, als er, nachdem er die Runde um den Platz beendet, kehrtmachte und seine Schritte wieder zurücklenkte. Noch mehr erstaunte ich darüber, dass er diese Runde mehrmals wiederholte – wobei er mich einmal bei einer plötzlichen Wendung fast entdeckte. Mit dieser Leibesübung brachte er eine weitere Stunde zu, gegen deren Schluss uns weit weniger Passanten begegneten als vorher. Es regnete in Strömen; die Luft wurde kalt, und die Menschen zogen sich in ihre Behausungen zurück. Mit einer Gebärde der Ungeduld wandte sich der Wanderer einer verhältnismäßig öden Seitenstraße zu. Diese lief er wohl eine Viertelstunde lang mit einer Eilfertigkeit hinunter, wie ich sie bei einem so bejahrten Manne nicht vermutet hätte, und die es mir schwer machte, ihm zu folgen. In wenigen Minuten hatten wir einen großen und sehr besuchten Bazar erreicht, mit dessen Lokalitäten der Fremde wohlvertraut zu sein schien, und wo er wieder wie vorher im Gedränge sich planlos zwischen der Schar von Käufern und Verkäufern hindurch schob. Während der etwa anderthalb Stunden, die wir hier zubrachten, bedurfte es meinerseits der größten Vorsicht, um mich in seiner Nähe zu halten, ohne seine Aufmerksamkeit zu erregen. Glücklicherweise trug ich ein Paar Gummischuhe und konnte mich daher lautlos vorwärts bewegen. Er gewahrte nicht einen Augenblick, dass ich ihn beobachtete. Er ging von Laden zu Laden, trat in jeden hinein, sprach kein Wort und besah sich alles mit irren, ausdruckslosen Blicken. Ich war jetzt über sein Benehmen aufs höchste verblüfft und nahm mir fest vor, nicht eher von ihm zu weichen, bis ich einigermaßen über ihn Bescheid wusste. Eine laut dröhnende Glocke schlug elf, und die Menge verließ eilig den Bazar. Ein Ladenbesitzer, der einen Schalter einhängte, stieß den Alten an, und im selben Augenblick sah ich ihn zusammenschauern. Er eilte in die Straße, sah sich einen Augenblick ängstlich um und lief dann mit unglaublicher Geschwindigkeit durch viele krumme menschenleere Gassen, bis wir von neuem in der großen Verkehrsader auftauchten, von der wir ausgegangen waren – der Straße des Kaffeehauses D – –. Sie bot indessen nicht mehr denselben Anblick. Sie erstrahlte noch immer im Licht der Gaslaternen, aber der Regen fiel heftig, und es waren nur wenig Leute zu sehen. Der Fremde erbleichte. Er machte mürrisch einige Schritte auf der vordem so belebten Straße, schlug dann mit einem schweren Seufzer die Richtung nach dem Flusse ein, und durch eine Menge verschiedener Straßen hindurchhastend, kam er schließlich bei einem der Haupttheater heraus. Es war kurz vor Toresschluss, und die Besucher strömten aus den Pforten. Ich sah, wie der alte Mann tief Atem holte, als er sich in die Menge stürzte, ich sah aber auch, dass die tiefe Pein in seinen Zügen etwas nachgelassen hatte. Sein Kopf sank wieder auf die Brust; er machte wieder denselben Eindruck wie zu Anfang. Ich bemerkte, dass er jetzt die Richtung nahm, welche die größere Anzahl der Theaterbesucher eingeschlagen – im Ganzen aber gab ich es nun auf, hinter sein wunderliches Tun zu kommen. Während er so seinen Weg fortsetzte, zerstreuten sich die Leute allmählich, und seine alte Unrast befiel ihn von neuem. Eine Zeitlang folgte er einer Gesellschaft von etwa zehn bis zwölf Nachtschwärmern; doch um einen nach dem andern verringerte sich diese Zahl, bis schließlich nur noch drei in einer engen und düsteren menschenleeren Gasse zurückblieben. Der Fremde hielt inne und schien für einen Augenblick in Gedanken versunken; dann eilte er mit allen Anzeichen innerer Aufregung einen Weg hinunter, der uns an die äußerste Grenze der Stadt führte, in weit andere Gegenden, als wir bisher durchquert hatten. Es war das geräuschvollste Viertel Londons, wo alles den Eindruck erbärmlichster Armut und verzweifelten Verbrechertums machte. Beim düsteren Licht einer vereinzelten Laterne sah man hohe, alte, wurmstichige Holzbauten, die in so verschiedenen und wunderlichen Stellungen dem Einsturz entgegen sanken, dass die Gässchen zwischen ihnen kaum noch angedeutet waren. Die Pflastersteine lagen, von üppig wucherndem Gras aus ihren Betten gehoben, lose umher. Ekelhafter Unrat verweste in den verstopften Gossen. Die ganze Atmosphäre war getränkt von Gram und Elend. Doch vernahmen wir, als wir so weiter gingen, allmählich wieder menschliche Laute, und schließlich sah man ganze Banden des verworfensten Londoner Pöbels hin und her taumeln. Des alten Mannes Lebensgeister flammten wieder auf wie eine Lampe vorm Verlöschen. Noch einmal strebte er elastischen Schrittes vorwärts. Als wir plötzlich um eine Ecke bogen, drang eine Flut von Licht auf uns ein, und wir standen vor einem der riesigen Vorstadttempel der Unmäßigkeit, einem Palast des Branntweinteufels. Es war jetzt fast Tagesanbruch; doch eine stattliche Anzahl elender Trunkenbolde drängte im protzigen Eingang hin und her. Mit einem leisen Freudenschrei erzwang der Alte sich den Zutritt, nahm sofort sein ursprüngliches Wesen wieder an und schritt ohne ersichtliches Ziel inmitten der Menge umher. Er war jedoch noch nicht lange beschäftigt, als ein Drängen nach den Türen verriet, dass der Wirt sich anschickte, sie für die Nacht zu schließen. Es war mehr als Verzweiflung, was ich jetzt auf dem Antlitz des seltsamen Wesens geschrieben sah, dessen Beobachtung ich mich so ausdauernd gewidmet hatte. Aber er hielt in seinem Lauf nicht inne, sondern lenkte mit wahnsinniger Hartnäckigkeit seine Schritte wieder dem Herzen des mächtigen London zu. Rastlos und eilig floh er dahin, während ich ihm in höchster Verblüffung folgte, fest entschlossen, nicht von diesem Studium zu lassen, für das ich jetzt ein verzehrendes Interesse fühlte. Die Sonne ging auf, während wir weiter schritten, und als wir wiederum jenen belebtesten Teil der volkreichen Stadt, die Straße des Kaffeehauses D – – erreicht hatten, bot diese ein Bild von Hast und Emsigkeit, das hinter dem vom Vorabend kaum zurückstand. Und hier, inmitten des von Minute zu Minute zunehmenden Gewirrs, setzte ich standhaft die Verfolgung des Fremden fort. Er aber ging wie immer hin und zurück und verließ während des ganzen Tages nicht das Getümmel jener Straße. Und als die Schatten des zweiten Abends niedersanken, ward ich todmüde und stellte mich dem Wanderer kühn in den Weg und blickte ihm fest ins Antlitz. Er bemerkte mich nicht. Er nahm seinen traurigen Gang wieder auf, indes ich, von der Verfolgung abstehend, in Gedanken versunken zurückblieb. »Dieser alte Mann«, sagte ich schließlich, »ist das Urbild und der Dämon des Triebes zum Verbrechen. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann der Menge. Es wäre vergeblich, ihm zu folgen, denn ich werde weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen. Das schlechteste Herz der Welt ist ein umfangreicheres Buch als der ›Hortulus Animae‹, und vielleicht ist es nur eine der großen Gnadengaben Gottes, dies: ›Es lässt sich nicht lesen.‹« ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

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HAMBURG, OKTOBER 1923

Larissa Reissner

Wie ein großer, eben gefangener, noch zuckender Fisch liegt Hamburg an der Nordsee. Ewige Nebel lagern auf den zugespitzten schuppigen Dächern seiner Häuser. Kein Tag hält seinem blassen, windigen, launischen Morgen die Treue. Mit Flut und Ebbe wechseln dumpf nasse Wärme, Sonne, graue Kälte des offenen Meeres und Regen, der auf den blanken Asphalt nieder strömt, als wenn jemand, am Seeufer stehend, mit einem alten durchlöcherten Schiffseimer die halbe Elbe auf das von Feuchtigkeit rauchende, vom Grog der Hafenkneipe durchwärmte, lustige Hamburg ausschüttet, das breitbeinig auf beiden Ufern der Elbe steht wie auf einem Schiffsdeck. Wie ein Vorurteil, wie etwas, das nicht mehr in unsere Zeit gehört, ist die Natur an den Ufern dieses riesigen Industrieflusses ausgemerzt. Im Verlauf Dutzender Kilometer sah ich zwei Bäume. Doch diese glichen eher Masten, von einem Schiffbruch übriggeblieben: den einen an der Mole, gebückt wie eine Alte, die gegen den Wind kämpft, der ihre wollenen Strümpfe mit zornigen Schaumflocken bewirft. Den zweiten – am Kontor der größten der Hamburger Werften, der Werft von Blohm & Voss. Dieser Baum steht nur aus Angst da: unter ihm – ein widerwärtiger schwarzer Kanal, in den sich die Fabriken durch die aufgesperrten Rachen der Zuflussrohre erbrechen. Eine Brücke, das Häuschen eines Postens, und am anderen Ufer, im blassen Licht der fünften Morgenstunde – die glänzenden Fenster der unsichtbaren Gebäudekomplexe; endlose Reihen übereinander, knüpfen sie ihr elektrisches Licht an das Tageslicht an. Das größte Wunder, das Schlankste, was das Reich des schlanken Metalls kennt, sind die sich über den Hafen beugenden leichten Tore der größten Hebekräne, die es in der Welt gibt. Zu ihren Füßen liegen wie aufgetürmtes Spielzeug fertig gebaute Ozeandampfer, mit erleuchteten Bordfenstern, mit unschönem Unterteil, gleich Schwänen, die man aus dem Wasser gehoben hat. Hier arbeiten drei Schichten – krampfhaft,

unbarmherzig. Hier macht die deutsche Bourgeoisie, indem sie die Arbeiter wie nasse Wäsche auspresst, die letzten hoffnungslosen Versuche, die sie paralysierende Krise zu überwinden; sie baut, schafft neue Werte, bevölkert den Ozean mit ihren weißen schwarzröhrigen Schiffen, an deren Heck das alte kaiserliche schwarzweißrote Banner mit einem kaum merklichen republikanischen Fleck weht. Alles, was sonst Himmel heißt, ist hier in Hamburg – der Rauch der Fabrikschlote, sind die Greifarme der Hebekräne, die die Schiffsbäuche plündern und steinerne Riesenkästen auff��llen; leichte, flüchtig geneigte Brücken über decken die nasse Geburtsstätte der neu erstandenen Schiffe. Heulen der Sirenen, Fluchen der Pfeifen, Flut und Ebbe des Ozeans, der mit dem Unrat spielt und mit den Möwen, die wie Schwimmhölzer auf dem Wasser tanzen, und – gleichmäßige Würfel dunkelroter, aus Ziegeln gebauter Gebäudekomplexe, Lager, Fabriken, Kontore, Märkte, geradlinig gebaute Zollämter, die aussehen wie eben abgeladene Gepäckstücke. Eine Armee, Legionen von Arbeitern sind in diesen Werften bei dem Laden und Löschen der Schiffe, in den zahllosen Metallwerken, ölverarbeitenden und chemischen Fabriken, in einigen der größten Manufakturen und auf den großen Bauplätzen beschäftigt, die das Hinterland von Hamburg, seinen sumpfigen und sandigen Grund, ununterbrochen mit einer Kruste von Beton und Stahl bedecken. Die Elbe, dieses alte schmutzige Einkehrhaus für die Vagabunden des Ozeans – baut und erweitert ununterbrochen ihre gewaltigen Betonhinterhöfe. Hier werfen die Seerosse ihre Last ab, hier fressen sie Naphtha und Kohle, hier reinigen und waschen sie sich, während die Kapitäne dem Zollamt die Schmiergelder zahlen, die Papiere richtig zugestutzt werden und die Barbiere ihr Verschönerungswerk an den Gesichtern der Schiffsgewaltigen vornehmen. Diese gehen dann zu ihren Familien an Land, indes die Mannschaft im Stadtviertel der Kneipen, der

Kleiderbuden, der Versatzämter, wo der eben gekaufte Anzug sofort versetzt werden kann, und endlich der erstaunlichsten Bordelle – in Sankt Pauli untertaucht. Noch vom Mittelalter her sind die Gassen von Sankt Pauli von der Stadt durch feste eiserne Tore abgegrenzt, die nur des Nachts geöffnet werden. Sie sind schön gearbeitet mit allen möglichen Raffinessen und hübschen Details, mit denen ein stolzes Zunfthandwerk seine Embleme und Ehrenzeichen zu schmücken liebte. Des abends öffnet sich in jeder auf die Gasse hinausgehenden Tür ein kleines erleuchtetes Fenster, aus dem die Königinnen dieser Matrosenparadiese lächelnd in die ewige regnerische Dunkelheit hinausblicken. Sie stecken in tief ausgeschnittenen, an der Taille eng zusammengerafften, mit Flitterwerk und Federn benähten Kleidern, mit denen die Mode aus dem Ende des letzten Jahrhunderts, die nur noch in den Anpreisungen der billigen Parfümerieartikel und in der Vorstellung der nach dem Weibe ausgehungerten Matrosen fortlebt – die Verkörperung der höchsten Lebensfreude zum Ausdruck zu bringen pflegte. In diesen Handelsreihen wird lebendiges Fleisch mit ungekünstelter Schlichtheit verkauft. Die Besucher gehen von einem Schaufenster zum nächsten, besehen sich die ausgestellte Ware und treten ein, um nach einer Weile, von schweren Flüchen und lautem Lärm begleitet, auf das Straßenpflaster hinauszufliegen: Sankt Paulis Torhüter sind ihrer körperlichen Kräfte wegen weit und breit berühmt. In den kleinen Kneipen dieser Vorstadt klingen alle Sprachen und vermischen sich alle Nationen. Witz, Eiergrog, völlige Unantastbarkeit von Seiten der Polizei, ein erstaunliches Gemisch von Mut, Alkohol, revolutionärer Entflammbarkeit, Tabaksrauch herrschen hier und – vor allem – die letzte, verwelkte, hoffnungslos gefallene Sünde, die an einem mit saurem Bier begossenen Tisch einem betrunkenen namenlosen Adam für

ein Butterbrot die göttlichste der Lügen – die Liebe vortäuscht. Die Sprache, die hier gesprochen wird, ist die Sprache Hamburgs. Sie ist durch und durch mit der See gesättigt und salzig wie ein Klippfisch; rund und saftig wie ein holländischer Käse, derb, gewichtig und munter wie englischer Schnaps; glatt, reich und leicht wie die Schuppen eines Tiefseefisches. Und nur der Buchstabe ›S‹, spitz wie eine Nadel, anmutig wie ein Schiffsmast, zeugt von der alten Gotik Hamburgs, von den Zeiten der Gründung der Hansastädte und dem Piratentum der Bischöfe. Nicht nur das Lumpenproletariat – die ganze Stadt ist durchsetzt von dem lebendigen, beweglichen Geist des Hafens. Von allen Seiten umschließt sein dichter Ring die bürgerlichen, um die Alster gelegenen Viertel. Die Villen sind dicht ans Ufer gedrängt, sie haben kaum den nötigen Raum, um ihre schmucken Gärten, die mit ihren Blumen, Tennisplätzen, Treppenfluten geschmückt sind, zu entfalten. Die Häuser der Patrizier spüren in ihrem Nacken den unsauberen, erregten Atem der Vorstädte. Der Ring der elektrischen Bahnen spannt die gedrängten Vorstädte eng um die eleganten Viertel; zweimal am Tage saust der trübe Strom der Arbeiter, die Stadt nach den Docks zu durchquerend, die Wagen mit dem Geruch von Schweiß, Teer und Alkohol erfüllend, um ihre Villen. Auf diese Weise gehorcht ganz Hamburg ebenso sehr der Mittagssirene der Werften, dem morgendlichen und abendlichen Namensaufruf an den Ufern der Elbe, wie die kleinste Pfütze, ein armseliger Froschteich, dem fernen Pulsschlag des Ozeans gehorcht, der Hamburg seine Reichtümer und seine unermüdlichen Winde schickt. Der Bourgeois, der ehrbare Bürger, ist ebenso wenig wie seine Wohnung gegen die Berührung und die Nachbarschaft der Proletarier gesichert. Die Dame, die abends ins Theater fährt, sitzt zwischen zwei Dockarbeitern eingezwängt, die ihre öligen Säcke in aller Gelassenheit auf die weichen Sitzbänke niederlegen.


Die Dirne aus Sankt Pauli sitzt neben der Gattin eines Beamten, zwinkert den Nachbarn zu und steigt an der nächsten Haltestelle aus – schon am Arm irgendeines von ihnen; der Arbeiter umarmt seine Frau oder seine Freundin; der Löscharbeiter umwölkt seine Nächsten mit seinem unmöglichen Tabak; Freunde schleppen einen betrunkenen Matrosen nach Hause, und der ganze Wagen amüsiert sich mit ihnen, denkt, spricht und lacht im reinsten Hamburger Platt, das geeignet ist, jeden beliebigen Ort sofort in eine lustige Hafenkneipe zu verwandeln. Von unserem Gesichtspunkt aus betrachtet, scheint das alles nicht sehr wichtig. Aber nach Berlin, wo der Arbeiter mit seinen Instrumenten nur in einem besonders schmutzigen und unsauberen Wagen fahren darf, wo das Vorrecht der Ersten und Zweiten Klasse nahezu mit polizeilichem Aufgebot verteidigt wird; wo der Arbeitslose, sich seine vor Kälte violetten Ohren reibend, es kaum wagen darf, sich auf einer der zahllosen, stets leeren Bänke des Tiergartens auszuruhen; nach dem offiziellen bürgerlichen Berlin riecht allein schon die Luft von Hamburg mit seiner Einfachheit und seinen freien Sitten nach Revolution. Um vier oder fünf Uhr nachts schläft das Lumpenproletariat dieser Stadt an irgendeinem beliebigen Platz oder wird auf die Polizeiwache geschafft. Ein Viertel vor sechs, noch bei elektrischem Licht, setzt die erste Arbeiterflut ein. Über der Straßenbahn hängt in der Dunkelheit die Stadtbahn, kurze, leuchtende Bänder der elektrischen Züge der Hochbahn winden sich über dieser, und alle zusammen schaffen eine ganze Armee, Hunderttausende von Dockarbeitern und weitere Hunderttausende von Arbeitslosen, die, in der Hoffnung auf einen gelegentlichen Verdienst, die Anlegestellen umlagern, zum Hafen. Jeder Trupp sammelt sich um seinen Meister, zwischen den geteerten Jacken, höckerigen, mit Werkzeug beladenen Schultern leuchtet wie bei Bergarbeitern das Öllämpchen. Nach dem

Namensaufruf verteilen sich die Arbeiterregimenter auf Hunderte von Dampfern, die sie in die Werften und Betriebe bringen. Durch vier Brücken strömen sie in das Industriezentrum. Truppen und Polizei passen scharf auf, dass kein einziger »Zivilist« auf die Industrieinseln dringt. Aber auch diese Brücken und Hunderte von Dampfern, die mit ihren Lichtern und Scheinwerfern einen unerhörten Karneval, ein schwarzes, geteertes Venedig aufführen, genügen der Flut der Morgenschicht nicht. Tief unter dem Elbgewässer liegt ein trockenes, helles Rohr, der Elbtunnel, der morgens und abends Legionen von Arbeitern von Ufer zu Ufer pumpt. An beiden Enden dieses Tunnels heben und senken sich Riesenlifts und werfen den Strom zu den Betonausgängen. In ihren eisenknarrenden, schraubenförmigen Türmen bewegen sich diese beiden Lifts wie zwei mächtige Schaufeln, die unausgesetzt lebendiges Heizmaterial in die zahllosen Fabriköfen schleudern. Aus ihren Essen kam der Hamburger Aufstand. • Aus: Larissa Reissner, ›Hamburg auf den Barrikaden. Erlebtes und Erhörtes aus dem Hamburger Aufstand 1923‹, Berlin 1925, S. 17–24

ONE BY ONE, MANY OF THE WORKING-CLASS QUARTERS OF LONDON HAVE BEEN INVADED BY THE MIDDLE CLASSES – UPPER AND LOWER. SHABBY, MODEST MEWS AND COTTAGES – TWO ROOMS UP AND DOWN – HAVE BEEN TAKEN OVER, WHEN THEIR LEASES HAVE EXPIRED, AND HAVE BECOME ELEGANT, EXPENSIVE RESIDENCES. LARGER VICTORIAN HOUSES, DOWNGRADED IN AN EARLIER OR RECENT PERIOD – WHICH WERE USED AS LODGING HOUSES OR WERE OTHERWISE IN MULTIPLE OCCUPATION – HAVE BEEN UPGRADED ONCE AGAIN. NOWADAYS, MANY OF THESE HOUSES ARE BEING SUBDIVIDED INTO COSTLY FLATS OR »HOUSE LETS« (IN TERMS OF THE NEW REAL ESTATE SNOB JARGON). THE CURRENT SOCIAL STATUS AND VALUE OF SUCH DWELLINGS ARE FREQUENTLY IN INVERSE RELATION TO THEIR SIZE, AND IN ANY CASE ENORMOUSLY INFLATED BY COMPARISON WITH PREVIOUS LEVELS IN THEIR NEIGHBOURHOODS. ONCE THIS PROCESS OF »GENTRIFICATION« STARTS IN A DISTRICT, IT GOES ON RAPIDLY UNTIL ALL OR MOST OF THE ORIGINAL WORKING-CLASS OCCUPIERS ARE DISPLACED, AND THE WHOLE SOCIAL CHARACTER OF THE DISTRICT IS CHANGED. Ruth Glass, ›London. Aspects of Change‹, in: ›Clishés of Urban Doom‹, Oxford & New York 1989, S. 138


PHAIDROS: »DU ABER, WUNDERBARER MANN, ZEIGST DICH GANZ SELTSAM. DENN IN DER TAT, WIE DU AUCH SAGST, EINEM FREMDEN GLEICHST DU, DER SICH UMHERFÜHREN LÄSST, UND NICHT EINEM EINHEIMISCHEN. SO WENIG WANDERST DU AUS DER STADT ÜBER DIE GRENZE, NOCH AUCH SELBST ZUM TORE SCHEINST DU MIR HERAUSZUGEHEN.« SOKRATES: »DIES VERZEIHE MIR SCHON, O BESTER. ICH BIN EBEN LERNBEGIERIG, UND FELDER UND BÄUME WOLLEN MICH NICHTS LEHREN, WOHL ABER DER MENSCH IN DER STADT …«


GARDEN CITIES OF TO-MORROW

Ebenezer Howard

The question is universally considered as though it were now, and for ever must remain, quite impossible for working people to live in the country and yet be engaged in pursuits other than agricultural; as though crowded, unhealthy cities were the last word of economic science; and as if our present form of industry, in which sharp lines divide agricultural from industrial pursuits, were necessarily an enduring one. This fallacy is the very common one of ignoring altogether the possibility of alternatives other than those presented to the mind. There are in reality not only, as is so constantly assumed, two alternatives – town life and country life – but a third alternative, in which all the advantages of the most energetic and active town life, with all the beauty and delight of the country, may be secured in perfect combination; and the certainty of being able to live this life will be the magnet which will produce the effect for which we are all striving – the spontaneous movement of the people from our crowded cities to the bosom of our kindly mother earth, at once the source of, life, of happiness, of wealth, and of power. The town and the country may, therefore, be regarded as two magnets, each striving to draw the people to itself – a rivalry which a new form of life, partaking of the nature of both, comes to take part in. This may be illustrated by a diagram of »The Three Magnets«, in which the chief advantages of the Town and of the Country are set forth with their corresponding drawbacks, while the advantages of the Town-Country are seen to be free from the disadvantages of either.

The Town magnet, it will be seen, offers, as compared with the Country magnet, the advantages of high wages, opportunities for employment, tempting prospects of advancement, but these are largely counterbalanced by high rents and prices. Its social opportunities and its places of amusement are very alluring, but excessive hours of toil, distance from work, and the »isolation of crowds« tend greatly to reduce the value of these good things. The well-lit streets are a great attraction, especially in winter, but the sunlight is being more and more shut out, while the air is so vitiated that the fine public buildings, like the sparrows, rapidly become covered with soot, and the very statues are in despair. Palatial edifices and fearful slums are the strange, complementary features of modem cities. The Country magnet declares herself to be the source of all beauty and wealth; but the Town magnet mockingly reminds her that she is very dull for lack of society, and very sparing of her gifts for lack of capital. There are in the country beautiful vistas, lordly parks, violetscented woods, fresh air, sounds of rippling water; but too often one sees those threatening words, »Trespassers will be prosecuted«. Rents, if estimated by the acre, are certainly low, but such low rents are the natural fruit of low wages rather than a cause of substantial comfort; while long hours and lack of amusements forbid the bright sunshine and the pure air to gladden the hearts of the people. The one industry, agriculture, suffers frequently from excessive rainfalls; but this wondrous harvest of the clouds is seldom properly ingathered, so that, in times

of drought, there is frequently, even for drinking purposes, a most insufficient supply. Even the natural healthfulness of the country is largely lost for lack of proper drainage and other sanitary conditions, while, in parts almost deserted by the people, the few who remain are yet frequently huddled together as if in rivalry with the slums of our cities. But neither the Town magnet nor the Country magnet represents the full plan and purpose of nature. Human society and the beauty of nature are meant to be enjoyed together. The two magnets must be made one. As man and woman by their varied gifts and faculties supplement each other, so should town and country. The town is the symbol of society – of mutual help and friendly cooperation, of fatherhood, motherhood, brotherhood, sisterhood, of wide relations between man and man – of broad, expanding sympathies – of science, art, culture, religion. And the country! The country is the symbol of God‘s love and care for man. All that we are and all that we have comes from it. Our bodies are formed of it; to it they return. We are fed by it, clothed by it, and by it are we warmed and sheltered. On its bosom we rest. Its beauty is the inspiration of art, of music, of poetry. Its farces propel all the wheels of industry. It is the source of all health, all wealth, all knowledge. But its fullness of joy and wisdom has not revealed itself to man. Nor can it ever, so long as this unholy, unnatural separation of society and nature endures. Town and country must be married, and out of this joyous union will spring a new hope, a new life, a new civilization. It is the purpose of this work

to show how a first step can be taken in this direction by the construction of a Town-country magnet; and I hope to convince the reader that this is practicable, here and now, and that on principles which are the very soundest, whether viewed from the ethical or the economic standpoint. I will undertake, then, to show how in »Town-country« equal, nay better, opportunities of social intercourse may be enjoyed than are enjoyed in any crowded city, while yet the beauties of nature may encompass and enfold each dweller therein; how higher wages are compatible with reduced rents and rates; how abundant opportunities for employment and bright prospects of advancement may be secured for all; how capital may be attracted and wealth created; how the most admirable sanitary conditions may be ensured; how beautiful homes and gardens may be seen on every hand; how the bounds of freedom may be widened, and yet all the best results of concert and cooperation gathered in by a happy people. The construction of such a magnet, could it be effected, followed, as it would be, by the construction of many more, would certainly afford a solution of the burning question set before us by Sir John Gorst, »how to back the tide of migration of the people into the towns, and to get them back upon the land«. A fuller description of such a magnet and its mode of construction will form the theme of subsequent chapters. • Aus: ›Garden Cities of To-Morrow‹, London 1902, S. 15 ff. [Einleitung]


DIESE AUTOS! Erich Kästner

DIESE AUTOS! SIE DRÄNGTEN SICH HASTIG AN DER STRASSENBAHN VORBEI; HUPTEN, QUIEKTEN, STRECKTEN ROTE ZEIGER LINKS UND RECHTS HERAUS, BOGEN UM DIE ECKE; ANDERE AUTOS SCHOBEN SICH NACH. SO EIN KRACH! UND DIE VIELEN MENSCHEN AUF DEN FUSSSTEIGEN! UND VON ALLEN SEITEN STRASSENBAHNEN, FUHRWERKE, ZWEISTÖCKIGE AUTOBUSSE! ZEITUNGSVERKÄUFER AN ALLEN ECKEN. WUNDERBARE SCHAUFENSTER MIT BLUMEN, FRÜCHTEN, BÜCHERN, GOLDENEN UHREN, KLEIDERN UND SEIDENER WÄSCHE. UND HOHE, HOHE HÄUSER. Aus: ›Emil und die Detektive. Ein Roman für Kinder‹ (1919)


SITUATIONISTISCHE POSITION ZUM VERKEHR

1Alle Urbanisten bege-

4 6 Wer die Architektur nach Es handelt sich nicht

8 Der Bruch in der Dia-

hen den Fehler, den Personenwagen – und seine Nebenprodukte wie z. B. den Motorroller – hauptsächlich als Transportmittel zu betrachten. Im Wesen ist dieser die hauptsächliche Materialisierung eines Konzepts von Glück, das der entwickelte Kapitalismus über die ganze Gesellschaft zu verbreiten neigt. Das Auto als höchstes Gut eines entfremdeten Lebens und untrennbar davon als Hauptprodukt des kapitalistischen Marktes steht im Mittelpunkt derselben globalen Propaganda: so wird dieses Jahr gewöhnlich gesagt, der amerikanische wirtschaftliche Wohlstand hängt bald vom Erfolg des Werbeslogans »Zwei Wagen pro Familie« ab.

der jetzigen, massiven und parasitären Existenz der Personenwagen neu gestalten will, der verlagert das Problem sehr unrealistisch. Man muss die Architektur gemäß der gesellschaftlichen Gesamtbewegung umgestalten, indem man all die vorübergehenden Werte kritisiert, die mit verurteilten Formen der sozialen Verhältnisse – unter denen die Familie an erster Stelle steht – verbunden sind.

lektik der menschlichen Umwelt zugunsten des Autos (es wird der Bau von Autobahnen in Paris geplant, was die Zerstörung Tausender von Wohnungen nach sich zieht, während die Wohnungskrise immer schlimmer wird) verschleiert seine Irrationalität mit pseudopraktischen Erklärungen. Seine wirkliche praktische Zwangsläufigkeit entspricht aber einem bestimmten gesellschaftlichen Zustand. Diejenigen, die an die Permanenz der Angaben des Problems glauben, wollen eigentlich an die Permanenz der gegenwärtigen Gesellschaft glauben.

2 Die Transportzeit, das hat Le Corbusier richtig gesehen, ist eine zusätzliche Arbeit, die den Tag des so genannten freien Lebens um ebensoviel verkürzt.

3 Wir müssen vom Verkehr als zusätzliche Arbeit zum Verkehr als Vergnügen übergehen.

5 Wenn man auch die absolute Teilung zwischen Arbeits- und Wohnzonen für eine Übergangsperiode provisorisch gelten lassen kann, muss wenigstens eine dritte Sphäre vorausgesehen werden – und zwar die des Lebens selbst (die Sphäre der Freiheit, der Freizeit – die Wahrheit des Lebens). Bekanntlich kennt der unitäre Urbanismus keine Grenzen; er erhebt den Anspruch, eine totale Einheit der menschlichen Umwelt zu bilden, in der Trennungen wie Arbeit – kollektive Freizeit – Privatleben letztlich aufgelöst werden. Bis dahin aber stellt der sich über alle wünschenswerten Bauwerke erstreckende Spielplatz das Minimumprogramm des unitären Urbanismus dar. Dieser wird auf derselben Ebene der Vielseitigkeit liegen wie eine alte Stadt.

darum, das Auto als ein Übel zu bekämpfen. Nur seine extreme Konzentration in den Städten läuft auf die Verneinung seiner Rolle hinaus. Freilich darf der Urbanismus das Auto nicht ignorieren, es aber noch weniger als Hauptthema gelten lassen. Er muss mit seinem Absterben rechnen. Auf jeden Fall kann man voraussehen, dass es innerhalb gewisser neuer Siedlungen sowie einiger alter Städte verboten wird.

7Diejenigen, die an die Ewigkeit des Autos glauben, denken nicht an andere zukünftige Transportformen – nicht einmal von einem engen technischen Standpunkt aus. So werden wahrscheinlich einige von den Modellen von individuellen Hubschraubern, die zur Zeit in der US-Armee erprobt werden, schon in den nächsten 20 Jahren in der Öffentlichkeit verbreitet werden.

9 Die revolutionären Urbanisten werden nicht nur für den Verkehr der Dinge und der in einer Welt der Dinge erstarrten Menschen sorgen. Sie werden versuchen, diese topologischen Ketten zu brechen, indem sie Gelände für den Verkehr der Menschen durch das authentische Leben ausprobieren. Guy Debord • Aus: ›Situationistische Internationale‹, No. 3, 1959


BUT TODAY WE COLLECT ADS

Alison Smithson, Peter Smithson

Traditionally the fine arts depend on the popular arts for their vitality, and the popular art depend on the fine arts for the respectability. It has been said that things hardly ›exist‹ before the fine artist has made use of them, they are simply part of the unclassified background material against which we pass our lives. The transformation from everyday object to fine art manifestation happens in many ways; the object can be discovered – objet trouvé or I’art brut – the object itself remaining the same; a literary or folk myth can arise, and again the object itself remains unchanged; or, the object can be used as a jumping-off point and is itself transformed. Le Corbusier in Volume I of his Oeuvre Complete describes how the »architectural mechanism« of the Maison Citrohan () evolved. Two popular art devices – the arrangement of a small zinc bar at the rear of the café with a large window to the street, and the close vertical patent-glazing of the suburban factory - were combined and transformed into a fine art aesthetic. The same architectural mechanism produced ultimately the Unité d’Habitation. The Unité d’Habitation demonstrates the complexity of an art manifestation, for its genesis involves popular art stimuli, historic art seen as a pattern of social organization, not as a stylistic source (observed at the Chartreuse D’Ema, ), and ideas of social reform and technical revolution patiently worked out over forty years, during which time the social and technological set-up, partly as a result of his own activities, met le Corbusier half-way. Why certain folk art objects, historical styles, or industrial

artefacts and methods become important at a particular moment cannot easily be explained. Gropius wrote a book on grain silos, Le Corbusier one on aeroplanes, And Charlotte Periand brought a new object to the office every morning, But today we collect ads.

Advertising has caused a revolution in the popular art field. Advertising has become respectable in its own right and is beating the fine arts at their old game. We cannot ignore the fact that one of the traditional functions of fine art, the definition of what is fine and desirable for the ruling class, and therefore ultimately that which is desired by all society, has now been taken over by the ad-man. To understand the advertisements which appear in the New Yorker or Gentry one must have taken a course in Dublin literature, read a Time popularizing article on cybernetics, and have majored in Higher Chinese Philosophy and Cosmetics. Such ads are packed with information - data of a way of life and a standard of living which they are simultaneously inventing and documenting. Ads which do not try to sell you the product except as a natural accessory of a way of life. They are good ›images‹ and their technical virtuosity is almost magical. Many have involved as much effort for one page as goes into the building of a coffee bar. And this transient thing is making a bigger contribution to our visual climate than any of the traditionally fine arts.

The fine artist is often unaware that his patron, or more often his patron’s wife who leafs through the magazines, is living in a different visual world from his own. The pop art of today, the equivalent of the Dutch fruit and flower arrangement, the pictures of second rank of all Renaissance schools, and the plates that first presented to the public the Wonder of the Machine Age and the New Territories, is to be found in today’s glossies bound up with the throw-away object. As far as architecture is concerned, the influence on mass standards and mass aspirations of advertising is now infinitely stronger than the pace setting of avant-garde architects, and it is taking over the functions of social reformers and politicians. Already the mass production industries have revolutionized half the house - kitchen, bathroom, utility room, and garage – without the intervention of the architect, and the curtain wall and the modular prefabricated building are causing us to revise our attitude to the relationship between architect and industrial production. By fine-art standards the modular prefabricated building, which of its nature can only approximate the ideal shape for which it is intended, must be a bad building. Yet, generally speaking, the schools and garages, which have been built with systems or prefabrication, lick the pants off the fine-art architects operating in the same field. They are especially successful in their modesty. The ease with which they fit into the built hierarchy of a community. By the same standards the curtain wall too cannot be successful. With this system the building is wrapped round with a screen whose dimensions are unrelated to its

form and organization. But the best postwar office block in London is one which is virtually all curtain wall. As this building has no other quality apart from its curtain wall, how is it that it puts to shame other office buildings which have been elaborately worked over by respected architects and by the Royal Fine Arts Commission? To the architects of the twenties, »Japan« was the Japanese house of prints and paintings, the house with its roof off the plane bound together by thin black lines. (To quote Gropius, »the whole country looks like one gigantic basic design course.«) In the thirties Japan meant gardens, the garden entering the house, the tokonoma. For us it would be the objects on the beaches, the piece of paper blowing about the street, the throwaway object and the pop-package. For today we collect ads. Ordinary life is receiving powerful impulses from a new source. Where thirty years ago architects found in the field of the popular arts techniques and formal stimuli, today we are being edged out of our traditional role by the new phenomenon of the popular arts advertising. Mass-production advertising is establishing our whole pattern of life - principles, morals, aims, aspirations, and standard of living. We must somehow get the measure of this intervention if we are to match its powerful and exciting impulses with our own. • Aus: ›Ark‹, No. 18, November 1956


VOM VERLAUFEN IN DER STADT Ein Gespräch mit Wolfgang Bock

F: Benutzt Du Worte wie ›urban‹,

F: Was kennzeichnet die kapita-

F: Wie wohnst Du (Haus, Woh-

›Urbanität‹ oder ›Urbanismus‹ im Unterschied zu ›städtisch‹ bzw. ›großstädtisch‹ und ›Stadt‹ oder ›Großstadt‹?

listische Stadt oder die Stadt im Kapitalismus? Gibt es unter diesem Gesichtspunkt einen Unterschied zwischen London und Bath, New York und San Luis Obispo oder Berlin und Weimar?

nung, Zimmer, fester Wohnsitz, nomadisch, obdachlos etc.)? Und was bedeutet ›wohnen‹ eigentlich für Dich? Wie groß ist die Fläche, die Du bewohnst (also der Raum, auf den Du explizit die Praxis ›Wohnen‹ beziehen würdest)?

Eigentlich benutze ich die Begriffe kaum, sondern spreche von Stadt, bzw. städtisch höchstens, wenn ich in ein schlechtes Sozilogendeutsch verfalle. Allerdings ist Urbanitas auch etwas mehr: der Begriff für ein lebendiges antikes mediterranes Stadtleben, dass die nördlichen »barbarischen« Gebiete bis dahin nicht kennen – vielleicht bis heute nicht. Das betrifft auch die Umgangs- und die Redeformen. Die Freiheit der Stadt, die mit Handel und Reisen zusammenhängt, geht auf die Vermittlung zurück, in welcher der persönliche Kontakt durch eine fiskalische Tauschgröße ersetzt und rationalisiert wird, zugleich aber neue Formen des Sozialen und der Freiheit erlaubt. Zudem gibt es historisch gesehen große ökonomische Freiheiten der Städte wie in Rom und Karthago, den oberitalienischen Städten oder den Hansestädten an der Nord- und Ostsee vor allem. Diese Momente verbinden sich zu heterogenen Stadtkulturen gegenüber dem »Idiotismus des Landlebens«, wie Karl Marx das nennt. Zwar gibt es auch Land in der Stadt – dann aber als Parks, Flusslandschaften usw.; aber das Land und die »Landschaft« (Alexander von Humboldt) entstehen erst als Reaktion auf die Stadt; ohne Stadt also auch kein Land. Die Parkbewegung des . Jahrhunderts orientiert sich bereits am »Bauern von Paris« (Louis Aragon): Der Fürst von Pückler-Muskau und sein Pranitzer Park in Cottbus zum Beispiel wollen dann Elemente des Orients in die westliche Stadt einbringen. Richard Sennett hat das in ›Fleisch und Stein‹ ausgeführt.

Gibt es eine Stadt ohne Kapitalismus? Stadtleben in diesem Sinne bedeutet Handelsmetropole mit Börsen und Zugängen zu den wichtigsten Verkehrsmitteln, Hauptstadt zudem: Nähe zu den Entscheidungsträgern und ein lebendiges, gewachsenes soziales Leben: Stadtluft eben. Weimar ist natürlich ländlicher, feudalistischer noch, selbst zur DDR Zeit. DDR ist ja Preußentum plus sozialistische Industrialisierung; aber Preußentum ist eben ländlich, trotz oder auch in den LPGs … In den Drei Kontinenten kommt hinzu, dass die »Hauptstädte« in den Kolonien Extraktionslinien folgen, also das Verkehrsnetz weniger zum Austausch der Menschen untereinander geplant und gebaut ist, sondern der Logik der Effizienz folgt, die Rohstoffe und Güter aus dem Land in die heimatliche Kolonialmacht zu schaffen. So ist zum Beispiel der Bruder eines Kollegen in den er Jahren dabei umgekommen, als er in Zentralafrika versuchte die offiziell angegebenen Straßenbauprojekte als Verkehrslinien für die Bevölkerung umzukonstruieren. Den extrahierenden Charakter aber bewahren die Hauptstädte teilweise immer noch. Zum Beispiel war in Brasilien erst Salvador Hauptstadt (des südlichen Teils; im Norden war es immer Belém, um die Güter des Amazonas auszuschiffen), dann Rio de Janeiro, nachdem der Goldrausch in Minas Gerais begann und Rio als dichtester Ausfuhrhafen günstiger lag. Mit Brasília ist dann ein eigenständiges Gegenkonzept entstanden, das diese Logik umkehren wollte: gerade weil die Hauptstadt Menschen und Kapital anzieht soll sie zuvor strukturarme Gebiete entwickeln helfen. Aber ob das besser ist? Außerdem, merke ich, verfalle ich schon tendenziell in den Jargon der Stadtsoziologen, den ich eigentlich vermeiden wollte.

Ich wohne in Rio in einem älteren Hochausviertel, etwas abgeschlagen im Nebental Cosmo Velho in Laranjeiras, auf dem Weg zu Corcovado. Hier gibt es etwa ein Dutzend Hochhäuser die ungefähr dreißig bis vierzig Jahre alt sind. Unseres hat zehn Stockwerke, wir wohnen im siebten. Die anderen Häuser sind etwas größer und höher. Wir haben  qm inklusive Dienstbotenzimmer (mit eigener Dusche und Klo). Die Wohnung ist Eigentum, man muss aber mietähnliche Beträge an die obligate Hauverwaltung für Portier, Reinigung, Garage und Strom und Wasser bezahlen, im Monat sind das etwa  bis  Reais (gemessen an der Kaufkraft entspricht der Real durchaus dem Euro in Deutschland). Bevor ich nach Rio gekommen bin, habe ich zwanzig Jahre in Adendorf bzw. Lüneburg gewohnt, dann in Visby, Schweden (. Einwohner) und in Hannover, später zwanzig Jahre in Bremen, wo ich auch studiert habe und zwei Jahre in Köln, schließlich in Weimar und nun seit  in Rio de Janeiro. F: Hast Du schon einmal ein

Haus gebaut oder warst in irgendeiner Weise am Bauen (zum Beispiel planend oder auch als Auftraggeber baulicher Handwerkstätigkeiten) beteiligt?

Mein Vater ist vom ersten Beruf her Mauerer und er hat unser Haus selbst gebaut. Da man bei Häusern immer weiter bauen muss, habe ich das als kleiner Junge schon mitbetrieben. Kurzzeitig hatte ich überlegt, Architekt zu werden, habe das dann aber nicht weiter verfolgt. Im Studium habe ich an einem Ökohaus für eine große Schule mitgearbeitet (mit Glasfenstern und Acryl-Karpfenteichen); dazu an einem Projekt über Experimentelle

Archäologie, wo wir uns einfache Häuser wie im Mittelalter im Moor gebaut haben, und an einem Projekt über Luis LeRoy, »Natur einschalten, Natur ausschalten«. Bei Forschungsreisen in Afrika habe ich auch an Häusern und Hütten mitgebaut, auf traditionelle Weise; ebenso in Samiaetna (Lappland) und in Südschweden an Hütten. In Oberitalien haben wir lange Jahre an einem zuvor verlassenen Dorf gebastelt: An der Wasserversorgung und der Reparatur der  Jahre alten Römerstraßen … F: Nimmst Du bauliche, soziale, ästhetische, kulturelle etc. Entwicklungen in der Straße oder dem Viertel, in dem Du lebst, wahr? Bist Du in irgendeiner Weise – aktiv, passiv, gegenkulturell, politisch etc. – in diese Entwicklungen eingebunden?

Hier in Rio weniger. In Lüneburg war ich viele Jahre Mitglied im Verein zur Erhaltung der Altstadt; da ich in einem Kinderladen gearbeitet habe, der in der Altstadt war. In Bremen war ich in verschiedenen Viertelräten organisiert und habe auch noch immer gute Kontakte zu mehreren »Geschichtswerkstätten« in Bremen, Berlin und Hamburg, z. B. zum Stadtteilarchiv Ottensen in Altona. F: Wie viele Tage im Jahr ver-

bringst Du in einer Stadt (oder Städten) mit mehr als eine Millionen Einwohnern?

Im Moment wohl leider etwa , mehr oder weniger. F: Was verbindet Dich

mit der Stadt in der Du lebst; identifizierst Du Dich mit dieser Stadt?

Eher weniger. Ich vollziehe im Moment den Umschwung vom phantasmagorischen Stadtbild zum realen Leben in der Stadt, das heißt die täglichen Ärgernisse überwiegen, je nach Stimmungslage. Ich bemerke in welchem Modus ich mich befinde, daran, ob ich die Leute im Bus morgens überwiegend schön oder hässlich finde … Aber das


Idealbild der Stadt ist in Rio sehr gegenwärtig und schwer zu überwinden. Man identifiziert sich mit den anderen Leuten, die auch unter dem Verkehr leiden. Carioca [Bewohner von Rio] ist man auch der Sprache, also des Dialekts wegen und gegenüber den Paulistas, den Leuten aus São Paulo, mit denen man aus lokalpatriotischen Gründen nichts zu tun haben will, so wie in Weimar mit den Erfurtern … F: Welche Rolle spielt für

Dich die Identität mit der Stadt, mit dem Stadtteil, mit der Straße und mit der Nachbarschaft?

Wenig, eher die »Identität« mit mir selbst, wenn ich wüsste ,was das sein soll. F: Kennst Du Deine Nach-

barn? Willst Du sie kennen? Interessieren sie Dich?

Ja, ich kenne die Nachbarn auf der Etage, den Kaufmann von nebenan, den Kioskmann, die Porteros, die Parkwächter, die drei ständigen Obdachlosen, die auf dem Platz vor der Tür wohnen, die Markt-Leute, die jeden Samstag hierher kommen: wie den Fischmann, den Pastellbrater und Zuckerrohrsaftpresser, den Gemüse Mann, die Frau aus der Papeterie, die Englisch spricht und in Australien gelebt hat, den Computertypen Carlos und seine Leute Thammy und Bruno, den Telefontypen und den Fernsehtypen, der das Kabel repariert … dann der Typ, der den Hund wäscht und betreut, den schwulen Friseur Waldo, der mir immer einen Irokesenschnitt mit Tolle verpassen will, die Kaufmannsfrau, die mich im Nachbarviertel erkennt, meine Portugiesischlehrerin Luciana, ihren Mann Jochen, den einzigen richtigen Flaneur von Rio (ein ehemaliger Psychoanalytiker mit Schlaganfall, der nicht mehr sprechen kann und nun täglich durch die Stadt streift), den Menschen vom Delikatessladen um die Ecke, meine Kollegen Mauricio und Maria Cristina, die um die Ecke wohnen, die Leute vom Café Maya, die vom Buchladen, die Musiker, die Samstags Chorinho spielen, die Aikidokas, die um die Ecke wohnen, alle hier im Viertel.

F: Drei Fragen auf einmal:

Funktioniert die Stadt, in der Du lebst? Was ist eine funktionierende Stadt für Dich? Und muss eine Stadt eigentlich funktionieren?

Eine Stadt kann theoretisch gut funktionieren. In Weimar habe ich manchmal daran gedacht, eine Gebrauchsanleitung für eine moderne Stadt zu verfassen. Weil dort der öffentliche Raum, in dem sich der Verkehr abspielt, teilweise so furchtbar organisiert war. Wir waren ja im Westen extrem sensibilisiert: Ich bin in der ersten Ausbildung Biologe und Ökologe und habe an einigen Verkehrsprojekten der Grünen mitgearbeitet und begutachtet; da gibt es eine Reihe von Dingen, die man im Sinne eines – ein furchtbares Wort – »ÖKO-Knigges« nicht oder anders macht: Umweltverschmutzung, Lärmbelästigung, Abfallbeseitigung, Kompostierung (damals das bundesweite erste Pilotprojekt) etc. So etwas gab es in der DDR ja nicht, stattdessen Industrialisierung und Kadersozialismus. Und die ökologische Unvernunft, die da herrschte, setzt sich bis heute etwa im rücksichtslosen Verhalten im Straßenverkehr fort; dazu gehört das »Warmlaufen-Lassen« des Autos vor der Haustür, die Absperrung von »Privatparkplätzen« durch Anhänger oder Holzböcke oder auch, sehr böse, das Zerstechen der Reifen von Autos mit österreichischem oder westdeutschem Kennzeichen, sowie, noch böser, das bewusste Umfahren von Radfahrern … Dagegen könnte man allerdings mit einigen wenigen Maßnahmen etwas erreichen … In Rio ist das schon schwieriger, obwohl mein diesbezüglicher Gestaltungswille ungebrochen ist. Hier ist der Verkehr eine einzige Katastrophe: jeder fährt wie er will, zum Beispiel nachts die Hälfte der Autos, Busse und Mopeds ohne Licht. Die zahlreichen Omnibusse werden von verkappten Formel  Fahrern bedient, an Fahrradfahren ist nicht zu denken und wenn, dann nur in der Lücke zwischen Bus und Straße, aber auf der linken Seite! Ansonsten läuft man Gefahr, umgefahren zu werden. Es gibt kein Gefühl für den allgemeinen Verkehrsfluss, jeder kämpft für sich selbst und jedes überholte Auto ist ein kleiner Pyrrhus-Sieg auf dem Weg zum Ziel. Selbst bei drei Spuren entsteht zur Stoßzeit kein Fluss, weil die rechte Spur immer wieder von Parkern blockiert wird, mit laufenden Warnblinkanlagen, meistens Taxis, wovon es in Rio wohl . gibt. Oder man hält einfach mal so an mitten auf der Straße und

lässt jemand aussteigen. Gerade gestern habe ich wieder einmal für zwei Kilometer Weg eine Stunde gebraucht. Das ist weit unter Fußgängergeschwindigkeit. Doch der Verkehr funktioniert nur, weil die Leute insgesamt beweglicher und umsichtiger sind; dadurch gibt es auch keine sehr hohen Geschwindigkeiten, daher auch nicht so heftige Unfälle wie in Deutschland, wo die Menschen viel sturer sind. Also hier in Rio täte sicherlich eine »Gebrauchsanweisung für eine Stadt« gut. Aber wie sollte man die vermitteln? Als Verhaltenskodex? Das geht nur in actu, also durch Baumaßnahmen. Aber das ist alles wohl marginal zu dem Umgang mit dem Wohnen und den Favelas, die sich überall breitmachen und Kriminalitätsringe um sich ziehen. Abfall und Wasserverschmutzung und Nutzung sind dort ja nur rudimentär organisiert und man macht sich auch in den offiziellen Stadtteilen im täglichen Leben nicht so viele Gedanken über Ökologie wie beispielsweise über die eigene Schönheit und wirft schon mal regelmäßig die Zahnseide ins Klo. Des Weiteren ist die öffentliche Sicherheit nur in einigen Gebieten gewährleistest, primär in den Reichenvierteln der Zona Sul. Die bismarcksche Sozialgesetzgebung wird jetzt gerade mühsam gegen den Willen der reichen Oberschicht eingeführt.

Jerusalem, mit dicker Mauer zum Landesinnern hin, da die Städter sich gegen die Bauern verteidigen mussten, mit Parks und viel Landschaft und dem Meer. Ganz südlich, ähnlich wie auch Tallinn in Estland. Etwas kalt allerdings im Vergleich zu Rio. Rio könnte viel schöner sein, wenn es nicht so viele hässliche Gebäude gäbe, die Stadt selbst besitzt Charme, ist aber auch ein Kunstprodukt, die ehemaligen Berge in der Innenstadt wurden zerkleinert und als Parks an den Küsten verbaut, der modernistische Landschaftsarchitekt Burle-Marx war dafür zuständig. F: Wie viele Millionen-

städte hast Du besucht? Kannst Du sie nennen?

Das ist nicht einfach: in Deutschland Hamburg, München und Berlin, Köln und Hannover, dann in Europa Kopenhagen und Stockholm, Helsinki, Paris und London, Mailand, Moskau, Lissabon und Barcelona, Prag und Wien, im Nahen Osten Tel Aviv, Jerusalem und Amman, in Indien Mumbai, in Afrika Kairo, Daressalam und Nairobi, in Südamerika Rio de Janeiro, Belo Horizonte, Belém, São Paulo, Buenos Aires und Montevideo. In Nordamerika war ich bisher ebenso wenig wie im fernen Asien oder Australien. F: Bist Du ein Stadtmensch?

F: Welche Rolle spielt der Ver-

kehr? In welchem Verhältnis siehst Du Straßen und Häuser?

Der Verkehr verbindet im Prinzip, zerstört aber auch Stadtleben: Das kann nur um die Straße herum stattfinden. Der Verkehr ist groß und extrem laut, aber ohne ihn geht auch nichts. Es ist allerdings gut zu verfolgen, wie ganze Straßenzüge entwertet werden, weil ständig Lärm und Gestank da ist. In Rio habe ich Probleme von der Fassade der Häuser auf das Leben dahinter zu schließen. Hinter den Fassaden gibt es oft Prachtvillen und Paläste, die man von vorne überhaupt nicht sieht. Alles ist mehr verwinkelt, wie auch die brasilianische Landschaft »unartikuliert« ist, wie Vilém Flusser, richtig bemerkt. F: Wie sieht Deine Ideal-

stadt aus? Ist es eine Utopie, oder gibt es Städte, die Deinem Stadtideal entsprechen?

Ich mag alte italienische Städte gern wie Arazzo oder Siena und Florenz. Aber auch kleinere skandinavische wie Grimstad in Südnorwegen. Aber meine Lieblingsstadt ist Visby auf der Insel Gotland, ein wenig wie

Wie würdest Du einen Stadtmenschen charakterisieren?

Nach Moholy-Nagy wird der Landmann auf dem Berliner Potsdamer Platz in den er Jahren von der Straßenbahn überfahren, während der Stadtmensch einfach weitergeht und alle Sinneneindrücke zugleich verarbeiten kann. So denkt sich auch Norbert Bolz den Menschen der Zukunft. Ein Stadtmensch verläuft sich dagegen bekanntlich nicht nur auf dem Lande, sondern auch in der Stadt wie in einem Wald, wozu eine Schulung gehört. Verlaufen tue ich mich schon noch oft genug. Ich versuche ein Stadtmensch zu sein, aber es gelingt mir nicht recht. Mir fehlt die Kleinstadt oder das Land. Aber Rio ist anders, anders divers als europäische Städte; insbesondere im Norden gibt es nur wenige Elemente, die seriell und sich wiederholend immer wieder auftauchen. Europäische Städte sind viel verschiedener und unverwechselbarer.


F: Was ist das Erste, was Dir

in den Sinn kommt, wenn Du an die Stadt denkst, in der Du lebst (oder zuletzt warst)?

Das Erste ist vielleicht etwas schwierig, in der Psychoanalyse ist die zweite Assoziation meist wichtiger. Also das Erste ist der externe Blick, der Eindruck, in Rio zu leben, und das ist meist eine Phantasmagorie, der Traum von Rio, das Flair, das Tom Jobim in seinem Lied ›Samba do Avião‹ beschreibt, mit sphärischen Klang-Allegorien der Berge und des Meeres im Hintergrund. »Minha alma canta / Vejo o Rio de Janeiro / Estou morrendo de saudade.« (Meine Seele singt / Ich sehe Rio de Janeiro / ich habe so große Sehnsucht.) Das Zweite allerdings sind die Verkehrsschlangen, die Verschmutzung der Guanabara Bay, die Kriminalität. Die Mischung nun ist interessant! Flying down to Rio war ein Schlagwort der GIs im Zweiten Weltkrieg, als Rio eine Militärbasis für die Operationen der U.S.-Airforce gegen die Deutschen in Afrika war. Da gibt es auch einen Film über die Klischees über Brasilien im Film: »Oben-Ohne«-Strände, womöglich noch in São Paulo, und alle sprechen Spanisch, oder Riesenanakondas am Amazonas etc. – da sind alle Phantasmagorien drin. Diese Vorstellungen sind ja nicht alle völlig falsch und besitzen eine Wunschrealität. Tatsächlich gibt es in Rio phantastische Straßenlagen und Häuser zwischen Bergen und Meer, tropischem Regenwald und Lagune. Da kann man bislang nur mit einer kleinen Armee von Sicherheitsleuten oder Bretterzäunen und einer Hundemeute wohnen, da in der Dunkelheit die Gangster kommen. Das kann ja keine Alternative sein: man verschließt und verriegelt sich: Komfort isoliert bekanntlich. Da macht es schon sehr viel aus, wenn man sich frei auf Straßen bewegen kann, ohne befürchten zu müssen, sofort ausgeraubt zu werden. Wenn das dem neuen Präfekten von Rio gelingt – und einige spricht dafür –, dann steigen die Grundstückspreise an. Dadurch kann eine Mittelklasse gestärkt werden, die in Brasilien eher schwach ist. Das täte dem Land nur gut und langfristig würde auch ein sozialer Frieden einziehen können, die die sozialen Unterschiede nicht zementiert, sondern politisch auf dem Weg über demokratische Verhandlungsformen umbaut. Das Land ist reich genug, um diesen Reichtum gerecht zu verteilen. Diese Mischung aus Traum und Realität hat der amerikanische Sänger James Taylor in seinem

Lied ›Only a dream in Rio‹ sehr schön beschrieben, wo er von seinen Vorurteilen über Rio berichtet, die nicht erfüllt werden: die Menschen hier sind freundlich und meinen es auch so. Zugleich gibt es eine große Brutalität, die man nicht übersehen kann und darf. Die poetische Form des Songs folgt hier sehr genau dem Gedankengang. Urbanität im besten Sinne wäre die Durcharbeitung dieser Motive. F: Welche Tätigkeiten zählst

Du zum Wohnen (Schlafen, Essen, Einkaufen, Arbeiten, Musikhören, Fernsehen etc.)?

Wohnen heißt ja nach der Definition von Benjamin und Brecht »Spuren zu hinterlassen«, und Leben bedeutet überhaupt eine Spur auf Erden zu hinterlassen: Dinge, Leute, die sich an Dich erinnern, die Du prägst. Auf vielen Reisen war ich zu Fuß mehrere tausend Kilometer mit dem Rucksack unterwegs. Das ist angenehm, weil man sein Haus auf dem Rücken hat und genau weiß, was da drin ist, jeden Hosenknopf kennt, jede Tasse, jedes Hemd. Viel mehr braucht man auch im zivilen urbanen Leben nicht, als man mit sich tragen kann (außer den Büchern natürlich). Da bin ich ganz Minimalist wie Henry David Thoreau, der in einer Hütte im Wald gewohnt hat: Klares Wasser, Brot und das ist es, was man den Gesetzen der Gastfreundschaft zufolge anbietet; wer mehr will, muss etwas mitbringen. F: Gibt es ein »Recht

auf Stadt«?

Kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt vielleicht ein Recht auf Urbanität in dem Sinne, dass man die Stadtfreiheiten überall beanspruchen kann. Aber heute mit dem Internet macht das ja sowieso nicht mehr so viel aus, wo man ist. Das heißt, man kann theoretisch von einem kleinen französischen Dorf aus Leitartikel für eine New Yorker Zeitung schreiben, und kann den Laptop auf den Zuckerhut mitnehmen; das bedeutet dann allerdings auch, dass man dann dort auch arbeitet und die Sphäre der diversen Schönheit durch diese Maßnahmen verschmutzt und vereinheitlicht zur Arbeitswelt wird. Etwa so, wie wenn man mit der elektronischen Fußfessel nicht nur den Gefangenen aus der Zelle entlässt, zugleich aber auch das Gefängnis auf den Rest der Welt ausdehnt. Ein Arbeitsdispositiv ereilt einen überall. Dazu gehört die Erreichbarkeit – ein Überall-Kontinuum: New York, Rio, Tokyo; Horkheimer und

Adorno beschreiben diese Gleichförmigkeit schon Anfang der er Jahre zu Beginn des Kulturindustrie-Kapitels in der ›Dialektik der Aufklärung‹. Giorgio Agamben, der übrigens die Favelas romantisch, also sozialrevolutionär beurteilt, spricht in diesem Fall ganz richtig von einem »Telefonino«-Dispositiv. F: Kannst Du mit dem Begriff

Gentrification etwas anfangen?

Das ist eine Bezeichnung für die Veredelung der ehemals heruntergekommenen Londoner Docks. Das mag zwar in London grausam gewesen sein – in Hamburg und New York ja wohl auch, aber für die südamerikanischen Metropolen kann das auch Vorteile bringen. F: In Bezug auf die Stadt

und die Städte, die Du kennst: Wie leben die Menschen in einhundert Jahren?

Oha, das ist eine gute Frage. Wenn sich die Prognosen bewahrheiten und die Weltbevölkerung sich vervierfacht bis dahin … In den letzten einhundert Jahren hat sich einiges getan, und wenn man sich jetzt vorstellt, dass das exponentiell so weiter geht – grausam! Moloche mit bis zu  Millionen Einwohnern in São Paulo! … und wie sollten oder könnten sie in einhundert Jahren leben?

An der ökologischen Städtebaureform führt kein Weg vorbei. Verträglichkeit und Demokratisierung der Maßnahmen auf allen Ebenen: Geschwindigkeit und Ressourcen, aber das ist ja nicht in Sicht. Allerdings gibt es interessante Gegen-Konzepte seit langem. Amory Lovins hat das in den sechziger Jahren beschrieben, Murray Bookchin ebenfalls. Ökonomie- und Ökologie-Kritiker wie Ivan Illich oder Florian Krause haben in den Siebzigern vorgerechnet, wie man durch gerechte Verkehrspolitik und einfache Maßnahmen wie intelligente Wärmedämmung fast die Hälfte des Energieverbrauchs reduzieren könnte. Das muss nur umgesetzt werden. Heute spricht man in Designerkreisen von Best Practice.

F: Seit der Erfindung des Ki-

nos gibt es eine enge Verbindung zwischen Stadt und Film; unzählige Filme thematisieren die Stadt. An welchen Film denkst Du, wenn es um ›Stadt‹ oder ›Stadtleben‹ geht?

Seltsamerweise denke ich an ›Fahrstuhl zum Schafott‹ von , den ersten Spielfilm von Louis Malle. Da geht es um diese Affinitäten von Stadt und Kino, die Siegfried Kracauer in seiner Theorie des Kinos beschreibt: Straßen, Kneipen, Hochhäuser, Lifte, Pläne und kriminelle Machenschaften, der Fluss des Lebens, das dieses Stadtgefühl ausmacht. Das Fenster, durch das man schaut, ist zwar klein und der Ausblick verbaut, aber es gibt dieses da draußen, das verweist auf eine Kollektivität, die nicht allen gehört, aber eben könnte, die Phantasmagorie der Stadt… F: Kannst Du mit dem Begriff

›posturban‹ etwas anfangen?

Es gibt eine Debatte über die Stadt nach der Stadt – so wie über die Politik nach dem Ende derselben und nach der Geschichte oder nach dem ›Humanen‹. Nach Andreas Huyssen ist allerdings schon die ›Postmoderne‹ der nordamerikanische Begriff für die dort zu spät einsetzende Aneignung des Diskurses der Moderne und der Avantgarde. Dafür spricht vieles. Aber wie soll die posturbane Stadt aussehen? Man implantiert ländliche Konzepte in die Stadt, die dann letztlich wiederum auf die Konzepte der Surrealisten und der Situationisten zurückgreifen. Aber man weiß ja nie, vielleicht kommt ja doch etwas dabei heraus? F: Du lebst mittlerweile in ei-

ner Millionenstadt, einer der großen Weltmegalopolen, in Rio de Janeiro. Die Jahre davor hast Du in Weimar verbracht – eine kleine Stadt, die aber gleichwohl wichtig ist für die deutsche Geschichte, in jeder Hinsicht. Kannst Du kurz die Unterschiede skizzieren, die diese beiden Orte für Dich in Bezug auf ›Stadt‹ markieren?

Wenn man in Weimar ist, braucht man im Prinzip nur zehn Minuten, um an einen offenen Raum, einen Park, Wald oder den Fluss zu gelangen. Das macht für mich den Gehalt aus. In Rio brauche ich etwas länger, ich sehe immer den Omnibus, die Metro, die gefährliche Fahrradpiste vor meinem inneren Auge, bevor ich an den Strand denken kann. Dann ist Rio eben keine Stadt im europäischen Sinne.


Es gibt zwar einen imperialen Teil, mit Prachtbauten in der Innenstadt und in Santa Teresa, aber das ist verschwindend gering gegenüber dem Rest. Weimar ist ja eigentlich keine Stadt, das ist ein Dörfchen, ein etwas erweitertes Dörflein … Aber es ist ganz schön dort zu leben, gleichsam im Schatten von Berlin. Meine Pariser Freunde sind jedenfalls alle sehr begeistert von Weimar … Aber man wohnt ja in den Städten nicht, weil sie schön oder hässlich sind, sondern weil man da arbeiten und Geld verdienen kann. F: Walter Benjamin nennt Paris

die Hauptstadt des neunzehnten Jahrhundert: Gibt es auch für das 21. Jahrhundert eine Hauptstadt, und gab es für das zwanzigste Jahrhundert eine?

Für das . Jahrhundert könnte die Welthauptstadt New York sein, wir haben  darüber einen Kongress in Bremen abgehalten und ich arbeite an einem kleinen Buch über ›Die Figur Jerusalem – Walter Benjamin und die Stadt‹, das hoffentlich bald fertig sein wird … Für das . Jahrhundert haben wir auf einem anderen Kongress eine virtuelle Stadt vorgeschlagen, aber ob das noch richtig ist? F: Benjamin hat die ›Berliner

Kindheit um neunzehnhundert‹ geschrieben. Kann man ein solches Buch heute noch schreiben? Gibt es von den Agglomerationen aus betrachtet, die unsere Gegenwart bestimmen, überhaupt noch so eine Perspektive auf die Vergangenheit?

Ein solches Buch kann und muss man immer schreiben, dafür braucht man auch keine Hauptstadt. Es geht ja darum, die subjektiven Eindrücke aufzuschreiben und zu vermitteln; insofern muss jede Epoche ihre Literatur haben und finden, denn die Welt ohne diese Reflexion wäre bewusstlos. Eine besondere Stadterfahrung bedeutet ein »Verlaufen in der Stadt«. Das gibt es auch heute und das Sich-Fremd-Machen ebenfalls – Benjamin beschreibt das allerdings als das Produkt einer besonderen Anstrengung, einer »Schulung«; es ist aber schwierig, weil es gegen den Strom zu erfolgen hat. F: Gehört der Philosoph heute

noch zu den typischen Stadtmenschen? Bewegst Du Dich in der Stadt als Philosoph, als Flaneur, als Bewohner …?

Philosoph im übertragenen Sinne, nicht als Fachphilosoph – wohlgemerkt! Zudem gibt es eine Renaissance der Passagen und auch

des Flaneurs, aber es ist nicht mehr der alte Flaneur, der ja schon mit Baudelaire ausstirbt: »Paris verändert sich, mein Herz will sich nicht ändern«, schreibt er, als die Industrialisierung im vollen Gange ist und er seine Stadt nicht wieder erkennt. Würde heute ein Bewohner von zum Beispiel Wuhan in China seine Stadt noch wieder erkennen? Dieses Gefühl von Baudelaire ist ja endemisch geworden. Da kann man als Flaneur auch mit der Kamera unterwegs sein. Benjamin war nie in Rio, aber hatte eine Einladung nach São Paulo, wie Günter Pressler herausgestellt hat. Dafür war sein Erzfeind Arnold Zweig hier und hat ein ganz schönes Buch über Flanerie in Rio geschrieben. Obwohl Benjamin ihn so wenig leiden konnte wie Kurt Tucholsky und Erich Kästner, enthält Zweigs Buch doch auch einige spannende Beschreibungen und Formulierungen (»Die Straßenbahn schmettert durch das Blau.«). Und wie Guy Debord und die Situationisten zeigen, aber auch heutige Autoren wie Thomas Hettche – etwa in seinen ›Automationen‹ –, wird die Flaniere auch heute mit Hypertext und Blog eine legitime, zerstreute und zerstreuende Form der Wahrnehmung. Wir haben im letzten Semester in Rio mit der Kollegin und Architektin Lidia Kosovski von der Theaterfakultät peripatetische Lehrstunden abgehalten und uns die Stadt erlaufen. Da gibt es Vieles zu sehen, das man auf den ersten Blick eben nicht sieht.

gegenüber einer perzeptiv-träumenden Körperwahrnehmung. In unserem Viertel gibt es zum Beispiel Ecken, Durchgänge, Treppen und Passagen, die ich gar nicht alle kenne. Es gibt Zäune und Privatbesitz, aber auch die Gefahr, auf eine Favela zu stoßen. Das hängt ebenso mit der Unübersichtlichkeit der Bauformen zusammen: alles durcheinander, kein Stil. Ein anderes Beispiel ist der Carioca-Platz in Rio, wo man das alte Franziskanerkloster, die Gestaltungen des . Jahrhunderts, die chinesisch anmutenden blauverglasten Hochhäuser der er Jahre und die postmodernen Bauten des Ölkonzerns ›Petrobrau‹< auf in einem Blick hat. Und das muss alles erst entziffert werden. Aber es geht, wenn auch langsam. Dazu laufen jede Menge schöner Männer und Frauen durch das lebendige Bild – da weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Benjamin schreibt, dass Paris die Stadt der Spiegel sei, die die Schönheit der Pariserinnen hervorgebracht habe. Die Wiege der Schönheiten von Rio sind sicher der Strand und das Hinterland – und heute die verspiegelten Schönheitssalons. Bezeichnenderweise heißen diese insbesondere dort Beleza Naturale, also »natürliche Schönheit«, wo kaum noch Natur übrig ist beziehungsweise Natur nur noch ein Zeichen für ein Kunstprodukt ist; aber nicht nur, die Natur wird ja auch veredelt. Aber das ist ja das Element der Stadt, das Urbane quasi in der ersten Person Singular: die schöne Frau, Rio als Allegorie.

F: Kannst Du in Bezug auf Dei-

F: Die alte Stadt war durch

ne Erfahrungen von Stadt das Verhältnis von Sprache und Bild differenzieren – also, ob und wie sich sozusagen verschiedene metaphorische, allegorische und symbolische (Zeichen-) Systeme des Urbanen überlagern?

Verschiedenheit gekennzeichnet, die neue Stadt (also die moderne Stadt und insbesondere die fordistische Stadt des zwanzigsten Jahrhunderts) durch Gleichheit: Sind das immer noch Muster und Strukturen, nach denen auch gegenwärtige Großstädte wie Rio beschreibbar sind?

Ich versuche selbst in »Denkbildern« (Herder) zu schreiben: Was ist das Bild der Stadt, das einem einfällt und was enthält es? Ich finde in Rio, wie gesagt das Verhältnis von Fassade zum Hinterhaus sehr interessant; die Fassade sagt kaum etwas drüber, was sie verbirgt. Das mag mit einer südeuropäischen und arabischen Tradition des Hauses zusammenhängen, die ich aber nicht genau kenne: Eine Art des Verbergens anstelle eines Protzens und Zeigens wie in Mitteleuropa. Jedenfalls kann ich hier im Visuellen erst mal nicht viel erkennen – weil ich nur erkenne, was ich weiß und weil das ApperzeptivVisuelle eben nur einen Bruchteil der Sinnesmöglichkeiten ausmacht

Rio ist zwar eine Makrostadt, aber auch eine unendliche Mikrostadt, die nicht durch mittlere Bezüge verstehbar ist. Man entdeckt immer neue Ecken und noch eine kleine Kneipe, auch wenn man schon x-Mal daran vorbeigegangen ist. Die Falte, die gefaltete Stadt, nennt Richard Sennett das, in Anlehnung an eine berühmte Metapher von Leibniz, die Gilles Deleuze wieder aufnimmt und die sich auch in der Chaostheorie wiederfindet: Eine unendliche Aufspaltung, die nur in Näherungen erfasst werden kann. Stadt in diesem Sinne ist ein antagonistischer Organismus, den

man nach kybernetischen Gesetzen verstehen und steuern muss. Aber alle Kybernetik, die übrigens ja auf die »deutsche Steuerungswissenschaft« der Nazizeit zurückgeht, ist nur ein Ersatz für Dialektik und ihre Vermittlung, lehrt Adorno. Das heißt, sie ist kein »System« allein, sondern folgt antagonistischem Gewinnstreben und ausbeutenden Besitzverhältnissen. Welche Dialektik aber, fragen wir weiter, doch nicht die von Hegel mit dem preußischen Staat und dem preußischen Berlin als Subjekt? Doch wohl eine andere Dialektik, die nicht die Siege zählt, sondern die Niederlagen und Kleinigkeiten, die sich der allgemeinen Synthese entziehen, untergegangen sind, im Namen sich erhalten, auch nicht sich vermitteln, sondern eher plötzlich wieder da sind. So ist Rio, so ist aber auch das heutige Berlin und auch Weimar, und solche Ecken kann auch das digitale Leben haben, noch. Doch auch für die digitale Stadt gilt die Frage, die die ›Monde Diplomatique‹ vor fast  Jahren stellte: »Wem gehören die Bereiche des Internets?« Die Besitzverhältnisse sind nach wie vor bestimmend für die Gestaltung der Stadt.


MIR GEHT ES UM EINE ART GEGENPLANUNG Ein Gespräch mit Silke Kapp

F: Benutzt Du Worte wie ›urban‹,

›Urbanität‹ oder ›Urbanismus‹ im Unterschied zu ›städtisch‹ bzw. ›großstädtisch‹ und ›Stadt‹ oder ›Großstadt‹?

Im Brasilianischen heißt Stadt ›cidade‹, aber die Ableitung ›citadino‹ (›städtisch‹) wird kaum gebraucht. Bei uns heißt alles was sich auf Stadt bezieht ›urbano‹. Unter ›urbanismo‹ verstehen wir die Stadtplanung, während ›urbanidade‹ eher eine Lebensweise oder eine positive Einstellung zum Leben in der Stadt betrifft. Dagegen ist ›cidadania‹ – relativ vage – der Inbegriff sozialer und politischer Rechte. F: Was kennzeichnet ei-

gentlich das, was wir als ›Stadt‹ begreifen? Nenne spontan zehn Merkmale.

Dichte, Menschen, Politik, Vielfalt, Ungleichheit, Produktion, Markt, Kultur, Chaos, Dynamik. F: Was kennzeichnet die kapita-

listische Stadt oder die Stadt im Kapitalismus? Gibt es unter diesem Gesichtspunkt einen Unterschied zwischen London und Bath, New York und San Luis Obispo oder Berlin und Weimar?

Die Stadt ist Ort, Bedingung, Mittel und zugleich – immer intensiver – Produkt kapitalistischer Produktionsweise. Es macht also wenig Sinn in einer global-kapitalistischen Gesellschaft von nichtkapitalistischen Städten zu sprechen. Selbst die Enklaven – beispielsweise die wirtschaftlich ausgeschlossenen oder die unter Denkmalschutz stehenden Räume – sind undenkbar ohne das, was sie zu Enklaven macht: und das ist die herrschende Ökonomie. Die Unterschiede liegen in den Funktionen, die verschiedene Städte erfüllen. F: Wie nimmst Du das Verhält-

nis von Stadt und Natur wahr?

Die Stadt, in der ich lebe, wurde Ende des . Jahrhunderts mit dem Ideal der vollkommenen Naturbeherrschung geplant und gebaut: begradigte Wasserläufe, aufgeschüttete Täler, radikal veränderte Landschaft. Äußere Natur wird daher

wenn überhaupt im ganz Kleinen (die Sonne auf der Haut), im ganz Großen (die Bergketten in der Umgebung) oder bei so genannten Katastrophen (Überschwemmung, Erdrutsch) wahrgenommen. Das alles erscheint aber relativ zusammenhanglos. Die Stadt unterdrückt eine Wahrnehmung von natürlichen Zusammenhängen – darin ist sie eigentlich effektiver als in der Naturbeherrschung selbst. F: Wie wohnst Du (Haus, Woh-

nung, Zimmer, fester Wohnsitz, nomadisch, obdachlos etc.)? Und was bedeutet ›wohnen‹ eigentlich für Dich? Wie groß ist die Fläche, die Du bewohnst (also der Raum, auf den Du explizit die Praxis ›Wohnen‹ beziehen würdest)?

Ich bewohne ein Haus, das ich zusammen mit meiner Familie, einem Baumeister und einigen Arbeitern geplant und gebaut habe. Es ist recht groß – so um die  qm. Wohnen bedeutet räumliche Dinge und Ereignisse relativ konfliktlos arrangieren und verändern zu können. Die Ideologie heideggerscher Provenienz, die ›das Wohnen‹ zum Sein der Sterblichen auf der Erde, unter dem Himmel, vor den Göttern usw. verklärt, ist genauso schlimm, wie die Idylle der Berghütte, auf die sie sich letzten Endes bezieht. F: Nimmst Du bauliche, so-

ziale, ästhetische, kulturelle etc. Entwicklungen in der Straße oder dem Viertel, in dem Du lebst, wahr? Bist Du in irgendeiner Weise – aktiv, passiv, gegenkulturell, politisch etc. – in diese Entwicklungen eingebunden? Bist Du für oder gegen diese Entwicklungen? Welche Vor- und Nachteile siehst Du?

In der Straße und dem Viertel, wo ich lebe, ist auf mikro-lokaler Ebene nicht sehr viel los. In der Stadt und in der Metropolregion Belo Horizonte, die circa  Millionen Einwohner und  eigenständige Gemeinden (municípios) einschließt, gibt es eine Menge Veränderungen. Ich arbeite zurzeit

an der Planung dieser Region mit, und zwar im Themenkreis genannt »Wohnen und Alltagsleben«. In Wirklichkeit geht es mir eher um eine Art Gegenplanung, und dies in dem Sinn, dass bei uns Entwicklungen entweder spontan und ohne jede öffentliche Unterstützung geschehen, oder aber ganz zentral entschieden und ausgeführt werden. Obwohl die Stadt bekannt ist für partizipative Planungsprozesse, sind diese jedoch so bürokratisch und von privaten bzw. kapitalistischen Interessen dominiert, dass kaum je eine mikro-lokale Entscheidung ›oben‹ ankommt. Diese Struktur versuchen wir zu ändern. Praktisch hieße das: Wenn meine Nachbarn und ich in meiner Straße oder meinem Viertel eine Veränderung bewirken wollten, wäre das nicht mehr ein entweder aussichtloser oder illegaler Prozess, sondern eine Möglichkeit, die mit öffentlichen Mitteln unterstützt wird. F: Wie viele Tage im Jahr ver-

bringst Du in einer Stadt (oder Städten) mit mehr als eine Millionen Einwohnern?

Fast alle. F: Was verbindet Dich

mit der Stadt in der Du lebst; identifizierst Du Dich mit dieser Stadt?

Ja sehr – vielleicht gerade weil das Chaos auch offene Möglichkeiten bedeutet. F: Welche Rolle spielt für

Dich die Identität mit der Stadt, mit dem Stadtteil, mit der Straße und mit der Nachbarschaft?

Identität ist mir ein suspekter Begriff, denn wenn beispielsweise private Unternehmen neue Viertel bauen und vermarkten, richten sie den Raum für ein ganz bestimmtes Publikum her, das sich dann damit ›identifizieren‹ soll. Ich kann Identität wenn überhaupt nur als politisches, kulturelles oder sonstiges Engagement verstehen, und das spielt natürlich eine große Rolle oder sollte es zumindest.

F: Kennst Du Deine Nach-

barn? Willst Du sie kennen? Interessieren sie Dich?

Ich kenne sie, und wenn irgendetwas Ungewöhnliches passiert, sind alle gleich auf der Straße, aber wir unternehmen sonst nichts miteinander. F: Hat Lebensqualität für

Dich etwas mit dem Leben in der Stadt zu tun?

Ja, es geht aber wie Harvey sagt, nicht um Zugang zu den Dingen, die die Stadt so wie sie ist, zu bieten hat, sondern darum, dass möglichst viele verschiedene Gruppen und Menschen dem Leben in der Stadt die Qualitäten geben können, die sie wichtig finden. Und die müssen sich auch immer wieder verändern können. F: Drei Fragen auf einmal:

Funktioniert die Stadt, in der Du lebst? Was ist eine funktionierende Stadt für Dich? Und muss eine Stadt eigentlich funktionieren?

Belo Horizonte funktioniert für einige Bewohner sehr gut, für andere gar nicht. Ansonsten ist die Antwort dieselbe wie vorher: auch Funktion ist ein suspekter Begriff. Er klingt nach Getriebe und reibungsloser Produktion. Leben wäre da eine bessere Idee, auch wenn es sich altmodisch anhört. F: Was bedeutet »Stadtleben«?

Also, was unterscheidet das Leben in der Stadt heute vom Leben außerhalb der Stadt?

Ich kenne das Leben außerhalb der Stadt gar nicht, glaube aber, dass die Unterschiede nicht mehr so groß sind. Die Dynamik, die es vielleicht früher einmal nur in der Stadt gegeben hat, also Urbanisierung im weitesten Sinn, gibt es heute fast überall. Ein Freund von mir hat eine Dissertation geschrieben mit dem Untertitel ›Extended Urbanization in the Brazilian Amazonia‹ …


F: Welche Rolle spielt der Ver-

F: Gibt es ein »Recht

kehr? In welchem Verhältnis siehst Du Straßen und Häuser?

auf Stadt«?

Die Straße ist m. E. der wichtigste öffentliche Raum – wichtiger als (Markt-) Plätze, Parks usw. Häuser sind dann oft wie Wände der Straßen. Leider dominieren bei uns Autos und Busse so sehr, dass viele Ereignisse und Handlung auf der Straße gar nicht mehr möglich sind. Am besten wäre es, wenn der Verkehr nicht aus Zwang, sondern aus Vergnügen entstehen würde, so dass man relativ kurze tägliche Wege hätte, aber ohne Schwierigkeiten überall hinkäme. F: Wie sieht Deine Ideal-

stadt aus? Ist es eine Utopie, oder gibt es Städte, die Deinem Stadtideal entsprechen?

Ich finde die alte Städte, in denen man zu Fuß besser als mit dem Auto zurecht kommt, ganz angenehm, glaube aber nicht, dass das unbedingt eine Idealstadt ist. Ideal wäre wohl eine Stadt, die alle Bewohner fortlaufend miterfinden könnten – da weiß man natürlich nicht mehr, wie sie mit der Zeit aussehen würde. F: Wie viele Millionen-

städte hast Du besucht? Kannst Du sie nennen?

Einige. Ich versuche es mal: Rio de Janeiro, São Paulo, Brasília, Salvador, Recife, Fortaleza, Porto Alegre, Curitiba, Buenos Aires, Lima, New York, London, Paris, Berlin, München, Toronto, Montreal usw. F: Bist Du ein Stadtmensch?

Wie würdest Du einen Stadtmenschen charakterisieren? Ja, ganz und gar. Stadtmenschen kommen nur an Nahrung, wenn ihnen ein Restaurant oder Geschäft über den Weg läuft - und sie empfinden das nicht als Problem. F: Was ist das Erste, was Dir

in den Sinn kommt, wenn Du an die Stadt denkst, in der Du lebst (oder zuletzt warst)?

Chaos. F: Welche Tätigkeiten zählst

Du zum Wohnen (Schlafen, Essen, Einkaufen, Arbeiten, Musikhören, Fernsehen etc.)?

Ich finde es merkwürdig, Wohnen als einen Inbegriff von Tätigkeiten zu verstehen. In deutscher Sprache ist Schlafen ist wohl das wichtigste, denn man sagt ja sogar »ich wohne im Hotel sowieso«, wenn man eigentlich nur dort schläft (auf Brasilianisch geht das übrigens nicht). Dann ist es wohl auch wichtig, wo man sein Eigentum hortet.

Die einzelnen Menschen und Gruppen haben ein Recht auf die Stadt, in der sie leben – und zwar ein Recht auf Mitbestimmung oder besser Miterfindung. Die meisten können dieses Recht zurzeit aber nur sehr beschränkt ausüben. Viele wollen es auch gar nicht mehr. Sie sind mit dem Recht auf Fernsehen und Internet zufrieden.

ihr deshalb den Begriff »Stadt« ab und nennen sie nur »Siedlung«. F: Seit der Erfindung des Ki-

nos gibt es eine enge Verbindung zwischen Stadt und Film; unzählige Filme thematisieren die Stadt. An welchen Film denkst Du, wenn es um ›Stadt‹ oder ›Stadtleben‹ geht?

Metropolis von Fritz Lang. F: Kannst Du mit dem Begriff

F: Kannst Du mit dem Begriff

›posturban‹ etwas anfangen?

Gentrification etwas anfangen?

Nicht viel. Mir fällt dazu vor allem die öde Landschaft der nordamerikanischen suburbs ein.

Gentrification bedeutet, dass reiche Schichten urbane Räume für sich beanspruchen, die eine zeitlang von ihnen und ihren Bereicherungsmethoden verschont waren. F: In Bezug auf die Stadt

und die Städte, die Du kennst: Wie leben die Menschen in einhundert Jahren?

Auf dem heutigen Kurs bleibend: wahrscheinlich gar nicht mehr.

F: Du arbeitest als Architek-

turtheoretikerin und Architektin, beschäftigst Dich also mit »umbauten Raum«. Kannst Du kurz sagen, was Dich an der Stadt als Medium, Gegenstand, Folie, Terrain etc. interessiert?

Unser Problem ist Wachstum – das »natürliche« Wachstum der Bevölkerung und das zwanghafte Wachstum der Wirtschaft. Eine Utopie finge damit an, dass kein Wachstum mehr wäre und wir das, was ist, verbessern könnten.

Die Stadt interessiert mich als gesellschaftliches Produkt, im Sinne Henri Lefebvres. Es geht darum, ihre Zusammenhänge, Widersprüche und Veränderungsmöglichkeiten zu verstehen, nicht um sie besser zu planen – also mit immer sichererem Kalkül Entscheidungen anderer Menschen vorwegzunehmen –, sondern um herauszufinden, wie sie vielleicht freier werden könnte. Ich glaube, ich bin in dieser Hinsicht keine Architektin mehr.

F: Wie würdest Du das Ver-

F: Verändert sich Deine Rol-

hältnis von Kunst und Stadt beschreiben? Welche Kunst bringst Du am ehesten mit der Stadt in Verbindung (Architektur, bildende Kunst, Musik, Literatur etc.)?

le oder Position als Theoretikerin und Praktikerin der Architektur mit der Stadt und Stadterfahrung?

… und wie sollten oder könnten sie in einhundert Jahren leben (in Bezug auf eine Utopie der Stadt)?

Viel interessanter für die Stadt finde ich die nicht eingebürgerten oder nicht institutionalisierten künstlerischen Verfahren, von Graffiti bis zum Selbstbau und der Favela. Monumente – die so genannten architektonischen Kunstwerke – die eine Stadt oder ihr Bild prägen sollen, mag ich nicht. Kant sagt zwar, man könne den schönen Palast beurteilen ohne an die »Eitelkeit der Großen« und den »Schweiß des Volkes« zu denken, ich kann das aber nicht. In einer freien Gesellschaft würde wohl kaum ein Mensch Monumente bauen, schon gar nicht nach dem Entwurf eines Einzelnen. Übrigens gab es in der alten Stadt Çatalhöyük – die offensichtlich von einer sehr egalitären und gewaltlosen Gesellschaft gebaut und über  Jahre lang bewohnt wurde – gar keine Monumente. Manche sprechen

Vor einigen Jahren kannte ich mich noch sehr wenig in den so genannten spontanen Teilen der Stadt aus. Die direkte Erfahrung dieser Räume hat viel verändert. Gerade der Entwurf vollendeter Räume bzw. Bauten von oben herab scheint mir nichts weiter als eine Form gesellschaftlicher Kontrolle, auch wenn er noch so gut gemeint ist. Anderseits ist es mir immer wichtig, dass wir als Architektinnen Mittel entwerfen, die es anderen erleichtern, ihr eigenes räumliches Umfeld zu gestalten. Das Konzept der tools for conviviality von Ivan Illich wäre ein Stichwort. F: Ist der Architekt bzw.

die Architektin ein gegenwärtiger Typus des urbanen Künstlers? Ist der Architekt selbst ein Stadtmensch?

Wie gesagt verteidige ich keineswegs die Architekten als Künstler. Egal ob es um den Ausdruck von Subjektivität, angeblichem

Zeitgeistes oder einer bestimmten Utopie geht, ist die Voraussetzung solcher Kunst ein ganz spezifischer Zwang: Bauarbeiter müssen dem Plan gehorchen, alle andern müssen das »Werk« über sich ergehen lassen. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, sich als Architekt anders in künstlerische Verfahren zu engagieren. Ob Architekten Stadtmenschen sind? Nicht unbedingt, aber meistens. Zumindest sind sie sich des »materiellen Austausches mit der Natur« zumeist kaum bewusst. F: Inwieweit sollten sich Ar-

chitektinnen und Architekten in das Stadtgeschehen einbringen? Geht es um Mitgestaltung oder Protest? Gibt es eine »architektonische Position« der Politik des Urbanen oder der Stadtkritik?

Das praktische Engagement der einzelnen Architekten im Stadtgeschehen ist eher eine Frage der persönlichen Disposition. Als Berufsgruppe aber finde ich Architekten im Allgemeinen viel zu unkritisch, egal ob es um theoretische Arbeit, praktische Arbeit auf kleinstem Raum, Denkmalschutz, Wohnungsbau, Stadtplanung oder Sonstiges geht. Und wenn es eine pauschale »architektonische Position« gibt, ist sie eher oberflächlich, mehr fokussiert auf das Stadtbild als auf urbane Prozesse und Zusammenhänge. Das ist zumindest bei uns der Fall. F: Die moderne Stadt war schon

im neunzehnten Jahrhundert ein Ort künstlerischer Bewegungen, ästhetischer Veränderungen, schließlich der Avantgarde – dazu zählte immer auch die Architektur; gleichzeitig wird die Architektur im Verhältnis zu anderen Künsten in Hinblick auf eine explizit »ästhetische Praxis« randständig oder abfällig behandelt. Entspricht das auch Deiner Erfahrung?

Man muss das »moderne System der Künste« kritisch sehen. Warum sollte Architektur unbedingt mehr mit Musik als mit Ackerbau oder sonstigen menschlichen Tätigkeiten zu tun haben? In der Architektur bedeutet die Freiheit des Künstlers ganz direkt Unfreiheit der Bauarbeiter und Benutzer. Die angeblich spontane Geste, mit der ein Oscar Niemeyer irgendwelche Kurven aufs Papier zaubert, bestimmt unmittelbar die Unfreiheit derer, die das Ganze dann mühsam in Beton umsetzen oder darin leben müssen. Ästhetisches Verfahren bezieht sich also bestenfalls auf


Papier, Bleistift und die Bilderwelt der Architektur. Umgekehrt wäre Autonomie des Bauens die Aufhebung des (neuzeitlichen) Architekten als Künstler. Das ist analog bei Malerei oder Literatur nicht der Fall. Merkwürdigerweise hat sich übrigens auch die russische Avantgarde Anfang des . Jahrhunderts keine Gedanken darüber gemacht. Man kann natürlich auch argumentieren, dass die Architektur damals ein soziales Projekt hatte oder war, aber auch in diesem Sinn finde ich sie eher konservativ – nach dem Motto: Architektur oder Revolution. F: Zwischen Artistic Research

und Creative Class sind Künstlerinnen und Künstler in die neuesten Entwicklungen der Stadt und des Stadtraums mit eingebunden, sei’s affirmativ, sei’s protestierend. Wie verortest Du Dich – als Architektin – innerhalb dieser Auseinandersetzungen?

Für mich persönlich ist Kritik die wichtigste Aufgabe. Eine scharfe Grenze zwischen kritischer Theorie und kritischer Praxis gibt es dabei nicht. Manch kritische Praxis – nicht unbedingt meine – deckt sich mit künstlerischen Verfahren und Experimenten. F: Gibt es einen Kampf um die

Stadt? Also: Zeigt sich etwas von den gegenwärtigen Konflikten (post-) urbaner Veränderungsprozesse explizit auch in Deiner Arbeit, in Deiner Arbeitsweisen oder in Deiner Positionierung als Architektin?

Ja, und zwar sehr deutlich. Die Konflikte, um die es geht, sind allerdings nicht neu. Überhaupt sind räumliche Verhältnisse auch Klassenverhältnisse. Sie zeigen sich im expliziten Kampf um Territorium (z. B. bei der Besetzung leerer Grundstücke, die dann auch direkten Zusammenstoß mit Polizei, Gericht usw. zur Folge haben), sowie in politischen Instanzen und auch im Alltagsleben. F: Geht es um Gegenwart oder

Vergangenheit? Geht es überhaupt um Geschichte?

Es klingt banal, aber Gegenwart ist hier in der Stadt absolut unverständlich ohne Vergangenheit. Vieles wäre erstmal wieder gut zu machen. In diesem Sinn geht es um Geschichte.

DRAUSSEN

Katha Schulte

Ich hatte wohl auf minus  gedrückt, denn wo der Fahrstuhl mich ausgab, war nicht der Hauptausgang, hielten nicht die Nikotingespenster ihre unentwegte Wache, sondern dort war ein schwach beleuchteter Gang. Ich lief hinein. Ich musste mitunter den geistigen Abwegen Doktor Dauns auf eigenen Abwegen entkommen. Der Gang war gekachelt und sah deutlich nach Hygiene aus wie zugleich nach dem Schmutz, gegen den die Hygienevorschriften sich richteten, das Gewimmel, wie ich dann dachte. Auf Brusthöhe verlief den ganzen Gang entlang eine überraschend große Dekoration, die sich mäandernd zusammensetzte aus an Kranichvögel erinnernden Elementen, welche weit ihre Schwingen ausbreiteten. Dass es zunächst ab und zu Türen gegeben haben musste, fiel mir erst auf, als ich schon eine ganze Weile in den Gang hinein gegangen war und es keine mehr gab. Keine Türen, nur ein Gang. Man konnte unentwegt gehen, wobei der Gang bald nach rechts bald nach links abbog, doch ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, mich verlaufen zu können, denn es gab immer nur jeweils eine Möglichkeit; keine Kreuzungen. Ich befand mich in dem hellwachen und zugleich deliranten Zustand, in den jemand gerät, der nie schläft und wenig erlebt. Wenn ich sage, ich ging so vor mich hin, dann entspricht das in etwa den Tatsachen, denn bei jedem Schritt war mir, als ginge ich halbschattenhaft mir selbst dabei schon um einen Sekundenbruchteil voraus, so dass ich jedes Mal gleichsam in meinen eigenen Schritt hineinrutschte. Vielleicht lag es auch an den Tabletten. Ich war ordentlich geschafft, als mein Krankenhausbett mich wieder fand. Hallo, murmelte es. Ich ließ die Augen geschlossen. Ich öffnete meine Augen zu flatternden Schlitzen, es blieb finster, nur die Kontrolllampen hinter unseren Köpfen leuchteten einzeln in der Nacht. In der Gegend rechts über meinem Kopf konnte ich allmählich das ebenmäßige linke Profil des Arztes ausmachen, die dünnen Lippen. Von dieser Seite sah der Arzt ganz friedlich

aus, gerade als ob er schlafe, sehr ansehnlich, wie er an meinem Bettrand saß. Vergeblich versuchte ich seine Augen auszumachen, sie blieben im Gewirr der Höhlen verborgen. Doch warum eigentlich Doktor Daun zu jeder möglichen Tag- und Nachtzeit, mit Vorliebe aber mitten in der Nacht, mir dem Blutdruck maß, Blut abnahm oder die Transfusion kontrollierte, das wusste ich im Grunde nicht. Sch-sch, machte der Arzt und nahm zwischen zwei Fingern und dem Daumen mein Handgelenk von der Bettdecke hoch, leise pingte der Tropf meiner Bettnachbarin, Doktor Daun fühlte meinen Puls. Sein Profil lag im Dämmer, im Halbschatten hinter ihm hörte ich die langsame Queen leise rasseln; hinten wo die frisch operierte Frau L. lag, war es fast vollständig finster. Ich ließ die Augen zufallen und öffnete sie wieder, zu kaum noch merklichen Schlitzen. Daun legte meinen Arm sachte zurück und starrte an die Wand. Tagsüber bin ich viel auf dem Gelände herumgelaufen, sobald mir der Gang nicht mehr genügte mit seinem ewigen Licht. Ein seltsames Industriegebiet ist das Krankenhaus, ein weitläufiges Gelände, eine Stadt für sich. Täglich strich ich da bald umher zwischen den Sauerstoffsilos und Bettenburgen, den Abteilungen in ihren Pavillons, Klinkeranlagen, billigen Bauten, stinkenden Blüten hinter baufälligen Veranden, den großen Trakten der Aulen und Bibliotheken, den kleinen gärtnerischen Anlagen – so etwas wie die Schönheit der unter der Oberfläche des Wassers sichtbaren Fische dort im Teich, doch, das gab es auch in dieser Welt. Umher strich ich zwischen Cafeteria und Tennisplätzen, den hoffnungslosen Versuchen der Kranken, ein paar Freiluftminuten zu verbringen, dem trostlosen Lesen der Zeitungen, den Geleitungen der Begleitungen, dem Verabschieden der Gäste, den Grüßen zwischen den Ärzten, Papieren unter Armen, Krücken unter anderen, Armen in Arme eingehängt, versickernde Worte, beiläufige Aufmunterungen, Zentralarchive, Pathologie, Leichenverbrennung, Virologie, Seuchenzentrum und so fort.

Das Krankenhaus war in seiner grundlegenden und damals neuartigen Parkanlage in den er Jahren als eine der ersten Pavillonkliniken erbaut worden. Die Bevölkerungen auch Mitteleuropas wurden damals noch weit mehr von epidemischen Krankheiten geplagt, während das Prinzip der Ansteckung allerdings noch ganz umstritten war. Vielmehr glaubte man, Krankheiten würden vornehmlich durch schlechte Luft übertragen, wie es ja auch die Bedeutung des Wortes Malaria ist. Daher galt die luftige Verteilung der Kranken auf den Arealen des Hospitals auf möglichst viele einzeln stehende Pavillons als eine wichtige Maßnahme zur Isolierung und hernach Heilung. Auch die eigens von den Krankenhäusern selbst verursachten Infektionen wollte man so vermeiden. Neu war es auch, nur akut Kranke zu behandeln. Dagegen die Armenhospitäler früherer Zeiten hatten auch als Pflegeheime für Gebrechliche gedient. Vor allem seit dem zweiten Weltkrieg ist dann die Grundstruktur des Geländes durch vielfältige Anlagen überbaut worden, so dass es heute eine unübersichtliche Ansammlung verschiedenster, den verschiedensten Funktionen folgender Formen darstellt, denen die Parklandschaft in weitesten Teilen gewichen ist zugunsten eines undefinierten Aufeinandertreffens von Zwischenräumen. Anders als bei anderen siedlungshaften Gebäudeansammlungen gibt es im offenen Raum um die geschlossenen Bauten des Hospitals herum keinen Anlass dafür, ihn als einen öffentlichen Raum aufzufassen. In diesen zwischenräumlichen Brachen drehte ich Tag täglich zwischen den Leerzeiten so meine Runden und folgte keinem bestimmten Plan. Zu einem der abgelebten Pavillons kam ich häufig und gern, bei dem es so wunderlich roch, ich wusste nicht, was es war: war das Vanille? Im Garten, der sich an die Veranda hinten anschloss, standen im Unkraut Fässer mit etwas, kräftig blühende Rosenpflanzen rankten am Holz des Vorbaus hinauf, rosenhafte Schlingpflanzen, die fettesten Pflanzen, die ich jemals


gesehen habe, gut im Futter; diese Südstaatenarchitektur erinnerte mich an etwas, und waren es denn die Blüten, die so stark rochen? Einmal glaubte ich im Inneren der Baracke etwas sich bewegen zu sehen, dann war wieder alles still. Wenn ich über das Gelände lief und meine Runden drehte, war die Gegend immer wie im Ganzen gelähmt. Es war als ob die Austauschprozesse in der Luft dort langsamer vonstatten gingen. Die Struktur der Moleküle ist ja nicht fix. Innerhalb der Teilchen ist immer ein Auf und Ab der Teile. Zwischen den Teilen fiel weniger Licht hindurch. Es war am dunkel werden und die Luft war wie verbraucht hier draußen, ich fragte mich, von wem. Kein Weg war so, dass ich ihn machen musste, ich strich so um die immer gleichen Blocks und Häuschen, Pavillons und Zentralmassive. Gebäude verbargen Funktionen, die Luft war wie anderer Leute Restluft, die durch einen ereignislosen Tag verbrauchte Luft; Körper waren erkrankt, genesen, entlassen, geöffnet, verschieden, zerstückt worden, mehr war nicht losgewesen. An drei, vier, oder auch acht Stellen gibt es Ausgänge aus dem Gelände, mit Schranken teils, teils ohne. Es war nicht so, dass man das Krankenhaus nicht verlassen konnte, es war nur einfach nicht erwünscht. Doch auf dem Gelände der angrenzenden Wohngegenden hatte man dann auch nicht gerade das Gefühl, draußen zu sein und anderswohin zu kommen, sondern vielmehr, als führten die Wege, wenn man sich ihrem Willen überließe, in das vorige Gelände einfach wieder hinein, als wären alle nach außen führenden Wege letztlich wieder nach innen hin eingebeugt wie die Enden der Halme am Rand eines Strohhuts. Auch wurde es, wo außen sein sollte, nicht heller, und es gab im Gegensatz zum Innen keinen Rand, der etwas Helleres hätte verheißen lassen. Ohne dass ich von einer stärkeren Anziehung oder auch Abstoßung hätte sprechen können, teilten die Wege, die durch das Gebiet des Krankenhauses und aus ihm hinaus führten, einem mit, sie führten auch wieder hinein. Also blieb ich, und so taten es alle. Eine endliche Welt von unendlicher Geduld. Begleitete mich Maria, machte ich die Wege einfach, ging schneller, steuerte Ziele an. Allein war es ein langsames Gehen, nie hielt ich länger irgendwo an oder setzte mich hin, nie ruhte ich irgendwo aus, das Ausruhen hatte hier keinen Sinn. Hier war Wissen, hier war Industrie. Und doch war nach der Reglosigkeit der Anlage

und dem unentwegten Stillliegen des Außenbetriebs, dem ununterbrochen zum Erliegen gekommenen Außenbetrieb nichts vom Leben oder Sterben, vom inneren Getriebe hinter all den Wänden zu erahnen, nichts, das etwa über diejenigen Austauschprozesse hinausging, für die ein Leitungssystem für Sauerstoff oder Strom garantierte. Diese Wände wollten nicht reden, außer von einer Historie als erstes größtes Pavillonkrankenhaus an guter Luft. Ich dachte oft an meinen Zoo, dessen Auswege ganz ebenso wenig aus ihm hinausführen, der ganz ebenso seine eigene Stadt ist und ebenso isoliert seine Bewohner. Dort allerdings dringt das Leben durch die Wände, als Geruch, als ein feinstoffliches Kontinuum, das durch alle porösen Gemäuer hindurch ein Gewebe von Zusammenhang bildet. Oh doch, es gibt schweigende Tiere, es gibt viele schweigende Tiere, jeder, der einmal einen Zoo besucht, weiß es, doch das Schweigen dringt durch die Wände als geheimnislose Verbindung. Das Leben der Tiere in den Parks ist kein Vegetieren und ist auch kein Absterben, es ist ein unentwegter Übergang im Museum der Arterhaltung. Denkst du einmal an die Tiere in Begriffen des Menschen oder an die Menschen in den Begriffen des Tiers, dann spürst du, wie dir gleich alles aus den Händen und durch die Finger fällt und fällt und fällt. Es gibt keine Übersetzung. Kraft ihres Lebens im Park sind die Tiere Zeugen ihrer durch Menschen bestellten eigenen Arterhaltung. Wenigstens den Elefanten sieht man es an, wie alt sie darüber werden. Wer soll beurteilen, ob es deiner würdig ist, wenn die Funktion deines Lebens darin besteht, die Erhaltung deiner eigenen Art zu bezeugen? Der Mensch, der annimmt, im Park der Freiheit zu leben, ahnt von solcher Funktion nichts. Der schlafende Doktor Daun war für mich ein seltsamer Anblick. Seine Hände hingen an ihm herunter, er war auf dem Stuhl zusammengesunken und seine Gesichtszüge entspannten sich bis zur Blödigkeit. Der Doktor hatte mir den Puls gefühlt und mich an einigen Stellen leicht betastet, dann mich oberhalb der Augen plötzlich stier gemustert, als käme ihm etwas in den Sinn, wobei er den Stuhl, der zwischen meinem und meiner Bettnachbarin Bett zur Tür hin stand, unter sich herangezogen und sich darauf gesetzt hatte. Während er so versonnen, eingesponnen, weiter auf die Stelle über meiner Nasenwurzel gestarrt hatte, waren seine Lider langsam heruntergefallen und von seinen Augen war

nur noch ein Rest Weiß zu sehen geblieben. Er war mit mir beschäftigt. Ich ließ ihn ein Weilchen bei seiner Beschäftigung, was immer es war. Der große Doktor med. Daun saß brüchig an meinem Bett und schlief. • Der Roman ›Unwesen‹ erscheint am 11. Oktober 2010 bei Hablizel. Für weitere Informationen: www.hablizel-verlag.de

RAUM »Space – is it merely another word for the perception of a capability of additional magnitude – or does this very perception presuppose the idea of Space?« Samuel Taylor Coleridge, ›Germany, London, the Lakes 1798–1804‹.


Silke Kapp

Sieht man sich die Architekturtheorie der letzten Jahrhunderte an, scheinen zwei Merkmale recht deutlich: erstens, dass die Beziehung von Dingen und Räumen zum menschlichen Körper immer stärker durch technische Normen – der Mechanik, der Ergonomie oder der Hygiene – bestimmt wurde; und zweitens, dass die Erweiterungen dieser Perspektive sich fast ausschließlich auf die visuelle Erfahrung beziehen. Sowohl die alte Konsonanz zwischen den Maßen des Körpers, den Maßen des Kosmos und denen der Architektur wurde vergessen, als auch das Bewusstsein, dass Architektur den menschlichen Körper anders ansprechen kann als durch jenen Zustand, den wir als ›bequem‹ empfinden. Diese Rückbildung der körperlichen Dimension wird durch eine wachsende Emphase der intellektuellen Dimension wettgemacht: Sinn, Inhalt und sogar ästhetische Erfahrung einer immer bequemeren, angepassteren, zweckmäßigeren Architektur richten sich an den Intellekt, vermittelt durchs Auge. Die Tendenz steht einer philosophischen Ästhetik nahe, die vom Leib abstrahiert, sich auf »interesseloses Wohlgefallen« (Kant) konzentriert und »kulinarischen Genuss« (Adorno) ausschließt. Aus dieser Perspektive erscheint die neuere Rede von der Immaterialität und der Virtualisierung nur als der Höhepunkt eines langen Prozesses. Ziel dieses Textes ist zunächst eine Reflexion über die architektonischen Voraussetzungen der Zweckmäßigkeit, der Bequemlichkeit, der Anpassung. Brennpunkt ist dabei die Möglichkeit der Unruhe, der Disharmonie, die Möglichkeit eines Auswegs aus der Lethargie, der Betäubung, der Apathie im Bezug auf architektonischen und städtischen Raum. Als Beispiel sollen uns schließlich einige Aspekte der Geschichte und der heutigen Situation der brasilianischen Großstadt Belo Horizonte dienen. Welt der Dinge

In ›The Human Condition‹ benutzt Hannah Arendt den Ausdruck »Welt« im spezifischen Sinn der Umwelt der durch Menschen gemachten Dinge, im Gegensatz zur natürlichen Umwelt. Die Welt ist eine Welt der Dinge, mit denen wir umgehen, und die unser Dasein weit über die materielle Notwendigkeit hinaus bestimmt. Was uns zum Menschen

ABENTEUER DER KÖRPER IN UNGEMÜTLICHEN STÄDTEN macht, ist das Zusammenleben mit anderen Menschen, die uns ähnlich sind, aber nicht identisch mit uns. Das individuelle Dasein zeigt sich in den Unterschieden zu Anderen und in der Möglichkeit, diese Unterschiede auszudrücken, zu kommunizieren, zu diskutieren und zu reflektieren. Hannah Arendt macht deutlich, dass es diese Unterschiede ohne die Vermittelung der Dinge nicht gibt. Obwohl die westliche Tradition die Scheidung zwischen Leib und Seele, Stoff und Geist, seit langem aufrechterhält, und wir oft annehmen, dass sich die menschliche Interaktion von materiellen Dingen trennen lässt, sind gerade diese Dinge notwendig, um Orte anzuzeigen, Ausdrücke zu tragen und sinnvolle Beziehungen zu schaffen. Arendt geht so weit, dass sie den Mangel an Beziehung zwischen der Welt der Dinge und der menschlichen Wesen als eines der Hauptprobleme unserer Zeit ansieht: »Was es schwer macht, die Massengesellschaft auszuhalten, ist nicht die Anzahl der Personen, die sie enthält …, sondern eher die Tatsache, dass die Welt zwischen ihnen die Kraft verloren hat, sie beieinander zu halten, sie in Zusammenhang zu stellen und sie zu trennen.« Der Zusammenhang zwischen den Dingen und der Möglichkeit des pluralen Ausdrucks menschlicher Wesen ist tatsächlich so stark, dass fast alle pessimistischen Visionen der Zukunft bei der Uniformisierung der Dinge ansetzten: von der Kleidung, bis hin zu Utensilien und Wohnungen. Der Alptraum der in Uniform und absolut identischen Unterkünften lebenden Leute scheint das Ende jeder Menschlichkeit – also unmenschlich. Aber warum sollen in unserer Gesellschaft die Dinge die Kraft verloren haben, Menschen aufeinander zu beziehen? Dinge sind nicht nur technische oder mechanische Utensilien, sondern auch Ausdrucksträger, entweder an sich oder indem sie die Situationen menschlicher Körper im Raum unterstützen. Das mag banal klingen, ist aber in vielen Fällen die Grundlage der Interaktion. Dinge sind Möglichkeiten

des Ausdrucks menschlicher Körper im Raum. Es scheint nun, dass gerade die oben angesprochene Voraussetzung von Bequemlichkeit einer drastischen Reduzierung dieser Möglichkeiten entspricht. Wenn die Elemente der Architektur sich erst an Hygiene und Ergonomie zu halten haben, sind viele Ausdrucksformen der Körper im Raum von vorneherein ausgeschlossen. Vom Luxus zur Bequemlichkeit

Der Streit um die Vor- und Nachteile der Verfügbarkeit von Dingen über die strikte Notwendigkeit hinaus, beginnt Ende des . Jahrhunderts, zusammen mit der gesellschaftlichen Produktion eines gewissen Überflusses. Damals verglich man die angebliche Frugalität und Reinheit der Städte des Altertums – wie Sparta, Athen oder Rom – mit den überladenen Manieren der französischen Städte unter Louis XIV. Fénelon zum Beispiel ist ein wichtiger Verteidiger der asketischen Lebensweise, und zwar aus der christlichen Perspektive. Er kritisiert »die neuen Notwendigkeiten, die täglich erfunden werden« und den »Verfall der Ordnung« und die Ambitionen, die dies seiner Meinung nach hervorbringt. Ähnlich, aber aus säkularer Sicht, spricht La Bruyère vom Stadtleben und lobt dagegen die »ländlichen Dinge«, das Maßhalten und was er »die wirkliche Größe, die es nicht mehr gibt« nennt. Auf der anderen Seite meinen Verteidiger des Überflusses wie Pierre Bayle, dass die Frugalität der Alten nicht aus einer moralischen Entscheidung, sondern einfach aus materieller Armut entspringt, und dass die Ablehnung des Luxus in Wahrheit nicht Anderes sei, als eine Ablehnung des sterblichen Lebens, die immer schon zum Christentum gehöre. Mandeville argumentiert, dass die individuellen Wünsche nach Luxus den Fortschritt der Gesellschaft tragen und anspornen. Sogar Voltaire schließt sich – nach einer Phase der Kritik – den Argumenten Bayles und Mandevilles an und sieht im

Luxus einen der großen Vorteile der zivilisierten Gesellschaft. Wir könnten noch viele weitere Nuancen dieser Debatte anführen, aber interessant daran ist vor allem die Tatsache, dass sowohl seine Verteidiger, als auch seine Ankläger den Luxus im Zusammenhang mit der Leidenschaft – Pathos – verstehen und dementsprechend die Kargheit materieller Dinge im Zusammenhang mit der Apathie oder Leidenschaftslosigkeit. Fénelon beschreibt das Leben ohne Luxus als »nüchtern, gemessen, einfach, von Unruhe und Leidenschaften frei, ordentlich und fleißig«. Gerade diese Zusammenhänge haben sich mit der Zeit umgekehrt: leidenschaftlich nennen wir eher ein abenteuerliches Leben, ohne materiellen Komfort, während uns die Assoziation der Wohlhabenheit mit einer gewissen Apathie geläufiger ist. Diese merkwürdige Umkehrung folgt aus einer Entwicklung, die den alten Luxus zur so genannten »Bequemlichkeit« macht. Sie bedeutet einerseits eine relative Demokratisierung der Verfügbarkeit von Gütern, aber andererseits auch eine Standardisierung, die der Idee des Luxus ihren ursprünglichen Gegensatz zur Notwendigkeit entzieht. Bequemlichkeit ist Luxus, der zur Gewohnheit geworden ist und deshalb nicht mehr als Luxus wahrgenommen wird. Wenn man Luxus als Erfahrung eines qualitativen Überflusses der lebensnotwendigen Dinge bezeichnen kann, so ist Bequemlichkeit das Umgekehrte: die bloße Abschaffung der Wahrnehmung des eigenen Leibes. Ein bequemes Kleidungsstück lässt uns den eigenen Körper kaum mehr spüren – das Gleiche gilt für bequeme Autos, Häuser oder Reisen. Das Bewusstsein des Körpers wird in allen Fällen auf ein Minimum reduziert. Die berühmte Schrift ›Ornament und Verbrechen‹ von Adolf Loos bezeugt sehr eindrucksvoll diese Wandlung des Luxus in Bequemlichkeit und ihre Folgen für die Erfahrung des Körpers. In seltsamem Widerspruch zu seinen eigenen Bauten – deren taktiler Wert unabsprechbar ist – weist Loos vehement alles ab, was jene materiellen Notwendigkeiten überschreitet, die er dem »modernen Menschen« zuschreibt. Das Ornament, das vielleicht nichts weiter ist als der Teil des Luxus, der nicht in Bequemlichkeit verwandelt werden kann, wird als erotischer Ausdruck verstanden, der für die entwickelte Menschheit überflüssig sei. So spricht Loos zwar den Ornamenten nicht ihr Existenzrecht pauschal ab, aber er


sieht sie doch als Zeichen der kultureller Unterentwicklung. Für Loos soll der Ausdruck menschlicher Pluralität nicht mehr von Dingen abhängen, sondern sich auf rein intellektueller Ebene vollziehen. Die Überhöhung der Bequemlichkeit (im privaten Bereich meist auch »Zweckmäßigkeit« genannt) zum unantastbaren Kriterium architektonischer Qualität beginnt im . Jahrhundert, wird aber erst im . Jahrhundert vollendet, zunächst durch die Debatten um den Wohnungsbau. Anfangs ging es darum, Menschen, die nicht nur in unbequemen, sondern in unmenschlichen Bedingungen lebten, Wohnraum für ein Existenzminimum zu ermöglichen. Aber schon der Wohnungsbau in den zwanziger Jahren in Frankfurt war im Prinzip eine Art ›Taylorisierung‹ des architektonischen Raumes, d. h. eine Rationalisierung der Bewegungen im Raum, die jener der industriellen Produktion sehr ähnlich ist. Besonders deutlich wird das in der »Frankfurter Küche«: ein steriler Raum für genau kalkulierte Bewegungsabläufe. Bestimmt boten die neuen Wohnungen vielen Menschen bessere Lebensbedingungen als vorher, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die instrumentelle Nutzung des Raumes jede besondere Beziehung zwischen Menschen und Dingen ungemein erschwert. Die Utopie des Genusses, der Erfüllung, der Freiheit, die Luxus enthält, wird vom Streben nach Bequemlichkeit und Anpassung zunichte gemacht. Inzwischen hat sich das Kriterium des minimalen Aufwandes in Richtungen verbreitet, die sich die Funktionalisten der zwanziger Jahre wahrscheinlich nie vorgestellt hätten. Nicht nur mechanische Bewegungen der körperlichen Arbeit wurden taylorisiert, sondern fast das ganze menschliche Tun, das mit Bewegung im Raum zusammenhängt. Das Ideal der Annehmlichkeit lief auf einen Zustand hinaus, in dem der Körper seine Bewegungen kaum mehr selbst bestimmt. Es ist vorgeplant, wo und wie man geht, steht oder sitzt, und meist so, dass man den eigenen Körper kaum mehr empfindet. Anders gesagt: das Bequeme domestiziert die Körper (und damit auch die Seelen) zur absoluten Widerstandslosigkeit. Dabei ist es auffällig, wie leicht sich auch durchaus reflektierte Menschen solcher architektonischen Disziplin fügen. Sie verteidigen mit allen Mitteln, dass ernste Musik, Filme oder Werke der plastischen Künste nicht angenehm passiv rezipiert werden können, ärgern sich aber

schon über kleinste Abweichungen der Ergonomie in der Architektur. Straßen dürfen zwar ältlich charmant aussehen, aber dort, wo die Körper anstoßen, greift man doch lieber zur »Entkernung« der Altbauten. Das Bücken durch die Tür, das Trippeln auf kleinen oder das Ausschreiten auf großen Stufen, das Öffnen schwerer Fenster, das Frieren in Zugluft, das unsichere Sehen bei karger oder blendender Beleuchtung – all diese und viele andere Situationen werden heute meist nur als Fehler interpretiert. Man erwartet, dass der Raum und die Dinge im Raum durch Feinheiten der Form oder der Technik verbessert werden, doch macht dabei die normierte Bequemlichkeit zur Voraussetzung, der alles Neue stillschweigend folgen soll. An einer Stelle der ›Minima Moralia‹, kurz hinter der berühmten Aussage über die Unmöglichkeit des Wohnens, schneidet Adorno das Thema der Normierung und mechanischen Standardisierung unserer Gesten und Bewegungen an. Sie bedeutet eine Standardisierung unserer Beziehungen zu der Welt der Dinge. »Die Technisierung macht einstweilen die Gesten präzis und roh und damit die Menschen. Sie treibt aus den Gebärden alles Zögernde aus, allen Bedacht, alle Gesittung. Sie unterstellt sie den unversöhnlichen, gleichsam geschichtslosen Anforderungen der Dinge … Am Absterben der Erfahrung trägt Schuld nicht zum letzten, dass die Dinge unterm Gesetz ihrer reinen Zweckmäßigkeit eine Form annehmen, die den Umgang mit ihnen auf bloße Handhabung beschränkt, ohne einen Überschuss, sei’s an Freiheit des Verhaltens, sei’s an Selbstständigkeit des Dinges zu dulden, der als Erfahrungskern überlebt, weil er nicht verzehrt wird vom Augenblick der Aktion.« Die Sachlage lässt sich auch an den Kategorien der taktilen und der kontemplativen Rezeption beschreiben, zwischen denen Walter Benjamin im Essay über ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ unterscheidet. Die kontemplative Rezeption Benjamins hat als Modell den Blick des Touristen oder des Kritikers, der sich auf Herauslesen von Sinn, Technik und Form versteht; die taktile Rezeption hängt mit dem Körper, den Gewohnheiten, der Benutzung, der Aneignung zusammen – im Grunde ist es die Art der Wahrnehmung, die in der Architektur überwiegt. Nun: die normierte Bequemlichkeit neutralisiert diese taktile Rezeption zum stereotypen Verhalten. Damit vernichtet sie einen großen

Teil der Möglichkeiten architektonischen Ausdrucks. Architektur wird nicht mehr erfahren, sondern nur noch gesehen und benutzt. Die Stadt für den Verstand

Kommen wir nun auf unser Beispiel zurück: die brasilianische Stadt Belo Horizonte, in der die Wandlung vom Nichts zur Millionenstadt in wenigen Jahrzehnten erfolgte, und die deshalb die Widersprüche zwischen normierter Bequemlichkeit und körperlicher Erfahrung besonders deutlich zeigt. Belo Horizonte wurde von  bis  für die neue republikanische Regierung des Landes Minas Gerais geplant und gegründet; und zwar als erste geplante Idealstadt Brasiliens. Es gab dort vorher ein kleines Dorf, genannt Curral del Rey – wörtlich, königlicher Kuhstall (vor der höheren Bergkette im Süden sammelte man damals die Herden). Aber so wie eine republikanische Idealstadt nicht ›Königlicher Kuhstall‹ heißen konnte, war auch die topologische Ordnung des Dorfes für die neue Planung unbrauchbar. Die Stadt wurde ›Schöner Horizont‹ getauft und die hügelige Landschaft einer geometrischen Operation unterzogen. Auch im Gegensatz zu den krummen Gassen in der historischen Stadt Ouro Preto, wo zu monarchistischen Zeiten die Landesregierung saß, wurde ein ortogonales Straßennetz mit diagonalen Boulevards angelegt, begrenzt von einer Ringstraße. (Die dazu nötige Demonstration von Naturbeherrschung war übrigens dem Wahrzeichen der Monarchie, Versailles, nicht unähnlich.) Das geometrische Raster wurde für den Verstand gebaut, für die Hygiene und den Verkehr, aber auch für den Geist, mit repräsentativen Plätzen, geographisch oder historisch bezogenen Straßennamen und neoklassischen öffentlichen Gebäuden. Dazu kamen dann auch die obligatorischen Gegenstücke des reinen Geistes: ein zentraler Stadtpark nach englischer Art (inzwischen auf weniger als ein Drittel seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft), ein zoologischer Garten und ein peripherer Teil, ohne detaillierten Plan, mit engeren und dem Gelände angepassten Straßen. Im regelmäßigen Teil, genannt »urbane Zone«, sollten überwiegend Beamte mit ihren Familien wohnen, die sich im Park oder im Zoo den sinnlichen Ausgleich ihres ansonsten unsinnlichen Daseins suchen könnten; der unregelmäßige

Teil, genannt »suburbane Zone«, war für die Arbeiter vorgesehen, denen die körperliche Aneignung des Raumes selbst überlassen wurde. Innerhalb des Rasters war keine hierarchische Gliederung der Viertel vorgesehen. Die Blocks wurden in  qm große Grundstücke aufgeteilt und diese verlost. Der Stand der Beamten zeigte sich durch verschiedene Häusertypen, die den verschiedenen Maßen der Grundstücke im selben Block entsprachen:  x  m,  x  m,  x  m. Nach klassischen Prinzipien des Schönen als Einheit in der Vielheit sollten hohe und niedrige Beamte nebeneinander wohnen. Die Stadt der Köper

Die brasilianische Kultur ist bekannt für relative Freiheit in Bezug auf den menschlichen Körper. Vom Karneval bis zum Fußball werden Körper bewegt, belebt und zur Schau gestellt. Diese Einstellung ist parallel zu einer Lebensweise, für die der Außenraum als Ausdrucksmöglichkeit immer wichtiger war als der Innenraum, und daher auch die Stadt und die Straße wichtiger als die eigenen vier Wände. In gewissem Sinne ist die Entwicklung der Stadt Belo Horizonte ein Zeugnis dieser Lebensweise, denn die körperliche, taktile Aneignung der Stadt setzte sich gegen die Planung durch. Wider Erwarten wuchs die Stadt nämlich nicht von innen nach außen, sondern umgekehrt. Die schöne geometrische Ordnung war in den ersten dreißig Jahren nur eine große geometrische Leere. An bis zu  m breiten Straßen standen die wenigen öffentlichen Gebäude und kleine Häuschen, nach französischem Muster, während der äußere Teil sich relativ schnell verdichtete. Das lag zweifellos auch an den steigenden Preisen der Grundstücke nach der Verlosung am Anfang, aber vor allem lag es an der weniger restriktiven Ordnung der Peripherie: man durfte dort ohne vorgegebenes Muster bauen, Schweine züchten und auf der Straße sitzen, kochen oder feiern (was zwar beschrieben ist, aber leider nicht fotografiert). Der Außenraum war enger begrenzt und den Gewohnheiten der Neuankömmlinge aus Ouro Preto und ähnlichen Städten oder Dörfern näher. Die geometrische Stadt erschien fremd, stereotyp, zum Leben nicht geeignet. Mit ihr konnte man wörtlich »nichts anfangen«. Viele, die es sich ihrer sozialen und finanziellen Position nach leisten konnten, im »ordentlichen« Teil zu wohnen,


verkauften ihren Besitz dort und zogen in den »unordentlichen« Teil. Der Plan, der Ende des . Jahrhunderts entstand, sollte Freiheit symbolisieren und produzieren, aber die Körper waren darin eher verloren als frei. Er mochte einer kontemplativen oder intellektuellen Wahrnehmung entsprechen, aber nicht der taktilen Wahrnehmung von alten und neuen Einwohnern. Gleichzeitig begann auch die spontane, illegale Aneignung überall. Schon in den ersten Jahrzehnten wurden große Teile von den so genannten Favelas besetzt. (Der Ausdruck ›Favela‹ ist mit dem Wort ›Armenviertel‹ schlecht übersetzt, denn es gibt sehr arme Viertel, die keine Favelas sind, und andererseits relativ wohlhabende Leute, die in Favelas wohnen. Favelas sind in erster Linie Stadtteile, in denen sich die Menschen unabhängig von Planung und Besitz ansiedeln. Sie sind im Grunde durch das definiert, was sie nicht sind, oder was sie ignorieren, eben die geplante Stadt.) Die Favelas entstanden innerhalb des Rasters, aber auch im Tal – von den Erbauern wegen der »ungesunden« Feuchtigkeit gemieden – und auf den steileren Hängen – wo sich keine Häuser nach Muster errichten ließen. Die Gelände vieler Favelas wurden später saniert, aber ebenso viele sind immer noch in der heutigen Stadtmitte. Man kann also sagen, dass sich die Stadt eher gegen, als nach Plan entwickelte. Die von der Planung relativ frei gelassenen Teile drängten sich mit der Zeit immer weiter vor, und nur so füllte sich dann auch das geometrische Raster – allerdings nicht in der vorgesehenen Weise, sondern eher chaotisch. Da die Verbindungen zwischen den ursprünglichen Randgebieten schlecht sind, wurde die imaginierte Idealstadt zum Alles verbindenden und vom Verkehr überbeanspruchten Zentrum. Das geht so weit, dass es heute noch eine Menge leerer oder nur wenig genutzter Grundstücke dort gibt, auf denen aber Bauen durch den Verkehr schwierig und unattraktiv geworden ist. Der ursprüngliche Plan ist zwar auf der Karte noch zu erkennen, aber erleben kann man ihn nicht; jeder Neuankömmling kommt sich darin vor wie im Labyrinth. In den er Jahren begann die industrielle Entwicklung der Stadt, gefolgt von einer bedeuten Expansion, die bis Ende der er Jahre anhielt. Sie bestand einerseits aus mit privatem Kapital betriebener Massenproduktion von Grundstücken für die unteren Schichten und andererseits aus der

öffentlichen Planung neuer Stadtteile für die oberen Schichten. Seit den er Jahren wächst die Stadt wieder mehr nach innen. Viel wird abgerissen und neu gebaut, fast alle Gebiete verdichten sich, und mit ihnen verschärfen sich auch die sozialen Konflikte. Diese Verschärfung hat nun in kurzer Zeit eine neue Situation geschaffen. Aus der zunächst quantitativen Entwicklung wurde ein qualitativer Sprung, der die räumliche Distanz zwischen körperlich-taktiler und rationalisierter Aneignung des Raumes plötzlich drastisch vergrößert. Das was vorher ein Nebenoder auch ein Durcheinander war, wird jetzt zum Gegeneinander. Einerseits ziehen sich bestimmte Gruppen ins Shopping Center, Hochhaus oder isolierte und bewachte Stadtviertel zurück. Man kann sie die passiven Körper der Stadt nennen. In diesen Gruppen entsteht sehr kurzfristig ein Kult eben jener Bequemlichkeit bzw. Disziplinierung, die sich vorher nicht durchsetzen konnte, und die nun überwiegend stereotype Räume und Verhalten erzeugt. Die Architektur für diese passiven Körper wird meist so zugeschnitten, dass jeder Schritt sorgsam vorgesehen ist. Man könnte bei vielen neuen Appartementhäusern die Fassadenwände abnehmen und dahinter ein gleichmäßiges Muster von Sofas, Tischen, Stühlen und Fernsehern finden. Die Individualität beschränkt sich auf die Wahl der Farben und Preise der Möbel; die von vorneherein eingeplanten Bewegungen, die diese Räume aufzwingen, werden meist widerspruchslos akzeptiert, weil das Alles eben so bequem ist. Solche Verdinglichung gilt keineswegs nur für die Wohnungen, sondern genau so für öffentliche Räume: ohne Regen oder Sonne geht man bequem durch die Einkaufscenter, zwischen den großen Geschäften an den Enden und den Rolltreppen, die Jeden dazu zwingen, kein einziges Schaufenster auszulassen. Bänke, Blumentöpfe und Aschenbecher sind fest angeschraubt; das gekünstelte Lächeln und die eingeübten Phrasen der Verkäufer tun den Rest. Jeder Wunsch, der der Statistik entspricht, wird sofort erfüllt; jeder andere schnell frustriert und abgeschafft. Die Körper funktionieren dabei wie nach Drehbuch. Diese passiven Körper bewegen sich nur relativ selten auf den Straßen – es sei denn in Autos –, und an viele Stellen wagen sie sich gar nicht. Sie empfinden die Stadt als »ungemütlich«, »unschön« und oft

einfach als gefährlich. Sie schlendern nicht, sondern gehen, wenn überhaupt schnell und direkt. Meist fühlen sie sich wohler in Appartementhäusern, geschlossenen Siedlungen oder abgelegenen Vororten. Die Veränderungen der Stadt, die diese Körper hervorbringen, sind durch Bauunternehmer und Staat vermittelt; Spuren eines direkten Ausdrucks finden sich kaum noch. Andere Gruppen, die man vielleicht die aktiven Körper der Stadt nennen könnte, machen aus ihr eine Bühne neuer Aneignungen, aber ohne Drehbuch. Für viele dieser Körper wird sie zum Jagdrevier, zum Jahrmarkt, zum politischen Raum, zur Wohnung, zur Büchsen- und Altpapierplantage, zum Arbeitsplatz, zum Träger neuer Zeichen. Der Blick der passiven Körper nimmt meist diese Aneignungen gar nicht wahr und sieht nur die Zeichen der Gewalt. In Wahrheit ist die Situation aber keineswegs so einseitig, denn die aktiven Körper realisieren das, wozu die passiven nicht mehr fähig sind: sie erfahren die Stadt, sie bestimmen ihren eigenen Raum und ihre eigenen Bewegungen; sie machen aus den Dingen mehr als Objekte der Handhabung. Das alles hat viele soziale und ökonomische Gründe, deren Wichtigkeit keineswegs geleugnet werden soll (wie zum Beispiel die Untätigkeit des Staates im Bezug auf das Wohnungsproblem). Aber gerade die Debatte um bessere Lebensbedingungen kann nicht mehr dort beginnen, wo sie schon so oft begonnen hat, nämlich bei der Frage, wie man die meistmögliche Anzahl von Menschen auf einen vorbestimmten Standard bringen kann. Vielleicht wäre es besser, erst den Standard selbst zu bedenken, der Apathie im Bezug auf den architektonischen und den urbanen Raum produziert, der ohne immer neue und konstante Planung unhaltbar ist, und der den Menschen gar nicht so viel Gutes tut, wie wir oft glauben. Der perfekt angepasste Raum ist nicht wünschenswert. Wenn man in dieser Richtung kritisch weitergeht, scheitert allerdings die ganze funktionalistische Denkweise und mit ihr die Idee der Architektur als Befriedung von mehr oder weniger standardisierten Wünschen und Nöten. Woran soll sich Architektur dann halten? Die Frage ist nicht so zynisch, wie sie zunächst klingt, denn obwohl sich seit den fünfziger Jahren das Spektrum der Zwecke erweitert hat, blieb die Voraussetzung unverändert, dass Projekte für festgelegte Geschehen und Bewegungen

gemacht werden. Können Architekten eigentlich noch ohne die Nötigung zur Zweckmäßigkeit, ohne normierte Bequemlichkeit und ohne definierte Bewegungen der Körper im Raum entwerfen? Eine Möglichkeit wäre die taktile Neuentdeckung der Architektur, in der die erotischen, kulinarischen, menschlichen Dimensionen der Dinge den Körper kontaminieren. Einige Versuche in dieser Richtung wurden schon gemacht. Zum Beispiel die Objekte von Lebbeus Woods, die performative Anstrengung erfordern, wenn man sich ihrer aneignen will. Oder die Experimente von Künstlern wie Shusaku Arakawa und Madeline Gins, die die ganze körperliche Erfahrung des Alltags umkehren wollen. Der berühmteste solcher Versuche ist wahrscheinlich das jüdische Museum in Berlin von Daniel Libeskind, das eine geschichtliche Konstellation in architektonische Erfahrung verwandelt. Diese Erfahrung ist bestimmt nicht bequem. (Sie wurde aber leider durch die Ausstellung selbst zunichte gemachte, denn das Gebäude, in dem man sich zunächst sehr verloren und »ungemütlich« vorkam, ist jetzt überall mit roten Fußabrücken markiert, die anzeigen, wie sich die Körper im Raum zu bewegen haben.) Vielleicht könnten wir von den Abenteuern der Körper in ungemütlichen Städten etwas lernen, anstatt sie schnell zur vorgeplanten, bequemen Apathie zwingen zu wollen. • Hannah Arendt, ›A Condição Humana‹, Rio de Janeiro 2000, S. 17.

 Arendt, ›A Condição Humana‹, a. a. O., S. 62.  François Fénelon, ›Les Aventures de Télémaque‹, Paris o. J. (1699), S. 120.  Jean de La Bruyére, zit. n. Luiz Roberto Monzani, ›Desejo e Prazer na Idade Moderna‹, Campinas 1995, S. 27.  Theodor W. Adorno, ›Minima Moralia‹, Frankfurt am Main 1988, S. 42 f.


SCHÖNER WOHNEN NACH DER STADT Drei Reflexionen über das richtige Leben im falschen

Roger Behrens Asyl für Obdachlose »Ich höre schon des Dorfs Getümmel, Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!« Goethe, ›Faust I‹

– Der berühmte Schlusssatz des Osterspaziergangs ist auch als »Wallsticker« bzw. »Wandtattoo«, Größe  x  cm, zu kaufen …

»Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«  – Das falsche Leben, in dem es kein richtiges gibt, hat einen Ort: es ist die Wohnung, die moderne Behausung, die Stadt. Adorno beschließt mit diesem, mittlerweile als Leitspruch kritischer Theorie akzeptieren Satz einen Aphorismus aus den ›Minima Moralia‹, der sich auf das Alltagsleben und seinen »Schauplatz« richtet: »Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen«,  heißt es beinahe lapidar, und Adorno fährt in seiner »Reflexion aus dem beschädigten Leben« fort: »Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphäre verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht.«  Auch das gehört zu den Widersprüchen der Stadt als soziales Verhältnis: dass Wohnen nicht auf die Wohnung begrenzt bleibt, und der Mensch auch außerhalb der Wohnung in der Stadt wohnt. Den Hinweis darauf gibt Adorno mit seinem Aphorismus durch den

Titel: ›Asyl für Obdachlose‹ lautet die Überschrift, die er sich von seinem Freund und Lehrer Siegfried Kracauer geborgt hat. Kracauer hat die Formulierung für einen seiner Essays über ›Die Angestellten‹ gewählt, mit Anspielung auf Georg Lukács’ ›Theorie des Romans‹ . Obdachlosigkeit erscheint als originäres Phänomen des Stadtlebens, betrifft die »Masse der Angestellten«, von der Kracauer handelt, inmitten des städtisch-konsumistischen Wohlstands der fordistischen Gesellschaft der Goldenen Zwanziger. Diese Masse lebt geistig auf der Straße, denn »das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das sie bewohnt hat, ist eingestürzt.«  Unter ihrem »Zuhause ist übrigens außer der Wohnung auch der Alltag zu verstehen, den die Inserate der Angestellten-Zeitschriften umreißen.«  Unterschlupf finden sie in den Architekturen, die es ihnen erlauben, »im Glanz und in der Zerstreuung zu leben«. Dazu gehören die Kaufhäuser und die »gigantischen Lokale« (»Asyle im wörtlichen Sinne«), schließlich alle Angebote des städtischen Freizeitvergnügens, zuletzt der Lunapark : »Unter dem Druck der herrschenden Gesellschaft werden sie zu Obdachlosenasylen in übertragenem Sinn. Außer ihrem eigentlichen Zweck erhalten sie noch den andern, die Angestellten an den der Oberschicht erwünschten Ort zu bannen und sie von kritischen Fragen abzulenken, zu denen sie im übrigen ja auch kaum einen starken Zug verspüren.«  Dass die bürgerliche Gesellschaft nicht nach ihren emanzipatorischen Idealen des realen Humanismus eingerichtet wurde, sondern sich nach der realen Logik ihrer ökonomischen Struktur in das Gegenteil verkehrte, tritt nirgendwo deutlicher hervor als in den Bauten, in der Architektur. Die Widersprüche der Moderne manifestieren sich in den Städten in einer ähnlichen Gewalt wie Stahl, Glas und Beton: Das Proletariat wohnt nicht, und das Bürgertum nur dort und dann, wo es den Bereich der Öffentlichkeit verlässt und sich ins Privatleben – bildlich – zurückzieht;

in der bürgerlichen Wohnung, der guten Stube und dem Salon, bleiben die politischen Forderungen nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit draußen; als Privatmann ist der Bürger Familienvater, herrscht über Frau, Kinder und die Bediensteten. (Benjamin weist darauf in seiner Passagenarbeit hin: »Unter Louis-Philippe betritt der Privatmann den geschichtlichen Schauplatz … Für den Privatmann tritt erstmals der Lebensraum in Gegensatz zu der Arbeitsstätte. Der erste konstituiert sich im Interieur. Das Kontor ist sein Komplement. Der Privatmann, der im Kontor der Realität Rechnung trägt, verlangt vom Interieur in seinen Illusionen unterhalten zu werden. Diese Notwendigkeit ist umso dringlicher, als er seine geschäftlichen Überlegungen nicht zu gesellschaftlichen zu erweitern gedenkt. In der Gestaltung seiner privaten Umwelt verdrängt er beide. Dem entspringen die Phantasmagorien des Interieurs. Es stellt für den Privatmann das Universum dar. In ihm versammelt er die Ferne und die Vergangenheit. Sein Salon ist die Loge im Welttheater.« ) Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erweitert sich mit den Angestellten – wie schon zuvor durch die Boheme, die deklassierten Bürger – das Wohnen auf die städtischen Bereiche der Straße, schließlich und vor allem in den Konsum und die Freizeit. Umgekehrt zieht nun das öffentliche Leben in die Wohnungen ein, werden die Zimmer nach den Vorlagen der Illustrierten, die über das Leben der Reichen und Schönen informieren, sowie den Katalogen ausstaffiert. Das Wohnen, eigentlich der den Menschen nächste Bereich gelebter ästhetischer Praxis, kommt über die Stereotypen von »Home, Sweet Home«, »Eigener Herd ist Goldes wert« oder »My Home is my Castle« nicht hinaus, verliert sich zwischen Kitsch und Kälte, Dekoration und Ramsch, erstarrt schließlich in klinischer Ordnung oder pathologischer Unordnung – wirklich zuhause ist niemand hier. Ohnehin: Sieht man von den spärlichen Ausnahmen ab, wozu das Bauhaus in

der Phase Hannes Meyer, die Arbeiten der Designer Ray und Charles Eames sowie die Entwürfe der Architekten Peter und Alison Smithson gehören, kann man drastisch sagen, dass es im zwanzigsten Jahrhundert keine zeitgemäß-radikale, erst recht keine konkret-utopische Vision des Wohnens gegeben hat, nach der das Stadtleben als emanzipatorische Vergesellschaftung einer wirklich urbanen Lebensweise hätte realisiert werden können. Gleichwohl ist das aber nicht von Designern, Architekten und Städteplanern abhängig, sondern von den interessierten Menschen selber. Darauf hat Adorno  in seinem Vortrag über ›Funktionalismus heute‹ hingewiesen: »Die unmittelbaren praktischen Gesichtspunkte von Städteplanung fallen mit denen einer wahrhaft rationalen, von gesellschaftlichen Irrationalitäten freien keineswegs zusammen: es fehlt jenes gesellschaftliche Gesamtsubjekt, auf das Städteplanung es absehen müsste; nicht zuletzt darum droht sie entweder chaotisch auszuarten oder die produktive architektonische Einzelleistung zu hemmen.«  Auch damit »bestätigt sich«, so Adorno, »der Verdacht der ›Minima Moralia‹, dass sich eigentlich gar nicht mehr wohnen lasse.«  • »Es gibt nichts Harmloses mehr.« Theodor W. Adorno, ›Minima Moralia‹ (GS Bd. , S. )

Das falsche Leben ist die Signatur der sozialen Verhältnisse, die sich im vollends entfalteten Kapitalismus zur konkreten Totalität zusammengezogen haben. Falsch interpretiert ist Adornos Satz, versteht man ihn so, als wäre nur das Leben in der Wohnung das falsche; vielmehr schließt die kritische Theorie eben auch die vermeintlichen Nischen als Fluchträume, als autonome Zonen individueller Freiheiten aus: »Das Ganze ist das Unwahre«  – und vor allem bietet die vom bürgerlichen Persönlichkeitsrecht deklarierte Privatsphäre, eben die Wohnung, keine


Rückzugsmöglichkeit. Das fängt bereits mit der Lüge an, von den »eigenen vier Wänden« zu sprechen, wenn es sich doch in den meisten Fällen um Mietverhältnisse, oder ansonsten um Immobilienbesitz handelt: Der Schutz des Privaten in der Behausung wird ausschließlich durch den ökonomischen Tauschverkehr, also schlichtweg durch die erfolgreiche Teilnahme am kapitalistischen Markt garantiert. Haus und Hausen ist im Kapitalismus wie alles zur Ware verwandelt, womit sich die gesamte Ökonomie verkehrt: der Oikos, also die Wohn- und Hausgemeinschaft  ist nicht mehr Ausgang und Bedingung wirtschaftsgemeinschaftlicher Praxis, sondern bestenfalls das Resultat, das Ende. Das verweist im Übrigen auch auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Dorf und Stadt: Das Dorf ist Zusammenschluss von Hausgemeinschaften zum Synoikos, um Lebensbedingungen kollektiv zu organisieren und zu sichern (wobei sich Herrschaftsverhältnisse in der Organisation des Zusammenschlusses unmittelbar in der Ökonomie bilden: als patriarchale Familie, Sklaverei, Knechtschaft etc.). Was Dorf ist, wird von den hier lebenden Menschen konstituiert. Erst die Stadt ist ein soziales System, das im emphatischen Sinne bewohnt wird, wo also der Mensch in den Häusern mehr oder etwas anderes macht als nur zu hausen und seinem Tagwerk nachzugehen. Der Mensch wird Stadtmensch, ohne aber wirklich die Stadt, in der er lebt und wohnt, zu machen (ebenso wie mit der Moderne der Mensch geschichtliches Subjekt wird, ohne Geschichte zu machen; Marx spricht deshalb von Vorgeschichte – parallel wäre, in Bezug auf den Urbanismus, von ›Vorstadt‹ zu sprechen. Und so wie die Vorgeschichte mit der Postmoderne konvergiert, definiert auch die ›Vorstadt‹ den Raum des Posturbanen). – Der Dorfmensch ist mit dem Dorf als Schmied, Müllerin, Magd, Bauer etc. identifiziert; der Stadtmensch mag sich – als Bürger etwa – mit »seiner Stadt« identisch fühlen; seine gesellschaftliche Stellung indes bleibt der Idee des Stadtlebens äußerlich. In der Stadt ist der Mensch frei, und zwar nicht nur wegen der besonderen Stadtrechte, die ihm ggf. zustehen, sondern weil er als ökonomisch freier, das heißt auch in prekärer Weise von der Ökonomie befreiter Mensch die Stadt betritt und zunächst nur so in ihr überleben kann: Genau das hat die kritische Theorie von Marx und Engels am Proletarier nachvollzogen,

HEILIGENGEISTFELD. ZWEIMAL TÄGLICH NACH DEM MITTAGESSEN, UNZERKAUT MIT ETWAS WASSER SCHLUCKEN. UND FÜHRE MICH NICHT IN VERSUCHUNG. – VON DER PAUL-ROSEN-STRASSE KOMMEND, AM HAUS VORBEI, WO DIE BEATLES 1960 WOHNTEN, WO ICH IMMER MAL IN DEN ZWEITEN STOCK HOCHGUCKE. HAT NICHTS ZU BEDEUTEN, TUT NICHT WEH. JETZT SCHON CLEMENS-SCHULTZSTRASSE. EIN PAFFE. WEITER ZU ERWIN ROSS. ›WIR FERTIGEN NACH IHREN VORSTELLUNGEN‹. GANZ WICHTIG: HANDWERKER, NICHT KÜNSTLER. UND JETZT NUR NOCH DIE STRASSE HOCH, AN HEMINGWAY ODER MILLER – MIR EGAL, MAG BEIDE NICHT – VORBEI. UND DA IST ER: ›MOBY DICK‹. DA BLÄST ER: HEILIGENGEISTFELD. DA SCHWEBT WAS. – WESTLICHE BEGRENZUNG, VON SÜDEN ANGEFANGEN: TELEKOMGEBÄUDE, ST.-PAULI-STADION UND HOCHBUNKER. IM NORDEN DIE FELDSTRASSE. DIE ÖSTLICHE BEGRENZUNG IST DIE GLACISCHAUSSEE. UND IM SÜDEN BEFINDET SICH DIE BUDAPESTER STRASSE. UND DANN, MITTEN DRAUF, ALS WÄRE ER NUR FÜR MICH GEMACHT. DIE AUTOMOTOREN, DIE SCHIFFSMOTOREN, DIE ZUGMOTOREN, DIE MOTORMOTOREN, DIE LEUTEMOTOREN. ALLES WIE EINE BRANDUNG, UND ICH HÖRE MEINEN SCHRITTEN ZU. ›I LOVE YOU‹. ›JUNGER MANN ZUM MITREISEN GESUCHT.‹ ODER WIE KING KONG AUF DER FREIHEITSSTATUE LIEGEND – ›ICH SCHWÖRE ER HAT GEGRINST‹ – ANGEKARRT WURDE. ODER DIE SEEHUNDE. – »LET’S GO AWAY FOR A WHILE.« – JA GENAU: LET’S GO AWAY FOR A WHILE. LET’S GO AWAY FOR A WHILE. LET’S GO AWAY. – »CALIFORNIA« – ICH BETRACHTE DEN PLATZ SO, ALS WÜRDE ICH MICH SCHON ERINNERN, HIER GEWESEN ZU SEIN. Knarf Rellöm, ›Heiligengeistfeld‹, auf: ›Bitte vor R.E.M. einordnen‹, 1997; nach / mit: Kante, ›California‹ / ›Fernfahrer‹, ›Zwischen den Orten‹, 1997

feststellend, dass er nichts weiter besitzt, außer seiner Arbeitskraft. Das (historische) Dorf ist Gemeinschaft, die (moderne) Stadt ist Gesellschaft. Paradox stellt sich die Stadt aber als Natur dar (»Großstadtdschungel«);  die Natur wird zum bedrohlichen Innern der Stadt, hingegen im Dorf die Natur das bedrohliche Außen bleibt. Das Dorf – als Ökonomie im wörtlichen Sinn – bietet den Menschen einen Lebensraum. In der Stadt fällt der Mensch auf den Naturzusammenhang zurück; ›Leben‹ heißt in der Stadt ›Überleben‹. Doch das, was der Mensch dem Überleben in der Stadt abgerungen hat, ist eben das, was im nachdrücklichen Sinne das Stadtleben bezeichnet: nämlich das Wohnen. Und diese, den Menschen in seiner gesellschaftlichen Existenz zerreißende Beziehung zwischen Überleben und Wohnen, die sich in perfider Weise in der Ordnung von Straße und Haus manifestiert,  bezeichnet in ihrer Ganzheit das »falsche Leben«, von dem Adorno schreibt. • Nach der Stadt. Posturbanität

Heute lebt erstmals in der Geschichte über die Hälfte der Menschheit in Städten, wie neuere demografische Erhebungen offen legen. Solche Zahlen sind mit der kritischen Frage zu konfrontieren, was »Leben in den Städten« heißt, was unter gegebenen Verhältnissen überhaupt noch »Stadt«, ja »Leben« heißt. Schließlich ist das Leben, das hier auf Stadt und Land verteilt scheint, in unserer Epoche ausnahmslos, räumlich wie zeitlich, vom Kapitalismus beherrscht. Das Tauschgesetz gilt überall; ebenfalls erstmals in der Weltgeschichte ist das menschliche Leben komplett der Warenproduktion untergeordnet, und insofern sind Armut oder Reichtum nicht mehr von natürlichen Gegebenheiten abhängig, sondern vollkommen gesellschaftlich bedingt. Trinkwassermangel, Hunger, soziales Elend oder der Ausschluss von zivilisatorischen Errungenschaften bestimmen längst in katastrophischen Ausmaßen das Stadtleben, wachsen indes von der Peripherie der Städte aufs Land zurück. Schließlich wird angesichts solcher Übergangszonen, in denen Milliarden von Menschen in Slums oder wenigstens einfachen Hütten vegetieren, zweifelhaft, ob noch vom Unterschied zwischen Stadt und Land gesprochen werden kann – für


die Großräume von Mexiko City, Kinshasa oder Bombay ist das ebenso fraglich wie für die Banlieues von Paris oder selbst für die Trailerparks um Las Vegas und Reno herum. Hinzu kommen die Phänomene, von denen die ehemals prosperierenden »westlichen« Stadtgesellschaften erfasst sind, die von der Soziologie seit den siebziger Jahren als »Armut trotz Wohlstand« und seit den neunziger Jahren als »Armut durch Wohlstand« diskutiert werden; Phänomene, die sich mithin nicht nur in den Prozessen so genannter Gentrifizierung widerspiegeln, sondern auch in der Implosion der Städte, dem Zusammenbrechen urbaner Strukturen im Zentrum – was hier seit einiger Zeit unter dem Stichwort ›Shrinking Cities‹ von Stadtplanern beobachtet wird, steht nur scheinbar im Gegensatz zum Parallelbefund der Endless City, der immer weiter wachsenden Stadt. Paradox werden die Städte zugleich größer und kleiner, etwa auch derart, dass sie als solche immer weniger erkennbar werden. Kleinstädte sind zu touristisch attraktiven Vororten der Großstädte geworden, so wie Lübeck für Hamburg oder Sausalito für San Francisco, wenn sie nicht eh schon als großstädtische Kleinstädte stagnierten so wie Zürich oder Agra; indessen haben die brasilianischen Favelas Rio de Janeiro und São Paulo über die dazwischen liegenden Dörfer zur megalopolen Hyper- oder Superzone verbunden, dasselbe gilt etwa auch für das Rhein-Main-Gebiet und die Präfektur Tokio in Japan sowie Megalopolis Chipitts in den USA. Wenn heute über die Hälfte der Menschen in Städten lebt, dann gehört zu dem Umstand, dass dieses Leben und die Städte vom Kapitalismus allenthalben geprägt sind, nicht nur die Statistik, nach der sich die Weltbevölkerung seit neunzehnhundert weit mehr als verdreifacht hat, sondern auch die Tatsache, dass die meisten Städte oder die städtischen Ballungsgebiete erst im zwanzigsten Jahrhundert als solche entstanden sind. Das ist insofern hervorzuheben, weil »Stadt« eben nicht mehr der historische Ort ist, der von Dauer, Tradition und Festigkeit geprägt ist, sondern als dynamische, variable architektonisch-politische Ordnung sozialer Raumzeit charakterisiert werden muss, die in ihrer Materialität kaum noch durch ›Fleisch und Stein‹,  sondern vielmehr durch verdinglichte Praxis, also instrumentalisierte, irrationale oder fetischisierte bzw. fetischisierende Handlungsweisen bestimmt ist.  Auch in dieser Hinsicht sind

die Städte ebenso unwirtlich  wie unwirklich  geworden. »Was wir als ›Städte‹ bezeichnen, sind in der Tat zu apostrophierende Gebilde, denn es handelt sich um entmischte, aus der Wachstumsordnung ausgebrochene Siedlungshäufungen, für die wenige Kriterien der alten Stadtordnung gültig geblieben sind.«  Demnach sind die ungeheuren Transformationen, denen das menschliche Leben im globalen Kapitalismus ausgesetzt ist, mit dem Begriff der ›Stadt‹ nicht mehr adäquat zu fassen: Wenn es zwischen den Menschen in Dharavi (Bombay), Kiambui (Nairobi), Brooklyn (New York), Wimbledon (London), Ginza (Tokio) oder Neukölln (Berlin) etwas Gemeinsames gibt, das nicht ohnehin schon durch Klassenverhältnisse und soziale Lage konterkariert wird, dann ist es das Leben nach der Stadt. In seiner völligen Disparatheit ist dieses Leben posturban; und das heißt durchaus auch im Sinne der Postmoderne: ein Leben, dem nur noch kraft des Spektakels ein gemeinsamer Lifestyle abgerungen werden kann; ein Leben, das als subjektive Lebendigkeit positiv sowieso kaum zu fassen ist, sondern schlichtweg zynisch erscheinen muss gegenüber seinen objektiven Möglichkeiten. Schon mit der Gewalt der Industrialisierung überrollte der moderne Urbanismus im neunzehnten Jahrhundert die alte, gemütliche Stadt; was in Paris mit der so genannten Haussmannisierung passierte, wurde zum Modell der fordistischen Planstadt. Mit ihr wurde das Haus zur Ware und damit zum Verbrauchsgegenstand: die Wohnung als Wegwerfprodukt.  Die Prinzipien der Massenproduktion manifestieren sich im Funktionalismus standardisierter Trabantenstadtarchitektur. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts offenbart sich die fordistische Stadt – auch dort, wo unter der Regie des Modernismus gebaut wird, von Halle-Neustadt bis Brasilia – in ihrer unwirtlichen »Gestaltlosigkeit«, ja »Lieblosigkeit« (Mitscherlich). Mit dem Postfordismus beginnen die modernistischen Städte zu zerfallen,  mit dem neoliberalen Platzen der postmodernen Ideologieblase zerbröckeln allerdings auch die Fassaden des postmodernen und dekonstruktiven Bauens: Es zeigt sich die Stadt nach der Stadt, ein posturbanes Gebilde aus regulierten Sicherheitsarealen und wuchernden Brachen, architektonisch geprägt durch erstens einen romantisierenden Ahistorismus, mit dem das Vergangene als sanierter Altbau und

renovierter Traditions-Chic fortlebt, durch zweitens eine desintegrative Wohnbauarchitektur, in der die soziale Gegenwart als Ruine und Baustelle gleichermaßen erstarrt, durch drittens eine illusionistische Neomoderne, die unsachlich, inhuman und phantasielos der kapitalistischen Banalvision zukünftiger ökonomischer Prosperität einen architektonischen Ausdruck gibt (z. B. die HafenCity mit der Elbphilharmonie, Dubai mit den World Islands und anderen Projekten, oder Lingang New City in China). War das Gemeinsame der urbanen Lebensweisen dereinst das Wohnen, so ist heute fraglich, ob die , Milliarden Menschen, von denen gesagt wird, sie leben in Städten, dort auch tatsächlich wohnen. Große Teile der Menschheit leben im Müll unter Bedingungen des elenden Mangels. Und für diejenigen, die genügend besitzen, um es etwas besser zu haben, heißt Komfort erst einmal nur bequeme Sauberkeit und kalkulierte Behaglichkeit. In den mit nutzlosen Dingen vollgestellten Wohnungen lässt sich nicht wohnen, und die penibel aufgeräumten Zimmer erscheinen wie unbewohnte, wenn nicht unbewohnbare Räume. Drastisch zeigt sich, dass auch das Leben nach den Städten das falsche bleibt, es nach wie vor kein richtiges gibt. • Schöner Wohnen im falschen Leben »Am Meere. – Ich würde mir kein Haus bauen (und es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Hausbesitzer zu sein!). Müsste ich aber, so würde ich, gleich manchem Römer, es bis ins Meer hineinbauen – ich möchte schon mit diesem schönen Ungeheuer einige Heimlichkeiten gemeinsam haben.« Nietzsche, ›Die fröhliche Wissenschaft‹

Die Obdachlosen müssen das allerwenigste Bisschen, das ihnen geblieben ist, beständig mit sich herumschleppen, dürfen es nicht aus den Augen verlieren, damit ihnen nicht auch noch dieser Rest genommen wird. Zu einzelnen Dingen können sie eine fast absurde, fetischistische Beziehung entwickeln, hüten dann Gegenstände, die anderen bloß als Unrat erscheinen. Im Prinzip gehen wir Menschen im Zustand der von der kritischen Theorie registrierten »transzendentalen Obdachlosigkeit« (Lukács) eben auch nicht anders mit geistigen,

auch seelischen Zusammenhängen um. Zwar haben die meisten Menschen wenigstens physisch ein Dach übern Kopf, doch gilt psychisch Freuds Befund nicht nur sinnbildlich, dass das »Ich nicht Herr in seinem eigenen Haus« ist.  Auf das schwierige Verhältnis von »Großstadt und Geistesleben« hat schließlich Georg Simmel als erster aufmerksam gemacht: »Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht.«  Mit Begriffen wie »Blasiertheit« und »Reserviertheit« kennzeichnet Simmel eine Entfremdung des Geisteslebens, die längst den Geist selbst ergriffen hat. Dem »Überwuchern der objektiven Kultur« in den Großstädten ausgeliefert, sucht der Mensch nunmehr Zuflucht in der Wohnung; hier richten sich die geistig Obdachlosen mit den Derivaten der großen Philosophie ein: Vernunft und Verstand wird zur Gemütlichkeit, das ästhetische Urteil wird auf das schöne Wohnen angewendet, die geschmackvollen Möbel zum Ausdruck der Persönlichkeit. In der Angestelltenkultur kann man schon an den Wohnungen erkennen, ob sich jemand als Idealist oder Materialist versteht. Mit der Gemütlichkeit der Wohnung darf sich der Mensch gegen die ungemütlicher werdende Welt wehren, reduziert auf den Individualismus dessen, was er als seinen persönlichen Geschmack reklamieren möchte. Das Modell dafür sind die hübschen Einrichtungen in den niedlichen Wohnarrangements der Telenovelas; jedes drapierte Kissen und die kleinen Accessoires verraten, dass es eigentlich ganz bunt und fröhlich zugehen sollte in der ansonsten tristen und grauen Wirklichkeit. Die Wohnung wird als Spiegel der Gesellschaft inszeniert, das Private zum Politischen erklärt: die Stars laden zur Besichtigung ein, und entweder darf man sich über ihre Geschmacklosigkeit lustig machen, oder sich Anregungen für das vermeintlich eigene Zuhause holen. »Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen, solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen«, notiert Adorno dann doch noch zum Ende seines Aphorismus ›Asyl für Obdachlose‹. Vorerst bleibt die


Einrichtung menschlicher Verhältnisse eine menschliche Angelegenheit der individuell-atomisierten Verhältnisse. Zeigt sich am Wohnen zwar kritisch, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, so ist es immerhin doch ein Leben. Das Bedürfnis, dieses falsche Leben zu ändern, ist Bedingung fürs richtige; und damit kommt das Wohnen wieder ins Spiel, als nachgerade Möglichkeit revolutionärer Praxis. Mit dem Wohnen ist es deshalb so wie mit der Kunst: Man kann nicht mehr, aber man muss. Und wie in der Kunst gilt es auch hier, nicht der ästhetischen Ideologie anheim zu fallen, sondern das Wohnen zu politisieren. Das hieße aber schließlich nichts anderes, als die Wohnung vom Privatleben ebenso zu befreien wie sie dem öffentlichen Raum zu entreißen. Nachbarschaft muss praktiziert werden als Überwindung des Fremden und der Angst. Die Stadt der Zukunft, die keine Stadt mehr ist und keine Zukunft haben wird, geriert sich schon heute als Moloch. Das falsche Leben ist hässlich, und schöner Wohnen im falschen Leben kann nur der solidarisch-kollektive Versuch sein, die Stadt als Kommune in freier Assoziation und gemeinsam aufzubauen: Als Weltstadt eines Vereins freier Menschen. Das klingt pathetisch, aber: Wäre denn nicht wirklich die menschliche Leidenschaft fürs Wohnen auf diesem Planeten zurück zu gewinnen? Solange allerdings die Bedürfnisse nach Veränderung individualistisch isoliert bleiben und das »Schöner Wohnen« als narzisstische Idiosynkrasie propagiert wird, gibt es kein richtiges Leben im falschen. Die kritische Theorie insistiert darauf und vermag gleichwohl an den utopischen Vorschein des richtigen Lebens zu erinnern: »Dem Kinde, das aus den Ferien heimkommt, liegt die Wohnung neu, frisch, festlich da. Aber nichts hat darin sich geändert, seit es sie verließ. Nur dass die Pflicht vergessen ward, an die jedes Möbel, jedes Fenster, jede Lampe sonst mahnt, stellt ihren sabbatischen Frieden wieder her, und für Minuten ist man im Einmaleins von Zimmern, Kammern und Korridor zu Hause, wie es ein ganzes Leben lang nur die Lüge behauptet. Nicht anders wird einmal die Welt, unverändert fast, im stetigen Licht ihres Feiertags erscheinen, wenn sie nicht mehr unterm Gesetz der Arbeit steht, und dem Heimkehrenden die Pflicht leicht ist wie das Spiel in den Ferien war.«  •

Theodor W. Adorno, ›Minima Moralia‹, GS Bd. 4, Frankfurt am Main 1997, S. 43. Mehrfach nimmt Adorno auf sein Epigramm Bezug; vgl.: ›Meinung Wahn Gesellschaft‹, GS Bd. 10·2, S. 592; ›Nach Steuermanns Tod‹, in: GS Bd. 17, S. 317; ›Probleme der Moralphilosophie‹, Nachgelassene Schriften Abt. IV, Bd. 10, Frankfurt am Main 1996, S. 9 und S. 258.

Adorno, ›Minima Moralia‹, GS Bd. 4, S. 42. 

Adorno, ›Minima Moralia‹, GS Bd. 4, S. 42. 

 Vgl. Georg Lukács, ›Theorie der Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik‹, Neuwied und Berlin 1971, S. 32: »Die Form des Romans ist, wie keine andere, ein Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit«  Siegfried Kracauer, ›Die Angestellten‹, in: Werke Bd. 1, Frankfurt am Main 2006, S. 288.  Kracauer, ›Die Angestellten‹, a. a. O., S. 288.

Kracauer, ›Die Angestellten‹, a. a. O., S. 289. 

 Vgl. Kracauer, ›Die Angestellten‹, a. a. O., S. 297. Der 1909 eröffnete und 1933 geschlossene Lunapark in Berlin-Halensee war dereinst der größte Vergnügungspark in Europa. »Im Lunapark …, wo Arbeiter und kleine Angestellte am Samstagabend dem Geschäftsbetrieb der Stadt für Stunden entkommen wollen, wurde als Kulisse für eine Achterbahn eine perfekte Großstadtszenerie aufgebaut, ein ›gemaltes New York‹ mit Wolkenkratzerfassaden, die bunt und schwindelerregend in den Nachthimmel ragen. Hier nun ›drängt sich die der Stadt entronnene Menge vor den Toren der Stadtillusion‹ (Kracauer, ›Berg- und Talbahn‹). Weshalb? Weil im gemalten New York für ein paar Minuten die realen Großstadtverhältnisse ins Gegenteil verkehrt sind. Oben ist unten, unten ist oben … Die kleinen Leute, die werktags am unteren Rand der Gesellschaft leben, fahren am Wochenende in höhere Gefilde … In der wirklichen Stadt sind die kleinen Leute die Verlierer, sind sie unten, und die Stadt lastet auf ihnen.« Helmut Stalder, ›Siegfried Kracauer: Das journalistische Werk in der ›Frankfurter Zeitung‹ 1921– 1933‹, Würzburg 2003, S. 264.  Kracauer, ›Die Angestellten‹, a. a. O., S. 295.

Walter Benjamin, ›Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts‹, in: GS Bd. V·1, S. 52.



 Adorno, ›Funktionalismus heute‹, in: GS Bd. 10·1, S. 393.  Adorno, ›Funktionalismus heute‹, in: GS Bd. 10·1, S. 384.

Adorno, ›Minima Moralia‹, GS Bd. 4, S. 55.



 Ökonomie nach griech. ›oikos‹ und ›nomos‹, also ›Haus‹ und ›Gesetz‹, im Sinne von Hausgemeinschaft oder Hauswirtschaft.  Vgl. Heide Berndt, ›Die Natur der Stadt‹, Frankfurt am Main 1978.

Die Unterscheidung zwischen den sozial-räumlichen Ordnungen von Haus und Straße hat der Anthropologe Roberto DaMatta anhand der brasilianischen Gesellschaft entwickelt. Vgl. DaMatta, ›A Casa e a Rua. Espaço, Cidadania, Mulher e Morte no Brasil‹, Rio de Janeiro 1987.  Vgl. Richard Sennett, ›Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation‹, Frankfurt am Main 1997. Sennett bleibt in seiner fulminanten Studie gewissermaßen in der Vogelperspektive hängen, weshalb er die städtische Entwicklung nur abstrakt-ideell zu skizzieren vermag. 

»Stadt« besteht also nicht aus dezidiert postulierten urbanen Lebensstilen im Sinne scheinbar bewusster Selbstverortungen von Menschen, die in der Lage sind oder sich in der Lage glauben, ihre Interessen als explizit städtische Interessen zu artikulieren, sondern »Stadt« besteht aus disparaten individualisierten Handlungen (die in dieser Form im traditionellen Dorfleben schwerlich zu finden sind), zum Beispiel aus: Kaffeekochen, Einkaufen, Lohnarbeiten, Behördengängen, U-Bahn-Fahren, Autofahren, Spielen, Musikhören, Fernsehen, Lesen, Telefonieren, Warten etc.  So der Titel von Alexander Mitscherlichs berühmter Studie: ›Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden‹, Frankfurt am Main 1965.  Vgl. dazu das von Klaus R. Scherpe hg. Buch ›Die Unwirklichkeit der Städte. Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne‹, Reinbek bei Hamburg; zum Titel, S. 7 ff. 

Mitscherlich, ›Thesen zur Zukunft der Stadt‹, Frankfurt am Main 1972, S. 48 (Fußnote).



 Der Konzern Ikea hat genau dieses Prinzip für die Einrichtung in den 1970ern durchgesetzt: Möbel zum Wechseln und Wegwerfen. In der Architektur funktioniert das Fertighaus nach demselben Prinzip. Vorläufer gibt es hier schon im neunzehnten Jahrhundert (Fertighäuser als Kriegslazarette oder für Siedler in den USA); seinen Durchbruch erlebt das Fertighaus schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere beim Wiederaufbau britischer Städte.

Charles Jencks nennt als Beispiel für den Beginn der postmodernen Architektur die Sprengung der (angeblich) von den Bewohnern bis zur Unbewohnbarkeit zerstörten Siedlung Pruitt-Igoe (St. Louis, Missouri) im April 1972.



Sigmund Freud, ›Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse‹, in: GW Bd. XII, Frankfurt am Main 1999, S. 11.



 Georg Simmel, ›Die Grossstädte und das Geistesleben‹, in: Th. Petermann (Hg.), ›Die Grossstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung‹, Dresden 1903, S. 185.  Adorno, ›Minima Moralia‹, GS Bd. 4, S. 43.  Adorno, ›Minima Moralia‹, GS Bd. 4, S. 126 f. Vgl. dazu auch das Ende von Ernst Blochs Hauptwerk ›Das Prinzip Hoffnung‹, Bd. 3, Frankfurt am Main 1973, S. 1628: »Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.«


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Die Stadt ist tot! â&#x20AC;&#x201C; Es lebe die Maschinenstadt Tallinn!


» VORSCHLÄGE, UM MICH DIESER STADT WIEDER ZU GEWINNEN: ÄNDERUNG DES DIALEKTS UND VERBOT DER FORTPFLANZUNG. « Karl Kraus, ›Pro Domo et Mundo‹ (1912)


Florida