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4. Die Theosophische CentralBuchhandlung Hans Fändrich, von Beruf Gerichtsschreibergehilfe 171, kam um das Jahr 1899 nach Leipzig. Was er in den folgenden Jahren gemacht hat, ist bis heute nicht geklärt, aber er muss sehr schnell Zugang zu der Theosophischen Gesellschaft in Leipzig gefunden haben. Nach eigenem Bekunden arbeitete er von 1901–1902 als Volontär in der Theosophischen Central-Buchhandlung 172. Es war die erste und zu der Zeit einzige Buchhandlung in Leipzig, die ihren Schwerpunkt auf die Theosophie und deren verwandte Gebiete gelegt hatte. Die Gründung der Central-Buchhandlung 173 mit angeschlossenem Verlag am 13.1.1899 geschah vor allem aus zwei Motiven: Zum einen diente sie der dringend erforderlichen Propaganda für die Theosophie, zum anderen wollte man verhindern, dass die theosophischen Werke von Unberufenen gedruckt und verkauft wurden. Das Thema der dringend notwendigen Werbung war wohl allen Beteiligten bewusst. Allein die Vortragsreisen der bekannten Theosophen wie Franz Hartmann oder in Leipzig Edwin Böhme erhöhten den Bekanntheitsgrad der Theosophie nicht im gewünschten Maße. Wie schwierig das Unterfangen der Verbreitung der Theosophie in Deutschland war, beschreibt der Theosoph Paul Stoß noch im Jahre 1907: „Obgleich es in Deutschland mindestens 60 Ortsgruppen derselben [Theosophischen Gesellschaft] und außerdem eine noch größere Anzahl theosophischer Lesezirkel gibt, obgleich zahlreiche öffentliche, theosophische Bibliotheken zur kostenfreien Benutzung bereit stehen und obgleich die theosophischen Ideen schon alle Gebiete der Kunst durchsetzt und sogar auf die Forschungen der exakten Wissenschaften befruchtend eingewirkt haben, weiß die überwiegende Mehrheit der heutigen Menschen weder etwas von der „Theosophischen Gesellschaft“ noch etwas von der „Theosophie“.“ 174

 171  D  ie Angabe ist einem Brief von Hugo Vollrath vom 16.VI.(19)07 entnommen. Siehe dazu das „Copir-Buch“ von Vollrath aus den Jahren 1907–1911, Bl. 75. GStA PK, I. HA Rep. 238 TG, Karton 49.  172  F ändrich war jedoch kein Volontär im klassischen Sinne, sondern bereits seit November 1901 zusammen mit Weber neuer Eigentümer der Buchhandlung. Siehe dazu den „Auskunftsbogen für Sortimentsbetriebe“ vom 5. Mai 1947. StA-Leipzig, Börsenverein Leipzig Nr. 2567.  173  E s gab zwei Schreibweisen, die beide gebräuchlich waren: Centralbuchhandlung und Central-Buchhandlung.  174 

Stoß – Die Theosophischen Gesellschaften (1907), S. 10 f.

Das zeigt das Dilemma, in dem die frühen deutschen Theosophen steckten. Die ohnehin an der Thematik Interessierten fanden ihren Weg zu den Veranstaltungen oder Treffen. Jedoch die große Masse der Bevölkerung blieb außen vor. Sie waren durch reine Vortragsreisen nicht zu erreichen. Das angesprochene weitere Motiv zur Gründung der Buchhandlung, das sich auf den Punkt der Kontrolle bezieht, fasste Hermann Rudolph anlässlich einer Befragung durch die Gestapo im Jahre 1936 wie folgt zusammen: „Als ich vor 40 Jahren, vor Gründung der T[heosophische] G[esellschaft] Leipzig, mein erstes theosophisches Buch bei einem Leipziger Verlage kaufte, wurde mir ein Buch über das indische Hatha-Yogasystem (Atempraxis) angeboten, in welchem Praktiken zur Erlangung unsittlicher Zwecke gelehrt wurden. […] Daraus erkannte ich, dass das theosophische Schrifttum nicht von Verlegern herausgegeben werden dürfe, die nur geschäftliche Interessen verfolgen, damit den Mitgliedern der T.G. keine Schriften angeboten würden, die gegen Religion und Sittlichkeit verstossen und eine Anleitung zur Entwicklung magischer Kräfte geben. Aus diesem Grunde gründeten einige Mitglieder eine theosophische Buchhandlung. […] Doch vertrat ich [Hermann Rudolph] damals den Grundsatz, die T.G. dürfe nicht mit geschäftlichen Angelegenheiten in Verbindung gebracht werden, um die Gefahr zu verhüten, dass die T.G. in ein geschäftliches Unternehmen ausarte und ihren theosophischen Geist und Charakter verliere. Darum wurde die Theosophische Buchhandlung als ein selbständiges Unternehmen gegründet.“ 175 Sie firmierte zuerst als „Theosophische Buchhandlung (des Vereins für theosophische Mission)“ und hatte ihren Sitz in Leipzig in der Inselstraße 25. Aufgrund des Straßennamens nannten sich die dortigen Theosophen selbst einfach nur „Insulaner“ 176. Für die Buchhandlung zeichnete anfänglich Anton Hartmann verantwortlich. In einer Darstellung vom Oktober 1898 heißt es über die Buchhandlung wörtlich: „Sie ist ein gemeinnütziges Unternehmen. Jeder finanzielle Nutzen wird zur Bildung eines Fonds verwendet, der zur Förderung der theosophischen Verbrüderung der

 175  D  as Protokoll der Befragung findet sich im StA-Leipzig, Akte 3047, Bl. 116.  176  H  inweis von Hugo Vollrath in einem Brief an Dr. Haferland vom 3. Juli 1907. Siehe dazu das „Copir-Buch“ von Vollrath aus den Jahren 1907–1911, Bl. 17. GStA PK, I. HA Rep. 238 TG, Karton 49.

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Menschheit durch Abhalten öffentlicher Vorträge und Verbreitung theosophischer Schriften dienen soll.“ 177 Ab Januar 1899 wurde eine Namensänderung vollzogen. Aus der „Theosophischen Buchhandlung“ wurde die „Theosophische Central-Buchhandlung“ 178, deren neuer Eigentümer Edwin Böhme wurde, wobei Eigentümer der falsche Begriff ist. Böhme war zwar der offiziell eingetragene Eigentümer, aber

Bild 11 Bestellkarte der Theosophischen Central-Buchhandlung

die Buchhandlung sollte in erster Linie der Theosophischen Gesellschaft nützen. Streng genommen hatte er die Funktion eines Strohmanns für die Gesellschaft. Im Theosophischen Wegweiser wurde dies mit folgenden Worten erklärt: „Als ein Organ der theosophischen Bewegung ist auch die „Theosophische Central-Buchhandlung“ zu betrachten, deren uneigennützige Geschäftsführung Herr Edwin Böhme übernommen hat. Alle durch Verkauf von Litteratur [sic!] erzielten Einkünfte werden zur Förderung der theosophischen Bewegung verwendet.“ 179 Sitz des Unternehmens war nach wie vor die Inselstraße 25. Hans Fändrich schilderte die Zusammenhänge, die zur Gründung der Theosophischen Buchhandlung führten, einmal ausführlicher: „In den Jahren 1897/98 traten mehrere Personen zusammen, um in Leipzig eine Theosophische Gesellschaft zu  177  W  eber (Hrsg.) – Theosophischer Wegweiser. Monatsschrift, 1. Jg. 1898/1899, Heft 1, S. 9.  178  D  ie Bezeichnung „Theosophische Central-Buchhandlung“ taucht das erste Mal auf dem Titelblatt der Zeitschrift „Theosophischer Wegweiser“ auf. Siehe dazu: Weber (Hrsg.) – Theosophischer Wegweiser. Monatsschrift, 1. Jg. 1898/1899, Heft 4, S. 29.  179  W  eber (Hrsg.) – Theosophischer Wegweiser. Monatsschrift, 1. Jg. 1898/1899, Heft 6, S. 54.

bilden zwecks Ausbreitung der theosophischen Lehren in Deutschland. Neben der offiziellen öffentlichen Theosophischen Gesellschaft bildete sich noch eine private Vereinigung, die sich „Verein für theosophische Mission“ nannte. Einige Mitglieder dieses Vereins, die Herren Böhme, Weber und Rudolph, gründeten auch eine Buchhandlung zur Verbreitung theosophischer Literatur, die als Theosophische Zentralbuchhandlung [ 180] in das Handelsregister eingetragen wurde. Herr Böhme wurde Inhaber und Herr Weber führte die Geschäfte. Diese Buchhandlung sollte das persönliche Eigentum von keinem dieser Herren sein, sondern den Zwecken des Vereins für theosophische Mission dienen. Dies war die Sachlage im Herbst 1901, als ich [Hans Fändrich] dazu kam. Inzwischen waren die Herren vom „Verein für theosophische Mission“ zu der Ansicht gekommen, daß es für ihre Zwecke besser sei, wenn sie sich vom geschäftlichen Teil zurückzögen und die Buchhandlung in Privathand überginge. Um dies zu regeln, wurde eine Sitzung des Vereins einberufen, in der beschlossen wurde, die Theosophische Zentralbuchhandlung Herrn Weber und mir als persönliches Eigentum zu überlassen, damit wir zwei sie auf eigene gemeinsame Rechnung privatim weiter führen sollten. Bezahlt wurde von uns zweien nichts dafür, da wir als Kaufpreis die vorhandenen Schulden zur Tilgung übernehmen mußten. Mit Herrn Weber schloß ich dann einen Gesellschaftsvertrag, nach welchem ich handelsgerichtlich eingetragener Inhaber und Herr Weber stiller Gesellschafter wurde.“ 181 Fändrichs Angaben stimmen mit dem Eintrag im Adressbuch des Deutschen Buchhandels von 1902 überein. Dort wird Fändrich mit Datum vom 1. November 1901 als neuer Inhaber der Theosophischen Central-Buchhandlung aufgeführt 182. Aus der „Theosophischen Central-Buchhandlung“ wurde nun die „Theosophische Central-Buchhandlung Hans Fändrich“ mit Sitz, wie schon zuvor, in der Inselstraße 25 in Leipzig. Fändrich gab seinen Namen aber nicht nur für die Theosophische Central-Buchhandlung her, sondern gründete ebenfalls am 1. November 1901 den „Buddhistischen Missionsverlag Hans Fändrich“, gleichfalls mit Sitz in der Inselstraße 25  180  In diesem Punkt ist Hans Fändrich absichtlich nicht ganz genau. Die theosophische Buchhandlung wurde in Wirklichkeit zu der Zeit „Theosophische Central-Buchhandlung“ geschrieben. Zur „Theosophischen Zentralbuchhandlung“ wurde sie erst 1908 nach dem Konkurs und den Streitigkeiten mit Hugo Vollrath.  181  F ändrich – Ein Wort zur Aufklärung: über Dr. Vollrath und „seine Mission“ (1908), S. 4.  182  Adressbuch des Deutschen Buchhandels (1902), I. Abt., S. 100.

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Bild 12 Ausschnitt aus einem Werbeblatt für die Theosophische Central-Buchhandlung unter Hans Fändrich

in Leipzig 183. Mit dem gewählten Verlagsnamen „Buddhistischer Missionsverlag“ waren die Beteiligten wohl nicht ganz einverstanden. Vermutlich stand die im Namen implizierte „Mission“ für deutsche Anhänger zu sehr im Vordergrund. So wurde der Name 1904 sang- und klanglos in „Buddhistischer Verlag (Hans Fändrich)“ umgewandelt. Damit aber noch nicht genug, am 1. April 1904 gründete Hans Fändrich auch noch den „Verlag für Lebensreform (Hans Fändrich)“ in Schönefeld bei Leipzig. Hier ist er zwar dem Namen nach, aber dennoch nicht selbst in Erscheinung getreten. Dieser Verlag hatte seinen Sitz in Goslar, dem Wohnort von Hans Fändrichs Bruder Alfred. Kurioserweise hieß Alfred Fändrich mit Zweitnamen ebenfalls Hans und so hätte der Verlag eben einfach auch unter „Hans Fändrich“ firmieren können 184. Am Rande sei noch bemerkt, dass Hans Fändrich auch der Vorsitzende der Theosophischen Gesellschaft in Goslar war 185. In der Inselstraße 25 in Leipzig mietete Fändrich von 1902 bis 1904 die gesamte dritte Etage des Hauses und betrieb von dort aus seine Buchhandlung und die Verlage. Er vermietete nebenbei Zimmer an seine Mitarbeiter, an Untermieter aus dem theosophischen Umfeld sowie ein größeres Zimmer als Vortragssaal an die Theosophische Gesellschaft Leipzig. Seine Wohnung wurde damit zum zentralen Treffpunkt der Anhänger und Freunde der Theosophischen Gesellschaft. Ein bekannter Untermieter jener Zeit, mit dem sich Hans Fändrich später noch erbitterte Streitigkeiten liefern sollte, war Hugo Vollrath. Hugo Vollrath war der einzige Sohn des Kaufmanns Friedrich Bernhardt Vollrath 186 und dessen Frau Albine Vollrath (geb.  183  Adressbuch des Deutschen Buchhandels (1904), I. Abt., S. 62.  184  Adressbuch des Deutschen Buchhandels (1908), I. Abt., S. 520.  185  D  ie Theosophische Gesellschaft in Goslar trat am 29. November 1905 der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland (I.T.V. Sitz Leipzig) bei. Vgl. Theosophische Rundschau, 5. Jg. 1905, Heft 1/2, S. 10.  186  S tA-Leipzig, Polizeipräsidium Leipzig Nr. 4849, Bl. 37. Dort ist auch der Hinweis zu finden, dass Vollraths Vater „als ein reicher Mann gegolten hat.“

Winkler). Er wurde am 11. April 1877 in Loitzsch, Kreis Zeitz geboren. Vollrath besuchte die dortige Grundschule. Ab dem 10. Lebensjahr absolvierte er in Altenburg das Realgymnasium. Ostern 1895 verließ er dasselbe mit der Berechtigung für die Obersecunda. Danach lernte er drei Jahre im väterlichen Geschäft. Vater Vollrath betrieb einen Kolonialwarenhandel mit Schwerpunkt auf Landesprodukte. Nach seiner Ausbildung war er kurz als Volontär bei der Firma N. Gottschalk in Bernburg (Anhalt) tätig. Von September 1899 bis Oktober 1900 kam Vollrath seiner Militärpflicht nach und diente beim 8. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiment „Prinz Johann Georg“ No. 107 Kompanie 9. Dort nahm er an einer Offiziersausbildung teil, wodurch er ein Befähigungszeugnis zum Unteroffizier erhielt. Aus dem Militärdienst entlassen wurde er jedoch als Gefreiter der Reserve. Nach seiner Dienstzeit setzte er seine Privatstudien fort und immatrikulierte sich Ostern 1901 für Nationalökonomie an der Universität Leipzig. Er war Mitglied bei den Leipziger Finken, einer nichtkorporierten Studentengruppe 187. Nach eigenem Bekunden lernte Vollrath 1898 in Italien Franz Hartmann, einen der produktivsten Autoren seiner Zeit auf den Gebieten Theosophie, Magie und Okkultismus, kennen 188. Vollrath trat am 2.4.1899 189 als Mitglied der Theosophischen Gesellschaft in Leipzig bei. Kurz darauf, im selben Jahr, lernte Vollrath auch den Theosophen Edwin Böhme (13.5.1877–7.6.1906) kennen, mit dem er brieflich und persönlich verkehrte. Anhand des Kontaktes mit

 187  N  ichtkorporierte werden Finken genannt. Die Finkenschaftsbewegung hat das Ziel, das gemeinschaftliche Studentenleben in weniger strengen und traditionellen Formen zu pflegen. Vollrath besuchte auch später immer wieder die Treffen der ehemaligen Leipziger Finken. Diesen Hinweis gibt er in einem Brief an eine unbekannte Adressatin am 28.Juni 1912. GStA PK, I. HA Rep. 238 TG, Karton 1. – In den Archivunterlagen findet sich auch ein Brief aus dem Jahre 1914 des Verbandes ehemaliger Leipziger Freistudenten e.V. Bemerkenswert daran ist, dass es sich um einen MahnschreibenVordruck handelt, welcher offensichtlich von Hugo Vollrath im Auftrage des Vorstandes verschickt werden sollte. Daran zeigt sich, dass Vollrath sich verstärkt bei den Freistudenten engagierte. GStA PK, I. HA Rep. 238 TG, Karton 59.  188  V  gl. Böhme – Das Gedankenleben und seine Beherrschung (o. J.), S. 5. Hugo Vollrath zitiert in dem Vorwort einige Briefe von Edwin Böhme, die er damit für seine eigenen Propagandazwecke einsetzt.  189  D  ieses Datum ist auf einer Mitgliedskarte der „International theosophischen Verbrüderung in Deutschland, Ortsgesellschaft Leipzig“ aus dem Jahre 1903 vermerkt. Vollrath hat die Mitgliedsnummer 96. GStA PK, I. HA Rep. 238 TG, Karton 169.

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Edwin Böhme lässt sich bereits früh eine Eigenart von Hugo Vollrath feststellen. Vollrath archivierte die an ihn gerichteten Briefe, genauso, wie er viele Durchschläge seiner eigenen Post aufbewahrte. Zu gegebener Zeit, wenn es ihm opportun schien, veröffentlichte er in seinen Publikationen die an ihn gerichteten Zuschriften, um sie gegen die Absender selbst zu verwenden. Er benutzte die Schriftstücke aber auch, um sie als Zeugen gegen andere, ihm unliebsame Zeitgenossen, ins Spiel zu bringen. Einen Teil von Edwin Böhmes Briefen zum Beispiel verwendete Vollrath in seinem späteren Kampf gegen Hermann Rudolph, den Kopf der I.T.V. Vollrath beherrschte dabei gekonnt das Weglassen oder Verdrehen von Tatsachen, um damit den Schriftstücken eine bewusst andere Aussagerichtung zu geben. Wir werden dieses Treiben Vollraths später noch öfters bemerken und in Bezug auf Tränker noch ausführlicher darauf eingehen. Wie solch ein Treiben nicht nur einen negativen Beigeschmack erzeugen konnte, sondern auch oft auf den Verursacher zurückfiel, wusste Vollrath aus eigener Anschauung. Er selbst hatte sich einmal bei Dr. Haferland beschwert, dass Arthur Weber immer wieder unbefugt aus Briefen zitiert hätte, die nur an ihn gerichtet waren. „Weber hatte mir u. den anderen Insulanern [ 190] Ihre Beichte erzählt, die Sie ihm damals wohl in einer Nacht bis zum Morgen gehalten haben u. zwar tat er es in seiner gewöhnlichen humoristischen Art, die mich innerlich etwas unangenehm berührte, doch nicht zu einer Opposition veranlasste, da ich damals an Arthur alles schön fand. Als er dann auch später fortfuhr intime Briefe z. B. Anfragen von Frauen, die um Rat fragten wegen ganz interner Familienverhältnisse, in der Küche in Gegenwart v. Fändrich, Brieskorn und den Dienstmädchen vorzulesen u. sich darüber lustig machte, habe ich ihn allerdings öfters über das Unstatthafte dieser Manier aufmerksam gemacht u. mich diesen Vergnügen Arthurs ferngehalten. Später hat Böhme wohl diesem Treiben ein Ende gemacht.“ 191

Im Jahre 1902/03 brach Vollrath sein 1901 begonnenes Studium der Kameralistik in Leipzig 192 wieder ab, um Franz Hartmann auf dessen Vortragsreisen durch Deutschland und Österreich zu begleiten. 193 Zu dieser Zeit hatte Vollrath auch die Stelle eines Sekretärs innerhalb der Theosophischen Gesellschaft in Leipzig inne 194. Obwohl Vollrath sein Studium nicht beendet hatte, fügte er seinem Namen unberechtigterweise die akademische Bezeichnung „Dr. rer. phil. pol.“ hinzu. Vollrath verbrachte viel Zeit damit, mithilfe von Intrigen und Verleumdungen seine Ziele erreichen zu wollen. Dies muss man jedenfalls annehmen, wenn man die zahlreichen Briefe betrachtet, die Vollrath an Unbeteiligte verschickte, in denen er seine Gegner hemmungslos diffamierte 195. Die meisten Adressaten wussten mit solchen Schreiben gar nichts anzufangen, denn die wenigsten waren an der „schmutzigen Wäsche“ interessiert, die Vollrath ihnen präsentierte. Die daraus resultierenden juristischen Streitigkeiten müssen ihn sehr viel Zeit gekostet haben. Eine erste Ermahnung, dass er so nicht weitermachen dürfe, wurde in der Theosophischen Rundschau im September 1905 abgedruckt. Die Warnung, die ohne Namensnennung erfolgte, war auf Vollrath gemünzt; denn in den Vereins-Mitteilungen der Theosophischen Gesellschaft in Leipzig wurde bis dahin immer wieder gerne darauf hingewiesen, dass es innerhalb der Gesellschaft zu keinerlei Streitigkeiten gekommen sei 196. Das änderte sich jedoch in dem Moment, als Hugo Vollrath seinen Versuch startete, die Theosophische Central-Buchhandlung von Arthur Weber in seine Hände zu bekommen. Er war neben Weber zum stillen Teilhaber der Theosophischen CentralBuchhandlung geworden und strebte danach, seinen Einfluss immer weiter zu vergrößern 197. Vollraths offensichtliches Ziel war es dabei, die Buchhandlung vollständig in seine Hand zu bekommen. Er ging dabei nicht gerade zimperlich zur Sache und manipulierte geschickt Zeitgenossen, betrieb Intrigen und streute in theosophischen Kreisen Gerüchte über Hans Fändrich und Arthur Weber. Bereits im Herbst des Jahres  192  V  ollrath war von 29.4.1901 bis zum 19.10.1904 an der Universität eingeschrieben. Vgl. Klatt – Der Nachlaß (1996), S. 283.  193  V  ollrath (Hrsg.) – Astrologisches Jahrbuch und astrologischer Kalender 1925 (1924), S. 111.  194  T  heosophische Rundschau. Beilage zum „Theosophischen Wegweiser“, 1. Jg. 1903, Heft 8 und 9, S. 66.

 190  D  ie Bezeichnung „Insulaner“ bezieht sich auf die Adresse in der „Inselstraße“ in Leipzig.  191  B  rief von Hugo Vollrath an Dr. Haferland vom 3. Juli 1907. Siehe dazu das „CopirBuch“ von Vollrath aus den Jahren 1907–1911, Bl. 17 f. GStA PK, I. HA Rep. 238 TG, Karton 49.

 195  H  ier sei nur auf das „Copir-Buch“ von Vollrath aus den Jahren 1907–1911 verwiesen, in dem sich zu Beginn zahlreiche Kopien von Briefen befinden, in denen Vollrath seinen ganzen Unmut über Weber, Rudolph und Böhme den unterschiedlichsten Adressaten kundtat. GStA PK, I. HA Rep. 238 TG, Karton 49.  196  V  gl. Theosophische Rundschau. Beilage zum „Theosophischen Wegweiser“, 4. Jg. 1905, Heft 6, S. 38 „Streitigkeiten sind auch in diesem Jahre, wie bisher, nicht vorgekommen […]“  197  StA-Leipzig, Amtsgericht Nr. 578, Bl. 25.

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11. Tränker und der Ordo Templis Orientis (O.T.O.)

in der Oriflamme zeigen, dass er es mit der Wahrheit nicht immer unbedingt ganz genau nahm, wie ich in meinen weiteren Ausführungen noch zeigen werde.

Obwohl Tränker sich stets in der Tradition der Rosenkreuzer stehend empfand, gab es noch eine weitere Gruppierung, die in seinem Leben eine besondere Rolle spielen sollte. Die Rede ist vom Ordo-Templi-Orientis (Orientalischer TemplerOrden) oder kurz O.T.O. 583 genannt. Die Geschichte des O.T.O. ist bereits mehrfach Gegenstand von Publikationen gewesen 584, auch oder vor allem wegen seines wohl bekanntesten Mitglieds – Aleister Crowley. Ich möchte daher keine ausführliche historische Darstellung bringen, sondern mich vielmehr dem O.T.O. in Bezug auf Heinrich Tränker widmen. Mit der Gründung des O.T.O. werden von Tränker vornehmlich drei Namen in Verbindung gebracht. Neben dem späteren Hauptprotagonisten, Theodor Reuss, sind hier vor allem Carl Kellner (1850–1905) 585 und der uns bereits hinlänglich bekannte Franz Hartmann zu nennen. Heinrich Tränker bezog sich in seinen Ausführungen über den Orden immer wieder auf diesen Personenkreis. Es scheint jedoch so, als ob Tränker, obwohl er später X° für Deutschland war, selbst nur Bruchstücke der Entstehungsgeschichte des O.T.O. kannte. Seine Informationsquelle war in erster Linie die Zeitschrift Oriflamme, auf die er schon früh von Otto Gebhardi hingewiesen worden war. Eine weitere Quelle waren Franz Hartmann und dessen Berichte, das belegen Aussagen von Tränker in seinen Briefen. Inwieweit er später zusätzliche „Informationen“ von Theodor Reuss erhalten hat, kann nur vermutet werden. Die Problematik in Bezug auf Reuss war sicherlich dessen „kreatives“ Gedächtnis. Seine Darstellungen  583  K  aczynski gibt noch eine weitere Variante an. Demnach soll die Bedeutung von O.T.O. „Order of To On“ sein und Bezug nehmen auf die Kundalini Feuer-Schlange, die bei einigen tantrischen Sexualpraktiken erweckt werden soll. Vgl. Kaczynski – Perdurabo (2002), S. 203.  584  E in frühes Werk, das jedoch Fehler enthält und daher nur mit Vorsicht zu genießen ist, stammt von Eberhardt – Von den Winkellogen Deutschlands (1914). Über den Hauptprotagonisten Theodor Reuss gibt es ein bis heute wichtiges Werk: Möller/ Howe – Merlin Peregrinus (1986). Weitere Werke, die sich mehr der Geschichte des Ordens zuwenden, sind: Frick – Die Erleuchteten, Bd. II/2: Licht und Finsternis (1978), S. 461–528; King (Hrsg.) – The Secret Rituals of the O.T.O. (1973). Die Werke von Peter-R. König bieten den ausführlichsten Einblick in die Entstehung und weitere Entwicklung des O.T.O. Wie z. B.: König – Der kleine Theodor-Reuss-Reader (1993); König – Der große Theodor-Reuss-Reader (1997); König – Das O.T.O.-Phänomen (1994); König – Materialien zum O.T.O. (2000); König – Der O.T.O.-Reader (1994); König – Ein Leben für die Rose (1995); König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000); König – Der O.T.O. Phänomen REMIX (2001); König (Hrsg.) – Der O.T.O. Phänomen RELOAD (2011), 3 Bände; Kaczynski – Forgotten Templars (2012).  585  Über Carl Kellner gibt es biografische Angaben in Möller/Howe (1986), ebenso in einem Artikel in der „Neuen Deutschen Biographie“ (Bd. XI (1977), S. 476 f.). Siehe auch: Eine Reise nach Wien. Bei den Quellen des O.T.O. Interview mit Josef Dvorak von Wolfgang Weirauch. In: Flensburger Hefte IV/98 (1998), S. 183–208. In dem Werk von König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000) finden sich einige aufschlussreiche Faksimiles von und über Kellner.

Bild 46 Porträt von Carl Kellner aus der Jubiläumsausgabe der Oriflamme aus dem Jahre 1912

Um uns Tränkers Vorstellung über den O.T.O. zu nähern, ist es sinnvoll, die neben Reuss von ihm als angebliche Gründer des Ordens ins Spiel gebrachten Protagonisten näher zu betrachten. Zuerst möchte ich mich Carl Kellner zuwenden. Dieser wurde von Reuss nach außen hin als „geistiger Vater des Ordens“ bezeichnet. Kellner wird außer von Tränker auch in anderen Publikationen zumeist als Gründervater des O.T.O. angesehen. Diese Auffassung hat sich in der Literatur wie auch im Internet festgesetzt 586. Bei genauer Betrachtung muss man allerdings feststellen, dass hier zwei Dinge schleichend miteinander verwoben wurden. Zum einen existierte ein von Reuss geführter deutscher Hochgradfreimaurerorden, dessen Zugehörigkeit sich bei seinen Mitgliedern in Graden wie 33°, 90°, 96° ausdrückte, zum anderen der von Reuss ins Leben gerufene O.T.O., dessen Gradeinteilung in Form von I°–X° dokumentiert wurde. Wenn Tränker also später einzelne Briefe als 33°, 90°, 96°, X° unterzeichnete, so heißt dies nichts  586  Z  . B. bei: Symonds – Aleister Crowley (1996), S. 192; Tegtmeier – Aleister Crowley (1989), S. 42; King – The Secret Rituals of the O.T.O. (1973), S. 22 ff.; Kaczynski – Perdurabo (2002), S. 202. Das Internet bezieht sich in diesem Falle auf gedruckte Quellen, die unkritisch übernommen werden.

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anderes, als dass er sich erstens als Hochgradfreimaurer nach Reuss’scher Lesart und zweitens als Inhaber des X°, als Landesmeister des O.T.O. verstand. Streng genommen ist hier von zwei Orden die Rede, dies fällt nur leider den meisten Autoren nicht auf. Was bedeutet dies nun für Dr. Carl Kellner? War er der „geistige Vater des neu organisierten Orientalischen TemplerOrdens“, wie Theodor Reuss ihn titulierte? Oder hat er möglicherweise gar nichts mit dem O.T.O. zu tun? Diese Überlegungen sind nicht neu. Der Freimaurer und ausgewiesene Kenner der Hochgradfreimaurerei Emil Adrianyi sprach sich bereits 1929 gegen eine Vereinnahmung Kellners für den O.T.O. aus 587. Der Ansicht folgten später die Autoren Möller/Howe und Peter-R. König. Sie meldeten ihrerseits Bedenken an, da sich für die Mitgliedschaft Kellners im O.T.O. „nicht der geringste Nachweis erbringen“ 588 ließe. Es scheint so, als ob Theodor Reuss bewusst dieses Verwirrspiel inszeniert hätte. Über seine Motive kann man nur spekulieren. Vermutlich wollte Reuss das hohe Ansehen von Kellner in der Öffentlichkeit nutzen, um seinem frisch gegründeten Ordo Templi Orientis mehr Achtung zu verschaffen. Was Kellner für ein Ansehen genoss, belegen exemplarisch die Aussagen von Karl Heise 589, der Kellner schlicht „den Weisen“ nannte 590 und Dr. Paul Köthner, der ihn den vielleicht interessantesten Alchemisten unserer Zeit nannte 591. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, sollte man ein paar Dinge über Carl Kellner wissen 592. Kellner stammte aus einfachen Verhältnissen 593. Seinen Neigungen folgend wurde er Elektrochemiker. Mit Erfindungsgeist und Kreativität gelang ihm der wirtschaftliche Aufstieg. Als er kaum 28 Jahre alt war, erfand er den sogenannten „Sulfit-Cellulose-Prozess“. Das war ein Verfahren, um auf chemischem Wege das zur Papiererzeugung nötige Material, die Pflanzenfaser, aus Holz und andere Pflanzenstoffe herzustellen. Seine Erfindung wur-

 587  H  aemeth (d. i. Emil Adrianyi) – Irreguläre und betrügerische Riten. In: Wiener Freimaurer-Zeitung, 11. Jg. 1929, Heft 11, S. 16 f.  588  König – Der O.T.O. Phänomen REMIX (2001), S. 62.  589  D  er in Zürich lebende Karl Heise war Okkultist, „Psycho-Graphologe“, Schriftleiter der „Grals-Mitteilungen“ und Autor verschiedener Aufsätze in okkulten Zeitschriften wie „Zentralblatt für Okkultismus“ oder „Metaphysische Rundschau“ sowie eine führende Gestalt in der Mazdaznan-Bewegung.  590  H  eise – Okkultes Logentum. In: Altmann (Hrsg.) – Zentralblatt für Okkultismus, XIV. Jg. (1921), Heft 10 (April), S. 443–449. Auch T. Reuss nennt ihn „den Weisen“, siehe dazu: Peregrinus – I.N.R.I. Ordo Templis Orientis (1918), S. 29.  591  K  öthner – Hallenser Antrittsvorlesung. In: Naturwissenschaftlicher Verein für Sachsen und Thüringen in Halle (Hrsg.) - Zeitschrift für Naturwissenschaften, Bd. 75 (1902), S. 21.  592  N  eue Erkenntnisse über Kellner liefert Kaczynski – Forgotten Templars (2012), S. 67–92.  593  Möller/Howe – Merlin Peregrinus (1986), S. 84.

de schnell zur Papierherstellung übernommen. Zahlreiche Patente tragen seinen Namen, die ihn zu einem sehr wohlhabenden und angesehenen Mann machten 594. Vermutlich lernte Carl Kellner Franz Hartmann über ihren gemeinsamen Freund Friedrich Eckstein (1861–1939) 595 kennen. Eckstein, Wagner-Verehrer, Bayreuth-Pilger und Vegetarier, war zur damaligen Zeit ebenso wie Kellner, eine wohlhabende und wohl beleumdete Persönlichkeit. Die Öffentlichkeit nahm ihn als Universalgelehrten 596, Mäzen und Industriellen wahr. Er hatte bei Anton Bruckner Musik studiert und galt als Kenner der okkulten Literatur und Symbolik. Er war u. a. mit zahlreichen Schriftstellern und Musikern wie Gustav Meyrink, Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel, Rainer Maria Rilke, Robert Musil oder Leo Trotzki befreundet. Mit Rudolf Steiner korrespondierte er jahrelang in vertraulicher Art über okkulte Themen. Durch Franz Hartmann wurde Eckstein in die Theosophie eingeführt und lernte 1887 in Ostende H. P. Blavatsky kennen, die ihn zum Präsidenten der Wiener Theosophischen Gesellschaft ernannte. Kellner selbst trat 1887 der „Theosophischen Gesellschaft“ bei. Franz Hartmann war, wie wir bereits aus früheren Kapiteln wissen, einer der führenden Theosophen in Deutschland. Zu Propagandazwecken reiste er viel umher, besuchte theosophische Ortsgruppen, hielt Vorträge oder war ein geschätzter und wichtiger Redner bei theosophischen Kongressen. Die zahlreichen Reisen hatten seinen Geldbeutel stark strapaziert, sodass Hartmann es vorzog, bei Freunden und Bekannten zu übernachten. Er quartierte sich gerne bei Friedrich Eckstein und Carl Kellner ein, wenn er in ihrer Nähe war. Während seines Aufenthaltes führte er zahlreiche Gespräche mit seinen Gastgebern und brachte ihnen seine Version der Theosophie näher. Dies geschah ebenso bei Carl Kellner und seiner Frau. Bei dieser Gelegenheit dürften sicherlich die Themen „Rosenkreuzer“, „Magie“, „östliche Philosophien“, „Yoga“ und „Okkultismus“ eine Rolle in den Gesprächen gespielt haben. Mit deren Inhalten und Geschichte hatte sich Franz Hartmann bereits ausführlich auseinandergesetzt. Nach Hartmanns Meinung strebte Dr. Kellner nach Erkenntnis, um einen tiefen Einblick in die Geheimnisse der Natur zu erlangen.

 594  E in Teilaspekt der geschäftlichen Entwicklung findet sich bei: Davis – The Kellner Partington Paper Pulp (1930), S. 13 ff.  595  V  on Friedrich Eckstein gibt es eine Autobiografie mit dem Titel: Alte, unnennbare Tage (1936). Ein Porträt von Eckstein sowie eine Schilderung seiner Begegnung mit Rudolf Steiner findet sich in: Lindenberg – Rudolf Steiner, Bd. 1 (1997), S. 172–181.  596  E ine wunderbare Anekdote über die sagenhaften, alles umfassenden Kenntnisse von Eckstein verfasste René Fülöp-Miller unter dem Titel „Der Narr im Frack“ in der Zeitschrift: Der Monat, 4. Jg. (1952), S. 401 f.

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„Er wollte auch das Reich der Alchemie in den Bereich seiner wissenschaftlichen Forschungen ziehen und gewisse Kräfte, welche man als „übernatürlich“ bezeichnet, weil sie nicht dem „Naturmenschen“, sondern dem im Geiste wiedergeborenen Menschen angehören, der wissenschaftlichen Forschung unterwerfen und sie in den Dienst der Wissenschaft stellen, und hieran scheiterte er, da er noch trotz seiner außerordentlich hohen Intelligenz nicht die hierzu nötige Reife besaß; denn um magisch zu wirken, muß man entweder ein Gott oder ein Teufel sein.“ 597 Hartmann beschrieb Kellner als Suchenden. Er sei bestrebt gewesen, in der äußeren Welt „Meister“ zu finden. Doch leider fiel er bei seinen Bestrebungen Betrügern in die Hände, die Kellner sogenannte „Yoga-Übungen“ lehrten, denen er sich bereitwillig unterwarf. Einer dieser „Lehrer“ war ein Araber mit dem Namen Soliman Ben Alisha, der sich bei öffentlichen Auftritten die Zunge durchstach, sich das Auge rausnahm oder Schlangen aß. Ein weiterer „Meister“ war der aus Lahore stammende Inder Bheema Sena Pratapa. Dieser verfügte u. a. über die Fähigkeit, sich durch Autohypnose in einen dem Scheintod ähnlichen Schlaf zu versetzen. Kellner war von Pratapa fasziniert und nahm ihn zum 3. Internationalen Kongress für Psychologie mit, der in München stattfand. Dort führte Pratapa einige Yoga-Übungen praktisch vor. Kellner fasste seine Yoga-Kenntnisse in seinem 1896 erschienenen Heft Yoga 598 zusammen. Weiter unterwarf er sich der Führung eines Inders namens Sri Mahatma Agamya Guru Parahamsa, der sich selbst als „Heiligen“ und als „Meister aller Meister“ bezeichnete. Durch ihn wurde Kellner in die „Wissenschaft des Atmens“ eingeführt. Kellner zeigte sich großzügig und zahlte seinen indischen Gästen deren Reise- und Aufenthaltskosten. Auch gegenüber Franz Hartmann zeigte er ein finanzielles Entgegenkommen, indem er ihn zeitweilig zum ärztlichen Leiter des Halleiner Sanatoriums machte. In diesem Sanatorium wurden an Lungentuberkulose und Keuchhusten Erkrankte mit dem von Franz Hartmann in Zusammenarbeit mit Carl Kellner entwickelten Lignosulfit-Inhalationsverfahren behandelt 599.

 597  H  artmann – Dr. Carl Kellner ein Opfer des Okkultismus. In: Frömsdorf (Hrsg.) – Blätter zur Pflege des höheren Lebens, III. Jg. 1906, Heft 10 (Januar), S. 217.  598  K  ellner – Yoga (1896). Der vollständige Text wurde abgedruckt in: Dvorak – Satanismus (2000), S. 431–446. Eine Abbildung des Umschlages findet sich bei König – Der große Theodor-Reuss-Reader (1997), S. 5.  599  V  on Franz Hartmann gibt es u. a. zwei Schriften, die sich diesem Thema widmen: Hartmann – Die neue Behandlungsweise zur Heilung der Lungentuberkulose und anderer Krankheiten der Atmungsorgane durch Inhalation von Lignosulfit (1895); Hartmann – Über eine neue Heilmethode (1897).

Bild 47 Titelblatt des Mitgliederverzeichnisses der Johannis-Loge Humanitas aus dem Jahre 1874

Über die weitere Entwicklung von Carl Kellner über den Okkultismus bis hin zur vermeintlichen Gründung des O.T.O. ist die Quellenlage dürftig. Dankbar nimmt man die Angaben von Theodor Reuss auf, der sich auf diesem Wege als wichtigster Augenzeuge in Szene setzt. Ob seine Angaben wirklich stimmen, muss allerdings bezweifelt werden, denn wie bereits die Autoren Möller/Howe bemerkten, existieren zu zahlreichen Behauptungen von Reuss überhaupt keine Belege 600. Um nachvollziehen zu können, wie Kellner durch Reuss in den Dunstkreis des O.T.O. kam, möchte ich Folgendes vorausschicken: Carl Kellner soll laut Angaben von Theodor Reuss bereits 1873 in die Freimaurer-Loge Humanitas in

 600  Möller/Howe – Merlin Peregrinus (1986), S. 84.

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Neudörfl 601 aufgenommen worden sein 602. In seinem Nachruf auf Carl Kellner nannte Emanuel (d. i. Franz Hartmann) fälschlicherweise den Ort Neuhäusl 603. Es handelte sich dabei um eine am 9. März 1871 unter der Konstitution der ungarischen Großloge erleuchtete sogenannte „Grenzloge“ 604. Nach neueren Erkenntnissen wurde Kellner am 29. Juni 1873 tatsächlich in die Loge Humanitas aufgenommen und am 23. November 1873 in den Gesellengrad befördert 605. Allerdings wurde er bereits am 13. Mai 1875 „wegen Nichteinhaltung der freimaurerischen Verpflichtungen“ wieder aus der Loge gestrichen 606. Von regulären freimaurerischen Aktivitäten Kellners ist nichts bekannt. Wohingegen seine Neigung und Mitgliedschaft in den freimaurerischen Hochgraden noch zu seinen Lebzeiten in der Zeitschrift Oriflamme verbürgt ist 607. Laut Franz Hartmann war Carl Kellner auch Mitglied eines Rosenkreuzerbundes, von welchem in seinem Buch Unter den Adepten die Rede ist 608. Um den Begriff Hochgrad besser verstehen zu können, möchte ich folgende kurze Erklärung einfügen: Im Allgemeinen durchläuft ein Mitglied einer Freimaurerloge, ein Bruder Freimaurer, in seinem Werdegang zur Vervollkommnung drei aufeinanderfolgende Stufen oder Grade. Als Anwärter oder „Suchender“ wird er als Lehrling in die Loge aufgenommen, später zum Gesellen befördert, um letztendlich dann den Grad des Meisters zu erlangen. Man bezeichnet die „Arbeit“, d. h. die Teilnahme an den Logenveranstaltungen, in diesen drei Graden als Johannismaurerei, so benannt nach Johannes dem Täufer, der als Schutzpatron der Freimaurer gilt. Die  601  Z  ur Loge siehe Lennhoff/Posner – Internationales Freimaurerlexikon (1932), Sp. 1705 f. Unbedeutend und klein war die Loge nicht, es gibt etliche Werke zu der Loge, siehe dazu die Literaturangaben von Hubert/Zörrer – Die österreichischen Grenzlogen. In: Quatuor Coronati, Jahrbuch Nr. 20 (1983), S.143–166. Diese beiden Autoren erwähnen Carl Kellner allerdings mit keinem Wort.  602  Reuss echauffierte sich in: Oriflamme, 2. Jg. 1903, Heft 3 (März), S. 28 über eine kurze Bemerkung in: Latomia. Neue Zeitschrift der Freimaurerei, 26. Jg. 1903, Heft 5 (7. März), worin behauptet wurde, dass Kellner kein Mitglied der Loge Humanitas in Preßburg, sondern nur als ein vor langer Zeit besuchender Bruder der Loge in Erscheinung getreten sei. Reuss erwiderte, dass er in der „Oriflamme“ (er bezieht sich auf eine Stelle im 1. Heft vom 2. Jg. 1903, S. 12) nur gesagt habe, dass Kellner in die Humanitas aufgenommen worden sei. Von einer gegenwärtigen „Mitgliedschaft“ habe er nicht gesprochen. Eine Erwiderung hierauf in: Latomia. Neue Zeitschrift der Freimaurerei, 26. Jg. 1903, Heft 6 (21. März), S. 45.  603  Der Nachruf auf Dr. Carl Kellner findet sich in: Oriflamme, 3. Jg. 1905, Heft 6, S. 1 f.  604  Hubert/Zörrer – Die österreichischen Grenzlogen (1983), S. 143–166.  605  S iehe dazu das Mitgliederverzeichnis der Loge, in der auch der bekannte völkische Schriftsteller und Runenforscher Guido List mit seiner Aufnahme am 25. Januar 1874 verzeichnet ist. Personal-Status der ger\ und vollk\, unter dem Schutze der ehrwürdigsten Grossen Loge von Ungarn arbeitenden Johannis-Loge\ Humanitas\ i. O. Neudörfl a. d. Leitha (Lajtha Szt.-Miklós) und des Br\ Ver\ gleichen Namens am 15. Juni prof\ A\. Selbstverlag der Loge 1874, S. 8–9.

Gründung der ersten Großloge in London erfolgte am 24. Juni 1717, dem Gedenktag der Geburt Johannes des Täufers. Seitdem wird von den meisten Logen der Welt am Johannistag das Johannisfest als größtes gemeinsames Fest in der Freimaurerei gefeiert. Die Johannismaurerei wird auch als „blaue Maurerei“ bezeichnet, weil Blau die vorherrschende symbolische Grundfarbe der Johannismaurerei ist. Als Farbe des Himmels, der zeit- und grenzenlosen Ewigkeit, wird speziell Himmelblau in der Freimaurerei als besonders symbolträchtig angesehen. Dementsprechend werden die Johannislogen, in denen die drei Johannisgrade (Lehrling, Geselle und Meister) bearbeitet werden, auch „blaue Logen“ und „blaue Grade“ genannt. Schon kurz nachdem die Freimaurerei sich von England aus in der ganzen Welt auszubreiten begann, entstanden in der Mitte des 18. Jahrhunderts zahlreiche weiterführende Grade, welche auf den drei Johannisgraden aufbauten. Diese höheren Grade oder sogenannten Hochgrade 609 entwickelten sich sehr unterschiedlich zu verschiedenen Lehrsystemen, welche im 19. Jahrhundert meist Umgestaltungen und Zusammenfassungen zu neuen Riten erfuhren. Im Gegensatz zur blauen Johannismaurerei wird die Hochgradmaurerei allgemein auch als rote Maurerei bezeichnet, speziell im weltweit verbreitetsten Hochgradsystem des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus“ (AASR). Über die Herkunft und die symbolische Bedeutung der Farbe Rot in der Hochgradmaurerei herrscht keine Einigkeit. Möglicherweise diente das rote Kreuz der Templer als Leitmotiv und fand daher Eingang in die Symbolik der „Rittergrade“, welche einen wesentlichen Bestandteil der Hochgrade bilden. Aber auch in der Alchemie (als Farbe der höchsten Vollendung) und bei den Rosenkreuzern (rote Rosen am Kreuz) sowie als Farbe, welche einen hohen Rang anzeigt (z. B. bei Königen, Kaisern und Kardinälen) spielt Rot als Symbolfarbe eine große Rolle und Zusammenhänge mit dem Brauchtum der Hochgradmaurerei lassen sich erkennen. Mit dem Entstehen der Hochgradsysteme wurden in der Freimaurerei nicht nur die Inhalte der verschiedenen Lehrarten, sondern auch zunehmend ganz generell die Berechtigung der Hochgrade konträr diskutiert. Freimaurer, welche sich allein auf die Arbeit in den drei Johannisgraden beschränken, vertreten oft die Ansicht, dass in den Johannisgraden der ge-

 606  Kodek – Unsere Bausteine sind die Menschen (2009), S. 178.  607  S iehe die kurze Abhandlung „Einführung in den Esoterismus unseres Ordens der A. und A. Freimaurer. Von Br\ Dr. Carl Kellner, 33°, 90°, 96°“ In: Oriflamme, 2. Jg. 1903, Heft 2 (Februar), S. 15 f. Die Ausführung belegt, dass Kellner Hochgradfreimaurer war, vom O.T.O. ist an dieser Stelle noch keine Rede.  608  Hartmann – Dr. Carl Kellner ein Opfer des Okkultismus (1905/1906), S. 217.

 609  E inen bis heute guten Überblick zu den Hochgraden bieten die folgenden Werke: Lachmann – Geschichte und Gebräuche der maurerischen Hochgrade und Hochgrad-Systeme (1866); Schiffmann – Die Entstehung der Rittergrade in der Freimaurerei um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts (1882); Mellor – Logen – Rituale – Hochgrade (1967).

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samte Lehrinhalt der Freimaurerei vermittelt wird. Sie lehnen daher das Hochgradwesen entweder strikt ab oder halten es zumindest für nicht notwendig, um weiterführende höhere Stufen zu bearbeiten. Durchaus berechtigt wurden einzelne Hochgradsysteme stark kritisiert und als Hochstapelei bezeichnet, weil die Erwartungen, etwa „höhere Aufschlüsse“ oder „letzte Geheimnisse“ zu erlangen, bei den Teilnehmern nicht erfüllt wurden. Auch sind manche Hochgradkonstruktionen als Betrug entlarvt worden, weil sie nur zum finanziellen Gewinn ihrer Erfinder dienten, welche damit die Gutgläubigkeit oder Eitelkeit ihrer Mitglieder auszunutzen wussten. Andere Hochgradsysteme werden jedoch von Vertretern der Johannismaurerei toleriert, weil sie in keinem direkten Konkurrenzverhältnis zueinander stehen und völlig unabhängig voneinander arbeiten. Eine andere Sichtweise darauf haben die Hochgradfreimaurer, die der Ansicht sind, dass die Johannismaurerei lediglich die Elementarschule der Freimaurerei bildet. Sie sehen daher entweder in der Hochgradmaurerei eine Art Hochschule, in der allein sich die „wahre Freimaurerei“ vollständig vermitteln lässt, oder sie verstehen ihre Arbeit zumindest als eine Vertiefung der Kenntnisse über die Johannisgrade und sprechen daher auch von weiterführenden „Erkenntnisstufen“. Aufgrund der komplexen Symbolik in den Lehrinhalten mancher Hochgradsysteme fühlen sich oft esoterisch interessierte Freimaurer besonders von diesen angezogen. Auch für Religionswissenschaftler und Psychologen lassen sich in der Hochgradsymbolik durchaus interessante Zusammenhänge finden. Nicht alles, was nicht sofort nützlich erscheint, ist Betrug oder Hochstapelei. Was nun Theodor Reuss betrifft, so führte er in Berlin den Swedenborg- 610 und den Cerneau-Ritus 611 mit seinen 33° ein. Reuss verknüpfte den Letztgenannten mit dem Memphis(90°) und dem Misraim-Ritus (96°) 612. Es würde hier zu weit führen, auf die verschiedenen Hochgradsysteme einzugehen, die Reuss für sich in Anspruch nahm, denn für Heinrich

Bild 49 Porträt von Theodor Reuss aus der Jubiläumsausgabe der Oriflamme aus dem Jahre 1912

Tränker, als Nicht-Freimaurer, waren sie ohne Belang 613. Ergänzend sei noch angemerkt, dass Reuss „eine Reihe von irregulären Johannislogen [gründete], durch die er ein Reservoir für die Aufnahmen in die höheren Grade zu schaffen suchte.“ 614

 610  Siehe Lennhoff/Posner – Internationales Freimaurerlexikon (1932), Sp. 1539.  611 

B  enannt nach Joseph Cerneau (1763–1829). Richtig bezeichnet als: Der Alte und Angenommene Schottische (33. Grade) Ritus. Siehe dazu Frick – Die Erleuchteten, Bd. II/2: Licht und Finsternis (1978), S. 110–132; Teufel – Der Alte und Angenommene Schottische Ritus und seine Vorläufer (1966).

 612  O  ft wird nur vom Memphis-Misraim-Ritus gesprochen, was aber nicht ganz korrekt ist. Durch einen Erlass von John Yarker im Jahre 1876 wurde der Misraim-Ritus in England dem 1872 gegründeten Souveränen Sanktuarium für Großbritannien und Irland des Memphis-Ritus angegliedert. Der Misraim-Ritus bildete zwar eine selbstständige Organisation innerhalb des Sanktuariums; seine Grade wurden aber nur den Trägern der Memphis-Grade erteilt. Lennhoff/Posner – Internationales Freimaurerlexikon (1932), Sp. 1023.

 613  W  er dennoch mehr über die von Reuss verwendeten Hochgradsysteme wissen möchte, sei auf die Zusammenfassung bei: Frick – Die Erleuchteten, Bd. II/2: Licht und Finsternis (1978), S. 468–476 und König – Der O.T.O. Phänomen RELOAD (2011), Bd. 1, S. 27–37 verwiesen.  614  P  auls – Zur Erinnerung an unseren Senior Emil Adrianyi. S. 5 f. In: Eleusis. Organ des Deutschen Obersten Rats der Freimaurer des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus. 8. Jg. 1953, Nr. 1 (Januar/Februar ), S. 3–8.

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okkulten Gruppen zu übernehmen, sollte in der Lage sein, den Menschen zu verdeutlichen, warum dies richtig sei. Zudem sollten sie freiwillig dem Orden beitreten und nicht, weil Crowley dies so wollte oder ein angeblicher „Wille“ (gemeint war damit: „Tue, was du willst, soll das ganze Gesetz sein“) dies so verlange. „I look upon Therion as one of the worst enemies of his own teaching, and have no hesitation in telling him so since I am sending him a copy of this letter.“ 1060 Achad warnte Tränker eindringlich davor, die Ansichten Crowleys einfach für seine Pansophische Bewegung zu übernehmen. Crowleys Vision des „Willens“ führe zu einer geistigen Versklavung. Der richtige Weg sei eine Organisation, die in voller Harmonie ihren wahren göttlichen Kern schauen und die den freien Willen als gottgegebenes Geschenk akzeptieren könne. Achad wusste, dass Tränker die Begegnung mit Crowley auf der geplanten Konferenz bevorstand. Er wünschte ihm die notwendige Weisheit, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und bat Tränker, ihn über die Ergebnisse der Konferenz auf dem Laufenden zu halten. Mit Crowleys frank und frei geäußertem Wunsch „I wish to obtain control of all existing movements“ konnte sich Tränker keinesfalls einverstanden erklären und schrieb in einem Brief an Frater Achad: „Also, to control all existing movements is a matter, with which I would scarcely want to have anything to do with.“ 1061 Die warnenden Worte von Frater Achad eingedenk erwartete Heinrich Tränker die Ankunft von Aleister Crowley.

21.1 Die „Weida-Konferenz“ Der eigentliche Auslöser für die im Jahr 1925 abgehaltene „Konferenz“ lag fast zwei Jahre zurück. Es war der Tod des O.T.O.-Oberhauptes Theodor Reuss am Sonntag, den 28. Oktober 1923. Reuss hatte zu seinen Lebzeiten versäumt,

einen Nachfolger für sich als O.H.O. zu bestimmen, sodass nun die Stelle des Leiters des Ordens vakant war. Bevor ich mich den Geschehnissen auf der Konferenz zuwende, möchte ich mich an dieser Stelle erst einmal der gebräuchlichen Bezeichnung „Weida-Konferenz“ widmen. Von Aleister Crowley selbst gibt es zwei unterschiedliche Bezeichnungen: die „Hohenleuben Conference“ und die „Weida Conference“ 1062, auf den ersten Blick verwirrend und letztlich doch einleuchtend. Crowley kam am 22. Juni 1925 in Hohenleuben an und logierte nach Karl Germers Darstellung ca. 35 Tage bei Tränker in Hohenölsen 1063. Dann wurde die Situation für alle unhaltbar, woraufhin Crowley sich gezwungen sah, zu Germer nach Weida zu ziehen. Aus der Konferenz von Hohenleuben wurde die „Weida-Konferenz“. Germers Adresse in Weida ist noch bekannt, sie lautete „Im Forstweg 30“ 1064. Es gibt über die „Konferenz“ einige missverständliche und falsche Behauptungen, die fatalerweise Allgemeingut geworden sind. Eine Quelle für die falsche Darstellung ist „Meister Giovanni“ (d. i. Karl Wedler 1911–2009) von der Fraternitas Saturni. In seinem 1959 erschienenen Beitrag Chronik der Loge Fraternitas Saturni 1065 schrieb er: „Auf einer mehrtägigen Geheimsitzung im Jahre 1925 an der u. a. teilnahmen: Mstr. Recnartus als GrMstr. vom deutschen Rosenkreuzertum mit seinen angeschlossenen Orden. Mstr. Therion als Weltmeister des OTO u. GrMstr. der „AA“, Mstr. Pacitius als Stuhlmeister der Pansophischen Loge, Fra. Gregorius als Logensekretär der Pansophischen Loge, sowie 10 weitere Abgeordnete verschiedener Geheimgesellschaften […]“ 1066 Diese Angaben übernahm Adolf Hemberger, erweiterte sie und machte daraus:

 1062  S iehe dazu die Aussage von Crowley in: König – Das Beste von Heinrich Tränker (1996), S. 53.  1063  S o die Darstellung von Germer in: König – Das Beste von Heinrich Tränker (1996), S. 38.  1064  Das Haus existiert heute noch. Die Angaben verdanke ich dem Heimatkundler Holger Diederich.

 1060  B  rief von Achad an Tränker vom 18.3.1925. Abgedruckt bei König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000), S. 156.  1061  B  rief von Tränker an Achad vom 16.4.1925. Abgedruckt bei König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000), S. 159.

 1065  M  eister Giovanni (d. i. Karl Wedler) – Chronik der Loge Fraternitas Saturni. In: (Grosche (Hrsg.)) – Blätter für angewandte okkulte Lebenskunst, X. Jg. 1959, Heft 109 (April), S. 8–11.  1066  a. a. O., S. 9.

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„Eine mehrtägige, geheime Logensitzung sollte mittlerweile aufgetretene Meinungsverschiedenheiten zwischen Meister Recnartus und Meister Therion = Aleister Crowley klären. Die Pansophische Loge wurde repräsentiert durch Meister Recnartus, der zugleich als Großmeister des Deutschen Rosenkreuzes auch die demselben angeschlossenen Ordensgesellschaften vertrat. Ferner wurden Meister Pacitius als Stuhlmeister der Großloge und Frater Gregorius als Logensekretär zur Sitzung gebeten. Meister Therion vertrat als sogenannter Weltmeister des O.T.O. = Orientalischer Templerorden, und als Großmeister die Astra Argentea = A∴ A∴ Loge, eine Fortsetzung des Golden Dawn. Zehn weitere Geheimgesellschaften hatten Abgeordnete entsandt.“ 1067 Nur um zu belegen, dass diese Darstellungen bis heute in der Literatur ihren Niederschlag finden, möchte ich noch Marco Pasi zitieren: „Unterdessen war 1923 Theodor Reuss verstorben, ohne klare Anweisung über die Nachfolge der Leitung des O.T.O. hinterlassen zu haben. Im Sommer des darauffolgenden Jahres veranstaltete die Deutsche Rosenkreuz-Bewegung (die den deutschen O.T.O. und die „Pansophia“, eine weitere mit ihm verbundene esoterische Organisation, umfaßte) eine Zusammenkunft in Thüringen, um den neuen O.H.O. zu wählen. Dazu wird auch Crowley eingeladen. Dieses Treffen führt zur Spaltung der Rosenkreuzer-Bewegung in eine Richtung, die den englischen Okkultisten als internationales Oberhaupt anerkennt, und in eine, die ihn ablehnt.“ 1068 Da vor allem die Darstellung von Hemberger bis heute gerne kritiklos übernommen wird, sollte uns dies dazu veranlassen, die getroffenen Aussagen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Beginnen wir erst einmal mit der Behauptung, es habe eine „mehrtägige Geheimsitzung“ stattgefunden. Der Begriff „geheim“ impliziert eine Veranstaltung, die bewusst von der Öffentlichkeit verborgen abgehalten wird. Doch war dem wirklich so? Die Antwort fällt kurz und knapp aus – nein! Ganz im Gegenteil, es lag ja in Crowleys ureigenstem Interesse,

dass möglichst viele Menschen von ihm und von seinen Lehren hören sollten. Crowley war stets darauf bedacht, neue Anhänger zu gewinnen. So verwundert es nicht, wenn man hört, dass Heinrich Tränker selbst von bis zu 28 Personen täglich spricht, die er während Crowleys Aufenthalt in seinem Haus bewirten musste 1069. Die meisten davon waren Pansophen und Leser von Crowleys Wege zum Sanktuarium, das Tränker in der Reihe Pansophia – Urquellen inneren Lebens in der Abteilung VII, Band 1 veröffentlicht hatte. Viele kamen aus reiner Neugierde, um erstmals den von Tränker so hoch geschätzten, englischen Magier in natura zu erleben. Von einer „mehrtägigen, geheimen Logensitzung“ kann daher nicht die Rede sein. Im Gegenteil, es war eine offene Veranstaltung, die Crowley bewusst für die eigene Propaganda nutzen konnte. Was an diesen Tagen in Hohenleuben geschah, davon legt Albin Grau Zeugnis ab: „Ich war damals 3 Tage in Weida und hatte so täglich des Nachmittags Gelegenheit, einiges über das große Werk „Äquinox“ von Meister Therion zu hören. Die Belehrungen, die ich dabei erhielt, waren mir sehr wertvoll und haben mich veranlaßt, mich in sie zu versenken. Natürlich konnte ich zu angegebener Zeit mir nur allgemein und in großen Zügen eine Vorstellung davon machen, was mit der thelemischen Lehre zielsetzend befolgt werden sollte. Ich war damals – wenn auch nur bedingt – ein Anhänger von Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ und habe in die Unterhaltung gelegentlich eingeworfen, daß ein Gesetz wie „Tu was Du willst“ sein Fundament schon in den Tiefen des Kosmos habe und darüber hinaus das Urgesetz des Seinsgrundes sei. Es schien mir eine Parallele zu existieren zwischen dem absoluten Objektivum und dem relativen Individuum in Bezug auf „Tu was Du willst“. Ich fand, daß Meister Therion meine Ansicht über das Gesetz nicht so ohne weiteres ablehnte, aber Br\ Saturnus fand meine Einwände ungehörig und gab mir das im Laufe der Diskussion oft zu verstehen. Er fand darin eine kritische Sondierung an des Meisters Lehre.“ 1070 Von Grau gibt es auch einen schriftlichen Hinweis in seinen Papieren, dass er während seines Aufenthaltes in Weida die

 1067  Hemberger – Pansophie und Rosenkreuz, Bd. 1 (1974), S. 19 f.  1068  P  asi – Aleister Crowley und die Versuchung der Politik (2006), S. 49. Als weiteres Beispiel sei hier noch Ludwig – Aleister Crowley’s Scientific Illuminism (2005), S. 40 angeführt. Andreas Ludwig geht darin ebenfalls fälschlicherweise davon aus, dass die „Weida-Konferenz“ „zur Spaltung der okkulten Bewegung vornehmlich in Deutschland führte“.

 1069  D  iese Angabe macht Tränker in einem Brief an Gustav von Hirschheydt am 20.2.1950.  1070  B  rief von Albin Grau an Paul Rüdiger Audhem. Der Brief ist datiert mit „Bayrischzell 9. März 1966“, S. 2.

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Protagonisten mit einer kleinen Handkamera gefilmt habe 1071. Leider müssen die Aufnahmen heute als verschollen gelten. Das Publikum in Tränkers Waldschlösschen wechselte fast täglich, wobei einzelne Personen fast die ganze Zeit anwesend waren. Das waren neben dem Ehepaar Tränker auch Karl Germer, Aleister Crowley, Dorothy Olsen, Leah Hirsig und Normann Mudd. Martha Küntzel und Otto Gebhardi wiederum waren länger, aber nicht die ganze Zeit anwesend. Eugen Grosche, Albin Grau und auch der Leipziger Theosoph Georg Priem, ein Freund Tränkers, waren nur tageweise zugegen 1072. Der nächste Punkt, dem ich mich zuwenden möchte, betrifft die Rosenkreuzer. Wenn man die Aussagen von Marco Pasi wie die von „Giovanni“ und Hemberger betrachtet, so stellt sich die Frage: Was soll diese „Deutsche Rosenkreuzer-Bewegung“ gewesen sein, mit der Tränker angeblich verbunden und nach Hembergers Darstellung sogar dessen Großmeister

gewesen sein soll? Dazu muss man wissen, dass es bisher nie eine einheitliche Rosenkreuzer-Bewegung in Deutschland gab. Tränker hatte daher nie das Amt eines „Großmeisters“ der Deutschen Rosenkreuzer inne. Das hätte auch seinem Verständnis vom wahren Rosenkreuzertum widersprochen. Für ihn wurde man nicht durch Eintritt in eine dubiose, geheimnisumwitterte Geheimgesellschaft Rosenkreuzer, sondern nur durch Handlung und Streben nach geistiger Erleuchtung. Jeder konnte Rosenkreuzer werden, wenn er nur wollte. Tränker hat sich selbst nie als „Meister“, geschweige denn als „Großmeister“ gesehen, dies sind reine Erfindungen der Nachwelt. Pasis Aussage suggeriert zudem, dass die Führung einer existenten Rosenkreuzer-Bewegung zum Treffen nach „Weida“ eingeladen habe. Auch das ist falsch, denn Heinrich Tränker allein war der Initiator durch seine Einladung an Aleister Crowley 1073. Beim Lesen der oben zitierten Texte drängt sich eine weitere Frage auf. Was war nun mit den Vertretern der nicht näher definierten „Geheimgesellschaften“, von denen Meister Giovanni und Hemberger berichten? Schickten verschiedene okkulte Gesellschaften ihre Vertreter nach Hohenleuben? Man kann mit Sicherheit sagen, dass dem nicht so war. Tränker scharte keine anderen okkulten Gruppen, ob Rosenkreuzer oder andere, um sich, dies lag gar nicht in seiner Intention. Warum es aber zu einer solchen Vermutung kam, dazu kann vielleicht eine Aussage von Aleister Crowley Licht ins Dunkel bringen. „Viele Jahre hindurch wurde er [Tränker] als der Hauptvertreter des alten Rosenkreuzerordens, der Gottesfreunde und ähnlicher Brüderschaften angesehen.“ 1074

Bild 93 Heinrich und Helene Tränker zusammen mit Eugen Grosche vor ihrem Haus in Hohenölsen

 1071  D  iesen Hinweis verdanke ich Herrn A. Schmid, Stiftungsratsmitglied der AeschbachStiftung in Stein/Appenzell.  1072  W  elch falsche Teilnehmerangaben in der Literatur kursieren, verdeutlicht u. a. der Biograf von Crowley, Richard Kaczynski, in seinem Werk „Perdurabo“ (2002). Er listete kurioserweise Henri Birven als vermeintlichen Teilnehmer auf, dabei hatte Birven überhaupt nichts mit der „Weida-Konferenz“ zu tun. Andere wirkliche Teilnehmer hingegen vergaß er zu erwähnen.

Doch bereits Crowley erkannte, dass für eine solche Behauptung jegliche Grundlage fehlte. Tränker hatte sein Wissen nur aus seinen antiquarischen Büchern erworben. Möglicherweise wurde diese Behauptung, die Jahrzehnte nach der „WeidaKonferenz“ aufgestellt wurde, auch durch eine Auflistung in Tränkers Zeitschrift Pansophia genährt. In Heft 1/2 des ersten Jahrganges (1928) findet sich auf Seite 64 ein Aufruf an jene Ordensbrüder, die keine Verbindung mehr mit ihrem Orden hatten und nun wieder bereit waren, erneut aktiv mitzuarbeiten. Angesprochen fühlen sollten sich Angehörige folgender Orden:  1073  S iehe dazu die Aussage von Karl Germer in: König – Das Beste von Heinrich Tränker (1996), S. 38.  1074  A  bschrift eines Briefes von Crowley an Martha Küntzel vom 7. September 1925, S. 3. KBAR, CMO.

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26. Heinrich Tränker und Harvey Spencer Lewis (AMORC) Der „Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis“ oder kurz „AMORC“ wurde 1909 von dem Amerikaner Harvey Spencer Lewis (1883–1939) gegründet und besteht bis heute 1406. Der Orden betrachtet sich selbst als initiatorische „Nachfolgeorganisation der Rosenkreuzer des 17. Jahrhunderts“ 1407. Ein Selbstverständnis, das Tränker wohl vertraut war. Noch mehr, wenn man bedenkt, dass der AMORC sich als der „sichtbare Teil der unsichtbaren Großen Weißen Bruderschaft“ 1408 definiert. Auch bei einem weiteren Punkt konnte der AMORC auf Tränkers Verständnis hoffen. Beide glaubten, dass die Rosenkreuzer seit Jahrhunderten kontinuierlich bestanden, sich allerdings nur sporadisch der Öffentlichkeit präsentieren würden. Bei genauerer Betrachtung variieren jedoch die Vorstellungen. Allerdings bedeutete dies für Tränker nicht unbedingt, dass die Rosenkreuzer in unserer physischen Welt leben müssten, denn „weil sie anders trainierte Körper und Seelen besassen, waren ihnen auch ganz andere Kommunikations- und Wahrnehmungsmöglichkeiten offen.“ 1409 Tränker ging noch weiter: Obwohl die Rosenkreuzer eine Tatsache seien, so hätten sie sich niemals in Bünden oder Logen organisiert. Wir müssen uns noch einmal in Erinnerung rufen, dass Tränker der festen Überzeugung war, dass jeder, der im Geiste der wahren Rosenkreuzer handeln würde, ein Rosenkreuzer sei, auch wenn er davon gar nichts wüsste. Spencer Lewis vertrat hingegen die Meinung, der „echte“ Rosenkreuzerorden sei durchaus real. Er sei ähnlich wie die Freimaurer strukturiert und verfüge über geheime Tempelinitiationen wie die alten Ägypter 1410. Die von ihm vertretene rosenkreuzerische Geschichtsdarstellung war historisch unhaltbar, doch das focht Lewis nicht an. Der heutigen, im AMORC gültigen Gründungsgeschichte nach hatte Lewis Verbindung zu

französischen Rosenkreuzern 1411. Lewis behauptet, während seiner Zeit in Toulouse in den Rosenkreuzerorden initiiert worden zu sein 1412. Das war für ihn die Initialzündung, selbst in Amerika einen Rosenkreuzerorden zu etablieren. Die Gründungsversammlung des AMORC trat am 8. Februar 1915 in New York zusammen. Nur ein Jahr später, im Jahre 1916, erschien die Zeitschrift The American Rosae Crucis 1413. Lewis war stets bemüht, seine Stellung gegenüber seinen rosenkreuzerischen Kontrahenten, wie Reuben Swinburne Clymer (1878–1966) oder Max Heindel (1865–1919), auszubauen. Daher waren ihm auch die Patente anderer Organisationen sehr willkommen. So geschah es, dass Lewis über den von Reuss ernannten Matthew McBlain Thomson, seines Zeichens 33°, 96°, IX° („Souv. Grand Master General and Grand President General“ von Salt Lake City 1414) mit Theodor Reuss am 28.12.1920 schriftlich Verbindung aufnahm 1415. Reuss beantwortete das Schreiben am 19.6.1921. Er präsentierte gegenüber Lewis den O.T.O. als angeblich äußere Fassade der Rosenkreuzer. Dieser Punkt sprach Lewis besonders an, denn er war noch immer auf der Suche nach den echten und wahren Rosenkreuzern. Kurz darauf, am 30. Juli 1921, ernannte Reuss Lewis zum „Honorary Member of Our Sovereign Sanctuary for Switzerland, Germany and Austria“ des O.T.O. 1416. Lewis wurde in der Urkunde eingeräumt „to represent our Sov\ Sanctuary as Gage of Amity near the Supreme Council of the A\ M\ O\ R\ C\ at San Francisco (California)“ 1417. Diese „Ehrenurkunde“ für Lewis war allerdings, seitens Reuss, ohne eine Initiation in den O.T.O. erfolgt. Diese Art der Vorgehensweise war fast symptomatisch für den Leiter des O.T.O.. Er ernannte gegen Ende seines Lebens neue Mitglieder, wie im Falle Tränkers, ohne großes Federlesen. Man gewinnt fast den Eindruck, dass es Reuss in erster Linie um zahlende statt um initiierte Mitglieder ging. Im Falle von

 1411  A  uch Spencer Lewis’ hartnäckiger Gegenspieler R. S. Clymer knüpfte bei seiner eigenen kreativen Geschichtsschreibung bei den französischen Rosenkreuzern an.  1412  Z  um Ablauf der angeblichen Initiation siehe: Rebisse – Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer (2007), S. 306 ff.  1413  Z  ur Gründungsgeschichte siehe die AMORC-Geschichtsschreibung in: Rebisse – Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer (2007), S. 322 ff.  1414  König – Der O.T.O. Phänomen REMIX (2001), S. 96.

 1406  Z  ur Entstehungsgeschichte des AMORC siehe: Lamprecht – Neue Rosenkreuzer (2004), S. 99–146; Rebisse – Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer (2007), S. 317 ff; Edighoffer – Die Rosenkreuzer (1995), S. 122 f.  1407  AMORC (o. J.), S. 7.  1408  a. a. O., S. 26 (diese Passage fehlt in neueren Auflagen).  1409  T  ränker – Grundlagen der Pansophia (1928). (Hier:) I. Pansophen, Rosenkreuzer und Freimaurer. Die historischen Grundlagen der pansophischen Weltanschauung, Bl. 14 f.  1410  V  gl. dazu die Ausführungen von Spencer Lewis in: AMORC (Hrsg.) – The Rosicrucian Digest, September 1930, S. 226 f.

 1415  D  er Briefwechsel zwischen Theodor Reuss und Spencer Lewis umfasst den Zeitraum 20.12.1920 bis zum 12.6.1922. In dieser Zeit verfasste Reuss 14 und Lewis 8 Briefe. Die Schriftstücke befinden sich in den Archiven des AMORC. Siehe dazu: Rebisse – Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer (2007), S. 400, Fußnote 6.  1416  Z  ur Reproduktion der Ernennungsurkunde siehe: Clymer – The Rosicrucian Fraternity in America (1935), Bd. 1, S. 380.  1417  Z  u den Streitigkeiten die Lewis’ Aufnahme in den O.T.O. mit sich brachten und letztlich zum Bruch zwischen Reuss und Crowley führten siehe: König – Der O.T.O. Phänomen RELOAD (2011), Bd, 1, S. 167 ff. und Bd. 2, S. 155 ff.; Vgl. auch: Vanloo – Controversy around a Document. In: König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000), S. 84 ff.

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Lewis kam es Reuss offenbar darauf an, diesen als eine Art Botschafter des O.T.O. beim AMORC platzieren zu wollen. Im September 1921 planten Reuss und Lewis die Gründung einer neuen Organisation unter dem Namen „The AMORC World Universal Council“ oder kurz TAWUC. Das Ganze erwies sich jedoch wegen des Verhaltens der beiden Hauptakteure als nicht realisierbar. Reuss wollte gerne als eines der Hauptziele der Organisation, die „heilige gnostische Religion“ verbreiten. Dem stand Lewis sehr ablehnend gegenüber. Reuss schlug daraufhin die Veranstaltung eines Konvents in der Schweiz vor, auf dem über die Statuten diskutiert werden sollte. Auch dieser Idee stand Lewis ablehnend gegenüber und zögerte die ganze Angelegenheit hinaus, zumal Lewis die von ihm empfundene Geldgier des O.H.O. verurteilte. Als Folge daraus antwortete Lewis ab September 1921 Reuss nicht mehr auf dessen Briefe. So ist es nicht verwunderlich, dass Reuss in einem Brief vom 25.10.1921 gegenüber Lewis vergeblich mehr Engagement in O.T.O.-Belangen einforderte. Der Angesprochene fühlte sich nicht bemüßigt, den Forderungen nachzukommen. Reuss versuchte trotzdem, Lewis 1922 zu einer Teilnahme an der von ihm geplanten „Welt-Bruderschaft-Zusammenkunft“ in Ettal bei Oberammergau in Bayern zu bewegen, wie er sie in seinem Heft Der Rosenkreuzer (1921) angekündigt hatte. Noch ein letztes Mal antwortete Lewis Reuss daraufhin am 20.5.1922. Es war seine Absage. Lewis verkündete, dass weder er noch Mitglieder seines AMORC an dem Treffen teilnehmen würden. Im Jahr darauf verstarb Reuss. Von nun an sollten fast acht weitere Jahre vergehen, bevor Lewis erstmals mit Tränker Kontakt aufnahm. Aus Tränkers Antwortschreiben vom 15. Februar 1930 1418 können wir ersehen, dass es Lewis in erster Linie um die Anerkennung seiner rosenkreuzerischen Legitimation ging. Der Autor Peter-R. König mutmaßt über Lewis’ Beweggründe, dass sich dieser an Tränker gewendet haben könnte, weil sein größter amerikanischer Konkurrent Reuben Swinburne Clymer im Begriff war, sich mit Hans Rudolf Hilfiker (1882–1955), seines Zeichens Großmeister der 1917 von Reuss gegründeten Freimaurerloge „Libertas et Fraternitas“ und Inhaber des X° des O.T.O. für die Schweiz, zusammenzuschließen 1419.

 1418  E ine Kopie des Briefes findet sich bei: König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000), S. 74–76. Das erste Schreiben von Lewis an Tränker konnte leider bis heute von uns nicht aufgefunden werden.  1419  Vgl. dazu: König – Der O.T.O. Phänomen REMIX (2001), S. 98.

Lewis hatte Tränker Schriften seines AMORC zugeschickt und dabei auf seine Rolle als Vertreter der amerikanischen Rosenkreuzer hingewiesen. Er muss Tränker offensichtlich gebeten haben, ihm bei der Verbreitung des AMORC in Deutschland behilflich zu sein. Tränker war nicht abgeneigt, zumal er hoffte auf diesem Wege eine weitere Verbreitung der, von ihm als falsch und unecht bezeichnete Rosenkreuzerrichtung nach Max Heindel in Deutschland zu erschweren oder sogar zu verhindern. Die persönlichen Animositäten Tränkers mit dem deutschen Vertreter der Heindel’schen Rosenkreuzer, Hugo Vollrath, dürften dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben. Tränker war von den ihm zugesandten Werbeschriften des AMORC angetan, obwohl sie nur die exoterische und nicht die esoterische Seite der Bewegung zeigen würden, wie er meinte. Beeindruckt zeigte sich Tränker von den offenbaren Erfolgen Lewis’ in Amerika. Im gleichen Atemzug stellte Tränker jedoch klar, dass von ihm ein solcher Erfolg in Deutschland weder erstrebt noch von Belang sei. Wahre Rosenkreuzer seien nicht in festen Gruppen organisiert. Was die von ihm selbst veröffentlichten Rituale und Lehren betraf, so wären diese nicht von den Rosenkreuzern. Sie seien vielmehr der Versuch, „in freimaurerischer Form einige Rosenkreuzergedanken des alten Bundes lebendiger fortzupflanzen.“ 1420 Tränker erläuterte Lewis weiter, dass hinter dem Namen „Pansophia“ seine jetzige rosenkreuzerische Arbeit verborgen sei. Die bestgehütetsten Geheimnisse der Rosenkreuzer wären allerdings noch nie einer außerdeutschen Gesellschaft preisgegeben worden. Damit wollte Tränker Lewis von vorneherein unmissverständlich verdeutlichen, dass nur die deutschen Rosenkreuzer die einzig wahren Vertreter des Ordens seien. Um aufkommenden Entgegnungen gleich vorweg den Wind aus den Segeln zu nehmen, ergänzte Tränker seine Aussage. „[…] denn bis heute hat kein sogen. RC in England, Frankreich, Spanien und Amerika auch nur eine Idee davon gekannt oder empfangen. Ebenso wurden viele deutsche Centren im Auslande ins Dasein gerufen, die ebenfalls nichts von den Weihen und höheren Riten des alten echten Ordens mehr wussten. Erst durch mein Wirken hier in Deutschland wurden die pansophischen Hauptlehren, erstmalig im Auftrage der alten ehrwürdigen Fraternität bekannt gegeben.  1420  König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000), S. 74.

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Unsere Quellen, d. h. Abstammungen, gehen in direkter Folge zurück zu den alten Vätern des Rosenkreuzes, nämlich zu Gichtel, Frankenberg, Noll, Majer [sic!] Comenius, Kunrath [sic!], Sperber, Figulus, Toelde, Gutmann, Valentin Weigel, Sebastian Franck, Paracelsus, die deutschen Ritter, Tempelherren bis zu der größten Adeptbruderschaft des Mittelalters, zu den deutschen Gottesfreunden im 12. bis 14. Jahrhundert. Wohlverstanden, die Kette ist nie unterbrochen gewesen, die Tradition geht bis zu uns, den Wenigen, heute noch Lebenden.“ 1421 Tränkers Behauptung einer ununterbrochenen Kette ist in Wahrheit reine Fiktion. Durch den Tenor der Aufzählung kann man versucht sein, sie aus heutiger Sicht als blanke Anmaßung einzustufen, doch für Tränker war sie real. Sie entsprach seinem Sendungsbewusstsein. Für ihn war allein Deutschland das wahre Zentrum des Ordens. Was nun Spencer Lewis angebliche rosenkreuzerische Einweihung in Frankreich betraf, stellte Tränker kurz und bündig fest: „Die R+C in Frankreich haben mit den deutschen Zentren niemals in direkter Verbindung gestanden, nur in der Freimaurerei von früher waren einige Verbindungen.“ 1422 Tränker demontierte regelrecht Lewis’ rosenkreuzerischen „Stammbaum“. Doch ganz so vernichtend wollte er nicht sein. Er bot Lewis einen Hoffnungsschimmer. Es könnte ja sein, dass ein wahrer deutscher Rosenkreuzer nach Amerika ausgewandert oder als beauftragter Sendbote vom Orden geschickt worden sei. Dies müsste Lewis allerdings erst einmal anhand seiner Geheimlehre unter Beweis stellen. Jedoch bot das zugeschickte AMORC-Material keinen Hinweis darauf. Tränker hatte vielmehr den Eindruck, die Lehren der Rosenkreuzer und des AMORC seien verschieden. Nichtsdestotrotz war er bereit, Lewis bei seinen Bemühungen zu helfen, den AMORC in Deutschland zu etablieren. Diese Tränker’sche „Großzügigkeit“ hatte eine einfache Ursache. Er betrachtete den AMORC nicht als Konkurrenz. Gegenüber Lewis betonte Tränker, er habe in dessen Schriften keinen einzigen Punkt gefunden, der den „echten Mysterienlehren des Rosenkreuzes“ entnommen sei. Man gewinnt den Eindruck, Tränker habe den AMORC daher eher als eine Art Vorstufe für die wahren Lehren der Rosenkreuzer gesehen, genau richtig für die weltlichen Amerikaner, aber nicht ausreichend für die deutschen Rosenkreuzer

„Für mich ist es nur fraglich, ob Sie als Führer der dortigen Brüder so ohne Weiteres deutsches Erbgut der echten Rosenkreuzer, für Amerika verwerten können, denn der Deutsche ist ja zum grössten Teile wohl zu 3/4 Mystiker und Philosoph, wie der Amerikaner zu 3/4 Nichtphilosoph und Nichtmystiker ist […]. Jedenfalls erscheint mir Ihr System für Amerika in sich geschlossen zu sein und scheint die Suchenden zu befriedigen, das genügt!“ 1423 Sollten sich nun doch wider Erwarten in Amerika „Suchende“ finden lassen, die mit dem Lehrgebäude des AMORC auf Dauer nicht zufrieden seien, so erklärte Tränker sich gerne bereit, diesen zu helfen. An diesem Punkt knüpfte er an alte Antiquariatstraditionen an. Er offerierte Lewis eine Liste mit historischen Rosenkreuzerbüchern, die er als Dubletten in der pansophischen Logenbibliothek verwahrte. Er suggerierte Lewis dabei, dass es wichtig sei, diese zu studieren, um sich den wahren Lehren der Rosenkreuzer zu nähern. Spencer Lewis muss von dem Angebot Gebrauch gemacht haben, denn in der November-Ausgabe des Rosicrucian Digest findet sich die Aussage: „I wish that we could tell our members at the present time of the many valuable books, manuscripts, and papers of rare teachings, and marvelous knowledge that are now revealed to us and to the rest of the world from the archives and „tomb“ of the original C. R.-C. foundations.“ 1424 Lewis trug Tränker eine Mitgliedschaft in seinem AMORC an, was der Gefragte jedoch dankend ablehnte. Ablehnend stand Tränker auch Lewis’ Plänen gegenüber, eine gegenseitige Anerkennung als Rosenkreuzer schriftlich zu bestätigen. Tränker meinte dazu: „Gegenseitige Bestätigungen, Charters etc. brauchen wir nicht, wir werden ja sehen, wie der Geist des Rosenkreuzes das Innere nach Aussen kehrt und ob wir uns erkennen vor den Toren der Stadt der Pyramiden!“ 1425 Tränkers Antwort zeigte deutlich, dass er nicht wirklich an einer Mitgliedschaft im AMORC interessiert war. Lewis gegenüber betonte er am Schluss des Briefes eindrücklich seine Positionen. Er unterzeichnete den Brief mit der pansophischen Formel  1423  König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000), S. 76.

 1421  König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000), S. 74 f.

 1424  AMORC (Hrsg.) – The Rosicrucian Digest, November 1930, S. 296.

 1422  a. a. O., S. 75.

 1425  König – Noch mehr Materialien zum O.T.O. (2000), S .76.

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30. Tränker und die „Sexualmysterien“ Bevor wir uns dem Thema „Sexualmysterien“ in Bezug auf Heinrich Tränker nähern, möchte ich erst ein paar einleitende Worte vorausschicken. Für die meisten Außenstehenden wurde erst bekannt, dass sich Tränker mit diesem speziellen Themenfeld befasst hatte, nachdem Peter-R. König das Werk Die entschleierten „Sexualmysterien“ der „Pansophie“ und ihres Führers Recnartus – Traenker! Eine offene Anklage und Warnung von Dr. Alfred Strauss im Jahre 1996 erstmals ausführlich 1521 einem breiten Publikum präsentierte 1522. Tränker war mit seinem Interesse an der Sexualität bei Weitem kein „Trendsetter“. Im Gegenteil, er folgte damit nur einer Bewegung, die sich seit dem 19. Jahrhundert immer offener ihre Bahnen brach – der sexuellen Revolution 1523. Wenn man auch primär die 60er- und 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts mit diesem Begriff in Verbindung bringt, so reichen deren Wurzeln doch viel weiter zurück. Seit der Französischen Revolution hat es in Mitteleuropa immer wieder soziale Bewegungen gegeben, die sich für die „freie Liebe“ einsetzten. Wobei unter „freier Liebe“ in erster Linie die Möglichkeit gemeint war, sich seinen Lebenspartner oder seine -partnerin frei zu wählen und nicht nach Standes- oder Vermögensgesichtspunkten. Heute ist die Liebesehe so selbstverständlich, dass man sich kaum mehr vorstellen kann, wie revolutionär diese Forderung in jenen Tagen war. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann ein öffentlicher Diskurs über die Sexualität, aus dem sich eine neue Bewegung formte, die sich für eine „Sexualreform“ einsetzte. In Berlin gründeten 1905 Karl Vanselow (1877–1959) und andere die Vereinigung für Sexualreform. Die von Vanselow et al. herausgegebene Zeitschrift 1524 Die Schönheit  1525, die sich dem  1521  D  a zuvor in der Zeitschrift „AHA“ nur Auszüge veröffentlicht wurden, lasse ich sie hier außer Betracht.  1522  D  er Text wurde erstmals abgedruckt in: König – Das Beste von Heinrich Tränker (1996), S. 298–355. Am Schluss meines Buches habe ich im Anhang VIII „Briefwechsel zwischen Alfred Strauss, Heinrich Tränker und Schwester Jehewida“ noch einmal den etwas erweiterten Briefwechsel der drei wiedergegeben.

Reformwesen verpflichtet fühlte, war eine von Heinrich Tränkers favorisierten Zeitschriften in dieser Zeit 1526. „Viele edle und gute Menschen arbeiten schon lange an einer neuen Ethik und Sexualmoral und Sie finden in Vanselows „Schönheit“, Dresden, vieles dergl., was ganz hervorragend ist, um eine künftige Glückseligkeit der Menschen herbeizuführen.“ 1527 „Neue Ethik“ oder „neue Sittlichkeit“ waren die damaligen Schlagwörter für ein Plädoyer für eine freiere Sexualmoral. Ein jeder oder eine jede sollte so lieben dürfen, wie es ihm oder ihr wünschenswert sei. Zum Teil wurde die Ehe als Institution grundsätzlich abgelehnt, zum Teil relativierte man ihre Bedeutung, denn eine Ehe ohne Liebe sei allemal unmoralischer als eine wirkliche Liebe ohne Ehe. Tränker lehnte die Ehe als Institution ab. In einem Brief, den er 1927 an seine kurzzeitige Geliebte Martha Kühn schrieb, kann man seine persönliche Einstellung zur Ehe gut ablesen. „Da stolperst Du wieder über die Ehe, indem Du behauptest, dass sie eine von Gott eingesetzte Institution sei, während ich das gerade Gegenteil behaupte und überhaupt eine derartige staatliche sexuale Bindung nicht anerkennen kann.“ 1528 Weiter schrieb er an Martha Kühn, alias Schwester Jehewida: „Die Liebe erobert sich ihr altes Feld wieder zurück und wird in nicht zu langer Zeit die heutigen Eheformen zerstört haben. Darauf arbeiten wir als Pansophen heute schon hin, sind also durchaus die Revolutionäre des Ehetums der bürgerlichen Moral.“ 1529 Ob Tränker diese Sätze wirklich ernst meinte oder ob sie nur seinen sexuellen Träumen geschuldet waren, sei im Moment noch dahingestellt. Doch woher kamen solche Überlegungen? Wir wissen, dass Heinrich Tränker nicht der Erste war, der sich diesem „Problem“ zugewendet hatte. Es stellt sich für mich daher die Frage, ob sich möglicherweise potenzielle Quellen für Tränkers „sexualreformerische“ Bestrebungen

 1523  A  ls Einführung zu diesem Thema sei auf den Aufsatz von Ulrich Linse – Sexualreform und Sexualberatung, in: Krebs/Reulecke (Hrsg.) – Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880–1933 (1998), S. 211–226 hingewiesen.  1524  K  arl Vanselow veröffentlichte auch von 1906 bis 1926 die Zeitschrift „Geschlecht und Gesellschaft“ und „Sexualreform. Beiblatt zu Geschlecht und Gesellschaft“.

 1526  Im Rahmen der Zeitschrift „Die Schönheit“ gab es ein Themenheft mit dem Titel „Zukunftsehe. Eine Sammlung von Bekenntnissen“, XXI. Jg. (1925), Heft 3.

 1525  D  er Verlag von „Die Schönheit“ vertrieb auch das von Reuss übersetzte Werk „Lingam-Yoni“ (1906). Siehe dazu den Hinweis in: Oriflamme, 5. Jg. 1906, Heft 2 (Juli–Dezember), S. 99. Karl Vanselow warb seinerseits in der Oriflamme für seine Zeitschriften „Die Schönheit“ wie auch für „Geschlecht und Gesellschaft mit dem Beiblatt Sexualreform“. Oriflamme, 5. Jg 1906, Heft 1 (Januar–Juni), S. 48.

 1527  Brief von Tränker an Schwester Jehewida vom 23.7.1926.  1528  T  ränker im Januar 1927 in einem Brief an Schwester Jehewida. Siehe: König – Das Beste von Heinrich Tränker (1996), S. 335.  1529  a. a. O., S. 335.

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identifizieren lassen. Dabei darf man nicht aus den Augen verlieren, dass Tränker sein Wissen stets aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen hat. Daher ist es für uns heutzutage leider unmöglich, alle ausfindig zu machen. Wir müssen uns auf die beschränken, die wir zweifelsfrei bestimmen können. Eine historische Gruppe benannte Tränker in seiner Zeitschrift Pansophia: „Die BRUDERSCHAFT VOM FREIEN GEISTE, eine zwar pansophisch orientierte, aber durch einige fanatische Irrtümer fehlgeleitete Bewegung der Vor-Reformation […].“ 1530 Hinter der Bruderschaft verbarg sich eine Laienbewegung, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts im schwäbischen Ries auftauchte. Sie fand schnell Anhänger und breitete sich über Süd- und Westdeutschland bis nach Frankreich und Italien aus. Ihre Gedanken pantheistisch-quietistischer Mystik verbanden sie mit politisch-sozialen Reformideen. Ihr Ziel war eine religiöse Vollkommenheit und völliges Einswerden mit Gott. Mit ihren Vorstellungen eckten sie massiv bei der kirchlichen Hierarchie an. Vor allem als bekannt wurde, dass der Vollkommene keine Priester und keine kirchlichen Gnadenmittel mehr brauche. Die Bruderschaft glaubte sogar, der Vollkommene sei über die Sünde erhaben. Dieser Punkt erregte die Gemüter ihrer Gegner. Sie warfen der Bruderschaft vom freien Geiste daraufhin vor, in ihrem Glauben die Sünde zu erlauben 1531. Man verdächtigte die Bruderschaft, die Ehe abzulehnen und sich sexuellen Ausschweifungen hinzugeben. Man bezeichnete sie als Adamiten oder Adamier, wobei der Begriff vermutlich ein Synonym für verschiedene ketzerische Gruppierungen war. Woher die Bezeichnung „Adamiten“ stammt, ist nicht ganz klar. Einerseits wird vermutet, dass es der Name eines der Beteiligten gewesen sei, andererseits wird es vom biblischen „Adam“ abgeleitet. Da der erste Mensch vor Gott im Paradies nackt gewesen sei, so folgten sie seinem Beispiel und sollen auf ihren Versammlungen ebenfalls nackt gewesen sein. Die von kirchlicher Seite erhobenen Vorwürfe des Nacktkults und der damit unterstellten nächtlichen Orgien sind jedoch sehr zweifelhaft. Inwieweit die Bruderschaft vom freien Geiste Tränkers Vorstellungen z. B. bei der Ablehnung der Ehe beeinflusste, ist nicht klar. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass er sich mit ihr historisch auseinandergesetzt hat und die zeitgenössische Diskussion in seine persönlichen „sexualreformerischen“ Bestrebungen übernommen hat.  1530  Tränker (Hrsg.) – Pansophia. Monatsschrift, 1. Jg. 1928, Heft 1/2, S. 55.  1531  Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 1, Sp. 91 f.

Betrachten wir hierfür erst einmal in groben Zügen Tränkers geistesgeschichtlichen Werdegang. Wir wissen, dass er eine Entwicklung von der Theosophie über den O.T.O. bis hin zur Pansophie durchlaufen hat, wobei die beiden Letztgenannten mehr oder weniger parallel abliefen. Die Pansophie als mögliche Quelle für seine sexualreformerischen Kenntnisse kommt allerdings von Anfang an nicht in Betracht, da sie, wenn auch auf historischen Wurzeln beruhend, dennoch Tränkers eigene Weltanschauung war. Tränkers theosophische Zeit war geprägt von der I.T.V. in Leipzig. Deren theosophische Vorstellungen mit sexualreformerischen Gedanken in Verbindung zu bringen, wie Tränker sie verstand, ist absurd. Die Zielrichtung der Theosophen in Leipzig ging in eine andere Richtung. Die neben Franz Hartmann wichtigste Persönlichkeit der I.T.V., Hermann Rudolph, fasste es in diese Worte: „[…] die Einehe entspricht dem göttlichen Gesetz, da durch sie die Entwicklung der Menschheit am besten gefördert wird, während die Vielweiberei und die sogenannte freie Liebe dieselbe hindern. Es gab, wie berichtet wird, in der Vergangenheit ein Volk, das die gesetzliche Ehe und die Familie aufhob, doch infolge der schlechten Erfahrungen den Versuch bald wieder aufgeben mußte.“ 1532 Selbst wenn einzelne Theosophen persönlich mit dieser Linie nicht im Einklang waren, so stellte die von Rudolph vertretene Ansicht dennoch eine Art „offizielles Bekenntnis“ der I.T.V. dar. Die Leipziger I.T.V. kommt somit als möglicher Ursprung für Tränkers Gedanken nicht in Betracht. Als einzige infrage kommende, nachvollziehbare Quelle für Tränker bleibt nur der O.T.O. übrig. Um uns dem O.T.O. zuwenden zu können, müssen wir allerdings unsere Betrachtungsweise etwas ändern. Im O.T.O. ging es, so viel sei schon einmal vorweggesagt, primär nicht um eine angestrebte Sexualreform, obwohl gerade die von Reuss vertretenen Ansichten eine größere sexuelle Toleranz seiner Mitmenschen erforderten. Im O.T.O. wurde die Bedeutung von Sexualmysterien gelehrt, worunter ich das bewusste Nutzen von sexuellen Energien verstehe. Da Tränker mit diesem „Lehrstoff“ vertraut war, wie spätere Dokumente noch belegen werden, möchte ich der Frage nachgehen, woher er sein Wissen haben könnte. Wenden wir uns daher wieder denen zu, die mit dem O.T.O., ob angebracht oder nicht, in einem Atemzug genannt werden: Carl Kellner (1850–1905), Theodor Reuss (1855–1923) und Aleister Crowley (1875–1947).  1532  R  udolph – Die Ehe (1917), S. 17. In dieselbe Richtung weist auch der Aufsatz von Reich-Gutzeit – Die Ehe und die theosophische Jüngerschaft. In: Theosophische Kultur. Monatsschrift, III. Jg. 1911, Heft 5, S. 178–187.

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Leseprobe "Heinrich Tränker als Theosoph, Rosenkreuzer und Pansoph"