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10-2014

GESICHTER & GESCHICHTEN

MAGDEBURG KOMPAKT

Ein Abschied, der nicht geht Fast 20 Jahre wirkte er an höchster Stelle für die Magdeburger Kulturlandschaft. Jetzt nimmt „Mr. Kultur“ Abschied von seinem Amt und wird sich kaum verabschieden können. Von Thomas Wischnewski

B

evor am Abend des 30. Oktobers der 90-jährige Altmeister Menahem Pressler im Opernhaus für ein Mozart-Konzert in die Tasten des Flügels greift, wird im Saal erwartungsvolle Stille sein. Die Zuschauer schenken den Musikern Ruhe für die Konzentration. In der ersten Reihe wird jedoch ein Mann sitzen, der äußerlich sicher denselben stillen Respekt zeigt wie jeder im Publikum, dessen Inneres jedoch von unruhigen Gedanken geflutet sein könnte. Wenn vor Menschen unbekanntes Terrain liegt, Herausforderungen, für die jegliche Erfahrungen fehlen, versucht man das Kommende gedanklich zu fassen. Doch die Suche im Innern schenkt keine schlüssigen Antworten. Das Unbekannte kann nicht gedacht werden. Dr. Rüdiger Koch, Magdeburgs Bürgermeister sowie Beigeordneter für Kultur, Schule und Sport erlebt an diesem 30. Oktober seinen letzten Auftritt in Amt und Würden. Er will dem Magdeburger Ehrenbürger Pressler in Vertretung des Oberbürgermeisters die Aufwartung machen. Vor Rüdiger Koch liegt nach über 19 Jahren Wirken in der Elbestadt der Ruhestand. Diese künftig verordnete Arbeitsruhe wird ihm schon deshalb besonders transzendent vorkommen, weil er einem Innehalten in den letzten zwei Jahrzehnten konsequent ausgewichen war. Welche Unruhe den studierten Geisteswissenschaftler und Pädagogen Koch am Vorabend seines neuen Lebensabschnittes auch treiben mag, man muss auf seine zurückliegenden Lebensbewegungen schauen, um zu erkennen, dass Ruhe jedenfalls keine ihm eigene Wesensart ist. Für die Sitzung des Stadtrates am 2. Oktober hatte Rüdiger Koch im Vorfeld in allen Fraktionen unermüdlich für die finanzielle Sicherstellung Magdeburgs im Bewerberverfahren zur Kulturhauptstadt Europas geworben. Dieses Engagement mag durchaus als Indiz herhalten, dass der Beigeordnete seinem Amtsnachfolger Prof. Dr. Matthias Puhle wenig angefangene Aufgaben hinterlassen will. Andererseits ist es ein Beispiel dafür, mit welcher Vehemenz

sich Koch innerhalb seiner Verantwortungsbereiche für Projekte und Ideen einsetzte. Rüdiger Koch ist ein leidenschaftlicher Botschafter für Magdeburgs Kulturlandschaft. Ergreift er einmal das Wort, um Entwicklungen oder Argumente für ein Vorhaben aufzuzeigen, wird sein starker Motor, der ihn unermüdlich anzutreiben scheint, erkennbar. Als der am 13. Oktober 1949 in Rendsburg geborene Rüdiger Koch 1995 in den Dienst der Landeshauptstadt getreten war, lagen gerade mal vier Jahre Arbeit an der Spitze des Braunschweiger Kulturamtes hinter ihm. Während des Neujahrsempfangs in der niedersächsischen Partnerstadt, im Januar ‘95, begegnete Rüdiger Koch erstmals Oberbürgermeister Willi Polte und kurz darauf legte ihm der damalige Braunschweiger Stadtdirektor nahe, sich in Magdeburg für die Beigeordneten-Stelle zu bewerben. Koch hatte bereits andere Jobangebote ausgeschlagen; beispielsweise Abteilungsleiter im niedersächsischen Kultusministerium zu werden. Dafür hätte er allerdings das SPD-Parteibuch gegen eines der CDU eintauschen müssen. Fahnenwechsel für die Karriere – das schmeckte ihm nicht. Dafür schien Magdeburg eine Verlockung zu sein. Natürlich war der Posten im Osten ein beruflicher Aufstieg und versprach eine höhere Besoldung. Allerdings war Koch einer der ersten NichtMagdeburger aus dem Westen, für den im Dienstvertrag Ost-Tarif galt. Die Entscheidung pro Magdeburg war für ihn auch eine, die im Einklang mit der Frau und den Kindern getroffen worden war und es gab diese früheren Familien-Wurzeln in Salzwedel. Man kann die Magdeburger manchmal als etwas spröde und skeptisch wahrnehmen. Doch ist jemand bereit, sich auf Stadt und Menschen einzulassen, lässt sie sich auf Neuankömmlinge ein. Rüdiger Koch hat sich eingelassen und betont heute gern, die Elbestadt als Heimat zu begreifen. Seine Tochter und sein Sohn sind hier zur Schule gegangen und haben den Weg ins Leben gefunden und der Vater Aufgaben von großer Tragweite. 1995 – das war die Zeit, in der die ersten großen Bau-Projekte nach der deutschen Einheit keimten und Koch war mittendrin im Umbau, Aufbau und Neubau der Stadt und ihrer Kultur-, Sportund Bildungseinrichtungen. Möglicherweise war es eben diese einmalige historische Dynamik, die einen Menschen ganz ergreifen und ihm selbst einen inneren Persönlichkeitsumbau abverlangen kann. Koch wollte in Magdeburg Fuß fassen, existenziell, emotional, politisch und kulturell. Deshalb war er sicher ständig unterwegs. ,Der tanzt auf jeder Hochzeit’ – dieses Siegel haftete ihm bald an. Doch es war nie negativ gemeint, sondern war nur eine treffende Beschreibung sichtbarer Tatsachen. Rüdiger Koch musste tief in das Leben der Stadt eintauchen. Schulen, Theater, Kindertagesstätten, Sportanlagen, Schwimmhallen und Freibäder galt es zu sanieren, zu modernisieren und gar völlig neu zu bauen. In seine Amtszeit fallen quasi alle städtischen Kultur-, Sport- und Schulbauten. Das

Opernhaus entstand nach dem Brand am 20. Mai 1990 neu. Die Kammerspiele wurden grundlegend saniert. Das Konservatorium Georg-Philipp Telemann, die Zentralbibliothek, das Gesellschaftshaus, die Sanierung des Kulturhistorischen Museums mit Neubau des Südanbinders, die zentralen Theaterwerkstätten und Stadtteilkulturzentren entwickelten sich unter Kochs Ägide. Die Liste ließe sich lange fortschreiben. Selbst nennt er gern die riesige Zahl von rund 600 Millionen Euro, die seit 1995 in seinen Fachbereichen bewegt wurden. Es mag sein, dass Rüdiger Koch nicht jedem einzelnen Kulturschaffenden und Künstler gerecht geworden ist. Dass manche die Ergebnisse der Kulturarbeit als unvollständig oder verkürzt betrachten. Nur muss man gerechterweise dagegenhalten, dass die Natur der Aufgabenfülle, die auf dem Beigeordneten lastete, mit Sicherheit keine angemessene Gerechtigkeit für jeden einzelnen herstellen konnte. Vorhaben sind unter ihm jedenfalls nicht schlummernd liegen geblieben. Im Gegenteil, Koch war stets der Motor dahinter, der gerührt hat, dass sich etwas bewegt. Manchmal vielleicht zum Leid seiner nahen Mitarbeiter, die seiner Ungeduld und seinen Tempovorgaben schwer standhalten konnten. Rüdiger Koch versteht sich als 24-Stunden-Beigeordneter. Schul-, Kultur- und Sportbetrieb ist nämlich immer. Also war auch Koch immer – oder wie es andere formulierten: ,Der tanzt auf jeder Hochzeit’. Für Koch war dieser Tanz ein tiefes Lebensanliegen. Nur wer dabei ist, kann wissen, worum es geht. Der Beigeordnete wollte es wissen und war eben dabei. Deshalb ist er oft auch ein wandelndes Zahlen- und Argumentenwerk. Wenn er von einer Idee überzeugt war, legte er sich mit ganzer Energie ins Zeug. Das Scheitern des Kulturjahr-Projektes 2007 schmerzte ihn besonders. Die Haushaltslage der Stadt war vor sieben Jahren derart prekär, dass so ein Großvorhaben nicht realisiert werden konnte. Rüdiger Koch hätte in einem Kulturjahr gern gezeigt, welche Potenziale in Magdeburg schlummern, Künstler und Kulturschaffende hätten Raum, Zeit und Aufmerksamkeit erhalten sollen, um Können und Kreativität unter einer erweiterten Öffentlichkeit unter Beweis stellen zu können. Wenn überhaupt jemand Zweifel an Vielfalt und kulturellem Engagement in Magdeburg äußert, ist es Rüdiger Koch, der aus seinen 19 Jahren Arbeit einer Kritik endlose Aufzählungen über Veranstaltungen, bauliche Entwicklung und Initiativen entgegenschmettern kann. Kultur ist eben ein weites Feld und dem Überblick des Beigeordneten kann da kaum jemand Paroli bieten. Einerseits bringen die Inhalte der Arbeit die Fakten mit und andererseits ist es der Mensch selbst, der diese Inhalte aufsaugt, deren Ergebnisse verinnerlicht und weiterträgt. Das Klagelied über mangelnde städtische Mitwirkung in der Kultur ist stets schnell angestimmt. Allerdings musste man sich in der Vergangenheit dann auch der Argumentationskraft des Rüdiger Koch entgegenstellen. Der jetzt 65-Jährige kontert dann mit dem zehnprozentigen Kultur-

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MD KOMPAKT 10 - 2  

Die zweite Oktober-Ausgabe

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