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Architektur in unruhigen Zeiten Architecture in times of unrest Hannelore Deubzer

Keine menschliche Tätigkeit greift seit jeher so massiv und nachhaltig in den Stand der Dinge und den Lauf der Zeiten ein wie die Architektur. Ruinenstädte, Monumente, Mauern, Säulen, Relikte aus Jahrtausenden zeugen davon, Orte der Zuflucht und der Zugehörigkeit. Architektur behütet und beschränkt, stiftet Identität und setzt Grenzen, Grenzen nach innen und außen, auch Grenzen der Selbständigkeit.

Few of mankind’s activities have had such a massive and lasting impact on the state of things and the passage of time as architecture. Ruined cities, monuments, walls, columns, and other relicts from times past remain as a testimony to places of refuge and of belonging. Architecture shelters us and also limits us, it engenders identity and sets boundaries, boundaries that keep others out, but also ourselves in, boundaries that limit our independence.

Fünf von sechs Bewohnern der Industrienationen sind mittlerweile von der Zivilisation und ihren Segnungen so abhängig, dass sie ohne diese nicht überleben könnten. Die Abhängigkeit tarnt sich als Gewohnheit und Komfort. Wir brauchen uns nicht darum zu sorgen, wo unser Essen herkommt und unsere Kleidung, Wärme und Wasser, Kommunikation, Mobilität, Medikamente und vieles mehr. Am reibungslosen Funktionieren und permanenten Optimieren unseres Alltags, am Entwurf und an der Ausführung eines perfekt arrangierten technischen Environments ist Architektur maßgeblich beteiligt.

Five of every six people in industrialized nations are now so dependent on civilization and its conveniences that they are no longer able to survive without them. We have become so accustomed to its comforts, that we are unaware how dependent on them we are. We don’t need to worry where our food comes from, or our clothes, heating, water, communications, mobility, medication and more. Architecture plays a crucial role in ensuring the smooth functioning and continual optimization of our everyday lives, and in the design and ongoing workings of our perfectly arranged, technically optimized environment.

Architektur ist Sammelbecken und Katalysator ungezählter praktischer Erfindungen und Anwendungen, welchePhysik, Chemie und die Ingenieurswissenschaften fortlaufend generieren. Zu Wand und Licht, den alten Königsmitteln der Architektur, haben sich Heerscharen von Helfern und Helfershelfern gesellt - Materialien und Methoden, Maschinen, Werkzeuge, Technologien und Baustoffe, die eine uralte Tradition binnen weniger Jahrzehnte von Grund auf verändert haben. Um den Wandel noch einmal zu veranschaulichen: Als 1871 das große Feuer von Chicago fast 20.000 Häuser zerstörte und das in Schutt gelegte Areal eilends wieder aufgebaut wurde, schlug die Geburtsstunde der architektonischen Moderne. Noch vor 1900 waren die Wolkenkratzer bereits 100 Meter hoch, um das Jahr 2000 wurden 500 Meter erreicht und um 2020 soll die Einkilometermarke fallen. Stahl, Glas und künstliches Licht wurden zu Hauptgestaltungsmitteln der Architekten, das Reißbrett machte einer Software Platz, die nicht nur die All-

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Vorwort Preface

Architecture is a melting pot and catalyst for innumerable practical inventions and applications brought forth by modern physics, chemistry and engineering. The age-old art of placing walls and controlling light has been augmented by a whole host of aids and accessories: new materials, methods, machines, tools, technologies and building products have transformed a traditional practice over the space of a few decades. By way of illustration, we need only consider Chicago: the rebuilding of the city after nearly 20,000 houses were destroyed in the Great Fire of Chicago in 1871, marks the birth of modernism. Not long after, at the turn of the century, the first skyscrapers were reaching 100 meters into the sky. One hundred years later in 2000, the 500 meter mark was reached and by 2020, some buildings may be a kilometer high. Steel, glass and artificial light have become the main design means of architects, and drawing boards have given way to computer software that not

Profile for Fakultät für Architektur TU München

Jahrbuch 2015  

Jahrbuch der Fakultät für Architektur, TUM mit einem Schwerpunkt auf Forschung und Entwicklung

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