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ein Malerleben


WAS HEISST MODERNE MALEREI? ES GIBT MODERNE KRAWATTEN, MODERNE SCHUHE, MODERNE AUTOS – ABER KUNST UNTERLIEGT NIEMALS DEN ANSPRÜCHEN DER MODE. Oskar Kokoschka


Komposition, Öl, 2003, 56,5 × 55 cm


Alfred Wittwar ein Malerleben Herausgeber Jรถrg Loskill


IMPRESSUM Druck und Verlag: Gronenberg GmbH & Co. KG, Wiehl www.gronenberg.de ISBN 978-3-88265-272-7 Lithografie: Klartext Medienwerkstatt GmbH, Essen Fotos: Manfred Abeck Günter Koch Tünn Konerding Alfred Wittwar Frank Vinken Bodo Mäuser Papke Otto Häublein Gestaltung: Heiner Jahn Copyright by: Alfred Wittwar Titelbild: Häuser im Süden, Öl, 1991, 20 × 28 cm 6


INHALT

In der Ausstellung, Öl, 1983, 4 × 32 cm

9 Vorwort 15 Interview „Das Sehen bedeutet für mich immer Fühlen – man arbeitet nicht in einem leeren Raum“ 22 Der Theatermaler 24 Begegnungsort Theater 37 Die Bilder als Bühne und die Befragung des Irgendwo 42 Stillleben 44 Architektur 52 Porträt 56 Stühle und Interieur 62 Italien 71 Baum und Natur 75 Brief eines Freundes 83 Lichtmagie 86 Dach – Tür – Fenster 90 Das konstruktive Element 95 Biografie – Ausstellungen 


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Er arbeitete mit den großen Theaterleuten seiner Zeit: mit Barrault, mit Leininger, mit Piscator, mit Ponnelle, mit Schumacher, mit Fontheim usw. Das hat abgefärbt. Alfred Wittwar hat die Bühne mit ihrem Raum für Dialog, für Kommunikation, für Begegnung, aber auch für Konflikte, Ängste, Utopien, Stille verinnerlicht. Das liest man aus den Bildern dieses (Theater-) Malers, der sich nie Moden unterworfen hat. Wittwars verschachtelte Bildarchitekturen mit ihren emotional austarierten Farbkombinationen und -schichten dokumentieren beides; die Nähe zum Theater und die Loyalität zum eigenen Auftrag.

Auswahl, sein sinnliches Verständnis sind jedoch spektakulär und souverän. Dieses Buch zieht Bilanz. Ein Lebenswerk, das zum Glück für den Künstler noch längst nicht zu Ende ist, wird ausgestellt. Dass dieser Maler in großen Traditionen steht, wird dabei deutlich. Er schlägt eine Brücke zwischen mediterranen Lichtstimmungen und deutschem, poetischem Expressionismus. Jörg Loskill

VORWORT

Der heißt: Bilder für Menschen, für deren sinnliche Wahrnehmung zu gestalten. In Grau- und Blautönen, in Gelb- und Ockerfarben, in Rot- und Grünschichtungen. Wittwars Tableaus sind figurale Bühnen-Bilder für das Leben, das den Menschen ebenso einschließt wie die Natur, die Landschaft, das Stillleben. Aber die menschliche Proportion blickt bei allem durch. Kein Pathos, keine große Gestik, kein aufdringlicher Appell, keine Provokation. Das Gegenteil ist der Fall: Wittwar malt ästhetisch ruhige, in sich gekehrte Motive, die auf das Innere der Seele zielen. Wittwar drängt nicht auf Sensationelles. Sein Blick, seine 9


Meine Mutter, Kohle, 1943, 53 Ă— 38 cm 10


Liegende, Öl – Bleistift, 1943, 35 × 56,5 cm 11


Sonnenblumen, Stillleben, Öl, 194, 41,5 × 60 cm

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Pfeifenraucher, Öl, 194, 40 × 33 cm

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Junger Mann, Öl – Bleistift, 1948, 51,5 × 32,5 cm

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Stehende Frau, Öl – Bleistift, 1948, 58 × 33,5 cm


„DAS SEHEN IST FÜR MICH IMMER FÜHLEN – MAN ARBEITET NICHT IN EINEM LEEREN RAUM“ Interview mit Alfred Wittwar Wie sind Sie in die Kunst der Region hineingewachsen? Gab es Vorbilder, Menschen, die Ihnen diesen Weg öffneten, hatten Sie väterliche Freunde? Ich bin in Essen geboren. Die Zeche Amalie war nicht weit von uns entfernt, so habe ich die Industrie immer als nah empfunden. Aber eine besondere Affinität zur Industriekultur, wie sie für viele inzwischen wichtige Fotografen des Ruhrgebietes entscheidend wurde, lag und liegt bei mir nicht vor. Andererseits: Meine kreative Arbeit hat sich nicht im leeren Raum entwickelt. Chemie, Kohle, Stahl, Krupp, Arbeitersiedlung, Villa Hügel – das alles habe ich schon aus nächster Nähe erlebt, das hat mich als Mensch und als Revierbürger geprägt. Aber dass ich auf diese Themen angesprungen wäre, nein, das kann ich nicht sagen. Meine künstlerischen Schwerpunkte wurden entwickelt aus meiner Theatertätigkeit, meiner Naturliebe, meinem Naturinteresse, meiner Leidenschaft für Lichtstimmungen auf dem italienischen Stiefel,

meiner allgemeinen Beobachtungsgabe von Strukturen, Konstruktionen, Achsen, Formen. Welchen Einfluss hatte der Krieg und die Nachkriegszeit auf ihre persönliche Biografie und die künstlerische Entwicklung? Ich bin Jahrgang 192. Das heißt, ich war bei Kriegsbeginn 1939 zum Glück noch zu jung. Ich bin zwar später, ab 1944, zum Wehrdienst verpflichtet worden. 1945/46 war ich leider auch in Gefangenschaft. Aber ich konnte ab Anfang der 40er Jahre das Malerhandwerk erlernen. Parallel dazu besuchte ich die Folkwang-Abendklassen, um meine künstlerischen Talente zu fördern. Als ich 1946 eine Anstellung bei den Bühnen der Stadt Essen als Theatermaler erhielt, war das für mich gleich nach Ende des Krieges eine große Perspektive und die Erfüllung eines beruflichen Wunsches: Ich konnte in einem großen theatralischen Apparat Wesentliches mitgestalten. Das hat mich damals ganz gefangen

genommen. Außerdem: Wir Jungen hatten Hunger nach internationaler Kunst, nach den Entwicklungen in den Nachbarländern und in Übersee. Wir haben gelesen und geschaut, aufgesaugt und verglichen, nachgemacht und nach eigenen Positionen gesucht. Das war eine spannende prägende Phase am Theater, in der bildenden Kunst. Schließlich bekam ich so Zugang zu neuen stilistischen Merkmalen, beispielsweise der abstrakten Kunst. Was die Katastrophe des Weltkrieges anbelangt: Das habe ich ausgeklammert. Da fand ich keinen Inspirationszugang. Es gibt für mich auch andere Tabu-Felder. Das ist doch eigentlich eine normale Entscheidung, die fast jeder Künstler für sich trifft. Wie haben Sie denn die beiden Bereiche, hier die freie Kunst, dort die illustrative Seite der Prospekt- und Kulissenmalerei, unter ein systematisches, modellhaftes Dach bekommen? Gab es Verzahnungen, Beziehungen untereinander? 15


Die Bühne: ein Raum, viele Facetten. Und bei jedem Stück, bei jeder Produktion, bei jeder Oper, bei jedem Schauspiel für uns ein künstlerisches Zuhause. Auch wenn der Entwurf von einem Bühnenbildner-Kollegen kam: Die Ausführung lag bei uns. Das war immer ein spektakuläres, wenn auch sachlich und ruhig ablaufendes Arbeiten. Die Beziehung zur allgemeinen künstlerischen Technik oder zu Tendenzen war ebenfalls durch die Zusammenarbeit mit Bühnenbildnern programmiert. Einseitig ist unsere Visualisierung von Themen, Motiven, Orten, Illusionen, Bühnenwelten nie geworden. Schließlich erlebten wir in der Umsetzung auch die verschiedenen -ismen: Nur spricht man im Theater kaum von Expressionismus, Impressionismus, Neuer Sachlichkeit, Tachismus, Informel, abstract painting und so weiter. Das war doch das, was wir bei Folkwang in der studentischen Ausbildung vermittelt bekamen. Das war also unser selbstverständliches Rüstzeug, die Basis, die wir kennen mussten, von der aus wir unsere Theaterbilder gestalteten. Aus innerer Überzeugung heraus, dass dieses Sujet, dieses Motiv, dieses Detail, diese Farbfläche nur hier und in diesem Stück wirklich sein konnte. Dass wir eine Atmosphäre schu16

Mann mit blauer Jacke, Öl, 1942, 25,5 × 15 cm

fen, die auf den Kern des Schauspiels oder der Oper hinwies: Dass wir für ein genaues künstlerisches Klima sorgten. Sicher, ich kannte die verschiedenen künstlerischen Entwicklungen des internationalen Marktes. Und darin musste ich meine Sprache, meine Intuition, meine Aussage finden. Konkrete Kunst oder reiner Konstruktivismus, das waren nie meine Favoriten. Ich sehe das Quadrat (als Fenster), das Objekt (beispielsweise als Architektur), die Landschaft (sonnendurchglüht), die menschliche Figur, dies in der Bewegung oder meditativ im Raum. Das zu zeigen, darum war ich immer bemüht, und darum bemühe ich mich noch heute. Eine Fläche wird formal und farblich ge- und zergliedert: Das ist doch das Prinzip der Bildenden Kunst, der Malerei. Welche Rolle spielte Ihre zweite Heimat, Peschici in Apulien, für Ihren Werdegang? War es vor allem das Licht, was Sie dort faszinierte?

Mann mit Flasche, Öl, 1958, 62,5 × 45 cm

Jeder Gast, Freund, Kenner der mediterranen Länder, genießt das Licht, dieses Fluten von Lichtströmen, die Zäsuren von Lichtschneisen, diese Landschaften von Lichtwelten. Das hat mich selbstverständlich auch gepackt. Da muss man ja malen!


Man will diese Stimmung festhalten, für sich einatmen, für sich gewinnen. Licht ist Farbe, Farbe ist Licht. Das ist doch so etwas wie ein Gesetz für uns Künstler. Und dann sieht man in diesem prallen oder fahlen, dampfenden oder sanften Licht Dörfer, Häuser, Plätze, Türme, Bäume, Felder, Türen, Fenster, Tore. Also male ich das, was ich sehe und vor allem, was ich bei dieser emotionalen Verfassung auch fühle. Da erfasst mich eine Art Zauber. Insofern bedeutet dieser italienische Einfluss auch eine Anlehnung oder Erweiterung an und durch die Maler und die Malerei der einst von Italien aus wesentlich bestimmten europäischen Epochen wie Romantik, Renaissance oder Klassik. Vielleicht ist durch meine vielen Aufenthalte am Stiefel Italiens noch etwas anderes in mir freigesetzt worden: die sinnliche, positive Seite, Welt, Dinge und Menschen zu betrachten. Ich fühle den Kopf, ich fühle die Zeit, ich fühle die Farben, ich fühle das Licht. Wie entstanden die ersten Arbeiten? Waren es klassische Tafelbilder? Haben Sie lange nach individuellen Ausdrucksmitteln gesucht? Als ich bei Jo Pieper an der Folkwang-Schule das Sehen

Frauenbild, Öl, 1959, 61 × 43 cm

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Figurarl XXI, Öl, 1986, 28,5 × 21,5 cm

Figurengruppe II, Öl, 1988, 58 × 58 cm

DAS THEATER IST WEDER EINE SCHULSTUBE NOCH EIN PRIESTERSEMINAR Carl Zuckmayr

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lernte. Sicher, auch schon zuvor malte ich, aber das durfte ich damals noch nicht als Eigenarbeit bewerten. Ich war immer ein Praktiker, nie ein Theoretiker also habe ich mich als junger Mensch mit Form, Figur, Nähe und Ferne auseinandergesetzt. Gerade durch den Beruf im Theater. Ich war insgesamt 41 Jahre dort, teilweise auch in verantwortlicher Stellung für Bühnenbildner. So bekam ich Professionalität, Kompetenz, Gefühl für Proportion, das Interesse an der Situation in Räumen. Das habe ich dann eigentlich immer bildnerisch erfasst. Meinen Stil, wenn ich das so sagen darf, habe ich durch diesen Brückenschlag zwischen Beruf (Theater) und Inspiration/Idee (freie Kunst) gefunden. Diese Wechselbeziehung hat mich immer geprägt. Sicher, es waren auch andere Einflüsse, die mich künstlerisch anregten. Beispielsweise meine Frau Nelly, mit der ich bis zu ihrem Tod 43 Jahre verheiratet war, Freunde wie Heinz und Ulla Lohmann, wie Intendant Schumacher, wie Folkwang-Lehrer Jo Pieper, wie Künstler-Kollegen Leo Bögel, Horst Hagenström, Wolfgang Prager, die Mitglieder der Gruppe „junger westen“, Pablo Picasso, Willi Baumeister, Giorgio Morandi, Frans Masareel, wie die Regisseure und Bühnenbildner Dominik Hart-

mann, Claus Leininger, Erwin Piscator, Jean-Louis Barrault, Jean-Pierre Ponnelle, Gerd Richter usw. Alfredo Bortoluzzi, Bauhausschüler von Klee und Kandinsky und damaliger Ballettmeister am Essener Theater, ohne den ich nicht nach Apulien gekommen wäre. Ich könnte noch mehr Persönlichkeiten aufzählen, von denen ich lernen durfte, die mir die Augen öffneten im wahrsten Sinne des Wortes. Anfügen möchte ich, dass ich heute mit einer Malerin, Roswitha Mäuser zusammen lebe. Da ist ein Dialog über ein Bild, ein Sujet ganz zwangsläufig. Das tut meiner Arbeit, meiner Befindlichkeit kontinuierlich gut. Wie gehen Sie beim bildnerischen Prozess vor? Malen Sie vor Ort? Fotografieren Sie, machen Sie sich Skizzen? Von der Idee, dem Einfall, der Intuition bis zum fertigen Bild ist es ein weiter, nur selten ein schneller Weg. Ich bin ein impulsiver Charakter, das färbt auch auf meine malerische Arbeit ab. Andererseits: Es gibt Werke, für die ich lange Zeit in Studien, in Skizzen, in Etüden investieren musste. Außerdem habe ich viel parallel gemalt. Kam ich an eine Ermüdungssituation oder war mit der bildnerischen Entwicklung nicht zufrieden, habe ich Neues

angefangen. Und Tage später kehre ich dann zum unfertigen Gemälde zurück. Dieses Springen von Bild zu Bild, von Motiv zu Motiv, von Detail zu Detail hat mich beweglich gehalten. Ich mag diese Sprunghaftigkeit, die ich selbst positiv besetze. Was ich nicht besitze: ein Sendungsbewusstsein. Ich male nicht im Auftrag für eine Ideologie, für eine Moral, für eine politische Kaste. Ich male für mich, für meinen Weltkosmos, für mein Verständnis der Umwelt. Das war und ist meine Maxime. Fehlt Ihnen heute, befreit von beruflichen Zwängen, das Theater mit seinem stimulierenden Räderwerk der vielen Abteilungen? Nein, das Thema ist abgeschlossen. Ich treffe mich zwar gelegentlich mit ehemaligen Kollegen aus dem Malersaal oder überhaupt vom Essener Theater. Aber das tägliche Produzieren, der Zeitdruck, der damit verbunden ist, das Austauschen von Meinungen im Procedere einer Inszenierung – das alles brauche ich heute nicht mehr. Ich kann jeden Tag malen aus eigenem Antrieb heraus. Das ist eine wunderschöne Grundvoraussetzung in diesem Bereich. Ich darf auch mal nichts tun und das Ruhrgebiet oder Apulien genießen. 19


Wenn Sie – dem Himmel sei Dank – von einem großen Gönner einen Millionen-EuroBetrag zur Verfügung gestellt bekommen: Wie würden Sie damit umgehen? Würden Sie sich einen Lebenstraum erfüllen? Ja, ich würde dann in der Tat diese Geldsumme einsetzen und ziemlich schnell ausgeben: für ein eigenes Museum, in dem ich meiner eigenen Bildersammlung täglich begegnen könnte. Das ist ein Universum, über das ich selbst

oft staune: das ist alles von dir, das ist das, was du alles schon erlebt und gesehen hast. Das ist ein großer Lebensreichtum, den ich in konservativem, traditionellem Tafelbild von wenigen anderen Beiträgen abgesehen, geschaffen habe. Und ich bin noch nicht am Ende angelangt. Dafür bin ich besonders dankbar. An Ideen mangelt es mir nämlich nicht. Auch nicht an Ehrgeiz. Haben Sie noch ein ungemaltes Bild im Kopf? Eine Bildutopie?

Skizzen figural, Tusche, 1980, 24 × 33 cm 20

Nein. Ich lasse mich von einem Ort, einem Lichteinfall, einem Blick, einer Perspektive, einer Figurengruppe einnehmen. So wird auch das nächste Bild sein. Oder es entstehen sogar noch viele Bilder, aber nicht als eine spektakuläre Utopie, die ich für mich einlösen möchte. Themen sind immer da. Das Gespräch führte Jörg Loskill mit Alfred Wittwar im März/April 200


Kostümskizzen, Filzstift, 1983, 28,5 × 26,5 cm 21


Die Arbeit am Essener Theater

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Springendes Pferd, Styropor-Kaschierung fĂźr eine Oper, lebensgroĂ&#x; 23


BEGEGNUNGSORT THEATER

Tanzpaar, Öl – Filzstift, 1988, 60,5 × 61 cm 24


Theatron, die Schaustätte (aus dem Griechischen) : ein durch fast alle Epochen der Menschheit wichtiges Forum für Meditation, für Rituale, für Zeremonien, für den sozialen und heldischen Spiegel menschlicher Irdigseins. Theater hat Alfred Wittwar jahrzehntelang mitgestaltet und -erlebt. Theater ist ein Teil von ihm. Er sieht sich als Handelnder und als Betrachtender. Er nimmt

zuweilen eine distanzierte, dann wieder eine stark subjektive Position in diesen Motivserien ein. Aber eines wird selbst im stilisierten, akademischen, traditionellen Blick auf die theatralische Szene deutlich: Auf der Bühne dieser Parallel- und Eigenwelt wird der Mensch selbst verhandelt. Wittwars Theaterräume, bevölkert mit tanzenden, stehenden, sprechenden, spielenden

Figuren, öffnen sich in Richtung Existenzerfahrung. Seine Bilder verlassen den begrenzten Raum und verweisen auf Zusammenhänge zwischen Gott und Mensch, Werden und Vergehen, Heldentum und Konflikt, Herz und Verstand. Und mittendrin: der „armselige“, manipulierbare, suchende Individualist, der auf das Recht, auf sein Ich pocht.

Tanzszene, Lithografie, 1959, 22,5 × 34 cm 25


Auf der Bühne, Öl, 1982, 60 × 61 cm 26


Spielszene, Öl, 1989, 58 × 58 cm 2


Drei Frauen, Kohle, 2002, 13,5 Ă— 18 cm 28


Zwei Frauen, Öl, 1965, 1 × 1,5 cm 29


Figuren aufrecht, Öl, 1983, 60,5 × 61 cm

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Figurenreigen, Öl, 1989, 39 × 58,5 cm

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Am Tisch, Öl, 1988, 21 × 29,5 cm

Zwei Figuren, Öl, 2005, 20 × 25 cm 32


Figuren, Öl, 194, 29 × 19 cm 33


Auf der Bühne, Öl, 1991, 19 × 16 cm 34


Masken, Tusche, 2005, 24 Ă— 30 cm 35


Kampfszene, Öl, 1982, 43 × 61 cm

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DIE BILDER ALS BÜHNE UND DIE BEFRAGUNG DES IRGENDWO Das Leben ist eine Bühne. Dieser Faust-nahe Gedanke beschäftigte schon viele Künstler im 19. und 20. Jahrhundert. Der „homo ludens“ braucht Räume zur Entwicklung, zum Gedanken – wie zum konkreten Spiel. Das Theater bietet diese spirituelle wie sinnliche Fläche. Der Mensch, die Figur, ob durch eine Rolle maskiert oder demaskiert, sucht sich einen Ort für reale Begegnung, für irreale Dialoge, für surreale Positionen. Die Bühne schafft diesen künstlerischen, kreativen Gegenpol zur unkünstlerischen Wirklichkeit des Alltäglichen. Theater bedeutet Fantasie und Bewusstseinserweiterung, Auseinandersetzung mit historischen Prozessen und Personen sowie einem Träumen hinein in Utopien. Das Paradies, der Himmel, der Olymp, der Weltfrieden, der Kosmos der Ideen, das Schlaraffenland, das goldene Jahrhundert, das gelobte Land usw. – all’ diese Synonyme für die Fiktion des Guten, Schönen, Wahren, Faszinierenden und Zukünftigen haben Künstler aller Epochen für sich aufgegriffen und ausgewertet.

Das tut auch Alfred Wittwar seit über 50 Jahren. Dieser Maler, mitten im Ruhrgebiet angesiedelt und beheimatet, öffnet uns die Theatertüren ins Spiel des Lebens. Er positioniert, er reiht auf, er schafft Vorder- und Hintergründe, er schaut in reale Landschaften, er träumt sich in ferne Wirklichkeiten hinein, er verrätselt, er verfremdet das Triviale, er zaubert mit Farben, er setzt magische Blickpunkte, er adelt das Banale, er weckt Freude an einer am Sichtbaren geschulten Ästhetik, er entführt uns in Zwischenreiche des Abstrakten und Figuralen, er verführt uns zu visuellen Reizerlebnissen, er verdunkelt und erhellt zugleich in bildnerischen Stimmungen, die die eigene Befindlichkeit in die der Betrachter transferiert. Das ist das ewige und gültige Gesetz der bildenden Kunst: Das Nahe wird fern, das Ferne bedrückt unsere Seele. Wittwar spielt assoziationsreich Schach auf dem Spielbrett der menschlichen Konditionen und Entwicklungen, der seelischen Weiterungen und der emotionalen Palette. Die Mal-Kunst wird zum Ferment von Denk-Bild-Stationen, in denen das Philosophieren über

Figur, Öl, 1984, 22 × 8 cm

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Mensch und Welt konfrontiert wird mit den Phänomenen des Sehens und Wahrnehmens, des Ausdrucks und der Ursprünglichkeit von bildnerischen Ideen.

Kreuzformen, Öl, 1988, 0 × 50 cm

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Alfred Wittwar reist auf den Flügeln der Poesie offenen Auges durch Tiefen und Höhen, durch Blumen- und Naturlandschaften, in originäre Bildorte, in denen sich das reine Blau mit dem sonnigen Gelb, das düstere Grau mit dem brüchigen Braun, das schmutzige Grün mit dem dämonischen Violetten verschwistern. Farben, dieser Spiegel des Lichts mit seinen Brechungen und Ironien, dienen ihm dazu, das Theater überall anzusiedeln. In italienischen Hügeln, in tänzerischen Personenkonstellationen, in Kirchenfenstern und Stillleben von atemberaubender Dringlichkeit, die das Thema der traditionsreichen oder gar konservativ sich wiederholenden Objektbegegnung spannend und träumerisch entrücken. Jedes Sujet wird bewogen und erspürt: seismographisch, befragend, bestätigend, bejahend. Wie ein roter Faden werden nahezu alle Arbeiten dieses enorm umfangreichen Lebenswerkes durchzogen von der expressionistischen Kühnheit und der kontemplativen Ruhe des Impressionismus, von der Ablösung einer gegenständlichen Figuration


und von der Beobachtungsgabe beim Dauerspiel von Licht und Schatten. Der eigentliche Schaffensprozess wird von Alfred Wittwar, der sich in keine epochalen Schablonen pressen lässt, ebenso thematisiert wie die Homo-ludens-Bühne, die keine modischen -ismen duldet. Dieser Maler schafft sich seine eigene Welt, seine eigenen Rituale, seine eigene Wirklichkeit, seine eigenen Systeme und Ordnungsprinzipien zwischen dem Schönen und Vertrauten, zwischen dem Verstörenden und dem zu Entdeckenden. Wittwar nimmt dankbar die Botschaften seiner Zeit ohne hysterische Kommentarlust auf, stattdessen sendet er Signale des Dauerhaften, Beständigen, Wunderbaren. Von denen, die empfänglich sind für diese Mitteilungen, wird er auf Anhieb verstanden. Andere müssen sich erst tastend in seine Bildwelten hineindenken. Alfred Wittwar war rund 41 Jahre Theatermaler (viele Jahre darunter als Leiter des Malersaales). Er schuf in dieser Zeit und als Auftrag unzählige Bühnenbilder, Kulissen, Prospekte, Wände, Fassaden, Landschaften, Trauminseln. Er malte illustrative Räume für Dramen, Komödien, Tragödien, für den Witz und für die Katastrophe, für die Seele und das Herz,

Dreiergruppe, Öl, 1988, 59,5 × 42 cm

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Stehende Figur, Öl und Kreide, 2003, 40 × 23 cm

für Isolation und Dialog, für Zuwendung und Abschied. Seine bildnerischen Entwürfe, die in der Regel in Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner und dem Regisseur entstanden, weiteten den Horizont bürgerlicher Aufnahmebereitschaft in der schwierigen Nachkriegsära, als die Menschen glücklich darüber waren, dem Chaos entronnen zu sein und nun wieder an die moralischen und/oder ästhetischen Werte des Theaters und der Bühne zu glauben. Später nahm er diesen konkreten Auftrag an, um Inspiration, Intuition, 40

Pferd, Kreide, 1984, 58 × 58 cm

Motive, Erfahrung und Weitersagen in eine eigene Sprache zu gießen: Die Farbe wurde ihm zum Tor des Aufbruchs in neue, ungeahnte Dimensionen, die den punktgenauen Theaterraum verließen. Wittwars freie Bildkunst, gelegentlich noch angelehnt an seine Bühnenareale, wurde zum Transport von Befragung und Verdoppelung, von Spiegelung und Brechung. Es fallen motivische und stilistische Linien im Oeuvre auf, die die Bildwahl oft bestimmten oder den visuellen Appell deklarierten.

Bald ist Frühling!, Öl, 1989, 34,5 × 18,5 cm

Die Chiffren dieser Wittwarschen Ikonografie lassen sich klar benennen. Das glühende oder sich verklärende Licht mediterraner Milieus; das Interieur des naturverbundenen Einfachen und Schlichten, das den Menschen und seinen täglichen Ablauf begleiten oder stimulieren; die humanen und humanistischen Ideenschleifen der tänzerischtheatralischen Bewegung im Raum; die Architekturen mit Ein- und Ausblicken; die sakralen Themen der Kirchenfenster; die Wald-und-Wiesen-Lunge von Landschaften, die wir genießen


können und die uns frei macht von den irdischen Bedingungen der Endlichkeit; die Stillleben der Gebrauchsobjekte; die Magie der Flächen und Proportionen, die von menschlicher Gestaltungskraft zeugen; die Bündelung von Fantasie und Gegenwart; das geometrische Spiel der Achsen, Diagonalen, Horizontalen, Vertikalen, der Kreise und Ovale, der gestischen Wirkung von Farben, die plötzlich aus der Fläche treten können und das Bild scheinbar in die Dreidimensionalität erweitern; die fliehende, informelle Form des Amorphen; das spezifische Ambiente dörflichen Zusammenlebens; das Über-die-Dächer-blicken des Landschafts-Philanthropen; das Porträt als Seelenhäutung; die ständig drängenden Raster der Konstruktionen, die ein Haus, ein Gerüst, eine Verortung assoziieren. Das alles sind Setzzeichen und Landmarken, Gedankenstriche und Bildwahrheiten quer durch die Jahrzehnte in Wittwars Schaffen, der sich selbst einen Rhythmus zuordnet, den er aus dem Leben, aus dem Erleben filtert und weiter erzählt. Er bastelt nicht unbedingt Geschichtenpuzzles um des Erzählens willen. Aber seine Sujets focussieren ständig von Neuem Bühnenbilder als Durchgangsstation biografischer Momente und emotionaler Schübe. Wittwar

schafft Beziehungen: zu sich, zu der Welt da draußen, zur Fiktion und zur Utopie. Dieser Maler steht zwischen dem, was ist, und dem, was er sieht und empfindet. Das teilt er ehrlich, manchmal vielleicht sogar unbewusst mit. Sicherlich gibt es thematische, ästhetische Berührungen mit Vor-Bildern, zu denen das Werk Picassos oder Beckmanns, Schlemmers (in ganz frühen Arbeiten) oder der Informellen wie Schumacher, Wols, Hoehme, Serge Poliakoff oder die Künstler von „abstraction-creation“ beispielsweise zählen. Doch wäre es unklug, um jeden Preis diese Verbindung aufzuspüren. Weil, ja weil Alfred Wittwar seine eigenen Bildwunder entfaltet, weil er mit der Farbe grandios zu fabulieren und zu experimentieren weiß, weil er die Stilkomponenten benutzt, die ihm für dieses und nur für dieses eine, gerade entstehende Bild geeignet scheinen. Er wechselt die Perspektive, er verunsichert uns zuweilen mit der Freude an spielerischer Flexibilität. Und findet doch immer wieder zurück zum Grundthema: dem Theaterraum, in dem sich Realität und Irrealität durchdringen, in dem Kunst und Wahrheit sich verzahnen, in dem Landschaft, Natur und Architektur eine (manchmal rissige) Einheit bilden.

Wittwars Lebensbühne trägt uns weit hinaus in ein freies Netz der Ungebundenheit der Klänge, Töne, Farben, Nuancen. Ein Theater des Erkennens, festgemacht an poetischen Metaphern, in denen er sich und uns ein Zuhause für das abenteuerliche Sehen schafft. Ein Künstler darf innerhalb eines formierten und formalen Terrains simultan lachen und weinen, durchdringen und erweitern, träumen und zurücksinken in den Schmerz der Erdverbundenheit. Und in dieser Wertigkeit, in diesem Malverständnis, in dieser Kunstauffassung würden kurz gedachte gesellschaftskritische Hinweise nur stören. Wittwars Bilder gehen weit über diese Zeitgebundenheit hinaus. Er erreicht so, und wir sind seine sehenden Weggefährten, den Garten Eden. Irgendwo zwischen dem deutschen Ruhrgebiet und dem italienischen Peschici, zwischen der blauen Blume der Romantik und den mystischen Weihen des Expressiven, zwischen Mensch und erlebter Diesseitigkeit. Faust, könnte man sich vorstellen, würde sich von diesem Dazwischen und Irgendwo neu animieren lassen zu Höhenflügen gedanklicher Unbegrenztheit. Jörg Loskill 41


STILLLEBEN

Stillleben IV, Öl, 199, 58 × 58 cm

Stillleben V, Öl, 195, 62,5 × 42 cm

Stillleben, Öl, 2001, 21 × 30 cm 42


„Wie ist alles so nichtig! Es ist alles umsonst!“ Dieser biblische Spruch des Predigers Salomo (Altes Testament) ist der Urgrund für die Vanitas-Kunst (Leere, Nichts) des Stilllebens seit dem 1. Jahrhundert. Die Niederländer waren wohl die ersten Künstler dieser Objekt-Sicht, die heute meist als Produkt und Respekt vor dem klassischen Schönen verstanden wird. Das Stillleben – ein Gegengewicht gegen das Bild der Landschaft, gegen das private Porträt, gegen die großformatige Vedute. Bei Alfred Wittwar, der ebenfalls diesen traditionellen Motivkanon aufgreift, lebt die Dingwelt von der exklusiven Farbigkeit innerhalb des Licht-SchattenSpiels. Die Gegenstände wirken wie Figuren in einem imaginären Schachspiel. Sie besitzen einen Eigenwert. Er bleibt in diesen Formaten ruhig, sachlich, aber durchaus mit persönlicher Note. Das Prunkvolle, in das spätere Epochen diese Gegenständlichkeit tauchten, ist seine Sache nicht.

Stillleben, Öl und Kreide, 198, 42 × 59,5 cm

Stillleben, Öl, 1988, 29,5 × 42 cm

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ARCHITEKTUR

Hauseck, Tusche, 200, 20 × 20 cm 44


Häuser, Tusche, 1988, 22,5 × 32 cm

Schon die Übersetzung des Begriffs in „Baukunst“ verweist auf die innigen und logischen Zusammenhänge zwischen Haus und Formensprache, Architektur und Kunst. Wittwars Malerei, zumal die italienischen DorfSujets, verzichten auf Details

oder auf Auseinandersetzungen mit architektonischen Fragen. Er sieht die gebaute Welt als Antwort auf gesellschaftliche Zusammenhänge: Das Haus/ Dorf als Ausdruck des Heimatlichen, der Idylle, des Pastoralen, der engen Verbindung von Natur,

Wohnen, Kunst. Die Architektur, geballt, gestrafft, gegliedert, wird bei ihm zum Spiegel einer seelischen Verbindlichkeit. In der Architektur richtet sich der Malpoet wohnlich und subjektiv ein.

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Das Haus, Öl, 1994, 58 × 58 cm 46


Fassade, Öl, 1986, 61 × 43 cm 4


Häuser am Abend, Öl, 1984, 42 × 59,5 cm

Vorm Haus I, Aquarell, 2005, 1,5 × 24 cm 48


Häuser, Öl und Kreide, 198, 38,5 × 31,5 cm

Häuser nachts, Tusche, 2005, 28,5 × 20,5 cm

Vor dem Haus II, Mischtechnik, 2006, 24 × 32 cm 49


Architektur XI, Öl, 190, 56,5 × 39,5 cm 50


Fassade blau-grau, Öl, 1995, 29,5 × 21 cm

Häuser blau-orange, Öl, 198, 5,5 × 5 cm

Innenhof, Kohle, 1991, 30 × 22 cm 51


PORTRÄTS

Kopf, Öl, 1949, 39,5 × 26,5 cm 52


Erst war es das religiös bestimmte Porträt. Später wandten sich die Maler und Zeichner in Renaissance, Barock, Klassik oder Romantik beispielsweise dem höfischen, kirchlichen, schließlich dem allgemeinen Menschenbild zu. Sitzend, stehend, fragend, entscheidend, kühl, sachlich, emotional aufgeladen, väterlich, mütterlich,

kindlich – der Ausdruck des Porträts ist so vielseitig, wie sich Menschen in Leben, Zeit und Gesellschaft einbringen, wie sie sich selbst sehen, wie der Maler sie ein- und zuordnet. Alfred Wittwars Porträts sprechen bei allen individuellen Zügen und in der Ausstrahlung eine straffe, ohne Ornamente oder Draperien auskommende Sprache. Er lässt

Herr M., Filzstiftzeichnung, 1962, 23 × 19,5 cm

die Psyche, die persönliche Befindlichkeit seines Gegenübers in den Mittelpunkt seiner Bildnisse rücken. Diese Porträts ordnen sich in die heutige Zeit ein und huldigen nicht einer traditionsbelastenden Vorgabe. Das Bild des Menschen bleibt anrührend, poesievoll, originär im jeweiligen Ausdruck.

Alter Mann, Tusche, 193, 29,5 × 21 cm 53


Herr S., Kreide – Tusche, 1986, 25 × 16 cm

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Kopf, Öl – Filzstift, 198, 21 × 15 cm


Frau, Öl, 1954, 55,5 × 36 cm

Frau am Tisch, Tusche, 195, 63,5 × 45,5 cm

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STÜHLE UND INTERIEUR

Stuhl III, Öl, 1994, 28,5 × 28 cm 56


Stuhl, Öl, 1998, 28 × 31 cm

Bitte Platz zu nehmen: Der Stuhl wird bei dem Maler Alfred Wittwar weniger zu einem Möbel als vielmehr zu einem Stück menschlicher Kultur. Von einem in sich Ruhenden, Sitzenden geht der Blick anders aus als von einem Hoffenden, Wartenden, Stehenden. Hier wirkt Ungeduld, dort spricht die Reife, die Sicherheit, der Erfahrungsschatz, das Leben. Zugleich nimmt der Sitzende vom Stuhl aus eine spezifische Perspektive ein. Er schaut auf das Rundum, auf das, was ihn umgibt, was ihn prägt, was ihn reizt, was ihn zur Nachdenklichkeit oder gar zur philosophischen Betrachtung

Polsterstuhl, Öl, 1980, 46 × 34 cm

herausfordert. Der Stuhl als Interieur und als oftmaliges Motiv verweist sicherlich auch auf seinen früheren Beruf als Theatermaler. Er sieht sich als Betrachter eines Spektakels

– als Betrachter eines Bühnengeschehens. Die Welt um ihn herum als theatralischer Kosmos – jeden Tag wieder neu und facettenreich gesehen und erlebt. 5


Kleiner Tisch, Öl, 1982, 60,5 × 61 cm 58


Stühle mit Vogel, Öl, 1988, 58 × 58,5 cm

Stuhl, Kreide – Öl, 1981, 58 × 58 cm 59


Sitzende, Öl, 1958, 62 × 44,5 cm

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Sitzender, Öl, 1983, 50 × 35 cm


Der Antrag, Öl, 1980, 41,5 × 59,5 cm

Figur und Sessel, Öl, 1986, 42 × 59,5 cm 61


ITALIEN

Terrasse in Puglia, Öl, 1996, 58 × 58 cm 62


Schon Goethe liebte das Land, wo die Zitronen blühen. Generationen von Deutschen sahen im südlichen Nachbarn den von der Sonne verwöhnten Garten Eden, romantisch oder klassisch ausgelegt. Im italienischen Süden fand Alfred

Wittwar eine zweite Heimat – sein selbst gestaltetes, den Bedingungen angepasstes Refugium. Ein kleines, persönliches Paradies? Es könnte sein, dass der Künstler hier sein Ich neu finden konnte – durch den Dialog mit der Landschaft, mit den

Menschen, mit dem Milieu, mit der Sprache, mit der Mentalität, mit dem Klima, mit dem nahen Blick aufs Meer. Italien: Das ist für ihn das Synonym für Wärme auf der Haut und im Herzen. Diese besondere Wärme gibt er in seinen Bildern wieder.

Chiesa di Puglia, Öl, 1985, 58 × 58 cm 63


Häuser im Süden, Öl, 2002, 9,5 × 60 cm

A sera, Öl, 2004, 69,5 × 50 cm

WENN DU DAS GROSSE SPIEL DER WELT GESEHEN, SO KEHRST DU REICHER IN DICH SELBST ZURÜCK Friedrich Schiller 64


Torre Da Vieste, Öl, 1982, 60,5 × 61 cm 65


Strada, Öl, 1998, 29 × 29 cm

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Südliche Landschaft, Öl, 1988, 42 × 29,5 cm


Straße im Süden, Öl, 1988, 58 × 58 cm 6


In Vico, Aquarell, 200, 15,5 × 11 cm

Dorf am Hang, Öl, 1982, 55,5 × 32 cm

Am Strand, Öl, 2001, 24,5 × 33 cm 68


Haus im Gargano, Öl, 1980, 43 × 61 cm

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Due Barche,Tusche, 2006, 16 × 21 cm

Boot im Hafen, Öl, 1995, 19,5 × 28 cm Paar am Abend, Aquarell, 2003, 23 × 16 cm

Tanti Donne in Allegria, Tusche, 2006, 13 × 25,5 cm 0


BAUM UND NATUR Wer wie Alfred Wittwar das Erlebnis der Landschaft in sich aufsaugt, der muss ein eigenes Verhältnis zur Natur mit ihren Phänomenen aufspüren und in Bilder umsetzen. Der Baum wird bei ihm zum Symbol des Dadraußen, mit dem der Mensch in Einklang leben muss, will er nicht an den Bedingungen des Banalen

und Trivialen scheitern. Baum, Natur, Landschaft, Haus, Dorf, Gemeinschaft: ein Subjektkreis, der sich oft wiederholt – in ständig neu befragten Varianten. Der Baum vor der „Behausung“, vor dem Ort des Wohnens und Lebens, schließt die Idylle ein. Wittwars Malerei atmet die Unbekümmertheit von Licht, Garten, Bebauung,

Gemeinschaft und Zweisamkeit. Er isoliert weder den Baum noch sich selbst als den Sehenden dieser Kultur-Natur. Er integriert sich in den ewigen Dialog zwischen Mensch und Baumlandschaft. Es ist ihm ein malerisches Bedürfnis, dieses Bekenntnis zur Natur immer neu zu formulieren und zu stilisieren.

Bäume, Öl, 1980, 34 × 46 cm 1


Bäume und Kreuzfigur, Öl, 1984, 4,5 × 0 cm

EIN KUNSTWERK IST EIN STÜCK NATUR, GESEHEN DURCH EIN MENSCHLICHES TEMPERAMENT Emile Zola 2


Vegetation, Öl, 1998, 56 × 56 cm

3


Landschaft mit Bäumen, Öl, 1983, 34 × 46 cm

Figuren in Landschaft, Öl und Bleistift, 1995, 19 × 28,5 cm 4

Felder, Öl, 1994, 29 × 28 cm


5


Zwei in einem Boot, Öl und Kreide, 1980, 60,5 × 61 cm 6


Frauen im Boot, Öl, 1988, 42 × 59 cm




Komposition Orange I, Öl, 190, 58,5 × 43 cm 8


Komposition Blau – Orange, Öl, 192, 58 × 39 cm 9


Gespräch, Öl, 2001, 24 × 33 cm

Brücke, Tusche, 2006, 20 × 28 cm 80


Vorm Spiegel, Tusche, 2006, 19,5 × 19 cm

Reiter, Tusche, 2006, 20 × 19,5 cm 81


Fisch, Tusche, 2006, 20 × 20 cm 82


LICHTMAGIE Die Impressionisten, die Expressionisten, die Klassiker, die Romantiker, die alten und die neuen „Wilden“ – sie alle suchen seit Jahrhunderten im Ausdruck der jeweiligen Epoche nach dem Licht und dem Zauber, die durch sonnige oder schattige Räume und Flächen diktiert werden.

Auch Alfred Wittwar stellt sich dieser schönen und dankbaren Aufgabe. Er betrachtet die Lichtmagie als stimulierende, inspirierende und motivierende Elementaraufgabe der bildenden Kunst. Da er die Lichtverhältnisse in der mediterranen Landschaft seit vielen Jahren kennt und genießt,

ist es ihm ein Anliegen, diese Fülle, diese Theatralik, diese sich modulierende Helligkeit im Bild umzusetzen. Er taucht ein in den Zauber der Strahlen, der Wärme, der Transparenz und der Schleier, die das südliche Licht ebenfalls (mit-) bestimmen.

Dorf in Umbrien, Tusche, 2006, 20 × 20 cm 83


Bel Tramonte, Tusche, 2004, 21,5 × 29 cm

Dorf am Abend, Tusche, 2006, 21,5 × 29 cm 84


Im Süden, Öl, 195, 56 × 39 cm 85


DACH – TÜR – FENSTER

Haus mit Kamin, Öl, 1994, 29 × 2,5 cm 86


Ein Haus ist ein Haus ist ein Haus ist... Solch’ Begriffsspielerei mag der Maler Alfred Wittwar nicht. Aber er weiß um das fundamentale, existenzielle Verhältnis von Haus, Wohnort, Architektur, Lebensgefühl. Also benutzt er die malerischen Vokabeln von Dach (der Abschluss einer wohnlichen Situation gegen die Welt des Unbehausten), von Tür (Durchgang, Eingang, Ausgang für menschliche Gedanken, Befindlichkeit) und von Fenster (Aus- und Einblick

als Freiheitsgefühl) als typische, menschheitsbedingte Zwischensprache. Der Ausbruch aus der gewollten Isolation oder Einsamkeit ist durch Tür/Fenster jederzeit möglich. Diese Motive lassen sich auch allgemein auf seine Kunst, seinen Kosmos, sein Menschenverständnis übertragen: Türen und Fenster unter einem gewünschten und gestalteten Dach bieten dem Maler, dem Grafiker, die Chance zur Kommunikation, zum Korrespondieren, zur Zwiesprache

Großes Tor, Öl, 198, 60,5 × 40 cm

mit dem, was außerhalb der eigenen Mauern, der eigenen Ich-Position vorgeht. Durch Türen und Fenster flieht Fantasie in ihr eigenes Reich – und das wiederum ist bezeichnend für künstlerisches Denken, Konzipieren und Arbeiten. Die Tür verschließt und öffnet, das Fenster lässt frische Luft herein und kann Kälte verhindern. Das Dach formuliert einen Ganzheitsanspruch, der in die Freiheit des Individuums mündet.

Kreuzform II, Öl, 1968, 60 × 39,5 cm 8


Grosses Tor, Aquarell, 2004, 19 × 14 cm

Orange – Blau, Tusche, 200, 10,5 × 15,5 cm 88

Kleiner Durchblick, Tusche, 2006, 20 × 19 cm


Fahne, Öl, 1995, 15 × 21 cm

Portale da Vico, Öl, 1994, 1,5 × 25 cm 89


DAS KONSTRUKTIVE ELEMENT

Durchblick, Öl, 191, 59 × 41 cm 90


Eine Weiterung und Fortsetzung seiner Auseinandersetzung mit künstlerischen Tendenzen zwingt Alfred Wittwar auch dazu, das konstruktive Element in seinen Arbeiten zumindest zu prüfen, zu testen, anklingen zu lassen. Was sagt ihm das? Was bedeutet es für seine Entwicklung? Welchen kreativen Raum öffnet ihm diese

konstruktiv-abstrakte Kunst? Und auch in diesem Feld hält sich Wittwar an seine Prinzipien, seine Regeln, seine Eigenheiten. Die Konstruktion, mag sie noch so prägnant und markant als grafische Struktur ausfallen, wird bei ihm zur Ordnungsqualität. Er baut aber poetische Momente in die neue, reine Formsprache

Zeichnung Blau – Grau, Öl, 2005, 18 × 15,5 cm

ein. Er beweist in diesem Metier seine Kompetenz, nicht nur ein Bildner der realen Welt zu sein, sondern auch ein neugieriger und ehrgeiziger Kundschafter für das Neue, für das Ungesehene, für das Erdachte zu sein. In der konstruktiven Malerei seiner Version hat das Menschliche immer seinen Platz.

Das Paar, Aquarell, 2006, 21,5 × 22,5 cm

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Komposition X, Öl, 1986, 30 × 42 cm

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Komposition, Tusche, 200, 1 × 24 cm Figuren in Blau, Tusche, 2005, 20,5 × 22,5 cm

Grün – dominant, Tusche, 2006, 24 × 30 cm

Rot – Grün dominant II Tusche, 2005, 24 × 14 cm

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Biografie Alfred Wittwar 192 1941–1943 1946 195–1964 1964–198

in Essen geboren Erlernen des Malerhandwerkes, zugleich Besuch der Folkwang-Abendklassen Anstellung bei den Bühnen der Stadt Essen als Theatermaler und Wiederaufnahme des Abendstudiums an der Folkwang-Schule bei Jo Pieper und Heinz Schubert Leiter des Malersaales am Essener Theater mit Gastvertrag, auf eigenen Wunsch, dort als 1. Theatermaler weiterhin tätig

Ausstellungsbeteiligungen 1950 seit 1952

als Gast an der RKB-Ausstellung in der Gruga als Mitglied an den Jahresaustellungen des Ruhrländischen Künstlerbundes (RKB) 1952 „Eisen und Stahl“, Kunstpalast Düsseldorf 1953 Ausstellung mit Leo Bögel, Ernst Hauswirth, Walter Marwick, Heinz Schubert im Museum Folkwang 1953 191 Winterausstellung des Vereins Düsseldorfer Künstler im Kunstpalast, Düsseldorf 1958 Stuttgarter Bücherstube 195 Burg Stollberg 196//8 Grillotheater Essen: Ausstellung der Theatermaler 199 Essener Kunstszene ‚9 1982 Sommergalerie Gruga Essen 1983 RKB-Mitglieder im Brunswicker Pavillon, Kiel 1984 RKB-Mitglieder im Halfmannshof, Gelsenkirchen 1986 Volkshochschule Herne mit Leo Bögel und Horst Hagenström 1991 „Fünf aus dem RKB“, Forum Bildender Künstler Essen, mit Werner Booz, Werner Jelinek, Wolfgang Prager, Zeynep Yüksel

Einzelausstellungen 1963/191 198 1983 1996

Forum Bildender Künstler Essen Galerie Werner, Hamburg-Pöseldorf Galerie Schöttner, Gelsenkirchen Volkshochschule Essen

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A. Wittwar ein Malerleben