Witten rr 09 3

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— Das Ruhrtal ist ein ideales Radlergebiet. Mal abgesehen davon, dass man sich allzu leicht zu einer gemütlichen Rast in den Ruhrwiesen verlocken lässt. Dann muss man anschließend halt ein bisschen schneller fahren.

Um den besten Eindruck zu bekommen, empfehlen wir die Anreise mit dem Fahrrad. Man beginne, zum Beispiel, an der Schwimmbrücke. Dieses Ponton-Unikum verbindet Hattingen-Niederwenigern mit Bochum-Dahlhausen. Da ist gut aufsitzen und losradeln. Wer auf dem Leinpfad bei schönem Wetter nicht nach wenigen Metern urlaubsartig gute Laune kriegt, der muss ein arger Miesepeter sein. Oder das Fahrrad taugt nichts.

| Erster Halt: Altstadt

Witten und Hattingen

Fast wie Ferien EN, südlichster Kreis des Ruhrgebiets, ist ein weites Feld (siehe S. 45). Wir stellen hier Witten und Hattingen als partes pro toto vor. Sie sind mit 100.000 (Witten) und 57.000 (Hattingen) Einwohnern die größten unter den neun EN-Städten, und sie sind anderen Ruhris nicht nur geographisch die nächsten. Vom Revier-Schmuddelklischee aber ist man nirgends weiter entfernt als „da unten“ an der Ruhr. 30 |

Ruhr Revue

Es ist schon ein paar Jahre her, da berieten Eltern eines Essener Gymnasiums über die Klassenfahrt. London, Paris, Rom hatten die Schüler mal angedacht, und die Alten konnten dem wenig entgegensetzen. Nur ein Vater schüttelte den Kopf: „Die können doch nach Hattingen fahren – da isses wunderschön!“ Sein Sohn hatte danach einiges auszustehen. Die Empörung verebbte nur, weil der Sparvorschlag ohne jede Chance war. Es ging dann – oh dear! – nach London. Dem Vater jedoch sei Abbitte getan: So abwegig war, vom fehlenden Sprachtraining abgesehen, sein Vorschlag nicht. Hattingen oder Witten an einem schönen Sommertag, das ist wie Ferien.

Wir folgen der Ruhr südwärts, dann mit einer engen Kehre wieder nach Norden und weiter nach Osten – und gelangen zu einer Art Bucht, einst angestaut für eine Mühle. Die burgähnliche „BirschelMühle“ steht noch heute da, zum Altenheim umgebaut. Ein enger Durchlass führt weiter und um die kleine Bucht herum, an der das „Landhaus Grum“ mit Biergarten liegt. Erste Pause? Gute Idee. Hier – oder in der Hattinger Altstadt. Sie liegt ganz nah: Ein kurzes Stück auf der Bochumer Straße, dann links in die hübsche Bahnhofstraße. Jenseits der AugustBebel-Straße betreten Sie den mittelalterlichen Stadtkern. Betreten? Ja: In dieser Fußgängerzone sollte man sein Rad lieber abstellen. Wieder einmal können wir festhalten: Schon vor fast 2000 Jahren siedelten Hattuarier in der Gegend, von diesem germanischen Stamm kommt der Ortsname her, 1019 erstmals erwähnt als fränkischer Reichshof Hattingen. 1396 wird Hattingen Stadt und entwickelt sich zu einem Handelszentrum. Von Bedeutung ist vor allem das Tuchmachergewerbe. Im 18. Jahrhundert kommt Bergbau hinzu. 1853 errich-

tet Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode bei Hattingen seine Henrichshütte. Obwohl das Eisenerzvorkommen an der Ruhr sich bald als ganz unbedeutend erwies, wurde die Hütte für 130 Jahre zum beherrschenden Großunternehmen Hattingens. Unter verschiedenen Eignern produzierte sie Eisen und Stahl, bis sie 1987 gegen erbitterten Widerstand ihre Hochöfen stilllegte, 1993 dann auch das Stahlwerk, 2004 die Schmiede. Zuletzt überlebte die Henrichshütte vor allem mit Spezialprodukten – wie ICE-Radsätze, Raketen- und Reaktorteile. Stahlkünstler Richard Serra vertraute auf Hattinger Qualität. Es blieb aber der Nachteil des abgelegenen Standorts und der begrenzten Fläche. Größere Erweiterungen waren wegen der Topographie unmöglich. Und so wurde die nahe gelegene Altstadt nicht vom Werk umzingelt. Dass sie auch von Bomben nahezu verschont blieb, ist angesichts der Nähe zum Werk fast ein Wunder. — Von der Höhe grüßt die mittelalterliche Burg Blankenstein hinab ins Ruhrtal.

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— Das Ruhrtal ist ein ideales Radlergebiet. Mal abgesehen davon, dass man sich allzu leicht zu einer gemütlichen Rast in den Ruhrwiesen verlocken lässt. Dann muss man anschließend halt ein bisschen schneller fahren.

Um den besten Eindruck zu bekommen, empfehlen wir die Anreise mit dem Fahrrad. Man beginne, zum Beispiel, an der Schwimmbrücke. Dieses Ponton-Unikum verbindet Hattingen-Niederwenigern mit Bochum-Dahlhausen. Da ist gut aufsitzen und losradeln. Wer auf dem Leinpfad bei schönem Wetter nicht nach wenigen Metern urlaubsartig gute Laune kriegt, der muss ein arger Miesepeter sein. Oder das Fahrrad taugt nichts.

| Erster Halt: Altstadt

Witten und Hattingen

Fast wie Ferien EN, südlichster Kreis des Ruhrgebiets, ist ein weites Feld (siehe S. 45). Wir stellen hier Witten und Hattingen als partes pro toto vor. Sie sind mit 100.000 (Witten) und 57.000 (Hattingen) Einwohnern die größten unter den neun EN-Städten, und sie sind anderen Ruhris nicht nur geographisch die nächsten. Vom Revier-Schmuddelklischee aber ist man nirgends weiter entfernt als „da unten“ an der Ruhr. 30 |

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Es ist schon ein paar Jahre her, da berieten Eltern eines Essener Gymnasiums über die Klassenfahrt. London, Paris, Rom hatten die Schüler mal angedacht, und die Alten konnten dem wenig entgegensetzen. Nur ein Vater schüttelte den Kopf: „Die können doch nach Hattingen fahren – da isses wunderschön!“ Sein Sohn hatte danach einiges auszustehen. Die Empörung verebbte nur, weil der Sparvorschlag ohne jede Chance war. Es ging dann – oh dear! – nach London. Dem Vater jedoch sei Abbitte getan: So abwegig war, vom fehlenden Sprachtraining abgesehen, sein Vorschlag nicht. Hattingen oder Witten an einem schönen Sommertag, das ist wie Ferien.

Wir folgen der Ruhr südwärts, dann mit einer engen Kehre wieder nach Norden und weiter nach Osten – und gelangen zu einer Art Bucht, einst angestaut für eine Mühle. Die burgähnliche „BirschelMühle“ steht noch heute da, zum Altenheim umgebaut. Ein enger Durchlass führt weiter und um die kleine Bucht herum, an der das „Landhaus Grum“ mit Biergarten liegt. Erste Pause? Gute Idee. Hier – oder in der Hattinger Altstadt. Sie liegt ganz nah: Ein kurzes Stück auf der Bochumer Straße, dann links in die hübsche Bahnhofstraße. Jenseits der AugustBebel-Straße betreten Sie den mittelalterlichen Stadtkern. Betreten? Ja: In dieser Fußgängerzone sollte man sein Rad lieber abstellen. Wieder einmal können wir festhalten: Schon vor fast 2000 Jahren siedelten Hattuarier in der Gegend, von diesem germanischen Stamm kommt der Ortsname her, 1019 erstmals erwähnt als fränkischer Reichshof Hattingen. 1396 wird Hattingen Stadt und entwickelt sich zu einem Handelszentrum. Von Bedeutung ist vor allem das Tuchmachergewerbe. Im 18. Jahrhundert kommt Bergbau hinzu. 1853 errich-

tet Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode bei Hattingen seine Henrichshütte. Obwohl das Eisenerzvorkommen an der Ruhr sich bald als ganz unbedeutend erwies, wurde die Hütte für 130 Jahre zum beherrschenden Großunternehmen Hattingens. Unter verschiedenen Eignern produzierte sie Eisen und Stahl, bis sie 1987 gegen erbitterten Widerstand ihre Hochöfen stilllegte, 1993 dann auch das Stahlwerk, 2004 die Schmiede. Zuletzt überlebte die Henrichshütte vor allem mit Spezialprodukten – wie ICE-Radsätze, Raketen- und Reaktorteile. Stahlkünstler Richard Serra vertraute auf Hattinger Qualität. Es blieb aber der Nachteil des abgelegenen Standorts und der begrenzten Fläche. Größere Erweiterungen waren wegen der Topographie unmöglich. Und so wurde die nahe gelegene Altstadt nicht vom Werk umzingelt. Dass sie auch von Bomben nahezu verschont blieb, ist angesichts der Nähe zum Werk fast ein Wunder. — Von der Höhe grüßt die mittelalterliche Burg Blankenstein hinab ins Ruhrtal.

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— Das Ruhrtal ist ein ideales Radlergebiet. Mal abgesehen davon, dass man sich allzu leicht zu einer gemütlichen Rast in den Ruhrwiesen verlocken lässt. Dann muss man anschließend halt ein bisschen schneller fahren.

Um den besten Eindruck zu bekommen, empfehlen wir die Anreise mit dem Fahrrad. Man beginne, zum Beispiel, an der Schwimmbrücke. Dieses Ponton-Unikum verbindet Hattingen-Niederwenigern mit Bochum-Dahlhausen. Da ist gut aufsitzen und losradeln. Wer auf dem Leinpfad bei schönem Wetter nicht nach wenigen Metern urlaubsartig gute Laune kriegt, der muss ein arger Miesepeter sein. Oder das Fahrrad taugt nichts.

| Erster Halt: Altstadt

Witten und Hattingen

Fast wie Ferien EN, südlichster Kreis des Ruhrgebiets, ist ein weites Feld (siehe S. 45). Wir stellen hier Witten und Hattingen als partes pro toto vor. Sie sind mit 100.000 (Witten) und 57.000 (Hattingen) Einwohnern die größten unter den neun EN-Städten, und sie sind anderen Ruhris nicht nur geographisch die nächsten. Vom Revier-Schmuddelklischee aber ist man nirgends weiter entfernt als „da unten“ an der Ruhr. 30 |

Ruhr Revue

Es ist schon ein paar Jahre her, da berieten Eltern eines Essener Gymnasiums über die Klassenfahrt. London, Paris, Rom hatten die Schüler mal angedacht, und die Alten konnten dem wenig entgegensetzen. Nur ein Vater schüttelte den Kopf: „Die können doch nach Hattingen fahren – da isses wunderschön!“ Sein Sohn hatte danach einiges auszustehen. Die Empörung verebbte nur, weil der Sparvorschlag ohne jede Chance war. Es ging dann – oh dear! – nach London. Dem Vater jedoch sei Abbitte getan: So abwegig war, vom fehlenden Sprachtraining abgesehen, sein Vorschlag nicht. Hattingen oder Witten an einem schönen Sommertag, das ist wie Ferien.

Wir folgen der Ruhr südwärts, dann mit einer engen Kehre wieder nach Norden und weiter nach Osten – und gelangen zu einer Art Bucht, einst angestaut für eine Mühle. Die burgähnliche „BirschelMühle“ steht noch heute da, zum Altenheim umgebaut. Ein enger Durchlass führt weiter und um die kleine Bucht herum, an der das „Landhaus Grum“ mit Biergarten liegt. Erste Pause? Gute Idee. Hier – oder in der Hattinger Altstadt. Sie liegt ganz nah: Ein kurzes Stück auf der Bochumer Straße, dann links in die hübsche Bahnhofstraße. Jenseits der AugustBebel-Straße betreten Sie den mittelalterlichen Stadtkern. Betreten? Ja: In dieser Fußgängerzone sollte man sein Rad lieber abstellen. Wieder einmal können wir festhalten: Schon vor fast 2000 Jahren siedelten Hattuarier in der Gegend, von diesem germanischen Stamm kommt der Ortsname her, 1019 erstmals erwähnt als fränkischer Reichshof Hattingen. 1396 wird Hattingen Stadt und entwickelt sich zu einem Handelszentrum. Von Bedeutung ist vor allem das Tuchmachergewerbe. Im 18. Jahrhundert kommt Bergbau hinzu. 1853 errich-

tet Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode bei Hattingen seine Henrichshütte. Obwohl das Eisenerzvorkommen an der Ruhr sich bald als ganz unbedeutend erwies, wurde die Hütte für 130 Jahre zum beherrschenden Großunternehmen Hattingens. Unter verschiedenen Eignern produzierte sie Eisen und Stahl, bis sie 1987 gegen erbitterten Widerstand ihre Hochöfen stilllegte, 1993 dann auch das Stahlwerk, 2004 die Schmiede. Zuletzt überlebte die Henrichshütte vor allem mit Spezialprodukten – wie ICE-Radsätze, Raketen- und Reaktorteile. Stahlkünstler Richard Serra vertraute auf Hattinger Qualität. Es blieb aber der Nachteil des abgelegenen Standorts und der begrenzten Fläche. Größere Erweiterungen waren wegen der Topographie unmöglich. Und so wurde die nahe gelegene Altstadt nicht vom Werk umzingelt. Dass sie auch von Bomben nahezu verschont blieb, ist angesichts der Nähe zum Werk fast ein Wunder. — Von der Höhe grüßt die mittelalterliche Burg Blankenstein hinab ins Ruhrtal.

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Natürlich waren die verwinkelten Gassen Hattingens dann manchen Stadtplanern ein Graus. Aber die Bürger entschieden rechtzeitig, ihre Altstadt zu erhalten. Ein Kaufhausklotz nebst Parkhaus am Südrand der Altstadt war die einzig größere Bausünde. Im Übrigen: 150 Fachwerkhäuser. Mehr muss man nicht sagen. Wir können den Leser sich selbst überlassen –

jetzt, wenn Sie Ihr Fahrrad abgestellt haben oder später, wenn Sie zu Fuß zurückkehren. Schlendern Sie durch die Gassen, rund um den schiefen Turmhelm der alten St. Georgs-Kirche. Kirchplatz, Altes Rathaus von 1576, das berühmte „Bügeleisenhaus“, ein Glockenturm – und jede Menge Cafés, Kneipen, Restaurants, fast alle auch „zum Draußensitzen“.

— 150 Fachwerkhäuser säumen die Gassen der Hattinger Altstadt.

— Keine Verzerrung: Der Kirchturm von St. Georg ist wirklich so schief. Bei alten Turmhelmen gar nicht ungewöhnlich.

— Der Kirchof um St. Georg herum (links) ist ein städtebauliches Juwel. Beim Glockenturm (oben) ist

Geschäfte gibt’s vor allem auf der Heggerstraße, die man ruhig mal bis hinauf zum Rathaus erkunden sollte. Trotz des hässlichen Gebäudes gehörte auch Karstadt, später Hertie zu den liebgewonnenen Einkaufsmöglichkeiten. Gerade jetzt, da die Stadt den Komplex neu gestaltet und um ein Einkaufszentrum „Reschop“ erweitert hat, ist Herties Ende eine traurige Pointe. Begeben wir uns für dieses Mal zurück zur Schleuse an der Ruhr. Wo der Radweg flussaufwärts weiterführt, war es vor 30 Jahren noch laut und düster. Große Teile der Henrichshütte sind inzwischen abgeräumt, so dass am Fluss das Grün überwiegt und Ruhe herrscht. Aber! In den Resten der Hütte hat sich das Indus-

eines der vielen Hattinger Restaurants und Cafés „zum Draußensitzen“.

triemuseum etabliert. Wir möchten an dieser Stelle nur darauf hinweisen, denn in diesem Museum kann man gut einen ganzen Tag verbringen. Den erkalteten Hochofen per Aufzug besuchen – und nachfühlen, wie die Hüttenwerker einst das heiße, gelegentlich Lava oder Giftgas speiende Monster unter tausend Gefahren bändigten. Erzbunker, Labors – der Hüttenrundgang führt in eine geheimnisvolle Welt. Unbedingt wiederkommen.

| Kemnader See – schiffbar An der Ruhr entlang geht es weiter bis zur Kosterbrücke. Da wechseln wir zum anderen Flussufer – zugegebenermaßen auf Bochumer Gebiet. Das muss sein, denn auf der Hattinger Seite zwängt sich die Ruhrtalbahn zwischen Fluss und Steilhang. Aber auf der Bochumer Seite ist es nicht nur schön – man hat auch einen guten Blick. Zum Beispiel zu einem rechteckigen Turm auf der Höhe: Burg Blankenstein, die über dem Ortsteil Blankenstein thront. Der ist wie eine verkleinerte Ausgabe der Hattinger Altstadt. Ein Fachwerkdorf mit Burg, zwei kleinen Kirchen, mit dem Stadtmuseum und dem hüb-

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schen Gethmannschen Landschaftsgarten. Wieder etwas zum Vormerken: Wiederkommen. Ein paar hundert Meter weiter beginnt der Kemnader Stausee. Auf dem linken Flussufer ist jetzt Wittener Gebiet, wir bleiben aber weiter der Bochumer Seite treu. Diesmal wegen der A 43, die drüben dicht am See entlang führt. Wir folgen dem Weg zu einer Art Wurmfortsatz des Sees: Hafen Heveney. Und stellen fest, dass wir die gesamte Seestrecke auch zu Schiff hätten zurücklegen können: mit der kleinen „MS Kemnade“. Und von der

gleichen Anlegestelle könnten wir nun auch weiterfahren: mit der „MS Schwalbe II“ auf der Ruhr bis Witten-Bommern. Sie können sich’s ja überlegen. Falls Sie die Anlegestelle noch nicht gefunden haben: Suchen sie nicht nach einem Steg. Die beiden Schiffchen schieben sich wie Robben ans abgeflachte Ufer! Wir aber sind weitergeradelt, folgen den Schildern des Ruhrtalwanderwegs – auf Wittener Gebiet, aber immer noch auf der rechten Flussseite. Bis zur Schleuse Herbede. Da gibt es eine kleine Fähre. Ein gutes Dutzend Leute samt Rädern bringt die „Hardenstein“ jeweils über den Fluss, bis zum 31. Oktober jeden Tag von früh bis spät. Drüben in Witten sollte man einen Blick auf die Ruine der Burg Hardenstein werfen. Zwar spukt es dort nachts ganz bestimmt; immerhin gibt es da eine Sage vom Zwergenkönig Goldemar, der dort unsichtbar die Familie tyrannisierte und bei seinem Verschwinden mit einem Fluch belastete. Das braucht Sie aber bei Tage nicht zu bekümmern – da ist die Ruine ein herrlich romantischer Ort, übrigens gut geeignet für ein kleines Picknick.

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Natürlich waren die verwinkelten Gassen Hattingens dann manchen Stadtplanern ein Graus. Aber die Bürger entschieden rechtzeitig, ihre Altstadt zu erhalten. Ein Kaufhausklotz nebst Parkhaus am Südrand der Altstadt war die einzig größere Bausünde. Im Übrigen: 150 Fachwerkhäuser. Mehr muss man nicht sagen. Wir können den Leser sich selbst überlassen –

jetzt, wenn Sie Ihr Fahrrad abgestellt haben oder später, wenn Sie zu Fuß zurückkehren. Schlendern Sie durch die Gassen, rund um den schiefen Turmhelm der alten St. Georgs-Kirche. Kirchplatz, Altes Rathaus von 1576, das berühmte „Bügeleisenhaus“, ein Glockenturm – und jede Menge Cafés, Kneipen, Restaurants, fast alle auch „zum Draußensitzen“.

— 150 Fachwerkhäuser säumen die Gassen der Hattinger Altstadt.

— Keine Verzerrung: Der Kirchturm von St. Georg ist wirklich so schief. Bei alten Turmhelmen gar nicht ungewöhnlich.

— Der Kirchof um St. Georg herum (links) ist ein städtebauliches Juwel. Beim Glockenturm (oben) ist

Geschäfte gibt’s vor allem auf der Heggerstraße, die man ruhig mal bis hinauf zum Rathaus erkunden sollte. Trotz des hässlichen Gebäudes gehörte auch Karstadt, später Hertie zu den liebgewonnenen Einkaufsmöglichkeiten. Gerade jetzt, da die Stadt den Komplex neu gestaltet und um ein Einkaufszentrum „Reschop“ erweitert hat, ist Herties Ende eine traurige Pointe. Begeben wir uns für dieses Mal zurück zur Schleuse an der Ruhr. Wo der Radweg flussaufwärts weiterführt, war es vor 30 Jahren noch laut und düster. Große Teile der Henrichshütte sind inzwischen abgeräumt, so dass am Fluss das Grün überwiegt und Ruhe herrscht. Aber! In den Resten der Hütte hat sich das Indus-

eines der vielen Hattinger Restaurants und Cafés „zum Draußensitzen“.

triemuseum etabliert. Wir möchten an dieser Stelle nur darauf hinweisen, denn in diesem Museum kann man gut einen ganzen Tag verbringen. Den erkalteten Hochofen per Aufzug besuchen – und nachfühlen, wie die Hüttenwerker einst das heiße, gelegentlich Lava oder Giftgas speiende Monster unter tausend Gefahren bändigten. Erzbunker, Labors – der Hüttenrundgang führt in eine geheimnisvolle Welt. Unbedingt wiederkommen.

| Kemnader See – schiffbar An der Ruhr entlang geht es weiter bis zur Kosterbrücke. Da wechseln wir zum anderen Flussufer – zugegebenermaßen auf Bochumer Gebiet. Das muss sein, denn auf der Hattinger Seite zwängt sich die Ruhrtalbahn zwischen Fluss und Steilhang. Aber auf der Bochumer Seite ist es nicht nur schön – man hat auch einen guten Blick. Zum Beispiel zu einem rechteckigen Turm auf der Höhe: Burg Blankenstein, die über dem Ortsteil Blankenstein thront. Der ist wie eine verkleinerte Ausgabe der Hattinger Altstadt. Ein Fachwerkdorf mit Burg, zwei kleinen Kirchen, mit dem Stadtmuseum und dem hüb-

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schen Gethmannschen Landschaftsgarten. Wieder etwas zum Vormerken: Wiederkommen. Ein paar hundert Meter weiter beginnt der Kemnader Stausee. Auf dem linken Flussufer ist jetzt Wittener Gebiet, wir bleiben aber weiter der Bochumer Seite treu. Diesmal wegen der A 43, die drüben dicht am See entlang führt. Wir folgen dem Weg zu einer Art Wurmfortsatz des Sees: Hafen Heveney. Und stellen fest, dass wir die gesamte Seestrecke auch zu Schiff hätten zurücklegen können: mit der kleinen „MS Kemnade“. Und von der

gleichen Anlegestelle könnten wir nun auch weiterfahren: mit der „MS Schwalbe II“ auf der Ruhr bis Witten-Bommern. Sie können sich’s ja überlegen. Falls Sie die Anlegestelle noch nicht gefunden haben: Suchen sie nicht nach einem Steg. Die beiden Schiffchen schieben sich wie Robben ans abgeflachte Ufer! Wir aber sind weitergeradelt, folgen den Schildern des Ruhrtalwanderwegs – auf Wittener Gebiet, aber immer noch auf der rechten Flussseite. Bis zur Schleuse Herbede. Da gibt es eine kleine Fähre. Ein gutes Dutzend Leute samt Rädern bringt die „Hardenstein“ jeweils über den Fluss, bis zum 31. Oktober jeden Tag von früh bis spät. Drüben in Witten sollte man einen Blick auf die Ruine der Burg Hardenstein werfen. Zwar spukt es dort nachts ganz bestimmt; immerhin gibt es da eine Sage vom Zwergenkönig Goldemar, der dort unsichtbar die Familie tyrannisierte und bei seinem Verschwinden mit einem Fluch belastete. Das braucht Sie aber bei Tage nicht zu bekümmern – da ist die Ruine ein herrlich romantischer Ort, übrigens gut geeignet für ein kleines Picknick.

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Burgenland Die Ruhr bei Hattingen und Witten ist ein Burgenland: Die Isenburg thront seit 1199 über dem Ruhrbogen bei der Hattinger Innenstadt. Sie wurde schon 1225 zerstört. Friedrich von Isenberg hatte den Erzbischof von Köln ermordet. Dafür wurde der Graf hingerichtet, seine Burg geschleift. Sein Sohn ließ bei Essen die „neue Isenburg“ errichten. Die Hattinger Ruine wurde 1855 durch ein Landhaus ergänzt. Die Burg Blankenstein wurde um 1226 errichtet, von den Grafen an der Mark. Heute gibt es dort ein Restaurant samt Biergarten – und Schilder der Bochumer Stadtverwaltung: Bochum hat die Burg 1922 gekauft. Ähnlich beim Wasserschloss „Haus Kemnade“: Das in seiner heutigen Form im 17. Jahrhundert erbaute Haus lag bis 1486 am nördlichen Ruhrufer, ehe der Fluss sein Bett wechselte; bis 1929 gehörte es zu (Bochum-) Stiepel, ehe es nach Hattingen eingemeindet wurde. Schon 1921 hat Bochum den Besitz gekauft. Heute befinden sich ein Restaurant, eine MusikinstrumentenSammlung und ein Bauernmuseum auf Kemnade. Am anderen Ende des Kemnader Sees liegt Haus Herbede, im Kern ebenfalls mittelalterlich. Nahebei die Ruine der Burg Hardenstein von 1354 (Bild S. 38). In Bommern liegt das Herrenhaus Steinhausen. Haus Witten oder Burg Berge von 1470 ist Sitz der Volkshochschule. Nicht alles, was nach Burg aussieht, ist eine: Auf dem Hattinger Schulenberg steht ein Bismarckturm. In Witten blickt seit 1904 das turmgleiche Bergerdenkmal vom Hohenstein; nahe der Innenstadt ließ jemand 1858 zu Ehren seiner verstorbenen Frau den Helenenturm errichten.

— Das Industriemuseum Henrichshütte: Für die Erkundung sollte man sich einen ganzen Tag Zeit nehmen.

— Manches ist noch im Entstehen auf der Henrichshütte – so etwa das Feuerwehrmuseum.

| Zeche Eimerweise Der Radweg folgt nun der alten Ruhrtalbahn – und stößt gleich auf eine weitere Attraktion: die alte Zeche Nachtigall. Eine Ausstellung, ein Besucherstollen, eine „Zeche Eimerweise“ aus der Nachkriegszeit, eine bis 1963 aktive Ringofenziegelei und ein nachgebautes Ruhr-Kohlenschiff – auch hier kann man einen ganzen Tag verbringen. Erst recht, wenn man den Bergbau-Wanderweg durchs nahe Muttental anschließt. Die Gegend ist löchrig wie Schweizer Käse, durch den oberflächennahen Bergbau der Frühzeit und dann wieder in den Jahren nach 1945. An vielen Stellen sind Überreste der Stollenzechen dokumentiert. Schließlich sei nicht vergessen das Grubenbahnmuseum auf der Zeche Theresia: Fast jeden Sonntag zuckeln Züge auf schmaler Spur übers Gelände. Wir erreichen nun Witten-Bommern. Ehe wir dort unsere Fahrradexkursion beenden, rasch ein Blick über den Fluss

Erstaufführungen ist es fester Bestandteil des kulturellen Festkalenders. Noch bekannter ist die Privatuniversität Witten/ Herdecke. Initiiert von zwei leitenden Ärzten des anthroposophisch orientierten Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke, hat sich die Uni seit 1983 in den Fächern Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Zahnmedizin und „Kulturreflexion“ einen guten Ruf erworben. Der Campus befindet sich im nordöstlichen Wittener Stadtteil Wullen. Nach finanziellen und akademischen Turbulenzen ist die Uni derzeit auf dem Weg der Besserung. Ein altes Städtchen wie Hattingen ist Witten nie gewesen, und was sich dann später entwickelt hat, wurde im Bombenkrieg schwer getroffen. Im – unfairen – Vergleich mit Hattingens Puppenstube ist daher Wittens Innenstadt eine spröde Schönheit. Aber wer das Zentrum um Rathaus, Haupt-, Ruhr- und Bahnhofstraße erkundet, stellt bald fest: Es geht dort

zur Wittener Innenstadt. Auch Witten wurde schon im Mittelalter (1214) erstmals erwähnt, der heutige Stadtteil Herbede sogar schon 851. Im Vergleich zu Hattingen blieb Witten viel länger ländlich strukturiert – Stadtrechte erhielt es erst 1825. Dafür war Witten seit der Eingemeindung Herbedes 1975 sogar Großstadt, bis die Einwohnerzahl 2007 wieder knapp unter 100.000 sank. Neben frühem Bergbau bestimmte Stahlindustrie das Wirtschaftsleben – und bis heute. Das erste, 1790 gegründete Stahlunternehmen ist noch heute mit zwei Betrieben in den Stadtteilen Herbede und Annen aktiv. Ein Edelstahlwerk arbeitet unübersehbar südöstlich der Innenstadt. Überregional hat Witten sich mit Kultur einen Namen gemacht. Die seit 1969 jeden April stattfindenden „Wittener Tage für neue Kammermusik“ sind gewissermaßen das moderne Gegenstück zu den „Tagen alter Musik“ in Herne. Mit hochklassigem Programm und zahlreichen

sehr lebendig zu. „I like it here“, sagte unsere nordamerikanische Begleiterin. Nach Downtown Witten fährt man übrigens am besten von Bochum mit der Straßenbahn – der letzten Überlandlinie im Ruhrgebiet. Und im Wittener Zentrum rollt die Bahn mitten durch die Fußgängerzone – auch das im ubahnwütigen Ruhrgebiet leider einmalig geworden. Wer mag, kann nach dem Innenstadtbummel weiter fahren bis zur Endstelle im ländlichen Stadtteil Heven; das ist schon wieder ganz nah am Kemnader See.

| Ablegen in Bommern Zur letzten Etappe unserer Radexkursion lassen wir also auch Wittens Innenstadt mit dem Vermerk „später wiederkommen“ links liegen und radeln den Ruhrtalradweg weiter. Die „Uferstraße“ wird bald immer enger und kurviger, in manchen der hübschen Häuschen möchte man wohnen. Dann geht es unter einem

— Blankenstein – wie ein ruhiges Dorf hoch über dem Ruhrtal

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Burgenland Die Ruhr bei Hattingen und Witten ist ein Burgenland: Die Isenburg thront seit 1199 über dem Ruhrbogen bei der Hattinger Innenstadt. Sie wurde schon 1225 zerstört. Friedrich von Isenberg hatte den Erzbischof von Köln ermordet. Dafür wurde der Graf hingerichtet, seine Burg geschleift. Sein Sohn ließ bei Essen die „neue Isenburg“ errichten. Die Hattinger Ruine wurde 1855 durch ein Landhaus ergänzt. Die Burg Blankenstein wurde um 1226 errichtet, von den Grafen an der Mark. Heute gibt es dort ein Restaurant samt Biergarten – und Schilder der Bochumer Stadtverwaltung: Bochum hat die Burg 1922 gekauft. Ähnlich beim Wasserschloss „Haus Kemnade“: Das in seiner heutigen Form im 17. Jahrhundert erbaute Haus lag bis 1486 am nördlichen Ruhrufer, ehe der Fluss sein Bett wechselte; bis 1929 gehörte es zu (Bochum-) Stiepel, ehe es nach Hattingen eingemeindet wurde. Schon 1921 hat Bochum den Besitz gekauft. Heute befinden sich ein Restaurant, eine MusikinstrumentenSammlung und ein Bauernmuseum auf Kemnade. Am anderen Ende des Kemnader Sees liegt Haus Herbede, im Kern ebenfalls mittelalterlich. Nahebei die Ruine der Burg Hardenstein von 1354 (Bild S. 38). In Bommern liegt das Herrenhaus Steinhausen. Haus Witten oder Burg Berge von 1470 ist Sitz der Volkshochschule. Nicht alles, was nach Burg aussieht, ist eine: Auf dem Hattinger Schulenberg steht ein Bismarckturm. In Witten blickt seit 1904 das turmgleiche Bergerdenkmal vom Hohenstein; nahe der Innenstadt ließ jemand 1858 zu Ehren seiner verstorbenen Frau den Helenenturm errichten.

— Das Industriemuseum Henrichshütte: Für die Erkundung sollte man sich einen ganzen Tag Zeit nehmen.

— Manches ist noch im Entstehen auf der Henrichshütte – so etwa das Feuerwehrmuseum.

| Zeche Eimerweise Der Radweg folgt nun der alten Ruhrtalbahn – und stößt gleich auf eine weitere Attraktion: die alte Zeche Nachtigall. Eine Ausstellung, ein Besucherstollen, eine „Zeche Eimerweise“ aus der Nachkriegszeit, eine bis 1963 aktive Ringofenziegelei und ein nachgebautes Ruhr-Kohlenschiff – auch hier kann man einen ganzen Tag verbringen. Erst recht, wenn man den Bergbau-Wanderweg durchs nahe Muttental anschließt. Die Gegend ist löchrig wie Schweizer Käse, durch den oberflächennahen Bergbau der Frühzeit und dann wieder in den Jahren nach 1945. An vielen Stellen sind Überreste der Stollenzechen dokumentiert. Schließlich sei nicht vergessen das Grubenbahnmuseum auf der Zeche Theresia: Fast jeden Sonntag zuckeln Züge auf schmaler Spur übers Gelände. Wir erreichen nun Witten-Bommern. Ehe wir dort unsere Fahrradexkursion beenden, rasch ein Blick über den Fluss

Erstaufführungen ist es fester Bestandteil des kulturellen Festkalenders. Noch bekannter ist die Privatuniversität Witten/ Herdecke. Initiiert von zwei leitenden Ärzten des anthroposophisch orientierten Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke, hat sich die Uni seit 1983 in den Fächern Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Zahnmedizin und „Kulturreflexion“ einen guten Ruf erworben. Der Campus befindet sich im nordöstlichen Wittener Stadtteil Wullen. Nach finanziellen und akademischen Turbulenzen ist die Uni derzeit auf dem Weg der Besserung. Ein altes Städtchen wie Hattingen ist Witten nie gewesen, und was sich dann später entwickelt hat, wurde im Bombenkrieg schwer getroffen. Im – unfairen – Vergleich mit Hattingens Puppenstube ist daher Wittens Innenstadt eine spröde Schönheit. Aber wer das Zentrum um Rathaus, Haupt-, Ruhr- und Bahnhofstraße erkundet, stellt bald fest: Es geht dort

zur Wittener Innenstadt. Auch Witten wurde schon im Mittelalter (1214) erstmals erwähnt, der heutige Stadtteil Herbede sogar schon 851. Im Vergleich zu Hattingen blieb Witten viel länger ländlich strukturiert – Stadtrechte erhielt es erst 1825. Dafür war Witten seit der Eingemeindung Herbedes 1975 sogar Großstadt, bis die Einwohnerzahl 2007 wieder knapp unter 100.000 sank. Neben frühem Bergbau bestimmte Stahlindustrie das Wirtschaftsleben – und bis heute. Das erste, 1790 gegründete Stahlunternehmen ist noch heute mit zwei Betrieben in den Stadtteilen Herbede und Annen aktiv. Ein Edelstahlwerk arbeitet unübersehbar südöstlich der Innenstadt. Überregional hat Witten sich mit Kultur einen Namen gemacht. Die seit 1969 jeden April stattfindenden „Wittener Tage für neue Kammermusik“ sind gewissermaßen das moderne Gegenstück zu den „Tagen alter Musik“ in Herne. Mit hochklassigem Programm und zahlreichen

sehr lebendig zu. „I like it here“, sagte unsere nordamerikanische Begleiterin. Nach Downtown Witten fährt man übrigens am besten von Bochum mit der Straßenbahn – der letzten Überlandlinie im Ruhrgebiet. Und im Wittener Zentrum rollt die Bahn mitten durch die Fußgängerzone – auch das im ubahnwütigen Ruhrgebiet leider einmalig geworden. Wer mag, kann nach dem Innenstadtbummel weiter fahren bis zur Endstelle im ländlichen Stadtteil Heven; das ist schon wieder ganz nah am Kemnader See.

| Ablegen in Bommern Zur letzten Etappe unserer Radexkursion lassen wir also auch Wittens Innenstadt mit dem Vermerk „später wiederkommen“ links liegen und radeln den Ruhrtalradweg weiter. Die „Uferstraße“ wird bald immer enger und kurviger, in manchen der hübschen Häuschen möchte man wohnen. Dann geht es unter einem

— Blankenstein – wie ein ruhiges Dorf hoch über dem Ruhrtal

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H AT T I N G E N / W I T T E N - S P E Z I A L

— Vorsichtig rollt die Straßenbahn durch die autofreie Bahnhofstraße im Wittener Zentrum.

Velbert/Langenberg, die „Elfringhauser Schweiz“. Das sind Orte, da müssen Sie Besucher hinbringen, die immer noch nicht vom Ruhrgebiets-Rußklischee lassen wollen. Und wenn Sie vom Radfahren noch nicht genug haben – bitte sehr: Von Hattingen führt noch ein wunderschöner Radweg auf alter Eisenbahntrasse bis in den Süden Sprockhövels. Also – Sie können die ganzen Großen Ferien in Hattingen und Witten verbringen. Langweilig wird’s nicht.

Drei Gelegenheiten, Hattingen und Witten in diesem Sommer zu besuchen:

Eisenbahn-Viadukt hindurch, und die Uferstraße wird zum grünen Feldweg. Nur immer weiter – bis Sie an einem Campingplatz landen. „Betreten verboten!“ gilt nur für die schmale Insel, die man mit einer Seilfähre erreichen könnte: Dies ist eine RWE-Insel, für Werksangehörige! Der Campingplatz aber hat einen winzigen Hafen, und dort sind ein paar alte Ruderboote vertäut, wie man sie sonst kaum mehr findet. Die kann man mieten – und ein wunderschönes Stück Ruhr erkunden. Wer bis hierher an die Grenze zu Wetter mitgestrampelt ist, und sei es nur in Gedanken, muss sich nicht vor dem Rückweg fürchten: Vom Wittener Bahnhof gibt es Verbindungen nach Dortmund, Bochum und Essen. Falls Sie am Aus-

gangspunkt der Tour ein Auto haben stehen lassen: Vom Essener Hauptbahnhof mit der „S3“ bis Bochum-Dahlhausen, dann ist’s nicht mehr weit zur Schwimmbrücke.

| Ländliche Vielfalt Beide Städte, Witten und Hattingen, haben noch viel mehr zu bieten. Sie bestehen aus vielen Vororten, die eigentlich selbst kleine Städtchen oder Landgemeinden sind – mit jeder Menge schöner Gegend am Übergang ins bergische Hügelland. Genannt seien hier nur das große Waldgebiet in Wittens Osten, das ländliche Durchholz an der Grenze zu Sprockhövel. In Hattingen, an der Grenze zu

Auf der Wasserburg Kemnade, wo Hattingen, Bochum und Witten aneinander grenzen, steigt vom 19. bis 21. Juni zum 20. Mal Kemnade International, ein Festival der Weltkulturen auf drei Bühnen – nebst passender exotischer Verpflegung. ■ Beim Hattinger Altstadtfest – vom 28. bis zum 30. August – ist kaum ein Durchkommen in den Gassen der Innenstadt: Das Fest ist nicht nur bei Hattingern beliebt. Dringender Rat: Mit S- oder Straßenbahn anreisen. ■ Die Zwiebelkirmes findet dieses Jahr zum 585. Mal im Wittener Zentrum statt, vom 5. bis zum 8. September. Neben Fahrgeschäften und Imbiss-Ständen gibt es einen Festumzug und allerlei Spiele rund ums Thema Zwiebel. Witten war mal Umschlagplatz für landwirtschaftliche Produkte.

— Wittener Ansichten: Rathaus (rechts), Bergerdenkmal (links) und ein unbekannter Bürger

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Ruhr Revue

Unser sonniger Süden Ennepe-Ruhr-Kreis: Der Höhepunkt des Ruhrgebietes Unter den Kreisen des Regionalverbandes Ruhrgebiet ist der Ennepe-Ruhr-Kreis der kleinste – nach Fläche und Einwohnern. Er besteht aus neun Städten. Die südlichsten sind so bergischsauerländisch, dass sich wohl wenige dort als „Ruhris“ empfinden. Schön, dass wir sie trotzdem dabeihaben: Witten – mit seit 2007 nur noch knapp unter 100.000 und Hattingen mit 57.000 Einwohnern. In Gevelsberg (heute 32.000 Einwohner) hat 1225 Friedrich von Isenberg den Kölner Erzbischof erschlagen (siehe S. 34). Am Tatort wurde später ein Kloster errichtet – Keimzelle der Stadt. Finstere Gegend? Von wegen: Nach Berlin führte Gevelsberg als zweite deutsche Stadt elektrische Straßenbeleuchtung ein!

Ennepetal hat 31.000 Einwohner und ist benannt nach dem Flüsschen Ennepe, das aus dem Märkischen Kreis 42 Kilometer bis Hagen und von da mit der Volme in die Ruhr fließt. Wie Wuppertal ist Ennepetal in jüngerer Zeit (1949) gebildet. Sehenswürdigkeit: die Kluterthöhle, eine der größten Naturhöhlen Europas. Schwelm versammelt knapp 30.000 Einwohner in der flächenkleinsten Stadt NRWs und ist trotzdem „Hauptstadt“ des Ennepe-Ruhr-Landes. Wer immer gedacht hat, die Raufasertapete komme aus Erfurt, merke sich: Erfinder Hugo Erfurt wurde in Schwelm geboren; die Firma produziert heute beiderseits der Grenze mit Wuppertal. Wetter folgt dichtauf mit knapp 29.000 Einwohnern. Berühmtester Mensch aus Wetter (respektive aus dem eingemeindeten

Wengern) ist die Kochbuchautorin Henriette Davidis; an sie erinnert ein eigenes Museum. Friedrich Harkort gründete 1818 auf der alten Burg Wetter seine „Mechanischen Werkstätten“. Sprockhövel, 26.000 Einwohner, gilt als „Wiege des Ruhrbergbaus“, jedenfalls wurde dort früh nach oberflächennaher Kohle gegraben. Die letzte Zeche, „Alte Haase“, wurde 1969 geschlossen. Bekannt ist Sprockhövel für Bergbau-Zulieferindustrie und das größte gewerkschaftliche Bildungszentrum der Welt.

Herdecke hat 25.000 Einwohner. Kohle wurde dort kaum abgebaut, dafür Ruhrsandstein. Das anthroposophisch orientierte Gemeinschaftskrankenhaus war Keimzelle der Privatuni Witten/ Herdecke. Breckerfeld ist mit gut 9000 Einwohnern die kleinste Stadt des Kreises, an dessen südwestlichem Zipfel. Anders als verbandspolitisch (RVR) kann man Breckerfeld kaum zum Ruhrgebiet zählen. Wir tun es dennoch gern, denn Breckerfeld hat was: Gleich zwei Jakobskirchen weisen auf die Tradition als Station des berühmten Jakobswegs hin. Es gibt drei Talsperren im Stadtgebiet, einen Skilift und den Wengeberg, mit 442 Metern über Null Höhepunkt des ganzen Ruhrgebiets!


H AT T I N G E N / W I T T E N - S P E Z I A L

H AT T I N G E N / W I T T E N - S P E Z I A L

— Vorsichtig rollt die Straßenbahn durch die autofreie Bahnhofstraße im Wittener Zentrum.

Velbert/Langenberg, die „Elfringhauser Schweiz“. Das sind Orte, da müssen Sie Besucher hinbringen, die immer noch nicht vom Ruhrgebiets-Rußklischee lassen wollen. Und wenn Sie vom Radfahren noch nicht genug haben – bitte sehr: Von Hattingen führt noch ein wunderschöner Radweg auf alter Eisenbahntrasse bis in den Süden Sprockhövels. Also – Sie können die ganzen Großen Ferien in Hattingen und Witten verbringen. Langweilig wird’s nicht.

Drei Gelegenheiten, Hattingen und Witten in diesem Sommer zu besuchen:

Eisenbahn-Viadukt hindurch, und die Uferstraße wird zum grünen Feldweg. Nur immer weiter – bis Sie an einem Campingplatz landen. „Betreten verboten!“ gilt nur für die schmale Insel, die man mit einer Seilfähre erreichen könnte: Dies ist eine RWE-Insel, für Werksangehörige! Der Campingplatz aber hat einen winzigen Hafen, und dort sind ein paar alte Ruderboote vertäut, wie man sie sonst kaum mehr findet. Die kann man mieten – und ein wunderschönes Stück Ruhr erkunden. Wer bis hierher an die Grenze zu Wetter mitgestrampelt ist, und sei es nur in Gedanken, muss sich nicht vor dem Rückweg fürchten: Vom Wittener Bahnhof gibt es Verbindungen nach Dortmund, Bochum und Essen. Falls Sie am Aus-

gangspunkt der Tour ein Auto haben stehen lassen: Vom Essener Hauptbahnhof mit der „S3“ bis Bochum-Dahlhausen, dann ist’s nicht mehr weit zur Schwimmbrücke.

| Ländliche Vielfalt Beide Städte, Witten und Hattingen, haben noch viel mehr zu bieten. Sie bestehen aus vielen Vororten, die eigentlich selbst kleine Städtchen oder Landgemeinden sind – mit jeder Menge schöner Gegend am Übergang ins bergische Hügelland. Genannt seien hier nur das große Waldgebiet in Wittens Osten, das ländliche Durchholz an der Grenze zu Sprockhövel. In Hattingen, an der Grenze zu

Auf der Wasserburg Kemnade, wo Hattingen, Bochum und Witten aneinander grenzen, steigt vom 19. bis 21. Juni zum 20. Mal Kemnade International, ein Festival der Weltkulturen auf drei Bühnen – nebst passender exotischer Verpflegung. ■ Beim Hattinger Altstadtfest – vom 28. bis zum 30. August – ist kaum ein Durchkommen in den Gassen der Innenstadt: Das Fest ist nicht nur bei Hattingern beliebt. Dringender Rat: Mit S- oder Straßenbahn anreisen. ■ Die Zwiebelkirmes findet dieses Jahr zum 585. Mal im Wittener Zentrum statt, vom 5. bis zum 8. September. Neben Fahrgeschäften und Imbiss-Ständen gibt es einen Festumzug und allerlei Spiele rund ums Thema Zwiebel. Witten war mal Umschlagplatz für landwirtschaftliche Produkte.

— Wittener Ansichten: Rathaus (rechts), Bergerdenkmal (links) und ein unbekannter Bürger

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Ruhr Revue

Unser sonniger Süden Ennepe-Ruhr-Kreis: Der Höhepunkt des Ruhrgebietes Unter den Kreisen des Regionalverbandes Ruhrgebiet ist der Ennepe-Ruhr-Kreis der kleinste – nach Fläche und Einwohnern. Er besteht aus neun Städten. Die südlichsten sind so bergischsauerländisch, dass sich wohl wenige dort als „Ruhris“ empfinden. Schön, dass wir sie trotzdem dabeihaben: Witten – mit seit 2007 nur noch knapp unter 100.000 und Hattingen mit 57.000 Einwohnern. In Gevelsberg (heute 32.000 Einwohner) hat 1225 Friedrich von Isenberg den Kölner Erzbischof erschlagen (siehe S. 34). Am Tatort wurde später ein Kloster errichtet – Keimzelle der Stadt. Finstere Gegend? Von wegen: Nach Berlin führte Gevelsberg als zweite deutsche Stadt elektrische Straßenbeleuchtung ein!

Ennepetal hat 31.000 Einwohner und ist benannt nach dem Flüsschen Ennepe, das aus dem Märkischen Kreis 42 Kilometer bis Hagen und von da mit der Volme in die Ruhr fließt. Wie Wuppertal ist Ennepetal in jüngerer Zeit (1949) gebildet. Sehenswürdigkeit: die Kluterthöhle, eine der größten Naturhöhlen Europas. Schwelm versammelt knapp 30.000 Einwohner in der flächenkleinsten Stadt NRWs und ist trotzdem „Hauptstadt“ des Ennepe-Ruhr-Landes. Wer immer gedacht hat, die Raufasertapete komme aus Erfurt, merke sich: Erfinder Hugo Erfurt wurde in Schwelm geboren; die Firma produziert heute beiderseits der Grenze mit Wuppertal. Wetter folgt dichtauf mit knapp 29.000 Einwohnern. Berühmtester Mensch aus Wetter (respektive aus dem eingemeindeten

Wengern) ist die Kochbuchautorin Henriette Davidis; an sie erinnert ein eigenes Museum. Friedrich Harkort gründete 1818 auf der alten Burg Wetter seine „Mechanischen Werkstätten“. Sprockhövel, 26.000 Einwohner, gilt als „Wiege des Ruhrbergbaus“, jedenfalls wurde dort früh nach oberflächennaher Kohle gegraben. Die letzte Zeche, „Alte Haase“, wurde 1969 geschlossen. Bekannt ist Sprockhövel für Bergbau-Zulieferindustrie und das größte gewerkschaftliche Bildungszentrum der Welt.

Herdecke hat 25.000 Einwohner. Kohle wurde dort kaum abgebaut, dafür Ruhrsandstein. Das anthroposophisch orientierte Gemeinschaftskrankenhaus war Keimzelle der Privatuni Witten/ Herdecke. Breckerfeld ist mit gut 9000 Einwohnern die kleinste Stadt des Kreises, an dessen südwestlichem Zipfel. Anders als verbandspolitisch (RVR) kann man Breckerfeld kaum zum Ruhrgebiet zählen. Wir tun es dennoch gern, denn Breckerfeld hat was: Gleich zwei Jakobskirchen weisen auf die Tradition als Station des berühmten Jakobswegs hin. Es gibt drei Talsperren im Stadtgebiet, einen Skilift und den Wengeberg, mit 442 Metern über Null Höhepunkt des ganzen Ruhrgebiets!