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GLADBECK-SPEZIAL

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Berg-Bau Halden auf Bestellung

Bergbau in die Tiefe gibt es seit 40 Jahren nicht mehr in Gladbeck. Dafür kann man im Süden der Stadt den Berg-Bauern der RAG bei der Arbeit zusehen. Sie häufen noch bis 2012 Gestein nach wohlüberlegtem Plan, damit die Stadt aus der Mottbruchhalde eine „Vulkanlandschaft“ als weitere Landmarke des Ruhrgebiets gestalten kann.

— Vollbeladen wiegt der Caterpillar 120 Tonnen. Waldemar Nillmaier fährt damit bergauf und bergab in Gladbeck.

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Ruhr Revue

Eigentlich sind es zwei Mottbruchhalden, bis 1971 gebildet aus dem tauben Gestein, das die Zeche Graf Moltke mit der Kohle zutage gefördert hatte. Die südliche dieser beiden Halden ist längst begrünt. Die nördliche aber wurde zunächst mit „Waschbergen“ von Mathias Sinnes beliefert, dann von der Gelsenkirchener Zeche Hugo. Nach einer Pause durch die reduzierte Kohlenförderung im Ruhrgebiet geht es seit einigen Jahren mit Material aus dem Bottroper Bergwerk Prosper/Haniel weiter. Anders als früher kippt man das Gestein der Zechen nicht mehr auf viele kleinere, sondern wenige große Halden. Insgesamt geht die Menge der Waschberge natürlich mit der Kohleförderung immer weiter zurück. Doch auf den einzelnen Zechen fällt durch die Mechanisierung des Abbaus viel mehr taubes Gestein an als

früher: Die Hälfte des geför-derten Materials muss in den „Wäschereien“ von der Kohle getrennt und entsorgt werden. „Prosper / Haniel“ schafft einen großen Teil dieser „Berge“ unterirdisch zur Halde Schöttelheide. Ein kleiner Teil geht zum Rhein-Herne-Kanal und wird per Schiff nach Holland gebracht, um dasselbe durch Landgewinnung zu vergrößern. Der Rest geht nach Gladbeck zur Halde Mottbruch – per Bahn. Die Stichstrecke ist sogar elektrifiziert, so dass Anwohner nicht von röhrenden Dieselloks gestört werden. Aus den Waggons wird die Kohle in einen Hochbunker befördert. Dann sind Waldemar Nillmaier und seine Kollegen mit ihren Lastwagen dran. Aber was heißt Lastwagen: Ihre „Caterpillars“ sind zwar in den USA die Kleineren unter

Ihresgleichen, aber immerhin fasst jeder dieser 50 Tonnen schweren Kipper 70 Tonnen Gestein auf einmal. Waldemar Nillmaier fährt den Riesen unter den Hochbunker und drückt eine kleine Fernbedienung. Man macht sich auf ein schreckliches Getöse gefasst, merkt dann aber kaum, wie Berge in den Kipper rauschen. Die Fahrerkabine des Monstrums muss sehr gut isoliert sein. Dann fährt Nillmaier los. Am Beginn der Steigung stoppt er ab und wählt im automatischen Getriebe einen niedrigen Gang. Nur so schafft der nun 120 Tonnen schwere Truck langsam den Weg nach oben, trotz ungefähr 500 PS. Auf der Halde rollt Nillmeier zu einer Reihe Steinhaufen, fährt mit Hilfe von Kamera und Monitor rückwärts neben den letzten

— Die steile Straße hinauf zum Gipfel der Mottbruchhalde führt schon durch

Haufen – und macht einen neuen. Mit ein paar Metern Abstand sehen in dieser Steinlandschaft 70 Tonnen mehr nach nichts aus. Waldemar Nillmaier senkt die Ladefläche und rollt davon, Nachschub holen. Das macht er ziemlich oft am Tag. Im Schnitt wächst

eine planmäßig begrünte Zone


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Berg-Bau Halden auf Bestellung

Bergbau in die Tiefe gibt es seit 40 Jahren nicht mehr in Gladbeck. Dafür kann man im Süden der Stadt den Berg-Bauern der RAG bei der Arbeit zusehen. Sie häufen noch bis 2012 Gestein nach wohlüberlegtem Plan, damit die Stadt aus der Mottbruchhalde eine „Vulkanlandschaft“ als weitere Landmarke des Ruhrgebiets gestalten kann.

— Vollbeladen wiegt der Caterpillar 120 Tonnen. Waldemar Nillmaier fährt damit bergauf und bergab in Gladbeck.

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Ruhr Revue

Eigentlich sind es zwei Mottbruchhalden, bis 1971 gebildet aus dem tauben Gestein, das die Zeche Graf Moltke mit der Kohle zutage gefördert hatte. Die südliche dieser beiden Halden ist längst begrünt. Die nördliche aber wurde zunächst mit „Waschbergen“ von Mathias Sinnes beliefert, dann von der Gelsenkirchener Zeche Hugo. Nach einer Pause durch die reduzierte Kohlenförderung im Ruhrgebiet geht es seit einigen Jahren mit Material aus dem Bottroper Bergwerk Prosper/Haniel weiter. Anders als früher kippt man das Gestein der Zechen nicht mehr auf viele kleinere, sondern wenige große Halden. Insgesamt geht die Menge der Waschberge natürlich mit der Kohleförderung immer weiter zurück. Doch auf den einzelnen Zechen fällt durch die Mechanisierung des Abbaus viel mehr taubes Gestein an als

früher: Die Hälfte des geför-derten Materials muss in den „Wäschereien“ von der Kohle getrennt und entsorgt werden. „Prosper / Haniel“ schafft einen großen Teil dieser „Berge“ unterirdisch zur Halde Schöttelheide. Ein kleiner Teil geht zum Rhein-Herne-Kanal und wird per Schiff nach Holland gebracht, um dasselbe durch Landgewinnung zu vergrößern. Der Rest geht nach Gladbeck zur Halde Mottbruch – per Bahn. Die Stichstrecke ist sogar elektrifiziert, so dass Anwohner nicht von röhrenden Dieselloks gestört werden. Aus den Waggons wird die Kohle in einen Hochbunker befördert. Dann sind Waldemar Nillmaier und seine Kollegen mit ihren Lastwagen dran. Aber was heißt Lastwagen: Ihre „Caterpillars“ sind zwar in den USA die Kleineren unter

Ihresgleichen, aber immerhin fasst jeder dieser 50 Tonnen schweren Kipper 70 Tonnen Gestein auf einmal. Waldemar Nillmaier fährt den Riesen unter den Hochbunker und drückt eine kleine Fernbedienung. Man macht sich auf ein schreckliches Getöse gefasst, merkt dann aber kaum, wie Berge in den Kipper rauschen. Die Fahrerkabine des Monstrums muss sehr gut isoliert sein. Dann fährt Nillmaier los. Am Beginn der Steigung stoppt er ab und wählt im automatischen Getriebe einen niedrigen Gang. Nur so schafft der nun 120 Tonnen schwere Truck langsam den Weg nach oben, trotz ungefähr 500 PS. Auf der Halde rollt Nillmeier zu einer Reihe Steinhaufen, fährt mit Hilfe von Kamera und Monitor rückwärts neben den letzten

— Die steile Straße hinauf zum Gipfel der Mottbruchhalde führt schon durch

Haufen – und macht einen neuen. Mit ein paar Metern Abstand sehen in dieser Steinlandschaft 70 Tonnen mehr nach nichts aus. Waldemar Nillmaier senkt die Ladefläche und rollt davon, Nachschub holen. Das macht er ziemlich oft am Tag. Im Schnitt wächst

eine planmäßig begrünte Zone


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Berg-Bau Halden auf Bestellung

Bergbau in die Tiefe gibt es seit 40 Jahren nicht mehr in Gladbeck. Dafür kann man im Süden der Stadt den Berg-Bauern der RAG bei der Arbeit zusehen. Sie häufen noch bis 2012 Gestein nach wohlüberlegtem Plan, damit die Stadt aus der Mottbruchhalde eine „Vulkanlandschaft“ als weitere Landmarke des Ruhrgebiets gestalten kann.

— Vollbeladen wiegt der Caterpillar 120 Tonnen. Waldemar Nillmaier fährt damit bergauf und bergab in Gladbeck.

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Eigentlich sind es zwei Mottbruchhalden, bis 1971 gebildet aus dem tauben Gestein, das die Zeche Graf Moltke mit der Kohle zutage gefördert hatte. Die südliche dieser beiden Halden ist längst begrünt. Die nördliche aber wurde zunächst mit „Waschbergen“ von Mathias Sinnes beliefert, dann von der Gelsenkirchener Zeche Hugo. Nach einer Pause durch die reduzierte Kohlenförderung im Ruhrgebiet geht es seit einigen Jahren mit Material aus dem Bottroper Bergwerk Prosper/Haniel weiter. Anders als früher kippt man das Gestein der Zechen nicht mehr auf viele kleinere, sondern wenige große Halden. Insgesamt geht die Menge der Waschberge natürlich mit der Kohleförderung immer weiter zurück. Doch auf den einzelnen Zechen fällt durch die Mechanisierung des Abbaus viel mehr taubes Gestein an als

früher: Die Hälfte des geför-derten Materials muss in den „Wäschereien“ von der Kohle getrennt und entsorgt werden. „Prosper / Haniel“ schafft einen großen Teil dieser „Berge“ unterirdisch zur Halde Schöttelheide. Ein kleiner Teil geht zum Rhein-Herne-Kanal und wird per Schiff nach Holland gebracht, um dasselbe durch Landgewinnung zu vergrößern. Der Rest geht nach Gladbeck zur Halde Mottbruch – per Bahn. Die Stichstrecke ist sogar elektrifiziert, so dass Anwohner nicht von röhrenden Dieselloks gestört werden. Aus den Waggons wird die Kohle in einen Hochbunker befördert. Dann sind Waldemar Nillmaier und seine Kollegen mit ihren Lastwagen dran. Aber was heißt Lastwagen: Ihre „Caterpillars“ sind zwar in den USA die Kleineren unter

Ihresgleichen, aber immerhin fasst jeder dieser 50 Tonnen schweren Kipper 70 Tonnen Gestein auf einmal. Waldemar Nillmaier fährt den Riesen unter den Hochbunker und drückt eine kleine Fernbedienung. Man macht sich auf ein schreckliches Getöse gefasst, merkt dann aber kaum, wie Berge in den Kipper rauschen. Die Fahrerkabine des Monstrums muss sehr gut isoliert sein. Dann fährt Nillmaier los. Am Beginn der Steigung stoppt er ab und wählt im automatischen Getriebe einen niedrigen Gang. Nur so schafft der nun 120 Tonnen schwere Truck langsam den Weg nach oben, trotz ungefähr 500 PS. Auf der Halde rollt Nillmeier zu einer Reihe Steinhaufen, fährt mit Hilfe von Kamera und Monitor rückwärts neben den letzten

— Die steile Straße hinauf zum Gipfel der Mottbruchhalde führt schon durch

Haufen – und macht einen neuen. Mit ein paar Metern Abstand sehen in dieser Steinlandschaft 70 Tonnen mehr nach nichts aus. Waldemar Nillmaier senkt die Ladefläche und rollt davon, Nachschub holen. Das macht er ziemlich oft am Tag. Im Schnitt wächst

eine planmäßig begrünte Zone


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— Eine Planierraupe verteilt die abgekippten Waschberge auf dem Haldengipfel. In der Ferne sind Tetraeder und Gasometer zu sehen.

die Mottbruchhalde um 4000 Tonnen täglich. Wenn es mehr ist, sind zwei Schwerlastwagen im Einsatz.

| Haldentiramisu Wie das Bottroper Gestein auf der Mottbruchhalde verteilt wird, hat Eckhard Wildhagen vorausgeplant an seinem Schreibtisch in der Herner RAG-Zentrale. Denn zu schlichten Kegelhaufen schüttet man die Halden längst nicht mehr auf. Neben technischen Vorgaben spielt heutzutage das gewünschte Aussehen eine Rolle und die angestrebte spätere Nutzung der Halde. Zwar ist die Gestaltung letztlich nicht Sache der RAG, aber soweit es keine Mehrkosten bedeutet, richten sich die Haldenexperten der RAG beim Anlegen der Grundform nach solchen Wünschen. Man kann also bei

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Eckhard Wildhagen und seinen Kollegen einen maßgeschneiderten Berg bestellen. In Gladbeck hat man sich auf die Grundform eines „Vulkans“ geeinigt, dessen künstlicher Krater dann inszeniert wird. Auch Wege und Teiche sind geplant. Das alles berücksichtigt Wildhagen beim Schütten. Das auffällige „Haldentiramisu“ (Wildhagen) aus aneinandergereihten Gesteinshaufen ist also kein Zufall; wo sie angelegt und wie sie mit der Planierraupe verteilt und nicht zuletzt mit dem Gewicht der Riesenkipper verfestigt werden, ist Teil eines ausgeklügelten Plans. Aber damit ist es nicht getan. Man kann nämlich nicht warten, bis der Wind ein bisschen Erde anweht, auf der sich dann typische Pionierpflanzen ansiedeln. Das Auftragen von

Mutterboden gehört sozusagen zur Konstruktion des Berges, sorgfältig abgestimmt mit der Entwässerung des Bodens. Und schon damit der Mutterboden nicht gleich wieder davonfliegt, sind Wildhagen und seine Leute auch Gärtner. Sie helfen der Natur auf die Sprünge, suchen für verschiedene Haldenzonen die geeigneten Bäumchen und Büsche aus, kaufen sie und pflanzen sie ein. Damit Boden und Bäume sich gewissermaßen gegenseitig festhalten. Die Auswahl ist groß – nur die bekannten Birken sind nicht dabei. Die kommen wirklich von selbst, sind aber andererseits, so Eckhard Wildhagen, unglaublich schwer zu verpflanzen. Dass die Mottbruchhalde im unteren Teil schon grünt, während sich noch alle paar Minuten die 120 Tonnen-Trucks zum

– vorläufigen – Gipfel hinaufquälen, ist also schon Ergebnis fleißigen Gärtnerns. Und dazu gehört bei Jungpflanzen das Gießen. Im heißen und trockenen Juli schaffte die RAG nicht nur tonnenweise Gestein auf die Mottbruchhalde und ein paar andere Neu-Berge, sondern auch Tausende Liter Wasser.

| Um die Halde herum Um die Mottbruchhalde herum kann man schon jetzt spazieren. Der ein oder andere verschwiegene Wanderweg führt auch näher heran. Wer weiter will und dorthin kraxelt, wo noch geschüttet wird, begibt sich natürlich in Gefahr. Aber den Berg-Bauern von unten zusehen, das ist auch schon ein Erlebnis – und eines, das künftig selten sein wird. ● -na