Recklinghausen rr 09 2

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RECKLINGHAUSEN-SPEZIAL

RECKLINGHAUSEN-SPEZIAL

In RE steckt ein guter Kern

Etwas anders Ricoldinchuson. Hätten Sie’s erkannt? So hieß Recklinghausen vor tausend Jahren, als es zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurde. Wir haben es also mit einem weiteren Beweis dafür zu tun, dass das Ruhrgebiet auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Und in der „etwas anderen Stadt“ Recklinghausen kann man das noch heute spüren.

— Alt und neu kann auch gut zusammenpassen: Eines der vielen Türmchen Recklinghausens spiegelt sich in der Fassade eines modernen Gebäudes.

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Ruhr Revue

Der Ursprung Recklinghausens liegt sogar noch weiter zurück als tausend Jahre: Schon zur Zeit Karls des Großen existierte dort eine befestigte Anlage. In deren Schutz entstand eine Siedlung, die auf einer Urkunde von 1017 zum ersten Mal als „Ricoldinchuson“ erwähnt wird, was auf den Vornamen Richold zurückgehen soll. Sie wuchs schon im Mittelalter zu einem – seit 1179 ummauerten – Städtchen heran, zum Handelszentrum und Mittelpunkt des „Vests Recklinghausen“ (siehe S. 37). Politisch gehörte sie zum Kurfürstentum des Kölner Erzbischofs. Das hört sich beschaulich an, war es aber nicht: Die Gegend war immer mittendrin, wenn es Streit gab. Ob es um Zwist mit den Nachbarn auf Strünkede (Herne) ging oder um den europaweiten Dreißigjährigen Krieg: Fremde Soldaten machten sich oft in Recklinghausen breit, und das schadete dem Wohlergehen der Stadt. Nach dem Ende des alten deutschen Reiches kamen Vest und Stadt über kurze Umwege 1815 an Preußen. In der neugeordneten Verwaltung entstanden gewissermaßen drei Recklinghausens: der Kreis, die Stadt mit wenig mehr Ausdehnung als im Mittelalter – und die Landbürgermeisterei, die schon in etwa die heutigen Vororte der Großstadt umfasste. 1926 wurden sie dann eingemeindet. 1949 stieg Recklinghausen mit 100.000 Einwohnern zur

Großstadt auf und wuchs bis 1962 (Maximum: 131.569) weiter. Bei der Gebietsreform der Siebziger kriegte die Stadt nichts mehr ab. Aber im Gegensatz zu vielen anderen verlor und verliert sie kaum Einwohner: Es sind noch heute fast 122.000.

| Mit Klärchen fing es an 1871 waren es noch knapp 5000. Diese Zahl verzehnfachte sich, noch ehe die Eingemeindungen einen Sprung auf 90.000 brachten. Grund für dieses Wachstum war der Bergbau. Vergleichsweise spät kam er, von Süden her: Von 1866 an wuchs nördlich der Emscher die Zeche „Clerget“ einer belgischen Gesellschaft. Man nannte sie „Klärchen“, später wurde daraus „Recklinghausen“. In den 70-er Jahren folgten „König Ludwig“ und „General Blumenthal“. Vergleichsweise früh begann dann schon der Abschied vom Bergbau: 1965 dankte „König Ludwig“ ab; 1974 endete die Förderung auf „Recklinghausen“. Es blieb nur der „General“. Mit zwei Schachtanlagen kam er nicht nur über Tage der Altstadt nahe; auch die Folgen des unterirdischen Abbaus waren überall in der Stadt gegenwärtig, obwohl die Kohle seit 1967 viel weiter südlich in Wanne-Eickel auf „Shamrock“ zutage kam. Als die Zeche allerdings 1993 Anstalten machte, unter einem innenstadtnahen Neubaugebiet am „Quellberg“ zu graben,

— Kirch- und viele andere Türme, anheimelndes Fachwerk und belebte Einkaufsstraßen rund um den Markt: Bilder aus Recklinghausens Altstadt

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Etwas anders Ricoldinchuson. Hätten Sie’s erkannt? So hieß Recklinghausen vor tausend Jahren, als es zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurde. Wir haben es also mit einem weiteren Beweis dafür zu tun, dass das Ruhrgebiet auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Und in der „etwas anderen Stadt“ Recklinghausen kann man das noch heute spüren.

— Alt und neu kann auch gut zusammenpassen: Eines der vielen Türmchen Recklinghausens spiegelt sich in der Fassade eines modernen Gebäudes.

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Der Ursprung Recklinghausens liegt sogar noch weiter zurück als tausend Jahre: Schon zur Zeit Karls des Großen existierte dort eine befestigte Anlage. In deren Schutz entstand eine Siedlung, die auf einer Urkunde von 1017 zum ersten Mal als „Ricoldinchuson“ erwähnt wird, was auf den Vornamen Richold zurückgehen soll. Sie wuchs schon im Mittelalter zu einem – seit 1179 ummauerten – Städtchen heran, zum Handelszentrum und Mittelpunkt des „Vests Recklinghausen“ (siehe S. 37). Politisch gehörte sie zum Kurfürstentum des Kölner Erzbischofs. Das hört sich beschaulich an, war es aber nicht: Die Gegend war immer mittendrin, wenn es Streit gab. Ob es um Zwist mit den Nachbarn auf Strünkede (Herne) ging oder um den europaweiten Dreißigjährigen Krieg: Fremde Soldaten machten sich oft in Recklinghausen breit, und das schadete dem Wohlergehen der Stadt. Nach dem Ende des alten deutschen Reiches kamen Vest und Stadt über kurze Umwege 1815 an Preußen. In der neugeordneten Verwaltung entstanden gewissermaßen drei Recklinghausens: der Kreis, die Stadt mit wenig mehr Ausdehnung als im Mittelalter – und die Landbürgermeisterei, die schon in etwa die heutigen Vororte der Großstadt umfasste. 1926 wurden sie dann eingemeindet. 1949 stieg Recklinghausen mit 100.000 Einwohnern zur

Großstadt auf und wuchs bis 1962 (Maximum: 131.569) weiter. Bei der Gebietsreform der Siebziger kriegte die Stadt nichts mehr ab. Aber im Gegensatz zu vielen anderen verlor und verliert sie kaum Einwohner: Es sind noch heute fast 122.000.

| Mit Klärchen fing es an 1871 waren es noch knapp 5000. Diese Zahl verzehnfachte sich, noch ehe die Eingemeindungen einen Sprung auf 90.000 brachten. Grund für dieses Wachstum war der Bergbau. Vergleichsweise spät kam er, von Süden her: Von 1866 an wuchs nördlich der Emscher die Zeche „Clerget“ einer belgischen Gesellschaft. Man nannte sie „Klärchen“, später wurde daraus „Recklinghausen“. In den 70-er Jahren folgten „König Ludwig“ und „General Blumenthal“. Vergleichsweise früh begann dann schon der Abschied vom Bergbau: 1965 dankte „König Ludwig“ ab; 1974 endete die Förderung auf „Recklinghausen“. Es blieb nur der „General“. Mit zwei Schachtanlagen kam er nicht nur über Tage der Altstadt nahe; auch die Folgen des unterirdischen Abbaus waren überall in der Stadt gegenwärtig, obwohl die Kohle seit 1967 viel weiter südlich in Wanne-Eickel auf „Shamrock“ zutage kam. Als die Zeche allerdings 1993 Anstalten machte, unter einem innenstadtnahen Neubaugebiet am „Quellberg“ zu graben,

— Kirch- und viele andere Türme, anheimelndes Fachwerk und belebte Einkaufsstraßen rund um den Markt: Bilder aus Recklinghausens Altstadt

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Etwas anders Ricoldinchuson. Hätten Sie’s erkannt? So hieß Recklinghausen vor tausend Jahren, als es zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurde. Wir haben es also mit einem weiteren Beweis dafür zu tun, dass das Ruhrgebiet auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Und in der „etwas anderen Stadt“ Recklinghausen kann man das noch heute spüren.

— Alt und neu kann auch gut zusammenpassen: Eines der vielen Türmchen Recklinghausens spiegelt sich in der Fassade eines modernen Gebäudes.

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Der Ursprung Recklinghausens liegt sogar noch weiter zurück als tausend Jahre: Schon zur Zeit Karls des Großen existierte dort eine befestigte Anlage. In deren Schutz entstand eine Siedlung, die auf einer Urkunde von 1017 zum ersten Mal als „Ricoldinchuson“ erwähnt wird, was auf den Vornamen Richold zurückgehen soll. Sie wuchs schon im Mittelalter zu einem – seit 1179 ummauerten – Städtchen heran, zum Handelszentrum und Mittelpunkt des „Vests Recklinghausen“ (siehe S. 37). Politisch gehörte sie zum Kurfürstentum des Kölner Erzbischofs. Das hört sich beschaulich an, war es aber nicht: Die Gegend war immer mittendrin, wenn es Streit gab. Ob es um Zwist mit den Nachbarn auf Strünkede (Herne) ging oder um den europaweiten Dreißigjährigen Krieg: Fremde Soldaten machten sich oft in Recklinghausen breit, und das schadete dem Wohlergehen der Stadt. Nach dem Ende des alten deutschen Reiches kamen Vest und Stadt über kurze Umwege 1815 an Preußen. In der neugeordneten Verwaltung entstanden gewissermaßen drei Recklinghausens: der Kreis, die Stadt mit wenig mehr Ausdehnung als im Mittelalter – und die Landbürgermeisterei, die schon in etwa die heutigen Vororte der Großstadt umfasste. 1926 wurden sie dann eingemeindet. 1949 stieg Recklinghausen mit 100.000 Einwohnern zur

Großstadt auf und wuchs bis 1962 (Maximum: 131.569) weiter. Bei der Gebietsreform der Siebziger kriegte die Stadt nichts mehr ab. Aber im Gegensatz zu vielen anderen verlor und verliert sie kaum Einwohner: Es sind noch heute fast 122.000.

| Mit Klärchen fing es an 1871 waren es noch knapp 5000. Diese Zahl verzehnfachte sich, noch ehe die Eingemeindungen einen Sprung auf 90.000 brachten. Grund für dieses Wachstum war der Bergbau. Vergleichsweise spät kam er, von Süden her: Von 1866 an wuchs nördlich der Emscher die Zeche „Clerget“ einer belgischen Gesellschaft. Man nannte sie „Klärchen“, später wurde daraus „Recklinghausen“. In den 70-er Jahren folgten „König Ludwig“ und „General Blumenthal“. Vergleichsweise früh begann dann schon der Abschied vom Bergbau: 1965 dankte „König Ludwig“ ab; 1974 endete die Förderung auf „Recklinghausen“. Es blieb nur der „General“. Mit zwei Schachtanlagen kam er nicht nur über Tage der Altstadt nahe; auch die Folgen des unterirdischen Abbaus waren überall in der Stadt gegenwärtig, obwohl die Kohle seit 1967 viel weiter südlich in Wanne-Eickel auf „Shamrock“ zutage kam. Als die Zeche allerdings 1993 Anstalten machte, unter einem innenstadtnahen Neubaugebiet am „Quellberg“ zu graben,

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11:06 Uhr

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Sonja Edelmann

S

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GmbH

SANITÄTSHAUS

— Bürgerstolz zeigt sich nicht nur in zahlreichen repräsentativen Verwaltungsbauten, sondern auch

— Weitere Schmuckstücke aus der Altstadt: links der Eingang zum noblen Hotel „Engelsburg“. Das

bei Villen in der Nähe des Altstadtkerns von

Wir stärken Ihnen den Rücken. Häufig äußern sich nicht erkannte Fußfehlstellungen weniger durch Schmerzen in den Füßen, sondern in Form von Wirbelsäulenund Gelenkbeschwerden. Unsere innovative Einlage bringt und hält den Fuß in der optimalen Stellung und sorgt dadurch für einen gesunden Ausgleich der gesamten Statik.

Park hinter dem alten Kreishaus und beherbergt

strierte man, dass man sich etwas leisten konnte.

heute die städtische Musikschule.

regte sich Widerstand. Das war damals neu und Aufsehen erregend im Ruhrgebiet, wo man Bergschäden seit jeher hinnahm wie die Launen des Wetters. Dass solcher Widerstand sich gerade in Recklinghausen regte, dürfte kein Zufall sein: Die Stadt bezieht ihr Selbstgefühl deutlich weniger aus dem Bergbau als vergleichbare Nachbarn im Norden des Ruhrgebiets. Für die Zeche war das eine existenzielle Bedrohung, denn aus ihrer zuvor geplanten, großzügigen Nordwanderung unter Tage wurde auch nichts. Trotzdem hat sie unter dem Quellberg nie abgebaut, und 2001 wurde der General in den Ruhestand versetzt.

Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden können somit aufgehoben und vermieden werden. Jurtin-Medical-Einlagen gibt es sowohl speziell für den Sportschuh als auch für den täglichen Berufs- und Freizeitschuh.

schlösschenartige Haus oben steht in einem kleinen

Recklinghausen. Mit vielen Verzierungen demon-

— Wo bis vor Kurzem die Anlagen der Zeche „General Blumenthal 3/4“ standen, wuchs beim

| Zechengelände schnell bebaut Das Gelände der beiden innenstädtischen Schachtanlagen hat man in beachtlicher Geschwindigkeit und ohne Sentimentalitäten weitgehend abgeräumt und neu genutzt. Recklinghausen ohne Bergbau – das provozierte in dieser alten Stadt keine Identitätskrise. Die Stadt habe das „ohne größere Verwerfungen“ überstanden, sagt Wolfgang Pantförder (CDU), seit 1999 Bürgermeister: Die Arbeitslosigkeit halte sich mit 10,8 % in vergleichsweise erträglichem Rahmen, obwohl es andere Großindustrie in Recklinghausen nicht gibt: „Wir sind keine Energie-, Stahl- oder Chemiestadt. Prägend sind kleine und mittlere Betriebe.“ Zu den größeren zählen der Dosenund Deckelhersteller Rexham, der AutoZulieferer Hella und eine Fabrik, die sich auf ein besonderes Dichtmittel speziali-

siert hat und damit (Ent-)Wicklungshilfe in deutschen Familien leistet: Millionen von Windeln verschiedener Marken verlassen Jahr für Jahr das Werk. Dominant, so der Bürgermeister, sei aber mit etwa 70 % der Dienstleistungssektor – ganz in der Tradition Recklinghausens als Handels- und Verwaltungszentrum des Vests. Den mittelalterlichen Kern Recklinghausens sieht man am besten, ganz modern, aus der Luft – oder ersatzweise auf dem Stadtplan: Ein fast kreisrunder Straßenring folgt der ehemaligen Stadtmauer. Dieser Kreis umschließt den Stadtkern, mit der alten Petrikirche und dem alten Markt, der bis heute das Herz der Stadt ist, die „gute Stube“. Viel Mittelalterliches gibt es dort nicht außer der Petruskirche und einem Rest der alten Stadtmauer. Es ist der überkommene, tausendjährige Grundriss,

mit dem begrenzenden Wall-Kreis und mit den oft verwinkelten Gassen, der die Altstadt noch immer so prägt, dass man in Recklinghausen einfach nicht auf die Idee verfällt, von einer „City“ zu faseln.

| In der guten Stube Es gibt ein paar traurige, den historischen Maßstab sprengende Bausünden aus den ersten dreißig Nachkriegsjahren. Je nachdem, von welcher Seite man sich der Altstadt nähert, scheinen diese Einkaufsklötze und Geldinstitute die „gute Stube“ sogar zu dominieren. Ein ausgiebiger Spaziergang zeigt aber, dass das zum Glück nicht stimmt. Auf der Kunibertistraße gibt es alte Fachwerkhäuser, die im Kern bis zu 500 Jahre alt sind. Besonders in Gassen der westlichen Altstadt finden sich Häuschen und Katen, restaurierte und nicht

Hauptbahnhof ein modernes Kollegzentrum heran.

Es resultieren: • weniger Rücken-, Hüft- und Knieschmerzen • mehr Ausdauer • weniger Belastung für Gelenke, Muskeln und Bänder • weniger muskuläre Ermüdung • bessere Haltung und Balance • Rückenstabilisierung durch bessere Statik • verbesserte Stoßdämpfung Hochlarmarkstraße 137· 45661 Recklinghausen Tel.: 02361 - 97 95 393 Öffnungszeiten: Mo. bis Fr. 9.00 - 12.00 Uhr und 15.00 - 18.00 Uhr Mittwochnachmittag nach Vereinbarung

www.sanitaetshaus-edelmann.de

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— Weitere Schmuckstücke aus der Altstadt: links der Eingang zum noblen Hotel „Engelsburg“. Das

bei Villen in der Nähe des Altstadtkerns von

Wir stärken Ihnen den Rücken. Häufig äußern sich nicht erkannte Fußfehlstellungen weniger durch Schmerzen in den Füßen, sondern in Form von Wirbelsäulenund Gelenkbeschwerden. Unsere innovative Einlage bringt und hält den Fuß in der optimalen Stellung und sorgt dadurch für einen gesunden Ausgleich der gesamten Statik.

Park hinter dem alten Kreishaus und beherbergt

strierte man, dass man sich etwas leisten konnte.

heute die städtische Musikschule.

regte sich Widerstand. Das war damals neu und Aufsehen erregend im Ruhrgebiet, wo man Bergschäden seit jeher hinnahm wie die Launen des Wetters. Dass solcher Widerstand sich gerade in Recklinghausen regte, dürfte kein Zufall sein: Die Stadt bezieht ihr Selbstgefühl deutlich weniger aus dem Bergbau als vergleichbare Nachbarn im Norden des Ruhrgebiets. Für die Zeche war das eine existenzielle Bedrohung, denn aus ihrer zuvor geplanten, großzügigen Nordwanderung unter Tage wurde auch nichts. Trotzdem hat sie unter dem Quellberg nie abgebaut, und 2001 wurde der General in den Ruhestand versetzt.

Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden können somit aufgehoben und vermieden werden. Jurtin-Medical-Einlagen gibt es sowohl speziell für den Sportschuh als auch für den täglichen Berufs- und Freizeitschuh.

schlösschenartige Haus oben steht in einem kleinen

Recklinghausen. Mit vielen Verzierungen demon-

— Wo bis vor Kurzem die Anlagen der Zeche „General Blumenthal 3/4“ standen, wuchs beim

| Zechengelände schnell bebaut Das Gelände der beiden innenstädtischen Schachtanlagen hat man in beachtlicher Geschwindigkeit und ohne Sentimentalitäten weitgehend abgeräumt und neu genutzt. Recklinghausen ohne Bergbau – das provozierte in dieser alten Stadt keine Identitätskrise. Die Stadt habe das „ohne größere Verwerfungen“ überstanden, sagt Wolfgang Pantförder (CDU), seit 1999 Bürgermeister: Die Arbeitslosigkeit halte sich mit 10,8 % in vergleichsweise erträglichem Rahmen, obwohl es andere Großindustrie in Recklinghausen nicht gibt: „Wir sind keine Energie-, Stahl- oder Chemiestadt. Prägend sind kleine und mittlere Betriebe.“ Zu den größeren zählen der Dosenund Deckelhersteller Rexham, der AutoZulieferer Hella und eine Fabrik, die sich auf ein besonderes Dichtmittel speziali-

siert hat und damit (Ent-)Wicklungshilfe in deutschen Familien leistet: Millionen von Windeln verschiedener Marken verlassen Jahr für Jahr das Werk. Dominant, so der Bürgermeister, sei aber mit etwa 70 % der Dienstleistungssektor – ganz in der Tradition Recklinghausens als Handels- und Verwaltungszentrum des Vests. Den mittelalterlichen Kern Recklinghausens sieht man am besten, ganz modern, aus der Luft – oder ersatzweise auf dem Stadtplan: Ein fast kreisrunder Straßenring folgt der ehemaligen Stadtmauer. Dieser Kreis umschließt den Stadtkern, mit der alten Petrikirche und dem alten Markt, der bis heute das Herz der Stadt ist, die „gute Stube“. Viel Mittelalterliches gibt es dort nicht außer der Petruskirche und einem Rest der alten Stadtmauer. Es ist der überkommene, tausendjährige Grundriss,

mit dem begrenzenden Wall-Kreis und mit den oft verwinkelten Gassen, der die Altstadt noch immer so prägt, dass man in Recklinghausen einfach nicht auf die Idee verfällt, von einer „City“ zu faseln.

| In der guten Stube Es gibt ein paar traurige, den historischen Maßstab sprengende Bausünden aus den ersten dreißig Nachkriegsjahren. Je nachdem, von welcher Seite man sich der Altstadt nähert, scheinen diese Einkaufsklötze und Geldinstitute die „gute Stube“ sogar zu dominieren. Ein ausgiebiger Spaziergang zeigt aber, dass das zum Glück nicht stimmt. Auf der Kunibertistraße gibt es alte Fachwerkhäuser, die im Kern bis zu 500 Jahre alt sind. Besonders in Gassen der westlichen Altstadt finden sich Häuschen und Katen, restaurierte und nicht

Hauptbahnhof ein modernes Kollegzentrum heran.

Es resultieren: • weniger Rücken-, Hüft- und Knieschmerzen • mehr Ausdauer • weniger Belastung für Gelenke, Muskeln und Bänder • weniger muskuläre Ermüdung • bessere Haltung und Balance • Rückenstabilisierung durch bessere Statik • verbesserte Stoßdämpfung Hochlarmarkstraße 137· 45661 Recklinghausen Tel.: 02361 - 97 95 393 Öffnungszeiten: Mo. bis Fr. 9.00 - 12.00 Uhr und 15.00 - 18.00 Uhr Mittwochnachmittag nach Vereinbarung

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— So zeigt sich das Rathaus von 1908 den Zugreisenden. Im Innern erinnert die Architektur des Treppenhauses mit ihren Gewölben und Spitzbogenfenstern an historisierende Kirchenbauten.

restaurierte, die von lang vergangenen Zeiten erzählen. Am Rest der alten Stadtmauer steht die barocke „Engelsburg“, einst Sitz des kurfürstlichen Richters Münch, heute Hotel (siehe Seite 59). Auffallend ist die große Zahl repräsentativer, oft türmchengeschmückter Häuser aus der Zeit um 1900. Sie finden sich innerhalb des Wallrings, mehr noch „extra muros“, wo sich die Stadt einen Gürtel demonstrativer Bürgerlichkeit zugelegt hat. Auffälligstes dieser Gebäude ist das Rathaus, 1908 knapp südlich des Altstadtrings entstanden: ein wuchtiger, turmgekrönter Bau im Stil der Neo-Renaissance mit allerlei eklektischen Zutaten. Da hat sich eine Stadt selbst gefeiert. Nicht ohne Grund ist auch die Rückfront dieses Hauses eine prächtige Schauseite zur nahen Bahnlinie: Seht her, die ihr auf dem Weg nach Münster oder Essen seid – so gediegen geht es in Recklinghausen zu! Das Treppenhaus im Innern lässt mit seinen Gewölbedecken und Spitzbogenfenstern unweigerlich an eine Kirche denken. Wie eine Kirche hat das Rathaus auch eine Turmuhr – gebaut übrigens von der Recklinghäuser Turmuhrenfabrik Bernard Vortmann, deren Erzeugnisse bis heute in zahlreichen Kirchtürmen der näheren und weiteren Umgebung stecken.

— Wolfgang Pantförder, seit 1999 Bürgermeister Recklinghausens, im Sitzungssaal des Rathauses

Umkreis. Mit erlebbarer Geschichte. Eine Großstadt von 120.000 Einwohnern und gleichzeitig eine Verbindung selbstbewusster Vororte, Quartiere, im Norden mit klar münsterländisch-ländlichem Charakter. Und ja, Recklinghausen sei auch eine bürgerliche Stadt. In den gediegenen Wohnvierteln westlich und nördlich der Innenstadt ist diese Bürgerlichkeit wohl zu spüren, auch in den dorfartigen nördlichen Vororten wie Speckhorn. Recklinghausen, so erfahren wir im Rathaus, sei

Haus spendiert hat – mit Turm, versteht sich. Gleich gegenüber liegt die alte Feuerwache, ebenfalls mit Turm. Nicht weit entfernt das mächtige Amtsgericht. Ein schlossartiges ehemaliges Krankenhaus, heute Sitz mehrerer Krankenkassen. Das Hittorf-Gymnasium. Dazu bürgerliche Villen und Wohnhäuser. Ja, sagt Bürgermeister Pantförder, es gebe in Recklinghausen schon dieses Bewusstsein, dass die Stadt etwas Besonderes sei. Die älteste und größte Stadt im

auch traditionell bevorzugte Wohnstadt für Industrie-Chefs aus den Nachbarorten. Zum Selbstbewusstsein der Recklinghäuser (ja, so sagt man!) trägt zweifellos das beachtliche kulturelle Angebot bei. Die alljährlichen Ruhrfestspiele (siehe S. 36) zu allererst; sie haben auch das Image Recklinghausens nach außen positiv geprägt. Ein Kind dieser Festspiele ist die Kunsthalle: Weil man die Festspiele um Ausstellungen erweitern wollte, wurde 1950 der Hochbunker am Hauptbahnhof zum Kunstmuseum umgebaut. Schon zuvor hatte sich in Recklinghausen eine Initiative für die moderne Kunst geregt; es formierte sich die Gruppe „junger westen“ mit Künstlern wie Thomas Grochowiak, Emil Schumacher, Heinrich Siepmann. Die Stadt stiftete 1948 einen Kunstpreis und kaufte Werke der Preisträger ein. So konnte die neue Kunsthalle ihren Schwerpunkt zeitgenössischer Kunst begründen. Aus einer Schau in der Kunsthalle wiederum ging 1956 das Ikonen-Museum in der Altstadt hervor; es besitzt heute die größte Ikonen-Sammlung außerhalb der christlichorthodoxen Welt.

| Sinfonie und Sternwarte Und was gibt es noch? Eine Menge. Er wähnt seien das Vestische Museum, unter anderem mit Stadtgeschichte und einer Sammlung naiver Kunst, Das „Umspannwerk“, ein lebendiges Museum zur Geschichte der Stromversorgung (siehe Ruhr Revue 2/07). Im Stadtgarten beim Festspielhaus gibt es eine Volkssternwarte und

| Jede Menge Türmchen Die einstige Freude der Recklinghäuser an bürgerlichen Repräsentationsbauten trägt übrigens dazu bei, dass sich Recklinghausen-Neulinge in der Altstadt leicht verirren können. Betritt man etwa den Stadtkern durch die Kunibertistraße, so wird man irgendwann nach einigem Bummeln meinen, das Rathaus gefunden zu haben, welches man zuvor von der Bahn aus schon gesehen hat. Was da am Herzogswall steht, ist aber kein Rathaus, sondern das zur gleichen Zeit entstandene Kreishaus, heute Sitz der Volkshochschule und der Stadtbücherei. Wenn man das mal begriffen hat, findet man sich leichter zurecht. Vom alten Kreishaus sind es übrigens nur ein paar Schritte zum Gymnasium Petrinum, einer altehrwürdigen Anstalt, der man um 1900 ebenfalls ein repräsentatives

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Peel™ Club Design: Olav Eldøy

Peel™ Design: Olav Eldøy, Ole Petter Wullum, Johan Verde

Die R cken?Wohltat

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Ruhr Revue

Æ

Thomas Menke

Æ

Herner Str. 24

Æ

45657 Recklinghausen

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Tel: 02361 ? 22402

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Fax: 183215

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— So zeigt sich das Rathaus von 1908 den Zugreisenden. Im Innern erinnert die Architektur des Treppenhauses mit ihren Gewölben und Spitzbogenfenstern an historisierende Kirchenbauten.

restaurierte, die von lang vergangenen Zeiten erzählen. Am Rest der alten Stadtmauer steht die barocke „Engelsburg“, einst Sitz des kurfürstlichen Richters Münch, heute Hotel (siehe Seite 59). Auffallend ist die große Zahl repräsentativer, oft türmchengeschmückter Häuser aus der Zeit um 1900. Sie finden sich innerhalb des Wallrings, mehr noch „extra muros“, wo sich die Stadt einen Gürtel demonstrativer Bürgerlichkeit zugelegt hat. Auffälligstes dieser Gebäude ist das Rathaus, 1908 knapp südlich des Altstadtrings entstanden: ein wuchtiger, turmgekrönter Bau im Stil der Neo-Renaissance mit allerlei eklektischen Zutaten. Da hat sich eine Stadt selbst gefeiert. Nicht ohne Grund ist auch die Rückfront dieses Hauses eine prächtige Schauseite zur nahen Bahnlinie: Seht her, die ihr auf dem Weg nach Münster oder Essen seid – so gediegen geht es in Recklinghausen zu! Das Treppenhaus im Innern lässt mit seinen Gewölbedecken und Spitzbogenfenstern unweigerlich an eine Kirche denken. Wie eine Kirche hat das Rathaus auch eine Turmuhr – gebaut übrigens von der Recklinghäuser Turmuhrenfabrik Bernard Vortmann, deren Erzeugnisse bis heute in zahlreichen Kirchtürmen der näheren und weiteren Umgebung stecken.

— Wolfgang Pantförder, seit 1999 Bürgermeister Recklinghausens, im Sitzungssaal des Rathauses

Umkreis. Mit erlebbarer Geschichte. Eine Großstadt von 120.000 Einwohnern und gleichzeitig eine Verbindung selbstbewusster Vororte, Quartiere, im Norden mit klar münsterländisch-ländlichem Charakter. Und ja, Recklinghausen sei auch eine bürgerliche Stadt. In den gediegenen Wohnvierteln westlich und nördlich der Innenstadt ist diese Bürgerlichkeit wohl zu spüren, auch in den dorfartigen nördlichen Vororten wie Speckhorn. Recklinghausen, so erfahren wir im Rathaus, sei

Haus spendiert hat – mit Turm, versteht sich. Gleich gegenüber liegt die alte Feuerwache, ebenfalls mit Turm. Nicht weit entfernt das mächtige Amtsgericht. Ein schlossartiges ehemaliges Krankenhaus, heute Sitz mehrerer Krankenkassen. Das Hittorf-Gymnasium. Dazu bürgerliche Villen und Wohnhäuser. Ja, sagt Bürgermeister Pantförder, es gebe in Recklinghausen schon dieses Bewusstsein, dass die Stadt etwas Besonderes sei. Die älteste und größte Stadt im

auch traditionell bevorzugte Wohnstadt für Industrie-Chefs aus den Nachbarorten. Zum Selbstbewusstsein der Recklinghäuser (ja, so sagt man!) trägt zweifellos das beachtliche kulturelle Angebot bei. Die alljährlichen Ruhrfestspiele (siehe S. 36) zu allererst; sie haben auch das Image Recklinghausens nach außen positiv geprägt. Ein Kind dieser Festspiele ist die Kunsthalle: Weil man die Festspiele um Ausstellungen erweitern wollte, wurde 1950 der Hochbunker am Hauptbahnhof zum Kunstmuseum umgebaut. Schon zuvor hatte sich in Recklinghausen eine Initiative für die moderne Kunst geregt; es formierte sich die Gruppe „junger westen“ mit Künstlern wie Thomas Grochowiak, Emil Schumacher, Heinrich Siepmann. Die Stadt stiftete 1948 einen Kunstpreis und kaufte Werke der Preisträger ein. So konnte die neue Kunsthalle ihren Schwerpunkt zeitgenössischer Kunst begründen. Aus einer Schau in der Kunsthalle wiederum ging 1956 das Ikonen-Museum in der Altstadt hervor; es besitzt heute die größte Ikonen-Sammlung außerhalb der christlichorthodoxen Welt.

| Sinfonie und Sternwarte Und was gibt es noch? Eine Menge. Er wähnt seien das Vestische Museum, unter anderem mit Stadtgeschichte und einer Sammlung naiver Kunst, Das „Umspannwerk“, ein lebendiges Museum zur Geschichte der Stromversorgung (siehe Ruhr Revue 2/07). Im Stadtgarten beim Festspielhaus gibt es eine Volkssternwarte und

| Jede Menge Türmchen Die einstige Freude der Recklinghäuser an bürgerlichen Repräsentationsbauten trägt übrigens dazu bei, dass sich Recklinghausen-Neulinge in der Altstadt leicht verirren können. Betritt man etwa den Stadtkern durch die Kunibertistraße, so wird man irgendwann nach einigem Bummeln meinen, das Rathaus gefunden zu haben, welches man zuvor von der Bahn aus schon gesehen hat. Was da am Herzogswall steht, ist aber kein Rathaus, sondern das zur gleichen Zeit entstandene Kreishaus, heute Sitz der Volkshochschule und der Stadtbücherei. Wenn man das mal begriffen hat, findet man sich leichter zurecht. Vom alten Kreishaus sind es übrigens nur ein paar Schritte zum Gymnasium Petrinum, einer altehrwürdigen Anstalt, der man um 1900 ebenfalls ein repräsentatives

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— Beim Schauspielhaus wohnt man gediegen – ob traditionell oder modern wie in diesem Haus.

— Diese hübsche Bergbausiedlung in Suderwich gehörte zu „König Ludwig“ – jener Zeche, deren

sen und sind auf das nördliche der beiden stadtnahen „Blumenthal“-Zechengelände gezogen. Dort ist ein „Campus“ mit hochmoderner, ansprechender Architektur entstanden. Vom alten „General“ ist nichts mehr zu sehen außer einer Anlage, die das Grubengas (Methan) aus dem Boden saugt

Kohlen am Beginn der Festspiele standen.

einen kleinen Tierpark (Eintritt frei). Die „Altstadtschmiede“ bietet Jazz- und andere Konzerte, Kleinkunst und Kindertheater. Aus der freien Szene stammt das „Theater Gegendruck“ in Suderwich; die einstige Straßentheatergruppe tritt heute mit modernem Theater im Festspielhaus und an vielen anderen Spielorten des Ruhrgebiets auf. In „RE-Süd“ hat sich das „Alternative Kulturzentrum AKZ“ für junge Leute etabliert. Nicht zuletzt, und da sind wir wieder bei der bürgerlichen Tradition, beherbergt Recklinghausen ein renommiertes Sinfonieorchester. 1997 fusionierte es mit den Gelsenkirchener Kollegen zu einem neuen Klangkörper, zur Neuen Westfälischen Philharmonie. Sie musiziert regelmäßig im Festspielhaus, im Gelsenkirchener Musiktheater und in Kamen, weshalb der Kreis Unna zu den Trägern gehört, und auf zahlreichen Gastspielreisen. Ihre Heimat ist das alte Depot der „Vestischen Straßenbahnen“, die trotz ihres Namens seit vielen Jahren nur noch Busse betreibt. Im Gegensatz zu Essen oder Bochum hat Recklinghausen ein soziales Gefälle von Nord nach Süd: Der Süden, am RheinHerne-Kanal, ist besonders vom Bergbau geprägt, mit hoher Wohndichte und einigen problematischen Quartieren. Aber die Stadt arbeite daran, sagt der Bürgermeister. Die berühmte Dreiecks-Arbeitersiedlung

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und in Dieselmotoren zu Strom verwandelt. Statt der üblichen Ansammlung grüner Container hat die Grubengasfirma diesmal ein schickes Glasgebäude aufgestellt, in dem man die – natürlich grünen – Motoren arbeiten sieht. Die alten, ungepflegten Gebäude im Paulusviertel aber

RWE Westfalen-Weser-Ems

KULTURFÖRDERUNG – SPANNUNG GARANTIERT. bei der ehemaligen Zeche Recklinghausen II in Hochlarmark sei bereits saniert; auch der angrenzende Park am alten Fördergerüst habe dazu beigetragen, dass Hochlarmark nicht nur für die Einheimischen liebenswert ist, sondern auch von außen besser wahrgenommen werde. Ähnlich wolle die Stadt nun Recklinghausen-Süd aufwerten.

| Draußen sitzen ist in Die kleine Altstadt, das alte Ricoldinchuson, ist aber nach wie vor das Zentrum für alle Recklinghäuser. Dort geht man einkaufen, und dort findet sich eine erstaunliche Anzahl – manchmal versteckter – Restaurants und Kneipen. Viele von ihnen haben in den letzten drei, vier Jahren den Trend zur Außengastronomie für

sich entdeckt und die Altstadt damit sehr belebt, sagt Bürgermeister Pantförder. Um beim Thema Einkaufen nicht von anderen Städten deklassiert zu werden, will die Stadt nun eine Bausünde der Siebziger Jahre, das „Löhrhof-Center“, zu einer modernen Shopping-Mall umbauen lassen. Das Projekt ist nicht unumstritten; es gibt die gleichen Erwartungen und Befürchtungen wie etwa in Essen auch. Der Bürgermeister, der bei der Kommunalwahl noch einmal antreten will, gehört zu denen, die sich eine weitere Belebung der gesamten Altstadt erhoffen. Auch am Rand des Altstadtkerns tut sich etwas. Im „Paulusviertel“ haben zwei Kollegschulen – es gibt in Recklinghausen unglaublich viele Schulen aller Art – ihre türmchenbewehrten, alten Gebäude verlas-

WIR SETZEN DAS „E“ VOR GITARRE. Kunst, Literatur und Musik bereichern unser Leben. Deshalb stecken wir viel Energie in die Förderung kultureller Veranstaltungen und Initiativen. Wir unterstützen gezielt künstlerisches Schaffen und sorgen mit einer zuverlässigen Energieversorgung dafür, dass die Menschen in unserer Region rund um die Uhr Kultur genießen können. Ohne uns wäre alles „unplugged“. www.rwe.de

hält die Stadt für entbehrlich. Nach ihrem Abriss soll dort ein innenstädtisches Wohnviertel entstehen. Auf vielfältige Weise stellt Recklinghausen seine Altstadt mit Veranstaltungen heraus. Zum großen Erfolg wurde „RE leuchtet“ im November, mit spektakulärer Beleuchtung verschiedener Altstadt-Gebäude. Nächste Gelegenheit, die Recklinghäuser Altstadt im Trubel zu erleben, sind natürlich die Ruhrfestspiele, die im Mai und Juni wieder kräftig in die Innenstadt überschwappen werden. Außerdem gibt es bei dieser Gelegenheit wieder die „Woche des Sports“ mit dem „Internationalem Marktplatzspringen“ (Stabhochsprung). Wer so lange nicht warten mag, könnte vom 27. März bis zum 5. April die Palmkirmes besuchen. Die findet zwar seit geraumer Zeit nicht mehr auf dem Marktplatz statt, sondern etwas außerhalb bei der Vestlandhalle. Aber von dort ist es nur ein Sprung nach Ricoldinchuson. ● -na


RECKLINGHAUSEN-SPEZIAL

RECKLINGHAUSEN-SPEZIAL

— Beim Schauspielhaus wohnt man gediegen – ob traditionell oder modern wie in diesem Haus.

— Diese hübsche Bergbausiedlung in Suderwich gehörte zu „König Ludwig“ – jener Zeche, deren

sen und sind auf das nördliche der beiden stadtnahen „Blumenthal“-Zechengelände gezogen. Dort ist ein „Campus“ mit hochmoderner, ansprechender Architektur entstanden. Vom alten „General“ ist nichts mehr zu sehen außer einer Anlage, die das Grubengas (Methan) aus dem Boden saugt

Kohlen am Beginn der Festspiele standen.

einen kleinen Tierpark (Eintritt frei). Die „Altstadtschmiede“ bietet Jazz- und andere Konzerte, Kleinkunst und Kindertheater. Aus der freien Szene stammt das „Theater Gegendruck“ in Suderwich; die einstige Straßentheatergruppe tritt heute mit modernem Theater im Festspielhaus und an vielen anderen Spielorten des Ruhrgebiets auf. In „RE-Süd“ hat sich das „Alternative Kulturzentrum AKZ“ für junge Leute etabliert. Nicht zuletzt, und da sind wir wieder bei der bürgerlichen Tradition, beherbergt Recklinghausen ein renommiertes Sinfonieorchester. 1997 fusionierte es mit den Gelsenkirchener Kollegen zu einem neuen Klangkörper, zur Neuen Westfälischen Philharmonie. Sie musiziert regelmäßig im Festspielhaus, im Gelsenkirchener Musiktheater und in Kamen, weshalb der Kreis Unna zu den Trägern gehört, und auf zahlreichen Gastspielreisen. Ihre Heimat ist das alte Depot der „Vestischen Straßenbahnen“, die trotz ihres Namens seit vielen Jahren nur noch Busse betreibt. Im Gegensatz zu Essen oder Bochum hat Recklinghausen ein soziales Gefälle von Nord nach Süd: Der Süden, am RheinHerne-Kanal, ist besonders vom Bergbau geprägt, mit hoher Wohndichte und einigen problematischen Quartieren. Aber die Stadt arbeite daran, sagt der Bürgermeister. Die berühmte Dreiecks-Arbeitersiedlung

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Ruhr Revue

und in Dieselmotoren zu Strom verwandelt. Statt der üblichen Ansammlung grüner Container hat die Grubengasfirma diesmal ein schickes Glasgebäude aufgestellt, in dem man die – natürlich grünen – Motoren arbeiten sieht. Die alten, ungepflegten Gebäude im Paulusviertel aber

RWE Westfalen-Weser-Ems

KULTURFÖRDERUNG – SPANNUNG GARANTIERT. bei der ehemaligen Zeche Recklinghausen II in Hochlarmark sei bereits saniert; auch der angrenzende Park am alten Fördergerüst habe dazu beigetragen, dass Hochlarmark nicht nur für die Einheimischen liebenswert ist, sondern auch von außen besser wahrgenommen werde. Ähnlich wolle die Stadt nun Recklinghausen-Süd aufwerten.

| Draußen sitzen ist in Die kleine Altstadt, das alte Ricoldinchuson, ist aber nach wie vor das Zentrum für alle Recklinghäuser. Dort geht man einkaufen, und dort findet sich eine erstaunliche Anzahl – manchmal versteckter – Restaurants und Kneipen. Viele von ihnen haben in den letzten drei, vier Jahren den Trend zur Außengastronomie für

sich entdeckt und die Altstadt damit sehr belebt, sagt Bürgermeister Pantförder. Um beim Thema Einkaufen nicht von anderen Städten deklassiert zu werden, will die Stadt nun eine Bausünde der Siebziger Jahre, das „Löhrhof-Center“, zu einer modernen Shopping-Mall umbauen lassen. Das Projekt ist nicht unumstritten; es gibt die gleichen Erwartungen und Befürchtungen wie etwa in Essen auch. Der Bürgermeister, der bei der Kommunalwahl noch einmal antreten will, gehört zu denen, die sich eine weitere Belebung der gesamten Altstadt erhoffen. Auch am Rand des Altstadtkerns tut sich etwas. Im „Paulusviertel“ haben zwei Kollegschulen – es gibt in Recklinghausen unglaublich viele Schulen aller Art – ihre türmchenbewehrten, alten Gebäude verlas-

WIR SETZEN DAS „E“ VOR GITARRE. Kunst, Literatur und Musik bereichern unser Leben. Deshalb stecken wir viel Energie in die Förderung kultureller Veranstaltungen und Initiativen. Wir unterstützen gezielt künstlerisches Schaffen und sorgen mit einer zuverlässigen Energieversorgung dafür, dass die Menschen in unserer Region rund um die Uhr Kultur genießen können. Ohne uns wäre alles „unplugged“. www.rwe.de

hält die Stadt für entbehrlich. Nach ihrem Abriss soll dort ein innenstädtisches Wohnviertel entstehen. Auf vielfältige Weise stellt Recklinghausen seine Altstadt mit Veranstaltungen heraus. Zum großen Erfolg wurde „RE leuchtet“ im November, mit spektakulärer Beleuchtung verschiedener Altstadt-Gebäude. Nächste Gelegenheit, die Recklinghäuser Altstadt im Trubel zu erleben, sind natürlich die Ruhrfestspiele, die im Mai und Juni wieder kräftig in die Innenstadt überschwappen werden. Außerdem gibt es bei dieser Gelegenheit wieder die „Woche des Sports“ mit dem „Internationalem Marktplatzspringen“ (Stabhochsprung). Wer so lange nicht warten mag, könnte vom 27. März bis zum 5. April die Palmkirmes besuchen. Die findet zwar seit geraumer Zeit nicht mehr auf dem Marktplatz statt, sondern etwas außerhalb bei der Vestlandhalle. Aber von dort ist es nur ein Sprung nach Ricoldinchuson. ● -na


RECKLINGHAUSEN-SPEZIAL

RECKLINGHAUSEN-SPEZIAL

— Das modernisierte Festspielhaus auf dem grünen Hügel – und der erfolgreiche Hausherr, Frank Hoffmann

Gut fürs Image: Ruhrfestspiele

Kunst mit und ohne Kohle Wegen der Kohle sind nämlich die Hamburger in Recklinghausen gelandet. 1946/47 froren sie ganz jämmerlich. Nicht nur war der Winter ungewöhnlich kalt – es fehlte auch an Kohlen. So kam es, dass die Hamburger Theater vor der Schließung standen, weil sie keine Kohle hatten für die Heizung. Die Besatzer rückten mehr nicht heraus, und so machten sich Abgesandte der Theater mit zwei Lastwagen auf den Weg ins Ruhrgebiet. Von der Autobahn sahen sie die Zeche König Ludwig 4/5 in Suderwich, versuchten dort spontan ihr Glück – und hatten Erfolg. Die Kumpel luden beide Lastwagen voll, an diesem Tag und dann noch mehrere Male, bis die Militärpolizei der Sache auf die Spur kam. Da hatten die Theaterleute genug Kohle gebunkert, um durch die Frostperiode zu kommen. Im Sommer darauf kamen die Hamburger wieder und spielten den Recklinghäusern im „Saalbau“ auf, zum Dank: 36 |

Ruhr Revue

Die Ruhrfestspiele, ein Fixpunkt im alljährlichen europäi-

schafft, wie es an der Ruhr früher unmöglich schien. Die

haus zu bauen. 1953 fasste der Stadtrat den Beschluss, das zu tun – und zwar im Stadtgarten, auf dem „grünen Hügel“ nahe der Innenstadt.

Stadt war beim „Wandel durch Kultur“ um Jahrzehnte vor-

| Umzug auf den Hügel

schen Festivalreigen, haben Recklinghausen ein Image ver-

de das Programm, dem Zeitgeist entsprechend, politischer. Auch Brecht, dessen Stücke Burrmeister beharrlich ferngehalten hatte, kam nun zu Ehren. 1991 leitete Hansgünther Heyme eine Reform des Festivalkonzepts ein – seither pflegen die Spiele, unter wechselnden Themen, eine europäische Dimension. Heyme blieb über zehn Jahre in Recklinghausen; in seine Zeit fällt auch die Modernisierung des Hauses. Nach der langen Ära Heyme suchte man neue Impulse, doch ein Experiment mit dem polarisierenden Frank Castorf ging schief, der Kartenverkauf brach ein und trug zu einem bedrohlichen Defizit bei. Castorf wurde nach einer Saison entlassen. Nachfolger Frank Hoffmann, der vom Theatre National de Luxembourg kam, hat mit einem zugänglicheren Programm Zuschauer zurückgewonnen und gehalten: 2008 kamen fast 80.000, viermal mehr als im Krisenjahr unter Castorf. Und Hoffmanns Vertrag wurde bis 2012 verlängert.

| „Nordlichter“ aus. Allerdings verdankt sie das der Tatsache, dass sie vor 60 Jahren eben doch noch eine typische Revierstadt war.

„Kunst für Kohle“. Es gab Oper und Schauspiel, fünf Tage lang, zu günstigen Kartenpreisen, und der Erlös ging an die Invaliden-Kasse der Zeche König Ludwig. Der Hamburger Bürgermeister Max Brauer sprach auf der Zeche: „Ich kann mir eine neue Art der Festspiele vorstellen. Festspiele im Kohlenpott vor den Kumpels. Ja, Festspiele statt in Salzburg in Recklinghausen.“ Und so kam es. Aus dem einmaligen Auftritt wurden alljährliche Festspiele, organisiert von der Stadt Recklinghausen und dem Deutschen Gewerk-

schaftsbund; seit 1949 gibt es Unterstützung vom Land NRW. Im alten Saalbau wurde es bald zu eng. Die aufwendigen Opernaufführungen hat man deshalb 1953 aufgegeben. Dafür kamen Konzerte, Kunstausstellungen und politische Veranstaltungen an anderen Spielorten hinzu. Die bekanntesten bundesdeutschen Schauspieler wirkten an den Produktionen mit. Die Festspielzeit wurde erweitert: Was beim ersten Mal fünf Tage währte, dauert jetzt sechs Wochen. Schon 1950 blitzte der Gedanke auf, ein eigenes Festspiel-

Dank Förderung von Bundespräsident Heuss und anderen konnte 1961 der Grundstein gelegt werden; am 11. Juni 1965 begannen die ersten Festspiele im eigenen Haus. Den Bergleuten von „König Ludwig“ muss es bitterer Hohn gewesen sein: Vier Tage später wurde ihre Zeche stillgelegt. Und obwohl die Spiele stets einen politischen Anspruch behielten, zeigte sich doch, dass die Idee der Arbeiter-Festspiele eine Utopie war. Das Publikum auf dem „grünen Hügel“ setzt sich kaum anders zusammen als bei anderen Kultur-Ereignissen. 1966 wurde Otto Burrmeister pensioniert, ein höchst ungewöhnlicher Gewerkschafter, der die Festspiele fast 20 Jahre lang autokratisch geleitet hatte. Unter seinen Nachfolgern wur-

Auch in diesem Jahr werden die Ruhrfestspiele mit einem Volksfest am Tag der Arbeit eröffnet, am 1. Mai. Das sechswöchige Feuerwerk hat Frank Hoffmann diesmal unter den Titel „Nordlichter“ gestellt. Das bedeutet: Skandinavische — Zur Festspielzeit schlägt die Kunst Zelte im Stadtgarten auf. Der Name „grüner Hügel“ erklärt sich hier selbst.

Autoren spielen 2009 eine Hauptrolle in Recklinghausen. Schließlich haben der Norweger Henrik Ibsen und der Schwede August Strindberg das moderne Theater geprägt. Texte dieser beiden und ihrer skandinavischen Nachfolger – wie Ingmar Bergman, Per Olov Enquist oder Jon Fosse – werden in Aufführungen und Lesungen präsentiert von herausragenden deutschen Schauspielern wie Maximilian Schell, Angela Winkler oder Kirsten Dene, Otto Sander, Hannelore Elsner. Aber natürlich spielen auch internationale Ensembles. So bringt das „Bridge Project“, eine Kooperation der Ruhrfestspiele mit der Brooklyn Academy of Music, New York, und dem Old Vic Theatre, London, Tschechows „Kirschgarten“ und Shakespeares „Wintermärchen“, unter der Regie von Sam Mendes. Mehr denn je spielt sich das Geschehen nicht nur im Festspielhaus ab. Im Theaterzelt auf dem Hügel etabliert sich das „Festival der Uraufführungen“ mit Texten deutschsprachiger Autoren. Das „Fringe Festival“ mit Produktionen aus der freien Theaterlandschaft dagegen verlässt den Hügel und schlägt ein eigenes Zelt am Gymnasium Petrinum in der Innenstadt auf; auch in der alten Gymnasialkirche gibt es erstmals Vorstellungen. Außer Theater und Lesungen stehen Kabarett und Comedy auf dem Programm, Kindertheater, akrobatischer Zirkus und Musik. ● Der Vorverkauf hat schon begonnen, und auf liegengebliebene Karten sollte man wohl nicht allzu lange spekulieren: 0 23 61/ 92 18-0 oder www.ruhrfestspiele.de. Zum Eröffnungs-Volksfest am 1. Mai von 13 Uhr an auf dem grünen Hügel braucht man keine Karten. Man sollte nur

Vestschrift für einen Riesen Das größte Stück Ruhrgebiet: nicht E, nicht DO, sondern RE

Wer der größte sei im Ruhrgebiet – darüber haben sich Dortmund und Essen in jüngerer Zeit mit Hingabe gestritten. Die hier gewählte Reihenfolge ist nicht nur alphabetisch, denn Dortmund hat seit einiger Zeit tatsächlich ein paar hundert Einwohner mehr, was die unerwartet überholten Essener zu heftigen, aber vergeblichen Zweifeln an der Dortmunder Statistik bewog. Dabei ist die Frage nach dem Größten längst entschieden. Keine Stadt stellt die größte Zahl an Ruhris, sondern der Kreis Recklinghausen, oft auch Vestischer Kreis oder einfach „das Vest“ genannt: Knapp 640.000 Einwohner sind über 50.000 mehr, als Dortmund und Essen jeweils zu bieten haben.

letzten Gebietsreform 1976 ähnelt der Kreis seinem Vorgänger in der Ausdehnung doch sehr. Vielleicht kommt es daher, dass die Menschen im Vest an dem alten Begriff festgehalten haben. Während andere ehemalige Veste ihn längst abgelegt haben, führt der Kreis Recklinghausen den Zusatz „Der Vestische Kreis“ ganz offiziell im Logo. Dieser „Vestische Kreis“ ist heute nicht nur ein besonders großes Stück Ruhrgebiet, sondern nach Einwohnern der größte Landkreis ganz Deutschlands. Zusammengesetzt ist er nicht aus kleinen und kleinsten Einheiten, sondern aus zehn Städten: ■

Recklinghausen ist mit 121.500 Einwohnern die größte Stadt und Sitz der Kreisverwaltung, es folgen

Marl (89.500) Dorsten (78.000) Castrop-Rauxel (77.000) Gladbeck (76.000) Herten (63.500) Haltern am See (38.000) Datteln (36.000) Oer-Erkenschwick (30.500) Waltrop (30.000)

■ ■ ■

Wie vieles im Ruhrgebiet ist auch das Vest eine uralte Sache. Das Wort steht für einen Gerichts- und Verwaltungsbezirk („Gogericht“). Das Vest Recklinghausen wurde 1228 erstmals erwähnt und zählte damals zu Kurköln. Die Aufsicht des Kölner Erzbischofs war zeitweise sehr streng: 1614, im schlimmsten Konfessionsstreit, soll der Kölner Erzbischof Ferdinand von Bayern verfügt haben, dass Nichtkatholiken der dauernde Aufenthalt im Vest verboten sei. Die streng katholischen Sitten haben sich geändert – spätestens natürlich, seit das Vest zu Preußen kam. Der damals gebildete und immer wieder veränderte Kreis Recklinghausen war nie exakt identisch mit dem alten Vest, doch gerade seit der

■ ■ ■ ■ ■

Jüngster Bestandteil des Vests ist Haltern, das vordem zum Kreis Coesfeld gehörte. Es gibt dort im Norden, wie an den westlichen, östlichen und südlichen Rändern des Regionalverbandes Ruhr auch, gewisse Zentrifugalkräfte. Mancher möchte zum RVR und zum Ruhrgebiet nicht mehr dazugehören. Wir meinen: Haltern gehört dazu, ist eins von neun starken Stücken Ruhrgebiet, die wir unmöglich in diesem Recklinghausen-Spezial mit ein paar Sätzen abtun können. Sie sollen in späteren Ausgaben einzeln vorgestellt werden.

rechtzeitig da sein. Ruhr Revue

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RECKLINGHAUSEN-SPEZIAL

RECKLINGHAUSEN-SPEZIAL

— Das modernisierte Festspielhaus auf dem grünen Hügel – und der erfolgreiche Hausherr, Frank Hoffmann

Gut fürs Image: Ruhrfestspiele

Kunst mit und ohne Kohle Wegen der Kohle sind nämlich die Hamburger in Recklinghausen gelandet. 1946/47 froren sie ganz jämmerlich. Nicht nur war der Winter ungewöhnlich kalt – es fehlte auch an Kohlen. So kam es, dass die Hamburger Theater vor der Schließung standen, weil sie keine Kohle hatten für die Heizung. Die Besatzer rückten mehr nicht heraus, und so machten sich Abgesandte der Theater mit zwei Lastwagen auf den Weg ins Ruhrgebiet. Von der Autobahn sahen sie die Zeche König Ludwig 4/5 in Suderwich, versuchten dort spontan ihr Glück – und hatten Erfolg. Die Kumpel luden beide Lastwagen voll, an diesem Tag und dann noch mehrere Male, bis die Militärpolizei der Sache auf die Spur kam. Da hatten die Theaterleute genug Kohle gebunkert, um durch die Frostperiode zu kommen. Im Sommer darauf kamen die Hamburger wieder und spielten den Recklinghäusern im „Saalbau“ auf, zum Dank: 36 |

Ruhr Revue

Die Ruhrfestspiele, ein Fixpunkt im alljährlichen europäi-

schafft, wie es an der Ruhr früher unmöglich schien. Die

haus zu bauen. 1953 fasste der Stadtrat den Beschluss, das zu tun – und zwar im Stadtgarten, auf dem „grünen Hügel“ nahe der Innenstadt.

Stadt war beim „Wandel durch Kultur“ um Jahrzehnte vor-

| Umzug auf den Hügel

schen Festivalreigen, haben Recklinghausen ein Image ver-

de das Programm, dem Zeitgeist entsprechend, politischer. Auch Brecht, dessen Stücke Burrmeister beharrlich ferngehalten hatte, kam nun zu Ehren. 1991 leitete Hansgünther Heyme eine Reform des Festivalkonzepts ein – seither pflegen die Spiele, unter wechselnden Themen, eine europäische Dimension. Heyme blieb über zehn Jahre in Recklinghausen; in seine Zeit fällt auch die Modernisierung des Hauses. Nach der langen Ära Heyme suchte man neue Impulse, doch ein Experiment mit dem polarisierenden Frank Castorf ging schief, der Kartenverkauf brach ein und trug zu einem bedrohlichen Defizit bei. Castorf wurde nach einer Saison entlassen. Nachfolger Frank Hoffmann, der vom Theatre National de Luxembourg kam, hat mit einem zugänglicheren Programm Zuschauer zurückgewonnen und gehalten: 2008 kamen fast 80.000, viermal mehr als im Krisenjahr unter Castorf. Und Hoffmanns Vertrag wurde bis 2012 verlängert.

| „Nordlichter“ aus. Allerdings verdankt sie das der Tatsache, dass sie vor 60 Jahren eben doch noch eine typische Revierstadt war.

„Kunst für Kohle“. Es gab Oper und Schauspiel, fünf Tage lang, zu günstigen Kartenpreisen, und der Erlös ging an die Invaliden-Kasse der Zeche König Ludwig. Der Hamburger Bürgermeister Max Brauer sprach auf der Zeche: „Ich kann mir eine neue Art der Festspiele vorstellen. Festspiele im Kohlenpott vor den Kumpels. Ja, Festspiele statt in Salzburg in Recklinghausen.“ Und so kam es. Aus dem einmaligen Auftritt wurden alljährliche Festspiele, organisiert von der Stadt Recklinghausen und dem Deutschen Gewerk-

schaftsbund; seit 1949 gibt es Unterstützung vom Land NRW. Im alten Saalbau wurde es bald zu eng. Die aufwendigen Opernaufführungen hat man deshalb 1953 aufgegeben. Dafür kamen Konzerte, Kunstausstellungen und politische Veranstaltungen an anderen Spielorten hinzu. Die bekanntesten bundesdeutschen Schauspieler wirkten an den Produktionen mit. Die Festspielzeit wurde erweitert: Was beim ersten Mal fünf Tage währte, dauert jetzt sechs Wochen. Schon 1950 blitzte der Gedanke auf, ein eigenes Festspiel-

Dank Förderung von Bundespräsident Heuss und anderen konnte 1961 der Grundstein gelegt werden; am 11. Juni 1965 begannen die ersten Festspiele im eigenen Haus. Den Bergleuten von „König Ludwig“ muss es bitterer Hohn gewesen sein: Vier Tage später wurde ihre Zeche stillgelegt. Und obwohl die Spiele stets einen politischen Anspruch behielten, zeigte sich doch, dass die Idee der Arbeiter-Festspiele eine Utopie war. Das Publikum auf dem „grünen Hügel“ setzt sich kaum anders zusammen als bei anderen Kultur-Ereignissen. 1966 wurde Otto Burrmeister pensioniert, ein höchst ungewöhnlicher Gewerkschafter, der die Festspiele fast 20 Jahre lang autokratisch geleitet hatte. Unter seinen Nachfolgern wur-

Auch in diesem Jahr werden die Ruhrfestspiele mit einem Volksfest am Tag der Arbeit eröffnet, am 1. Mai. Das sechswöchige Feuerwerk hat Frank Hoffmann diesmal unter den Titel „Nordlichter“ gestellt. Das bedeutet: Skandinavische — Zur Festspielzeit schlägt die Kunst Zelte im Stadtgarten auf. Der Name „grüner Hügel“ erklärt sich hier selbst.

Autoren spielen 2009 eine Hauptrolle in Recklinghausen. Schließlich haben der Norweger Henrik Ibsen und der Schwede August Strindberg das moderne Theater geprägt. Texte dieser beiden und ihrer skandinavischen Nachfolger – wie Ingmar Bergman, Per Olov Enquist oder Jon Fosse – werden in Aufführungen und Lesungen präsentiert von herausragenden deutschen Schauspielern wie Maximilian Schell, Angela Winkler oder Kirsten Dene, Otto Sander, Hannelore Elsner. Aber natürlich spielen auch internationale Ensembles. So bringt das „Bridge Project“, eine Kooperation der Ruhrfestspiele mit der Brooklyn Academy of Music, New York, und dem Old Vic Theatre, London, Tschechows „Kirschgarten“ und Shakespeares „Wintermärchen“, unter der Regie von Sam Mendes. Mehr denn je spielt sich das Geschehen nicht nur im Festspielhaus ab. Im Theaterzelt auf dem Hügel etabliert sich das „Festival der Uraufführungen“ mit Texten deutschsprachiger Autoren. Das „Fringe Festival“ mit Produktionen aus der freien Theaterlandschaft dagegen verlässt den Hügel und schlägt ein eigenes Zelt am Gymnasium Petrinum in der Innenstadt auf; auch in der alten Gymnasialkirche gibt es erstmals Vorstellungen. Außer Theater und Lesungen stehen Kabarett und Comedy auf dem Programm, Kindertheater, akrobatischer Zirkus und Musik. ● Der Vorverkauf hat schon begonnen, und auf liegengebliebene Karten sollte man wohl nicht allzu lange spekulieren: 0 23 61/ 92 18-0 oder www.ruhrfestspiele.de. Zum Eröffnungs-Volksfest am 1. Mai von 13 Uhr an auf dem grünen Hügel braucht man keine Karten. Man sollte nur

Vestschrift für einen Riesen Das größte Stück Ruhrgebiet: nicht E, nicht DO, sondern RE

Wer der größte sei im Ruhrgebiet – darüber haben sich Dortmund und Essen in jüngerer Zeit mit Hingabe gestritten. Die hier gewählte Reihenfolge ist nicht nur alphabetisch, denn Dortmund hat seit einiger Zeit tatsächlich ein paar hundert Einwohner mehr, was die unerwartet überholten Essener zu heftigen, aber vergeblichen Zweifeln an der Dortmunder Statistik bewog. Dabei ist die Frage nach dem Größten längst entschieden. Keine Stadt stellt die größte Zahl an Ruhris, sondern der Kreis Recklinghausen, oft auch Vestischer Kreis oder einfach „das Vest“ genannt: Knapp 640.000 Einwohner sind über 50.000 mehr, als Dortmund und Essen jeweils zu bieten haben.

letzten Gebietsreform 1976 ähnelt der Kreis seinem Vorgänger in der Ausdehnung doch sehr. Vielleicht kommt es daher, dass die Menschen im Vest an dem alten Begriff festgehalten haben. Während andere ehemalige Veste ihn längst abgelegt haben, führt der Kreis Recklinghausen den Zusatz „Der Vestische Kreis“ ganz offiziell im Logo. Dieser „Vestische Kreis“ ist heute nicht nur ein besonders großes Stück Ruhrgebiet, sondern nach Einwohnern der größte Landkreis ganz Deutschlands. Zusammengesetzt ist er nicht aus kleinen und kleinsten Einheiten, sondern aus zehn Städten: ■

Recklinghausen ist mit 121.500 Einwohnern die größte Stadt und Sitz der Kreisverwaltung, es folgen

Marl (89.500) Dorsten (78.000) Castrop-Rauxel (77.000) Gladbeck (76.000) Herten (63.500) Haltern am See (38.000) Datteln (36.000) Oer-Erkenschwick (30.500) Waltrop (30.000)

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Wie vieles im Ruhrgebiet ist auch das Vest eine uralte Sache. Das Wort steht für einen Gerichts- und Verwaltungsbezirk („Gogericht“). Das Vest Recklinghausen wurde 1228 erstmals erwähnt und zählte damals zu Kurköln. Die Aufsicht des Kölner Erzbischofs war zeitweise sehr streng: 1614, im schlimmsten Konfessionsstreit, soll der Kölner Erzbischof Ferdinand von Bayern verfügt haben, dass Nichtkatholiken der dauernde Aufenthalt im Vest verboten sei. Die streng katholischen Sitten haben sich geändert – spätestens natürlich, seit das Vest zu Preußen kam. Der damals gebildete und immer wieder veränderte Kreis Recklinghausen war nie exakt identisch mit dem alten Vest, doch gerade seit der

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Jüngster Bestandteil des Vests ist Haltern, das vordem zum Kreis Coesfeld gehörte. Es gibt dort im Norden, wie an den westlichen, östlichen und südlichen Rändern des Regionalverbandes Ruhr auch, gewisse Zentrifugalkräfte. Mancher möchte zum RVR und zum Ruhrgebiet nicht mehr dazugehören. Wir meinen: Haltern gehört dazu, ist eins von neun starken Stücken Ruhrgebiet, die wir unmöglich in diesem Recklinghausen-Spezial mit ein paar Sätzen abtun können. Sie sollen in späteren Ausgaben einzeln vorgestellt werden.

rechtzeitig da sein. Ruhr Revue

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