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INTERVIEW HANS-PETER SCHIFFERLE

Migros-Magazin 24, 14. Juni 2010

anderen Status. Sie sind absolute Sozialmarker. Es gilt das Motto: Wer Dialekt spricht, ist zu blöd für das Hochdeutsche. Bereits die Kinder lernen, miteinander Hochdeutsch zu sprechen, obwohl daheim in der Familie Dialekt gesprochen wird.

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Es gibt auch in der Schweiz Bemühungen, Hochdeutsch im Kindergarten zu etablieren.

Ja, es ist aber trotzdem noch ein Tabu, die Empörung gross, wenn die Schriftsprache den Dialekt ersetzen soll. Für uns ist es nun mal befremdlich, wenn eine Lehrerin die Kinder auf den Schulhof statt auf den Pausi schickt. Zudem lernen wir so sicher nicht besser Deutsch. Ich begegnete kürzlich im Tram einer Schulklasse. Da hat eine Zürcher Lehrerin mit den Kindern total umständlich Hochdeutsch gesprochen. Ich musste lachen, die Kids haben sich darüber lustig gemacht. Ist es denn denkbar, dass das Schweizerdeutsch je ausstirbt?

Auf jeden Fall. Dazu bräuchte es aber mehr als standardsprechende Lehrer. Bei der Gründung unseres Idiotikons 1862 sah man die Dialekte durch die aufkommende Reisetätigkeit bereits verschwinden. Erst durch diese Verlustangst konnten unsere Wörterbucharbeit überhaupt beginnen. Damit die Dialekte aussterben, müssten wir unsere Einstellung dazu aber völlig verändern. Zum Glück darf auch im Bundeshaus jeder Politiker seine Dialektwörter verwenden – auch wenn diese manchmal falsch verstanden werden (lacht). Ein Begriff, der je nach Gegend anders verstanden wird, ist das Verstärkungswort «huara». In Chur gilt es nicht als vulgär, sondern als Khurertüütsch.

Der Kraftausdruck stammt entge-

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Brotanschnitt Schluckauf flirten Pfütze süsses Kind schnell, geschwind engstirnige Person Kartoffel Taschentuch verkehrt herum Brotanschnitt Estrich Fensterladen

14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25.

Ameise dunstig Mittwoch Angsthase verprügeln Griesgram schnell Wähe Es wird schon werden wahrscheinlich/vielleicht gemütlich, ruhig Kleinkind, Baby

Für Hans-Peter Schifferle ist es nicht ausgeschlossen, dass die Dialekte eines Tages aussterben.

«Es gibt keine zwei Schweizer, die exakt dieselbe Sprache sprechen.» gen vielen Behauptungen wirklich vom Wort Hure ab. Man findet es schon in unserem zweiten Band von 1885 mit derselben Bedeutung wie heute. Auch Ausdrücke wie choge guet oder cheibe Siech sind ursprünglich Tabu-Wörter. Ein Cheib ist nämlich ein Aas, ein Siech ein Kranker. Schampar schön, stammt von der Schande der Schönheit. Wer bildet solche Wörter?

Jede Generation hat ihre Verstärkungswörter. Was früher in Luzern rüdig war, ist heute megageil. Das sind aber selten Neukreationen. Gerade geil ist schon vor über 1000 Jahren im Althochdeut-

schen mit der Definition übermütig und zügellos zu finden. Welche Wörter feiern zurzeit wieder ein Revival?

Ich habe kürzlich einen Rapper getroffen, der in seine Liedern Wörter aus alten Schweizer Filmen wiederbelebt. Dinge wie Stärneföifi, schüli oder bigoscht. Das ist ein Trend. Allgemein scheint es, dass der Dialekt in der Musik gerade hochlebt. Der schweizerdeutsche Rap ist populär. Mundartbands feiern Erfolge.

Hip-hop und Rap sind für die Dialekte ein absoluter Glücksfall. Was es hingegen immer weniger gibt, ist Mundartliteratur. Sie ist seit den Fünfzigerjahren fast verschwunden. Es scheint, der Rap hat diese abgelöst.

Jung ist auch der Satz des Jahres «S Beschte wos je häts gits». Ist es vorstellbar, dass sich so ein Wortgebilde je etabliert?

Absolut. Wir haben beobachtet, dass individuelle Kreationen immer wieder in den allgemeinen Wortschatz einfliessen. Apropos: Wie konserviert man seinen Dialekt?

Da gibt es nur einen Rat. Wandern Sie aus! Nur im Ausland wird Ihr Dialekt versteinert. Das schönste alte Züritüütsch hört man von Leuten, die 50 Jahre in Amerika gelebt haben.

Interview Cinzia Venafro und Yvette Hettinger Bilder Nik Hunger

www.idiotikon.ch www.verlaghuber.ch

Sie kennen sich in der Schweizer Rapszene aus?

Ich interessiere mich sehr dafür. Künstler wie Sektion Kuchikäschtli, Bligg oder Greis sind für Dialektforscher sehr inspirierend. Zudem hält diese Musik mich jung.

www.migrosmagazin.ch Ist Mundart eine eigene Sprache? Die Dialektbeispiele, Ihre Meinung und Literaturtipps.

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