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46 | Migros-Magazin 24, 14. Juni 2010

Hans-Peter Schifferle, zu Beginn möchten wir Sie kurz testen: Könnt Sie miar uft Gmeind genau sega, wo i und mini Kollegin ufkwachsa sind?

Sie klingen wie eine Bündnerin mit sicherlich nicht Walserischen, sondern Churer Wurzeln. Nicht schlecht. Ich bin in Chur aufgewachsen. Das war aber noch relativ einfach zu erraten. Jetzt wirds kniffliger: Woher stammt meine Kollegin Yvette Hettinger?

Frau Hettinger, wie nennen Sie denn den Abend? Oobig.

Wie sagen Sie der Stern? Stäärn.

Dann sind Sie westlich der Linie Reuss/Aare aufgewachsen. Es klingt sehr aargauerisch. Ich habe mal dort gelebt. Aber aufgewachsen bin ich in Zug. Ich scheine den Aargauer Dialekt angenommen zu haben.

Sagen Sie denn füüf oder foif? Füüf.

Dann kann ich Sie beruhigen. Sie haben nicht alles angenommen. Foif bildet nämlich eine geografische Insel mit Zürich und dem Aargau. Rund herum, wie in Zug, sagt man füüf. Füüf, foif — über solche Details streiten die Schweizer gerne. Warum ist der Dialekt für uns ein so emotional besetztes Thema?

«Sie wollen Ihren Dialekt behalten? Wandern Sie aus!»

En Kafi oder äs Ggaffe? Füüf oder foif? Hans-Peter Schifferle weiss, wo man wie spricht. Der Chefredaktor des Dialekt-Wörterbuchs Idiotikon über seine Sympathien für Rap und Babylon im Bundeshaus.

Weil jeder ein Experte ist. Es gibt keine zwei Schweizer, die exakt dieselbe Sprache sprechen. Schliesslich gibt es keine Norm. Und wo es keine Regeln gibt, macht sich jeder seine eigenen. Das Schweizerdeutsche Wörterbuch Idiotikon ist seit 130 Jahren in Arbeit. Sie sind seit bald 25 Jahren dabei und behandeln seither Wörter mit dem Anfangsbuchstaben W. Werden Sie irgendwann fertig?

Drei Viertel unseres sprachlichen Materials ist schon veraltet. Oder

gar ausgestorben. Die Mundart ist eine lebendige Sprache und verändert sich sehr schnell. Der Wörtergrundstock des Idiotikons ist über 100 Jahre alt. Damals haben die Korrespondenten 20 Jahre lang nur Begriffe gesammelt, seither sind wir auf der Redaktion am Abarbeiten. Bisher sind es rund 160 000 Stichwörter; das sind 40

Kilogramm gebundener Schweizerdeutscher Wortschatz. Ganz fertig wird man nie. Ist das nicht frustrierend?

Sicher nicht! Wenn ich sterbende Wörter behandle, verstehe ich die Mechanismen hinter Neukreationen besser. Nichts ist so nah dran am Leben wie Umgangssprache.

Zum Beispiel in alten Gerichtsprotokollen; da kommen halt auch die wüsten Dinge zum Vorschein, solche Schriften sind wahre Schimpfwortfundgruben. In einem Zürcher Gericht betitelte jemand im Jahr 1414 eine Frau als zers kat pfaffenhuor. Zers ist ein sehr altes und vulgäres Wort für Penis und kat bedeutet Kot.

Migros Magazin 24 2010 d OS  
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