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MENSCHEN SAMMLER

Migros-Magazin 24, 14. Juni 2010

Sylvain Wyler (links) hat eine der wertvollsten Sammlungen von Schweizer Marken. Bei Auktionen sucht er nach weiteren wertvollen Stücken.

«Ich verkaufe das Erbe meines Vaters, er ist letztes Jahr gestorben. Das ist ein sehr emotionaler Moment für mich. Es ist keine verrückt wertvolle Sammlung, aber sie ist sehr umfangreich. Drei Koffer und zwei Harassen haben wir vor einem Jahr nach Wil geschleppt. Rapp hat alles durchgeblättert, ganz 00 Franken. Frank nken schnell ging das. Ich schätze den Wert auf bis zu 10 000 Sabine Haltmeier, Erbin Mir geht es aber mehr ums Weitergeben.»

Zurückgezogene Marken …

… können an Wert gewinnen. Es kann vorkommen, dass eine perfekt gedruckte Marke vor der Herausgabe zurückgezogen werden muss und deshalb sehr wertvoll wird. So geschehen 2005 mit einer österreichischen Sondermarke zum 70. Geburtstag des Dalai Lama. China bekam Wind davon und übte offenbar derartigen Druck auf unser Nachbarland aus, dass dieses die ganze Millionenauflage einstampfte. Fast die ganze — einige Bogen waren nämlich bereits bei Philatelie-Journalisten eingetroffen. Man findet sie heute an Auktionen wieder, beispielsweise bei Rapps in Wil. Da wurde an der jüngsten Auktion ein Dalai-Lama-Bogen für 10 500 Franken versteigert.

sei Faszination und Leidenschaft, und nur wer sich intensiv damit beschäftige, eigne sich jenes Wissen an, dem jede wertvolle Sammlung zugrunde liegt. Aber Wissen alleine genügt nicht, oder wie Eichele sagt: «Es braucht auch Kreativität. Das Wichtigste beim Sammeln ist das Gedankengebäude, das man selber erstellt.» Briefmarken erzählen Geschichten und machen Geschichte greifbar, auch die ferner Länder – das ist mit ein Grund für die Faszination.

200 000 aktive Sammler, aber der Nachwuchs fehlt

Aber das Sammeln dieser kleinen Wertpapiere, die im eigentlichen Sinne Vorauszahlungen einer postalischen Dienstleistung sind, ist auch hierzulande kein Breiten-

sport mehr. Zwar wird die Zahl der aktiven Sammler in der Schweiz noch immer auf rund 200 000 geschätzt. Aber heute haben die jungen Menschen breit gefächerte Hobbys – und die Welt lässt sich problemlos real bereisen. An der viertägigen Auktion in Wil SG kamen denn auch viele Sammlungen unter den Hammer, denen geduldige Schweizer einen grossen Teil ihrer Freizeit gewidmet hatten, ihr ganzes Leben lang. Viele Erben sind sich des emotionalen Werts dieser Alben zwar bewusst – aber selber sagen ihnen Briefmarken nichts. Und so hofft man eben, dass sie wenigstens etwas wert sind. Der Moment dafür ist nicht schlecht, das zeigt sich auch daran, dass an der diesjährigen Auktion die eigenen Erwartungen des

Hauses Rapp weit übertroffen wurden: 17,2 Millionen Franken Gesamtverkaufsumsatz machte man während der viertägigen Auktion, mit 13 Millionen hatte man gerechnet. 4,5 Millionen brachte alleine die Ticino-Sammlung ein.

Für eine Auktion reisen auch die Russen an

Briefmarken sind eine konservative Wertanlage – und sie bieten sich deshalb in chaotischen Zeiten als ruhigen Rückzugsort fürs Ersparte an. Mitbieten übrigens lässt sich auch übers Internet, in Echtzeit. Doch die meisten bevorzugen es auch heute noch, real anwesend zu sein. Und so gibt es sogar reiche Russen, die selbst anreisen. Marianne Rapp Ohmann, die Tochter des Patrons und künftige Gschäftsleiterin, hat Erfahrung im Umgang mit ihnen und erzählt anlässlich des 40-Jahre-Jubiläums des Familienbetriebs, was man sich alles hat einfallen lassen, um den Ansprüchen der illustren Gäste gerecht zu werden: «Mit den Gattinnen der Russen gehen wir auch an die Zürcher Bahnhofstrasse shoppen. Das gehört heutzutage einfach zum Service.» Text Esther Banz Bilder Daniel Ammann

«I bin in der vierten Generation Posthaltersohn. Meine Vorfahren haben bereits «Ich Marken gesammelt. Als Kind hat mich das auch interessiert, aber ich gab nie Geld dafür Ma aus. au Erst vor zehn Jahren habe ich angefangen zu sammeln, dank dem Internet. Besonders de stolz bin ich auf die Basler Tauben in meiner Sammlung. Eine verkaufe ich an der Au Auktion, eine behalte ich noch. Man muss mal wieder loslassen können.» Matthias Studer, Internetsammler

Migros Magazin 24 2010 d OS  

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