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MENSCHEN FLÜCHTLINGE

Migros-Magazin 24, 14. Juni 2010

nahestehende Erwachsene in die Schweiz gereist und haben hier einen Asylantrag gestellt. Man nennt sie im deutschsprachigen Raum Uma – unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Viele von ihnen sind aus Kriegsgebieten geflüchtet (siehe Box). Auffallend ist, dass 2009 im Vergleich zu 2007 doppelt so viele der Kinder jünger als fünfzehn Jahre waren, als sie herkamen. Ibrahim aus der Elfenbeinküste ist im März letzten Jahres in die Schweiz gekommen. Wie Yoftahe ist auch er Vollwaise; seine Eltern sind 2007 im Bürgerkrieg umgekommen. Ein gutes Jahr nach seiner Ankunft hier ist Ibrahim ein gross gewachsener, dünner 16-Jähriger, dessen Deutsch noch nicht so gut ist wie das von Yoftahe, aber der durch die täglichen Gespräche zu Hause und die viermal wöchentlich stattfindenden Fussballtrainings schnell dazulernt. Fussball ist Ibrahims Leidenschaft. Stolz erzählt seine Pflegemutter Susanna Portmann, Kindergärtnerin und Hausfrau aus Emmen LU, wie das Jungtalent dank eines Sozialarbeiters im Asylheim zuerst vom lokalen Fussballclub und dann vom FC Luzern entdeckt wurde. Und Ibrahim ist derart talentiert, dass er regelmässig in der U 17-Mannschaft des FCL spielt. Zu Hause in ihrer Wohngenossenschaft schildert die Patchworkfamilie, wie das multikulturelle Zusammenleben funktioniert. «Schwarz und Weiss vereint», meint Vater Ali Bakayoko lachend. Er stammt auch aus der Elfenbeinküste. Seit 2002 ist er mit Susanna Portmann verheiratet. Beide brachten Kinder in die Ehe – er Melissa (12), sie Mattia (12), Leonidas (14) und Nicolas (15). Nicolas war es, der an einem Grümpelturnier Ibrahim entdeckte. Bald darauf war der scheue Neuankömmling zum Essen eingeladen. Ibrahims Wunsch, in einer Familie zu leben, war gross – kein Wunder, seit Monaten lebte er ohne Bezugspersonen und musste sein «Zuhause» in diversen Asylzentren mit hundert anderen Flüchtlingen teilen. Das Ehepaar Portmann-Bakayoko musste nicht lange überlegen. «Aber!», ruft Vater Ali

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«Von den Kindern wird erwartet, dass sie hier arbeiten.» Jean Zermatten (62) ist Vizepräsident des Uno-Ausschusses für die Rechte des Kindes. In Sion leitet er zudem das von ihm gegründete «Internationale Institut für die Rechte des Kindes» (www.childsrights.org). Jean Zermatten, jedes Jahr gelangen Hunderte Kinder aus Afrika und anderen Ländern des Südens ohne Begleitung in die Schweiz. Weshalb?

Die Kinder kommen aus Ländern mit grosser Armut und haben – wie wir alle – den Traum von Wohlstand und Sicherheit. Anders als wir können sie sich diesen Traum in der eigenen Heimat nicht erfüllen. Einige sind auch Waisen. Trotzdem konnten sie sich die Reise hierher finanzieren.

Jemand ist für die Reisekosten aufgekommen – aber irgendwann müssen sie das Geld zurückbezahlen. Von den Kindern wird erwartet, dass sie hier Fuss fassen und eines Tages arbeiten werden. Doch die Realität sieht komplett anders aus, als sie es sich vorgestellt hatten und wie ihnen erzählt wurde. Es gibt hier wenig Perspektiven für diese Kinder, und so sind sie bald einmal desillusioniert.

suchende Kinder in Gastfamilien unterzubringen – aber freilich müssten diese Familien sorgfältig ausgesucht, vorbereitet und begleitet werden. Als Erwachsene ist es schwierig, sich vorzustellen, wie ein Kind empfindet …

... die Situation ist für alle Migranten schwierig, auch für die älteren. Bei Kindern kommt hinzu, dass sie noch nicht reif und zudem abhängig sind, auch wirtschaftlich. Sie haben also besondere Bedürfnisse. Und sie befinden sich in einem kulturellen Konflikt zwischen der Kultur, die sie von zu Hause kennen, und der neuen, mit der sie jetzt konfrontiert sind. Oft dürfen minderjährige Asylsuchende bei uns keine Ausbildung machen. Sie haben also keine Einnahmen, keine berufliche Perspektive.

«Die jungen Menschen müssen viel Druck aushalten.»

Ein paar wenige werden von einer Schweizer Gastfamilie aufgenommen. Ist das eine gute Lösung?

Bei uns ist die Asylpraxis von Kanton zu Kanton verschieden. In manchen gibt es spezielle Zentren für die Minderjährigen; ein Gastfamiliensystem gibt es aber nirgendwo. Ich persönlich würde es eine gute Lösung finden, asyl-

Das Risiko, dass sie sich illegalen Aktivitäten zuwenden, scheint gross.

Ja. Es gibt kriminelle Gruppierungen, die minderjährige Asylsuchende für Einbrüche oder Drogenverkauf benutzen. Ausserdem ist das Risiko, dass das Kind psychisch Schaden nimmt, riesig. Denn es muss viel Druck aushalten, viel Unsicherheit, Perspektivenlosigkeit, es ist ein bisschen verloren. Das kann Konsequenzen haben. Einige stehen das gut durch, andere nicht.

Die Schweiz wurde von der Uno wegen ihres Umgangs mit minderjährigen Asylsuchenden kritisiert.

Die Schweiz könnte tatsächlich einiges besser machen. Zum Beispiel?

Gleich nach seiner Ankunft müsste einem minderjährigen Asylsuchenden ein Rechtsvertreter zur Seite gestellt werden. In einigen Kantonen ist das gewährleistet, in anderen überhaupt nicht. Es braucht diese Regelung dringend in allen Kantonen. Was müsste aus Ihrer Sicht als Wächter über die Kinderrechtskonvention sonst noch verbessert werden?

Es geht nicht an, dass Kinder einfach zu Erwachsenen gemacht werden, wenn man sich ihres Alters nicht sicher ist. Auch, dass Minderjährige ins Gefängnis gesteckt werden, bevor man sie ausweist, ist nicht konform mit der Kinderrechtskonvention. Auch Rückschaffungen von Kindern sind fragwürdig: Gemäss Konvention dürfen wir Kinder nicht in ihr Herkunftsland zurückschicken, wenn es dort nicht sicher ist – gemacht wirds trotzdem. Auch sind die Leute, die man hier zur Betreuung der Kinder einsetzt, oft nicht spezialisiert. Sie kennen sich mit den Kinderrechten ebenso wenig aus wie mit der Situation in den Herkunftsländern, und sie wissen auch nicht, wie man mit Kindern spricht, sie haben keine entsprechende Ausbildung.

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