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Volker Reinhardt, in seinem neuen Film «Der grosse Kanton» schlägt Viktor Giacobbo vor, Deutschland solle doch einfach der Schweiz als neuer Kanton beitreten, dann könnten all die Nachbarschaftszänkereien zu Flugbewegungen, Daten-CDs und Bankgeheimnis einvernehmlich intern geregelt werden. Was halten Sie von der Idee?

Das ist ein hübscher intelligenter Scherz. Und gar nicht so weit hergeholt, immerhin haben sich solche Beitrittsfragen in der Geschichte immer wieder gestellt. Zum Beispiel waren die Mailänder 1512 durchaus geneigt, der Eidgenossenschaft beizutreten. Die hatten allerdings damals schon 100 000 Einwohner, Zürich gerade mal 5000. Ein zu grosser Brocken für die Schweiz also, genauso wie Deutschland heute. Aber in Süddeutschland gibt es bestimmt Kreise, die anschlussbereit wären. Und Vorarlberg wäre 1919 gerne der Schweiz beigetreten, doch daraus wurde bekanntlich nichts. Die Schweizer nehmen nicht jeden.

In der Tat, können sie ja auch nicht. Schon damals stand ein Beitritt zur Schweiz übrigens für die Freiheit der kleinen Leute, für das Abschütteln von lästigen Zwängen und teuren Abgaben. Statt eines Beitritts von Deutschland zur Schweiz wäre es vielleicht einfacher, die Deutschschweiz schlösse sich Deutschland an, die Romandie Frankreich und das Tessin Italien. Et voilà: La Suisse n’existe pas.

Auch dieses Szenario ist historisch diskutiert worden. 1798 etwa hätte das Tessin der Republik Norditalien beitreten können. Letztlich entschied man sich dagegen, weil man dann zu sehr in einem grossen Ganzen aufgegangen wäre. Das-

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selbe gilt heute: Man fährt zusammen besser denn als kleiner Teil in einem grösseren Ganzen, wo man viel weniger Einfluss hat. Was hätte die Deutschschweiz davon, ein weiteres Bundesland von Deutschland zu werden? Für den Zürcher Flughafen wäre das vielleicht von Vorteil.

Das glaube ich nicht, die Süddeutschen hätten dann tendenziell weniger Hemmungen und müssten auf keine internationalen Beziehungen Rücksicht nehmen. Es ergäben sich bei einem Zusammenschluss auch rasch grosse Unvereinbarkeiten, weil man halt doch sehr verschieden ist. Die Romandie im französischen Präfekten-Zentralstaat — undenkbar! Die Deutschschweiz in einem Deutschland, das grosse Teile seiner Souveränitätsrechte an die EU abgetreten hat — undenkbar. Ihre Analyse in der «NZZ am Sonntag» letzten Dezember, weshalb sich die beiden Völker nicht verstehen, war bestechend: Man lebt bezüglich der Haltung zu Staat, Volk und Sprache historisch bedingt in zwei verschiedenen Welten. Erstaunlich eigentlich, dass man sich so lange so gut verstanden hat, nicht?

Ich finde nicht, dass das Verhältnis schlechter geworden ist. Man redet einfach mehr darüber und trägt die Differenzen in einem anderen Stil aus als früher. Und es war vielleicht immer schon weniger eine Freundschaft als eine Zweckehe, die beiden Seiten Vorteile brachte. Trotz der aktuellen Streitereien und wechselseitigen Vorwürfe ist der Respekt voreinander aber weiterhin hoch. Man achtet sich gegenseitig als Erfolgsmodell.

«Für die deutsche Linke ist die Schweiz ein verdächtiges Paradies.»

Nr. 20, 13. Mai 2013 | migros-magazin |

Hat das Image der Schweiz nicht doch etwas gelitten in den letzten Jahren? Stichwort Schwarzgeld und Rosinenpicken.

Es gab in Deutschland je nach Weltanschauung schon immer ein positives und ein negatives Bild der Schweiz, die parallel nebeneinander existierten. Für die deutsche Linke ist die Schweiz ein verdächtiges Paradies. Sie findet, der Wohlstand des Landes sei unnatürlich und mit unlauteren Mitteln auf Kosten anderer erwirtschaftet worden. Auch das Klischee der verknöcherten, isolationistischen, immer etwas verspäteten Schweiz gibt es schon seit 500 Jahren. Auf wertkonservativer Seite hingegen dominieren positive Bilder: die Schweiz als Land, das nicht alle Moden mitmacht, das sorgfältig auswählt, was in Europa gut ist und was nicht, das wertbeständig und eigenständig ist. Beiden Bildern gemeinsam ist eine Art Basisanerkennung: Deutschland sieht sich seit den 50er-Jahren als das Erfolgsmodell Europas — die Schweiz gehört zu den wenigen Ebenbürtigen. Für die wertkonservative liberale Seite ist sie bis heute ein Vorbild. Das klingt ja doch recht positiv.

Durchaus. Schaut man historisch auf negative Schweizbilder zurück, sollte man sich von kritischen Tönen auch nicht zu sehr irritieren lassen. Im 16. Jahrhundert wurde der Eidgenossenschaft vorgeworfen, ausserhalb der europäischen Werteordnung zu stehen, weil man keinen Adel hatte und keine Fürsten anerkannte, weil kleine Leute mehr sein wollten, als sie waren. Letztlich erwies sich all das als ziemlich zukunftsträchtige Position.

«Weniger eine Freundschaft als eine Zweckehe»

Das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen ist ein Dauerbrenner – gerade macht es Viktor Giacobbo zum Thema in seinem neuem Film «Der grosse Kanton». Der deutsche Historiker Volker Reinhardt erklärt, weshalb die Deutschen in vielen Belangen anders ticken als wir.

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