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UELI STECK

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NR. 20, 13. MAI 2013 | MIGROS-MAGAZIN |

SERIE: UELI STECK IM HIMALAYA Rückblick auf eine schwierige Zeit Der Weltklassebergsteiger Ueli Steck hat sich entschieden, nach Auseinandersetzungen mit Sherpas seine Himalaya-Expedition abzubrechen, und ist nach Hause zurückgekehrt.

Der grosse Kämpfer ganz verletzlich

Extrembergsteiger Ueli Steck ist aus dem Himalaya zurückgekehrt. Enttäuscht, ratlos und traurig. Erstmals erzählt er, was er wirklich vorhatte am Berg der Berge. Und weshalb er ohne Ziele nicht leben kann.

S

Mit dem Gleitschirm in der Luft: «Dort oben habe ich Frieden.»

ein iPhone klingelte permanent und an der Haustür im selbst gezimmerten Chalet oberhalb von Ringgenberg BE ist auch der Teufel los. Da läutet eine «Blick»-Journalistin, die unangemeldet ein Interview mit Ueli Steck will. Danach taucht ein Journalist des «Berner Oberländers» auf, nur wenig später soll der nunmehr bekannteste Bergsteiger der Schweiz dem deutschen Nachrichtenmagazin «Spiegel» und dem Magazin «The New Yorker» Fragen beantworten. Der amerikanische Journalist reiste dafür gleich aus den USA an. BBC und der arabische TV-Sender Al Jazeera führten bereits Gespräche, und am 14. Mai stellt sich Steck im «Club» des Schweizer Fernsehens den Fragen. Kurz: Seit sich Ueli Steck entschieden hatte, auf die Besteigung des Mount Everest zu verzichten und in die Schweiz zurückzureisen, wurde der gebürtige Emmentaler von einer gewaltigen medialen Lawine erfasst. «Ich habe seit meiner Rückkehr vor gut einer Woche kaum drei Stunden am Stück geschlafen. Was passiert ist, geht nicht spurlos an mir vorüber», sagt Ueli Steck. Der Ausdruck in seinem Gesicht verrät es: Vor seiner Abreise zum Himalaya strahlte er Zuversicht und eine positive Anspannung aus. Jetzt, beim Fotografieren, fällt es ihm schwer, wenigstens ansatzweise seinen Mund zu einem Lächeln zu formen. Seine Schultern scheinen Zentner zu tragen. Der so er-

folgsverwöhnte Bergsteiger erlebt die schwärzeste Zeit seines Lebens: «Ich habe das Vertrauen in die Menschen verloren.» Er zückt sein iPad und liest die teils gehässigen Leserkommentare auf Onlineforen. Und ist fassungslos. Der einzige Vorwurf, den sich Ueli Steck heute rückblickend macht: «Wenn ich gewusst hätte, dass die Begegnung mit den Sherpas derart ausarten würde, wären wir auf die Westschulter ausgewichen. Solche Konfrontationen am Berg waren das Letzte, was ich wollte.» Immerhin erhält er Schützenhilfe von Bergsteigerlegende Reinhold Messner. In einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten» verurteilt der Südtiroler «die touristischen Gruppenreisen, die man kommerzielle Expeditionen nennt». Und weiter: «Steck und sein Begleiter Moro haben eine Art Vorrecht, weil sie wirklich etwas Eigenständiges, etwas Schwieriges vorhatten und nicht nur auf dem Normalweg auf den Everest steigen wollten. Aber natürlich gehört der Berg niemandem.»

Zwei 8000er in drei Tagen – ohne künstlichen Sauerstoff Ueli Steck betont, seine Expedition hätte eine Bewilligung für die Besteigung des Everest gehabt. Für das Papier musste er 40 000 Franken bezahlen. Und erstmals verrät der 36-jährige Ausnahmeathlet, was er wirklich vorhatte: «Wir wollten nach der Besteigung des Everest via Hornbein-Couloir zum Lhotse

hoch.» Der Plan des Berners sah vor, zwei Achttausender zu bezwingen und sich während drei bis vier Tagen auf mindestens 8000 Meter über Meer aufzuhalten — und das ohne künstlichen Sauerstoff. Wenn er für diese Expedition kritisiert werde, könne er damit leben. «Nicht akzeptieren kann ich jedoch, wenn Leute mich dafür verurteilen, was am Berg geschehen ist.» Der Everest habe sowohl für kommerzielle als auch für individuelle Expeditionen wie Stecks «No 2 Limits» Platz. Der Bergsteiger ist den Tränen nahe, wenn er sagt: «Ich war fit wie ein Turnschuh, ging ohne zusätzliche Akklimatisierung in nur vier Stunden von 6500 auf 7500 Meter hoch, bekam nicht mal Kopfweh.»

Ueli Steck fragt sich: Wer ist wirklich ehrlich zu mir? Auch die äusseren Bedingungen waren ideal: «Das Wetter war super. Wir haben ein Jahr lang unter grossen Entbehrungen trainiert und hätten unser Projekt geschafft.» Doch statt die Früchte seiner Arbeit zu ernten, hängt er nun zu Hause seinen Gedanken nach. Die grösste Frage, die ihn nun beschäftigt: Wer ist wirklich ehrlich zu ihm? In diesen schwersten Stunden geht Ueli Steck regelmässig joggen, teilweise begleitet von seiner sportlichen Frau Nicole (34). «Das ist momentan das Einzige, was mich freut im Leben.» Vor acht Tagen rannte er mit ihr den Interlakner

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