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MENSCHEN

MIGROS-MAGAZIN | NR. 20, 13. MAI 2013 |

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AUF EIN WORT | 21

AUSSETZEN VON EXOTISCHEN TIEREN

«So etwas macht mich wütend»

Er habe eine Schlange gefunden, meldete vor zwei Wochen ein Mann in Allschwil. Er wollte jedoch nur seine eigene Boa entsorgen. Auf diese und andere Weise versuchen viele Tierbesitzer ihre Reptilien und Exoten loszuwerden, weiss Tierretterin Heidi Randegger. Heidi Randegger, der Schlangenbesitzer in Allschwil belog die Polizei, um seine Boa Constrictor loszuwerden. Hatten Sie mit so einem Fall auch schon zu tun?

Heidi Randegger (46) ist Geschäftsführerin des Tierrettungsdienstes Zürich, der jährlich rund 3600 Tiere aufnimmt. Randegger wird immer dann gerufen, wenn Spinnen und Schlangen abzuholen sind.

Das ist eine Mischung aus Aussetzen und Abgeben, die wir immer wieder erleben. Diese Menschen können nicht zugeben, dass sie ihr Tier nicht mehr wollen, haben aber auch Skrupel, es auszusetzen. Dann erfinden sie solche Geschichten. Sie wären besser ehrlich, denn ein ausgesetztes Tier muss von Gesetzes wegen zwei Monate im Tierheim bleiben, während ein abgegebenes sofort weiterplatziert werden kann. Müssen Sie oft wegen Schlangen, Spinnen oder Exoten ausrücken?

Schlangen müssen wir etwa alle zwei bis drei Monate irgendwo abholen, hauptsächlich in der warmen Jahreszeit und meist von Gartensitzplätzen und aus Pärken, aber auch aus Häusern. Einmal kam ein Anruf von einem Tramchauffeur. Passagiere hatten auf einem Sitz einen Brotbeutel gefunden, der sich bewegte. Darin befand sich eine Kornnatter. Ebenfalls regelmässig gibt es Bartagamen und Schildkröten zu retten. Und erstaunlich viele Fische. Letzten Sommer holten wir 1300 Goldfische aus

Bilder: Keystone (3)

MANN DER WOCHE

einem Teich, dessen Besitzer eigentlich keine Tiere hielten. Wieso setzen Menschen Tiere kaltherzig aus? Man sollte meinen, die Tierhalter liebten ihre Tiere.

Viele, die ihre Schützlinge nicht mehr wollen, glauben tatsächlich, sie tun ihnen etwas Gutes, wenn sie sie freilassen — zum Beispiel ein Kaninchen am Waldrand oder eine Wasserschildkröte im See. Aber für die Tiere oder ihre Umgebung ist das oft ein Todesurteil. Einige Besitzer von exotischen Tieren wollen sich etwas beweisen, cool sein und imponieren. Wenn das nicht mehr zieht, brauchen sie das Tier nicht mehr. So etwas macht mich wütend. Ist Tierrettung generell eher eine traurige oder eine schöne Aufgabe?

Es gibt schlimme Fälle, wie das nasse, verletzte Büsi im Plastiksack, das uns gebracht wurde und nur noch erlöst werden konnte. Lustig war hingegen der nächtliche Einsatz bei einem Mann, der neben seiner Toilette eine Schlange gefunden hatte. Wir rückten aus, die Polizei ebenfalls, und am Ende standen viele Menschen in einem kleinen Bad um ein harmloses Reptil herum.

Es stimmt also, dass Schlangen durch die Abwasserrohre von einer Etage zur anderen kriechen?

Das kommt sehr selten vor. In England gab es eine Python, die wochenlang durch ein Haus geisterte und ständig in einer anderen Wohnung auftauchte. Haben Sie nie Angst bei Ihrem Job?

Nein, aber Respekt schon. Bei Giftschlangen ziehen wir immer einen Spezialisten hinzu. Da steigt auch mein Adrenalinspiegel, obwohl ich Schlangen und Spinnen liebe. Welches der beiden Tiere versetzt mehr Menschen in Panik?

Das hält sich etwa die Waage. Einmal wurden wir von panikerfüllten Müttern wegen einer Schlange zu einem Kinderspielplatz gerufen. Als wir eintrafen, war der Platz evakuiert, und die Schlange entpuppte sich als Gummitier. Ein falscher Alarm, der uns schmunzeln liess. Genau wie jene über 80-jährige Dame, die in ihrem Garten einen Igel entdeckt hatte. Sie wollte ihn im Auge behalten, doch er rannte davon. Als wir den «schnellen» Igel schliesslich fanden, war es ein grauer Bollenstein. Interview: Yvette Hettinger

FRAU DER WOCHE

Emmentaler Wand

Mutige alt Bundesrätin

Als Eishockeygoalie Martin Gerber (38) für die WM in Schweden nominiert wurde, rümpften einige die Nase. Zu unbeständig. Zu langsam. Zu alt. Doch der Emmentaler hat es allen gezeigt. Sieg gegen Schweden, Sieg gegen Kanada, Sieg gegen die Slowakei. An Gerbers Fanghand scheitert zurzeit die halbe Welt. Irgendwie scheint dem Torhüter die Rolle des Underdogs zu liegen. Als Junior war er zu schlecht für Langnau. Einige Jahre später spielte er in der NHL.

Gewalt, Kriminalität, Abhängigkeit: Drogen verursachen viel Leid. Alt Bundesrätin Ruth Dreifuss (73) möchte Suchtmittel deshalb nicht verbieten, sondern legalisieren. An Süchtige komme man nur heran, wenn diese nicht als Kriminelle im Untergrund konsumierten. Deshalb will sie als Mitglied der Weltkommission für Drogenpolitik für ein Umdenken sorgen. Ein mutiges Engagement, denn in dieser Sache hat Dreifuss so viele Gegner wie Befürworter.

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