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Migros-Magazin | Nr. 20, 13. Mai 2013 |

Der Briefeschreiber: Peter Eichenberger (37), Jurist aus Männedorf ZH. Der Häftling: Cornelius Baker (25), seit vier Jahren wegen Raubmords in der Todeszelle im Florida State Prison bei Jacksonville.

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ma, denn Eichenberger wird bald Vater, und Baker hat eine Tochter, die er allerdings seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Kaum ein Thema hingegen ist Bakers Tat. «So weit sind wir noch nicht, aber das kommt sicherlich noch.» Es ist sehr klar reguliert, was in den Briefen sein darf und was nicht. Büro- oder Bostitchklammern sind nicht erlaubt, nicht mal Fotos darf man schicken, sondern muss sie zuvor auf Papier kopieren. «Man glaubt offenbar, dass sie sich oder andere damit verletzen könnten.» Zu besonderen Anlässen überweist Eichenberger Geld mittels einer Art Paypal-System, denn Baker muss sich alles kaufen: selbst Briefpapier und Hygieneartikel. Feste Regeln, wann oder wie viel er schickt, gibt es nicht. «Ich will das möglichst natürlich halten, wie zwischen Freunden, nicht wie zwischen Vater und Sohn, wo es Sackgeld gibt.» Dennoch ist es ein heikles Thema, denn er könnte ihm mit mehr Geld mehr Annehmlichkeiten ermöglichen. «Es ist nicht leicht, da eine Balance zu finden.»

«ich sehe den Menschen und nicht den Mörder» So sehr sich Eichenberger der Tat bewusst ist, sie spielt für ihn eine untergeordnete Rolle. «Ich sehe den Menschen, nicht den Mörder.» Wirklich schlimm findet er hingegen, dass die Todeskandidaten unter menschenunwürdigen Bedingungen über Jahrzehnte dahinsiechen müssen. «Die Todesstrafe ist das eine, aber wenn man sie denn schon hat, warum vollzieht man das Urteil dann nicht? Das ist psychische Folter. Ganz zu schweigen von den absurden Kosten, die für den Staat entstehen.» Schon jetzt ist klar, dass Eichenberger seinen Brieffreund besuchen wird. «Unbedingt. Ausser dem Anwalt drückt niemand Cornelius die Hand. Und ich glaube, eine Umarmung würde ihm sehr guttun.»

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