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Briefe in die Todeszelle

Was bewegt Menschen in der Schweiz dazu, mit Todeskandidaten in den USA Kontakt zu suchen? Mitgefühl? Die tiefe Überzeugung, dass die Justiz einen Menschen nie töten lassen darf? Das Migros-Magazin über drei ungewöhnliche Brieffreundschaften.

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ie Vereinigten Staaten von Amerika sind das einzige westliche Land, das noch immer Hinrichtungen durchführt. 2012 waren es 43, immerhin deutlich weniger als im Rekordjahr 1999, als 98 Personen auf dem elektrischen Stuhl oder durch die Giftspritze starben. Davor sitzen die zum Tode Verurteilten meist Jahre oder Jahrzehnte in der Todeszelle und warten, teils weil juristische Einsprachen ihren langwierigen Weg durch das kafkaeske, komplexe USJustizsystem nehmen, teils einfach so. Besonders häufig trifft es Schwarze. Regelmässig werden mithilfe von DNA-Tests Justizirrtümer aufgeklärt — Menschen, denen man aufgrund fehlerhafter Verfahren oder voreingenommener Juroren und Richter das halbe Leben gestohlen hat, kommen plötzlich wieder frei. Eines dieser Justizopfer ist Damien Echols (38) aus West Memphis, Arkansas. Er wurde 1994 für schuldig befunden, im Rahmen eines satanischen Rituals mit zwei Freunden drei achtjährige Buben ermordet zu haben. Er wurde zum Tode verurteilt, seine angeblichen Mittäter lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt. Im August 2011, nach 18 Jahren im Gefängnis, kamen sie frei — dank des jahrelangen Einsatzes von Freunden, Dokumentarfilmern und Prominenten (mehr dazu auf Seite 18). Es sind nicht zuletzt diese Justizirrtümer, aber auch das Entsetzen über das als ungerecht empfundene amerikanische Justizsystem, was Schweizerinnen und Schweizer motiviert, Brieffreundschaften mit Todeskandidaten in amerikanischen Gefängniszellen zu pflegen. Vermittelt werden diese Kontakte von

Lifespark, einer gemeinnützigen Organisation, die 1993 in Basel gegründet wurde. Derzeit hat die Gruppe 350 Mitglieder; seit der Gründung wurden Brieffreundschaften zu 1300 Todeskandidaten vermittelt. Im Moment stehen bei Lifespark über 60 Häftlinge auf der Warteliste. «Sie erfahren über Mundpropaganda von uns», sagt Ines Aubert, die Koordinatorin von Lifespark in der Deutschschweiz. Sie selbst führt sieben Brieffreundschaften und reist bald in die USA, um der Hinrichtung eines nahestehenden Brieffreundes beizuwohnen. Wer sich entscheidet, bei Lifespark mitzumachen, erhält den Häftling zugeteilt, der auf der Warteliste zuoberst steht. Aubert führt immer zuerst mit allen Interessenten ein Gespräch, um ihnen klarzumachen, was sie erwartet. «Ab und zu gehen solche Briefwechsel schief, etwa wenn der Häftling immer nur von Sex spricht oder dauernd Geld fordert.» Dies sei aber die Ausnahme. «Die Mehrheit ist einfach nur dankbar über eine Beziehung zur Aussenwelt.» Texte: Ralf Kaminski Bilder: Andreas Eggenberger

www.lifespark.org

www.migrosmagazin.ch

lesen sie online DNA-Tests retten Leben Dank DNa-Tests wurden in den USa etliche zum Tode Verurteilte freigelassen. Die Zahlen und ein paar prominente Beispiele.

Die Briefeschreiberin: Anouk Oswald (22), Journalismus-Studentin aus Zürich. Der Häftling: Konstantin Fotopoulos (53), seit 23 Jahren wegen vorsätzlichen Mordes in der Todeszelle im Florida State Prison bei Jacksonville.

Nr. 20, 13. Mai 2013 | migros-magazin |

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