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Lucerne Festival zeigt seine schillernde

«IDENTITÄT»

Das Magazin zum Lucerne Festival im Sommer 2017

mit Artiste étoile Patricia Kopatchinskaja.

Beilage vom 18. Juni 2017

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© Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL

Sommer-Festival 11. August – 10. September 2017

Ausgewählte Konzerte 13. August Chamber Orchestra of Europe | Bernard Haitink | Anna Lucia Richter | Christian Gerhaher Werke von Mozart und Mahler 17. August West-Eastern Divan Orchestra | Daniel Barenboim | Kian Soltani | Miriam Manasherov Werke von Strauss und Tschaikowsky 19. August LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA | Riccardo Chailly | Sophie Koch Werke von Strawinsky

23. August Mahler Chamber Orchestra | François-Xavier Roth | Patricia Kopatchinskaja Werke von Haydn und Bartók 25. August English Baroque Soloists | Monteverdi Choir | Sir John Eliot Gardiner | Solisten Il ritorno d’Ulisse in patria von Monteverdi 28. August Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY | Matthias Pintscher Spiegel von Cerha 4. September Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam | Daniele Gatti Werke von Rihm und Bruckner

Karten und Informationen +41 (0)41 226 44 80 | www.lucernefestival.ch

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© Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL

Lucerne Festival SOMMER 2017

Editorial und Inhalt

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KEINE IDENTITÄT OHNE KRISE

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LATE NIGHT SHOW MIT MUSIK UND GÄSTEN

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MUSIKALISCHER INGENIEUR UND MAGIER

Intendant Michael Haef liger zum Festivalthema

Das KKL-Foyer wird zum «Interval»-Treffpunkt

Riccardo Chaillys Lucerne Festival Orchestra

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JIMI HENDRIX AM CELLO

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FEIERN ZWISCHEN KAMPF UND FLUCHT

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WELCHES MENSCHENLEBEN ZÄHLT MEHR?

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BEETHOVEN GEWÄHRT ASYL

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FLÜCHTLINGSKIND SPIELT ERSTE GEIGE

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SUCHE NACH SCHÖNHEIT OHNE KITSCH

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AVANTGARDE FÜR ALLE

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DER GUTE TON IST IMMER EIN EIGENER

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AUSGEZEICHNETE SCHWEIZER

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GLOBALISIERTER WÜSTENBLUES

38

DIE OFFENHEIT FAHRENDER GESELLEN

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DIGITALES SPIEL MIT IDENTITÄTEN

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DIE GEIGE WIRD ZUM TENNISRACKET

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IN DER GROSSFAMILIE FRIEDLICH VEREINT

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VOM STRASSENFESTIVAL INS KKL LUZERN

Jay Campbell kehrt als Artiste étoile zurück

Weltreisen zum Thema Identität am Erlebnistag

BILD Daniel Felder

Urs Mattenberger, Kulturredaktor

IDENTITÄT AUF REISEN Lucerne Festival im Sommer 2017 stellt vom 11. August bis 10. September die Frage nach der «Identität». Das Thema ist aktuell, weil Identitäten durch gesellschaftlichen Wandel und Globalisierungsprozesse gefährdet sind. Es ist aber auch mutig, indem es die Frage, wie das Unterwegssein unsere Identität prägt, nicht nur mit Blick auf Musiker, sondern auch auf reale Flüchtlinge stellt. Und das an einem Festival, das mit Stars und Spitzenorchestern aus aller Welt seinerseits zur Weltspitze gehört. Ein Zeichen des Wandels ist auch, dass das Festival-Magazin PIÚ der «Zentralschweiz am Sonntag» sowie neu der «NZZ am Sonntag» beiliegt. Gleich bleibt, dass es das Festivalthema von vielen Seiten beleuchtet: mit Blick auf die Identität der Orchester oder Komponisten, die multimedial oder mit Schönheit ohne Kitsch ein neues Selbstverständnis suchen. Wie eng Hochkultur und gesellschaftliche Themen zusammenfi nden, zeigt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Das ehemalige Flüchtlingskind, das als Artiste étoile die erste Geige spielt, steht dafür, dass sich auch die Identität des Festivals selbst weiter öffnet und wandelt.

Mozarts «Idomeneo» als Flüchtlingsprojekt

Flüchtlingsorchester im Skulpturenparcours

Artiste étoile Patricia Kopatchinskaja bewegt

Komponistin Lisa Streich im Festival-Teamwork

György Ligetis Opern-Groteske im Multipack

Blick auf die 30 Sinfoniekonzerte des Festivals

Jedes Debut ein Preisträgerkonzert

Weltmusik am Strassenfestival

Das Netzwerk der Lucerne Festival Academy

Composer in Residence Michel van der Aa

Young-Projekte erfinden die Performance neu

Musiker über das West-Eastern Divan Orchestra

Alle Veranstaltungen auf einen Blick

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Vollzog einst den Seitenwechsel vom Musikerpodium ins Management: Intendant Michael Haefliger. BILD Marco Borggreve

JUNGES NETZWERK

UND EIN ORCHESTERTRAUM Mit dem Thema Identität greift das Festival auch in eigener Sache aktuelle gesellschaftliche Fragen auf. Intendant Michael Haefliger über einen Orchestertraum, Flüchtlingsprojekte, neue Konzertformate und eine persönliche Identitätskrise.

Ihrem Leben vergleichbare Identitätskri-

Heute gehören Sie als Intendant eines der

sen? Michael Haefliger: (lacht) Ja, eine sol-

weltweit bedeutendsten Klassikfestivals

che gab es tatsächlich, nachdem ich an der

selber quasi zum Establishment. Haben

Juilliard School in New York meine Aus-

Sie einfach die Seite gewechselt, von der

bildung zum Geiger abgeschlossen hatte.

Bühne ins Management? Haefliger: Nein,

Für mich wurde damals klar, dass eine

das war vielmehr eine Neuorientierung.

Musikerlauf bahn für mich nicht der richti-

Die Skepsis bezog sich darauf, dass Agen-

ge Weg war. Die Vorstellung, weiterhin

ten und Plattenfirmen eine übermässige

sechs Stunden pro Tag zu üben, aber auch

Kontrolle ausübten. Ich habe zwar tatsäch-

Michael Haefliger, dass der junge Pierre

die Einsamkeit in Hotelzimmern, die da-

lich in einem gewissen Sinn die Seite ge-

Boulez die Opernhäuser in die Luft spren-

mit verbunden ist, schreckten mich ab.

wechselt, als ich in Davos ein eigenes Festi-

gen wollte, an denen er später dirigierte,

Aber dahinter stand auch eine Skepsis

val gründete. Aber mit dem Festival Young

wird gern als Beispiel für einen spektaku-

gegenüber dem Musikbetrieb, wie ich ihn

Artists in Concerts wollte ich bewusst jun-

lären Identitätswandel zitiert. Gab es in

damals erlebte.

gen Künstlern eine Plattform abseits sol-

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Festivalthema «Identität» Urs Mattenberger

cher Kontrollen bieten. Wir verzichteten

auch das Publikum und seine Bedürfnisse

weiterentwickeln, ist für mich selbstver-

auch auf arrivierte Stars, die ihre Massstä-

immer individueller. Dass wir mit neuen

ständlich und überaus spannend. Ja, das ers-

be gesetzt hätten. Junge Musiker sollten in

Formaten darauf reagieren, ist für mich

te Ziel ist hier ganz klar, diese traumhaften

Davos ihre Kreativität möglichst ohne Ein-

eine natürliche Entwicklung. Aber neue

Qualitäten – ich sag das jetzt mal so – des

schränkungen ausleben können.

Formate sind künftig auch in regulären

Orchesters zu pflegen.

Konzerten denkbar – vielleicht bis hin zu Mit Boulez haben Sie 2003 die Lucerne

«Sneakers only»-Konzerten, wie es sie an-

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja be-

Festival Academy gegründet, an der junge

dernorts schon gibt.

wegt sich als Artiste étoile quicklebendig

Musiker zeitgenössische Musik erarbei-

zwischen Tradition, neuen Formaten und

ten. Ist das ein Art Fortsetzung Ihres da-

Prägend bleiben aber die 30 Sinfonie-

Moderne. Haben Sie sie als eine Art Tür-

maligen Engagements? Haefl iger: Ja, das

konzerte mit Stars und Top-Orchestern

öffnerin für ein breiteres Publikum ge-

sehe ich auch so. Aber das, was wir in Lu-

aus aller Welt. Führt dieser Spagat zwi-

wählt? Haefl iger: Nein, Türöff nerin ist das

zern machen, geht in verschiedene Rich-

schen Tradition und Innovation nicht zu

falsche Wort. Aber Patricia Kopatchinskaja

tungen weiter. Aus der Academy mit ihren

einer Art Identitätskrise für das Festival?

ist eine Künstlerin mit vielen offenen

jährlich über hundert Teilnehmern ist ein

Haefl iger: (lacht) Nein, in diesem breiten

Ideen. Und ich war selber überrascht, wie

international tätiges Netzwerk mit weit

Spektrum behalten Sinfoniekonzerte na-

viel sie davon nach Luzern mitbringt – von

über 1000 Musikern entstanden. Sie tragen

türlich ihren hohen Stellenwert – auch

einem inszenierten Konzert zur Flücht-

diesen Gedanken weiter – bis hin zu Kon-

weil die Möglichkeit, sich da ganz auf die

lings- und zur Umweltkrise bis zu Spon-

zerten des Academy-Orchesters diesen

Musik

unserer

tanauftritten mit anderen Künstlern in

Herbst in der Elbphilharmonie Hamburg

schnelllebigen Zeit ein kostbarer Luxus

einem «Interval»-Konzert. Ich denke, die

und in der Philharmonie Köln. Umgekehrt

ist. Zudem ist auch in diesem traditionel-

Spontanität und Beweglichkeit, die sie ver-

wirkt dieses junge Netzwerk auf unser Festi-

len Bereich das Spektrum sehr breit. Vom

körpert, hat in der Klassik Zukunft. Zudem

val zurück. Die Academy und ihre Alumni

Monteverdi-Zyklus John Eliot Gardiners

steht sie als ehemaliges Flüchtlingskind

bestreiten vom inszenierten Nachtkonzert

bis hin zu Spitzenorchestern wie jenen aus

exemplarisch für das Festival-Thema Iden-

bis hin zu Sinfoniekonzerten viele Program-

Amsterdam, Berlin oder Wien kann man

tität.

me. Dazu gehören Urauff ührungen junger

das in dieser Dichte nirgendwo auf der

Komponisten aus Wolfgang Rihms Kompo-

Welt erleben.

zu

konzentrieren,

in

Beim Stichwort Identität denkt man in der Musik rasch an romantische Doppelgän-

sitionsseminar oder im Rahmen der «Ro-

Das Lucerne Festi-

ger-Motive. Wieso rücken Sie mit mehre-

che Young Commis-

val Orchestra er-

ren Flüchtlingsprojekten den Migrations-

sions». All das gibt dem

Festival

ein

neues Gesicht. Das gilt auch für neue Formate wie die Gratis-Konzer-

MICHAEL HAEFLIGER «Neue Konzertformen berücksichtigen, dass das Publikum und seine Bedürfnisse immer individueller werden.»

te «40min». Inspi-

schliesst sich unter

Aspekt in den Vordergrund? Haefl iger:

Riccardo Chailly mit

Wir versuchen immer ein Thema zu wäh-

Tschaikowsky, Stra-

len, das eine aktuelle gesellschaftliche Rele-

winsky und Richard

vanz hat. Und die Identität von Musikern

Strauss ein neues

und Komponisten ist ja stark dadurch ge-

Repertoire. Könnte

prägt, dass sie für ihren Beruf unterwegs

ein festivaleigenes

sind. Von daher rückten Migrations-Phäno-

Projektorchester

mene rasch ins Zentrum. Das reicht von

rierte deren Erfolg zur neu konzipierten,

nicht Impulse auch für neue Konzertformen

den Weltmusikgruppen am Strassenfestival

ebenfalls frei zugänglichen «Interval»-Rei-

geben? Haefl iger: Das Lucerne Festival Or-

über eine Mozart-Oper mit Flüchtlingen

he nach den Konzerten? Haefl iger: Speziell

chestra spielt in der absoluten Top-Liga der

bis hin zu Sinfoniekonzerten mit Musik

an den «Interval»-Kurzkonzerten ist, dass

weltbesten Orchester, und Riccardo Chailly

von Komponisten, die vor totalitärer Ge-

man dabei an der Bar oder in einer Art

ist einer der grössten Dirigenten unserer Zeit.

walt fl iehen mussten. Diese Offenheit ge-

Lounge mit Besuchern oder Künstlern in

Dass wir uns zunächst auf diese Qualitäten

hört mit zur Identität des Festivals.

Kontakt kommen kann. Heute werden

konzentrieren und sie mit neuem Repertoire www.lucernefestival.ch

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TREFFPUNKT

LATE NIGHT SHOW Nach den Konzerten lädt die neu konzipierte Foyer-Lounge «Interval» zum Verweilen – mit Kurzkonzerten, Barbetrieb und freiem Eintritt auch für Nachtschwärmer. Das «Late Night Show»-Finale ist von den TVTalkshows inspiriert.

ritorno d’Ulisse in Patria» auf Alte Musik Bezug

Die «Interval»-Lounge im KKL-Foyer bietet erstmals

legendärer TV-Show inspirierte «Late Night Shows».

Kurzkonzerte gemäss einem vorpublizierten Pro-

Moderator ist der Komponist und Pianist Moritz Eg-

LATE NIGHT SHOWS Moritz Eggert mit prominenten Gästen und Musikern Luzern, Interval KKL, Foyer, Eintritt frei

gramm. Damit könnten diese «Encores» in anderer

gert. Er wird mit prominenten Gästen das vorangehen-

Form zu einem Einsteigerformat werden, wie es die

de Konzert besuchen und bestreitet mit ihnen «Moritz’

«40min» jeweils um 18.20 Uhr sind. Sie sind ebenfalls

Kleine Nachtmusik», mitsamt Minibar und Live-Act.

frei zugänglich. Und sie eignen sich nach 22 Uhr nicht

«Klar, ‹Late Night Show› signalisiert einen hohen An-

nur als Treff punkt für Konzertbesucher, sondern auch

spruch, und den stellen wir auch, ohne Harald Schmidt

5. September, 22.00 6. September, 22.30 7. September, 22.30 (Soundzz.z.zzz…z: Strotter Inst., Patricia Kopatchinskaja) 9. September, 21.15

für Nachtschwärmer, die in den Ausgang gehen, wenn

oder andere kopieren zu wollen», meint Deuber: «Aber

Abendveranstaltungen zu Ende sind.

Moritz Eggert ist musikalisch ein offener Geist und

Übrige «Interval»Termine auf Seite 56.

nimmt. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja spielt mit ihrer Familie – und ihrem Vater Viktor als bekanntem Hackbrettspieler – moldawische Folklore. SO ORIGINELL WIE KÜSSEN Die vier letzten Ausgaben sind von Harald Schmidts

äussert sich auf Sozialen Medien pointiert zu gesellBereits letztes Jahr zügelte die frühere Festival Lounge

schaftlichen Themen. Zudem wird er in jeder der vier

im Bourbaki um ins KKL. Allerdings wurden die Auf-

Shows auch selbst musikalisch aktiv sein.»

tritte von Musikern nicht angekündigt. «Es gab Abende, wo man etwa mit den Hornisten der Berliner Phil-

Offen bleibt, wer seine Gäste sind. Aber dass Eggert sei-

harmoniker bis morgens um eins zusammensitzen

ne Rolle genüsslich ausspielen wird, liessen die Antwor-

konnte», bilanziert Dominik Deuber, Mitverantwortli-

ten erahnen, die er anlässlich der Auff ührung seiner

cher für das «Interval»: «Aber man musste schon etwas

Oper «Die Schnecke» am Luzerner Theater gab. «Die

Glück haben, dass man das nicht verpasste.» Nicht ver-

Frage, ob das originell ist», meinte er damals, «kümmert

passen wird man diesen Sommer etwa das Jack Quar-

mich so wenig, wie wenn ich liebe oder eine Frau küsse.»

tet, das in seinem «Encore» nach Monteverdis Oper «Il www.lucernefestival.ch

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Lucerne Festival SOMMER 2017

BILD Marco Borggreve

Lucerne Festival Orchestra Urs Mattenberger

«DA WUSSTE ICH: DIECHEMIESTIMMT!» Chefdirigent Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra betreten in ihrem zweiten gemeinsamen Jahr sinfonisches Neuland. Aber auch mit Strauss, Strawinsky und Tschaikowsky will der Maestro aus Mailand Abbados Arbeitsstil beibehalten. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Das

Wir sitzen in Mailand im Ristorante gleich neben dem

nämlich war für die Musiker des Lucerne Festival Or-

Teatro alla Scala, dessen musikalische Leitung Chailly

chestra die grosse Frage, als Riccardo Chailly zum neu-

zeitgleich mit der Chefposition beim Lucerne Festival

en Chefdirigenten bestimmt wurde. Ob die Chemie

Orchestra übernahm. Und da macht seine Antwort

stimme, entscheide sich meist auf Anhieb in der ersten

schliesslich sogar das Murmeln der Stimmen im Raum

Probe. Quasi auf den ersten Blick eben. Das Resultat

hörbar. «Als ich mit dem ersten Schlag den Ausbruch

konnte man im letzten Sommer beim ersten Auftritt

zu Beginn dieser Sinfonie auslöste, war der erste Klang

des Festivalorchesters unter Chailly hören – in Gustav

und das, was sich daraus entwickelte, wie aus einem

Mahlers achter Sinfonie. Wie hat er damals diesen Mo-

Guss», staunt Chailly noch heute: «Nach diesem Auf-

ment des ersten Blicks erlebt?

takt spielten wir den 20 Minuten lang dauernden ersten

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Aufbruch in Repertoire-Neuland: Das Lucerne Festival Orchestra und Riccardo Chailly 2016 bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt im Konzertsaal des KKL Luzern.

Satz praktisch nonstop durch. Da wusste ich: Die Che-

«Nein», wehrt er ab. «Aber es ist der Anfang einer Reise

mie stimmt!» Und auch: «Da brennt eine Flamme, die

in ein Repertoire, das dieses Orchester noch nicht ge-

Routine ausschliesst.» Später fügt er beschwörend leise

spielt hat, damit es seine Identität weiterentwickeln

hinzu: «Als im zweiten Satz das Orchester und über

kann.» Die stilistischen Gegensätze sind bewusst ge-

100 Sänger im Pianissimo die Vergänglichkeit wie mit

wählt: «Strauss kultiviert farbig-orchestrale Opulenz

einer Stimme beschworen, war das fantastisch.»

und die Tiefe des Klangs. Strawinskys ‹Sacre› dagegen braucht unglaubliche physische und rhythmische Prä-

AUFBRUCH IN REPERTOIRE-NEULAND

senz und Energie. Das ist wie bei Rossini», lacht er mit

Als Zuhörer wusste man damals: Obwohl Chailly das

Blick auf die Oper «La gazza ladra», die er abends an der

Orchester aktiver, energischer führen wird, als es Abba-

Scala dirigiert: «Das alles punktgenau zu artikulieren, ist

do mit seinen vagen Andeutungen tat – dessen Pianis-

eine Art Ingenieurskunst!» Neu sind für das Orchester

simo-Magie wird er bewahren. Trotzdem weisen die

auch die Werke des dritten Programms, das mit Tschai-

Werke, die er in diesem Sommer dirigiert, in andere

kowskys «Manfred»-Sinfonie (nach Byron) und Men-

Richtungen. Sinfonische Dichtungen von Richard

delssohns «Sommernachtstraum»-Musik (nach Shakes-

Strauss und Igor Strawinskys «Sacre du Printemps» ver-

peare) zerrissene, turbulente Identitäten thematisiert.

langen mit ihrer Virtuosität auch vom Dirigenten eine virtuose Schlagtechnik. Hat Chailly bewusst Program-

Als Chefdirigent anderer Orchester hat Chailly deren

me gewählt, die ihm eine aktivere Rolle zuweisen und

Traditionen weitergeführt – beim Concertgebouw-Or-

damit Vergleiche ausschliessen?

chester etwa die Auseinandersetzung mit der Musik

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LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA UNTER RICCARDO CHAILLY

Lucerne Festival SOMMER 2017

RICHARD STRAUSS «Also sprach Zarathustra», «Tod und Verklärung», «Till Eulenspiegels lustige Streiche» 11. und 12. August, 18.30, KKL, Konzertsaal 40MIN – DAS FESTIVALORCHESTER BEI DER PROBE 15. August, 18.20, KKL, Luzerner Saal TSCHAIKOWSKY «Manfred-Sinfonie», Mendelssohn: «Sommernachtstraum»-Musik 18. August, 19.30, KKL, Konzertsaal

Freunde versammelt hatte. Gegenüber einer deutschen Zeitung hatte Chailly gar gesagt, es brauche in Luzern etwas «Auff rischung und Austausch», um der Gefahr der Routine vorzubeugen. Sah er diese Gefahr? «Das war eine ganz allgemeine Aussage», winkt er ab: «Für alle Orchestermusiker liegt die grösste Gefahr darin, dass sie durch Gewohnheit in Routine verfallen. Mass-

IGOR STRAWINSKY «Chant funèbre», «Le Sacre du Printemps» u. a. 19. August, 18.30, KKL, Konzertsaal

volle personelle Wechsel bringen deshalb immer Im-

FILARMONICA DELLA SCALA UNTER RICCARDO CHAILLY

la-Musiker bringen einen Schatz mit nach Hause, wenn

BRAHMS Violinkonzert mit Leonidas Kavakos, Respighi: «Fontane di Roma», «Pini di Roma» 24. August, 19.30, KKL, Konzertsaal

spielt haben.» Der Schatz ist nicht zuletzt der unter

pulse», sagt er. Den Austausch mit der Filarmonica della Scala, die ebenfalls unter Chailly am Festival auftritt, sieht er ohnehin als ein Geben und Nehmen: «Die Scasie mit diesem grossartigen Orchester in Luzern geAbbado eingeführte «Arbeitsstil»: «Wir proben ohne Uhr, und der Wunsch, als Kollektiv etwas zu erarbeiten und sich gemeinsam zu fragen: Wohin gehen wir? Das ist bei diesem Orchester einzigartig.»

BILD Peter Fischli, Lucerne Festival

Genau darin liegt der Reiz, neues Repertoire zu erschliessen und zu sehen, zu welchen Resultaten diese

Gustav Mahlers, beim Gewandhausorchester in Leip-

Qualitäten bei Strauss oder Strawinsky, später viel-

zig mit der Rückbesinnung auf Bach. Aber das Lucer-

leicht in der Moderne oder in Opernprojekten, führen.

ne Festival Orchestra ist eine 14 Jahre junge Projekt-

Dasselbe gilt für Beethoven, dessen achte Sinfonie das

formation,

Mahler

Orchester nicht in Luzern, aber auf seiner grossen

Chambre Orchestra, hochkarätigen Orchester- und

Asientournee im Herbst – in Japan, Südkorea und Chi-

Kammermusikern sowie Solisten. Kann man da von

na – spielen wird. In Leipzig hat Chailly mit einem

einer Tradition sprechen, auf die man auf bauen kann?

Beethoven-Zyklus Aufsehen erregt, der historische Er-

Chailly zieht die Augenbrauen hoch und erklärt: «Na-

kenntnisse – etwa die raschen Tempi nach Beethovens

türlich hat dieses Orchester eine Tradition! Denn

Metronomangaben – mit grossorchestraler Besetzung

Claudio und all diese hervorragenden Musiker haben

verband: «Auch dafür bietet das Lucerne Festival Or-

es fertig gebracht, in nur gut zehn Jahren eine Identi-

chestra ideale Voraussetzungen.»

zusammengesetzt

aus

dem

tät zu schaffen. Weil dabei die Musik Gustav Mahlers im Zentrum stand, ist für mich klar, dass dieses Or-

SCHATZGRÄBER-FREUDEN

chester auch wieder zu Mahler zurückkehren wird.»

«Chailly ist ein Dirigent, der sich nicht im Jet-Set-Betrieb verliert, sondern sich die Musse bewahrt, Partitu-

AUSTAUSCH ZWISCHEN LUZERN UND MAILAND

ren gründlich zu studieren», hatte Festival-Intendant

Weiterentwickeln heisst auch, dass Chailly einzelne

Michael Haefliger seine Freude über die Zusage Chail-

Musiker vom Orchester der Scala mit nach Luzern

lys für Luzern zum Ausdruck gebracht. Dass diese Re-

bringt, nicht anders als Abbado hier musikalische

cherchen auch zu einer neuen Sicht auf bekannte Werke

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LUZERN LÄDT EIN

A N NT E N TSaPns K o nze

rt...

DIE JUNGE ALTE BEIZ IN LUZERN

Hotel Restaurant STERN Luzern, 10 Minuten vom KKL entfernt, direkt neben dem Parkhaus Kesselturm. Während dem Lucerne Festival jeweils Mo-Fr vor dem Konzert ein 3-Gang Menu à CHF 49.00, serviert ab 17.00 Uhr. Reservierungen nehmen wir telefonisch bis um 13.30 Uhr am selben Tag entgegen. Hotel& Restaurant STERN Luzern, Burgerstrasse 35, 6003 Luzern, +41 41 227 50 60

D a s Fe s t e s s e n z u m Fe s t i v a l . Täglich von 17–23 Uhr serviert. Bellini — Locanda Ticinese Hotel Continental-Park — Murbacherstrasse 4 — 6002 Luzern + 4 1 4 1 2 2 8 9 0 5 0 — w w w. b e l l i n i l o c a n d a . c h

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Lucerne Festival Orchestra Urs Mattenberger

führen können, zeigt exemplarisch Chaillys Wirken in

das ist das falsche Wort, es ist eher das Gefühl, dass

Mailand: Da dirigierte er in seinem Puccini-Zyklus die

sich ganz natürlich ein Kreis geschlossen hat», meint

«Turandot» mit dem von Luciano Berio komponierten

er: «Schon mein Vater war musikalischer Direktor an

Schluss oder «Madama Butterfly» in der Urfassung, in

der Scala. Deshalb fühlte ich mich hier seit ich zehn

der Puccini mit einer neuen

Jahre alt war und später als

Opernform experimentierte.

Gastdirigent praktisch wie

Gibt es auch in den LFO-Programmen Beispiele für Entdeckungen, zu denen solche Recherchen führen können?

RICCARDO CHAILLY «Abbado und das Orchester haben es geschafft, in gut 10 Jahren eine Tradition zu begründen.»

«Ja, wir haben deswegen so-

zu Hause.» Das gilt in gewissem Sinn auch für das Lucerne Festival Orchestra. Er habe Luzern immer als sehr inspirierend erlebt, seit er hier – seit 1988 – regelmässig

gar umgestellt und spielen ein reines Strawinsky-Pro-

auftrat, hatte Chailly nach seiner Wahl gesagt: «Dass

gramm», sagt Chailly und fügt mit der Aufregung eines

ich die Leitung des von Abbado gegründeten Orches-

Schatzgräbers hinzu: «Erst vor zwei Jahren wurde im

ters übernehmen durfte, bedeutet für mich ebenfalls

Konservatorium von St. Petersburg die verloren ge-

eine Rückkehr nach Hause».

glaubte Partitur zu ‹Chant funèbre› wiederentdeckt, ein Stück, das Strawinsky 1909 zum Tod von Rimsky-Kor-

www.lucernefestival.ch

sakov geschrieben hat. Es ist ein expressiv-dunkles Gegenstück zu ‹Feu d’artifice›, Strawinskys Hochzeitsgeschenk für die Rimsky-Tochter Nadeschda. Wir kombinieren beide mit zwei weiteren Frühwerken und stellen sie dem ‹Sacre›, Strawinskys Urknall der Moderne sozusagen, voran.» FORSCHUNG ALS PRIVILEG Für musikhistorische Recherchen zieht sich Chailly mit seiner Frau gerne ins Engadin zurück. «Forschungen zu betreiben, ohne dass ich schon ein Projekt vor Augen habe, empfi nde ich als grosses Privileg. Erst in einer zweiten Phase ergibt sich daraus eine Projektidee. Das Studium der Partituren und Fragen der Interpretation kommen am Schluss», beschreibt er seine Vorarbeit für Konzerte: «Weil man ständig Entscheidungen treffen muss, wie man dem Notentext treu bleiben kann, ohne sich in der eigenen künstlerischen Freiheit zu sehr einzuschränken, ist das der komplizierteste Schritt», lacht der Maestro und fügt hinzu: «Ich merke auch, dass das mit dem Älterwerden mehr Zeit braucht.» Zum Älterwerden gehört auch, dass Chailly heute zwei prestigeträchtige Spitzenfunktionen in der Oper wie im sinfonischen Bereich innehat. Ging mit der Berufung an die Scala, an der er als Assistent von Abbado seine Karriere startete, ein Traum in Erfüllung? «Nein,

BILD Peter Fischli, Lucerne Festival

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Artiste étoile Katharina Thalmann

JIMIHENDRIX AMCELLO Der Cellist Jay Campbell besuchte als Student einst die Lucerne Festival Academy, jetzt kehrt er als zweiter «Artiste étoile» zurück: mit dem auf neue Musik spezialisierten JACK Quartet, einer Performance im Brunnen vor dem KKL und einer Uraufführung, in der er sein Cello nach Jimi Hendrix klingen lässt. Jay Campbell, wie haben Ihre Erfahrungen in der Academy Ihre Identität als Musiker beeinflusst? Jay Campbell: Als ich 2010 das erste Mal nach Luzern kam, hatte ich wenig Erfahrung in der Welt der Orchester. Aber schon bei diesem ersten Mal durfte ich ein Solo spielen, das gab mir viel Selbstvertrauen. Enorm wichtig war für mich auch schlicht die Erfahrung, andere Musiker kennen zu lernen, die die gleiche Leidenschaft für neue Musik hegen wie ich. In Amerika erlebte ich bis dahin nie so viel Engagement im Bereich der zeitgenössischen Musik: Ich glaubte, dass das ausser mir niemand wirklich tun will. Luzern war diesbezüglich wie eine Initialzündung für mich.

BILD Beowulf Sheehan

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Lucerne Festival SOMMER 2017

In einem Interview haben Sie erzählt, dass Sie in Lu-

ser Techniken. Ich schicke ihm ab und zu Handyauf-

zern einmal nicht in ein klassisches Konzert eingelas-

nahmen von bestimmten Sounds. Er hat mich nach

sen wurden, weil sie zu wenig chic gekleidet waren.

wirklich verzerrten, entstellten Klängen gefragt. Und

Was muss sich im klassischen Konzertbetrieb ändern?

ich versuchte, das Cello nach Jimi Hendrix klingen zu

Campbell: Diese Anekdote ist nicht unbedingt nur

lassen! Aber ich bin nicht sicher, wie viel von der Parti-

schlecht: Das Lucerne Festival ist ein ernster Ort, die

tur schon fertig ist. Das liegt wohl in der Natur der neu-

Musik wird sehr ernst genommen. Was man ändern

en Musik. Das JACK Quartet hatte einmal eine Urauf-

kann oder muss, hängt von der jeweiligen Kultur ab –

führung am Wittener Festival zu spielen. Diese Partitur

das funktioniert nicht überall gleich. Massnahmen, die

kam erst zwei Tage vor dem Flug an.

in Europa funktionieren, können in den USA scheitern Was ist Ihr persönliches Highlight des Festivalsommers?

und umgekehrt.

Campbell: Jede einzelne meiner Aktivitäten steht repräWie sieht es mit Konzerten aus, wo neue Musik gespielt

sentativ für meine Arbeit. Ich spiele viel neue Musik, aber

wird? Campbell: An diesen Konzerten sitzen tendenziell

auch ein Konzert mit alter Musik von Enescu, Kodály

mehr junge Leute im Publikum. Klassische Musik sollte

und Ravel gemeinsam mit Patricia Kopatchinskaja. Be-

zu einer Plattform werden, wo neue Dinge passieren,

sonders freue ich mich auf «Sila» von John Luther Adams.

brandneue Ideen verhan-

Er lebte in Alaska, arbeite-

delt werden. Merkwürdi-

te als Umweltschützer und

gerweise sind viele Leute

ist sich deswegen vieler glo-

eher bereit, in ein Museum

baler Probleme äusserst be-

für zeitgenössische Kunst

wusst. Diese Erfahrungen

zu gehen als in ein Kon-

prägten seine Identität als

zert, wo zeitgenössische

Komponist. Mir ist es als

Musik gespielt wird.

Performer wichtig, solche dringlichen Dinge zu the-

Neben

Ihrem

Engage-

ment im JACK Quartet haben Sie auch eine Karriere als Solist. Mit welcher Rolle identifizieren Sie sich stärker? Campbell: Für mich ist es eine totale Wechselbeziehung. Denn

Solisten

müssen

matisieren, und ich bin

JAY CAMPBELL «In der Sonne sitzen und die Musik aus dem Konzertsaal herausholen: Ich finde es toll, dass das in Luzern zumindest an einem Tag stattfindet.»

sehr froh, dass die europäische Erstauff ührung von «Sila» in Luzern stattfi nden wird. «Sila» wird am Erlebnistag am 27. August aufgeführt und ist als «Out-

immer auch Kammermu-

door-Musik»

siker sein. Je mehr sich ein

Wie kann man sich das

angelegt.

Cellokonzert wie Kammermusik mit dem Orchester

vorstellen? Campbell: Die Musiker werden um und im

anfühlt, desto besser. Das erreicht man nur, indem

Brunnen auf dem Europaplatz spielen. Das wird si-

man wirklich tief in die Partituren eintaucht.

cher aufregend. Wieso muss man Leute überhaupt in Konzertsäle locken, wenn man doch in der Sonne vor

Am 2. September werden Sie in Luzern das neue Werk

dem KKL sitzen und die Musik aus dem Konzertsaal

«Ciaccona» für Cello und Orchester von Luca France-

herausholen kann? Ich fi nde es toll, dass das in Luzern

sconi uraufführen. Üben Sie dieses Werk schon? Oder

zumindest an einem Tag stattfi ndet, und ausserdem

haben Sie die Partitur noch gar nicht? Campbell:

wird es uns Spielern viel Spass machen!

(Lacht.) Luca und ich sind in Kontakt bezüglich gewiswww.lucernefestival.ch

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Erlebnistag Urs Mattenberger

VOLKSFEST AU F ABWEG EN

Der «Erlebnistag» geht mit dem Festival-Thema auf Reisen: rund um den Globus mit Gruppen des Strassenfestivals, quer durch den Balkan im Kunstmuseum, auf Abwegen mit Sklaven, Flüchtlingen und einer Heldenfantasie für Kinder. Dazwischen bleibt viel Zeit für Begegnungen und das kulinarische Angebot des KKL.

«Warum reisen wir?» Max Frisch notierte

täten experimentieren kann, indem man

diese Frage in sein erstes Tagebuch, bevor

eben auf Reisen geht. Wir tun das, schrieb

er mit seinem Romananfang «Ich bin nicht

er, «damit wir Menschen begegnen, die

Stiller!» eine literarische Ikone moderner

nicht meinen, dass sie uns kennen ein für

Identitätskrisen schuf. Die Romanfigur,

allemal; damit wir noch einmal erfahren,

die ihre Identität verweigert, stand dafür,

was uns in diesem Leben möglich sei».

dass sich mit der Auflösung aller Werte – auch jener zwischen den Geschlechtern –

REISE ZU DEN WURZELN

das Individuum aufspaltet und jede ding-

Für solche Fragen zum Thema «Identität»

hafte Stabilität verliert. Aber Frisch wusste

sind an diesem Sommerfestival nicht nur

auch, wie man mit der Freiheit von Identi-

Vorträge und ein NZZ-Podium zuständig.

Für Volksfeststimmung sorgen am Erlebnistag Gruppen des Strassenfestivals vor dem KKL. BILD Priska Ketterer, Lucerne Festival

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Lucerne Festival SOMMER 2017

ERLEBNISTAG, SONNTAG, 27. AUGUST Der Erlebnistag greift das Thema auf, indem er die Besucher mit auf Reisen nimmt. Im Open-Air-Konzert, das den Tag eröff net, spielen Musiker der Lucerne Festival Academy auf dem Europa-Platz verteilt John Luther Adams’ «Sila». Es dehnt die Wahrnehmung aus hin zu Umgebungsgeräuschen und zum «Atem der Welt», den der Titel mit einem Inuit-Wort benennt. Danach treten Menschen auf, die unterwegs sind – auf Reisen, die ihre Identität bereichern oder radikal in Frage stellen. Sie feiern Volksfeste,

OPENING Musiker der Festival Academy; J. L. Adams (Sila. «Atem der Welt», europäische Erstauff ührung) Luzern, Europaplatz, 9.45 «DIE WEGE DER SKLAVEREI» La Capella Reial de Catalunya, Hespérion XXI, Tembembe Ensamble Continuo, Leitung und Gambe: Jordi Savall, Solisten Luzern, KKL, Konzertsaal, 11.00 MUSEUMSKONZERTE Ensembles der Festival Academy; Patricia Kopatchinskaja, Jay Campbell u. a. Kunstmuseum, 11/12/13/15/16.30/18.00

WELTMUSIK Gruppen des Festivals «In den Strassen» Luzern, Europaplatz, ab 12.00 KONZERT FÜR FAMILIEN Sinfonieorchester Basel, Dirigentin: Kristiina Poska, Erzähler: Florian von Manteuffel; Kodály, «Die kaiserlichen Abenteuer des Háry János» (ab 7 Jahren). Luzern, KKL, Konzertsaal, 15.00 MOZART: «IDOMENEO» Flüchtlingschor «Zuflucht» u. a. Luzern, KKL, Luzerner Saal, 16.30 (Teil 1), 20.00 (Teil 2); Einführung im Auditorium, 15.30 ASIAN YOUTH ORCHESTRA Dirigent: Matthias Bamert; Mahler (Sinfonie Nr. 1 D-Dur) Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30

fechten Freiheitskämpfe aus, sind auf der Flucht oder werden versklavt. So vielschichtig war noch kein Erlebnistag des Festivals. Dazu gehört, dass sich das Programm auf drei Strängen bewegt. Vor dem KKL spie-

rin ihr Leid zum Ausdruck brachten, macht

dem Sinfonieorchester Basel die mit unga-

len Gruppen des Strassenfestivals Weltmu-

diese Begegnungen zur Latin-Variante des

rischen Volkstänzen gespickten «Kaiserli-

sik – passend zum zweiten Strang der Kon-

Jazz – mit Savalls La Capella Reial de Cata-

chen Abenteuer des Háry János» von Zol-

zerte im Kunstmuseum. Der Ausgangspunkt

lunya und Sängern aus Europa und Afrika.

tán Kodály: Ein Reise-Abenteuer sind hier

sind hier die Reisen von Béla Bartók und

die Feldzüge gegen Napoleon, aus denen

Zoltán Kodály in entlegene Landstriche

Savall will daran erinnern, dass die Sklave-

sich der ungarische Volksbefreiungsheld

Osteuropas, auf denen sie die archaische

rei die Vorrangstellung Europas und Ame-

und sympathische Hochstapler eine Hel-

Musik von Bauern, Dorf kapellen und Zie-

rikas untermauerte – und damit ein Gefäl-

denbiografie

genhirten erforschten. Ensembles der Festi-

le, das heute wieder zu Migrationen aus der

spielen eine eigene Fassung, bei der man

val Academy spielen Werke beider Kompo-

Dritten Welt nach Europa führt. Das greift

der Geschichte problemlos folgen kann»,

nisten, die aus solchen Wurzeln eine eigene

Mozarts Oper «Idomeneo» auf, in die

freut sich Johannes Fuchs, der die Young-

Identität und eine Moderne entwickelten,

Flüchtlinge aus Syrien und anderen Län-

Programme des Festivals verantwortet.

deren «musikalische Kräfte der Erde ent-

dern integriert werden (Seite 18). Dass ein

sprossen sind», wie es Bartók formulierte.

Gott die Heimkehr Idomeneos nach Kreta

Viel von alledem kommt zusammen, wenn

Werke von Maurice Ravel bis hin zu Györ-

mit einem Sturm verhindert, wirkt da nicht

der ehemalige Festival-Intendant Matthias

gy Ligeti zeigen, wie spätere Komponisten

als mythologisches Versatzstück: «Das Mit-

Bamert das Asian Youth Orchestra in Gus-

dieses Erbe weiterentwickelt haben.

telmeer als menschenverschlingendes We-

tav Mahlers erster Sinfonie dirigiert. Mah-

sen – da hat man unweigerlich Bilder von

ler, der Identität im «ganz anderen» suchte,

REISEROUTEN DER SKLAVEREI

Bootsflüchtlingen im Kopf», begründet

verarbeitete darin auch eine unglückliche

Unfreiwillige Reisen thematisieren die Bei-

Deuber, wieso diese Produktion für die Zu-

Liebesgeschichte. In den Klezmer-Anklän-

träge auf den grossen KKL-Bühnen. Im

schauer beklemmender sein dürfte als her-

gen klingt die Lebenslust und Wehmut Ost-

Konzertsaal folgt Jordi Savall den Routen,

kömmliche Mozart-Inszenierungen.

europas an, der man zuvor in den Mu-

auf denen Sklaven von Afrika nach Latein-

zusammenfabuliert.

«Wir

seumskonzerten begegnet. Und wenn der

amerika verschleppt wurden. Gesänge und

FANTASIE-REISEN EINES HOCHSTAPLERS

rauschende Orchestersatz davon befreit, er-

Tänze aus Mali oder Madagaskar treten in

Ausgleich und Entspannung bietet nicht

fährt man auch ohne Reise noch einmal,

ein Wechselspiel mit iberischer und latein-

nur das kulinarische Angebot des KKL. Für

was uns in diesem Leben möglich sei.

amerikanischer Musik. Dass die Sklaven da-

Kinder erzählt Florian von Manteuffel mit www.lucernefestival.ch

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Flüchtlingsprojekte Pirmin Bossart

«FLÜCHTLINGS-

STRÖME» GABEN DEN ANSTOSS

Wie verändert sich auf der Flucht die Identität? Antworten geben Cornelia Lanz’ Opernprojekte mit Flüchtlingen. Mozarts «Idomeneo» stellt aktuell die Frage, welches Menschenleben mehr wert ist als andere. Oper als Grenzerfahrung: Sänger in Mozarts «Idomeneo». BILD Andreas Knapp

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Lucerne FestivalSOMMER

Mit roter Neonjacke und RollkĂśfferchen trudelt sie am

Ein Jahr später war bereits die zweite Premiere des

ZĂźrcher Hauptbahnhof ein. Es bleibt eine knappe

buntgemischten Ensembles angesagt, wiederum Mo-

Stunde, bis ihr Zug nach Mßnchen fährt. Cornelia

zart, diesmal das Opern-Fragment ÂŤZaide. Eine

Lanz ist im Schuss. Sie kommt gerade von einem Cas-

FluchtÂť. In Zusammenarbeit mit geflohenen KĂźnstlern

ting fßr eine neue Produktion. Die Opernsängerin hat

aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Nigeria wurde

mit ihrem Verein Zuflucht Kultur e. V. und seinen Pro-

das unfertige Libretto neu geschrieben. Thematischer

duktionen in den letzten Jahren fĂźr viel Aufmerksam-

Mittelpunkt waren die Flucht aus dem eigenen Land

keit und Aufregung gesorgt: eine Oper mit Kriegs-

und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Wer darf

flĂźchtlingen! Zuflucht statt Abschreckung, wunderbar!

bleiben, und wer wird abgeschoben? Was passiert,

Aber auch: Achtung Instrumentalisierung – werden da

wenn man ein Land erreicht hat, dessen Kultur einem

FlĂźchtlinge nicht missbraucht?

fremd ist?

Es gibt Menschen, die lange abwägen, bevor sie etwas

Unterdessen hatte Cornelia Lanz den Verein Zuflucht

angehen. Und es gibt solche, die einfach mal machen,

Kultur gegrĂźndet. Auch waren ihre Projekte internatio-

was ihnen am Herzen liegt. Cornelia Lanz gehĂśrt zu

nal auf grosse Beachtung gestossen. Alle wichtigen Zei-

Letzteren. Die Opernsängerin hatte immer ein ambiva-

tungen in Deutschland, aber auch die BBC oder ÂŤThe

lentes GefĂźhl, wofĂźr sie denn nun nach der Ausbildung

GuardianÂť berichteten Ăźber die ungewĂśhnlichen Pro-

prädestiniert wäre. Eine Karriere um der Karriere wil-

duktionen. Zusätzlich wurde der Flßchtlingschor Zuflucht gegrßndet, der seitdem

einem

zeitgenĂśssisch-kritischen

an zahlreichen politisch-sozialen

Kontext so leben, dass es fĂźr sie

Anlässen aufgetreten ist, auch bei

BILD Holger Borggreve

len? Wie kĂśnnte sie Kultur in

stimmt? Die Antworten kamen, als die ersten ÂŤFlĂźchtlingsstrĂśmeÂť in Deutschland eintrafen. Ja, das war ein Inhalt. Das traf sie.

der UNO in Genf. Als das ZDF in der Sendung ÂŤDie AnstaltÂť Ăźber den FlĂźchtlingschor berichtete, war Deutschland Ăźber diese integrative Initiative von unten

MOZARTUNDFLUCHT

defi nitiv informiert.

Im Mai 2014 stand sie vor einem ehemaligen

Kloster

in

Baden-

WĂźrttemberg, das zu einem FlĂźchtlingsheim umfunktioniert wurde. ÂŤIch hatte die verrĂźckte Idee, zusammen mit Ăźberwiegend muslimischen

FlĂźchtlingen,

katholi-

schen Freiwilligen und Opern-

CORNELIALANZ ÂŤOper hat ihren Platz mitten in unserer Gesellschaft. Also kann sie auch explizit politisch sein.Âť

WELCHESMENSCHENLEBENISTWICHTIGER? Mit Idomeneo folgt nun in Luzern der dritte Teil der MozartFlßchtlings-Trias. Eine logische Konsequenz, lächelt Cornelia Lanz. Das Thema passe ausge-

sängern eine weltliche Oper auf die

zeichnet zur FlĂźchtlingsthema-

BĂźhne zu bringen.Âť ÂŤHallo, ich bin

tik. In der Originalgeschichte

die Cornelia, ich will mit euch Musik machenÂť, lautete

kehrt Idomeneo auf Irrwegen aus vier Jahren Trojani-

ihre BegrĂźssung im Chor der steifen BehĂśrden, als der

schem Krieg zurßck. Er gerät in ein Unwetter auf dem

Bus mit 74 FlĂźchtlingen eintraf. Nach zwei Wochen kam

Meer und verspricht den GĂśttern ein Opfer, wenn er

sie mit einem BĂźhnenbildner vorbei. Das Vorhaben roll-

gerettet werde: Er wolle das erste Wesen tĂśten, das ihm

te an. Auf dem Programm stand die Mozart-Oper ÂŤCosĂŹ

auf Kreta begegne. Ein befremdender Deal – welches

fan tutteÂť. ÂŤBei der ersten Probe war das Eis endgĂźltig

Menschenleben ist wichtiger als ein anderes? Cornelia

gebrochen.Âť Im August 2014 war Premiere.

Lanz: ÂŤEs sind Ăœberlegungen, die Politiker regelmässig

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Flüchtlingsprojekte Pirmin Bossart

machen müssen, wenn sie nur bestimmte Flüchtlinge

Welt. Über dem Tisch hängt ein Segel, auf dem fi lmi-

hereinholen oder über Familiennachzüge entscheiden.»

sche Sequenzen projiziert werden, in denen sich die

In der aktualisierten Fassung, die den Stoff in die Jetzt-

Flüchtlinge vorstellen. In eingestreuten Monologen er-

zeit holt, sehen wir auf der Bühne einen riesigen Tisch

zählt, singt und spielt jeder Geflohene anhand eines

und 25 Betten. Der Tisch steht so verquer, dass man

Gegenstandes aus seinem Heimatland seine Geschichte.

ihn nicht nutzen kann. «Aber eigentlich hätten alle

«Aber es sind nicht ihre Fluchtgeschichten wie noch in

Platz und könnten alle satt werden», verweist Lanz auf

den ersten Projekten. Sie erzählen, wer sie sind und was

die real-verquere Situation in unserer globalisierten

sie wollen.» Auch das eine logische Konsequenz: «Es

«40MIN» «Zuflucht bei Mozart»: Mitglieder des «Idomeneo»-Ensembles mit Cornelia Lanz 22. August, 18.20 KKL, Luzerner Saal

Wer bist du? Die Frage rückt nicht Flüchtlingsgeschichten, sondern Gemeinsamkeiten ins Zentrum.

«IDOMENEO» AM ERLEBNISTAG Mit BandArt Orchester und Flüchtlingschor «Zuflucht», Gesamtleitung und Mezzosopran: Cornelia Lanz 27. August, 16.30 (1./2. Akt), 20.00 (3. Akt) KKL, Luzerner Saal

BILD Andreas Knapp

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Flüchtlingsorchester Urs Mattenberger

ASYL IM PALAIS geht nicht mehr darum, die Flüchtlinge mit ihren krassen Erlebnissen vorzustellen, die sie unterwegs erfahren

Der Eroica-Saal des Palais Lobkowitz in Wien

haben, sondern darum, eins zu werden und gemeinsam

klingt nicht nach einem Ort, wo Flüchtlinge zu Hause sind. Aber dahin bringt sie das

etwas zu machen.»

Klang- und Kunstkörperprojekt «symphony.land» INSTRUMENTALISIERUNG?

des österreichischen Künstlers Till Velten.

Die rund 40 Flüchtlinge sind denn auch in verschiede-

Für Beethovens vierte Sinfonie versammelte er im

nen Bereichen in das Stück eingebunden. Ein syrischer

«Flüchtlingsorchester Wien» musikalisch ausgebildete

Schauspieler übernimmt die Rolle des Arbace, des Ad-

Flüchtlinge (Dirigent: Leonid Belaieff ).

latus von Idomeneo. Ein anderer Syrer, der professioneller Musiker ist, begleitet die Rezitative von Idomeneo auf der Oud. Weitere 30 Flüchtlinge aus verschiedenen Nationen bilden den Chor, der mehr oder weniger ständig auf der Bühne präsent ist. Der Vorwurf einer Instrumentalisierung der Flüchtlinge, um Aufmerksamkeit oder Emotionen zu generieren, pralle an ihr ab, sagt Lanz, die selber zwei Flüchtlingen in ihrer Wohnung Unterschlupf bietet. Menschen auf der Flucht würden mit ihren Erfahrungen sehr schnell spüren, wann sie missbraucht würden: «Sie lassen sich nicht verarschen.» BILD PD

OPER IST NICHT ELITÄR Es sporne sie an, intelligente Inhalte gegen den «schwach-

Dazu erarbeitete er einen begehbaren

sinnigen Rassismus» zu setzen, der zunehmend verbrei-

Skulpturenparcours, der von Erfahrungen der

tet sei, gesteht Cornelia Lanz mit einem verschmitzten

Flüchtlinge mit Heimat und Sehnsucht inspiriert

Lächeln. Das heisse nicht, dass sie die Ängste in der Be-

ist. Die Frage, ob ein Stück westlicher Hochkultur

völkerung nicht ernst nehme. «Aber die allermeisten

ihnen vorübergehend eine Heimat geben kann,

Leute, die so daherreden, haben noch nie wirkliche Kon-

dokumentiert ein Film über die Probenarbeit –

takte mit Flüchtlingen gehabt.»

bis hin zum Abschluss am 4. August eben im Palais Lobkowitz, wo Beethovens Vierte 1807

Cornelia Lanz hat in den letzten drei Jahren viel be-

uraufgeführt wurde. Am Lucerne Festival liegt

wegt und mit den mutigen Projekten auch für sich sel-

symphony.land mit Flüchtlingsorchester, Skulpturen-

ber Sinn und Inhalt gefunden. «Ich mache mit Musik

parcours und Film im Kirchensaal Maihof.

Friedens- und Völkerverständigungsarbeit, das treibt

Das Konzertprogramm wird ergänzt durch

mich an.» Aber auch: Als Sängerin sei es ihr schon im-

Musik aus der Heimat der Geflüchteten, wobei

mer wichtig gewesen, nah am Publikum zu sein. «Ich

Instrumente wie die Oud (Bild) die Frage

will zeigen, dass die Oper keine verstaubte und elitäre

nach der Identität des Orchesters nochmals anders

Kunstform ist. Sie hat ihren Platz mitten in unserer

stellen. Vor dem Konzert spricht Till Velten

Gesellschaft. Also kann sie auch explizit politisch

mit seinen Gästen über Mut, Entwicklung, Krise –

sein.»

oder eben: über Identität. Am 9. September, 16.00, Kirchensaal Maihof. www.lucernefestival.ch

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Artiste étoile Urs Mattenberger

«DIESES KOMISCHE TIER BIN EINFACH ICH» Patricia Kopatchinskaja, als Flüchtlingskind, das zum

Die Flüchtlingsproblematik spaltet ganz Europa. Auf

Star wurde, geben Sie dem Festival-Thema Identität

welcher Seite stehen Sie heute in dieser Frage?

ein schillerndes Gesicht. Sind Sie 1989 als 13-jährige

Kopatchinskaja: Auf beiden Seiten! Da stehen sich exis-

aus Moldawien nicht emigriert, sondern mussten

tenzielle Anliegen gegenüber, die beide ihr Recht ha-

buchstäblich flüchten? Patricia Kopatchinskaja: Ja,

ben: der Wunsch, sein Territorium zu schützen, gegen

auch wenn wir persönlich vielleicht nicht bedroht wa-

den Wunsch, sich aus einer Gefahr zu retten. Wenn es

ren. Aber nach dem gewaltsamen Tod Ceausescus, den

in einem Haus keinen Platz mehr hat, ist es eine fast

wir im Fernsehen mitangesehen hatten, kam es andau-

schon mathematische Konsequenz, dass man nicht

ernd zu Demos, und alles geriet aus den Fugen. Die

noch mehr Leute hereinlässt. Aber wenn jemand auf

Unsicherheit und die Angst waren allgegenwärtig. Da

der Strasse liegt, ist es ein ebenso fundamentales Gebot

war meinem Vater klar: Wenn

der Menschlichkeit, dass man

sich ein Spalt öffnet, müssen

ihn da nicht einfach liegen

wir raus.

lässt. Für diesen Konflikt habe

Wann öffnete sich der Spalt? Kopatchinskaja: Musiker haben ja die Chance, dass sie überall auf der Welt mit anderen zusammen arbeiten können. Mein

PATRICIA KOPATCHINSKAJA «Ich möchte auch mit Stücken, die alle kennen, eine eigene Geschichte erzählen.»

ich auch keine Lösung. Gibt es dennoch einen Rat, den Sie Flüchtlingen mit auf den

Weg

geben

würden?

Kopatchinskaja: Ja, ein Problem

Vater war der beste Hackbrett-

liegt ja darin, dass darüber

spieler Moldawiens und ging als

kaum offen gesprochen wird. Aber ich als ehemaliger Flücht-

Musiker nach Wien, wohin ihm meine Mutter mit uns Kindern ein Jahr später nach-

ling darf das sagen: Wenn man in ein Land flüchtet,

folgte. Beim Grenzübertritt nach Österreich mussten

muss man die Traditionen dieses Landes akzeptieren.

wir wie Verbrecher unsere Fingerabdrücke abgeben.

Dazu muss man tatsächlich seine Identität neu erfin-

Aber ich machte daraus eine Art Stempelspiel, und

den, weil man mit der Liebe zur eigenen Heimat den-

dank der Beziehungen, die mein Vater als Musiker ge-

noch vollkommen eins werden muss mit den Regeln

knüpft hatte, hat es mit dem Asyl geklappt.

des neuen Landes.

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BILD Marco Borggreve

Lucerne Festival SOMMER 2017

Barfuss tänzelt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja zwischen Folklore und Avantgarde. Aber das ehemalige Flüchtlingskind, das heute in Bern lebt, beschäftigt sich am Festival mit noch ganz anderen dringenden Botschaften.

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Artiste étoile Urs Mattenberger ORCHESTER DER LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Leitung: Heinz Holliger, Violine: Patricia Kopatchinskaja (Debussy, Koechlin, Holliger) 20. August, 10.30 KKL, Konzertsaal

«DIES IRAE» Violine: Patricia Kopatchinskaja, JACK Quartet, Ensemble der Lucerne Festival Alumni u. a. 2. September, 22.00 MAHLER CHAMBER KKL, Luzerner Saal ORCHESTRA Leitung: François-Xavier NZZ-PODIUM Roth, Violine: Nora Gomringer, Patricia Patricia Kopatchinskaja Kopatchinskaja und (Haydn, Bartók) Harald Welzer (Moderation: 23. August, 19.30 Martin Meyer) KKL, Konzertsaal 3. September, 16.00

ENSEMBLE DER LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Dirigent: Matthias Pintscher, Klavier: David Kadouch, Klarinette: Martin Adámek, Violine: Patricia Kopatchinskaja (Ligeti, van der Aa) 26. August, 22.00 KKL, Luzerner Saal

Türöffner für eine vitale Klassik: Patricia Kopatchinskaja mit Intendant Michael Haefliger. BILD Manuela Jans-Koch

KKL, Auditorium

YOUNG SITZKISSENKONZERT «Das kleine Irgendwas», Violine: Patricia Kopatchinskaja, Cembalo: Anthony Ramaniuk 9. September, 11.00 und 15.00 KKL, Terrassensaal

ERLEBNISTAG Violine: Patricia Kopatchinskaja, Violoncello: Jay Campbell, Klavier: Polina Leschenko (Enescu, Kodály, Ravel) 27. August, 13.00 KKL, Kunstmuseum

Das wirblige Temperament auf der Bühne, das Ihnen

te Chance meines Lebens. Das Studium in Bern, mit

den Ruf einer «Wildkatze» eingebracht hat, passt aber

Auftritten mit dem Berner Sinfonieorchester, einem

so gar nicht zum Klischee von den behäbigen Schwei-

Preis und einem Stipendium – das alles lenkte mein

zern. Ist das ein Teil Ihrer moldawischen Wurzeln, die

unstetes Musikerleben in geordnete Bahnen. Und ich

Sie nicht assimiliert haben? Kopatchinskaja: Nein, dieses

entdeckte Parallelen zwischen der Schweizer Mentali-

Temperament und die Energie, dieses komische Tier, das

tät und jener Moldawiens. Meine Vorfahren waren

bin einfach ich. Zudem kann man Temperament nicht

Bauern, die nach einfachen Regeln und ohne Hast leb-

nur ausleben, indem man Pferde reitet. Ich mag zum

ten, nicht anders als die Schweizer mit ihren Prinzipi-

Beispiel die zweite Wiener Schule um Schönberg und da

en. Die Schweizer, würde ich sagen, sind nicht lang-

insbesondere die meist aphoristisch verknappten Werke

sam, sondern im guten Sinn bedächtig.

von Anton Webern, die nach den Schinken der Spätromantik einen nötigen Schnitt machten. Das sind ganze

Wie Sie auf Ihrer Geige tänzeln, flüstern, weinen und

Universen, in denen ich mich ewig verweilen könnte.

jauchzen, erinnert an Folklore-Traditionen. So spon-

Aber Bauchmusik, die die Knochen zum Tanzen bringt,

tan kennt man das in der Klassik nur von der Alte-

liegt mir wohl trotzdem näher.

Musik-Szene, etwa von Teodor Currentzis, mit dem Sie am Lucerne Festival zu Ostern Mozart neu erfun-

Und was halten Sie vom Klischee von den behäbigen

den haben. Kopatchinskaja: Da gibt es tatsächlich eine

Schweizern? Kopatchinskaja: Gar nichts! Auch wenn

Gemeinsamkeit, vor allem, was die Spontaneität und

ich Österreich wegen der vielen musikalischen Bezüge

Ornamentik betriff t. Ich habe als Kind sehr viel Folk-

mochte: Mein Umzug in die Schweiz bot mir die gröss-

lore gehört, da wurde für mich diese Art von musikali-

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Artiste étoile Urs Mattenberger

scher Freiheit etwas Selbstverständliches. An Volksmu-

zur Welt bringt. Es ist einem nah, aber man kennt es

sik fasziniert mich auch der funktionale Aspekt. Dass

noch nicht, weil es sich erst entwickeln muss. Deshalb

sie es zum Beispiel ermöglicht, dass man sich auf einer

ist es wichtig, dass man zeitgenössische Werke immer

Hochzeit freuen und tanzen kann, ohne dass man vom

wieder spielt: Damit sie eine Geschichte bekommen

Alkohol müde wird. Und bei den Tänzen habe ich ge-

und man sehen kann, wie sie sich entwickeln. Und da-

lernt, wie wichtig der visuelle Aspekt ist. Für mich hat

mit dieses Leben auch in den Köpfen der Zuhörer und

bis heute jedes Stück, auch ein Violinkonzert wie jenes

ihrer Fantasie entstehen kann. Deshalb freue ich mich,

von Tschaikowsky, ein eigenes Kostüm, mit dem ich es

Heinz Holligers Violinkonzert für Louis Soutter, das in

in meinem Kopf inszeniere.

Luzern uraufgeführt wurde, zu spielen. Holliger ist für mich ohnehin einer der bedeutendsten Musiker unserer

In den Kadenzen zu Violinkonzerten von Mozart und

Zeit: ein musikalisches Urgestein, radikal und undiplo-

Beethoven gingen Sie jüngst im KKL Luzern und der

matisch. Das macht auch dieses Werk so grossartig.

Tonhalle Zürich ganz eigene Wege. Ist das auch eine Art Kostümierung? Kopatchinskaja: Ich weiss, dass das

In einem György Ligeti gewidmeten Konzert spielen

gewisse Hörer als karikaturesk empfi nden. Aber ich

Sie dessen Violinkonzert – kann man auch mit einer

möchte auch mit Stücken, die alle kennen, eine eigene

derart komplexen Partitur eine Geschichte erzäh-

Geschichte erzählen. Viel zu oft wird Musik ja so flott

len? Kopatchinskaja: Natürlich, abgesehen davon, dass

und reibungslos gespielt, dass man kaum noch zuhören

mich das Komplexe als solches ebenfalls interessiert.

muss. Aufmerksamkeit kann man nur wecken mit etwas,

Bei Ligeti überlagern sich verschiedenste Ebenen, weil

das nicht gewöhnlich ist. Ich selber mag Widersprüche,

er ursprünglich Mathematik studieren wollte und bei-

und ich höre am meisten zu, wenn etwas nicht stimmt.

des war: ein Fantast und ein Konstrukteur. Das Werk ist unglaublich schwer zu spielen, weil es höchste Vir-

Am Sommer-Festival spielen Sie aber moderne Musik,

tuosität verlangt und die Partitur wie aus lauter Lego-

die viele überhaupt nicht kennen. Hilft das Geschich-

steinen zusammengesetzt ist, die trotz der unterschied-

tenerzählen auch bei solchen Werken? Kopatchinskaja:

lichen Geschwindigkeiten zusammenpassen müssen.

Ja, da gilt das noch in einer ganz anderen Weise. Spielt

Und doch erklingt hier eine folkloristische Melodie,

man ein ganz neues Werk, ist das, als ob man ein Kind

die direkt ins Herz geht und zu Tränen rührt. Und welche Geschichte erzählt sie? Kopatchinskaja:

Leitet neu die Camerata Bern: Patricia Kopatchinskaja. BILD Marina Saanishvili

Ligetis Vater und sein jüngerer Bruder wurden im Zweiten Weltkrieg in Konzentrationslagern umgebracht. Er selbst hat erzählt, wie er sich zuvor mit seinem Bruder auf der Flucht in einem Postwagen unter Postsäcken versteckte, als plötzlich die Tür aufging. Für mich ist die Melodie, die Ligeti im Violinkonzert zitiert, die Stimme seines Bruders, eine Erinnerung an eine kindliche Welt, für die im Orchester die Okarinas stehen: eine grossartige Musik, die an alle Ebenen appelliert, einschliesslich Intellekt, Folklore, Kinder, Motorik. Mit dem inszenierten Konzert «Dies irae» setzen Sie sich mit der Flüchtlingskrise auseinander. Zorn Gottes: Wird da doch aus Ratlosigkeit Anklage? Kopatchinskaja: Nein, der Titel ist nicht religiös gemeint, er steht für das vage Gefühl vom Ende der Welt, das einen befällt, wenn man an die grossen Probleme

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Symbol für einen natürlich-spontanen Umgang mit Musik: Patricia Kopatchinskaja barfuss bei ihrem Auftritt am Oster-Festival im KKL Luzern.

Lucerne Festival SOMMER 2017

BILD Priska Ketterer, Lucerne Festival

unserer Zeit denkt – wie Flüchtlingskrise, Klimaerwär-

Antwort: Als ich in ihr Zimmer kam und sie Radio Ener-

mung und Ressourcenknappheit. Angesichts des Teu-

gy hörte, tanzte ich einfach zu ihrer Musik mit. Kinder-

felskreises von Dürre, Not, Kriegen und Flucht, wie

konzerte zu machen, finde ich generell nicht einfach.

ihn der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber be-

Aber auch im «kleinen Irgendwas» gibt es musikalische

schreibt, müssen wir Musiker uns über Interpretatio-

Geschichten etwa vom Barockkomponisten Franz Biber

nen hinaus für solch dringende Botschaften einsetzen.

oder wie jene von «Ferdinand dem Stier», der Pazifist ist

In diesem Konzert machen wir das mit musikalisch-vi-

und nicht kämpfen will. Und die Stücke von Heinz Hol-

suellen Mitteln. Im Zentrum steht Galina Ustwolskajas

liger hat dieser für seine Enkel geschrieben.

«Dies irae», dazu erklingt Musik aus der Geschichte der Sie wollten in diesem Interview nicht darüber spre-

Menschheit, von der Gregorianik bis heute.

chen, dass Sie barfuss auftreten – quasi das MarkenMusik von Heinz Holliger spielen Sie auch im Kinder-

zeichen für Ihren spontan-natürlichen Umgang mit

konzert «Das kleine Irgendwas». Lassen Sie sich dazu

Musik. Wieso nicht? Kopatchinskaja: Weil das eine

von Ihrer elfjährigen Tochter inspirieren? Kopatchinska-

Äusserlichkeit und kein interessantes Thema ist. Wenn

ja: Nein, das Konzert ist für Kinder ab vier, und meine

Journalisten weiter darauf herumreiten, werde ich dem-

Tochter interessiert sich nicht sonderlich für meine Mu-

nächst Stiefel anziehen. Mal sehen, was ihnen dann

sik. Da frage ich mich eher, wie ich umgekehrt den Zu-

dazu einfällt.

gang zu ihr finde, und fand kürzlich eine überraschende www.lucernefestival.ch

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Roche Young Commissions Thomas Meyer

SEGEL SETZEN

BILDER Stefan Deuber, Lucerne Festival

Die Roche Young Commissions gibt jeweils zwei jungen Komponisten die Gelegenheit, neue Werke mit dem Orchester der Academy zu erproben. Die schwedisch-deutsche Komponistin Lisa Streich sagt, wie dieser Luxus in ihrer aktuellen Uraufführung die Räume erweiterte.

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Ein Klangkörper im Fahrt-, aber wohl auch

der Raum so erfüllt ist und man sich auf

manchmal im Gegenwind: So stellt sich

einmal ganz allein und in einer Intimität

Lisa Streich das Orchester in ihrem neuen

fühlt, obwohl hundert Zuhörer auch da

Stück «Segel» vor. Das Orchester ist das Se-

drinnen sitzen.» Ihre Aussage verdeutlicht,

gel, das, dünn und doch stark gepackt, in

wie tief sie in die Klänge hineinspürt.

verschiedene Himmelsrichtungen gedreht, von der Sonne beschienen oder vom Wind

Lisa Streich, Tochter einer Schwedin und

gestreichelt wird. Es ist «dem Wind, dem

eines Deutschen, fühlt sich keiner bestimm-

Wasser, der Sonne, der Menschenhand und

ten musikalischen Tradition verpfl ichtet.

der Weite des Horizonts» ausgesetzt.

Die Einflüsse kommen von mehreren Seiten, und sie versucht sie auf persönliche

ORCHESTER DER LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Dirigent: Matthias Pintscher, Solist: Jay Campbell; Lisa Streich: «Segel» für Orchester (Auftragswerk der Roche Young Commissions), Matthew Kaner: «Encounters» für Orchester (Auftragswerk Roche Young Commissions), Luca Francesconi: Ciaccona für Violoncello und Orchester (Auftragswerk von Lucerne Festival), Béla Bartók: «Der holzgeschnitzte Prinz», Tanzspiel in einem Akt. 2. September, 14.30, KKL, Konzertsaal

Vergangenes Jahr konnte die 31 Jahre junge

Weise zu handhaben. Ihre Musik ist von

Komponistin die ersten Skizzen mit dem

einer ausserordentlichen Klarheit und Ver-

Orchester der Lucerne Festival Academy

ständlichkeit, ohne alles Gehabe, nicht un-

ausprobieren, inzwischen ist das Stück fer-

nötig komplex – und doch nie banal. Musik

tig, eines der beiden Roche Young Commis-

dürfte nicht einfach nur Musik sein, sagt

sions. Lisa Streich schätzt diese spezielle

sie, es müsse etwas dahinterstehen und auf-

Form der Förderung hoch ein: als einmalige

scheinen. «Ich habe versucht, das Orchester

Chance für einen jungen Komponisten, ei-

nicht einfach nur als solches zu betrachten,

Masts, und dahinter erscheint auch die

nen Luxus, den man so nie wieder bekommt.

sondern gleichsam als Chor.»

Kreuzessymbolik: Die Musik ist «verbunden mit der Schönheit des Leidens und des

«Es wird einem die Hand gereicht, etwas Grosses machen zu können», sagt sie. Da-

MUSIKALISCHE SCHUTZENGEL

Kreuztragens», die eben in so heftigen

durch sei es ihr möglich gewesen, vielerlei

So hat sie in «Segel» Chorgesänge in den

Klangmassen hervortritt. Hinter dem äus-

auszutesten – etwa die räumliche Disposi-

Orchesterklang übertragen. Aber mehr

serlichen, fast profanen Bild steht also eine

tion der Klänge. Sie wandern wie in einer

noch: Dieses Segel flattert nicht frei in der

persönliche Ebene, die fürs Komponieren

Choreografie durch den Orchesterraum und

Luft, es wird gehalten vom Kreuz des

wichtig ist: eine Spiritualität.

ergeben so immer andere Hörperspektiven. Und auch die Klänge selber, die manchmal fast brutal und doch auch schön wirken sollen, hat sie so real erleben können. LAUTE STILLE

Teamwork für neue Musik: Wolfgang Rihm, künstlerischer Leiter der Academy, mit Lisa Streich und Dirigent Gregor Mayrhofer in einer Probe.

Solche Klangräume spielen in Streichs Musik immer wieder eine entscheidende Rolle, einige ihrer Stücke sind auch als Klanginstallationen konzipiert. Und gewiss spielt dabei auch die Erfahrung mit Kirchenräumen mit, denn sie hat auch Orgel studiert. Um den Musiker herum entsteht dabei eine ganz einzigartige und auch eigentümliche Atmosphäre. «Ein leiser Klang kann, wenn man richtig hinhört, unglaublich laut werden, sodass man die Stille laut erlebt. In einem sehr lauten Klang wiederum kann man sich ganz geborgen fühlen, weil

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Keine Angst vor Schönheit. Lisa Streich.

BILDER Stefan Deuber, Lucerne Festival

RAUM FÜR DIE UNENDLICHKEIT Streich: «Das Diesseits und das Jenseits beschäftigt mich sehr, das Sichtbare und das Unsichtbare, das Unmögliche und das Mögliche, das Spiel mit diesen Welten, und es treibt mich in Kunst an, diese Welten für einen Augenblick zu erspüren, die Komplexität des Lebens, des Beginnens und des Endens, das, was so nebenherläuft und vielleicht gar nicht real wirkt ... und trotzdem sehr real ist. Es ist schwer, das in Worte zu fassen. Die Musik ist eine der besten Kunstformen, um vielleicht einen Raum dafür zu bieten, sich der Unendlichkeit des Lebens für einen Augenblick deutlich zu werden.» Es ist eine Erfahrung jenseits des Alltäglichen, bei der auch die Lebensfreude zum Ausdruck kommen soll. Die eigene Einordnung in die Musikgeschichte wird da fast unwichtig. Einen historischen Faden weiterzuzwirnen, interessiert sie deshalb weniger. «Wenn ich schreibe, geht es mir darum, das Leben zu begreifen.» SCHÖNHEIT OHNE KITSCH Ihr Weg ist geradlinig, sie weiss, was sie sucht – auch wenn ihre Biografie mit ihren zahlreichen Stationen kurvenreich zu mäandern scheint. Geboren in Schweden, wuchs sie in der Gemeinde Engelbrechtsche Wildnis nahe von Glücks«Der Glaube ist mir sehr wichtig, und man

weist auf das Agnus

fi ndet ihn in meinen Stücken wieder, aber

Dei, aber auch auf die

er ist nicht das, was ich vermitteln will.» Sie

Engel, die gelegentlich

geht also damit nicht hausieren. «Musik

bei Lisa Streich auftau-

und Kunst soll so offen wie möglich sein,

chen, so auch in «Gra-

für so viele Rezipienten wie möglich.» Aber

ta» für Cello und En-

der geistliche Aspekt ist dennoch zentral,

semble, einem Gloria

für dieses Stück ganz besonders, aber auch

– und auch einer «Lie-

für andere. Zwei als «Pietà» überschriebene

beserklärung an das Leben», wie sie

kurse: Orgel, Komposition, Computermu-

Stücke beschäftigen sich mit Tod und Auf-

schreibt. «Seraph» für Cello und Orgel wie-

sik. Hinzu kamen Stipendien. Fast jährlich

erstehung. Die Pocket Opera «... mit bren-

derum wurde 2013 einen Monat vor der

hat sie den Studienort gewechselt, nicht nur,

nendem Öle» erzählt von der Verkündi-

Geburt ihrer Tochter Lova vollendet und ist

wie sie sagt, der Lehrer, sondern auch der

gung Mariae, aber auch vom Hohelied der

ihr gewidmet – «ein musikalischer Schutz-

Städte und Länder wegen. Sie sei nun mal

Bibel. Das Chorstück «Agnel» (2013) ver-

engel, der sie ein Leben lang begleitet».

«gierig auf Erfahrungen».

stadt auf, etwas nörd-

LISA STREICH «Wenn ich schreibe, geht es mir darum, das Leben zu begreifen.»

lich von Hamburg, wo sie mit dem Musikunterricht begann. In Berlin, Salzburg, Köln, Stockholm und Paris absolvierte sie weitere Studien und Meister-

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Ligeti-Paket Urs Mattenberger

Und als sie nebenbei erwähnt, dass man da

Heuer ist für Lisa Streich ein besonderes

und dort in ihrer Musik vielleicht auch deut-

Jahr. Nicht nur Luzern wartet; in München

sche, französische oder schwedische Merk-

erhielt sie den Komponisten-Förderpreis

male hören könne, möchte ich doch gleich

der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung, und

wissen, was dieses Schwedische sein könnte.

zuvor weilte sie mit einem Stipendium in

«Oft fi ndet man in meinen Stücken eine

der Villa Massimo in Rom. Dann aber

Der Ungar György Ligeti

Schönheit, vor der man in der deutschen

kehrt sie wieder nach Hause zurück, auf die

bewies, dass Avantgarde auch

Tradition eher zurückscheut, aber es ist fast

Insel Gotland, wo sie wohnt, etwas fernab

im 20. Jahrhundert mehrheits-

das Schwierigste, eine Musik mit Schönheit

vom grossen Betrieb, an einem Ort, wo

fähig sein konnte. Das galt

zu machen – ohne in den Kitsch zu verfallen

zahlreiche Künstler lebten und leben, in

nicht erst für die Klangwolken-

und profan zu sein.» «Der zarte Faden, den

einer Stille, die sie schätzt und braucht.

komposition «Atmosphères»,

die Schönheit spinnt» heisst denn auch ein

«Die Ruhe dort ist mir sehr wichtig: Es gibt

Stück, das sie 2014 für Perkussionsquartett

nichts Schöneres ...»

Weltraum-Odyssee untermalte.

WEBSITE: HTTP://LISASTREICH.SE

tisch inspirierten Frühwerks zog

mit der Stanley Kubrick seine Die Musikantik des folkloris-

schrieb. Und diese Schönheit wird nun auch in «Segel» wieder aufscheinen.

SPIELLUSTDER AVANTGARDE

sich vielmehr latent weiter bis www.lucernefestival.ch

hin zu seinen späten Konzerten für Klavier und Violine. Und sie treibt knallbunte, auch betörend süsse Blüten in der

Ein Dirigent im Dialog mit Komponisten: Gregor A. Mayrhofer leitet die Uraufführung von Streichs «Segel».

Stilcollage seiner Opern-Groteske «Le Grand Macabre». Mit ihr steuert das Luzerner Theater doppelt ein Highlight zum Identitätssommer bei. Denn der absurde Totentanz, der lustvoll totalitäres Gehabe persifl iert, ist idealer Stoff für die ungezügelte Spiellust und bildnerische Opulenz von Starregisseur Herbert Fritsch. Eine Gothic-Operette, gespickt mit «Commedia dell′Arte für Fortgeschrittene», verspricht das Theater. Kein Wunder, schnürt das Festival die Oper mit dem Violin- und Klavierkonzert zum Ligeti-«Paket». Beim Besuch sowohl das Late Night (26. August, mit dem Klavier- und Violinkonzert) wie der Oper (Premiere: 6. September) gibt es 20 Prozent Ermässigung.

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Lange Orchestertradition: Die Wiener Philharmoniker feiern ihr 60. Au ri sjubiläum am Festival. Sinfoniekonzerte BILD Terry Linke Fritz Schaub

NEUEVIELFALT

MITLANGERT

Sinfonieorchester versammeln Individualisten zum Kollektiv. Daraus entstehen je nach Tradition, Organisationsform oder prägenden Dirigenten wiederum indi viduelle Identitäten, wie ein Streifzug durch die Sinfoniekonzerte zeigt.

orchester, das aus dem Grundstock eines bestehenden Sinfonieorchesters (dem Mahler Chamber Orchestra) und hochkarätigen Musikern, unter anderem der Filharmonica della Scala, gebildet ist. Zum andern, weil es in nur wenigen Jahren seit 2003 eine eigene Identität ausbildete. Schon in der ersten Probe habe er die von Abbado vermittelte Mahler-DNA erkannt, meinte Ric-

Wer sind wir? Wie sollten wir sein? Mit solchen Fragen

cardo Chailly in einem Interview.

rund um das Thema «Identität» eröff nen Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra den Luzer-

EINE FRAU MIT ZU VIEL INDIVIDUALITÄT

ner Festspielsommer: mit Werken von Richard Strauss,

Aber was bedeutet Identität bei den Traditionsorches-

die alle philosophisch untermauerte Möglichkeiten des

tern, die das Rückgrat des Lucerne Festival bilden? Und

Menschseins bedeuten (11. August).

wie viel davon hat sich im globalisierten Musikbetrieb erhalten? Am längsten mitverfolgen konnte man das in

Die Frage nach der Identität stellt sich aber auch bei

Luzern bei den Berliner und Wiener Philharmonikern.

den Orchestern selber, wobei hier das Festivalorchester

Sie nämlich feiern hier ihr 60. Auftrittsjubiläum – die

ein doppelter Sonderfall ist. Zum einen als Projekt-

Wiener in diesem, die Berliner im nächsten Jahr.

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Lucerne Festival SOMMER 2017

aufhalten. So gehen Absolventen der Akademie zu anderen internationalen Spitzenorchestern, wie umgekehrt die Berliner Philharmoniker Spitzenkräfte bei andern Klangkörpern holen. «So stelle ich mir ein Orchester im 21. Jahrhundert vor», hatte Sir Simon Rattle beim Amtsantritt in Berlin zu seiner Vision für die Berliner Philharmoniker gesagt. Dass das auch neue Repertoireschwerpunkte beinhaltet, zeigt er nochmals bei seinem letzten Auftritt als Chefdirigent der Berliner in Luzern. Hier setzt er dem ersten sinfonischen Versuch Schostakowitschs dessen letzten sinfonischen Beitrag gegenüber (Sinfoniekonzert 19, 31. August), in dem die im Erstling verwendete Collage-Technik auf neue und originelle Art wiederkehrt. Während Karajan um den grossen Russen eher einen Bogen machte, ist Schostakowitsch neben andern nichtdeutschen Komponisten aus dem französischen, amerikanischen und osteuropäischen Bereich zu einem Schwerpunkt im Repertoire der Berliner unter Rattle geworden.

RTRADITION

Zur stilistischen Vielseitigkeit als Identitätsmerkmal eines modernen Orchesters gehören ebenso die Hinwendung zur Moderne, Jugendprojekte und die Digital Concert Hall, wobei Rattle sich auch von der historischen Auff ührungspraxis beeinflussen liess. Wie man diese bei Haydns «Schöpfung» mit der traditionellen Klangqua-

Selbst bei ihnen zeigte sich bereits in den 80er-Jahren,

lität der Berliner verbinden kann, wird der erklärte

dass Orchesteridentitäten nicht mehr selbstverständlich

Haydn-Bekenner («Ich bin verrückt nach Haydn») beim

gegeben waren. Damals verhinderte das Berliner Spit-

ersten Auftritt in Luzern zeigen (SK 18, 30. August).

zenorchester gegen den Widerstand des Chefdirigenten Herbert von Karajan, dass die Klarinettistin Sabine

KONSERVATIV UND WANDLUNGSFÄHIG

Meyer als neues Orchestermitglied verpfl ichtet wurde.

Kontinuität besonders gross geschrieben haben die

Die Begründung: Ihre individuelle Tongebung passe

Wiener Philharmoniker, auch in Bezug auf das Ge-

nicht in die Gruppe der Holzbläser und würde die Balan-

schlecht, war doch bis vor ein paar Jahren das Orchester

ce – heute könnte man sagen: die Identität – gefährden.

eine Männerdomäne. Das hat sich gründlich geändert. Seit 2011 ist sogar einer der drei Konzertmeister – die

Dabei war gerade Karajan die Wichtigkeit eines homo-

Bulgarin Albena Danailova – weiblichen Geschlechts.

genen, sonoren und weichen Orchesterklangs, wie er

Jedes Mitglied muss sich zuerst drei Jahre im Orchester

ihn pflegte, sehr wohl bewusst. Deshalb gründete er

der Wiener Staatsoper bewähren, bevor es in den er-

1972 eine Orchesterakademie, in der bis heute junge,

lauchten Kreis der Wiener Philharmoniker aufgenom-

begabte Instrumentalisten auf die hohen Massstäbe der

men wird. Auch die nationale Herkunft spielt eine grös-

Berliner Philharmoniker vorbereitet werden. Aber die

sere Rolle im Bestreben, einen einheitlichen Klang zu

fortschreitende Globalisierung liess sich damit nicht

erzielen. So gibt es kaum Asiaten im Orchester.

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Sinfoniekonzerte Fritz Schaub

NATIONALE IDENTITÄT Dies ist überhaupt ein weiterer Beitrag zum Thema Identität. Denn dieses Jahr spielen die Orchester gezielt Werke aus ihrem jeweiligen Herkunftsland. In hohem Letzte Au rie in Luzern als Chef der Berliner Philharmoniker: Sir Simon Rale. BILD Stephan Rabold

Masse triff t dies bei den Auftritten des Mariinsky Orchestra unter seinem Chefdirigenten Valery Gergiev zu, die beide ganz auf russische Komponisten (Mussorgsky und Prokofjew) eingeschworen sind (SK 20 und 22, 1./2. September). Das Orchestre de l’Opéra national de Paris spielt unter der Leitung des Schweizers Philippe Jordan französische Musik (SK 17, 29. August), die Filarmonica della Scala legt unter Riccardo Chailly den Schwerpunkt auf Ottorino Respighis «Fontane di Roma» und «Pini di Roma» (SK 13, 24. August). Eine neue Orchesteridentität schufen inzwischen erwachsen gewordene Jugendorchester wie das Chamber Orchestra of Europe. Wie das Mahler Chamber Orchestra ist es aus einem ebenfalls von Claudio Abbado gegründeten Jugendorchester hervorgegangen, und auch ihm ist noch immer dieses Gen des «Musizierens in kammermusikalischem Geist» eingepflanzt, wie es Abbado bei seiner letzten Orchester-

Kein anderes Orchester defi niert sich zudem so sehr

gründung, dem Lucerne Festival Orchestra, so

über den Klangcharakter der Instrumente wie die Wie-

beispielhaft vorgelebt hat. Das Chamber Orchestra of

ner Philharmoniker. Legendär ist die leicht näselnde

Europe ist nicht staatlich subventioniert, kennt weder

Wiener Oboe. Speziell gebaut sind auch die Klarinette

ein festes Haus noch einen Chefdirigenten. Aber es

oder das Fagott und vor allem das schwer zu spielende

hat – wie die Berliner Philharmoniker – erfolgreich

Wiener Horn. Was den berühm-

eine Orchesterakademie und

ten samtweichen und eher hel-

ein Education-Programm ge-

len Wiener Streicherklang betriff t: Die Instrumente sind zwar «normale» Geigen, aber es gibt ein besonderes Klangideal, das von den Mitgliedern an die neuen Spieler weitergegeben wird.

SIMON RATTLE ÜBER DIE BERLINER PHILHARMONIKER «So stelle ich mir ein Orchester im 21. Jahrhundert vor.»

gründet. Der grosse Unterschied: Die auch andernorts tätigen Musiker kommen jeweils für ein Projekt aus allen Richtungen Europas zusammen. Neben dem Geist Abbados ist es der enge Kontakt mit

Ganz eigene Akzente setzten

Vertretern der historisch infor-

dagegen die Dirigenten, da die Wiener über keinen

mierten Musizierpraxis, allen voran mit dem im letz-

Chefdirigenten verfügen. Gespannt ist man auf das ers-

ten Jahr verstorbenen Nikolaus Harnoncourt, die sei-

te Konzert der Wiener (SK 28, 9. September) unter Mi-

nen Charakter bis heute prägt.

chael Tilson Thomas. Der Amerikaner dirigiert ausgerechnet ein Programm mit Wiener Klassik – Mozart

Die Wendigkeit, die das ermöglicht, sah man beim ver-

und Beethoven – sowie Brahms, der ebenfalls seine

gangenen Sommer-Festival besonders schön: Da lüftete

Wahlheimat in Wien fand.

das Orchester unter einem dirigierenden Geiger (Leo-

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Debut Urs Mattenberger

AUSGEZEICHNET

nidas Kavakos) Wiener Klassiker durch und traf unter einem weisen Altmeister (Bernard Haitink) bei Dvořák den Geist Abbados. Wenn Haitink das Orchester in

Die Schweizer Saxofonistin Valentine Michaud eröff net als

diesem Sommer in Sinfonien von Mozart und Liedern von Mahler dirigiert, dürfte beides zusammenkommen

Gewinnerin des Prix Credit Suisse Jeunes Solistes die Reihe der

(SK 2 und 4, 13./15. August).

Debuts mit ihrem Preisträgerkonzert (Klavier: Akvilė Šileikaitė, 17. August). Aber Preisträgerkonzerte sind sie alle. Denn in den

TRADITION OHNE CHEFGEBAREN

Debut-Konzerten treten in der Lukaskirche oder im Casineum

Orchesteridentitäten können aber auch auf Repertoire-

(12.15 Uhr) arrivierte, vielfach ausgezeichnete Jungmusiker auf.

traditionen beruhen. Exemplarisch gilt das für das alljährlich am Lucerne Festival auftretende Royal Con-

Zwei weitere stammen aus der Schweiz. Die 1990 in Lugano

certgebouw Orchestra Amsterdam. Auch in diesem

geborene Harfenistin Elisa Netzer lotet ihr Instrument mit

Sommer spielt es unter der Leitung seines Chefdirigen-

folkloristisch inspirierten Werken des 20. Jahrhunderts aus

ten Daniele Gatti in seinen beiden Konzerten je ein

(24. August). Die Cellistin Chiara Enderle, Tochter der Carmina-

Hauptwerk von Bruckner und Mahler (SK 24 und 25,

Quartett-Begründer Matthias Enderle und Wendy Champney,

4./5. September). Und es führt damit jene Mahler-Tra-

spielt Schubert, Brahms und Penderecki (29. August, Klavier:

dition weiter, die seine Chefdirigenten bis heute be-

Hiroko Sakagami). In den übrigen Debut-Konzerten treten

wahrten – angefangen vom Mahler-Adepten Willem

das Spiegel-Klaviertrio (22. August), der Geiger Valeriy Sokolov

Mengelberg (allein er leitete das Orchester rund 50 Jah-

(31. August, Klavier: Evgeny Izotov) und der Posaunist Michael

re!) zum Bruckner-Spezialisten Haitink und zu Ric-

Buchanan auf (5. September, Klavier: Kasia Wieczorek).

cardo Chailly, dem neuen Chefdirigenten des Lucerne

Das Schumann-Quartett spielt Haydn, Schumann und ein Werk der Schweizerin Helena Winkelman (7. September).

Festival Orchestra.

Führt in Luzern Concertgebouw-Traditionen mit Mahler und Bruckner weiter: Chefdirigent Daniele Gai. BILD Anne Dokter

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Sinfoniekonzerte Fritz Schaub

Festival «In den Strassen» Urs Mattenberger

IDENTITÄT VON WÜSTE UND BLUES Ändert sich die Identität von Orchestern auch, wenn mehr Frauen am Pult grosser Orchester stehen? Das letztjährige Festival hatte solche Fragen mit Auftritten von elf Dirigentinnen zum Thema «Primadonna» angeregt. Die Probe aufs Exempel machen kann man mit

C e E

K A

der Litauerin Mirga Gražinyte-Tyla. Sie tritt jetzt in Luzern wieder und erstmals als Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra auf, das einst unter Sir Simon Rattle in die Reihe der Spitzenorchester vorgestossen ist (SK 23, 3. September). Mit einem Werk des Letten Pē teris Vasks, dem Cellokonzert des Engländers Edward Elgar und der dritten Sinfonie des Russen Sergej Rachmaninow führt sie mehrere Traditionslinien zusammen. BILD PD

«Frauen kommen jetzt in einer Zeit zu den grossen Orchestern, wo auch diese sich gewandelt haben, parti-

Im Zug der Globalisierung stellt sich bei Weltmusik-

zipativer funktionieren und kein imperatives Chefge-

Gruppen ganz direkt die Frage nach ihrer Identität.

baren erwarten», zog Intendant Michael Haefl iger vor

Das Strassenmusikfestival präsentiert zum Festival-

einem Jahr zum Thema «Primadonna» Bilanz. Das liest

motto einerseits Gruppen, die sich auf traditionelle

sich mit Blick auf diesen Sommer wie ein Statement

Gesänge und Tänze aus ihrer Heimat zurückbesinnen, wie die Gruppe Alzaymir aus der Türkei,

zur Identität moderner Orchester.

Unavantaluna aus Sizilien und die Schänner www.lucernefestival.ch

Blech-Füfermusig aus der Schweiz. Sie ergänzt 100 Jahre alte Ländlermusik statt wie damals mit deutschen Schlagern mit Jazz und Balkan-Folk.

Frau an der Spitze in Birmingham: Mirga Gražinyte-Tyla kehrt als Chefdirigentin zurück.

Andere Gruppen zeigen, wie aus Fusionen neue Identitäten entstehen können. Die Gruppe Ssassa

BILD Peter Fischli, Lucerne Festival

verbindet Balkan- und Roma-Musik mit westeuropäischer Lebenskultur, Anewal aus dem Niger verwebt traditionelle afrikanische Musik mit heutigen Klängen zum Wüsten-Blues. Ein französischer Cellist, ein japanischer Sitarspieler und ein chinesischer Kniegeiger fi nden in Wooonta zu einer «vielsaitigen» Identität zusammen. Die leidenschaftliche Stimme der madagassischen Sängerin Talike Gelle (Bild) steht dagegen für eine Authentizität jenseits aller Stilfragen. Alle acht Musikgruppen präsentieren sich im Eröff nungskonzert vor dem KKL (22. August, 17.00), bringen bis zum 27. August allabendlich Plätze und Gassen der Luzerner Altstadt zum Klingen und spielen ab 22.00 Uhr im Sentitreff auf.

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Academy Katharina Thalmann

 FAHRENDE GESELLEN

DER NEUEN MUSIK Die Lucerne Festival Academy praktiziert die Globalisierung musikalisch. Unter dem Dirigenten und Komponisten Matthias Pintscher schaffen rund 120 Musiker nicht nur eine eigene Orchesteridentität. Ihr weltweites Netzwerk strahlt ins ganze Festival aus.

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Lucerne Festival SOMMER 2017

ENSEMBLES DER LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Identitäten 4 Dirigent: Heinz Holliger, Sopran: Natalia Zagorinskaya, Bariton: Ivan Ludlow, Bernd Alois Zimmermann (Kontraste), Kurtág («Die Botschaften des verstorbenen Fräuleins R. V. Troussova»), Holliger («Lunea», nach Nikolaus Lenau) 26. August, KKL, Luzerner Saal

«Principal Conductor» der Lucerne Festival Academy: Matt hias Pintscher. BILDER Stefan Deuber, Lucerne Festival

Das Festivalthema «Identität» könnte sich kaum besser manifestieren als in der Lucerne Festival Academy: Über hundert junge Musiker aus der ganzen Welt kommen nach Luzern, um ihre Spezialisierung im Bereich der neuen Musik zu perfektionieren. Seit der ersten Ausgabe der Academy 2003 hat sich ein den ganzen Globus umspannendes Netzwerk aus Alumni entwickelt, das über 1000 Mitglieder zählt. Der Komponist Wolfgang Rihm und der Dirigent und Komponist Matthias Pintscher teilen sich seit Gründervater Pierre Bou-

LATE NIGHT Dirigent: Matthias Pintscher, Violine: Patricia Kopatchinskaja, Klavier: David Kadouch, Klarinette: Martin Adámek, Ligeti: Klavierkonzert, van der Aa: «Hysteresis» 26. August, 22.00, KKL, Luzerner Saal WEITERE KONZERTE VON ENSEMBLES DER ACADEMY UND IHRER ALUMNI Auf den Seiten 27, 32 und 49

lez’ Tod die Leitung der Academy. Auch Matthias Pintscher repräsentiert das Thema Identität: Er stammt aus Deutschland und lebt inzwischen in New York und Paris. Dort ist er Chefdirigent des

Festival Alumni. «Ein gutes Konzertprogramm ist auch

ebenfalls von Boulez gegründeten Ensemble intercon-

eine Komposition.» Pintscher sucht nach neuen Identi-

temporain, was er als glückliche Fügung bezeichnet.

täten für das zeitgenössische Konzerterlebnis. «Wieso

«Meine deutsche Identität habe ich als Teenager abge-

sollten sich die Leute heute für ein Abonnement ver-

legt – Paris wurde zu meiner gewählten Heimat.» Und

pfl ichten? Unser Leben ist so komplex geworden; die

in New York begegne man sich mit offenem Herzen:

Leute reagieren spontan auf Angebote.» Solche Kon-

«Wir sind hier alle Immigranten, we make it work, und

zertkompositionen werden auch in Luzern zu erleben

das mag ich.» Einige seiner Kompositionen tragen heb-

sein. Im Sinfoniekonzert 21 am 2. September etwa, wo

räische Titel. «Ich bin nicht religiös, aber sehr spiri-

Pintscher Béla Bartók mit zwei Urauff ührungen der

tuell. Und ich bin Jude; die hebräische Sprache ist eine

Roche Young Commissions kombiniert.

meiner stärksten Inspirationsquellen.» Die Tätigkeiten als Komponist und als Dirigent sind für Pintscher kom-

Der Oboist Philippe Grauvogel ist Mitglied des Ensem-

plementär: «Dem Interpreten soll es möglich sein, den

ble intercontemporain und ebenfalls eng mit der Aca-

Klang und die eigene Identität im Material zu fi nden.

demy verbunden. Jedes Jahr kommen er und seine

Ich will die Individualität des Interpreten aktiv einla-

Kollegen nach Luzern, um die jungen Musiker der Aca-

den.»

demy zu coachen: «Mit Pintscher kreieren wir Konzertformate, entwickeln neue Formen von Performance.

KONZERTE KOMPONIEREN

Das war auch immer Boulez’ Wille: Als 2013 das Festi-

Als Residenzkomponist in der Elbphilharmonie kura-

val-Thema Revolution war, hat er uns daran erinnert,

tierte er ein Konzert, das aus Vorglühen, Showtime

dass per Defi nition jede schöpferische Aktivität auch

und Afterparty bestand. Gespielt wurde es von Lucerne

ein Umstürzen von Codes in sich trägt.»

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ORCHESTER DER LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Meisterkurs Dirigieren, Leitung Heinz Holliger (bis 17. August) Matthias Pintscher; Werke von Bartók, Koechlin, Debussy und Ligeti 15., 17. August, 20.00, Südpol; 21. (20.00), 23. (10.00), 30. (12.45), 31. August (20.30), KKL, Luzerner Saal 40MIN «Affentanz für Orchester: Die erste Dschungelbuch-Vertonung», Leitung: Heinz Holliger 18. August, 18.20 SINFONIEKONZERT 9 Leitung: Heinz Holliger, Violine: Patricia Kopatchinskaja (Debussy; Koechlin, Holliger: Violinkonzert «Hommage à Louis Soutter») 20. August, 10.30, KKL, Konzertsaal

EINE WELTWEIT VERNETZTE FAMILIE

entstanden, ein kollektiver Bogen.» Ist es also die ge-

Besteht bei so viel zeitgenössischem Tatendrang nicht

meinsame Passion, die innert kürzester Zeit eine ge-

die Gefahr, dass Beliebigkeit in die modernen Konzert-

meinsame Identität schafft? Oder ist es gerade die He-

säle Einzug hält? Pintscher verneint: «Wir wollen – bei-

terogenität, die im Orchester Einheit stiftet?

spielsweise in Luzern – eine Familie kreieren, die den Geist der Akademie in die Welt trägt. In den spannen-

«Der internationale Austausch ist für die Academy-

den Identitäten der jungen Menschen aus der ganzen

zentral. Diese Art von musikalischer Globalisierung

Welt suchen wir unsere Kontinuität.» Das Angebot der

kommt uns allen zugute, weil wir uns so andere Kultu-

Luzerner Akademie ist weltweit einzigartig. «Alle kom-

ren erschliessen. Neugierde und Offenheit des Geistes

men mit dem Anspruch nach Luzern, das Repertoire

werden hier zu Edukationsprinzipien», so Grauvogel.

mit grösster Passion und Qualifikation zu transportie-

Diese Erfahrung macht Pintscher auch persönlich: «Ich

ren. Es sind nicht Leute, die ihren Horizont erweitern,

bin das halbe Jahr unterwegs. Ein fahrender Geselle zu

im Gegenteil: Diese Musiker sind längst schon ‹en rou-

sein, prägt das Selbstverständnis einer Offenheit. Ich

te›», so Pintscher.

verstehe meine ständige Bewegung zwischen Städten, Kulturen und Sprachen als Ausgangsposition, um mei-

Aber wie geht ein Dirigent vor, wenn es gilt, so viele

ne Kreativität ständig zu hinterfragen.»

glühende Geister zum orchestralen Klangkörper zu verbinden? Pintscher erinnert sich an das Gedenkkon-

GETEILTE ROLLEN

zert für Pierre Boulez im März 2016: «Wir hatten nur

Stammten in den bisherigen Academy-Ausgaben die

zwei Probetage für das extrem umfangreiche Pro-

Coaches stets aus den Reihen des Ensemble intercon-

gramm. Und es ist ein Wunder einer Gemeinsamkeit

temporain, fungieren dieses Jahr zum ersten Mal auch

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Lucerne Festival SOMMER 2017

«Wir haben alle unterschiedliche musikalische Backgrounds. Diese Vielfalt an Perspektiven ist für die Musiker anregend.» Auch Pintscher teilt diesen Sommer sein Amt als Principal Conductor – mit Heinz Holliger. Gemeinsam werden sie am Meisterkurs Dirigieren unterrichten. Grauvogel ist gespannt: «Das erlaubt den Teilnehmern eine Annäherung an starke Persönlichkeiten, die unterschiedliche Visionen des Arbeitens und der Interpretation haben.» Hier der Langenthaler Holliger, dort der fahrende Geselle Pintscher – Holliger ist es auch, der grosse Teile des Meisterkurs-Repertoires am 20. August im Sinfoniekonzert 9 dirigieren wird: Neben Bernd Alois Zimmermann und Charles Koechlin dirigiert er sein eigenes Violinkonzert «Hommage a Louis Soutter». Solistin ist «Artiste étoile» Patricia Kopatchinskaja. VERLETZLICHES REPERTOIRE «Es werden sich wieder so viele verschiedene Horizonte treffen und dieses schillernde, innovative Universum entstehen lassen, das den Erfolg der Academy ausmacht», glaubt Grauvogel. Und Otto freut sich darauf, «grossartige Musik von begeisterten jungen Musikern zu hören». Musiker aus anderen Formationen als Coaches. Einer von ihnen ist Christopher Otto, erster Geiger des JACK

Zwei Academy-Konzerte sind sinnigerweise Teil der

Quartet. In den Jahren 2004 bis 2006 war er selbst als

Festival-Reihe «Identitäten». Denn Pintscher meint:

Teilnehmer der Academy im Luzern: «Das waren ent-

«Unser Repertoire ist Musik, die auf dem Weg ist, die

scheidende und prägende Er-

noch nicht so angekommen

fahrungen. Es ist mir eine

ist wie das klassische Reper-

grosse Ehre, jetzt als Coach zurückzukehren. Für mich ist es extrem inspirierend, mit den Studenten zu arbeiten.» Während zweier Wochen wird Otto dieses Jahr die Akademisten begleiten.

MATTHIAS PINTSCHER «Die Akademisten sind nicht Leute, die ihren Horizont erweitern, im Gegenteil: Diese Musiker sind längst schon ‹en route›.»

40MIN Musikalisches Welttheater: Friedrich Cerhas «Spiegel», Leitung: Matthias Pintscher 24. August, 18.20, KKL, Luzerner Saal SINFONIEKONZERT 16 Leitung: Matthias Pintscher; Friedrich Cerha: «Spiegel I–VII», Schweizer Erstauff ührung 28. August, 19.30, KKL, Konzertsaal 40MIN «Tanzender Doppelgänger: Bartóks holzgeschnitzter Prinz», Leitung: Matthias Pintscher 31. August, 18.20, KKL, Luzerner Saal SINFONIEKONZERT 21 Dirigent: Matthias Pintscher; Violoncello: Jay Campbell; Lisa Streich («Segel», Auftragswerk Roche Young Commissions), Matthew Kaner («Encounters», Auftragswerk Roche Young Commissions), Luca Francesconi (Ciaccona für Violoncello und Orchester), Bartók («Der holzgeschnitzte Prinz») 2. September, 14.30 KKL, Konzertsaal

toire. Diese Verletzlichkeit, aber auch das Potenzial an Kreativität sind etwas, was Persönlichkeiten

struktu-

riert.» Besonders triff t das wohl auf das «Identitäten 5»Konzert am 26. August zu. Dieses ist eine Werkschau der

Ist das ein Konzept, um

vielversprechenden Kompo-

einer drohenden Routine in

nisten aus Wolfgang Rihms

den Academy-Saisons entgegenzuwirken? Philippe

«Composer Seminar», das vom 14. bis 27. August statt-

Grauvogel verneint: «Jede Saison setzten wir uns mit

fi ndet. Pintscher freut sich: «Die Identifi kation der

anderen Komponisten und ihren Werken auseinander

Musiker ist derart präsent, dass jedes Publikum davon

– das bewahrt uns vor jeglicher Gewohnheit.» Und

mitgerissen wird.»

Otto glaubt, dass sich die Coaches ergänzen werden: www.lucernefestival.ch

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Composer in residence Urs Mattenberger

DIGITALES SPIEL

MITDERIDENTITÄT Michel van der Aa vervielfältigt Identitätsfragen, indem er Musik mit Elektronik und Film verbindet. Aber die Trauer einer Mutter um ihren toten Sohn ist ihm wichtiger als alle Technik. «Bevor ich ein Stück zu schreiben beginne», sagte der

gar nicht vor: «Ich defi niere nicht als Erstes das techni-

holländische Komponist Michel van der Aa einmal,

sche Equipment. Zuerst geht es um Form und Inhalt.»

«will ich in einem Satz sagen können, worum es darin

Das gilt auch für die multimediale Kammeroper «Blank

geht.» Als wir mit dem jungenhaft wirkenden 47-Jähri-

Out»: Die Sopranistin Miah Persson agiert auf der Büh-

gen die Probe aufs Exempel machen, winkt er zwar ab:

ne zwar vor einem 3D-Film, der vorproduziertes Mate-

«Das geht auf einen Kompositionsworkshop zurück, wo

rial mit live aufgenommenen Videosequenzen ver-

wir jeden Tag ein Stück schreiben und auch sprachlich

schmilzt. Aber van der Aa hebt anderes in den

auf den Punkt bringen mussten.» Aber der diesjährige

Vordergrund: «Das Werk handelt von der traumatischen

Composer in residence schaff t das bei den Werken auf

Erfahrung des gegenseitigen Verlusts in einer Mutter-

Anhieb, die jetzt am Festival zur Auff ührung kommen.

Sohn-Beziehung.»

Da sind die beiden Werke des Musiktheaters, das van

DIGITALE ALTER EGOS

der Aa – laut Programmheft – mit «innovativen digita-

Auch im Musiktheater «The Book of Disquiet» ist die fil-

len Technologien ins 21. Jahrhundert» führt. In dem

mische Vervielfältigung der Bühnenrealität nicht Selbst-

jeweils nur einen Satz des Komponisten kommen Stich-

zweck. Sie führt die Aufspaltung der schriftstellerischen

worte wie Multimedia, Elektronik und 3D-Film aber

Identität, die Fernando Pessoa in den zu Grunde liegen-

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Multimediales Kind-Eltern-Drama «Blank Out»: Miah Persson als Mutter (auf der Bühne), Bariton Roderick Williams (im Film). BILDER Marco Borggreve

WERKE VON MICHEL VAN DER AA «THE BOOK OF DISQUIET» («DAS BUCH DER UNRUHE») Dirigent: Duncan Ward, Schauspieler: Walter Sigi Arnold, Ensemble der Lucerne Festival Alumni; Musiktheater für Schauspieler, Ensemble und Film nach Fernando Pessoa, Schweizer Erstaufführung 13. August, 11.00, Luzerner Theater «BLANK OUT» Sopran: Miah Persson, Regie: Michel van der Aa Kammeroper für Sopran und 3D-Film, Schweizer Erstaufführung 13. August, 16.00, KKL, Luzerner Saal «UP-CLOSE» Dirigent: Michel van der Aa, Violoncello: Jay Campbell, Ensemble der Lucerne Festival Alumni; Up-close für Violoncello, Streicher und Film. «40min»: 17. August, 18.20, KKL, Luzerner Saal

den Texten betreibt, in viele Alter Egos weiter: «Es geht

Cellopart der Artiste étoile Jay Campbell. Auch dieses

um einen Mann, der durchs Fenster das Leben draussen

Stück behandelt das Thema eines Alter Ego: «Die zwei

beobachtet und der als Beobachter selber gar nicht an die-

Menschen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen bewe-

sem Leben teilnimmt.»

gen und doch miteinander verbunden sind, kann man als Spie-

Bildstark wird das Thema Identität in «Up-Close» durch den Einbezug einer filmischen Ebene behandelt. Darin bedient eine ältere Frau in einem verlassenen Haus Geräte, die an Ra-

MICHEL VAN DER AA «Das Smartphone ist ein Fenster zur Welt, durch das wir sie betrachten können, ohne real beteiligt zu sein.»

gelungen ein und derselben Person auffassen.» «Um das Thema Identität geht es auch in ‹Hysteresis›, aber in einer abstrakteren Form», sagt der Komponist zum Konzert für Klari-

darstationen der Résistance im

nette, Ensemble und Tonspur.

Zweiten Weltkrieg erinnern. Vor

Der Klarinettenpart macht das

der Leinwand spielte bei der Uraufführung die Cellistin

Werk zwar zum virtuosen Solokonzert, aber die Elektro-

Sol Gabetta. Allerdings ist damit nicht eine Mutter-

nik konfrontiert den Solisten mit verfremdeten Klängen

Tochter-Beziehung gemeint – in Luzern übernimmt den

seiner selbst – quasi mit seinem digitalen Alter Ego.

«HYSTERESIS» für Klarinette, Ensemble und Tonspur Dirigent: Matthias Pintscher, Klarinette: Martin Adámek, Klavier: David Kadouch, Violine: Patricia Kopatchinskaja, Ensemble der Lucerne Festival Academy, Weitere Werke: Violinund Klavierkonzert von György Ligeti «Late Night»: 26. August, 22.00 KKL, Luzerner Saal PORTRAITKONZERT Dirigent: Michel van der Aa, Gregor A. Mayrhofer, Sopran: Daniela Argentino, Studierende der Musikhochschule Luzern. «40min»: 7. September, 18.20 KKL, Luzerner Saal

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Aufgewachsen ohne Playstation, aber mit dem Commodore 64: Michel van der Aa.

Composer in residence Urs Mattenberger

VOM THEATERPROSPEKT ZU MULTIMEDIA

Hassliebe», lacht er und verweist auf sein Natel, das auf

Ist diese Multimedia-Ästhetik typisch für die Playsta-

dem Tisch liegt: «Im Grunde ist auch ein Smartphone

tion-Generation, wie sie der belgische Komponist Ste-

ein Fenster zur Welt, durch das wir sie betrachten kön-

phan Prins nennt? «Nein, dafür bin ich zu alt, wenn

nen, ohne real beteiligt zu sein». Insofern handelt «The

schon gehöre ich zur Commodore-64-Generation»,

Book of Disquiet» ganz aktuell auch vom Verlust an

lacht van der Aa. Den Weg dahin fand er über das Thea-

zwischenmenschlichen Kontakten, zu dem digitale Er-

ter: «Schon als Kind wirkte ich in Opernprojekten mit,

satzwelten führen können. «Aber die digitale Technik

die meine Eltern mit Jugendlichen machten.» Da, und

ist in unserem Leben derart selbstverständlich und om-

insbesondere in den farbigen Bühnenprospekten ent-

nipräsent, dass es absolut künstlich wäre, sie als Kom-

deckte der kleine Michel «die Magie des Theaters».

ponist nicht mit einzubeziehen.» Also geht van der Aa noch einen Schritt weiter, indem er Soziale Medien und

Die Faszination für das Visuelle führte ihn nach dem

Technik für interaktive Kommunikation

Studium der Komposition an die New York Film Acade-

nutzt. Im Internet etwa können

my, wo van der Aa sich zum Filmemacher und Regisseur

User in van der Aas süffig musi-

ausbilden liess. Tatsächlich haben die Filme, die er in

kalisiertem

seine Werke integriert, nichts mit nervöser Playstation-

«TheBookofSand.net» zwischen

Ästhetik gemein, sondern sind raffi niert montierte, at-

verschiedenen Ebenen navigie-

mosphärisch dichte Filmkunst.

ren und so ihren eigenen Sand-

und

bebildertem

und Soundtrip inszenieren. Wie man sich diesen multimedialen Arbeitsprozess vorstellen muss, zeigt das Musiktheater «Blank Out». Die

Machen solche Formate zeitgenössi-

erste Werkidee entzündete sich an Texten der südafrika-

sche Musik zugänglicher und eines

nischen Autorin Ingrid Jonker, in denen eine Mutter

Tages Live-Konzerte gar überflüssig?

mitansieht, wie ihr Sohn ertrinkt. «Dazu komponierte

«Sicher nicht», widerspricht van

ich zunächst Musik, zum Teil sphärische Klänge, die die

der Aa. Er hoff t ohnehin, dass

Situation der Mutter atmosphärisch einfangen.» Später

seine Musik über ihre ver-

kam die Arbeit an der Filmebene hinzu: «Erst da entwi-

schiedenen Ebenen zu-

ckelte sich die Idee, dass der Sohn überlebt hat.»

gänglich ist. «Und die Live-Ambiance mitsamt

SÜFFIGE SOUND- UND SANDTRIPS

der Magie von Licht und

Das wirkte auf die Komposition zurück und veränderte

Raum kann kein Live-

die ganze Anlage: «Im ersten Teil trauert die Mutter um

Streaming ersetzen. Ein

ihren Sohn, den sie nicht retten konnte. Im zweiten Teil

Ensemble, bei dem je-

kehrt sich die Perspektive um: Jetzt ist die Mutter, die

der mit jedem kom-

beim Versuch, den Sohn zu retten, ertrunken ist, eine

muniziert, ist etwas

Konstruktion des Mannes.» Das Resultat ist ein Kind-

Fantastisches.»

Eltern-Drama, das verstörend offen lässt, wer in solchen Beziehungen fürsorglich für den anderen da ist – etwa

www.lucernefestival.ch

durch die Stimme des Baritons, der wie der Niederländische Kammerchor nur im Film präsent ist. Bezieht van der Aa digitale Technologien prominent mit ein, weil da noch handfest Fortschritt und Innovation möglich sind? «Mein Verhältnis dazu ist eine Art

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MUSEEN LADEN ZUM BESUCH 19. Mai bis 27. August 2017 Projekt Sammlung (3)

22. Mai bis 31. August 2017 wegen Umbau geschlossen

Christoph Rütimann Eine Einigelung unterwegs / Umbau Zug

Kunsthaus Zug Dorfstrasse 27, 6301 Zug | www.kunsthauszug.ch

2. September bis 5. November 2017 Michael Kienzer 18. November 2017 bis Februar 2018 Christa de Carouge

Öffnungszeiten des Museums Di-So 10 Uhr–18 Uhr (Juni bis Sept) Di-So 10 Uhr–17 Uhr (Okt bis Nov)

Sommercafé bei guter Witterung auf dem Vorplatz des Museums geöffnet

Richard Wagner Weg 27, 6005 Luzern www.richard-wagner-museum.ch

täglich zwischen 11 und 19 Uhr bis Ende September

DAS NEUE ZUHAUSE DER FUSSBALLGESCHICHTE SEESTRASSE 27, 8002 ZÜRICH, WWW.FIFAMUSEUM.COM

Lion Pass: Ein Ticket - drei Seherlebnisse

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Bourbaki Panorama Luzern bourbakipanorama.ch

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www.landesmuseum.ch

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DIE VIOLINE WIRD ZUM TENNIS Mit der «Young Performance» hat das Festival ein Erfolgsformat geschaffen, in dem Musik theatral «gespielt» wird. Musiker als Performer: Auch solchen Identitäts-Fragen geht die dritte Ausgabe mit dem äg yptischen Choreografen Maged Mohamed nach.

mit dem Choreografen Maged Mohamed für die Pro-

Es ist Anfang April, einer der ersten warmen Frühlings-

Maged Mohamed war Solotänzer an der Bayerischen

tage. Davon merkt man im abgedunkelten Saal des Süd-

Staatsoper. Seit 2008 ist er als Choreograf und Regis-

pol wenig: Da probt das Young-Performance-Ensemble

seur tätig. Die diesjährige Produktion entwickelt er ge-

duktion «NOMOZART», die sich mit dem Festivalthema Identität auseinandersetzt. Die sechs Musiker wurden aus Alumni der Lucerne Festival Academy gecastet – sie werden im Sommer aber nicht nur als Musiker auf der Bühne stehen, sondern auch als Performer.

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BILDER Peter Fischli, Lucerne Festival

Lucerne FestivalSOMMER

Young Katharina Thalmann

Musiker spielen meist sitzend ab Noten. Wie kann man sie zu Darstellern machen? Maged Mohamed: Das ist fßr mich eine neue Erfahrung, weil ich erstmals mit Musikern arbeite. Als Choreograf arbeite ich fast immer mit Tänzern. Auch fßr diese Musiker ist es das erste Mal, dass sie mit einem Choreografen arbeiten. Mein Background bleibt der Tanz: der KÜrper, die Geduld, das Oenlassen. Fßr die Musiker ist der Background die Partitur, die besagt: Hier machen wir das so, hier so. Aber hier sind alle Beteiligten kreativ, oen und neugierig. Die Identität des Stßcks kommt so ganz von den Musikern selbst, nicht von meiner Seite. In der Probe zeigten zwei Durchläufe zwei unterschiedliche Versionen des Stßcks: Die Improvisatio-

YOUNG PERFORMANCE KOSTPROBE ÂŤ40minÂť, 6. September, 18.20 KKL, Luzerner Saal AUFFĂœHRUNGEN 10. September, 11.00/15.00 KKL, Luzerner Saal

nen waren anders, die Bewegungen auch. Wie weit haben Sie diese Young Performance geplant? Mohamed: Ich habe nur thematische Ideen mitgebracht. Zu Beginn haben wir versucht, diese Ideen zu visualisieren. Und zwar ßber die KÜrpersprache: Was bedeutet Identität? Wie kÜnnen wir bestimmte Themen mit dem KÜrper zeigen? Welche Musik wßrden die Musiker zu diesem Thema gerne spielen? Bis jetzt war die ganze Entwicklung des Stßcks spontan, intuitiv. Manchmal ist das gefährlich. Wenn nach zwei Tagen spontanen Arbeitens nichts entstanden wäre, hätte ich ein kom-

NISRACKET

plettes Konzept inklusive Musik vorgelegt. Aber seit dem ersten Tag wusste ich: So wird es funktionieren. Als Choreograf treffen Sie immer wieder auf neue Formationen. Wie stien Sie in einer Gruppe, deren Mitglieder sich vorher nicht kannten, Identität? Mohamed: Die ersten Tage muss man sich kennen lernen – es ist alles mÜglich. In dieser Phase gibt es weder

meinsam mit den Musikern. Das tut er hochpräzis,

Richtig noch Falsch, wir sind alle gleich. Aber dann, als

aber manchmal auch streng. Nach der Probe sagt er:

die Musiker ihre Violinen zu Tennisrackets umfunktio-

ÂŤDa waren ein paar gute Momente, aber auch ein paar

nieren sollten, sagten sie: ÂŤOh nein, das geht nicht mit

richtig schlechte. Er sagt aber auch Sätze wie: Identi-

dem Instrument!Âť Jetzt wissen sie, dass es geht. Wenn

tät braucht Raum. Identität braucht Zeit. Eine Musike-

wir konservativ bleiben, entsteht keine Kreativität.

rin sagt: ÂŤMit meiner Harfe fĂźhle ich mich mehr wie

Nach dieser Phase muss ich meine Rolle als Choreograf

ich selbst. Mohamed lässt die Musiker aber die ersten

wahrnehmen und manchmal – wie gerade eben – etwas

Minuten ohne ihr Instrument auftreten. Er bringt sie

streng sein. Sonst kann nämlich auch keine Kreativität

dazu, zu improvisieren: mit ihrem KĂśrper, mit ihren

entstehen. Dieses Spannungsverhältnis gilt es auszu-

Instrumenten, mit ihren Stimmen.

halten.

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Young Katharina Thalmann

Sie waren Solist im Bayerischen Staatsballe , jetzt

an der Premiere, aber viel wichtiger ist mir der Vorgang,

sind Sie Choreograf. Was bedeutet das für Ihre per-

mich neu und besser kennen zu lernen. So zu arbeiten,

sönliche künstlerische Identität? Mohamed: Das ist

ist schwer. Du gibst viel von deiner Seele preis, und

schwer zu beantworten ... Ich den-

manchmal kriegst du nichts zurück.

ke, dass alle Künstler insofern ihre Richtet sich das Young-Perfor-

Identität haben wollen, als dass sie ihr Kunstwerk sehen und denken:

mance-Stück nur an Kinder? Mo-

Das gehört zu mir. Das bin ich.

hamed: Nein, das Stück ist für alle,

Man sieht beispielsweise Malereien

die wollen. Wir verwenden bunt

und weiss: Das ist Picasso. Das ist

gemischte Musik: Klassik, Jazz,

Van Gogh. Und das dauert ewig.

Tango, Improvisationen und vieles

Dazu gehört viel Erfahrung. Meine

mehr. Oft akzeptieren Kinder eine

Identität besteht also im Moment aus diesem Ziel: Meine Arbeit soll unverkennbar werden. Ich schätze, wenn es mit meiner Arbeit so weitergeht, dauert das noch zehn, zwanzig Jahre.

Produktion, die «contemporary»

MAGENMOHAMED «Du gibst viel von deiner Seele preis, und manchmal kriegst du nichts zurück.»

anmutet, viel unvoreingenommener als Erwachsene. Spass, neue Musik, und vielleicht ein neuer Eindruck: Das Publikum wird sehen, dass diese Musiker bewegliche Performer sind. Ich versuche,

Wie wollen Sie dieses Ziel, dieses

mit den Instrumenten neue Situa-

Gefühl erreichen? Mohamed: Indem ich als Choreograf

tionen zu kreieren: Wie kann man mit einem Bass spie-

versuche, menschlich zu arbeiten. Nicht nur mit dem

len oder mit einer Harfe? So entstehen ganz neue, wun-

Körper, sondern auch mit der Seele. Meine Identität ist

derschöne Bilder.

der Prozess. Natürlich sieht das Publikum das Stück erst www.lucernefestival.ch

DASKINDERPUBLIKUMHILFTMIT

Die Idee, das Spielen der Instrumente für

Hits selber hitverdächtig (ab 7 Jahren,

Kinderpublikum (Premiere: 19. August,

theatrales Spiel zu nutzen, liegt nicht nur

2. September, 11/15/17 Uhr, Südpol). Hit-

Vorstellungen bis 1. Oktober, Pavillon Trib-

der Young Performance zugrunde. In den

verdächtig ist ebenfalls das Figurentheater

schenhorn). Dass selbst Artiste étoile Patri-

übrigen Young-Produktionen taucht sie am

Petruschka, dessen Vorstellungen auch

cia Kopatchinskaja ein Sitzkissenkonzert

prominentesten im Familienkonzert «Die

wegen der Sandmalereien von Marianne

gibt, ist kein Zufall, denn im spontanen

Verblecherbande» auf. Die Musiker des

Hofer immer ausverkauft sind. Im Stück

Spiel der Geigerin steckt ein geradezu kind-

Sonus Brass Ensembles spielen Musik von

«Die Zaubermuschel» fragen sich drei Mu-

licher Spieltrieb. «Das kleine Irgendwas»

Bach über Bernstein bis Nino Rota und

siker (Flöte: Sofia Burgener, Violoncello:

versammelt Miniaturen vom barocken Gei-

sind die Akteure in einer turbulenten Ko-

Jodok Vuille, Klavier: Stefanie Burgener)

genvirtuosen Heinrich Ignaz Franz Biber,

mödie, in der es darum geht, eine Bank aus-

mit den Erzählerinnen (Figurenspiel: Mari-

der einen ganzen Zoo in Klänge setzte,

zurauben, um sich das Geld für zugkräftige

anne Hofer und Regula auf der Maur), mit

bis zu einem Stück von Heinz Holliger

Hits zu beschaffen. Und weil dafür zuerst

welchen Geschichten man Kinder begeis-

für eine singende Geigerin (mit Anthony

ein musikalischer Code geknackt werden

tern kann, die kaum noch Musse für Träu-

Ramaniuk, Cembalo; 9. September, 11/15

muss, wird das Träumen von den grossen

me haben. Bei der Suche danach hilft das

Uhr, KKL, Terrassensaal).

mat

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ÂŤSoziale Medien Lucerne FestivalSOMMER erleichtern heute Kontakte zwischen Israeli und ArabernÂť: Miriam Manasherov, Israelin mit georgischen Wurzeln. BILD Meirav Kadichevski

EINORCHESTER WIEEINEGROSSEFAMILIE

Im West-Eastern Divan Orchestra versammelt Daniel Barenboim arabische und israelische Musiker zu einem berĂźhmten VĂślkerverständigungsprojekt. Eine Israelin und ein Ă–sterreicher mit iranischen Wurzeln sagen, wie sie trotz heftiger Diskussionen zu einer grossen Familie zusammenfinden. MIRIAMMANASHEROV BRATSCHE*

aufgewachsen. Wichtig sind fĂźr mich aber

merken, dass der Funke Ăźberspringt, wenn

auch meine georgischen Wurzeln. Meine

die Leute die StĂźcke live, hautnah erleben

Eltern sind in den 1970er-Jahren aus Geor-

kĂśnnen, ist ein grossartiges GefĂźhl. Aus

gien nach Israel ausgewandert. Die georgi-

diesem Grund mache ich auch gerne bei

sche Sprache, das Essen, die Gastfreund-

Vermittlungsprojekten fĂźr Kinder mit.

schaft: Ich bin mit all dem gross geworden. Auch wenn ich nicht den georgischen Pass

Sie spielten in der Armee und dann im Di-

besitze und das Land leider noch nie bereist

van-Orchestra, einem Friedensprojekt –

habe, so ist die Kultur doch ein bedeuten-

wie passt das zusammen? Manasherov:

der Teil meiner Identität.

FĂźr mich war es wichtig, dem Land, in dem ich glĂźcklich aufgewachsen bin, et-

Sie haben in Israel Militärdienst geleistet.

was zurßckzugeben, meine P icht zu er-

Was genau haben Sie gemacht? Manashe-

fĂźllen. Das bedeutet aber nicht, dass ich

Miriam Manasherov, Sie sind israelische

rov: Ich habe Bratsche in einem Streich-

mir nicht eine andere, friedlichere Zu-

StaatsbĂźrgerin. Identifizieren Sie sich

quartett gespielt. Wir gaben Konzerte vor

kunft fĂźr Israel wĂźnsche. In dem Sinne

noch mit anderen Ländern? Miriam Ma-

Soldaten und versuchten zu erklären, wor-

empďŹ nde ich es auch nicht als Wider-

nasherov: Ich verstehe mich in erster Linie

um es in der Musik geht. Es gibt ja so viele

spruch, mich in einem Friedensprojekt zu

als Israelin, denn ich bin hier geboren und

Vorurteile gegenĂźber klassischer Musik. Zu

engagieren.

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West-Eastern Divan Orchestra Simon Bordier

Wann sind Sie dem Divan Orchestra bei-

te ist das etwas anders: Dank sozialer Me-

lich bleiben wir von dem, was politisch ge-

getreten? Was war Ihre Motivation? Ma-

dien wie Facebook oder Twitter ist der Aus-

schieht, nicht unbeeindruckt. Ich kann

nasherov: Ich war bereits bei der Gründung

tausch einfacher. Ich habe die Begegnungen

mich aber an keinen Fall erinnern, in dem

1999 dabei. Damals ahnte wohl noch nie-

niemals als befremdlich oder gar feindlich

eine Debatte eskaliert wäre. Ich glaube, wir

mand, dass das Projekt zu einer Institution

erlebt. Im Gegenteil: Ich war überrascht, zu

alle fühlen uns als eine grosse Familie. Bei

mit weltweiter Ausstrahlung werden würde.

merken, wie ähnlich die Mentalität in vielen

allen Differenzen versucht jeder, Sorge zur

Ich war 18 und empfand es als einmalige

Bereichen ist. Wir alle sind uns ja ein medi-

Familie zu tragen.

Chance, unter der Leitung von Maestro Ba-

terranes Leben gewohnt, das stark durch die

renboim spielen zu dürfen.

Familie geprägt ist. Unterschiede stelle ich

Sie spielen diesen Sommer in Luzern in

eher zu Europa fest, wo die Familie viel-

«Don Quixote» von Strauss die Solo-Brat-

Wie gut funktioniert das Zusammenleben

leicht etwas weniger wichtig ist und die Leu-

sche. Was gefällt Ihnen an dem Werk? Ma-

im Orchester? Manasherov: Für mich war es

te weniger offen aufeinander zugehen.

nasherov: Es ist nicht nur für das Publikum

damals etwas ganz Spezielles, auf Musiker

ein lustiges Stück, sondern es macht zum

aus Jordanien, Libanon und Syrien zu tref-

Was sind die schwierigsten Momente im

Spielen grossen Spass: Strauss hat die Gabe,

fen. Als Israeli kam man sonst kaum je mit

Orchester? Manasherov: Es gibt hin und

superklar zu komponieren, Geschichten zu

Leuten aus diesen Ländern in Kontakt. Heu-

wieder heftige Diskussionen. Denn natür-

erzählen. Das ist wie Filme schauen.

Kian Soltani, Sie sind österreichischer

Sie spielen in Konzerten auch persische Mu-

Sie spielen aber auch traditionelle persi-

Staatsbürger. Identifizieren Sie sich noch

sik und Eigenkompositionen. Was genau

sche Musik? Soltani: Ja. Das hat aber nicht

mit anderen Ländern? Kian Soltani: Ich

suchen Sie in dieser Musik, was Sie im klas-

unbedingt mit dem Cello zu tun, sondern

würde mich als Österreicher mit iranischen

sisch-romantischen

Reper-

ich spiele dann meist auf

Wurzeln beschreiben. Meine Eltern sind aus

toire vielleicht nicht finden?

einem Volksinstrument. Ich

dem Iran nach Österreich ausgewandert, um

Soltani: Wenn ich persische

hier zu studieren. Wegen der zunehmend

Musik spiele, dann sind dies

schwierigen politischen Lage in dem Land

in der Regel zeitgenössische

sind sie dann nicht mehr zurückgekehrt.

Werke. Sprich: Stücke von

KIANSOLTANI CELLO*

Komponisten aus dem Iran, Fühlen Sie sich eher als Österreicher

welche zum Teil die westli-

KIANSOLTANI «Auch als Solist bin ich Teil des Orchesters: Ich teile die Friedensbotschaft und schätze das Zusammengehörigkeitsgefühl.»

musiziere gerne mit meinem Vater in den eigenen vier Wänden. Das ist für mich etwas völlig anderes, als mit dem Cello öffentlich aufzutreten.

oder als Iraner? Soltani: Natürlich verstehe

che

ich mich als Österreicher. Ich besitze den

nommen haben. Ein Beispiel

österreichischen, aber nicht den iranischen

ist der Komponist Reza Vali.

Pass. Auch kulturell bin ich als klassischer

Ich bin also nicht auf der Su-

Musiker stark durch Österreich geprägt. Ich

che nach etwas Bestimmtem,

fühle mich aber auch sehr dem Iran ver-

was mir die klassische Musik nicht gibt, son-

ni: Ich bin ja eigentlich ausschliesslich als

bunden. Zu Hause sprechen wir Persisch, es

dern ich möchte einfach das Cellorepertoire

Solist und Kammermusiker tätig. Dann kam

ist meine Muttersprache. Die persische Kul-

erweitern und die Aufmerksamkeit auf neue

aber die Anfrage, ob ich im Sommer 2013

tur interessiert mich sehr.

Komponisten lenken.

die Stelle des Solocellisten im Orchester für

Musiksprache

aufge-

Wann haben Sie zum ersten Mal im West-Eastern Divan Orchestra gespielt? Was war Ihre Motivation? Solta-

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Lucerne FestivalSOMMER

WEST-EASTERN DIVANORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: Daniel Barenboim, Klavier: Martha Argerich, Trompete: Bassam Mussad Ravel, Schostakowitsch, Berg 16. August, 19.30, KKL, Konzertsaal SINFONIEKONZERT Dirigent: Daniel Barenboim, Violoncello: Kian Soltani, Viola: Miriam Manasherov, Strauss (ÂŤDon QuixoteÂť), Tschaikowsky (Sinfonie Nr. 5) 17. August, 19.30, KKL, Konzertsaal INTERVAL Mitglieder des West-Eastern Divan Orchestra 17. August, 22.00, KKL, Foyer, Eintritt frei

Identität mit Üsterreichischem Pass und persischen Wurzeln: Cellist Kian Soltani. BILD Juventino Mateo

Richard Strauss. Was gefällt Ihnen daran?

ein Projekt Ăźbernehmen wolle. Ich hatte

ters: Ich teile die Friedensbotschaft und

schon viel von dem Orchester gehĂśrt, die

schätze das ZusammengehÜrigkeitsgefßhl.

Soltani: Die unheimliche Vielseitigkeit. Es

Idee dahinter geďŹ el mir sehr, und ich wollte

Ich fĂźhle mich als Teil einer grossen Fami-

gibt die ritterlichen, noblen Seiten des

sie unterstĂźtzen. Zudem war es eine einma-

lie. Meine Rolle als Solist ist vielleicht inso-

ÂŤDon QuixoteÂť, aber auch quirlig-lustige

lige Gelegenheit, mit Daniel Barenboim zu

fern speziell, als ich mit einer gewissen in-

Momente und dann eine ziemlich verrĂźck-

spielen. Das Projekt hat mir dann so gut ge-

neren Ăœberzeugung auf die BĂźhne treten

te Variation, in der der Ritter wirres Zeug

fallen, dass ich geblieben bin und nun min-

muss, mich nicht zu sehr zurĂźcknehmen

redet und am Schluss selbst nicht mehr

destens ein Projekt im Jahr mitmache.

darf. Wobei in dem StĂźck, das wir diesen

weiss, was er sagen wollte. In der 5. Varia-

Sommer spielen werden, das Orchester

tion zeigt er sich tiefgrĂźndig, nachdenk-

mindestens so wichtig ist wie der Solist.

lich. Der Don Quixote lässt sich schlicht

Dabei bewältigen Sie auch Soloaurie mit dem Divan Orchestra. Fßhlen Sie sich

nicht auf eine Eigenschaft festlegen: Kaum

Ăźberhaupt als Teil des Orchesters oder

Sie sind gemeinsam mit der Bratschistin

glaubt man ihn zu kennen, kommt die

eher als solistischer Ăœberflieger? Soltani:

Miriam Manasherov Solist in der Sinfo-

nächste Wendung.

(lacht.) NatĂźrlich bin ich Teil des Orches-

nischen Dichtung ÂŤDon QuixoteÂť von www.lucernefestival.ch

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AGENDA FESTIVALTHEMA

«IDENTITÄT» Das Festival-Thema «Identität» kommt vielfältig zur Sprache: Im Themengottesdienst in der Matthäuskirche (3. September), im NZZ-Podium (3. September) und in der traditionellen Vortragsreihe, die es von biblischen Zeiten bis zur Spätromantik beleuchtet. SAMSTAGAUGUST

SUSANNESTÄHR «Richard Strauss – Musik als Spiel und Spiegel» Luzern, KKL, Auditorium, 17.00, Eintritt frei SAMSTAGAUGUST

ALOISKOCH «Protest und Identität. Martin Luther und die Musik» Luzern, KKL, Auditorium, 17.00, Eintritt frei SAMSTAGSEPTEMBER

HANSRUEDIKLEIBER «Biblische Gestalten – auf der Suche nach der Identität» Luzern, KKL, Auditorium, 17.00, Eintritt frei FREITAGAUGUST

LUCERNEFESTIVALORCHESTRA ERÖFFNUNGSKONZERT Dirigent: Riccardo Chailly, Strauss (Also sprach Zarathustra op. 30, Tod und Verklärung op. 24, Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28) Eröff nungsrede: Iso Camartin, musikalisch gerahmt von Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Jay Campbell (Violoncello) Luzern, KKL, Konzertsaal und Live-Übertragung auf dem Inseli, 18.30

MIAHPERSSONSOPRAN MUSIKTHEATER Regie: Michel van der Aa, (Blank Out, Kammeroper für Sopran und 3D-Film, Schweizer Erstauff ührung) Luzern, KKL, Luzerner Saal, 16.00

CHAMBERORCHESTRAOFEUROPE SINFONIEKONZERT Dirigent: Bernard Haitink, Sopran: Anna Lucia Richter, Bariton: Christian Gerhaher, Mozart (Sinfonie C-Dur KV 425 Linzer), Mahler (Ausgewählte Lieder aus Des Knaben Wunderhorn) Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30; Einführung im Auditorium 17.30 MONTAGAUGUST

ENSEMBLEDER LUCERNEFESTIVALALUMNI COMPOSERSEMINAR Leitung: Wolfgang Rihm, Dirigenten: Teilnehmer des Conducting Fellowship, Teilnehmer des Composer Seminar Luzern, KKL, jeweils 10.00 und 12.00 Weitere Termine: 15. bis 19. August, jeweils 10.00 und 12.00

FESTIVALSTRINGSLUCERNE SINFONIEKONZERT Violine und Musikalische Leitung: Daniel Dodds, Flöte: Sir James Galway Mozart (Sinfonie A-Dur KV 201 (186a), Flötenkonzert D-Dur KV 314 (172k/185d)) Sibelius (Suite aus Pelléas et Mélisande op. 46) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30

DIENSTAGAUGUST

CHAMBERORCHESTRAOFEUROPE SINFONIEKONZERT Dirigent: Bernard Haitink, Bariton: Christian Gerhaher Mozart (Sinfonie D-Dur KV 385 Haff ner, Sinfonie D-Dur KV 504 Prager) Mahler (Rückert-Lieder) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30

ORCHESTERDER LUCERNEFESTIVALACADEMY MEISTERKURSDIRIGIEREN Dirigent: Heinz Holliger, Teilnehmer des Meisterkurses Dirigieren, Debussy (Khamma), Koechlin (Les Bandar-log [Scherzo de singes] op. 176) Luzern, Südpol, 19.00 (Theorie), 20.00 Weitere Termine: Donnerstag, 17. August, Luzern, Südpol, 19.00 (Theorie), 20.00 MITTWOCHAUGUST

WEST-EASTERNDIVANORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: Daniel Barenboim, Klavier: Martha Argerich, Trompete: Bassam Mussad, Ravel (Ma mère l’oye. Suite für Orchester, Le Tombeau de Couperin) Schostakowitsch (Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester c-Moll op. 35) Berg (Drei Orchesterstücke op. 6) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30, Einführung im Auditorium 18.30

Tri mit dem Divan-Orchester und dem Royal Philharmonic zweimal als Solistin auf: Martha Argerich. BILD Adriano Heitman

SAMSTAGAUGUST

LUCERNEFESTIVALORCHESTRA siehe 11. August Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30 SONNTAGAUGUST

ENSEMBLEDER LUCERNEFESTIVALALUMNI MUSIKTHEATER Dirigent: Duncan Ward, Schauspieler: Walter Sigi Arnold, Michel van der Aa (The Book of Disquiet, Musiktheater für Schauspieler, Ensemble und Film nach Fernando Pessoa, Schweizer Erstauff ührung) Luzern, Luzerner Theater, 11.00 PIÙ 52

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Prominentes DĂŠbut: Tenor-Superstar Juan Diego FlĂłrez singt Mozart, Rossini, Puccini und Verdi.

Agenda

Lucerne FestivalSOMMER

BILD Kristin Hoebermann

DONNERSTAGAUGUST

VALENTINEMICHAUD SAXOFONPREISTRÄGERINPRIX CREDITSUISSEJEUNESSOLISTES DEBUT Klavier: Akvilė Šileikaitė , Denissow (Sonate fßr Altsaxofon und Klavier), Hindemith (Sonate fßr Viola und Klavier op. 11 Nr. 4, transkribiert fßr Saxofon und Klavier), Schulho (Hot-Sonate fßr Altsaxofon und Klavier) Albright (Sonate fßr Altsaxofon und Klavier) Luzern, Lukaskirche, 12.15

WEST-EASTERNDIVANORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: Daniel Barenboim, Violoncello: Kian Soltani, Viola: Miriam Manasherov Strauss (Don Quixote op. 35) Tschaikowsky (Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 FREITAGAUGUST

LUCERNEFESTIVALORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: Riccardo Chailly, Mendelssohn (OuvertĂźre und AuszĂźge aus der BĂźhnenmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum op. 21 und 61), Tschaikowsky (Manfred-Sinfonie h-Moll op. 58) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 SAMSTAGAUGUST

sCHpillit IDENTITÄTEN Leitung Geisterchor: Peter Siegwart, Sprecher: Dani Mangisch, Gesang: Silvia Nopper, Geisterchor, Holliger (Fßnf Kinderlieder, Alb-Chehr, Gränzä – Grenzen), Winkelman (Ronde des Lutins, Urau ßhrung, Auftragswerk von Lucerne Festival und dem Festival AlpentÜne) Luzern, Lukaskirche, 11.00

FIGURENTHEATERPETRUSCHKA YOUNGFIGURENTHEATER Konzept und Figurenspiel: Marianne Hofer, Figurenspiel: Regula Auf der Maur, Violoncello: Jodok Vuille, Klavier: Stefanie Burgener, Bßhne und Technik: Robert Hofer, Die Zaubermuschel. Ein musikalisches Märchen, in dem das Kinderpublikum eine wichtige Rolle spielt, Premiere Luzern, Pavillon Tribschenhorn, 14.30 Weitere Vorstellungen bis zum 1. Oktober immer mittwochs, samstags und sonntags (ausser am 2. September) um 14.30, zusätzliche Abendvorstellungen am Freitag, 22. und 29. September, jeweils um 19.30

ZUGASTBEIDERBUVETTE OPEN-AIR-ĂœBERRASCHUNGSKONZERT Inseli, 17.00, Eintritt frei Weitere Termine: 26. August sowie 2. September

LUCERNEFESTIVALORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: Riccardo Chailly, Mezzosporan: Sophie Koch, Strawinsky (Le Faune et la Bergère op. 2, Scherzo fantastique op. 3, Feu d’artiďŹ ce op. 4, Chant funèbre op. 5, Le Sacre du printemps) Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30

ASCOLTA IDENTITĂ„TEN Komposition, Inszenierung und Klangregie: Simon Steen-Andersen (Inszenierte Nacht. Lesung nach den Buchstaben der Klassiker mit Werken von Bach, Chopin, Mozart, Ravel und Schumann) Luzern, Neubad, 22.00

SONNTAGAUGUST

ORCHESTERDER LUCERNEFESTIVALACADEMY SINFONIEKONZERT Dirigent: Heinz Holliger, Violine: Patricia Kopatchinskaja, Debussy (Khamma, orchestriert von Charlies Koechlin), Koechlin (Les Bandar-log [Scherzo de singes] op. 176), Holliger (Violinkonzert, Hommage Ă Louis Soutter) Luzern, KKL, Konzertsaal, 10.30

FESTIVALSTRINGSLUCERNE NACHMITTAGSKONZERT Violine und Musikalische Leitung: Daniel Dodds, Violoncello: Jonas Iten, Violoncello: Alexander Kionke Mendelssohn (Sinfonia Nr. 6 Es-Dur fĂźr Streichorchester), Schneider (Dr. Jekyll & Mr. Hyde fĂźr zwei Violoncelli und Streichorchester), Sibelius (Impromptu fĂźr Streichorchester), Nielsen (Suite fĂźr Streichorchester op. 1) Luzern, KKL, Konzertsaal, 14.30

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FESTIVAL-

ERLEBNIS Der Erlebnistag bietet zu Preisen ab 10 Franken alte und neue Musik, folkloristisch inspirierte und sinfonische Klänge bis hin zur Flßchtlingsoper.

OPENING Musiker der Festival-Academy; Adams (Sila) Luzern, Europaplatz, 9.45

DIEWEGEDERSKLAVEREI La Capella Reial de Catalunya, Tembembe Ensamble, u.a.; Leitung, Gambe: Jordi Savall Luzern, KKL, Konzertsaal, 11.00

MUSEUMSKONZERT Ensemble der Lucerne Festival Alumni; Werkschau des ÂŤComposer SeminarÂť mit Wolfgang Rihm. Luzern, KKL, Kunstmuseum, 11.00

MUSEUMSKONZERT Brass Ensemble der Lucerne Festival Academy; Werke von Boulez, Rihm und Poppe. Luzern, KKL, Kunstmuseum, 12.00

WELTMUSIK Gruppen des Festivals ÂŤIn den StrassenÂť Luzern, Europaplatz, 12/16.00

MUSEUMSKONZERT Violine: Patricia Kopatchinskaja, Violoncello: Jay Campbell, Klavier: Polina Leschenko; Enescu, KodĂĄly, Ravel Luzern, KKL, Kunstmuseum, 13.00

KONZERTFĂœRFAMILIEN Sinfonieorchester Basel, Dirigentin: Kristiina Poska, Erzähler: Florian von Manteuel; KodĂĄly: Die kaiserlichen Abenteuer des HĂĄry JĂĄnos (ab 7 Jahren). Luzern, KKL, Konzertsaal, 15.00

MUSEUMSKONZERT Ensemble der Lucerne Festival Academy, Harfe: FrĂŠdĂŠrique Cambreling; BartĂłk, Holliger, Veress Luzern, KKL, Kunstmuseum, 15.00

MOZARTIDOMENEO Flßchtlingschor Zuucht u.a. Luzern, KKL, Luzerner Saal, 16.30 (Teil 1), 20.00 (Teil 2); Einfßhrung im Auditorium, 15.30

MUSEUMSKONZERT/ Ensemble der Lucerne Festival Academy; BartĂłk, Ligeti/BartĂłk, KurtĂĄg Luzern, KKL, Kunstmuseum, 16.30/18.00

ASIANYOUTHORCHESTRA Dirigent: Matthias Bamert; Mahler Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30

MUSEUMSKONZERT Streicher der Festival Academy; BartĂłk, Veress Luzern, KKL, Kunstmuseum, 20.00

CAMERATAZĂœRICH IDENTITĂ„TEN Musikalische Leitung: Igor Karsko, Violoncello: Thomas Demenga, Sprecher: Thomas Sarbacher, Suk (Meditation Ăźber den altbĂśhmischen St.-Wenzels-Choral op. 35a) DvoĹ™ ĂĄk (Waldesruhe op. 68 Nr. 5, Rondo g-Moll op. 94, Slawischer Tanz g-Moll op. 46 Nr. 8) JanĂĄÄ? ek (Auf verwachsenem Pfade, bearbeitet fĂźr Streichorchester von Daniel Rumler, Texte von MaĂŻa Brami) Luzern, Kirchensaal MaiHof, 16.00

SHANGHAISYMPHONYORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: Long Yu, Violine: Maxim Vengerov Avshalomov (Hutongs of Peking) Tschaikowsky (Violinkonzert D-Dur op. 35) Schostakowitsch (Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 MONTAGAUGUST

ORCHESTERDER LUCERNEFESTIVALACADEMY MEISTERKURSDIRIGIEREN Dirigent: Matthias Pintscher, Teilnehmer des Meisterkurses Dirigieren, Ligeti (Violinkonzert) BartĂłk (Der holzgeschnitzte Prinz Sz 60) Luzern, KKL, Luzerner Saal, 14.00 (Theorie), 20.00 Weitere Termine: 23. August, 10.00; 30. August, 12.45; 31. August, 20.30

MAURIZIOPOLLINIKLAVIER REZITAL–KLAVIER Schumann (Arabeske C-Dur op. 18, Allegro h-Moll op. 8, Fantasie C-Dur op. 17) Chopin (Zwei Nocturnes op. 55, Klaviersonate Nr. 3 h-Moll op. 58) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 DIENSTAGAUGUST

SPIEGELTRIO DEBUT Klavier: Zlata Chochieva, Violine: Ermir Abeshi, Violoncello: Nikolay Shugaev Schostakowitsch (Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67) Tschaikowsky (Klaviertrio a-Moll op. 50 À la mÊmoire d’un grand artiste) Luzern, Lukaskirche, 12.15

ÂŤINDENSTRASSENÂť

MITTWOCHAUGUST

MAHLERCHAMBERORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: François-Xavier Roth, Violine: Patricia Kopatchinskaja, Haydn (Sinfonie Es-Dur Hob. I:22 Der Philosoph), Bartók (Violinkonzert Nr. 2 Sz 112, Tanz-Suite Sz 77) Haydn (Sinfonie D-Dur Hob. I:96 The Miracle) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 DONNERSTAGAUGUST

ELISANETZERHARFE DEBUT

Smetana (Die Moldau, arr. HanuĹĄ TrneÄ? ek) BartĂłk (Rumänische Volkstänze Sz 56, arr. Elisa Netzer), Turina (Tocata y Fuga, arr. Nicanor Zabaleta), Chatschaturjan (Orientalischer Tanz und Toccata), Zbinden (Trois esquisses japonaises op. 72), Britten (Suite for Harp op. 83), MĂĄrquez (DanzĂłn Nr. 2, arr. Emmanuel Padilla HolguĂ­n) Luzern, Lukaskirche, 12.15

FILARMONICADELLASCALA SINFONIEKONZERT Dirigent: Riccardo Chailly, Violine: Leonidas Kavakos. In Erinnerung an Victor de Sabata zum 50. Todestag. Brahms (Violinkonzert D-Dur op. 77) Respighi (Fontane di Roma, Pini di Roma) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 FREITAGAUGUST

ENGLISHBAROQUESOLOISTS SINFONIEKONZERT–MONTEVERDI Monteverdi Choir, Dirigent: Sir John Eliot Gardiner, Regie: Elsa Rooke, Solisten, Monteverdi (Il ritorno d’Ulisse in patria) Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30; Einfßhrung im Auditorium, 17.30 SAMSTAGAUGUST

ENSEMBLEDER LUCERNEFESTIVALACADEMY IDENTITÄTEN Dirigent: Heinz Holliger, Sopran: Natalia Zagorinskaya, Bariton: Ivan Ludlow, Zimmermann (Kontraste. Musik zu einem imaginären Ballett fßr Orchester), Kurtåg (Die Botschaften der verstorbenen Fräulein R. V. Troussova fßr Sopran und Kammerensemble op. 17) Holliger (Lunea. 23 Sätze von Nikolaus Lenau fßr Bariton und Ensemble) Luzern, KKL, Luzerner Saal, 11.00

ErÜ nungsveranstaltung des WeltmusikFestivals im Festival mit allen Gruppen. Luzern, Europaplatz, 17.00, Eintritt frei, bis 27. August täglich Auftritte in der Luzerner Altstadt (18.00 bis 22.00, Samstag, 26. August: 10.00 bis 18.00). Anschliessend treten jeweils zwei Gruppen im Sentitreff auf. Abschlusskonzert vor dem KKL: Sonntag, 27. August, 16.00).

Teilnehmer des Conducting Fellowship, Leitung: Wolfgang Rihm, Werkschau des Composer Seminar Luzern, KKL, Luzerner Saal, 15.00

ENGLISHBAROQUESOLOISTS SINFONIEKONZERT–MONTEVERDI

ELENABASHKIROVAKLAVIER KAMMERMUSIK

Monteverdi Choir, Dirigent: Sir John Eliot Gardiner, Regie: Elsa Rooke, Solisten, Monteverdi (L’Orfeo) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30; Einfßhrung im Auditorium 18.30

Violine: Michael Barenboim, Violoncello: Julian Steckel, Brahms (Klaviertrio Nr. 3 c-Moll op. 101, Klaviertrio Nr. 2 C-Dur op. 87, Klaviertrio Nr. 1 H-Dur op. 8) Luzern, Lukaskirche, 16.00

ENSEMBLEDER LUCERNEFESTIVALALUMNI IDENTITĂ„TEN

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Völkerverständigung: das West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim.

Lucerne FestivalSOMMER

BILD Monika Rittershaus

ENGLISHBAROQUESOLOISTS SINFONIEKONZERT–MONTEVERDI Monteverdi Choir, Dirigent: Sir John Eliot Gardiner, Regie: Elsa Rooke, Solisten Monteverdi (L’incoronazione di Poppea) Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30; Einführung im Auditorium, 17.30

ENSEMBLEDER LUCERNEFESTIVALACADEMY LATENIGHT Dirigent: Matthias Pintscher, Klavier: David Kadouch, Klarinette: Martin Adámek, Violine: Patricia Kopatchinskaja, Ligeti (Klavierkonzert, Violinkonzert), van der Aa (Hysteresis für Klarinette, Ensemble und Tonspur) Luzern, KKL, Luzerner Saal, 22.00 SONNTAGAUGUST

ERLEBNISTAG Siehe Kasten auf der Seite 54. MONTAGAUGUST

ORCHESTERDER LUCERNEFESTIVALACADEMY SINFONIEKONZERT Dirigent: Matthias Pintscher Cerha (Spiegel I–VII, Schweizer Erstauff ührung) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 DIENSTAGAUGUST

CHIARAENDERLEVIOLONCELLO DEBUT Klavier: Hiroko Sakagami Schubert (Sonate für Arpeggione und Klavier a-Moll D 821) Penderecki (Capriccio per Siegfried Palm) Brahms (Cellosonate Nr. 2 F-Dur op. 99) Luzern, Casineum, 12.15

ORCHESTREDEL’OPÉRA NATIONALDEPARIS SINFONIEKONZERT Dirigent: Philippe Jordan, Klavier: Bertrand Chamayou, Debussy (Prélude à l’après-midi d’un faune) Saint-Saëns (Klavierkonzert Nr. 5 F-Dur op. 103 Ägyptisches Konzert) Berlioz (Symphonie fantastique op. 14) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30; Einführung im Auditorium, 18.30 MITTWOCHAUGUST

BERLINERPHILHARMONIKER SINFONIEKONZERT Rundfunkchor Berlin, Dirigent: Sir Simon Rattle, Sopran: Genia Kühmeier, Tenor: Mark Padmore, Bassbariton: Florian Boesch Haas (ein kleines symphonisches Gedicht für Orchester, Schweizer Erstauff ührung) Haydn (Die Schöpfung Hob. XXI:2) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 DONNERSTAGAUGUST

VALERIYSOKOLOVVIOLINE DEBUT Klavier: Evgeny Izotov, J. S. Bach (Ciaccona aus der Partita d-Moll für Violine solo BWV 1004), Beethoven, (Violinsonate A-Dur op. 30 Nr. 1), Prokofjew (Violinsonate Nr. 1 f-Moll op. 80), SaintSaëns (Introduction et Rondo capriccioso op. 28) Luzern, Lukaskirche, 12.15

BERLINERPHILHARMONIKER SINFONIEKONZERT Dirigent: Sir Simon Rattle Schostakowitsch (Sinfonie Nr. 1 f-Moll op. 10, Sinfonie Nr. 15 A-Dur op. 141) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30; Einführung im Auditorium, 18.30

KLASSIKER

REMIXED Der gemeinsam mit dem Kunstmuseum Luzern ausgelobte «Soundzz.z.zzz…z»Wettbewerb geht dieses Jahr an einen «Strotter», wie die Wiener Resteverwerter nennen, die im Abfall nach Brauchbarem stöbern. Denn der Klangkünstler Christoph Hess alias Strotter Inst. formt mit präparierten Plattenspielern und unterschiedlichsten Soundschnipseln objektartige Klangkörper und remixed damit auch Klassiker neu. Auch gemeinsam mit anderen Künstlern wie der Artiste étoile Patricia Kopatchinskaja. MITTWOCHAUGUST

Performance zu Alban Berg (Drei Orchesterstücke) Luzern, KKL, Kunstmuseum, 18.00 SONNTAGAUGUST

Performance zu Charles Koechlin (Scherzo de singes, op. 176) Luzern, KKL, Kunstmuseum, 14.00 SONNTAGSEPTEMBER

Performance zu Pē teris Vasks (Cantabile für Streichorchester, mit Jorge Sánchez-Chiong, Komponist und Turntablist) Luzern, KKL, Foyer, 21.00 DONNERSTAGSEPTEMBER

Performance mit Patricia Kopatchinskaja (Violine) Luzern, KKL, Foyer, 22.30

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TREFFPUNKT

INTERVAL

FREITAGSEPTEMBER

SONNTAGSEPTEMBER

MARIINSKYORCHESTRA SINFONIEKONZERT

ÂŤMOSESUNDPAULUSAUFDER SUCHENACHSICHSELBSTÂť THEMENGOTTESDIENST

LUCERNEFESTIVALALUMNI

Dirigent: Valery Gergiev, Mezzosopran: Oksana Volkova, Mussorgsky (Vorspiel zur Oper Chowanschtschina, Eine Nacht auf dem Kahlen Berge, Lieder und Tänze des Todes) Mussorgsky/Ravel (Bilder einer Ausstellung) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30; Einfßhrung im Auditorium, 18.30

DIENSTAGAUGUST

SAMSTAGSEPTEMBER

JAYCAMPBELLVIOLONCELLO

SONUSBRASSENSEMBLE YOUNGFAMILIENKONZERT

ÂŤIntervalÂť verbindet im Foyer des KKL nach Konzerten Barbetrieb mit Musik. SAMSTAGAUGUST

DONNERSTAGAUGUST

MUSIKERDESWEST-EASTERNDIVAN ORCHESTRA FREITAGAUGUST

MUSIKERDESFESTIVAL-ORCHESTERS und der Lucerne Festival Academy DIENSTAGAUGUST

JACKQUARTET MITTWOCHAUGST

FAMILIEKOPATCHINSKAJA DONNERSTAGAUGUST

MUSIKERDERFESTIVAL-ACADEMY FREITAGAUGUST

JACKQUARTET DIENSTAGAUGUST

JACKQUARTET MITTWOCHAUGUST

MUSIKERDER BERLINERPHILHARMONIKER DONNERSTAGAUGUST

MUSIKERDERFESTIVAL-ACADEMY FREITAGSEPTEMBER

SONUSBRASSENSEMBLE SONNTAGSEPTEMBER

SOUNDZZZZZZZSTROTTERINST DIENSTAGSEPTEMBER

MORITZEGGERTLATENIGHTSHOW Gäste, Musiker des Concertgebouw Orchestra MITTWOCHSEPTEMBER

MORITZEGGERTLATENIGHTSHOW Gäste, Musiker des Pittsburgh Symphony Orchestra DONNERSTAGSEPTEMBER

MORITZEGGERTLATENIGHTSHOW mit Patricia Kopatchinskaja u. a. SAMSTAGSEPTEMBER

MORITZEGGERTLATENIGHTSHOW Gäste, Musiker der Wiener Philharmoniker

Idee, Konzept und Regie: Annechien Koerselman, Ausstattung: Nina Ball, Die Verblecherbande. Ein inszeniertes Konzert mit Musik von Johann Sebastian Bach, Leonard Bernstein, Claude Debussy, Werner Pirchner, Tristan Schulze und Nino Rota (Schweizer Erstau ßhrung) Luzern, Sßdpol, 11.00, 15.00, 17.00 Eine Koproduktion von Lucerne Festival mit der Philharmonie Luxembourg, den Bregenzer Festspielen, KÜlnMusik und Jeunesse Wien (ab 7 Jahren)

Eva Brandin, Hansruedi Kleiber, Matthäuskantorei, Ensemble Corund, Musikalische Leitung: Stephen Smith Luzern, Matthäuskirche, 10.00

ANDRà SSCHIFFKLAVIER REZITAL–KLAVIER Letzte Sonaten Mozart (Klaviersonate D-Dur KV 576) Schubert (Klaviersonate B-Dur D 960) Haydn (Klaviersonate Es-Dur Hob. XVI:52) Beethoven (Klaviersonate c-Moll op. 111) Luzern, KKL, Konzertsaal, 11.00

Versprßht Lebensfreude mit Dvořåks Violinkonzert: Anne-Sophie Muer. BILD Stefan HÜderath

ORCHESTERDER LUCERNEFESTIVALACADEMY SINFONIEKONZERT Dirigent: Matthias Pintscher, Dirigent (Streich): Gregor Mayrhofer, Dirigent (Kaner): Je rey Means, Violoncello: Jay Campbell Streich (Segel fßr Orchester, Urau ßhrung, Auftragswerk Roche Young Commissions) Kaner (Encounters fßr Orchester, Urau ßhrung, Auftragswerk Roche Young Commissions), Francesconi (Ciaccona fßr Violoncello und Orchester, Urau ßhrung, Auftragswerk von Lucerne Festival), Bartók (Der holzgeschnitzte Prinz Sz 60) Luzern, KKL, Konzertsaal, 14.30

MARIINSKYORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: Valery Gergiev, Behzod Abduraimov (opp. 10 und 26), Sergej Redkin (opp. 53 und 55), Daniil Trifonov (op. 16), Prokofjew (Klavierkonzert Nr. 1 Des-Dur op. 10, Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 16, Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26, Klavierkonzert Nr. 4 B-Dur op. 53, Klavierkonzert Nr. 5 G-Dur op. 55) Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30

PATRICIAKOPATCHINSKAJA VIOLINEKONZEPTUND KĂœNSTLERISCHELEITUNG IDENTITĂ„TEN Jack Quartet, Ensemble der Lucerne Festival Alumni, Studierende der Hochschule Luzern – Musik, ÂŤDies iraeÂť. Ein inszeniertes Konzert mit Musik von Heinrich Ignaz Franz Biber, George Crumb, Michael Hersch, Antonio Lotti, Jorge SĂĄnchez-Chiong, Giacinto Scelsi und Galina Ustwolskaja Luzern, KKL, Luzerner Saal, 22.00 PIĂ™ 56

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«MUSIKKOMMTAUSDERSTILLE» BUCHVORSTELLUNG Autor: Sir András Schiff, Moderation: Martin Meyer, Sir András Schiff spricht mit Martin Meyer über sein neues Buch Luzern, KKL, Auditorium, 14.30

NZZ-PODIUM GESPRÄCHSRUNDE ZUMTHEMA«IDENTITÄT» Moderation: Martin Meyer (Leiter NZZ-Podium), Gäste: Nora Gomringer (Lyrikerin), Patricia Kopatchinskaja (Geigerin), Harald Welzer (Soziologe) Luzern, KKL, Auditorium, 16.00

CITYOFBIRMINGHAM SYMPHONYORCHESTRA SINFONIEKONZERT

Dirigentin: Mirga Gražinytė -Tyla, Violoncello: Gautier Capuçon, Vasks (Cantabile für Streichorchester), Elgar (Cellokonzert e-Moll op. 85) Rachmaninow (Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 44) Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30 MONTAGSEPTEMBER

ROYALCONCERTGEBOUW ORCHESTRAAMSTERDAM SINFONIEKONZERT Dirigent: Daniele Gatti, Rihm (In-Schrift) Bruckner (Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 DIENSTAGSEPTEMBER

MICHAELBUCHANANPOSAUNE DEBUT Klavier: Kasia Wieczorek, Bruch (Kol Nidrei op. 47), Schumann (Fantasiestücke op. 73), Castérède (Sonatine für Posaune und Klavier), Ravel (Pièce en forme de Habanera), Gershwin (Summertime aus Porgy and Bess) Bernstein (Elegy for Mippy II für Posaune solo), Peaslee (Arrows of Time) Luzern, Casineum, 12.15

ROYALCONCERTGEBOUW ORCHESTRAAMSTERDAM SINFONIEKONZERT Dirigent: Daniele Gatti, Sopran: Chen Reiss Haydn (Sinfonie C-Dur Hob. I:82 L’Ours) Mahler (Sinfonie Nr. 4 G-Dur) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30; Einführung im Auditorium, 18.30

LUCERNEFESTIVAL

MIN

Die Gratis-Konzertreihe präsentiert 40 Minuten Musik zum Kennenlernen und für Kenner, zum Einsteigen und zum Eintauchen: Programme zwischen Unterhaltung und Herausforderung, zwischen alter und neuer Musik, von den Künstlern selbst moderiert. KKL, Luzerner Saal, 18.20, Eintritt frei DIENSTAGAUGUST

DASFESTIVALORCHESTERPROBT Lucerne Festival Orchestra, Riccardo Chailly DONNERSTAGAUGUST

VERDOPPELTESICH Van der Aa: Cellokonzert Up-close mit Film, Lucerne Festival Alumni, Jay Campbell FREITAGAUGUST

AFFENTANZFÃœRORCHESTER Die erste Dschungelbuch-Vertonung: Orchester der Academy, Heinz Holliger DIENSTAGAUGUST

ZUFLUCHTBEIMOZART Idomeneo mit Flüchtlingen, Cornelia Lanz MITTWOCHAUGUST

KLASSIKHEUTEKOMPONIERT Lucerne Festival Alumni, Teilnehmer des Composer-Seminars von Wolfgang Rihm DONNERSTAGAUGUST

MUSIKALISCHESWELTTHEATER Friedrich Cerhas «Spiegel», Orchester der Academy, Matthias Pintscher

MITTWOCHSEPTEMBER

MONTAGAUGUST

PITTSBURGHSYMPHONY ORCHESTRA SINFONIEKONZERT

AUFSECHZEHNSAITEN

Dirigent: Manfred Honeck, Violine: Anne-Sophie Mutter, Dvoř ák (Suite aus der Oper Rusalka op. 114, Violinkonzert a-Moll op. 53) Tschaikowsky (Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 Pathétique) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30 DONNERSTAGSEPTEMBER

SCHUMANN-QUARTETT DEBUT Violine: Erik Schumann, Ken Schumann, Viola: Liisa Randalu, Violoncello: Mark Schumann Haydn (Streichquartett C-Dur Hob. III:39 Vogel-Quartett), Winkelman (Papa Haydn’s Parrot, Hommage à Joseph Haydn für Streichquartett), Schumann (Streichquartett F-Dur op. 41 Nr. 2) Luzern, Lukaskirche, 12.15

Musiker des Orchestre de l’Opéra national de Paris MITTWOCHAUGUST

OHNEGELDKAMUSI Sonus Brass Ensemble DONNERSTAGAUGUST

TANZENDERDOPPELGÄNGER Orchester der Academy, Matthias Pintscher MONTAGSEPTEMBER

ANKOMMENMITMUSIK Singprojekt mit jungen Flüchtlingen MITTWOCHSEPTEMBER

STARKETYPENEROBERNDIEBÃœHNE Young Performance DONNERSTAGSEPTEMBER

CLOSE-UP Portraitkonzert Michel van der Aa, Studenten der Musikhochschule Luzern, Sopran: Daniela Argentino

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Auf der Suche nach den letzten Dingen in den letzten Sonaten von Mozart, Schubert und Beethoven: András Schiff. BILD Peter Fischli, Lucerne Festival

TICKETS LUCERNE-FESTIVAL-TICKETBOX WÄHRENDDESFESTIVALS Der Ticketschalter am Haupteingang des KKL Luzern ist ab Freitag, 12. August, täglich von 10 Uhr bis Konzertbeginn geöff net. Schüler und Studenten (bis 30 Jahre) erhalten bei nicht ausverkauften Veranstaltungen an der Abendkasse Karten zu 20 Franken.

VORVERKAUF TELEFONISCHODERONLINE TELEFONISCHODERONLINE www.lucernefestival.ch, Telefon 041 226 44 80

JUANDIEGOFLÓREZTENOR REZITAL–LIED

FLÜCHTLINGSORCHESTERWIEN IDENTITÄTEN

Klavier: Vincenzo Scalera Lieder und Arien von Rossini, Mozart, Leoncavallo, Massenet, Puccini und Verdi Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30

Dirigent: Leonid Belaieff, Regie und künstlerische Gesamtleitung: Till Velten, symphony.land, Beethoven (Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 sowie musikalische Statements und Texte der Geflüchteten aus ihrer Heimat; Klang- und Kunstkörper mit Konzert, Film und begehbarer Plastik) Luzern, Kirchensaal MaiHof, 16.00; Vorgespräch vor dem Konzert von Till Velten mit seinen Gästen zum Thema Mut, Entwicklung, Krise, 15.00

FREITAGSEPTEMBER

ROYALPHILHARMONIC ORCHESTRA SINFONIEKONZERT Dirigent: Charles Dutoit, Klavier: Martha Argerich, Enescu (Rumänische Rhapsodie A-Dur op. 11 Nr. 1), Beethoven (Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15) Debussy (La Mer), Ravel (Boléro) Luzern, KKL, Konzertsaal, 19.30; Einführung im Auditorium, 18.30

LUZERNERSINFONIEORCHESTER OPER Chor und Solisten des Luzerner Theaters, Dirigent: Clemens Heil, Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi Ligeti (Le Grand Macabre. Oper in 4 Bildern, revidierte Version von 1996, Premiere) Luzerner Theater, 19.30 Koproduktion des Luzerner Theaters mit Lucerne Festival Weitere Auff ührungen am 10., 17., 22. und 24. September sowie am 7. und 15. Oktober SAMSTAGSEPTEMBER

PATRICIAKOPATCHINSKAJA VIOLINE YOUNGSITZKISSENKONZERT Cembalo: Anthony Ramaniuk «Das kleine Irgendwas». Mit Musik von Biber, Cage, Holliger u. a. Luzern, KKL, Terrassensaal, 11.00 und 15.00 Eine Produktion von Lucerne Festival (ab 4 Jahren)

WIENERPHILHARMONIKER SINFONIEKONZERT Dirigent: Michael Tilson Thomas, Klavier: Emanuel Ax, 60. Luzerner Bühnenjubiläum der Wiener Philharmoniker, Brahms (Haydn-Variationen op. 56a), Mozart (Klavierkonzert Es-Dur KV 449), Beethoven (Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92) Luzern, KKL, Konzertsaal, 18.30 SONNTAGSEPTEMBER

NOMOZART YOUNGPERFORMANCE Idee und Choreografie: Maged Mohamed Luzern, KKL, Luzerner Saal, 11.00 und 15.00 Eine Produktion von Lucerne Festival (Urauff ührung, ab 9 Jahren)

WIENERPHILHARMONIKER SINFONIEKONZERT Dirigent: Daniel Harding, Debussy (Suite aus Pelléas et Mélisande, zusammengestellt von Erich Leinsdorf ), Mahler (Sinfonie Nr. 6 a-Moll) Luzern, KKL, Konzertsaal, 17.00

PIÙ, MAGAZIN ZU LUCERNE FESTIVAL Beilage der «Zentralschweiz am Sonntag» und der «NZZ am Sonntag» vom 18. Juni 2017 HERAUSGEBERIN Luzerner Zeitung AG, Doris Russi Schurter, Präsidentin des Verwaltungsrates LZ Medien Holding AG VERLAG Jürg Weber, Leiter NZZ Regionalmedien, Bettina Schibli, Leiterin Lesermarkt, Stefan Bai, Leiter Werbemarkt, Maihofstrasse 76, 6002 Luzern, Telefon 041 429 52 52, verlag@lzmedien.ch REDAKTION Urs Mattenberger GESTALTUNGPRODUKTION UNDBILDBEARBEITUNG Titelseite, Inhalt, Inserate: Ilona Schiavini Bilder: Repro NZZ Media Services AG TITELBILD Patricia Kopatchinskaja Bild: Marco Borggreve DRUCK Swissprinters AG, 4800 Zofingen KOORDINATION Yvonne Imbach INSERATE NZZ Media Solutions AG Maihofstrasse 76, 6002 Luzern, inserate@lzmedien.ch

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Lucerne Festival SOMMER 2017

Identität Ein Gespräch über das Festivalthema

Bild: The National Gallery, London / akg

Wer bin ich? Wer sind wir? Diese Fragen rühren an die Kernzonen des menschlichen Daseins – sei es in seiner individuellen, sei es in seiner sozialen Existenz. Identität kann dabei verstanden werden als ein Bei-sich-selber-sein, das sich aus verschiedenen Quellen speist. So sehen wir unsere Identität etwa durch Herkunft beeinflusst, aber auch durch eine Entwicklung, die nie völlig abgeschlossen sein kann; durch Arbeit, die uns als Beruf oder sogar als Berufung begleitet; durch Liebe, die im Idealfall ein Zusammenspiel zwischen Geben und Nehmen ist; schliesslich durch Gesellschaft, Politik, Religion und Kultur, letztere verstanden als schwer zu fassende, aber für Geist und Gefühl zentrale Grösse. EINLEITUNGSREFERAT

VERANSTALTUNG

Prof. Dr. Harald Welzer Professor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg

Sonntag, 3. September 2017 16 bis 18 Uhr im Auditorium, KKL Luzern Türöffnung Auditorium 15.30 Uhr

DISKUSSIONSTEILNEHMER

TICKETS

Nora Gomringer Lyrikerin und Slam-Poetin

Eintritt Fr. 30.– Kartenverkauf LUCERNE FESTIVAL Telefon +41 (0)41 226 44 80 www.lucernefestival.ch

Patricia Kopatchinskaja Violinistin GESPRÄCHSLEITUNG

Weitere Informationen podium.nzz.ch

Dr. Martin Meyer Leiter NZZ-Podium Unsere Partner

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Das Magazin zum Lucene Festival im Sommer 2017 Beilage vom 18. Juni 2017

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