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Freitag, 16. Mai 2008

FOTOS: ZEITENSPIEGEL/LUKAS COCH

Seite 16 DIE WELT

Der Gründer und sein Nachfolger: Götz Werner (r.) und Erich Harsch im Hinterzimmer des dm-Drogeriemarktes in Karlsruhe-Grünwinkel

Stabwechsel in der heilen Welt Von Hagen Seidel

Wanderprediger, Waldorf-Discounter, Guru: Götz Werner ist unkonventioneller als die meisten Firmenchefs. Jetzt tritt der Gründer der Drogeriekette dm ab. Sein Nachfolger wird den antroposophischen Kurs halten

Ein letzter Blick: Götz Werner beim Rundgang durch die Filiale

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an könnte meinen, hier reden sich zwei Theoretiker das ideale menschenfreundliche Unternehmen zusammen. Von „Selbstbestimmung“, „Selbstverantwortung“ und „Selbstverwirklichung“ sprechen die beiden Herren im schmucklosen Hinterzimmer des dm-Drogeriemarktes in KarlsruheGrünwinkel, direkt an der Firmenzentrale gelegen. Sie sprechen davon, dass ihre Mitarbeiter am Arbeitsplatz die Erfüllung finden sollen und ihn nicht als notwendigen „Einkommensplatz“ sehen. Bei den Auszubildenden – den „Lernlingen“ – gehört Theaterspielen zwecks besserer Entwicklung der Persönlichkeit zum Pflichtprogramm. Mitarbeiter gelten hier nicht als Kostenfaktoren, sondern als „Mitarbeitereinkommen“. Man wolle keine „Organisation, die Druck macht, sondern eine, die Sog erzeugt“. So sprechen Götz Werner (64), scheidender Chef der dm-Kette und sein Nachfolger, Erich Harsch (47). Der Job-Himmel auf Erden scheint zwischen Drogeriemarkt-Regalen in Grünwinkel zu liegen. Der Ortsname klingt ja schon irgendwie ein wenig nach Paradies. Die Realität sieht auf den ersten Blick deutlich schlichter aus. Ein paar Meter weiter, hinter einer dünnen Wand, verkaufen die Mitarbeiter und „Lernlinge“ der menschenfreundlichen Höhenflieger so schlichte irdische Dinge wie Zahnpasta, Windeln oder Müsli. Und dann möglichst noch billiger als die Konkurrenz, so wie es eben alle versuchen. Wo soll da der Unterschied sein? „Zahncreme verkaufen an sich ist ja nicht so schwierig“, gibt Gründer Werner zu, „aber wir verkaufen die meiste Zahncreme in Deutschland. Und dazu gehört schon etwas mehr. Wir müssen irgendetwas besser machen als unsere Wettbewerber.“ Nach 35 Jahren hat Querdenker Werner, den die Medien „WaldorfDiscounter“, „Heilsbringer“, „Wan-

derprediger“, gar „Guru“ nennen, seinen Chefposten abgegeben. An IT-Vorstand Erich Harsch, der in den Zeitungen bisher meist nur als IT-Vorstand Erich Harsch vorgekommen ist, weil so wenig über ihn bekannt war. Der Star bei dm ist Götz Werner. Er kontert kritische Fragen zum Sinn eines anthroposophischen – also am Menschen orientierten – Über- oder Unterbaus seiner Art des Geschäftemachens mit einen gelassenen Lächeln. Zu oft hat er das gehört. „Schauen Sie sich unsere Quadratmeter-Produktivität an, da sind wir seit vielen Jahren die Besten in der Branche. Das ist der äußere Gradmesser, der uns bestätigt.“ Werner wurde mit seinen Ideen Milliardär. Unbestritten können sich andere Händler bei ihm einiges abschauen. Keine Drogeriemarktkette in Deutschland holt trotz Niedrigpreisen mehr Umsatz aus dem Quadratmeter Verkaufsfläche als dm. Umsatzsteigerungen im zweistelligen Prozentbereich sind die Regel – das ist spektakulär für deutsche Händler. Branchenexperte Peter Breuer von der Managementberatung McKinsey hält dm für vorbildlich beim Erkennen und Erfüllen von Kundenwünschen. „dm hat die Innovationskraft eines Start-ups, verbunden mit der Konsequenz eines Discounters“, lobt Dirk Dreisbach von Accenture. Und: „Götz Werner hat der Drogeriemarkt-Branche seinen Stempel aufgedrückt, ähnlich wie die Gebrüder Albrecht dem Lebensmittelhandel. Wie wenige vor ihm hat er dabei gezeigt, dass man als Unternehmer soziale Verantwortung mit wirtschaftlichem Erfolg vereinen kann.“ Werner und dm bekamen im vergangenen Herbst den Deutschen Handelspreis für das „ausgeprägte soziale und bürgerschaftliche Engagement, das auf Wirkung und Nachhaltigkeit“ angelegt sei. Selbst der härteste Konkurrent, Dirk Rossmann, zollt Werner Respekt. Er verfolgt dessen Erfolg „mit großem Respekt und viel Sympathie“, sagt der Gründer, Chef und Mehrheitsei-

Kampf um Marktanteile Die größten Drogeriemärkte in Deutschland Rang Unternehmen Umsatz 2007 in Mio. Euro (netto)

Filialzahl 2007

1

Anton Schlecker

5500

2

dm-Drogeriemarkt GmbH + Co.KG

3017

936

3

Dirk Rossmann GmbH

2450

1272

4

Müller Ltd. & Co.KG

1894

425

5

Ihr Platz GmbH & Co. *

656

676

6

Iwan Budnikowsky GmbH & Co. KG

310

7

Kloppenburg GmbH & Co. *

282

10 598

*) Ihr Platz gehört seit Oktober 2007 zu Schlecker und Kloppenburg zählt mittlerweile zu Rossmann

112 160

Quelle: Unternehmensangaben / Trade Dimensions / LZ-Schätzungen - April 2008

gentümer der Rossmann-Kette, der WELT. Auch die sonst so kritische Gewerkschaft Ver.di hat wenig an den Arbeitsbedingungen in der Oase Grünwinkel auszusetzen. Ab sofort ist hier, beim elftgrößten deutschen Lebensmittelhändler, der gebürtige Wiener Harsch der Chef. Schon seit 26 Jahren arbeitet er im Unternehmen, seit 16 Jahren in der Geschäftsführung, zuständig für das sensible Nervensystem eines jeden Handelskonzerns, der IT. Harsch, der im Auftritt entgegen seinem Namen ganz freundlich und sanft ist, war stets der Mann für die schwierigen Fälle. Wenn abteilungsübergreifend neue „Projekte“ installiert werden sollten – neue Kassensysteme, SAP, Fotokonzept, einst die Biomarke Alnatura – war Harsch der Verantwortliche. Deshalb kennt er auch wohl jeden Winkel des Unternehmens. An rund 450 solcher „Projekte“ war er beteiligt, „schief ge-

■ „Ein

Lebenswerk wird erst dann zum Lebenswerk, wenn es von anderen weitergeführt werden kann“ Götz Werner

gangen sind vielleicht zehn oder 15. Die Quote ist ganz gut“. Einiges werde er anders machen, sagt Harsch, aber die grobe Richtung bleibe unverändert. „Wir haben sie ja in den vergangenen Jahren bereits gemeinsam bestimmt“. Die „Innovationsfitness“ des Unternehmens will er stärken. Und „flächendeckend“ das dm-Ladennetz über Deutschland ziehen. „Da ist noch viel Platz für ein paar hundert Läden, vielleicht für mehr. Es gibt viele Orte, an denen wir noch nicht vertreten sind“, sagt Harsch. Der Verdrängungswettbewerb gegen Marktführer Schlecker, Rossmann und Müller wird weitergehen. Mehr große Ketten haben den Konzentrationsprozess der vergangene Jahre nicht überlebt, den maßgeblich Götz Werner und Konkurrent Rossmann durch den ewigen Preiskrieg angezettelt hatten. „Harsch wird die Expansion insbesondere im Ausland vorantreiben und das Geschäft auf den lukrativen Apothekenmarkt ausweiten“, so AccentureMann Dreisbach. Von allzu großen Fußstapfen, die ihm sein Vorgänger hinterlässt, will Harsch nichts wissen. „Die muss ich nicht ausfüllen. Ich hinterlasse meine eigenen“, sagt er mit leichtem österreichischem Akzent. Überhaupt wirkt er nicht wie der Nachfolger +

von Gründers Gnaden. Er wirkt selbstbewusst, im Tonfall weicher als Werner, spricht seine Sätze nach Art des Hauses selbstverständlich zu Ende, selbst wenn der Eigentümer etwas einzuwerfen versucht. Wenn sie einen komplizierten Sachverhalt erklären wollen, spielen die beiden schon mal unabgesprochen Erklär-Pingpong. Was der eine ausgelassen oder zu kompliziert formuliert hat, gleicht der andere aus. Das ist kein Vater-Sohn-Verhältnis, dafür ist die Kluft zwischen beiden zu klein. Hier sitzen zwei Manager, die seit Jahrzehnten zusammenarbeiten und wissen, was sie am anderen haben. Werner sagt über die neue Nummer eins: „Vor allem zwei Dinge haben ihn prädestiniert. Das Prozessdenken, das er aus der IT und den Projekte gelernt hat. Und die ausgeprägte soziale Kompetenz“. Vermutlich hatte er ihn schon vor vier Jahren als Nachfolger im Kopf, als er im WELT-Interview ankündigte, seinen 2008 auslaufenden Vertrag wohl nicht mehr zu verlängern. „Viele Manager haben das Problem, dass sie ihren potenziellen Nachfolgern den Job nicht zutrauen – und deshalb versuchen sie, so lange wie möglich zu bleiben. So etwas darf nicht sein“, hatte er gesagt, im Alter von 60 Jahren. Und: „Ein Lebenswerk wird ja erst dann zum Lebenswerk, wenn es so angelegt ist, dass es von anderen weitergeführt werden kann.“ So reden viele Unternehmenschefs, wenn der Abschied noch ein paar Jahre entfernt ist. Doch wenn es ernst wird, wehren sie sich doch gegen den Wechsel. Werner aber hat Wort gehalten. „Man muss auch Konsequenz in persönlichen Dingen unter Beweis stellen“, sagt er. Der Firmengründer ohne Abitur wird in den Aufsichtsrat wechseln – „als normales Mitglied, nicht als Vorsitzender“, wie er sagt. „Ich habe dann als Gesellschafter mehr Zeit, mir das Unternehmen von außen anzuschauen, das ist ja wichtig“. Dass er die unsichtbaren Zügel weiter in der Hand behalten wird, glauben die wenigsten. „In der neuen Rolle muss ich meinen Weg aber erst finden“, räumt er ein. Werner wird künftig noch mehr rudern – 1100 Kilometer legt der deutsche Jugendmeister von 1963 pro Jahr hin, meist im Einer. Und statt Zahnpasta wird er seine Lieblingsidee verkaufen: die des bedingungslosen Grundeinkommens für jedermann (siehe Kasten). Ähnlich ungewöhnlich war einst auch die Vision des Drogistensohnes, dm zum Unternehmen mit möglichst geringer zentralistischer Anweisungs-Kultur zu entwickeln.

Ende der achtziger Jahre begann bei dm die Verlagerung von mehr Verantwortung in den Filialen, in der Berater Dreisbach heute einen der Hauptgründe für die hohe Flächenproduktivität sieht. Ein defekter Verkaufstresen war damals der Auslöser. Die Filialleiterin hatte sich bei Werner beklagt, dass der Bezirksleiter die Reparatur noch immer nicht in Auftrag gegeben habe. So konnte es nicht gehen. Werner gab den Filialen deutlich mehr Freiheit bei der Auswahl beim Sortiment, in Personal-, selbst in Gehaltsfragen. Mitarbeitervorschläge werden konsequenter umgesetzt als anderswo. „Nur, weil ich oben im Unternehmen sitze, bin ich ja nicht unbedingt der beste Verkäufer“, sagt Werner, „oben ist ja nicht automatisch vorn.“ Damit auch die Führungskräfte sehen, was ihre Entscheidungen an der Basis anrichten, ist jedes Mitglied der Geschäftsführung neben

seinem Fachbereich auch für die Läden in einer bestimmten Region zuständig. Harsch etwa hat die Region Baden-Württemberg gerade von Werner geerbt. „Da bekommen Sie sofort mit, wenn an der Basis etwas falsch läuft“, sagt er. „Anfang der neunziger Jahre“, so Werner, habe er an den Umsatzzahlen erstmals gesehen, dass das neue Konzept der verteilten Verantwortung funktioniert. Das Wachstum beschleunigte sich. „Zutrauen“, sagte schließlich schon der preußische Reformpolitiker Freiherr vom Stein, „veredelt den Menschen“. Werner und Harsch lächeln, wenn man sie fragt, wo im Laden denn – wie bei Lidl und anderen – die versteckten Kameras zur MitarbeiterKontrolle installiert sind. „Brauchen wir nicht“, sagt Harsch. „Wir haben nur Kameras, die den Mitarbeitern in unübersichtlichen Filialen die Arbeit erleichtern. Aber jeder weiß, wo die sich befinden.“

Der Gründer ■ Götz Werner (64) machte sich nach seiner Drogistenlehre 1973 selbstständig. Er wollte damals das Discount-System des Lebensmittelhandels auf seine Branche übertragen, sein Chef jedoch lehnte ab. Heute setzt sein Unternehmen dm mit 27 000 Mitarbeitern in 1800 Märkten über vier Mrd. Euro um. Deutschlands zweitgrößte Drogeriemarktkette ist in acht weiteren europäischen Ländern tätig. Das Unternehmen gehört jeweils zur Hälfte Werner und Günther Lehmann. Der frühere Lebensmittelhändler mischt sich jedoch nicht ins Tagesgeschäft ein. Werners Sohn Christoph leitet den Aufsichtsrat. Werner ist Professor für Entrepreneurship der Universität Karlsruhe. sl

Der Nachfolger ■ Erich Harsch (47) kam schon Anfang der achtziger Jahre zu dm. Der Datenexperte aus Wien arbeitete sich nach oben, zog in die Geschäftsführung ein und wurde vor vier Jahren die Nummer zwei im Unternehmen und somit Thronfolger von Götz Werner. Vorbilder nennt Harsch nur ungern – das würde seiner Idee von der Eigenständigkeit der Menschen zu sehr zuwider laufen. Er mag Goethe, Schiller, Filme wie Casablanca – „alles, was mit Freiheit zu tun hat“. Während Harsch im Job jetzt in Europas erster Liga spielt, ist er in seiner Freizeit eher unterklassig aktiv. Er spielt Tennis in der Mannschaft des TC Forchheim/TV Mörsch – in der zweiten badischen Bezirksliga. sl

Die Vision ■ Seit einigen Jahren zieht Götz Werner mit seiner Idee des „bedingungslosen Grundeinkommens“ durch die Republik. In Vorträgen, Gesprächen mit Politikern und Interviews vertritt er die Idee, dass der Staat nur vom Verbrauch seiner Bürger leben soll. Alle Steuern werden abgeschafft – bis auf die Mehrwertsteuer, die um 50 Prozent erhöht werden soll. Aus diesen Einnahmen zahlt der Staat den Bürgern eine Grundsicherung, die so hoch sein soll, dass existenzielle Bedürfnisse wie Essen und Wohnen gedeckt sind. Das, so die Theorie, sichert gesellschaftlichen Wohlstand und ermöglicht damit die Teilnahme am sozialen Miteinander. sl

Stabwechsel in der heilen Welt  

DIE WELT 16.Mai.2008