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Oblomow Revisited Premiere: 11.11.2021 Vorberichterstattung Tagespresse  

Gespräch mit Luk Perceval – NZZ Vorhang auf – SZ

Ab S. 3 Ab S. 5

Online     

Luana Velis im Interview über Geld – Focus Online Digitaler Kulturtipp »Oblomow Revisited« – Die Kulturflüsterin/Blog Erfüllte Arbeit oder passioniertes Nichts-Tun – Die deutsche Bühne Facebook Postings – Die Deutsche Bühne Depuis la pandémie, le théâtre fait sa révolution numérique – L’Adn

Ab S. 7 Ab S. 11 Ab S. 13 Ab S. 15 Ab S. 22

Rezensionen Tagespresse    

Nervenzehrend, unterhaltsam und erschütternd – KSTA Nabelschau als Livestream im Internet – KR Hybris der Identifikation – Kommentar – FAZ Hybrides Nichtstun auf der Bühne? – Feuilleton Frankfurt

Ab S. 26 Ab S. 27 Ab S. 28 Ab S. 30

Online  

Kunst macht (zu) viel Arbeit – Die deutsche Bühne Twitch it, Baby! – Nachkritik

Ab S. 33 Ab S. 37

Rundfunk   

»Oblomow Revisited« – Luk Percevals Spiel mit der Verweigerung nach Gontscharow – DLF Fazit Philosophie der Verweigerung – DLF Kultur »Oblomow Revisited« am Schauspiel Köln – WDR 3 Mosaik (Audio)

Ab S. 44 Ab S. 45 Ab S. 46

Pressespiegel der Bühnen Köln • Inhaltlich verantwortlich: Presseabteilungen der Sparten Oper und Schauspiel • meike.becker@oper.koeln • jana.loesch@schauspiel.koeln


Nachberichterstattung Tagespresse 

Interview mit Luana Velis als Teil des Stücks »Oblomow« – KSTA

Ab S. 47

WDR Westart

Ab S. 49

TV

Es folgt noch:   

Werkstatbericht – Die deutsche Bühne (Januar 2022) Zoom Live Gespräch mit Luk Perceval/Lea Goebel – Nachtkritik (4.12.) Dokumentarfilm Oblomow (Erscheinung ??)

Pressespiegel der Bühnen Köln • Inhaltlich verantwortlich: Presseabteilungen der Sparten Oper und Schauspiel • meike.becker@oper.koeln • jana.loesch@schauspiel.koeln


Neue Zürcher Zeitung vom 02.11.2021

Autor: Seite: Ressort: Rubrik: Weblink:

Bernd Noack 29 bis 29 Feuilleton Zürich http://www.nzz.ch/

Mediengattung: Tageszeitung Auflage: 64.652 (verkauft) ¹ 91.624 (verbreitet) ¹ Reichweite: 0,231 (in Mio.) ²

¹ WEMF Auflagenbulletin 2020 ² MACH Basic 2021-1

Nichtstun ist eine Herausforderung Das Schauspiel Köln bringt «Oblomow» auf die Bühne – und bricht dabei ein Tabu: Die Proben werden im Stream gezeigt Bernd Noack Es sei ein Experiment, sagt Luk Perceval. Und es scheint, er selbst sei ein wenig überrascht darüber, dass es klappt. Seit Wochen arbeitet er mit Schauspielern am Kölner Theater an einer Bühnenfassung von Iwan Gontscharows Roman «Oblomow» – aber keineswegs unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Die Proben kann man live zu Hause am Bildschirm verfolgen. Bei der ersten Übertragung schalteten sich 8000 Zuschauer dazu und blickten in eine grosse, unwirtliche Halle, in der ein paar Menschen wuseln. Im Mittelpunkt steht ein wuchtiges altes Sofa, auf dem vier Personen sitzen und mit Text und vor allem eigenen Gedanken spielen. Der Regisseur Perceval als Beobachter umkreist sie: «Das Thema von ‹Oblomow› ist ja Nichtstun. Also will ich jetzt einmal sehen, wie ihr das macht. Was bedeutet es für einen Schauspieler, nicht zu spielen?» Der lange Weg Dann hocken sie und schweigen, sehen sich an, befühlen sich, lassen viel Zeit verstreichen. Was aber kann für den Zuschauer, daheim vor seinem Bildschirm, daran interessant sein? Der Theaterkonsument will doch das fertige Produkt, er verlässt sich darauf, dass eine Inszenierung abgeliefert wird, die von Anfang bis Ende durchdacht ist. Da will er keine Hänger, will nichts wissen von den privaten Befindlichkeiten der Figuren da vorne, keine Diskussionen darüber, ob das, was gerade gespielt wird, sinnvoll ist oder nicht. Und will auch nicht sehen, wie der Hospitant Kaffee holt. Und einen Regisseur, der mittendrin zugibt: «Ich weiss auch nicht!», den will er schon gar nicht. Mit alldem aber muss sich auseinandersetzen, wer die Proben im Kölner Schauspiel live verfolgt. Es ist Abend,

drei Stunden werden vergehen, in denen im deutschsprachigen Schauspielbetrieb erstmals zeitgleich miterlebt werden kann, wie Theater tatsächlich entsteht. Der mühsame, mit unendlich viel Redundanz gepflasterte Weg von der ersten Leseprobe bis zur fertigen Inszenierung ist zu verfolgen, und für die meisten Interessierten mag es ernüchternd sein, für manche langweilig, für andere spannend. Die Idee zu diesem Experiment kam Luk Perceval während des Lockdowns. Die Schauspielhäuser waren geschlossen, manche setzten auf Streaming und übertrugen ihre fertigen Produktionen direkt ins Wohnzimmer. Damit konnte sich Perceval nicht anfreunden, und er dachte noch weiter: Was, wenn die Theater wieder öffnen? Wird das Publikum zurückkommen, oder bleibt es aus, weil es sich mit dem Service aus dem Podcast angefreundet hat? Perceval glaubt, dass es notwendig ist, das Theater wieder interessant zu machen für Theaterentwöhnte. Er will sie zurückholen ins Parkett, was seiner Ansicht nach gelingt, indem man den Betrieb transparenter macht. Der Probenraum war seit je ein Sakrileg. Was sich vor der Premiere hinter verschlossenen Türen tat, wurde gehütet wie ein Geheimnis. In letzter Zeit kam dann heraus, dass es wohl auch ein bisschen ein rechtsfreier Ort ist, an dem andere Gesetze herrschen als in der Öffentlichkeit. Schauspieler beschwerten sich über rüde Umgangsformen, über Regisseure, die beleidigen, sich im Ton vergreifen, gesellschaftliche Standards missachten. Hier wurden Kollegen als «Arschlöcher» tituliert und fühlten, dass die Würde des Schauspielers antastbar ist. Das Publikum denkt mit In Percevals Vorstoss steckt der Wille,

Theater demokratischer zu gestalten. Dabei ist es für das Publikum nicht damit getan, nur stumm zuzusehen. Vielmehr kann es sich via Internet an dem Prozess beteiligen. Im Chat kommen Einwürfe und Fragen direkt im Probenraum an. Und es wird auch gleich darüber diskutiert, ein Dialog kommt in Gang, eine Nähe entsteht, die Akteure erfahren, ob ihr Spiel und ihre Gedankenspielerei verstanden werden. In Köln sind derweil Alexander Angeletta, Justus Maier, Kristin Steffen und Luana Velis (auf ihrem Blog finden die Übertragungen statt) vornehmlich mit sich selber beschäftigt. Es ist längst nicht klar, ob sie nun einen «Oblomow»-Text sprechen oder sich über ihre eigenen Gefühlslagen auslassen. Fragmente sind das, Erinnerungen mischen sich mit Rollenspiel, immer wieder gibt es neue Anläufe zu einem Dialog. Die Hauptfigur wird manchmal an die Seite geschoben, stattdessen reflektieren die vier über den Sinn des Lebens mit ganz privaten, intimen Aussagen. Die Kamera – bisweilen so agil und fahrig wie bei Aufführungen von Frank Castorf – verfolgt ihre ungeplanten Wege, zoomt auf abwesende Gesichter, verharrt, zeigt den grossen Raum als Arbeitsbühne, der jeglicher Zauber des Theaters fehlt. Perceval ist bekannt dafür, dass er auch die wirklichen Menschen hinter den Rollen zeigen will. Ein wenig abseits steht er und greift nur behutsam fragend und ordnend ein. Er möchte den Selbstfindungsprozess, der da stattfindet, nicht stören und unterbrechen. «Der Weg zum Text», sagt er später im Gespräch, «führt über die eigenen Gedanken, der Text entsteht aus der Reaktion auf die Gefühle der anderen Mitspieler.» Die eigene Trägheit


Das ermöglicht auch, Unvorhersehbares einzubeziehen. Das heutige Theater sei ihm zu wenig spannend, zu eindeutig. Und gerade das «Oblomow»-Thema, also die völlige Ereignislosigkeit, in die sich der tragische Antiheld tagträumend stürzt, sei da geeignet: Wie gehen wir mit dieser Antriebslosigkeit um, wie mit dem Schweigen, dem Fehlen von Motivation und Energie? Die Schauspieler Wörter: Urheberinformation: © 2021 PMG Presse-Monitor GmbH

erinnern sich an Stunden der eigenen Trägheit, sie fragen sich selber aus, geben sich preis: «So kann es nicht weitergehen», heisst es einmal im Roman. Stillstand auf der Probebühne. Es ist Nacht geworden in Köln. Luk Perceval beendet die Probe und winkt kurz in die Kamera. Im Chat schreibt jemand: «Geile Idee»; ein anderer meckert, das sei doch keine Probe gewesen, eher

902 Alle Rechte vorbehalten. © NZZ AG

«eine Meta-Diskussion». Fragen bleiben offen. Sie werden am nächsten Tag sicherlich aufgegriffen, wenn sich die Schauspieler wieder in die Karten schauen lassen. Jetzt klatscht die Truppe erst einmal den unbekannten Beobachtern Beifall und geht dann in die Bar. Ohne Kamera. So viel Privatsphäre muss bleiben.


Süddeutsche Zeitung vom 11.11.2021 Autor: Seite:

CHRISTIANE LUTZ 10

Ressort: Ausgabe:

Feuilleton Hauptausgabe

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¹ von PMG gewichtet 07/2021 ² von PMG gewichtet 07/2021

Vorhang auf Eigentlich tabu: Das Schauspiel Köln öffnet Proben für das Publikum. Will man das sehen? VON CHRISTIANE LUTZ Ich check’s nicht“, schreibt ein Nutzer, „bin verwirrt“. „Die ist doch Schauspielerin!“, ein anderer. „Ja und? Schauspieler sind auch nur Menschen.“ Die Verwirrten schauen live dabei zu, wie Schauspielerin Luana Velis in der Sinnkrise steckt und lieber nicht zu den Proben erscheint. Stattdessen tippt sie melancholische Tagebucheinträge und streamt das im Internet. In der Kommentarspalte ploppen besorgte Nachrichten ihrer Kollegen auf. „Kann es sein, dass wir jetzt in der eigentlichen Inszenierung sind?“, fragt ein Nutzerg. Wenn man das wüsste. Wir wissen jedenfalls: Wir sehen die Entstehung von „Oblomow revisited“ nach Iwan Gontscharow, inszeniert von Luk Perceval am Schauspiel Köln. Dort hat man beschlossen, die Proben digital zugänglich zu machen. Es gibt ein Blog, einen Instagram-Kanal und Streams auf der Plattform Twitch, in denen man dem Team bei der Arbeit zusehen kann. Stundenlanges Material ist seit September entstanden, vieles davon genauso mühsam anzuschauen, wie man sich das vorstellt. Die Probenarbeit am Theater ist sakrosankt – eigentlich. Ein geschützter Raum für die Künstler, sich auszuprobieren, zu streiten, zu heulen. Nur in Ausnahmen dürfen Unbefugte zuschauen. Die Inszenierung gilt als das fertige Produkt, der Weg dorthin bleibt unsichtbar. Zu groß die Sorge, dass vorzeitig beurteilt wird, Entzauberung stattfindet, Privates öffentlich wird. Manchmal sind Proben auch schlicht langweilig. Einem Koch will man ja auch nicht unbedingt beim Schnibbeln des Gemüses zuschauen. Doch es gibt gute Gründe, die Probenarbeit zu öffnen, zumindest ab und zu. Proben zu streamen, heißt etwa, sich digitalen Kanälen zu öffnen und zu

schauen, welch künstlerisches Potenzial darin schlummert. Während der Pandemie waren die Theater darin jetzt nicht ganz vorn mit dabei, das Schauspiel Köln war da eher die Ausnahme. Außerdem tut mehr Transparenz gut, um zu zeigen, welch großen Wert Theater hat, besonders jetzt, wo allerorts Kulturetats gekürzt werden. Und nebenbei sind öffentliche Proben sicher eine wirksame Compliance-Maßnahme, nach den Debatten um Machtmissbrauch und fragwürdige Umgangsformen von Regisseuren. Wobei Luk Perceval, soweit man das hier sehen kann, der wohl freundlichste und unprätentiöseste Regisseur zumindest mal in Köln ist. Der wiederum, seit 40 Jahren im Geschäft, gibt als Grund für die öffentlichen Proben an: „Wir sind eine geschlossene Gesellschaft. Wir machen Theater für Leute, die eh schon ins Theater gehen.“ Im Internet hofft er, Neugier bei zufällig Vorbeigestolperten zu wecken, die sich dann vielleicht auch ins Theater trauen. Bei der ersten Probe schauten zwischendurch 8000 Menschen auf Twitch zu, für einen Theaterstream gigantisch viele. Perceval sagt auch: Die fertige Inszenierung sei gar nicht das Spannendste, die sei oft geprägt von Kompromissen und nur eine Reduzierung dessen, was vorher erarbeitet wurde. „Probieren finde ich schöner als die Vorstellung, weil während der Probe eine Synchronisierung des Lebens mit der Probe stattfindet.“ Wer die Proben begleitet, sieht, was er meint. Es beginnt mit der Ankunft von Schauspielerin Luana Velis in Köln. Sie spielt „Oblomowa“, die berühmte Nichtstuerin, jeder Gesellschaft überdrüssig. Velis filmt ihre Unterkunft, geht ins Restaurant, sie ist zu sehen beim Textlernen, beim Aquariumkauf, beim U-Bahn-Fahren. So weit, so Gemüseschnibbeln.

Meta wird das Ganze, als Velis ihren Kollegen gesteht, dass sie sie seit Tagen schon heimlich filmt. Plötzlich debattieren Schauspieler vor laufender Kamera, wie viel von sich sie in ihrem Beruf preisgeben müssen und ob das „Authentische“ überhaupt eine Kategorie im Theater sein muss, einer Kunst, die von der Behauptung lebt. Sie entscheiden, weiterzustreamen. Dann, als Velis nicht zur Probe kommt und in nächster Eskalationsstufe beschließt, die Wohnung überhaupt nicht mehr zu verlassen, synchronisiert sich scheinbar wirklich das Leben mit der Probe. Ganz im Sinne der „Oblomowa“ verweigert sich Velis fortan dem gesellschaftlichen Leistungsdruck. Die Premiere scheint in Gefahr zu sein. Tränen, Herzchen-Emojis. Ein digitaler Zuschauer tröstet: „Krankschreiben lassen. Und einfach mal rumpimmeln.“ Da sitzt man dann also vor Twitch und fragt sich, ob das vielleicht tatsächlich die inszenierte Inszenierung der Inszenierung ist. Schließlich sind wir am Theater. Wäre alles inszeniert, wäre das aber kein Verlust, im Gegenteil, es fügte dem Projekt nur eine weitere künstlerische Ebene hinzu, Authentizität in der Kunst braucht eh kein Mensch. Mit den Mitteln des Theaters wird in Köln der Zauber des Theaters dokumentiert. Die Kunst kann davon profitieren, wer sich auf das Spiel einlässt, auch. Und ob es nun echte Prben sind, oder nicht, echte Tränen, oder professionell herbeigefühlte, ist am Ende egal. Ob Luana Velis zur Premiere am Donnerstag erscheint, ist auch nicht so wichtig. Die Vorstellung hat ja längst begonnen. Bei den Proben sollen sich Künstler ausprobieren, streiten, heulen dürfen Das Ganze ist hier weniger Transparenz-Offensive, als viel mehr große Inszenierung


Theater ist schön, macht aber sehr viel Arbeit. Das „Oblomow“-Team um Luk Perceval (links oben) lässt sich dabei zuschauen. Foto: Schauspiel Köln Wörter: Urheberinformation: © 2021 PMG Presse-Monitor GmbH

766 DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München


20.09.2020 RUBRIK: Finanzen https://www.focus.de/finanzen/und-ihr-geld-so/und-ihr-geld-so-luana-velis-eine-solide-renteals-schauspieler-das-ist-schon-das-hoechste-der-gefuehle_id_24252098.html

Und Ihr Geld so, Luana Velis? „Eine solide Rente als Schauspieler, das ist schon das höchste der Gefühle“

Die Schauspielerin Luana Velis, derzeit zu Gast beim Schauspiel Köln.

Schauspiel Köln/Ana Lukenda/Luana Velis

Freitag, 17.09.2021, 19:10 Viel verdient man auf der Theaterbühne nicht - und die Corona-Krise hat die Zustände in der Branche noch verschärft. Im Interview mit FOCUS Online erklärt Schauspielerin Luana Velis, wie ihr Beruf den Umgang mit Geld geprägt hat und was sich nicht nur am Theater, sondern an der Gesellschaft generell ändern muss.


Schauspielern – das kann, unter Umständen, weit nach oben führen. Hat Geld eine Rolle bei ihrer Berufswahl gespielt? Luana Velis: Tatsächlich hatte ich mich für Jura und Medizin eingeschrieben, mich aber dann doch für das Theater entschieden. Ich komme aus einer Künstlerfamilie, mein Vater, ein Chilene, ist Musiker, eine Tante Tänzerin. Solche Berufe ergreift man nicht, um Geld zu verdienen, da gibt es Höhen und Tiefen, das wusste ich, bevor ich mich auf diesen Beruf eingelassen habe. Mein Gedanke war eher: Meine Generation muss bis 70 arbeiten. Daher muss ich etwas machen, hinter dem ich stehe, was mir Spaß macht und mich erfüllt. Es ist keine rationale, sondern eine leidenschaftliche Entscheidung gewesen. Dennoch ist der Beruf mit Leistung verbunden. Fürs Studium muss man eine Aufnahmeprüfung schaffen. Die Plätze sind hart umkämpft. Darum habe ich das auch als Chance und sogar Privileg begriffen, als ich aufgenommen wurde. Niemand macht diesen Beruf, um reich zu werden. Das ist aber auch ein Dilemma in der Branche. Weil unser Beruf mit einer großen Hingabe und Leidenschaft verbunden ist, nehmen wir vieles in Kauf. Wer auf Geld und Sicherheit setzt, der wird sich kaum in diesem Betrieb wiederfinden. Wie steht es den um die Gagen – verhandelt die jeder Schauspieler selbst? Velis: Genau. Das bleibt jedem selber überlassen. Da kann man sich schlechter oder besser anstellen. Unsere Gewerkschaft, der Bühnenverein, hat leider den Anschluss zu uns Künstlerinnen und Künstler über die Jahre verloren und nicht dafür gesorgt, dass sich unsere soziale Lage verbessert. Die Einstiegsbedingungen in den Beruf sind darum enorm schwierig. Unser Vertrag, der sogenannte NV Solo Vertrag, wurde vor Jahrzehnten formuliert und ist mittlerweile veraltet. Dem Gehalt, was andere Berufe mit einem Diplomabschluss bekommen, wird das nicht gerecht. Auf der anderen Seite gibt es einen enormen Leistungsdruck, Sorge ums eigene Prestige und große Lust seinen Beruf ausüben zu „dürfen“. Für bessere Arbeitsbedingungen einzutreten und anzutreten, ist durch die befristeten Verträge eine sensible Angelegenheit. Und Ihr Geld so, Luana Velis? Bar oder mit Karte? Inzwischen lieber mit Karte. Aktien oder Sparbuch? Ich habe nur ein Girokonto. Die ersten 1000 Euro – geschenkt oder verdient? Ich bin früher oft zwischen Chile und Deutschland gependelt – dafür habe ich gekellnert, also selbst verdient. Bewegungen wie das Ensemblenetzwerk wollen daran etwas ändern – etwa, Gagen offenzulegen, oder die sozialen Bedingungen im Kunstbetrieb zu verbessern. Da gibt es Bewegung, was für die nächsten Theatergenerationen hoffen lässt. Die ersten Erfolge gibt es da bereits. Die Aufklärung und Arbeit des Netzwerks hat die Mindestgage innerhalb von ein paar Jahren um 600 Euro erhöht. Was hat Sie eher geprägt beim Thema Geld – die Familie, oder die Arbeit im Theater?


Velis: Ich glaube, ich habe schnell verstanden, dass es einige Probleme im System gibt. Vor 20 oder 30 Jahren, da blieben Intendanten und auch die Schauspieler länger an den jeweiligen Häusern. Heute ist das anders, nicht nur in der Kunst. Man spricht ja auch von der „Generation Praktikum“. Der „Theaterbetrieb“ rotiert heute viel schneller. Theater wechseln den Intendanten oder die Intendantin, und die Schauspieler ziehen mit oder nicht. Das prägt mein Leben und meinen Umgang mit Geld. In 7 Jahren in meinem Beruf habe ich dreimal die Stadt gewechselt. Das heißt, ich musste immer neu am Mietmarkt ankommen, und komme erst gar nicht dazu, mir etwas aufzubauen. Wir sind außerdem darauf angewiesen, zentral zu wohnen, weil die Theater meist in der Innenstadt sind. Teilweise arbeiten wir bis ein Uhr nachts, mit Vorstellungen und Nachbesprechungen, und probieren morgens direkt wieder. Im Schnitt habe ich 4 Arbeitswege am Tag. Dann nochmal stadtauswärts pendeln, das geht nicht. Ein kurzer Arbeitsweg ist wichtig. In der Innenstadt zu wohnen ist aber teuer, und das wird in den Gagen nicht automatisch berücksichtigt. Wie gehen denn Ihre Kollegen mit Geld um? Velis: Der Umgang mit Geld ist kein freiwilliger. Ich habe nie unglaublichen Reichtum in der Branche erlebt, und nicht den Luxus, das Geld anzulegen, oder sich darüber Gedanken zu machen, was man mit dem vielen Ersparten macht. Ältere Kolleginnen und Kollegen leisten sich vielleicht mal eine Wohnung, vielleicht eine Ferienwohnung oder genießen eine solide Rente. Das ist dann das höchste der Gefühle. Ein Top-Gehalt am Theater ist nicht mehr als das einer Lehrkraft. Ich denke, wir ziehen aber aus unserem Beruf andere Werte als Geld. Und Sie persönlich – sparen Sie viel von den Gagen, oder gönnen Sie sich auch mal etwas? Velis: Generell überdenke ich eher hart mein Konsumverhalten. Wir sind eine leistungsorientierte Gesellschaft, wo alles immer höher, weiter und rentabler sein muss. Ist das gesund, für uns? Oder unseren Planeten? Das wahre Luxusgut ist doch Zeit. Aber wenn ich Mal Geld habe, lege ich es zurück. Beim Theater geht es auch wirklich um Existenzen. Persönlich habe ich mir mit mehr Gehalt eine etwas teurere Wohnung geleistet und bin aus einer WG in meine vier eigenen Wände gezogen. Theater gilt nicht als moderne oder rentable Unterhaltung. Ist Geld darum, im gesamten Betrieb, oft ein Thema? Velis: Das würde ich nicht sagen, dass es eine Misswirtschaft gibt. In den Häusern, in denen ich gespielt habe, war es oft oder immer ausverkauft. Theater bietet einen wichtigen Raum, uns kollektiv zu erleben, ganz analog, wie bei einem Konzert, einem Festival oder auch in der Kirche. Da gibt es durchaus eine große Sehnsucht.

Zur Person Luana Velis, geboren 1988 in Bergisch-Gladbach, ist freie Schauspielerin am Residenztheater in München, dem Schauspiel Köln und dem Schauspielhaus Frankfurt. Die Deutsch-Chilenin studierte an der Folkwang Universität der Künste in


Bochum Schauspiel und sammelte erste Bühnenerfahrungen am Schauspielhaus Bochum. Für ihre Arbeit wurde Velis 2015 beim Theatertreffen der deutschsprachigen Schauspielstudierenden mit dem Solopreis ausgezeichnet, in der Spielzeit 2016/2017 kürte eine NRW-Kritikerumfrage Velis zur besten Nachwuchsschauspielerin. Für ihre Hauptrolle im Kinofilm „Luz“ von Tilman Singer wurde sie beim brasilianischen Fantapoa Filmfestival als „Beste Schauspielerin“ ausgezeichnet. In der kommenden Spielzeit ist sie am Schauspiel Köln in „Oblomov“ zu sehen. Spürbar sind aber die Machtstrukturen am Theater. Es gibt ein großes Gehaltsgefälle innerhalb des Betriebs. Beim Theater arbeiten enorm viele Leute hinter der Bühne, das Eventmanagement, Licht- und Tontechnik, Kostüm- und Bühnenbild, Kommunikation und Marketing, Dramaturgie, Leitung, und so weiter. Da wird viel gearbeitet und auch ausgebildet. Nur geht die Gehaltsschere weit auseinander. Man hat oft nur befristete Verträge, da fällt es schwer, den Mund aufzumachen und Missstände anzuprangern. Am Anfang bekommt man nur Mindestgehalt. Davon muss man dann leben, während man zum Beispiel in einem Stück spielt, in dem für jede Aufführung eine Glasscheibe zerschmettert wird, die hunderte Euro kostet. Eine Kollegin spielte mal mit einem Eisblock auf der Bühne, jeden Abend, und berichtete mir dann: „Ich spiele da mit Mindestgage, und dieser Eisblock kostet mehr als ich.“ Diese Verhältnisse sind absurd. Von welchen Gagen reden wir dabei? Velis: Als ich eingestiegen bin, lag das Mindestgehalt bei 1950 Euro – brutto. Mittlerweile hat sich das gebessert, auf 2300 Euro brutto. Wir arbeiten aber auch viel und das gerne. Vormittags und nachmittags proben, den Text in der Mittagspause lernen, und dann kommen die Aufführungen abends, am Wochenende und an Feiertagen dazu. Corona hat viele Freiberufler und Kunstschaffende zum Nichtstun verdammt – hat das ihre Einstellung zu Geld verändert? Velis: In den letzten Monaten ging ein offener Brief der Schauspielerin Julischka Eichel herum, der gut zusammengefasst hat, wie viel Frust die Situation mit sich bringt. Wenn man am Theater arbeitet, ist man angestellt, freischaffend, aber eben nicht selbstständig. Darum sind wir bei den Corona-Hilfen durch alle Raster gefallen, die aufgelegt wurden. Der Arbeitslosenagentur musste man tausendmal beweisen, dass man nicht arbeiten kann und keinen Vorteil aus der Situation ziehen will. Die sind schlicht nicht mit der Situation von Künstlern vertraut. Die Theater haben manchen die Gehälter weitergezahlt, manchen nicht, anderen eine Abfindung gezahlt, oder Projekte verschoben. Selbst große Theater haben sich nicht unbedingt mit der freien Szene und den freien Künstlerinnen und Künstlern solidarisiert, sondern nur die eigene Haut gerettet. Mir machte auch Sorgen, wie alles in systemrelevant und nicht systemrelevant unterteilt wurde. Auf lange Sicht hat das Auswirkungen, wenn jeder nur noch daheim ist und sich alles aus dem Netz zieht. Dafür sind Theater, Kunst und Kultur, Klubs und Gastronomie ja da, um Gesellschaft zu erleben und ihr Bindegewebe zu stärken.


17.10.2021, RUBRIK: ALLGEMEIN https://kulturfluesterin.com/kulturtipp-oblomow-revisited_schauspielkoeln/#more-15920

Digitaler #Kulturtipp: “Oblomow revisited” am Schauspiel Köln

Den Entstehungsprozess einer Theaterinszenierung von Anfang bis zum Ende begleiten: Das kann man momentan am Schauspiel Köln, wo der Regisseur Luk Perceval gemeinsam mit vier Ensemblemitgliedern des Hauses das Stück “Oblomow revisited” frei nach Iwan Gontscharows Roman OBLOMOW erarbeitet.

Wenn der private Raum öffentlich wird und der öffentliche privat: Das Schauspiel Köln wagt mit der Begleitung des Probenprozesses der Inszenierung OBLOMOW REVISITED in den Wochen vor der Premiere am 11. November 2021 ein sehr interessantes Experiment. Seit Anfang Oktober arbeitet Luk Perceval gemeinsam mit seinen Schauspielerinnen und Schauspielern an einer Bühnenadaption von Iwan Gontscharows Meisterwerk über den lebensuntüchtigen Oblomow, der lieber seine Tagträume pflegt, als Ordnung in seinem Leben zu schaffen.


Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Ensemblemitglieder Alexander Angeletta, Justus Maier, Kristin Steffen und und Luana Velis sich täglich auf den unterschiedlichen digitalen Bühnen bewegen. Ist das, was man als Zuschauer:in auf Twitch, dem Tumblr-Blog des Projekts OBLOMOW REVISITED, dem VimeoKanal des Schauspiel Köln und auf Instagram sieht, tatsächlich echt oder ein Spiel mit der Realität, das am Ende ein Teil der Bühneninszenierung werden wird? Besonders spannend sind in diesem Zusammenhang die Aktivitäten des Ensembles auf Twitch: Das digitale Publikum kann Luana Velis Privatleben dort als eine Art Probentagebuch mit verfolgen – zum anderen werden einzelne Proben von OBLOMOW REVISITED live auf Twitch gestreamt Das Team der Inszenierung lässt die Zuschauer:innen auch an jenen Gesprächen teilhaben, in denen deutlich wird, wie schwierig die Gratwanderung zwischen der digitalen und analogen Welt bisweilen ist: Das, was man in den sozialen Netzwerken und auf dem Tumblr-Blog über die Entstehungsgeschichte von OBLOMOW REVISITED erfährt, wirkt auf mich sehr authentisch: Schon immer habe ich das Theater als einen Ort wahrgenommen, an dem während eines Probenprozesses eine eigene Meta-Realität geschaffen wird. Der Regisseur Luk Perceval ist der respektvolle, umgängliche und an der Meinung seiner Schauspielerinnen und Schauspieler interessierten Arbeitspartner, den man für ein derart umfangreiches digitales Unterfangen wie das am Schauspiel Köln braucht – ich hoffe sehr, dass es nicht nur diesem einen Experiment in Sachen Probenbegleitung am Haus bleibt.


22.10.2021, Rubrik: BLOG https://www.die-deutsche-buehne.de/erfuellte-arbeit-oder-passioniertes-nichts-tun

Aktuelles: Erfüllte Arbeit oder passioniertes Nichts-Tun Von Detlev Baur am 22.10.2021 • Bild: Screenshot von Luana Velis' Twitch-Account Das Bild zeigt: „Oblomow revisited“ im schwierigen Probenprozess

Wie wir bereits auf Facebook berichtet haben, begleitet das Schauspiel Köln den Entstehungsprozess der Inszenierung von „Oblomow revisisted“ in der Regie von Luk Perceval auf einem Blog und dem Twitch-Kanal der Hauptdarstellerin Luana Velis. Wir wollen diesen Versuch für neue digitale Theaterformen intensiv verfolgen und im Januarheft in einem Werkstattbericht reflektieren. Und das obwohl wir als Theaterzeitschrift und -portal im Premierenfeuerwerk nach der Theaterzwangspause der letzten anderthalb Jahre derzeit wahrlich gut beschäftigt sind. Langeweile kommt in der Redaktion nicht auf – manchmal aber der Traum, bewusst Leerlauf ins Arbeitsleben zu integrieren. Die multimediale Auseinandersetzung bringt uns zumindest gedanklich dem Nichts-Tun näher – und macht neue Arbeit, die paradoxerweise jedoch auch persönlich anregend ist.


Gestern fand also eine wieder live gestreamte Probe zu „Oblomow revisited“ statt. Tatsächlich fand sie aber nicht statt. Luana Velis verschanzte sich gleichsam zu Hause. Wie schon in Videoausschnitten der letzten Tage zu erfahren gewesen war, macht ihr die Darstellung der passionierten Müßiggänger-Figur als Schauspielerin zu schaffen und bringt sie zunehmend in eine Theaterverweigerungshaltung. Gestern konnte man ihr also über Twitch eine gute Stunde dabei zusehen, wie sie versucht, ihre Gedanken in einem Tagebuch zu fassen, sich gleichzeitig mit dem Ensemble der Produktion über einen Chat austauscht und den Chat der Zuschauer kommentiert. Weitgehend Stille, manchmal ein Schnaufen der sozial gestressten Verweigererin, dann ein Video-Anruf der guten Seele Kristin Steffen, die die Olga probt. Auch die Ansicht auf Luanas Kurzrecherchen im Netz zu Themen wie Burnout. Es entstand ein assoziatives Spiel, das engen Bezug auf die Buchvorlage nimmt, sie mit der sozialen Wirklichkeit der Darstellerinnen und Darsteller verbindet. Man könnte darin eine Verbindung aus Bühnenarbeit und dramaturgischer Begleitung, wie sie früher im Programmheft sichtbar wurde, sehen; die Dramaturgin Lea Göbel spielt im Probenprozess eine wichtige Rolle. Im Konflikt mit der schwierigen Kollegin Luana sind auch die Schauspieler Alexander Angeletta und Justus Maier in vorangegangenen Videos zu sehen. Und der geduldige, aber keineswegs planlose, vermutlich auch insgeheim manipulierende Regisseur Luk Perceval bei der Probenarbeit. „Oblomow revisited“ ist bislang für mich eine ungewöhnliche, letztlich aber auch künstlerische Auseinandersetzung mit Stoff und Gegenwart. Allein, wer das Drama in allen digitalen Verästelungen verfolgen will, benötigt viel Zeit und Muße. Fortsetzungen folgen.








Posting vom 12.11.2021


5.11.2021, Rubrik: MONDES CRÉATIFS https://www.ladn.eu/mondes-creatifs/twitch-dramazon-prime-theatre-revolution-numerique/

Depuis la pandémie, le théâtre fait sa révolution numérique Par LILA MEGHRAOUA - Le 5 novembre 2021 Accueil > Mondes créatifs > Depuis la pandémie, le théâtre fait sa révolution numérique

Est-ce que la crise du Covid aurait permis au théâtre de faire sa révolution numérique ? Les expérimentations menées au Schauspiel Köln montrent qu'on a passé le cap des simples captations vidéos. « Les premiers mois, on a pensé que les formats digitaux qu’on expérimentait ne seraient que des solutions de secours, qu’on les abandonnerait dès la réouverture des salles », se rappelle Lea Goebel. La jeune femme reconnaît qu’aujourd’hui le digital ouvre à de nouvelles formes de mise en scène. Lea Goebel est dramaturge au Schauspiel Köln, un des grands théâtres d’outre-Rhin. Avec Roman Senkl, dramaturge également, à la tête d’un labo d’exploration des nouvelles formes et écritures numériques au festival Berliner Festspiele (l’équivalent d’Avignon), elle intègre le digital aux créations théâtrales auxquelles elle collabore. « [À Cologne], on a d’abord testé des formats assez simples comme la captation vidéo de nos pièces. Mais la troupe avait envie de plus ». Du coup, le théâtre a lancé une offre totalement digitale, baptisée avec humour Dramazon Prime. L’une des premières productions diffusées a été Vögel de Wajdi Mouawad, l’actuel directeur du Théâtre national de la Colline. La pièce a été filmée avec une technique utilisée par le cinéma, le split-screen. Jusqu’à 6 caméras tournent en même temps, mais au moment de la diffusion, cela permet de scinder l’écran en plusieurs fenêtres de tailles inégales. « La technique du split-screen permet aux spectateurs de voir plusieurs points de vue de ce qui se trame sur scène » explique Lea Goebel. Contrairement aux captations traditionnelles qui imposent un seul écran, et donc une seule manière de regarder la scène, le split-screen laisse le spectateur choisir ce qu’il veut voir. Comme quand il est dans la salle en somme. « La réception de la pièce a été tellement positive qu’on a envie de réutiliser cette technique sur une mise en scène de Nathan le Sage de Lessing qu’on vient de présenter face à un public physique ».


Dramazon Prime a donc été maintenu. Pour cette saison, les spectacles digitaux ou hybrides apparaissent sur le programme du théâtre avec un petit macaron « Digital » qui indique que le spectacle sera aussi visible en ligne. « D’un coup, on étend le champ d’expérimentation du théâtre », abonde Roman Senkl. On explose ses frontières, aussi. Un spectacle tel que Vögel a été diffusé en plusieurs langues sur Internet. On pouvait ainsi aller au théâtre depuis son canapé parisien et voir en direct la pièce suivie par des spectateurs installés à plusieurs milliers de kilomètres. Certaines représentations en ligne ont rassemblé jusqu’à 400 personnes alors que la salle du Schauspiel Köln n’en dispose que de 200. Dans Hypnos, une autre production digitale, un « audiowalk individuel » a été proposé. Le spectateur était invité à marcher pour écouter l’expérience théâtrale. En somme, avec Dramazon Prime, aller au théâtre peut se faire depuis n’importe où, sans limites.

De 0 à 8 000 spectateurs Une autre production du même Schauspiel Köln poursuit son idée d’effacer les frontières entre la troupe et son public. Luk Perceval, un des metteurs en scène phare du théâtre allemand, a décidé d’ouvrir les portes des répétitions avec Oblomow Revisited, son adaptation du chef-d’œuvre d’Ivan Gontcharov, Oblomov. La pièce sera présentée en physique le 11 novembre prochain mais la très grande majorité des répétitions ont été diffusées sur Twitch. « D’habitude le public voit un produit fini. Mais le temps des répétitions est un temps où l’équipe est très vulnérable, très sensible. On négocie, on tâtonne », rappelle Lea Goebel. En brisant le mur des répétitions et en faisant de tout utilisateur de Twitch un commentateur, voire un co-créateur, Luk Perceval permet de rendre les processus créatifs moins mystérieux. Il « suscite la curiosité et l’envie des spectateurs », commente Lea Goebel. « Depuis quelques années, le spectacle vivant échoue à retrouver un public jeune. Ce serait une erreur de penser que simplement en allant sur Internet, on va automatiquement retrouver des spectateurs plus jeunes ». L’approche de l’équipe est d’ailleurs multiplateforme. Sur Tumblr « la troupe partage quotidiennement un texte, une image ou une vidéo pour documenter le processus de création », et un fil Instagram est alimenté par les comédiens.


Séance de répétition à distance en live sur Twitch

Dans le texte original d’Oblomov, un jeune aristocrate russe refuse de quitter son sofa. Dans Oblomow Revisited, le personnage d’Oblomov est devenu Oblomowa, une jeune femme qui s’enferme aussi chez elle et refuse de retrouver la lourdeur du quotidien. Le sujet résonne furieusement avec nos angoisses de sorties de confinements. « Luana Velis (qui tient le rôle principal, ndlr) a expliqué qu’elle voulait utiliser Twitch comme une forme de journal intime d’une comédienne, un peu aussi comme une préparation à son rôle ». Au départ, on la voit évoluer chez elle, raconter son emménagement dans une nouvelle ville, son métier. Elle explique comment elle apprend son texte.

Un théâtre de l’interaction La première répétition diffusée sur Twitch mi-octobre a dépassé toutes les espérances. Les deux premières heures, 8 000 personnes étaient présentes en continu. « Sur la dernière heure, ils étaient 3 000 ». Et en 24 heures, la vidéo a été cliquée 220 000 fois. Aujourd’hui, les streams quasi quotidiens rassemblent un public plus modeste (environ 300 vues). « C’est propre à Internet, explique Roman Senkl, une communauté, ça se construit au fil du temps ». Mais l’équipe est nourrie de ces échanges en continu. « Le public nous pose plein de questions pendant les streams sur la fabrication d’une pièce, sur ce qui est réel ou fictif dans ce qu’ils sont en train de regarder ». Un va-et-vient créatif qui a ses écueils. Luana Velis, la comédienne qui incarne Oblomowa, s’est mise à refuser à date de venir aux répétitions. Le metteur en


scène a accepté d’expérimenter une répétition à distance : Luana joue de chez elle via Skype et interagit avec le reste de la troupe qui est dans la salle de répétition. Luk Perceval semble un peu perdu. Qui regarder ? La caméra qui retransmet la scène sur Twitch, les commentaires des spectateurs, Luana Velis qui joue sur un écran ou les comédiens face à lui qui échangent avec un avatar numérique ? Exténué, il démissionne en direct. Les comédiens tentent de répéter sans metteur en scène. « Les internautes pourraient nous aider à mettre en scène », balance un des comédiens. Depuis, Luk Perceval a retrouvé sa troupe. Mais Oblomowa, elle, végète dans le calme de sa chambre. Où est la fiction ? Quelle est la part de l’improvisation ? Celle du calcul ? C’est le théâtre et ses fameux coups qui se trouvent désormais merveilleusement augmentés.


13.11.21, 09:00

Kölner Stadt-Anzeiger e-paper

https://epages.ksta.de/data/147002/reader/reader.html?t=1636790354829#!preferred/0/package/147002/pub/194144/page/22/alb/5474098

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13.11.21, 09:06

Kölnische Rundschau e-paper

https://epages.rundschau-online.de/data/146988/reader/reader.html?t=1636790639441#!preferred/0/package/146988/pub/194113/page/6/alb/5473799

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12.11.2021, Rubrik: FEUILLETON https://m.faz.net/aktuell/feuilleton/koelner-schauspiel-oblomow-revisited-feiert-premiere17631088.amp.html THEATERVERSUCH IN KÖLN

Hybris der Identifikation EIN KOMMENTAR Von Simon Strauß 12.11.2021

Allein unter Dreihundert: Luana Velis im Home-Office Bild: SCHAUSPIEL KÖLN Das Hamsterrad alleine laufen lassen: Am Kölner Schauspiel versucht sich eine Hauptdarstellerin im passiven Widerstand und schafft dabei mit großer Ankündigung: nichts

Also gut, die Frage immerhin zählt: Was würde man tun, wenn man nichts tut? Nicht arbeitet, nicht wetteifert, nicht hochkommen will. Das Hamsterrad allein laufen lässt. Ließe sich so nicht endlich der Markt besiegen? Aktiver Widerstand durch bedingungslose Passivität? Genialer Gedanke. Darauf gekommen ist die Hauptdarstellerin einer Kölner Schauspielproduktion, die sich mit Gontscharows 1859 erschienenem Nichtstuer-Roman „Oblomow“ beschäftigen wollte. Allerdings befiel Luana Velis schon bald nach Probenbeginn die Hybris der Hyperidentifikation – weil die Schauspielerin ihren Text ganz persönlich nehmen wollte, entschied sie sich, zu Hause zu bleiben. Allein? Nein, natürlich nicht, denn allein sein kann man ja heute nur noch, wenn einem dabei andere zuschauen. Also wurde das Ganze mit Hilfe eines marktwirtschaftlich orientierten Streaming-Anbieters live übertragen. „Twitch“ heißt der, was so viel bedeutet wie „nervöse Zuckungen“ – also nichts mit Ruhe bewahren. Lange Gesprächssequenzen hat Velis hier in den vergangenen Wochen festgehalten, Grundsatzdiskussionen mit ihrem Ensemble, mit dem Regisseur Luk Perceval, mit sich selbst. Sie filmt dabei ihre Wohnung, ihr Aquarium, ihre Zimmerpflanze.


Marodes Theatersystem Sie will radikal sein. Aber immer, wenn sie das „ganze System einmal packen und richtig schütteln“ will, schiebt der Betreiber dummerweise gerade einen Werbeblock für ein neues iPhone oder eine Investment-Bank dazwischen. Da kann sie sich noch so leidenschaftlich vom Wettbewerbsgedanken verabschieden – der Betreiber duldet ihr „prefer not to“ nur so lange, wie die Quote stimmt. Etwas mehr als dreihundert Zuschauer waren es im Durchschnitt. Für die legt Velis sich ins Zeug, lässt tief in ihre Seele blicken, summt Einschlaflieder, redet vom „maroden Theatersystem“. Wobei offen bleibt, was genau marode ist: Das hierarchische Prinzip der Leitung missfällt ihr, alles müsse viel „demokratischer“ werden (ob es dadurch auch freiheitlicher würde, wäre die Frage). Aber ist auch die Form der Vorstellung überkommen? Velis will ihre Figur nicht „zitieren“, das heißt also: das Spiel abschaffen und durch die sogenannte Wirklichkeit ersetzen. „Authentisch“ lautet das ausgeleierte Schlagwort. Statt sich an Figuren heranzuhoffen, die mehr erlebt haben als man selbst, holt man sie zu sich herab, um die eigene Müdigkeit zu entschuldigen. Es geht dabei gerade nicht um einen anarchischen Anspruch auf die eigene Geschichte, sondern um die konformistische Forderung nach mehr Nabelschau. Am Tag, als in Köln der Karneval begann, feierte dann auch „Oblomow revisited“ Premiere. Mit drei Schauspielern auf der Bühne und einer Schauspielerin, die aus ihrem Homeoffice zugeschaltet war. Dreitausend Menschen schauten zu, wie hier die Arbeit zum Urübel erklärt wurde. Manchmal kann so ein Nichtstun ganz schön überflüssig wirken.


14.11.2021 https://www.feuilletonfrankfurt.de/2021/11/14/luk-percevals-inszenierung-von-oblomowrevisited-frei-nach-iwan-gontscharows-roman/#more-108316

Luk Percevals Inszenierung von „Oblomow revisited“ – frei nach Iwan Gontscharows Roman

Home > Luk Percevals Inszenierung von „Oblomow revisited“ – frei nach Iwan Gontscharows Roman

Hybrides Nichtstun auf der Bühne? Von Simone Hamm Als Gastregisseur arbeitete der flämische international renommierte Autor und Regisseur Luk Perceval für die Münchner Kammerspiele, die Deutsche Staatsoper Berlin, die Wiener Festwochen, die Salzburger Festspiele, die Ruhrtriennale und auch am Schauspiel Frankfurt. „Sein Oblomov“ hatte jetzt am Kölner Schauspiel Premiere. Die Frage, was das Theater heute leisten kann und soll, steht im Raum.

Luana Velis zugeschaltet auf dem Bildschirm in „Oblomow revisited“ , Regie: Luk Perceval, Bühne: Philip Bußmann, Foto: Schauspiel Köln


14.11.2021 https://www.feuilletonfrankfurt.de/2021/11/14/luk-percevals-inszenierung-von-oblomowrevisited-frei-nach-iwan-gontscharows-roman/#more-108316 Im Roman von Iwan Gontscharoff ist Oblomow ist ein träger, fauler russischer Adeliger, der ganz darin aufgeht, überhaupt nichts zu tun. Theater darf alles mögliche, aber eines sollte es nicht, es sollte nicht langweilen. Deshalb ist es ein mutiges, vielleicht sogar irres Unterfangen, die Langeweile auf die Bühne zu bringen. Aber so etwas kann gelingen. In Köln gelang es nicht. Mit einer halbstündigen, geplanten Verspätung fing der Theater Abend im Kölner Schauspielhaus an. Den Zuschauern und Zuschauerinnen wurde ein Schnaps angeboten. Wohl dem, der beherzt zugriff. Der Abend sollte zeigen, wie bitter nötig die Schnäpse waren. Die Darstellerin des Oblomow Luana Velis, also eine Oblomowa verweigert sich. Dem Stück. Den Proben. Sie wollte zu Haus beiben. Wenn Oblomow faul ist, so befand sie, müsse die Schauspielerin das nicht nur spielen, sondern so sein. Und blieb zu Hause. Und ließ sich per Video zuschalten. Fast zwei Stunden lang blieb sie stumm. Sie streamt den Abend live über den Streamingdienst Twitch. Die Diskussion darüber, ob ein Schauspieler, eine Schauspielerin sich mit ihrer Rolle identifizieren sollen, ist bis zum Überfluss geführt worden. Muss Oblomow gar nichts tun, noch nicht einmal sprechen? Muss Othello von einem Schwarzen gespielt werden, weil nur der fühlen kann, was ein Schwarzer fühlt? Sollte Gretchen eine Jungfrau sein? Julia 17 Jahre alt? Auf der Bühne stehen drei Schauspieler mit Blättern in der Hand, die auch nichts tun wollen. Zähe drei Stunden lang klagen sie darüber, dass sie nun Oblomow gar nicht aufführen könnten. Sie werden von zwei Kameraleuten mit Handkameras begleiten, die zeitversetzt streamen. Auch ihre Haltung ist Verweigerung. Sie spielen das Stück nicht, sondern berichten von ihren Problemen. Ihre Befindlichkeit ist wichtiger als das Stück. Dieser Abend dient der Selbsterfahrung der Schauspieler. Ich gönne jedem Schauspieler, jeder Schauspielerin einen Selbsterfahrungsworkshop. Von Herzen. Nur möchte ich dabei nicht zusehen müssen. Das Theater, forderte Luana Velis müsse sich neu erfinden. Denn nach der Pandemie seien 19 % weniger Besucher in die Häuser gekommen. Neue Formen müssten her. Die Form, die sie findet, ist die der Verweigerung. Was bedeutet das heute: Nichtstun? Sprengt es das System? Es folgt ein schier endloser Videodialog zwischen der Oblomow Schauspielerin, die den Oblomow verweigert und dem Regisseur Luk Perceval. Sie sprechen darüber, wie es ist, im Hamsterrad zu


14.11.2021 https://www.feuilletonfrankfurt.de/2021/11/14/luk-percevals-inszenierung-von-oblomowrevisited-frei-nach-iwan-gontscharows-roman/#more-108316 sein, fragen, wie es komme, das so viele Menschen sich über die Arbeit definieren. Es ist eine sehr simple Unterhaltung in sehr einfacher Sprache. Sie spielen das nicht, sie nehmen das leider ganz ernst. Wir sehen eine Videokonferenz vom 3. November. Allgemeinplätze werden ausgetauscht. Der Abend endet mit einem langen Horrorfilm, Treppen, Blut. Die Sprache läuft schneller. Ob es nur ein PR Gag war oder Luana Velis wirklich entschieden hat, nicht zu spielen, sondern auf der Couch liegen zu bleiben, ist dabei nicht von Bedeutung. Am Ende kommt sie, die wir ja zu Hause vermuteten, dann doch auf die Bühne, sitzt da – und schweigt. Und das wirft die Frage auf, ob diese Premiere wohl vielleicht die erste und einzige Aufführung von „Oblomow revisited“ ist. Denn Luana Velis ist ja aufgestanden und gekommen, hat ihre Verweigerung beendet. Luk Perceval gehört zu den großen Regisseuren, die immer neue Formen gefunden haben. Was er sich bei diesem Oblomow gedacht hat, bleibt sein Geheimnis. Wie aber zeigt man Langeweile? Ganz sicher nicht mit Videoscreens, auf denen sehr schlichte Unterhaltungen gezeigt werden. Und auch nicht, in dem über persönliche Befindlichkeiten gesprochen wird. 19 % weniger Zuschauer sind nach der Pandemie ins Theater gegangen. Wenn es noch mehr solcher Produktionen gibt, dürfte diese Zahl sich drastisch erhöhen.


12.11.2021, Rubrik: KRITIKEN https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/kunst-macht-zu-viel-arbeit

Kunst macht (zu) viel Arbeit Nele Stuhler: Oblomow Revisited Crossover Premiere: 11.11.2021 (UA) Theater: Schauspiel Köln Regie: Luk Perceval Foto: Schauspiel Köln Von Detlev Baur am 12.11.2021

Der russische Romanheld Oblomow ist ein – finanziell abgesicherter – passionierter Nichtstuer. Auch Freunde und Bekannte können ihn nicht zum Verlassen seines Sofas bewegen. Das Schauspiel Köln hat in dem Stoff ein Thema für pandemische Zeiten gesehen – mit von der Regierung proklamierten „Helden“, die sich möglichst passiv verhalten sollten. Regisseur Luk Percevel und sein Team haben in ihrer „Inszenierung“ des Stoffes diese Verbindung auch medial weitergetrieben, indem sie die Probenarbeit zur digitalen Performance gemacht und dabei mit theaterinternen Debatten um erfülltes Arbeitsleben oder Selbstausbeutung im Theaterbetrieb verknüpft haben. Luana Velis führte in der Titelrolle von Anfang an ein Videotagebuch auf dem Livestreamkanal Twitch, auf dem Blog des


Theaters waren Ausschnitte daraus zu sehen, aber auch weitere Videos oder Texte zum Thema. Mit radikaler künstlerischer Konsequenz in der Aneingung der Figur Oblomow, so die digitale Sendung, verweigerte die Schauspielerlin zunehmend die Probenarbeit und nahm schließlich nur noch über Twitch am gemeinsamen Prozess teil. Das Konzept interessierte unsere Redaktion als digitale Erweiterung einer Theaterinszenierung, so dass wir es als Medienpartner auf facebook und unserer Homepage verfolgten. Das Ineinanderübergehen von vermeintlich authentischem Leben und Probenarbeit sind auf vielen der immer noch einsehbaren Streams faszinierend gelungen; die Probenarbeit der vier Darstellerinnen und Darsteller Alexander Angeletta (eigentich der Diener Sachar), Justus Maier (eigentlich Stolz), Kristin Steffen (eigentlich Olga) und Luana Velis (eigentlich Oblomow) mit Luk Perceval ist unterhaltsam, die monologischen Streams von Luana Velis mit Chatdialogen oder eingestreuten Videotelefonaten umkreisen das Themenfels Nichtstun und Verweigerung oft interessant, wenn auch sehr zeitintensiv. Wer dem gesamten Geschehen folgen wollte, musste viele Stunden investieren.

Showdown auf der Theaterbühne Gestern, am 11.11., kam es dann im Depot 1 des Schauspiels nach allen Krisen und Infragestellungen zur Premiere von „Oblomow Revisited“, der Überschreibung von Nele Stuhler. Die drei verbliebenen Akteure räsonierten um das zentrale Probensofa herum über die aktuelle Situation und fragten zwischen Rolle im Roman und Rolle in der Produktion pendelnd nach dem Wert des Nichts. Dabei zeigte sich mit der Anwesenheit des Publikums – das deutlich nicht dem typischen Premierenpublikum glich, sondern offenbar auch aus Mitgliedern der „Twitch-Gemeinde“ bestand –, dass nicht-aktives „Tun“ des Publikums im Theaterraum dem Spiel noch eine ganz andere Qualität hinzufügen kann als in digitalen Medien. Über der Bühne war auf einer Leinwand Luana Velis‘ Live-Twitch zu verfolgen: Sie schwieg trotz anfangs verzweifelten Anspielens ihrer Mitspieler sphinxhaft und wurde von zahllosen Chatkommentaren begleitet. Das Provisorische der einmaligen Aufführung


unterstrichen noch Textbücher in der Hand sowie zwei probenähnliche Eingriffe des Regisseurs aus der letzten Reihe. Durch die Einspielung zentraler Videos der letzten Wochen entstand an dem Abend eine komprimierte Fassung der „Vorgeschichte“, die mit der Live-Performance und dem LiveTwitch der schweigenden Oblomowa ein assoziatives Verbindungsnetz herstellte, ein performatives Gesamtkunstwerk aus digitaler Vorarbeit und theatraler Aufarbeitung schuf. Die sängerisch beeindruckenden Opernkurzarien von Kristin Steffen zu Chatkommentartexten wie „theater klischee in person“, die verkrampfte Unlockerheit von Justus Maiers Stolz im Kontrast zu seinem entspannten Vater im eingespielten Video oder Alexander Angelettas theatral dick aufgetragene Transformation der Dienerrolle auf Lieferdienstleister schufen ein oft anregende Performance.

Die Enthüllung der Digital-Inszenierung Bis, kurz vor Schluss, das riesige Sofa der drei herausgerollt und von hinten ein Zimmerimitat mit Schauspielerin hinter Rechnern und Kamera hereingeschoben ward. Das Zimmer von Luana Velis war – jedenfalls an diesem gut zweieinhalbstündigen Abend – also ein Imitat. Die Verweigerung der Schauspielerin insgesamt war also offensichtlich inszeniert. Mit der weiter schweigenden Protagonistin unter der Leinwand wurde schließlich in Auszügen das Videotelefonat zwischen ihr und dem Regisseur am Wendepunkt der Probengeschichte wiederholt. Darin beschreiben die beiden in empathischer Suche nach gegenseitigem Verständnis über die – gespielten – Differenzen hinweg die Absurditäten des Betriebs, aber auch die wunderbare Kraft des Gemeinschafts- und Frageraums Theater. Die aufwendige, komplexe Produktion findet auf der Bühne keine Fortsetzung mehr. Das ist schade und konsequent. Sie hat das digitale Theater in eine neue Dimension geführt; eine Nachahmung ist in dieser Form nicht unbedingt möglich, zumal die inhaltliche Verbindung mit der Textvorlage die Form intensiv prägte. Wie nah dabei „Erfolg“ und „Absturz“, ein Zuviel über das komplexe Maß hinaus sein können, zeigte sich im finalen, langwierigen


Video, das einen Alptraum Oblomowas als Gruselstreifen im Leuchtturm zeigt. Der Schlussapplaus litt darunter deutlich. Das Projekt ist dennoch mitnichten gescheitert. Das Team und das Schauspiel Köln haben mit „Oblomow Revisited“ einiges riskiert und viel gewonnen.


13.11.21 RUBRIK: Nachtkritiken https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=7 34&Itemid=40

Oblomow revisited - Schauspiel Köln

Twitch it, Baby! Corona macht erfinderisch – am Schauspiel Köln hat Luk Perceval zusammen mit Autorin Nele Stuhler Iwan Gontscharows "Oblomow" adaptiert, als Groß-Experiment analog-digitalen Storytellings im Theater mit tausenden Twitch-Zuschauer:innen und als Erzählung aus dem inneren des pandemiebedingten Theater-Burn-Out. Von Karin E. Yeşilada

Das Ensemble – live und auf Twitch © Schauspiel Köln Oktober / November 2021. Ein Stück, zwei Premieren: #1_Premiere im großen Saal Depot 1, Carlswerk in Köln. Wir legen Schal und Mantel ab, brav unsere Impfnachweise vor, lassen uns einen "Schauspiel Köln" Sticker aufkleben, schielen kurz zum Buffet (es soll später russische Bewirtung geben, passend zum Stück) und dackeln auf unsere Plätze, mit oder ohne Maske. Warten auf den verspäteten Beginn, leises Getuschel, letzte Checks der Handys. Blick auf die große Bühne (Philipp Bussmann), ihre Weite, auf eine mittig gehängte Projektionsleinwand, unter der ein wuchtiges Gründerzeit-Sofamöbel steht, auf dem sich später die Figuren fläzen. Daneben ein Bildschirm, ein verdecktes Klavier, sonst nichts. Und viele


Kerzenleuchter am Bühnenrand verteilt. Ihr Schein flackert mit jeder Luftbewegung – sie werden wohl nicht umkippen und die Bühne in Brand setzen? Leichtes Frösteln, Blicke zu den etwa 200 anderen Premierenbesucher*innen, manche – 11.11., es ist Karnevalsauftakt in Kölle – auch hier kostümiert. Eine Premiere eben, nichts Außergewöhnliches, außer der Tatsache, dass nach der Corona-Pause jede Vorstellung wieder aufs Neue ein Fest ist, des Leiblichen, der Begegnung in den Theaterhallen, lange ersehnt (wie lange noch möglich, angesichts erneut steigender Inzidenzen?) und ausgekostet. Wir dürfen zuschauen, lachen, applaudieren. Reden? Nein, das nicht, erst hinterher im Foyer. Das Problem mit der Hauptdarstellerin #2_Stream-Premiere auf Twitch. Eingeschaltet per Computer, Laptop, Tablet oder Handy. Zufällig oder absichtlich. Theatergarderobe: Kuschelfleece. Sitzplatz: Sofa, Sessel, Bett, horizontal, vertikal, egal. Freiheit in der heimeligen Vereinzelung. Vereinzelung? "Der Stream beginnt in Kürze", kommt die Meldung, "Laut Regisseur Luk Perceval gibt es noch technische Probleme…" Hauptdarstellerin Luana Velis im Bild, fein aufgemacht in Samt und Federboa, wartet. Getuschel im TwitchChat: Oblomowa: Willkommen, liebe Twitchis* Gio_r_gio_: Wow! Voll abgefahren, dass wir dabei sein dürfen! Oblomowa: Ihr dürft mir alle Fragen stellen und seid mutig mit euren Gedanken. Hier muss man heute gar nichts – erst recht nichts verstehen. Ein "@vrkstatt" wird sogar persönlich begrüßt. So eine Bewillkommnung wurde uns im Theater Sitzenden nicht zuteil. Gemein. Wäre ich doch nur der Einladung meiner Kollegin Sara gefolgt, die mit mir die Premiere auf Twitch anschauen wollte. Nun entziffere ich vom Saal aus mühselig die Twitchereien auf der großen Leinwand und sehe neidisch zu, wie immer weitere Zeilen im Chat aufscheinen. Anders als im stillen Saal wird dort heftig geredet, erste Herzchen-Emojis werden ausgetauscht. Hier im Saal die namenlosen Kölner ("der mit der Mütze, die mit dem Karnevalshütchen"), dort im Stream "@yasamaneslami" aus Teheran, "gio_r_gio_" aus Wien. Wir hier 200 Leute, dort während des Abends bis zu 8.000 Leute. "Wo ist Luana?", fragt jemand, als ich gegen Minute 13.30 entscheide, nun nicht mehr hinzulesen und mich voll auf das Hier und Jetzt, auf die Bühne zu konzentrieren, wo endlich auch etwas passiert. Drei Personen betreten die Bühne, begrüßen uns und erklären, selbst ganz betreten, warum es zur Verspätung kam: " … weil wir ein Problem mit unserer Hauptdarstellerin hatten." Oben auf der Leinwand schaut Luana Velis zu. Unten sagt Kristin Steffen: "Sie ist da, hat sich aber entschieden, heute nicht zu sprechen." Spannend. Alexander Angeletta hantelt nervös mit dem Skript in der Hand, "…das ist wohl so gewollt", blickt hoch zur letzten Sitzreihe, reagiert auf den reingerufenen Hinweis des Regisseurs – "danke, Luk!" – und erläutert uns die Sache mit dem Twitch-Kanal. Wie jetzt? Uns leibhaftig Anwesenden wird die Gamer- und Livestream-Plattform Twitch erläutert?! Wofür? Dass Luana Velis mit denen dort Premiere feiert und nicht mit uns, ist ärgerlich genug. Geht’s hier um die oder um


uns? Für wen wird hier gespielt? Und spielen die denn überhaupt, mit Skript in der Hand? Oder ist das "so gewollt"? Luana Velis also habe ihre Oblomow-Rolle so interpretiert, dass sie zuhause bleibt, woraufhin man diese Stream-Premiere angesetzt habe. "Ich bin zuhause. Übrigens." chattet Velis derweil im Stream, während Justus Maier sich unten um das geplatzte Konzept windet: "Wir hatten einige Szenen vorbereitet, eigentlich…" Luana lächelt auf der Leinwand – über ihn? Über den Chat? Erstes Gelächter im Saal angesichts der peinlich berührt stammelnden Figuren auf der Bühne, das verbindet. Theaterfeeling. Nur dass es keine rechte Handlung gibt, von Gontscharows "Oblomow"-Roman-Adaption keine Spur, abgesehen von Requisite und Kostümen (Ilse Vandenbussche) und Schauspieler*innen, die offensichtlich aus der Rolle fallen. Luana Velis aka Oblomowa, so ihr Twitch-Account-Name, als übermenschlich vergrößerte Sphinx auf der Leinwand, drei Kolleg*innen auf der Bühne, die das Experiment der verhinderten Premiere starten, "Wir versuchen es", ohne zu wissen, was dabei herauskomme, und "Viel Spaß dabei". Das hybride Premierenformat beginnt vielversprechend. Rückblick und Rätsel Woraufhin die Geschichte von hinten aufgerollt wird, zum Anfang einige Wochen zuvor, als Luana sich ein Twitch-Account zulegte, als eine Art Tagebuch-Journal. Und beschloss, aufgrund ihrer Identifikation mit der Rolle des Iwan Oblomow, Gontscharows legendärem anarchistischen Faulpelz, sich aus dem Probengeschehen zurückzuziehen. Den Theaterabend über erzählen Steffen, Angeletta und Maier nun, was seither geschah, wie sich dieser Rückzug der Hauptdarstellerin und ihr anschließendes Verschwinden auf das Probengeschehen auswirkte, welche Krisen dadurch hervorgerufen wurden, was das mit ihnen, mit dem Team gemacht hat, sie geben ihre eigenen Emotionen preis, arbeiten ihre erlebten Frustrationen ab und kommentieren die laufende Dokumentation: "Das ist die Probe, als Luana…", "Hier hatten wir gemeinsam geprobt, als…" usw. Die wechselvollen Stationen der letzten Wochen passieren Revue, die Geschichte einer seit Beginn gefährdeten Premierenvorstellung wird erzählt, während über allem die schweigende Hauptdarstellerin zugeschaltet ist. Erste Parallelen zeichnen sich ab: So wie der russische Adelige Oblomow einfach aussteigt und sich seinen sozialen Fürsorgepflichten gegenüber der Belegschaft entzieht, so lässt auch Luana aka Oblomowa ihre Kolleg*innen und das gesamte Theaterteam hängen, gefährdet ihre Existenzgrundlage, und das ausgerechnet in Zeiten der Pandemie. Genauso gut wie auf Oblomowa könnte die Inszenierung aber auch auf den Staat zielen, der seine Kulturschaffenden während der Corona-Krise mehr oder weniger sich selbst überlässt und sich, bis auf einen knapp bemessenen Kulturfonds, aus der Affäre zieht. So zumindest klingt es in "Oblomow revisited" mehr als einmal an. Aus der Not pandemiebedingt geschlossener Theater wurde am Schauspiel Köln allerdings eine Tugend gemacht, wurden neue Konzepte ausprobiert. Diese Experimente werden weitergeführt, obwohl das Theater wieder analog spielen darf.


Dem Regisseur (Luk Perceval, Vordergrund rechts) und der Kamera bei den Proben über die Schulter gucken © Schauspiel Köln Zusammen mit Dramaturgin Lea Goebel entwickelte Regisseur Luk Perceval die Idee, für seine eigentlich als "Analog-Inszenierung" geplante Gontscharow-Adaption eine Hybrid-Version mit zwei Premieren zu erarbeiten. Im Falle eines erneuten Lockdowns wäre die Online-Premiere schon eingeplant gewesen – vorausschauend. Der eigentliche Clou aber war die Entscheidung, dem Ganzen eine Art Prequel zu verpassen und dafür digitale Formate so zu nutzen, dass die Spannung dort bereits Wochen vor der Premiere aufgebaut wurde. Mittels eines eigenen Blogs und des Oblomowa-Accounts auf Twitch wurden seit Mitte Oktober täglich Meldungen geschaltet: Hier ein Foto, dort ein kleiner Aphorismus über das Nichtstun, und dann vor allem viele handgedrehte Filmaufnahmen von den Proben. Reaktionen von den Schauspieler*innen, Wortmeldungen der Dramaturgin, stets moderiert von Luk Perceval. Wiederum gespiegelt durch Luana Velis' Postings auf dem Oblomowa-Account bei Twitch. Und gib' uns unsere tägliche Dosis Schauspiel Köln… Blick hinter die Pandemie-Kulissen Was hier entstand, war eine sehr umfassende Real-Live-Begleitung des Probenprozesses am Theater. So eröffnete sich in nie dagewesener Dimension der Blick hinter die Kulissen, mitten hinein in den Theaterbetrieb zu Pandemiezeiten. Dieser selbstreferenzielle Tabubruch verknüpfte die Zustände am Theater auf kluge Weise mit unser aller Alltagsrealität im digitalen Kulturwandel: Da legt sich die zwischen mehreren Bühnenengagements hin- und herpendelnde freiberuflich


arbeitende Hauptdarstellerin, die stärker als die fest angestellten Kolleg*innen auf Selbstinszenierung angewiesen ist, ein Twitch-Account für ihr Tagesjournal zu und postet dort ganz ungeniert private Aufnahmen ihrer nichtsahnenden Freund*innen und Kolleg*innen.

Hauptdarstellerin Luana Velis, "Oblomowa" auf Twitch © Schauspiel Köln In einer der ersten Probendokumentationen ist deren Entsetzen live zu betrachten: In der Ästhetik einer Realityshow sieht man Kristin Steffen dabei zu, wie sie sich an dem Vertrauensbruch abarbeitet, gespiegelt im nonchalanten Schulterzucken der ehemaligen Kollegenfreundin. Kamerafahrten von der Totale in die Großaufnahme und zurück, Handyvideos, Tonspuren vermischen sich zu einer authentischen Dokumentation, die – trotz der vermuteten Inszenierung des Ganzen, wie es in Realityshows üblich ist – vom echten Leben des Theaterbetriebs, von der privaten Textlernerei über die Garderobenwahl bis zur kollektiven Theaterprobe erzählt. Als sich Luana Velis zunehmend zurückzieht, beobachten wir dann die Dynamik, die diese oblomoweske Verweigerung auslöst. Die Probenaufnahmen gehen plötzlich ganz anders unter die Haut: Der psychische Zusammenbruch von Velis, wie sie heulend auf dem großen Sofa liegt und "Ich kann nicht mehr" schluchzt, die verunsicherte, teils auch überforderte Reaktion ihrer Kollegen, die Wut – all das entfaltet ein Drama, das als Stück im Stück Wirkung zeigt und auch vom großen Corona-Burnout im deutschen Theaterbetrieb erzählt. Alexander Angelettas Verzweiflung, die er sich als Sascha von der Seele schreit, mag im Safe Space der Premiere tragikomisch wirken, aber sie rührt von der Hilflosigkeit der stets am Existenzminimum entlangschrammenden Theaterleute her. Ihre hier und da eingestreuten Gedanken zu Grundeinkommen und Hierarchien im Kulturbetrieb erhalten eine neue Prägnanz für das längst nicht mehr unbeteiligte Publikum.


Theater-Serie mit Suchtpotential Über diese Oblomowa-Soap, die sich im Probenraum breitmacht und uns ihre Charaktere näherführt, wird also realer Theaterbetrieb sichtbar gemacht und verhandelt, wie es keine Inszenierungsdokumentation besser hinbekommen hätte. Gemäß der digitalen Sehgewohnheiten bleiben wir am Ball, twitchen täglich mal ein bisschen zur Oblomowa, erzählen uns gegenseitig ("Was war denn heute so los?" – "Ach, Luk und Luana haben telefoniert und so etwas ihren Konflikt bereinigt") von verpassten Szenen, diskutieren über die Handlung ("Luk ist abgehauen!" – "Ach, der kommt schon wieder." – "Meinst du wirklich?") – als wäre es eine Serie mit Suchtpotential wie "Friends". Das Oblomow-Projekt überführt die Sehgewohnheiten des Theaters so in die Serialität, verlegt die parallele Inszenierung aus dem Schauspielhaus heraus in den Stream und schafft es – so zumindest wurde es im Rahmen der Premiere verkündet – über Wochen ein regelmäßiges Publikum von immerhin um die 3.000 Aufrufe im Durchschnitt (!) zu halten. Ein Coup sind die gelegentlichen Verlinkungen des Oblomowa-Streams auf der Startseite von Twitch, das den jeweiligen Events (die Abend-Probe am 18.10., die Premiere am 11.11.) Tausende von Followern beschert. Und damit Theater an ein völlig neues Publikum heranbringt. Wer auf Twitch herumsurft, will den Real-live-Event sehen und schaltet sich eben auch mal zum Schauspiel Köln und dieser Oblomowa hin. Leute, die womöglich nichts mit Theater zu tun haben, beobachten Luk Perceval dabei, wie er den Zusammenbruch seiner Hauptdarstellerin in der Probe auffängt ("Luk ist klug" – "Ist das echt oder inszeniert?"). Wir können dem Schauspiel Köln zu dieser Entwicklung nur gratulieren. Kill your darlings! So gesehen ist auch die doppelte Premiereninszenierung auf Twitch und Bühne eine gelungene Sache. Vieles macht auf einmal Sinn: Kristin Steffens Kleiderwahl für ihre Olga-Figur etwa, am Premierenabend im furios roten Kleid, zerschellt an der schweigenden Oblomowa-Sphinx, "Und da hab‘ ich mir soviel Mühe gegeben!!" schreit sie sich ihren Frust vom Leib. Der Premierenabend bestätigt, dass Iwan Gontscharows Grundthema seines "Oblomow"-Romans über die Folgen des Nichtstuns im Allgemeinen und der Verantwortungslosigkeit politischer Klassen im Besonderen ganz hervorragend auf den Theaterbetrieb Deutschlands in Pandemiezeiten passt. Als das Gespräch zwischen Luana und Luk darüber auf den Bildschirmen läuft, hören wir gebannt zu und nicken. Der Abend hat auch Längen: Eine Albtraumsequenz im Leuchtturm, wo Oblomowa haust, zieht sich ellenlang unter Getöse und wirkt redundant, so dass schließlich um die 30 Zuschauer*innen genervt aus dem Saal flüchten – was wesentlich demotivierender wirkt, als wenn ebensoviele Follower sich einfach nur aus dem Chat klinken. Der Clou der Analog-Premiere, die Auflösung des Rätsels um den Verbleib von Luana Velis aka Oblomowa, verpufft dadurch leider. Die auf der Wechselbühne plötzlich ins Geschehen gerückte Schauspielerin – sie war die ganze Zeit mit uns in einem Raum – bleibt nur Statistin in der völlig überzogenen TraumsequenzPräsentation. Das kostet einiges an Premierenapplaus.


Trotz alledem: Kalte Nacht nach der Theater-Premiere, ich setze mich ins Auto und simse an meine Kollegin, die ich um ihre Sofa-Premiere beneide. "Ich werde ihn vermissen." – "Wen, Luk?" – "Ja, seine schöne Stimme, seine ruhige Art." – "Geht mir auch so. Mit Tini." Das "Oblomow"-Projekt endet, und wir entwickeln sofort Entzugserscheinungen. Kritikenrundschau In einem kurzen Kommentar für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (12.11.2021) zeigt sich Simon Strauss von der Herangehensweise dieser Inszenierung wenig überzeugt: Die Darstellerin Luana Velis redee vom "maroden Theatersystem", wobei offen bleibe, "was genau marode ist". Und sie wolle "ihre Figur nicht 'zitieren', das heißt also: das Spiel abschaffen und durch die sogenannte Wirklichkeit ersetzen. 'Authentisch' lautet das ausgeleierte Schlagwort." Fazit: "Statt sich an Figuren heranzuhoffen, die mehr erlebt haben als man selbst, holt man sie zu sich herab, um die eigene Müdigkeit zu entschuldigen. Es geht dabei gerade nicht um einen anarchischen Anspruch auf die eigene Geschichte, sondern um die konformistische Forderung nach mehr Nabelschau." Für die Süddeutsche Zeitung (11.11.2021) schaut Christiane Lutz wohlwollender auf das Twitch-Projekt: "Mit den Mitteln des Theaters wird in Köln der Zauber des Theaters dokumentiert. Die Kunst kann davon profitieren, wer sich auf das Spiel einlässt, auch."


12.11.2021, Rubrik: FAZIT

philosophie_der_verweigerung_luk_perceval_mit_oblomov_drk_20211111_2337_b12f1439.mp3

Philosophie der Verweigerung – Luk Perceval mit Oblomow – DLF Kultur


12.11.2021, Rubrik: KULTUR HEUTE

"Oblomov Revisited" - Luk Percevals Spiel mit der Verweigerung nach Gontscharow Marcus, Dorothea Audiobeitrag: https://share.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audioteilen.html?audio_id=dira_DLF_a4279883


12.11.2021, Rubrik: WDR 3 Mosaik https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-oblomow-revisited-amschauspiel-koeln-100.html

"Oblomow revisited" am Schauspiel Köln WDR 3 Mosaik 12.11.2021 06:32 Min. Verfügbar bis 12.11.2022 WDR 3 Der Regisseur Luk Perceval hat am Kölner Schauspiel die Botschaft des Romans "Oblomow" von Iwan Gontscharow sehr ernst genommen. Ein literarisches Lob der totalen Verweigerung. Ob das auch auf der Bühne funktioniert, berichtet Stefan Keim.


Kölner Stadt-Anzeiger Köln vom 12.11.2021 Autor: Seite: Ressort: Rubrik:

CHRISTIAN BOS 20 Frühausgabe / Spätausgabe KU

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¹ von PMG gewichtet 07/2021 ² von PMG gewichtet 07/2021

"Erstaunlich, dass ich alles zum Stillstand bringe" Schauspielerin Luana Velis über die Schwierigkeit, das Nichtstun zu spielen - Ein Interview als Teil des Stücks "Oblomow" Wir treffen Luana Velis auf Twitch. Das ist eine Video-Streaming-Plattform und im Moment der einzige Weg, Luana Velis zu treffen. Obwohl sie doch eigentlich die Titelrolle in "Oblomow Revisited", der neuen Produktion des Schauspiel Köln spielt. Ilja Iljitsch Oblomow ist ein Held für unsere Lockdown-Zeit. In Iwan Gontscharows berühmten Roman (1859) weigert Oblomow sich, seine Wohnung zu verlassen. Lieber träumt er auf dem Sofa, als sich der feindlichen Welt da draußen zu stellen. Mitten in den Proben beschloss auch Velis auszusteigen, zog sich selbst aufs Sofa zurück und ließ von dort aus das Publikum an ihrer Total-Verweigerung teilhaben. Erst mit der Premiere am Donnerstagabend wurde das Spiel mit dem Nichtstun aufgelöst: Velis' Selbstquarantäne war Teil der Inszenierung, der öffentliche Probenprozess das ganze Stück. Und auch unser live auf Twitch übertragenes Interview ist Teil der Inszenierung. Nur die Themen, über die wir uns unterhalten, die sind echt. Den Blog zum Stück finden Sie auf oblomow-revisited.tumblr.com Frau Velis, Sie spielen die Hauptrolle in Luk Percevals Kölner Inszenierung von "Oblomow". Beziehungsweise, Sie sollten diese spielen. War das ihre erste Rolle nach den fortgesetzten Lockdowns? Nein, tatsächlich hatten wir im Theaterbetrieb nicht so etwas wie Homeoffice. Ich habe beim Bayerischen Staatsschauspiel, also im Residenztheater, gearbeitet, und da wurde weiter geprobt. Wir hatten keine Pause. Die Probenarbeit zu "Oblomow" wird in einem Blog festgehalten. Der fängt extrem harmonisch an, noch nie habe

sich ein Team so schnell zusammengefunden. Aber Harmonie muss nicht immer gut für die Kunst sein. Es geht ja in erster Linie um einen ehrlichen Umgang miteinander, um eine Auseinandersetzung mit einem Thema. Da ist es nicht immer förderlich, Konflikte nicht an- oder auszusprechen. Nun waren aber Sie es, die etwas verschwiegen hat, nämlich, dass sie einen Twitch-Kanal gestartet haben, auf dem sie private Unterhaltungen veröffentlicht hatten. Wie regierten die Kollegen? Sie waren zu Recht verstimmt, weil ich privaten Content geteilt habe. Dafür habe ich mich entschuldigt. Ich habe das unterschätzt, dass dieser Kanal so eine Öffentlichkeit bekommen hat. Ich bin gerade zum vierten Mal in wenigen Jahren umgezogen. Das bedeutet immer viel innerliche Arbeit, und ich dachte, dass ich mit diesem Online-Tagebuch dokumentieren könnte, wie ich hier ankomme, auch beruflich. Luk Perceval hat versucht, den Probenprozess dieser Produktion öffentlich zu machen, begreifbarer für das Publikum. Er interessiert sich sehr dafür, wie man Hemmschwellen abbauen kann, damit sich nicht nur das alteingesessene Publikum für das Theater interessiert. Ich habe ihm von meinem Kanal erzählt, und er fand es eine gute Idee. Sie haben sich von Anfang an stark mit der Figur des Oblomow identifiziert? Warum? Mir ging es vor einem Jahr, während des Lockdowns, sehr ähnlich wie Oblomow. Die Berufe wurden unterteilt in systemrelevant und nicht relevant, Künstler und Gastronomen wurden erst einmal nach hinten geschoben. Da fragt man sich schon, was für einen Nutzen man der Gesellschaft bringt. Corona hat

marode Systeme offen gelegt, sei es im Gesundheitswesen, oder eben im Theater. Wir schreiben uns auf die Fahnen, dass wir human und bewusst und solidarisch seien, arbeiten aber unter Verträgen, die überhaupt nicht mehr zeitgemäß sind. Dass sich da jemand wie Oblomow verweigert, konnte ich sehr gut nachvollziehen. Gerade auch als junger Mensch, der schon ein paar Jahre gearbeitet hat, sich dann aber fragt: "Was mache ich hier eigentlich? Ich habe mir das komplett anders vorgestellt." Das geht nicht nur mir so. Wenn ich etwa mit Freunden spreche, die Medizin studiert haben und jetzt so zynisch geworden sind, das ist ganz schön traurig. Sie haben sich dann gefragt, wie man eine Figur auf der Bühne darstellt, die sich zum Nichtstun entschlossen hat? Wir haben uns wahnsinnig daran abgearbeitet, das auf der Bühne zu erzählen. Irgendwann war das für mich als Spielerin nicht mehr möglich. Ich dachte, das ist doch Irrsinn, dass ich da jetzt so viel reinballere, um Nichtstun zu spielen. Wenn man diese Rolle ernst nehmen will, ist das der verkehrte Weg. Ich musste einen anderen Zugang finden, auch wenn der jetzt sehr radikal ausgefallen ist. Sie sind in Quarantäne gegangen, sind nicht mehr auf den Proben erschienen. Warum? Zum einen sehe ich das als Spiel-Auftrag, den ich mir selber gegeben habe. Auch wenn ich mich nicht mehr in der Lage dazu sehe, zu den Proben zu kommen, will ich doch die Figur ernst nehmen und sie bis zum Ende durchrecherchieren. Ich will diesen Prozess der Quarantäne festhalten, das bin ich der Produktion schuldig. Zum anderen sind da viele Zweifel und Ängste. Das hat


schon etwas mit Corona zu tun. Ich bekomme von Kollegen aus anderen Städten mit, dass die Theater zurzeit gar nicht gut besucht sind. Die Menschen merken vielleicht, dass sie auch ganz gut zu Hause bleiben können. Oder sie haben es schätzen gelernt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Da muss das Theater andere Antworten finden, um wieder reizvoll zu werden, für ein neues Publikum. Die Faulheit ist eine Utopie. Doch wer sie für sich in Anspruch nimmt, der bekommt unweigerlich Probleme. Ich weiß schon, dass das ganz schön vermessen und provokant ist. Aber wenn keiner den Anfang macht, passiert nichts, dann ändert sich nichts. Auch wenn das zu viel Hysterie und Reibereien innerhalb der Produktion geführt hat, ist es doch erstaunlich, dass so ein kleines Rädchen im Getriebe wie ich, alles plötzlich zum Stillstand bringen kann. Ich dachte, sie besetzen die Abbildung: Wörter: Urheberinformation: © 2021 PMG Presse-Monitor GmbH

Rolle einfach um. Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will, singt der Arbeiterverein. Aber bei Ihnen geht es um eine Schwäche, die sie sich zugestehen. Mir ist schon bewusst, dass das jetzt nicht die Revolution auslöst. Aber vielleicht kann das ja den ein oder anderen dazu anstoßen, über Dinge nachzudenken. Umgedreht ist ihre Schwäche eine Art von Machtausübung. Ja. Und das ist wahrscheinlich nicht bequem. Ich riskiere auch sehr viel damit. Aber ich habe mich in der letzten Zeit sehr ohnmächtig gefühlt und wollte mir ein Stück Selbstbestimmung zurückerobern. Wie haben Ihre Kollegen auf Ihren Rückzug reagiert? Luk Perceval ist abgereist und wollte erst auch hinschmeißen. Natürlich lastet ein wahnsinniger Druck auf ihm. Er riskiert seinen Namen. Er ist aber wieder-

gekommen, hat wohl verstanden, dass auch er nicht so einfach aus der Sache herauskommt. Und meine Kollegen? Da gibt es durchaus Verständnis, aber eben nicht nur. Andererseits muss man ja auch nicht immer befreundet sein. Kollegen aus anderen Häusern haben mir vorgeworfen, ich sei wahnsinnig privilegiert und es gäbe genug arbeitslose Schauspieler. Wobei ich nach dieser Aktion wahrscheinlich selbst arbeitslos bin. DAS GESPRÄCH FÜHRTE CHRISTIAN BOS Ich dachte, sie besetzen die Rolle einfach um Die Menschen merken, dass sie ganz gut zu Hause bleiben können Foto: Schauspiel Köln

Die Schauspielerin Luana Velis (Zweite von rechts) im Kreis ihrer Kollegen und ihres Regisseurs Luk Perceval (l.) 1106 (c) M.DuMont Schauberg


09.11.2021, Rubrik: WESTART https://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestart544.html

Westart vom 13.11.21 aus der Kunstsammlung Philara in Düsseldorf Es war die Verwirklichung eines Traums. Aus einer unscheinbaren Glasfabrik im quirligen Düsseldorfer Szeneviertel Flingern hat der Kunstsammler Gil Bronner ein privates Museum für seine hochkarätige Kollektion Philara gemacht. In den letzten 25 Jahren hat er rund 1500 Werke zusammengetragen, darunter Arbeiten von Thomas Ruff, Katharina Fritsch oder Andreas Gursky, aber auch von Absolvent:innen der Düsseldorfer Kunstakademie. Zu ihnen gehören auch die Künstler:innen, deren Collagen in der aktuellen Sonderausstellung "Attempts to be Many" bis zum 23. Januar 2022 zu sehen sind. Auf einem Rundgang durch seine Sammlung hat Westart-Moderatorin Siham El-Maimouni mit Gil Bronner über die Leidenschaft für die Kunst und die Lust am Entdecken gesprochen.

 Beitrag zu Oblomow Revisited ab Minute 15:30


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