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Inkl. Kunstbeilage artensuite Schweiz sFr. 7.90, Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien € 7.50

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93 SEPTEMBER 2010

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BIENNALE BERN 2010 10.—18. September oben: Marco Poloni, The Sea of Majorana, 2008 unten: Dora García, Real Artists Don’t Have Teeth, 2010

Ein multidisziplinäres Festival zeitgenössischer Kunst www.biennale-bern.ch

Partner der BIENNALE BERN 2010: Berner Symphonieorchester Botanischer Garten Bern Dampfzentrale Bern Hochschule der Künste Bern IGNM – Bern Kino Kunstmuseum Kornhausforum Bern Kunstmuseum Bern Schlachthaus Theater Bern Stadttheater Bern StattLand Tönstör Zentrum Paul Klee Bern

Irrsinn Theater ist

Stimmt!

Andrea Lorenzo Scartazzini

Nach dem Briefroman von Johann Wolfgang Goethe

Oper in sieben Bildern und einem Epilog Schweizer Erstaufführung im Rahmen der Biennale Bern 2010

Stadttheater / ab 10. September 2010

Vidmar:2 / ab 15. Dezember 2010

Billette: Bern Billett / 031 329 52 52 / www.bernbillett.ch / www.stadttheaterbern.ch

Marco Poloni The Majorana Experiment 21.08. - 10.10.2010

Dora García I Am a Judge 21.08. - 10.10.2010

Kunsthalle Bern Helvetiaplatz 1 CH-3005 Bern www.kunsthalle-bern.ch

DON T LOOK NOW DIE SAMMLUNG GEGENWARTSKUNST TEIL 1 11.06.2010 – 20.03.2011 HODLERSTRASSE 8 – 12 CH-3000 BERN 7 WWW.KUNSTMUSEUMBERN.CH DI 10H – 21H MI-SO 10H – 17H

Mit der Unterstützung von: Stiftung GegenwART Dr. h.c. Hansjörg Wyss


Inhalt

22 27

12 21

PERMANENT 6 SENIOREN

IM

DER

POLITIK

11 M ENSCHEN &

MEDIEN

24 Klein aber fein

5

«Relevanz»

26 Bern hat eigentlich eine Biennale

Von Lukas Vogelsang

6 8

Kurznachrichten «Uns fehlt etwas Lebendiges.» Von Till Hillbrecht

12 Picknick im September Von Barbara Roelli

13 Das Erbe der Indios 15 «Wenn meine Ohren deine Lippen...»

14 LITERATUR-TIPPS 30 I NSOMNIA 40 T RATSCHUNDLABER ANDERE

KULTURESSAYS

Von Simone Weber

13 É PIS FINES

42 DAS

5

WEB

7 FILOSOFENECKE 9 KULTUR

36

KINO / PROGRAMM

44 I MPRESSUM 45 KULTURAGENDA BERN 67 KULTURAGENDA BIEL 70 KULTURAGENDA THUN

Von Martin Lötscher

27 Säbeli Bum -Ein grosser Schritt für die Integration Von Corine Hofer

28 Reitschule beatet mehr Von Ruth Kofmel

29 Die italienische Note im Jazz Interview: Luca D‘Alessandro

17 LITERATUR

31 Gamebois

17 Seit jeher unterwegs Von Konrad Pauli

17 Lesezeit Von Gabriela Wild

19 A RCHITEKTUR 19 Eisarena: Verpixelte Eislandschaft Von Anna Roos

20 T ANZ & THEATER

21 Das Theater um die Familie Von Franziska Schönenberger

ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

27 M USIC & SOUNDS

44 Wahnsinn – Die Cartoon-Therapie

Von Fabienne Naegeli

Foto: zVg.

Von Lukas Vogelsang

30 Reise in eine vergangene Zukunft

20 Hitchcock mit iPod und englischem Humor

Bild Titelseite: Dani Levy, Filmemacher (Seite 36)

Von Roja Nikzad

22 Theater unter freiem Himmel Von Belinda Meier

Von Luca D‘Alessandro Von Ruth Kofmel

33 TRAVESÍAS Von Lorenz Hasler

34 Tema senza Variazioni Von Karl Schüpbach

36 KINO & FILM 36 Zu Besuch bei Dani Levy Von Claudia Langenegger

39 Copacabana Von Lukas Vogelsang

39 Zara 40 Despicable me Von Sonja Wenger

41 Zeitreisen im Film Von Morgane A. Ghilardi

3


design: David Nydegger

SPONSOREN PARTNER

MEDIENPARTNER

ORGANISATION


Kulturessays 8. JAHRGANG BERN UND ZÜRICH

ensuite

E DITORIAL

K U L T U R M A G A Z I N

«Relevanz» Von Lukas Vogelsang

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ie neuen Kulturverträge werden zur Zeit ausgehandelt. Kunstmuseum, Bernisches Historisches Museum, Zentrum Paul Klee und, vor allem, das neue «Musik-Theater Bern» sollen durch 81 Agglomerationsgemeinden, Stadt und Kanton Bern mit rund 55,8 Millionen Franken subventioniert werden. Vor kurzer Zeit wurde durch die Presse verbreitet, dass die Freilichttheater die Stadttheater besuchermässig überrunden. In diesem September versucht die SVP die Berner Reitschule zum fünften Mal zu verkaufen, und greift damit das lokale Gewerbe frontal an: Das Kulturhaus soll einem Kommerztempel weichen, was unweigerlich fatale Folgen für das Innenstadt-Gewerbe hätte. Verkehrte Welt. Das Wort «Relevanz» turnt seit Monaten in meinem Kopf. Alle diese verschiedenen Sichtweisen, all diese verschiedenen Meinungen basieren immer wieder auf relevanten Konzepten, Daten, Ideologien und Geschichten, die nicht für alle ersichtlich und begreifbar sind. Doch was ist denn wirklich relevant? Und für wen? In den oben genannten Beispielen wäre die Schlussfolgerung naheliegend, dass die städtischen Theater sich mehr dem Programm der Freilichtbühnen anpassen sollten, damit die Kassen stimmen. Das Aufbegehren vieler Kulturschaffender, dass diese grossen Kulturinstitutionen zu viel Geld verprassen, ist auch verständlich, wenn man nach effektiven Spuren in

ensuite dankt für die finanzielle Unterstützung:

Kultur muss man verstehen wollen und geniessen lernen.

der Geschichte zu suchen beginnt. Viele kleine Institutionen und die vielen Menschen aus der «Freien Szene» haben mehr für die kulturelle Artenvielfalt und die Aufmerksamkeit darauf getan. Oder täuscht das? Gibt es Studien, die das Gegenteil belegen? Dies ist kein Appell an die Politik, Geld einzusparen. Vor allem die SVP muss ich auch enttäuschen: Durch das Einsparen in kulturellen Belangen verlieren wir unsere Geschichte – das habe ich im August-Editorial bereits erläutert. Und mit dem Verlust unserer Geschichte, verlieren wir auch unsere Tradition und das nationale Kulturgut. Die grossen, teuren Kulturhäuser stehen aber genau für diese Geschichte und für Tradition – somit müsste die SVP alles dran setzen, dass diese erhalten bleiben. Mehr noch: Die Reitschule ist eines der markantesten kulturellen Zeitzeugnisse der Berner Geschichte der letzten 30 Jahre. An ihr lassen sich mehr Zeitgeistbewegungen ablesen, als im Parteibuch der SVP. Sie hat vielen Menschen mehr «Heimatgefühl» und persönliche Identität vermittelt, als es je ein Bild von Anker im Kunstmuseum vermitteln kann. Dass dies politisch nicht immer eine allgemeingültige Meinung darstellt, ist korrekt und hat den Dialog und diese Identitätsfindung erst möglich gemacht. Und das ist doch relevant! Kommerzielle Erfolge oder Absichten sind – so haben wir dies deutlich in den letzten 2 Jahren miterleben dürfen – nicht relevant. Geld ist ein unstabiler Wert. Er fällt und steigt unberechenbar – und wird ironischerweise gerade durch moralische Werte, wie Vertrauen, Kultur und Tradition gestützt. Das sind relevante Werte. Wie können wir diese also sichtbar machen? Es wird relevant, dass wir Kultur und Kunst für die Politik, aber auch für uns persönlich, frisch definieren. Erst dann werden wir uns als Gesellschaft wieder ernst nehmen. Deswegen: Die Reitschule bleibt – das Kunstmuseum, das Bernische Historische Museum, das Zentrum Paul Klee, und vor allem das neue «Musik-Theater Bern» auch.

ensuite.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

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Kulturessays Tanz & Theater

SENIOREN IM WEB

Von Willy Vogelsang, Senior

Kurznachrichten

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ann haben Sie das letzte Kartenhaus gebaut? Schwach tauchen in mir Erinnerungen auf, dass wir als Kinder nach einem sonntäglichen Spielnachmittag mit den ElferRaus-Karten anfingen, ganze Anlagen aufzubauen. Niemand durfte sich heftig bewegen, am Tisch rütteln oder husten! Der mit grossem Eifer, mit Sorgfalt und Feingefühl aufgebaute Turm fiel sonst sofort in sich zusammen. Nun, es war ja nur ein Kinderspiel, dieses Kartenhaus. Wir wurden nicht müde, immer wieder geduldig von vorne zu beginnen. Dieses Spiel wird offenbar in vielen Kreisen, Gruppen und Nonprofit-Organisationen mit freiwilligen Leitungen, Mitarbeitern und Helfern auch heute noch gespielt. Wir Senioren sind an vorderster Front dabei; unsere Agenda ist ja so gut wie leer. Also melden wir uns da und dort für Dienste, Ämtchen oder Arbeitseinsätze, wo bezahlte Arbeit nicht durchführbar ist. Benevol, die schweizerische Dachorganisation der Fach- und Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit in der Deutschschweiz definiert es so: «Freiwilligenarbeit ist ein gesellschaftlicher Beitrag an Mitmenschen und Umwelt. Sie wird unentgeltlich und zeitlich befristet geleistet. Freiwilligenarbeit ergänzt und bereichert die bezahlte Arbeit, tritt aber nicht in Konkurrenz zu ihr.» Sie wird geschätzt von allen, die Verantwortung für die Projekte tragen. Es werden Blumen verteilt und die Spesen bezahlt, Begleitung und Weiterbildung ermöglicht und wenn erwünscht auch ein Sozialausweis erstellt. Der «Lohn» ist Anerkennung und Dankbarkeit, Einblick in neue Lebensbereiche, nicht zuletzt die Befriedigung, Sinnvolles und Gutes zu tun. Dieser Tage musste ich aber feststellen, dass dieses System so labil sein kann wie ein Kartenhaus. Niemand ist verpflichtet, keiner ist abhängig, alles steht und fällt mit dem eigenen freien Engagement. Wehe, wenn da ein kalter Wind bläst, wenn Kritik jemanden trifft und verletzt, an den Grundlagen des Projekts gerüttelt oder gar eine «Karte» ganz einfach weggezogen wird! Seniorweb wird mit Ausnahme der Technik ausschliesslich von Freiwilligen getragen und «gemacht». Von Senioren für Senioren. Es ist unterdessen ein stattliches Gebäude entstanden. Sicher nicht für die Ewigkeit! Eher ein Kartenhaus. Es bewegt mich zu überlegen, was denn zu mehr Stabilität führen könnte. Leim? Was ist es denn, das uns stärker zusammenhält? Vertrauen, sich trauen, dem anderen trauen? Mehr Sorgfalt und Achtung? Und nicht vergessen, die Tragenden sind unten – nie oben! Tragen wir Sorge zu einander. Sind Sie jetzt neugierig? Dann schauen Sie hinein und blättern Sie die vielen Beiträge im Seniorweb durch. Vielleicht bekommen Sie Lust, mit zu tragen, mit zu arbeiten, Vertrauen zu schenken! www.seniorweb.ch informiert y unterhält y vernetzt

KUNST MACHT GLÜCKLICH!

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nlässlich des Forums Kultur und Ökonomie in Luzern vom März 2010, hat sich das Kulturmagazin der ProHelvetia «Passagen» dem Symposium-Thema nochmals angenommen, und zusammen mit SchriftstellerInnen, KulturwissenschaftlerInnen und PsychoanalytikerInnen der Kunst auf den Zahn gefühlt. Geteiltes Glück ist doppeltes Glück! Pius Knüsel, Direktor der ProHelvetia meint: «99 Wirkungen schreibt man der Kunst zu, 99 Arten, wie sie der Gesellschaft dient, 99 Gründe, sie zu fördern. Aber macht Kunst die Welt gerechter, die Menschen intelligenter? Macht sie glücklich? Die Antwort ist einfach: Das Glück liegt in Teilhabe.» Eine spannende Auseinandersetzung. «Passagen» liegt im September für ein Mal überall dort auf, wo auch artensuite, das Kunstmagazin von ensuite, aufliegt. In einer gemeinsamen Vertriebsaktion von ensuite und ProHelvetia offerieren wir ein Stück Glück. Wer das Magazin nicht finden kann, kann es über www.prohelvetia.ch abonnieren. Das Abo ist kostenlos. (vl)

EUROPÄISCHER TAG DES DENKMALS

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eit ihrer ersten Durchführung 1994 haben sich die Tage zur grössten Veranstaltung im Bereich der Sensibilisierung für Kulturgüter-Erhaltung entwickelt, und werden jährlich von mehr als 60’000 Personen besucht. Ziel der Veranstaltung ist es, bei einem breiten Publikum das Interesse an unseren Kulturgütern und deren Erhaltung zu wecken. An

über hundert verschiedenen Orten in der ganzen Schweiz sind Interessierte zu Führungen, Atelier- und Baustellenbesichtigungen, Exkursionen sowie vielen weiteren Veranstaltungen eingeladen. Organisiert werden die Besichtigungen am Denkmaltag vorab von den eidgenössischen, kantonalen und städtischen Fachstellen für Denkmalpflege und Archäologie. Sie wählen jedes Jahr die Objekte aus, knüpfen Kontakte zu den Eigentümern und organisieren die Führungen und Veranstaltungen vor Ort. Die NIKE ist für die landesweite Koordination der rund zweihundert Anlässe, für die nationale Medien- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Publikation des Programms in Form einer Broschüre und im Internet zuständig. Die Europäischen Tage des Denkmals sind ein kulturelles Engagement des Europarates, und werden von diesem offiziell lanciert. Unterstützt wird die Initiative auch durch die Europäische Union. Die Denkmaltage finden in 48 europäischen Ländern statt. (vl/Pressetext) Infos: www.hereinspaziert.ch

KULTURFÖRDERUNG MAL TRANSPARENT

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anz überraschend wurden von der Stadt Bern, Abteilung Kulturelles, die Controlling-Berichte im Internet öffentlich zugänglich gemacht. Es sind die Berichte, die subventionierte Kultur-Institutionen der Stadt als Feedback zustellen. Gerade in der Reithallen-Diskussion ist dies zum Beispiel interessant, wenn wir mal Zahlen und Fakten nachlesen können und nicht immer unsere Eigeninterpretationen ins Spiel bringen müssen… Die Controlling-Berichte zeigen aber auch, wie eine Stadt in Sachen Kultur die nötige Transparenz bieten kann. So können sich die Politik und Interessierte ein wirkliches Bild der Szene machen. Natürlich basieren diese Berichte nicht immer auf effektiven, sondern gut gemeinten Zahlen. Besucherzahlen zum Beispiel, werden nicht immer wirklich erfasst und entsprechend hochgerechnet. Aber das gibt trotzdem Verhältnisse, die zum Nachdenken anregen. (vl)

Link: www.bern.ch/stadtverwaltung/prd/kultur/ downloads_view


FILOSOFENECKE PROGRAMMHINWEIS IN EIGENER SACHE:

Von Ueli Zingg DER VERSUCH, DEN HIMMEL AUF ERDEN EINZURICHTEN, PRODUZIERT STETS DIE HÖLLE.

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ultur kultivieren – cultiver la culture – coltivare la cultura – cultivar la cultura Wer nicht auf sich aufmerksam macht, wird entweder nicht gehört oder übersehen. Wer aber trommelt für die Kultur? Die Kulturprogrammzeitschriften! Mehr als ein Dutzend davon gibt es in der Schweiz. Alle haben sie ihre Geschichte und geben als Summe ein Abbild der heterogenen Kulturszene. DRS2 schaut sich um, blättert und spricht mit den Macherinnen und Machern. Wie unterscheidet sich die Kulturberichterstattung in der Ostschweiz von der im Tessin, und warum tickt Lausanne anders als Basel? Inwiefern stellt das Internet die klassische Kulturberichterstattung auf den Kopf, und gibt ihr dadurch neue Impulse? Ein DRS2-HörPunkt rund ums Kultivieren von Kultur. (DRS)

Karl R. Popper 1942

M SENSIBLES CHAOS Eine Hommage an das Wasser

„Alles fließt und nichts bleibt; ...“ Heraklit

HörPunkt auf DRS 2 am Donnerstag, 2. Oktober 2010, 09.00–19.00 Uhr

MOKKA SUMMERDANCE VOL 2/10

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as Mokka in Thun leidet. Das Lokal, oder besser das Publikum, hat sich verändert. Zeiten kommen und gehen eben. So auch der Sommer, und damit kommen auch wieder die Menschen. Sommer im Ghetto ist open air, und bietet seit dem 11. August bis am 12. September kultiviertes und unkultiviertes, aber sicher «cooles». MC Anliker schreibt dazu auf seiner Webpage: «Der Sommer 2010 ist zwar immer noch, hat aber doch eher Mühe mit seiner Performance… Dem zu Trotz mobilisieren wir unsere ganzen Energien, um mit «Sommer im Ghetto» und dem «Mokka Summerdance Vol. 2/10» die Gartensaison hier im Ghetto am Rande der kleinen Stadt, am Fluss der grossen Alpen… möglichst lange zu zelebrieren. Wirtschaftlich steht uns immer noch das Wasser am Hals, aber wenn ihr als Publikum den guten alten MokkaGarten, der noch nie schöner war, ab und zu besuchen kommt, werden wir über die Runden kommen. Viel hat sich verändert im AusgehBizz, es ist draussen vor der Stadt nicht mehr so lustig, wie auch schon… Aber trotzdem machen wir, was wir nicht lassen können… Let’s rock down the house…!!! Auf einen schönen Spätsommer…» (vl) Infos: www.mokka.ch

ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

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ie gewaltigen und brutalen Kräfte des Wassers faszinieren. Aber das Poetische, das Schöne und Anziehende des Wassers können auch erschrecken. Inspiriert von alten Mythen, Gedichten, Religion, Politik und eigenen Erinnerungen entwickeln die Performerin Lisa Seidel-Kukuk und die Musikerin Armelle Scholl eine szenische Hommage an das Wasser. Wie klingt Wasser? Gibt es eine Sprache oder eine Grammatik des Wassers? Wie viele Tränen habe ich in mir? Kann ich ausgeweint sein? Im Zeitalter der größten Wasserverseuchung seit Menschheitsgedenken versuchen die Akteure diesen und anderen Fragen auf die Spur zu kommen. Sie untersuchen das Murmeln der Bäche, das Tosen der Wasserfälle, das Prasseln des Regens, das Rauschen der Brandung, den Unterwasser-Klang, aber auch die Botschaften des Wassers beim Putzen, Kochen, Gurgeln, beim Weinen, beim Trinken, Ertrinken, Schwimmen und Verdursten. (vl/Pressetext) Ein Projekt im Rahmen des Masterstudiengangs Theater -Scenic Arts Practice- der Hochschule der Künste Bern. Premiere Samstag, 18. September und Sonntag, 19. September 2010, jeweils 20:00 HKB Theater - Grosse Halle, Sandrainstrasse 3, 3007 Bern Tel. +41 31 312 12 80 Infos: www.hkb.bfh.ch

ag sein, der Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er zur Idee fähig ist. An sich ein wertfreies Phänomen. Der Sprachgebrauch lässt wertende Interpretationen jedoch zu – man hat nicht nur Ideen, man kommt auch auf Ideen. Solange der Einzelne sie nicht für gattungstauglich hält, seiner Idee nicht zum Glück der Allgemeinheit verhelfen will, besteht die Gefahr, welche Popper benennt, nicht. Wann wird eine Idee zur Ideologie? Wie entsteht die Überzeugung, das eigene Bild von der Welt, diesseitig oder jenseitig, sei notwendigerweise von möglichst allen Menschen zu übernehmen? Das 20. Jahrhundert hat dies im Faschismus, Marxismus sowie Kapitalismus angestrebt; mal elitär, mal egalitär und, überdauernd, monetär. Die zur Ideologie verkommene Idee neigt dazu, Menschenleben zu opfern, dies im Namen einer allgemeingültigen Wahrheit. Das ist menschenfeindlich. Und doch: Eine Gesellschaft bedarf der Organisation, ein anarchistisches Daseinsverständnis mündet umgehend in ein Machtvakuum, das allerdings rasch, meist diktatorisch aufgefüllt wird. Kommt dazu, dass Anarchie aus sich selbst heraus niemandem aufoktroyiert werden kann. Ideologien haben einen Ewigkeitsanspruch - die Schweizerische Bundesverfassung von 1848 verfügte über keinen Revisionsartikel - konservieren das einmal für Richtig-Gehaltene, sind nicht offen für Veränderungen, die zugegebenermassen auch schmerzlich sein können, in der Kritik am Bewährten, Gutgemeinten. In einer offenen Gesellschaft ‹darf man die Hand beissen, die einen nährt›, wie es Niklaus Meienberg formuliert hat. Popper postuliert in seiner ‹Offenen Gesellschaft und ihre Feinde› die grösstmögliche Freiheit des Einzelnen in einem Staatsgefüge, das immer fähig zur Veränderung ist. Was nicht bedeutet, dass es der Verfestigung im ‹Gültigen› nicht bedarf, ohne die ein Leben kaum bestritten werden kann. Doch sobald sich diese Gültigkeiten auf den Historizismus berufen, also die Auffassung vertreten, Geschichte geschehe nach klar erkennbaren Abläufen und sei dadurch vorhersagbar, ergibt sich eine Zukunftsbehauptung als Grundlage für die Entscheidfindung in der Gegenwart, was Popper ‹die Hölle› nennt. Begegnung an der Kramgasse 43, am 29. September, 1915 Uhr. 7


Kulturessays

V ON

AUSSERHALB

«Uns fehlt etwas Lebendiges» Von Till Hillbrecht - Eine rote Zunge und vier Pfoten: Und doch ist in Berlin alles nur auf Sumpf gebaut.

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ie grossen Wahrzeichen Berlins, da gibt es viele. In der Grösse sticht der Fernsehturm heraus, der Länge nach die «East Side Gallery» und ein regelrechtes Schaulaufen der Sehenswürdigkeiten wird einem «unter den Linden» geboten, vom Brandenburger Tor bis hin zur Schlossbrücke. Dabei gäbe es in der Deutschen Hauptstadt etwas zu sehen, was in ihrer kleineren Schweizer Schwesterstadt Bern gerade zu grossem Knatsch führt: Einen Bärengraben, mitten in der Stadt, unweit der Spree direkt hinter dem Märkischen Museum. Während es um den helvetischen Bärenpark partout nicht still werden mag – über eine Million Besucher im ersten halben Jahr, ein schwerer Zwischenfall und kontroverse Sicherheitsdebatten – spielen die Braunbären im Berliner Gehege vor halbleeren Rängen miteinander. Dies, obwohl den Berlinern der Bär ein ähnlich wichtiges Tier im Wappen ist wie den Bernern: Seit er 1280 erstmals im Stadtsiegel auftaucht, bleibt der Bär fortan die Zierde der deutschen Stadt. Und muss damit auch als Spielball der wechselnden Herrscher der Spreestadt hinhalten: Ab 1440 trägt er im dritten Siegel der Stadt einen herrschaftlichen Adler auf dem Rücken, als äusseres Zeichen der kurfürstlichen Unterdrückung. Als zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Königreich Preussen seinen Platz in der Deutschen Geschichte einnimmt, wird dem Berliner Bär ein goldenes Halsband umgebunden. Erst per Magistratbeschluss im Jahr 1875 wird das Tier vom Halsband befreit. Weshalb es um den Berliner Bärenzwinger – so der offizielle Name – eher ruhig zu und her geht hat unter anderem mit den alternden Bewohnerinnen zu tun: Bärin Schnute (29) und ihre Tochter Maxi (24) räkeln sich lieber in der Sonne als miteinander zu spielen und sorgen für ähnliche Präsenzzeiten wie die Bären damals im noch geöffneten Berner Bärengraben. Schnute, die offizielle Stadtbärin, und Maxi bevorzugen den Stall und hören der Tierwärterin Marlies Gnad zu, wenn sie mit den Bärinnen über Alltagsdinge spricht. Der Berlinerin

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scheint es ohnehin wohl zu sein ohne den grossen Rummel. Wenn die beiden Tiere draussen sind, steht Gnad ans Geländer gelehnt und raucht eine Zigarette. «Schnute und Maxi haben sich an uns gewöhnt und wir uns an sie», sagt die Berlinerin, die seit 1993 im Bärenzwinger arbeitet. Davor hat die gelernte Tierpflegerin vor allem mit Schweinen zu tun gehabt, mit Bären dann erstmals hier im Zwinger. Es sei allerdings kein grosser Unterschied, ob man mit Schweinen oder Bären arbeite, meint Gnad. Die Idee des Geheges war also dieselbe wie bei den Berner Kollegen. Wenn schon ein solch mächtiges Wappentier, dann soll es doch auch seinen Platz bekommen in der Stadt. Ob denn die Bären im Zwinger genügend Auslauf haben, mag Gand nicht beantworten. Jedoch gibt es auch in Berlin Bärenzwinger-Gegner: Tierschutzverbände empören sich über die Zustände des Bärenzwingers, ähnlich der früheren Situation in Bern, wo es daraufhin zum Bau des Bärenparks kam. In der Deutschen Hauptstadt ist man weniger beeindruckt ob der Kritik, man will von amtlicher Seite her aber auch nicht in den Kampf um den Zwinger steigen. Der Senat gab bekannt, dass er sich nach Ableben der Bären oder aus anderen Gründen einer Aufgabe des Bärenzwingers, und der Aufstellung einer Erinnerungstafel an dessen Stelle, nicht entgegenstemmen würde. Nun, eine Kampfansage für die Bärenanlage ist das nicht gerade. Man verfolgt die Strategie, dass sich das Problem von alleine lösen wird. Das mangelnde Interesse am Wappentier ist vielleicht nicht ganz unberechtigt, denn ganz so fest in der Bevölkerung verankert, wie der Verein «Bärenfreunde» es behauptet, scheint der Bär dann doch nicht zu sein: Gerade mal sieben von zehn befragen Berlinerinnen und Berlinern wissen überhaupt von einem Bärenzwinger in ihrer Stadt, und nur einige von diesen sieben könnten mit Bestimmtheit sagen, wo er sich befindet. Eine Fangruppe für Schnute und Maxi im Online-Netzwerk Facebook gibt es zwar, aber nur eine, die sich die Befreiung

der Beiden auf die Fahne geschrieben hat. Dabei war der Zwinger ein Volkeswunsch: In der «BZ am Mittag» vom 28. August 1937 erschien ein Leserbrief, indem es unter anderem hiess: «700 Jahre tanzt der Berliner Bär und warum muss er immer nur auf Siegeln leben, auf Urkunden, Fahnentüchern und Wappen? Uns fehlt etwas Lebendiges. Ein Bär, ein Bärchen meinetwegen, das die Pfoten durch die Stäbe streckt und das eine lange, rote Zunge hat.» Daraufhin ging alles ganz schnell: 2 Jahre später stand der Bärenzwinger. Die Bewohner hatten allerdings noch keine so zuckersüsse Berlinernamen wie die späteren Bären Bärolina, Piefke, Atze oder Schnute, sondern hiessen: Urs und Vreni. Wo die beiden Jungtiere herkamen? Sie waren ein Geschenk des Bärengraben Bern. Der kurz darauf im Krieg zerstörte Bärenzwinger wurde mit Sand zugeschüttet und wo vorher Bären umherjagten, spielten fortan Kinder im übergrossen Sandkasten. Erst 1949 wurde dem Berliner Volk der Durst nach Lebendigem erneut gestillt, und wieder waren es zwei Berner Bären: Nante und Jette, getauft durch Berlins Bevölkerung. Heute stehen die beiden Bärenhauptstädte immer noch in regem Austausch, «zweimal sind die Berner Kollegen kürzlich da gewesen», sagt Marlies Gnad. Weshalb der Bär indes seinen Weg in das Berliner Wappen steppte, ist bis heute unklar. Hingegen ziemlich sicher ist, dass der Name «Berlin» mit Bären nichts zu tun hat, auch wenn man das in der Hauptstadt nicht gerne hört. Viel wahrscheinlicher ist die These des Namensforschers Professor Jürgen Udolph. Er hat die Ortnamensgebung im ehemaligen slawischen Sprachgebiet Berlin-Brandenburg erforscht. Sein Ergebnis: «Berlin» entstammt der slawischen Wurzel «barl». Und das heisst zu Deutsch so viel wie «Sumpf».


Kulturessays

K ULTUR

DER

P OLITIK

Ihr Beruf müsse für Von Peter J. Betts

I

hr Beruf müsse für Lehrpersonen attraktiver gemacht werden, höre ich in den Radionachrichten. Der Mangel an qualifizierten Lehrpersonen werde krass und krasser. Der Topmanager des Berufsverbandes kommt zu Wort: Die bevorstehende Katastrophe sei unabwendbar. Schon vor fünf Jahren, also rechtzeitig, habe er dies den verantwortlichen Politikerinnen und Politikern in aller Deutlichkeit dargelegt. Die Unterrichtsziele und -inhalte müssten klar umschrieben, eindeutig strukturiert werden. Ich erinnere mich an die Schilderung einer älteren Frau aus einem Quartier in Bern, die eben ihren Gatten beerdigt und dann zwei Tage danach erfahren hatte, dass sich bei ihr die Diagnose auf Bauchspeicheldrüsenkrebs bestätigt, und ihr Sohn sein Studium vorzeitig abgebrochen habe, und sie wirklich nicht mehr ein und aus wisse. Bekannte, andere Angehörige waren nicht erreichbar. Sie sei zur Wohnung des Pfarrers gegangen, habe geklingelt und ihm vor der Haustür den Sachverhalt, vielleicht etwas wirr, geschildert. Er habe ihr freundlich eine Weile zugehört, sie angelächelt und dann mit gütig-verständnisvoller Stimme gesagt, heute habe er seinen freien Nachmittag, wenn es dringend sei, solle sie doch die Nummer der «dargebotenen Hand» anrufen, er hole sie ihr, und wenn sie wolle, werde er zugleich seine Agenda bringen und sie könnten schauen, ob sie einen Gesprächstermin fänden, der ihnen beiden genehm sei. Ja, besonders in schwierigen Berufen muss man sich abgrenzen können, wenn man wirkungsvoll sein will. Die Frau ist noch vor ihrem Austritt aus der Kirche gestorben. Bei der Abdankungsfeier war ich nicht dabei. Zurück zum Topmanager des Berufsverbandes: Die Lehrpersonen könnten unmöglich alle Aufgaben, die ihnen die Gesellschaft zuschiebt, erfüllen. Attraktiver, sagte er, könne man den Lehrberuf auch machen durch finanzielle Anreize. Boni für erfolgreiche, abgrenzungsfähige, effiziente Lehrkräfte? Vor drei Jahren habe er es den Politikern noch einmal in aller Deutlichkeit gesagt, wenn das Ruder nicht sofort herumgerissen werde, sei spätestens das Jahr 2011 bildungspolitisches Katastrophenjahr. Korrerkturergebnisse lägen keine vor. Die Politik sei nun auf höchster Alarmstufe gefordert. Auch ich halte übrigens Bildung für eine zentrale kulturpolitische Aufgabe. Dann wird im Radio über den zweiten sich anbahnenden Fichenskandal in der Schweiz berichtet und darüber, dass Roger Federer wohl auf Platz drei der Weltrangliste zurückgestuft worden

ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

sei, ein Wiederaufstieg sich als sehr schwierig gestalten werde, und dass sich in der Schweiz flächendeckend eine kleine Hitzewelle ankündige. Ich schalte aus und begebe mich in die Buchhandlung Stauffacher, weil ich möglichst rasch das Buch, das eine Freundin mit mir diskutieren will, beschaffen möchte. «Reise in die Vergangenheit» heisse es vielleicht, den Titel habe sie sich nicht merken können. Der Autor sei Hans Joachim Schädlich, der Protagonist des Romans ein in den USA ansässiger Exilrusse, der mit einem Bekannten aus Prag den Spuren seiner Kindheit nachgehe: «Leningrad» 1917, der Vater als Parlamentarier in der Oktoberrevolution ermordet; Flucht mit der Mutter nach Odessa, Flucht aus Odessa, schliesslich nach Berlin; Emigrantenschicksale erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In Berlin: Abbruch des Biologiestudiums im sechsten Semester, während der beginnenden Naziwirren, noch vor der Machtergreifung; Paris; Prag; wegen einer zufällig günstigen Beziehungskonstellation ein Stipendium an eine amerikanische Universität, Botanikprofessur, Krebstod seiner Frau in den Endsechzigerjahren; die Suche nach Spuren seiner Kindheit und Jugend 2005 zusammen mit dem Bekannten, den er während des Pragerfrühlings dort kennen gelernt hatte, die Heimreise nach New York im Schiff. Die Stärke und Berührungskraft des Buches liege vielleicht gerade darin, dass es vor allem aus lakonischen, scheinbar unzusammenhängenden Dialogen bestehe. Ist doch klar, dass ich das Buch sofort haben muss. Ich erkläre all das einer Buchhändlerin in der Abteilung für Belletristik bei Stauffacher. Sie findet den Titel in ihrem Computer nicht, lässt mich aber freundlicherweise über ihre Schulter auf den Bildschirm blicken. Der Titel lautet «Kokoschkins Reise». Es sind – wen wundert es? - noch mehrere Exemplare (die meisten eingeschweisst) vorhanden. Und wo ist es eingeordnet? Wo? Sie haben es erraten: in der Reiseabteilung. Dort finden sich sicher auch «Der Nachtflug» und «Flug über Arras» von Saint-Exupéry (sein «Südkurier» höchstens, wenn die Buchhandlung nicht über eine Abteilung «Philatelie» verfügt), sicher aber Heines «Die Harzreise» (Falls das Textlein nicht doch in die Abteilung für organische oder anorganische Chemie oder für Gartenbau geraten ist); wahrscheinlich auch «Einer flog über das Kuckucksnest» – das werden sie kaum unter Ornithologie eingereiht haben. Dafür finden Sie wahrscheinlich Heinrich Spoerls «Die Feuerzangenbowle» in der Küchenabteilung.

Kleists Aufsatz «Über das Marionettentheater»? Sicher in der Abteilung für Dramatik. Natürlich könnte es wohl auch in der Abteilung für Bastelbücher gefunden werden. Falls Sie etwas über Stauffacher selber wissen möchten? Klar: «Wilhelm Tell». Das finden Sie vielleicht in der Abteilung für Bildende Kunst, weil Hodler ein sehr bekanntes Bild zu diesem, der deutschen Klassik zu verdankendem Symbol der Schweiz gemalt hat (ich weiss nicht, ob es in die Blocher-Sammlung einverleibt worden ist). Andererseits, der Mann mit Armbrust spielt (wie die höchst fiktive Gestalt aus Schillers Feder) für die Identität der (wehrhaften) Schweiz eine zentrale Rolle, während schon die Waffe allein zum Symbol dessen wird, was die schweizerische Identität ausmacht und legitimiert: die Wirtschaft, ihr Potential, ihre – Kreativität mit dem ganzen Spektrum der Konsequenzen. Die Worte des Topmanagers aller schweizerischen Lehrerinnen und Lehrer wollen mir nicht aus Kopf und Sinn, besonders auch nach der Episode in der Buchhandlung Stauffacher. Wenn es plötzlich wieder genug Lehrerinnen und Lehrer gäbe, könnte man davon ausgehen, dass, etwa fünfzehn Jahre später, Buchhändlerinnen oder Buchhändler sich um Bücher kümmerten, so dass sie interessierte Leserinnen und Leser zu beraten in der Lage wären? Schon jetzt können sie problemlos den Computer hochfahren, wahnsinnig rasch und fast fehlerlos etwa einen Autorennamen eintippen. Aber jene, die die Bücher einordnen: ob sie – wenn es während ihrer Ausbildung genügend Lehrerinnen und Lehrer gegeben hätte - Lust hätten und die Fähigkeit mobilisieren könnten, in ein nicht virtuelles, also einzuordnendes Buch hineinzublicken, ein paar Seiten zu blättern, um beispielweise festzustellen, ob es sich beim Thema um eine innere Reise oder um eine von Kuoni organisierte Kreuzfahrt handelt? Ob aber die Lehrpersonen mit hinreichend strukturierten Lehrprofilen und der demzufolge organisch gewachsenen Fähigkeit, sich abzugrenzen, imstande wären, den Begriff «innere Reise» zu verstehen, geschweige denn, diesen Inhalt weiterzuvermitteln? Ob Boni diese Fähigkeit auslösen könnten? Wäre es vielleicht doch sinnvoll, sich der Kultur der Bildung, der Kultur der Ausbildung politisch anzunehmen – und nicht nur den Rahmenbedingungen? Da wäre die Kultur der Politik in der Tat gefordert. Zum Buch: Hans Joachim Schädlich, «Kokoschkins Reise», März 2010, Rowohlt; Lektorat: Hans Georg Heepe, dem das Buch auch zugeeignet ist.

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Bachelor in Literarischem Schreiben Bachelor en écriture littéraire

KONZERTE IM PROGR

Freitag / vendredi 10.09.2010

Jazz, Weltmusik, neues Songwriting und Elektronik: bei bee-flat prägen schweizerische und internationale Bands ein Live-Programm, das Innovation und Qualität bietet – jeden Mittwoch und jeden Sonntag in einem der stimmungsvollsten Lokale in Berns Stadtmitte.

04.09.10 Katzenjammer (Norway) Power Folk - Saisonstart bee-flat & PROGR-Fest

12.09.10 The Dead Brothers (CH) Funeral Songs – Album Release Tour

19.09.10 Infinite, Stade & Oy (CH/GB) Electronic Sounds vs. Weirdo Rap

26.09.10 Tumi & The Volume (South Africa)

Präsentation der Bachelorthesen Öffentliche Präsentation der Bachelorarbeiten und der Anthologie, die Auszüge aller Abschlussarbeiten des zweiten Jahrgangs versammelt. Die Studierenden lesen in zwei Räumen der Rockhall IV Dramatik, Lyrik und Prosa.

Groovy Afro Hip Hop – Album Release Tour

03.10.10 Samuel Blaser Quartet feat. Marc Ducret (CH/France/USA) Post Bop – Album Release Tour

10.10.10 Schule der Unruhe (CH) Spoken-Word-Jazz – Album Release Concert

17.10.10 Imaz'Elia (France)

Présentation des thèses de Bachelor Présentation publique des travaux de Bachelor et de l’anthologie réunissant des extraits de ces textes. Les étudiant-e-s lisent chapitres de romans, nouvelles ou fragments textuels dans deux salles de Rockhall IV.

Folk Imaginaire

20.10.10 Aloan Unplugged (CH) Acoustic Songs

24.10.10 Harald Haerter's Intergalactic Maiden Ballet (CH/Germany) Space Funk Fusion

27.10.10 Schneeweiss & Rosenrot (CH/Germany/Sweden/Luxemburg) Electro Acoustic Jazz

31.10.10 IsWhat?! (USA)

Schweizerisches Literaturinstitut / Institut littéraire suisse Rockhall IV Seevorstadt 99 / Faubourg du lac 99 2502 Biel / Bienne www.hkb.bfh.ch

Jazz'n'Hop

Kollekte zugunsten des Stipendienfonds / Collecte pour le fonds des bourses d’études

Konzertort: Turnhalle im PROGR Speichergasse 4 3011 Bern Programminfos: www.bee-flat.ch

Vorverkauf/Tickets: www.starticket.ch www.petzitickets.ch OLMO Ticket, Zeughausgasse 14, 3011 Bern


Kulturessays CARTOON www.fauser.ch

VON MENSCHEN UND MEDIEN

Qualitätsschwachsinn Von Lukas Vogelsang

E

s ist schon ein hartes Stück. Da werden die Medien erst durch wirtschaftliche Veränderungen gebeutelt, um anschliessend aus den eigenen Reihen, von ernst zu nehmender Instanz, gerügt zu werden. Das «Jahrbuch 2010 zur Qualität der Schweizer Medien» ist zwar erst jetzt erhältlich, doch hat es schon vor der Veröffentlichung hohe Wellen geschlagen. Anscheinend genügt es heute bereits, den Journalismus zu kritisieren, um ein ganzes Bataillon aus dem Tiefschlaf zu wecken. Als würden die auf nichts anderes warten. Ganz vehement hat sich Peter Rothenbühler, und natürlich Thom Nagy von 20Minuten, zum Thema geäussert. Beide fühlen sich durch die Studie angegriffen – beide haben aber mit falschen Dementis ins Horn geblasen. Kurt Imhof ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie, leitet seit 1997 den «fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft» des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung und des Institutes für Soziologie der Universität Zürich. Er ist Mitherausgeber des Jahrbuchs «Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera». Er ist Stein des Anstosses und neues Feindbild der Journalisten-Zunft. Im Internet sind an vielen Orten zu seinen Forschungen ganze Romane an Kommentaren entstanden, und es lohnt sich, mal den einen oder anderen zu lesen. Wichtig

ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

ist zum Beispiel, dass Kurt Imhof die Qualität des Journalismus beanstandet und kritisiert – nicht das Leseverhalten, wie Rothenbühler ihm entgegenhält. Für Rothenbühler ist es ein wahnsinniger Erfolg, dass so viele Menschen jetzt wieder Zeitungen lesen. Egal ob sie dabei gescheiter werden oder nicht. Und Nagy muss natürlich die 20Minuten unbedingt verteidigen und loben, denn das ist sein Job. In einem Blog von Philippe Wampfler las ich den schönen Kommentar von «Bobby California», der meint: «Mir widerstrebt es aber einigermassen, jemanden als Journalisten zu bezeichnen, der für 20Minuten arbeitet. Ungefähr so, wie es mir widerstrebt, einen Hamburger-Brater als Koch zu bezeichnen.» Das ist also der Kampfschauplatz. Aber es ist immer so: Wer die Qualität im Journalismus anprangert, wird gesteinigt. Dabei lesen wir JournalistInnen selber nicht mehr, angewidert, was unsere KollegInnen schreiben. Auch wir glauben unseren eigenen Worten nicht mehr. Die Qualität im Journalismus ist nun einfach das wichtigste Ziel in diesem Beruf, nicht die Menge der Buchstaben, die Auflage, oder wie bekannt wir als Autoren sind. Dabei sind es ja gerade die JournalistInnen, welche jegliches System wegen einem Haar in der Suppe in aller Öffentlichkeit zerreissen können.

Es ist doch nur zu beglückwünschen, wenn die Schweiz wieder ein paar Wächter der Journalistischen Ethik erhält. Wir brauchen nämlich solches Feedback in dieser Branche mehr denn je. Es ist doch eine Ehre, dass wir uns mit dieser Kritik täglich auseinandersetzen dürfen. Der Hamburger-Brater bleibt diesbezüglich stehen und hat keine Entwicklungsmöglichkeiten. Wir schon! Sogar Res Strehle, Co-Chefredaktor vom Tagesanzeiger, meinte in seiner MeinungsKolumne: «Die Besorgnis der Forscher um den Zürcher Professor Kurt Imhof über den Zustand der Schweizer Medien ist verständlich, aber – vorderhand – unbegründet.» Die Leserschaft quittierte seinen Einwurf mit 76% Nein zu 24% Ja – das sollte, wenn auch nicht ganz repräsentativ, zu denken geben. Auch Strehle misst die Qualität im Journalismus an der Quantität, an Parteilosigkeit, oder an der Spassbilanz. Der Inhalt ist so ziemlich weit weg von der Kritik. Einzig Strehles Votum, dass das Jahrbuch animieren soll, die «Befürchtungen» der Forscher in der täglichen Arbeit zu widerlegen, kann als ehrliche Anerkennung für deren Arbeit an die Adresse der Stiftung «Öffentlichkeit und Gesellschaft» gelten. Er bestätigt damit das düstere Bild der Gegenwart.

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Kulturessays

E SSEN

UND TRINKEN

Picknick im September Von Barbara Roelli

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ie Geschichte fängt eigentlich ganz harmlos an. Stefan und Julia planen ein Picknick im Grünen, genauer: ein Picknick im Grünen am See. Es soll ein romantisches Picknick werden. Eines mit Champagner in echten Gläsern, mit Lachsbrötchen und Trauben zum gegenseitig füttern; auf der flauschigen Decke mit Schottenkaro. Sie werden gegen Abend ein lauschiges Plätzchen am See finden, sich in den letzten Sonnenstrahlen in den Armen liegen und bei Kerzenlicht in den Sternenhimmel blicken. Und dann wird Stefan die kleine Schatulle hinter seinem Rücken hervorzaubern, sie öffnen und Julia vors Gesicht halten. Der geschliffene Diamant des Rings wird im Kerzenschein noch mehr funkeln als im Tageslicht. Er wird den Ring aus der mit dunkelblauem Samt gefütterten Schatulle nehmen, ihn ihr ohne Worte an den Finger stecken. In diesem Moment wird jedes Wort überflüssig sein. Ein Heiratsantrag ohne Worte – doch sie wird nicken, sein Gesicht in beide Hände nehmen und ihn leidenschaftlich küssen. Vor seiner wichtigen Geschäftsreise nach Amerika wird er wissen, dass Julia ihn heiraten will. Das wird den Abschied von ihr soviel leichter machen. Sie haben das Picknick seit X Wochen geplant, genau auf den 16. September. Den Tag, an dem sie sich vor vier Jahren kennen gelernt haben. Seit zwei Jahren wohnen sie zusammen, über Kinder haben sie in letzter Zeit oft gesprochen. Übers Heiraten nicht. Für Julia ist klar, dass sie der richtige Mann auch ohne Aufforderung darum bitten würde, seine Frau zu werden. Sie hofft und ahnt darum auch, dass dieses Picknick mit Stefan für ihr zukünftiges Leben von Bedeutung sein wird. Sie will Stefan vor seiner wichtigen Reise nach Amerika das Ja-Wort geben. So wird ihr

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Bild: Barbara Roelli

der Abschied von ihm leichter fallen. 16. September. Sie finden den abgelegenen Ort am See genauso vor, wie sie es sich vorgestellt haben. Ein schmaler Pfad führt vom Hauptweg ab, durch dichtes Gebüsch mit Dornen. Das Ganze hat etwas Verbotenes, denn vor der Abzweigung in den schmalen Pfad ist unübersehbar ein Verbotsschild montiert: «Privatweg - Betreten verboten». «Wo’s verboten ist, ist’s am Schönsten», lächelt Stefan, nimmt Julias Hand und führt sie um das Verbotsschild herum auf den schmalen Pfad. Er geht voran und befreit den Pfad mit einem Holzstock von überwuchernden Ästen und Kletterpflanzen. Irgendwann erreichen sie den See. Den Ort, wo ihr unvergessliches Picknick stattfinden soll. Es ist eine kleine Sandbucht, von Schilf gesäumt. Julia stellt den Picknickkorb auf den Boden; ein englisches Modell, das aussieht wie ein geflochtener Koffer. Julia öffnet ihn vorsichtig, greift nach der Decke mit Schottenkaro, und breitet sie in einer anmutigen Bewegung auf dem Sandboden aus. Dann löst sie die beiden Teller aus den gekreuzten Ledergurten, legt Besteck, Salz und Pfefferstreuer auf die Decke. Es ist still am See; nur von weitem hört man ein Motorboot, und im Schilf summen irgendwelche Insekten. Stefan hat sich auf die Decke gesetzt und schaut Julia zu, wie sie liebevoll die Lachsbrötchen aus der Tupperware auf die Teller legt, die Gurkenscheiben drapiert, den perfekt reifen Camembert anschneidet und einen üppigen Zweig weisser Trauben dazulegt. Sie holt den selbst gemachten Pastasalat, den Stefan so liebt, aus dem Korb. Sie hatte schon immer ein Flair für gute Sachen, denkt Stefan, als sie ihm den Champagner zum Öffnen überlässt. Dann knallt der Korken, und ein Schwarm

Enten flattert aus dem Schilf in den Abendhimmel. Die Sonne liegt jetzt so tief, dass sie Julias und Stefans Plätzchen direkt beleuchtet. Der Champagner schäumt aus der Flasche und Stefan bemüht sich, schnell die Gläser zu füllen, ohne zuviel daneben zu tropfen. Er schafft es nicht. Sie lachen. Julia küsst ihn auf das eierförmige Muttermal, das sie so liebgewonnen hat. Endlich ist alles parat, sie sitzen nebeneinander auf dem Schottenkaro in der Abendsonne, vor ihnen ausgebreitet die Schätze aus dem Picknickkorb, und hinter Stefans Rücken die Schatulle mit dem Ring – dem Schlüssel zum Ja-Wort. Julias grüne Augen leuchten, Stefan berührt ihre Wange. Wie die Haut von Nektarinen – so glatt und weich, denkt er. Dann geht alles sehr schnell. Sie prosten sich zu. Julia ist geblendet von der Abendsonne, als sie das Glas an die Lippen führt. Sie sieht die Wespe nicht und nimmt einen grossen Schluck. Geniesst das perlige Gefühl des Champagners auf der Zunge. Die Wespe sticht nur einmal zu; an die weiche Stelle zuhinterst im Gaumen. Julia verschüttet den Champagner, spuckt die Wespe reflexartig aus und spürt, wie das Gift wirkt. Sie hört ihr Herz klopfen, beginnt unruhig zu atmen. Stefan packt sie an beiden Armen, schreit sie hilflos an, wo sie das Allergiemedikament habe, durchwühlt ihre Tasche, leert den ganzen Inhalt aus. Julia spricht nicht mehr, schüttelt nur unter Tränen den Kopf. Sie wusste, dass sie irgendetwas vergessen hatte. Das Medikament. Julia fasst sich an den Hals, ringt nach Atem. Stefans Silhouette im Gegenlicht nimmt sie nur noch schwammig war, er telefoniert laut, aber sie hört es nicht mehr. Das Letzte was sie wahrnimmt ist, dass er sie in den Armen hält. Dann gibt sie ihm das JaWort.


Kulturessays

ÉPIS FINES

K LEIDER

Von Michael Lack

Typisch französisch! Süss, einfach und ein Hochgenuss. Zutaten 1dl Holunderblütensirup 3dl Cassissaft 2dl Wasser 50gr Zucker 20gr Gelatine 10gr Minze 10gr Zucker

Vorbereitung: Form mit Klarsichtfolie auslegen. Alle Flüssigkeiten zusammen in einen Kochtopf geben. Zucker und Minze mit einem Messer oder einer Mulinex zerkleinern bis der Zucker die Farbe der Minze angenommen hat. Gelatine im kalten Wasser weich lösen. Zubereitung: Flüssigkeiten zusammen mit dem Zucker kurz aufkochen. Erhitzten Saft und Gelatine zusammen verrühren. Gelee in eine Form geben und im Kühlschrank erkalten lassen. Wenn der Gelee fest ist, in Würfel schneiden und im Zucker drehen.

L EUTE

Das Erbe der Indios Von Simone Weber E

PÂTE DES FRUITS AUS CASSIS UND MINZEZUCKER

MACHEN

s zeigte sich der Sommer kurz von seiner schönsten Seite, und entschied sich sogleich, eilig weiterzuziehen. Etwas schmerzhaft ist das schon, als ob dir jemand einen riesigen Korb voller Schleckzeug entgegenhält, du suchst dir den besten und schönsten Lolli aus, und wenn du einmal genüsslich von seiner fruchtigen Süsse gekostet hast, nimmt man ihn wieder zurück und sagt: «Ich komme nächstes Jahr wieder vorbei, dann kannst du weiterschlecken.» Aber wir kennen ihn ja nicht anders, diesen sarkastischen Fiesling. Und ja, er kann sich‘s erlauben, denn wir lieben ihn, egal wie er sich benimmt. Einen kleinen Trost gibt es, der dem pochend bohrenden Abschiedsschmerz etwas Linderung verleiht. Wenn die Temperaturen sinken, ein kühler, herbstlicher Wind um die zarte, noch sonnenverwöhnte Haut streicht, die sich sogleich in eine harte, pustelige Schale verwandelt, dann können wir den Poncho aus dem Kleiderschrank holen, und zum treuen Begleiter der kommenden Wochen auserwählen. Den regennassen Herbststürmen und der peitschenden Kälte des Winters kann ein leichter Poncho nicht immer standhalten, seinen grossen Auftritt hat er, wenn die lauen Sommernächte etwas abkühlen, die wärmende Sonnendecke milder wird, und wir danach verlangen, in eine wollig weiche Decke gehüllt auf dem Liegenstuhl im Garten ein gutes Buch zu lesen. Denn wenn ein Kleidungstück wohlige Wärme und Geborgenheit, Gemütlichkeit und Schutz vermitteln kann, dann ist es der Poncho. Und als ob das nicht schon genug wäre, lässt er uns auch noch umwerfend gut aussehen. Der traditionelle Poncho kommt ursprünglich von den indigenen Völkern Südamerikas. Seinen Namen hat der Umhang von dem Mapuche, einer Volksgruppe aus Argentinien und Chile erhalten. Das Kleidungsstück wird schon in alten Schriften aus dem 17. Jahrhundert erwähnt, als Kolonialisten es gegen Branntwein und Waffen eintauschten. Damals bestand der Poncho aus einem schweren, rechteckigen oder runden Stück Stoff, mit einem Loch in der Mitte, durch das man den Kopf in die Aussenwelt stecken konnte. Ärmel hatte der Poncho nie und hat sie sicherlich auch niemals vermisst. Denn noch heute macht die Ärmellosigkeit dieses Kleidungsstück aus. Am Körper anliegend, unter einer Decke aus wärmender Wolle ist es doch auch viel gemütlicher als einsam in der Kälte baumelnd. Für Leute denen dies zu unheimlich ist, die gern mit den Händen wild gestikulieren und alles befingern, das ihnen in die Quere kommt, gibt es kurze und besonders leichte Modelle, es gibt sogar solche

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mit zwei Schlitzen auf der Seite, durch die man seine Arme in die Aussenwelt strecken kann. In Südamerika ist der Poncho meist aus schwerer dicker Wolle gefertigt und eignet sich daher auch als Wintermantel. Kräftige Farben und unzählige, unterschiedliche Muster geben ihm seinen typischen Ethno-Look. Die edelsten südamerikanischen Ponchos werden aus feinster Alpakawolle hergestellt, die wegen ihrer Leichtigkeit, Weichheit und der optimalen Wärmeregulierung verehrt wird, und auch bei uns sehr beliebt ist. In seinen Ursprungsländern hat sich im Lauf der Zeit an Form und Farbigkeit des Ponchos kaum etwas geändert. Sein simpler Schnitt könnte einfacher nicht sein! Gerade deshalb finden sich heute in unzähligen Frauenmagazinen unterschiedliche Strick- und Nähanleitungen zur Herstellung eines persönlichen Lieblingstücks. Und da so ein Viereck mit einem Loch in der Mitte selbst der grösste Strick- und Nählaie hinbekommen sollte, können sich auch Anfänger drauf stürzen! Wie schaffte es der Poncho aber, in unseren Breitengraden ein solch geliebtes Anziehding zu werden? In der modernen westlichen Welt war der südamerikanische Mantel besonders bei den Hippies der 60er Jahre sehr beliebt. Damals natürlich in seinem ursprünglichen Indio-Style, so farbig und wollig wie möglich. Später geriet er fälschlicherweise etwas in Vergessenheit. Bis ihn die Modeliga vor ein paar Jahren wieder entdeckte und er in einen gefeierten Star verwandelt wurde. Die grossen Designer wie Prada, Chanel oder Dior haben ihm neues Leben eingehaucht, mit etwas weniger Farbe, dafür mehr Eleganz und Raffinesse. Die Materialien und Formen wurden vielfältig gewählt. So gibt es die Ponchos heute geschlossen, mit Schlitz, zum Übereinanderschlagen oder Zuknöpfen. Besonders beliebt sind Modelle aus leichtem Strick oder Fliess, am besten einfarbig, dann wirkt er schlicht, elegant und passt zu allem. Besonders mit Röhrenjeans und ein paar hohen Hacken lässt er sich perfekt kombinieren. Übrigens kann der Umhang zu fast jedem Anlass getragen werden, das richtige Modell macht aus jedem Outfit ein beneidenswertes Kunstwerk. Ganz egal ob im Ehtno- oder Hippie-Style, ob elegant oder gar mondän, wenn der Sommer sich verabschiedet und der Herbst uns herzlich grüsst, dann sollten wir den Rest dem Poncho überlassen. Er ist gemacht für frühherbstliche Spaziergänge und das letzte Mittagessen unter freiem Himmel. Soll der Sommer mit seinen Schleckereien doch nächstes Jahr wieder kommen.

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Eine Maus kommt mit einem Koffer und einer Peitsche in eine Apotheke ...

Eine Maus kommt mit einem Koffer und einer Peitsche in eine Apotheke ...

WIE SOLL ES DA FENSTER GEBEN, WENN KEINE ***** WÄNDE MEHR STEHEN!!!!?

Eine Maus kommt mit einem Koffer und einer Peitsche in eine Apotheke ... Eine Maus kommt mi m mit itt ei ein einem ne m Koffer und einer Peitsche Pei e i tsch t s ch ts c e in eine Apotheke ...

WIE W IE SOLL ES A FENSTER FENSTER GEBEN, FE GEBEN DA ENN NK EINE ***** WÄNDE W NDE WÄ WENN KEINE M EHR STEHEN!!!!? MEHR

WIE SOLL ES DA FENSTER GEBEN, GEBEN WENN KEINE ***** WÄNDE MEHR STEHEN!!!!?

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ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

Das gemeinsame Werk der Sommerakademie-TeilnehmerInnen: Neben den täglichen Radioshows auf Radio RaBe, produzierten sie diese Plakataushänge in der Stadt Bern und Beiträge für die «Berner Zeitung».

Kultur & Gesellschaft


«Wenn meine Ohren deine Lippen...»

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Von Martin Lötscher - Teilnehmer der Sommerakademie

as passiert, wenn wir durch Kunst miteinander kommunizieren? Unter dieser Leitfrage fand dieses Jahr bereits die fünfte Sommerakademie des Zentrum Paul Klee in Bern statt. Eine für mich zutiefst genuin künstlerische Fragestellung, die sicher unterbewusst auch in den vier vorangehenden Jahren virulent in den Räumlichkeiten der Sommerakademie zirkuliert haben muss, und die erstaunlicherweise im zeitgenössischen Kunstdiskurs nur allzu selten Gehör findet. Eine Frage, die nach den Konditionen und Potentialen menschlichen Handelns und Verhandelns sucht, und die in diesem Jahr aufgrund der polyphonen Konzeption intensiver als in den bisherigen Jahren auch in den öffentlichen und somit politischen Raum gesendet wurde. Unter dem Titel «Wenn meine Ohren deine Lippen sind, werden unsere Körper zu Radios» versammelte der diesjährige Kurator Jan Verwoert eine internationale Kunsttruppe von zwölf Personen unter 35 Jahren zum gemeinsamen Denken und Handeln. Als einziger Teilnehmer aus Bern und der Schweiz steht mir nun zudem die Ehre zu, für ensuite - kulturmagazin als Inside-Reporter und einheimisches Sprachrohr, und nicht zuletzt auch als Profiteur dieser äusserst grosszügigen Institution (eine Stiftung der Berner Kantonalbank), in Form eines Textes eine geistige Brücke aus dem Innern dieser Idee zu den aussenstehenden Köpfen zu schlagen.

SOMMERAKADEMIE

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ie Sommerakademie im Zentrum Paul Klee ist eine internationale Plattform für zeitgenössische Kunst, die sich mit der Erforschung der Gegenwart und dem Denken über Kunst beschäftigt. Aufgabe der Sommerakademie ist es, durch Weiterbildung, Förderung und Vermittlung sowohl die künstlerische Produktion als auch Reflexion zu fördern und zugleich die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen. Zur Teilnahme berechtigt sind KünstlerInnen, KuratorInnen und KritikerInnen, die über einen Abschluss an einer Kunstakademie oder über den Nachweis vergleichbarer Leistungen verfügen. Das Höchstalter liegt bei 35 Jahren. Die Wahl eines jährlich wechselnden Themenschwerpunkts ist von zentraler Bedeutung. Jedes Jahr wird eine Kuratorin oder ein Kurator für Konzeption und Umsetzung verpflichtet. Sie oder er wird von einem Expertenteam gewählt. Die Kuratorin der Sommerakademie im 2011 ist Pipilotti Rist. Infos: www.sommerakademie.zpk.org

Als Sinnbild und anstelle eines klassischen Protokolls oder Tagebuches möchte ich diesem Begehren nun am liebsten mit einem kurzen Abstecher in die Entstehungsgeschichte der diesjährigen Sommerakademie begegnen. Dies nicht zuletzt, weil das eben erst Erlebte noch zu frisch, zu unverdaut und mir zu wichtig für eine kurzatmige Wiedergabe erscheint. Die folgenden Zeilen bieten somit den gewünschten, wenn auch einen beschränkten Einblick in all das, was ich in dieser kurzen und intensiven Zeit erleben durfte. Im Zentrum dieser Anekdote steht hierbei ein Loblied auf die noch unbefleckte Schönheit des Informellen, der wohl für immer und ewig eindrucksvollsten Art und Weise der Wissensvermittlung, deren einzige Grenze die menschliche Vorstellungskraft ist! An einem etwas schwülen, jedoch für die Jahreszeit ausserordentlich angenehmen Sommerabend in Mexico-City des letzten Jahres traf ein australischer Kulturwissenschaftler auf einen Kollegen aus Singapur. Im Rahmen eines Urbanismus-Symposiums haben sich die beiden, obwohl schon einiges von einander gelesen, zum ersten Mal persönlich getroffen und so war nun nach getaner Arbeit, bzw. nach der entsprechenden Powerpoint-Präsentation der jeweils letzten Forschungsergebnisse, Zeit für ein wenig Musse und Erholung. Am langen Tisch der Experten vertieften sich die beiden, wohl auch auf Grund der nicht gerade berauschenden Küche dieses internationalen Hotel- und Konferenz-Ressorts, in ein persönliches Gespräch. Der griechisch-stämmige Australier und der chinesisch-stämmige Forscher aus Singapur fanden dank ihrem grossen Interesse an der Kulturgeschichte beider Ursprungsnationen schnell eine sehr persönliche Ebene. Der Abend verflog in Windeseile und so machten sich die beiden am nächsten Morgen wieder auf den Weg zu ihren nächsten Destinationen. Wenige Wochen später in Shanghai: Auf dem Internationalen Flughafen von Pudong traf der Kunsttheoretiker aus Singapur auf den holländisch-stämmigen Philosophen und Kunstkritiker Jan Verwoert aus Deutschland, der um die gemeinsame Wartezeit totzuschlagen, von seinem neusten Projekt der Sommerakademie 2010 in Bern zu erzählen begann. Der Mann namens Wu erwähnte in diesem Kontext einen möglicherweise interessanten Aspekt, von welchem er in einem Gespräch, das er vor wenigen Wochen in Mexico-City mit einem Australier führte, erfahren hatte. So kam der deutsche Kurator zum Thema der Stoa und nicht zuletzt in Kontakt mit Nikos Papastergiadis, welcher hocherfreut über die äusserst schmeichelhafte Anfrage von Jan Verwoert, seine Teilnahme als Speaker an der diesjährigen Sommerakademie in Bern bestätigte.

Diese relativ unspezifische und schon fast belanglose anmutende Story offenbarte sich mir jedoch als ein vortreffliches Modell des Ganzen. Eine Art «Camera obscura», in welcher die einfallende Projektion alle relevanten Umrisse festhält, ohne jedoch die wahre Tiefe offenzulegen. Viel tiefer in die Materie drang jedoch Hanna Arendt in ihrem Buch «The Human Condition» mit der Frage nach den Grundbedingungen des menschlichen Lebens ein. Dabei stellte sie nicht wie Karl Marx die Tätigkeiten der Arbeit und Herstellens, sondern die Tätigkeiten des Handelns ins Zentrum ihrer Analyse, und so haben auch wir als Gemeinschaft von Beginn weg handelnd anstatt taktierend agiert und so eine eigene, gruppendynamische Form von «Freiheit und Sicherheit» konstruiert, die uns Schutz und Inspiration zugleich bot. Und genau hier offenbart sich mir, als eine in erster Linie vermittelnde und nicht künstlerische Person, eine interessante Schnittstelle, ein potentieller Ansatz, vielleicht gar ein offener Standard, wie aus solchen künstlerischen Laborsituationen relevante Erkenntnisse herausdestilliert und für eine hoffnungsvollere Zukunft zur Anwendung gebracht werden könnten. Denn trotz der unendlichen Glasfasersphären unserer heutigen Kommunikationsgesellschaft, gelingt es uns nicht, entsprechend besser, deliberative Prozesse in vernünftigere Richtung und Räume zu steuern, als dies bei den grossen Griechen der Antike vor über 2000 Jahren der Normal fall gewesen sein soll. Wie sollen so für die ungleich komplexeren Lebenswelten und damit einhergehenden Probleme entsprechende Lösungsansätze gefunden werden können? Es erscheint mir jedenfalls überaus bezeichnend, dass für die rasante Weiterentwicklung der Kommunikationstechnologien noch immer die Sexindustrie als grösster Wachstumsund Innovationstreiber gilt und nicht etwa die Staatengemeinschaft, welche durch die neuen technischen Möglichkeiten durchaus demokratischere und nachhaltigere Benutzersysteme entwickeln könnten. Oder ist das Facebook-Land, als mittlerweile drittgrösster Staatenbund, hier eventuell eine positive Ausnahmeerscheinung? Ich denke nicht, sehe darin aber dennoch interessante Entwicklungspotentiale, die vor allem durch die Kunst und Poesie furchtbar gemacht werden könnten, in dem sich die Menschen zunehmend auf künstlerischen und somit persönlicheren Ebenen begegnen und so neue Formen von Gemeinschaften entstehen lassen könnten, in welchen Demut und Ehrlichkeit als die wichtigsten Grundpfeiler gelten und auch entsprechend gelebt werden. Ganz wie unter Freunden! Martin Lötscher ist Grafik-Designer und seit 1996 Herausgeber des Journals soDa.

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ZĂźrcher Hochschule fĂźr Angewandte Wissenschaften

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Informationsveranstaltung MAS Arts Management Dienstag, 7. September 2010, 18.15 Uhr Stadthausstrasse 14, SC 05.77, 8400 Winterthur Start der 12. DurchfĂźhrung: 21. Januar 2011 ZHAW School of Management and Law â&#x20AC;&#x201C; 8400 Winterthur Zentrum fĂźr Kulturmanagement â&#x20AC;&#x201C; Telefon +41 58 934 78 70 www.arts-management.zhaw.ch Building Competence. Crossing Borders. ZĂźrcher Fachhochschule

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Die Kleinen Strolche

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SO 19.09 20.00

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Eine KomĂśdie von

Marc Fitoussi

Witzig, spontan und lebhaft â&#x20AC;&#x201C; Isabelle Huppert ist ein Feuerwerk ! Le Temps

www.grossehalle.ch

IM KINO


Literatur L ITERARISCHE F RAGMENTE 9

Seit jeher unterwegs Von Konrad Pauli

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ie knapp Zweijährige scheint sich irgendwo eine tiefe Abneigung, ja Angst vor Vogelfedern eingefangen zu haben. Greift man unterwegs nach einer Feder, will man sie ihr geben, gerät die Kleine geradezu in Panik, ihr sträuben sich buchstäblich die Haare. Eines Sonntags sind Grossmama und Grosspapa mit ihr unterwegs und unterm Baum liegt eine in vielerlei Farben schimmernde Vogelfeder. Grosspapa hebt sie auf, führt zunächst ein begeistertes Selbstgespräch über das Fundstück, was zumindest die Aufmerksamkeit des Mädchens weckt. Sobald sie sieht, worum es geht, wendet sie sich entsetzt ab, will ganz und gar nicht mit der Zartheit der Federchen in Verbindung gebracht werden. Grosspapa spricht mit der Feder, streicht mit den Fingern

LESEZEIT Von Gabriela Wild

«

Alles was man schriftlich ins Publikum bringt gleicht einer Arznei die man Jemandem eingiebt: bisweilen wirkt sie gleich, bisweilen gar nicht, geht ab ohne Wirkung, bisweilen wirkt sie sehr spät, und zeigt bisweilen ihre Wirkung an Theilen wo man es nicht vermuthete und auf eine Art an die man nicht dachte.» Der junge stürmische Schopenhauer, Doktor der Philosophie, hatte sich für seine Lehre eine schnellere Wirkung erhofft. Einschlagen wollte er wie ein Kugelblitz in der Philosophenwelt. Doch sein Werk «Die Welt als Wille und Vorstellung» erscheint mit Verspätung. Schopenhauer sieht sich von dem Verleger Arnold Brockhaus über den Tisch gezogen. Dieser verdient sein Geld schliesslich mit dem Lexikon, natürlich geht es mit Vorrang in Druck. Zwar hält auch Brockhaus Schopenhauer für einen interessanten Kopf – dem Dreigestirn der zeitgenössischen Philosophie Hegel, Fichte, Schelling steht nichts entgegen, niemand, der die Grossen herausfordert – doch die Befürchtung, mit dem obskuren philosophischen Werk bloss Makulatur zu drucken, erhärtet sich. Schopenhauer muss ohne Exemplar seines Buches nach Venedig

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über sie, führt sie nun über die Hände, die Arme, die Stirn und den Nacken. Aus sicherem Abstand, stets zur Flucht bereit, schaut die Kleine zu. Respekt und Neugierde halten sich die Waage, lassen sie einen Schritt nach vorn, und sofort wieder zurück tun. Grosspapa, dem Anschein nach selbstvergessen mit der Feder beschäftigt, vermag das Mädchen nun doch zu fesseln; vorsichtig kommt es näher, auf spitzem Fuss und mit vorgestrecktem Hals, will, ohne sich zu verstricken, dem Geheimnis der Feder auf die Spur kommen - wenn Grosspapa ihr mit der Feder freilich entgegenkommt, sie die feinen Härchen spüren lassen will, treibt er das Mädchen mit kleinster Geste geradezu in die Flucht. Grosspapas Strategie weitet sich insofern aus, als er Grossmama in die Liebkosung

reisen, einzig mit einer Empfehlungskarte des einflussreichen Goethe. Schon auf der Reise fällt er der Metternich’schen Geheimpolizei auf. Goethes Empfehlungskarte macht ihn verdächtig, ebenso sein provozierender Einsatz für ein geschundenes Tier. Christoph Poschenrieder fabuliert süffig leicht, erfindet glaubwürdig, und konstruiert geschickt eine Geschichte um Schopenhauers Italienreise im Jahre 1918, kurz bevor sein Hauptwerk erscheint. Poschenrieder spielt in seinem Romandebüt auf eine Handvoll historischer Gegebenheiten an, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben. So in etwa die Sachverhalte, dass Schopenhauer von Goethe eine Empfehlungskarte erhielt, an wen ist allerdings ungewiss, oder, dass um 1918 Lord Byron seit einiger Zeit in Venedig lebte, dass Schopenhauer eine Geliebte namens Teresa hatte, dass Byron ebenfalls eine Geliebte namens Teresa hatte. Poschenrieder verknüpft die Fakten spannungsvoll, in dem er Schopenhauer von Goethe bei Byron empfehlen, und des Philosophen Teresa und des Dichters Teresa als ein und dieselbe Person auftreten lässt. Schopenhauer wartet auf den idealen Augenblick, bei Byron vorzusprechen. Er verpasst den Moment. Sei es, weil Teresa ihm den Kopf verdreht – der Engelskopf küsst nicht nur wie eine diavolessa, sondern gibt mit ihrer einfachen, ehrlichen Art bessere Konter als ein Hegelianer – sei es,

einbezieht - und Grossmama äussert, absichtlich übertrieben, Zeichen des Entzückens, was die Kleine zumindest von weiteren Fluchtgedanken abhält. Man geht weiter, tut so, als sei die Feder vergessen, doch bald wird das spielerische Ritual fortgesetzt. Und endlich gelingt es Grosspapa, das Federchen über des Mädchens Hand streichen zu lassen. Die Kleine steht wie versteinert, starrt auf das Ungeheuerliche, lässt’s aber geschehen. Später nimmt das Mädchen die Feder, streichelt sich, dann auch Grossmamas und Grosspapas Haut. Mit grösster Behutsamkeit, als könnte etwas zerbrechen. Schliesslich findet sie gar ein weiteres Federchen, ein kleines zwar, aber die Angst ist weg und hat dem Vertrauen Platz gemacht.

weil seine Geliebte auf einem Spaziergang in grosse Erregung gerät, als Lord Byron vorbeigaloppiert. Schopenhauer will nicht mit «Hörnern» dastehen. Schliesslich aber geht Abraham Ludwig Muhl, der Vermögensverwalter der Familie Schopenhauer, Konkurs. Schopenhauers finanzielle Grundlage, auf der seine philosophische Freiheit fusst, schwindet. Das hätte das Ende eines Lebens bedeuten könen, das noch nicht einmal richtig begonnen hat. «Man kann Philosoph sein, ohne deshalb ein Narr zu sein, Muhl», schreibt Schopenhauer, «der, welchen Sie vor sich haben, ist ein Kaufmann noch dazu. Sie werden verstehen, dass ich mir nicht nehmen lasse, was mit dem grössten und unbestrittenen Recht mein ist und worauf mein ganzes Glück, meine Freiheit, meine gelehrte Musse beruhen, ein Gut, das auf dieser Welt Meinesgleichen so selten zuteil wird, dass es gewissenlos und schwach wäre, es nicht auf das Äusserste zu verteidigen und mit aller Gewalt festzuhalten…». Schopenhauer sieht sich gezwungen, Venedig zu verlassen. Kaum jemand kaufte «Die Welt als Wille und Vorstellung». Noch weniger lasen es. Nach ein paar Jahren liess Friedrich Arnrold Brockhaus den allergrössten Teil der Auflage einstampfen – makulieren. Christoph Poschenrieder, Die Welt ist im Kopf, Roman Diogenes 2010.

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Literatur-Tipps

Kawakami, Hiromi: Am Meer ist es wärmer – eine Liebesgeschichte. Roman. Hanser. München 2010. ISBN 978 3 446 23553 3. S. 205. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler.

Elmiger, Dorothee: Einladung an die Waghalsigen. Roman. Dumont. Köln 2010. ISBN 978 3 8321 9612 7. S. 143.

Myftiu, Bessa: An verschwundenen Orten. Roman. Limmat Verlag. Zürich 2010. ISBN 978 3 85791 597 0. S. 245. Aus dem Französischen von Katja Meintel.

Und sie zogen aus, die Welt zu begreifen Dorothee Elmiger: Einladung an die Waghalsigen. Roman.

Ein Leben mit Verschwundenen Hirmoi Kawakami: Am Meer ist es wärmer – eine Liebesgeschichte. Roman.

Die Schönste sein Bessa Myftiu: An verschwundenen Orten. Roman.

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orothee Elmiger ist längst keine Unbekannte mehr. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel, und heute Studentin der Politikwissenschaft in Berlin, wurde sie in Klagenfurt mit dem 2. Preis des Ingeborg Bachmann-Wettbewerbs geehrt. Verdientermassen. Ihr Debüt-Roman, der von den Schwestern Margarete und Fritzi Stein, den Töchtern des Polizeikommandanten Stein erzählt, ist ein Werk voller Poesie. Die Mutter hat kurz nach Fritzis Geburt die Stadt verlassen. Eignet sich Margarete die Welt durch Bücher an, ein tägliches Eintauchen am Küchentisch unter der Leselampe, die neugewonnenen Erkenntnisse in ihre Remington hämmernd, sucht Fritzi dem Unbekannten mit Vermessungen beizukommen. Sie vermisst ihre Umgebung um sie zu begreifen. Margaretes Welt ist nicht diejenige der Pionierin, sondern gespickt mit Zitaten, aufbauend auf die Erkenntnisse der Altvorderen, auf bereits angehäuftes Wissen. Fritzi hingegen macht sich als Empirikerin im Draussen zu schaffen. Beide Herangehensweisen an die Welt, eine untergehende oder sich im Aufbruch befindende, dienen lediglich der Vorbereitung. Denn vor dem apokalyptischen Szenario der unter Tag brennenden Kohlefeuer wird eine Reise in eine Welt, die jenseits der «verlorenen» Stadt liegt, vorbereitet. Nicht ins Unbekannte geht die Reise, und dennoch dient sie der Suche nach dem Unbekannten oder vielmehr Unbenannten. Dem Fluss beispielsweise, der einst in eine Karte eingezeichnet worden war, um alsdann zu verschwinden. In diesem Fall kein namenloser. Elmiger ist Kind der Google-Generation, und doch gelingt ihr ein Spiel mit einem Vorwurf an diese. Das Wissen in Versatzstücken, die Wiederholungen von Namen, das stets Abrufbare der Information, wird bei ihr zu einem Mosaik mit sich immer wieder neu produzierenden Bildern.

ine japanische Schriftstellerin in ihren Vierzigern lebt mit ihrer Mutter und ihrer Tochter Momo in einem «Dreimädelhaus» in Tokio. Der Ehemann Rei verschwand, als Momo drei Jahre alt war, und trotz ihrer langjährigen Beziehung zum verheirateten Seiji gelingt es Kei nicht, den Verschwundenen zu vergessen. Eines Tages bricht sie nach einer Sitzung in einem Bahnhof Tokios, auch für sich selbst überraschend, zum Küstenort Manazuru auf, und nicht erst dort spürt sie die Präsenz von Geistern. Nach ihrer Rückkehr wird das Gefühl, verfolgt, oder vielmehr: begleitet zu werden von etwas oder jemandem aus einer anderen Wirklichkeit, stärker. Und Kei beschliesst, sich nun bewusst auf die Suche nach Rei zu machen. Erneut fährt sie, dieses Mal in Gesellschaft ihrer Tochter Momo, nach Manazuru. Nicht von ungefähr, stellt doch der in diesem Küstenstädtchen gemache Eintrag einen der letzten im Tagebuch ihres Mannes dar. Doch nicht nur Momo ist an ihrer Seite, sondern auch der Geist einer Frau, deren Präsenz zunehmend intensiver wird. Und Kei muss sich entscheiden, ob sie mit den Toten gehen und sich selbst verlieren, oder das Leben mit ihrer Tochter im Hier und Jetzt leben will. Denn diese entfremdet sich zunehmend von der Mutter, und nähert sich zum Unbehagen Keis stärker der Grossmutter an. Kawakami, einst Biologielehrerin, ist heute in Japan eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart, und auch bei uns spätestens seit ihrem Roman «Der Himmel ist blau, die Erde ist weiss», der sowohl von Kritik wie Publikum begeistert aufgenommen wurde, bekannt geworden. Hier malt sie mit den Farben der melancholischen Liebe; einer Liebe, stärker als der Tod, ein ewiges Motiv der Literatur.

on der Sehnsucht nach Schönheit scheint die Bevölkerung Albaniens, glaubt man der Erzählerin in Myftius Roman, geradezu besessen. So ist der Diktator Enver Hoxha, Herrscher in einem Unrechtsregime und berüchtigt für seine Brutalität, trotz aller Greueltaten eben auch schön, und seine Taten dadurch zwar nicht gerechtfertigt, aber doch abgemildert. Die Erzählerin, das alter Ego der Autorin Bessa Myftiu selbst, beschreibt die Welt ihrer Kindheit, die sich auf die eine Strasse Tiranas, wo das Elternhaus steht, beschränkt. Es ist eine aus heutiger Sicht verschwundene Welt, deshalb auch der Titel des Romans. Eine Welt, in der die Kinder auf der Strasse Fussball spielen, kaum behelligt durch den Verkehr, der sich auf einige wenige Autos beschränkt. Eine Welt, geprägt auch von den schattenspendenden Pappeln, dem riesigen Feigenbaum, den Dattelbäumen, und dem Kirschbaum in seiner weissen Blütenpracht. Der Vater, Lehrer am Gymnasium und Intellektueller, wird wegen seiner politischen Schriften verfolgt, und zum Kioskverkäufer degradiert. Die Mutter, Biologielehrerin und Freidenkerin, führt in ihrem Zuhause das Zepter entspannt, lässt den Kindern viel Freiheit, insbesondere gedankliche. Die kindliche, später jugendliche Erzählerin ist getrieben davon, die Schönste sein zu wollen. Nicht aufgrund ihrer Intelligenz, sondern nur wegen ihrer Schönheit will sie geliebt werden. Die Albanerin Bessa Myftiu, die in Genf einen Lehrauftrag für Erziehungswissenschaft innehat, und neben wissenschaftlichen Texten auch Romane und Lyrik publiziert, hat «aus Liebe» das Französische als Sprache ihres Ausdrucks gewählt. Mit ihrer Liebe zur Welt, indem sie selbst den schlimmsten Situationen etwas Positives abgewinnen kann, weil sie eben stets auch die Schönheit sieht, bezaubert uns die Erzählerin in «An verschwundenen Orten» .

buchhandlung@amkronenplatz.ch www.buchhandlung-amkronenplatz.ch 18


Architektur Eisarena: Verpixelte Eislandschaft Von Anna Roos

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rotz ständiger Investitionen wurde im Jahr 2005 festgestellt, dass das alte Eishockey-Stadion Bern den geltenden Sicherheitsbestimmungen nicht mehr entsprach. Die erste Entscheidung war, ob es abgerissen werden sollte, oder mit einem Umbau gerettet werden konnte. Ziemlich schnell haben die Architekten, Schwaar + Partner, zugunsten eines Umbaus entschieden. Das 40-jährige Gebäude abzureissen wäre finanziell nicht sinnvoll gewesen. Dass keine Umzonung erforderlich war, bedeutete ein viel einfacheres Bewilligungsverfahren. Der Umbau war schon die zweite Erneuerung seit dem ursprünglichen Bau aus den 1960er- Jahren (damals auch von W. Schwaar Architekten geplant, zuerst noch ohne Dach). Während dem ganzen Prozess war die Wirtschaftlichkeit ein wichtiger Teil für die Entwicklung des Projekts. Ausschliesslich durch Kartenverkäufe für Eishockey-Spiele liess sich die Arena nicht finanzieren. Deshalb wurden grosszügige VIP-Lounges eingerichtet, und Büros für 500 Arbeitsplätze der Post, plus Büros des SCB und der BEA eingefügt, sowie ein grosser gastronomischer Bereich ins Projekt aufgenommen, um den Umbau verwirklichen zu können. Das Gebäude bekam ein neues architektonisches Gesicht, um es als Stadion erkennbar zu machen. Von aussen ist jedoch kaum mehr der alte «Hexenkessel» zu erraten. Die neue Fassade umwickelt die alte, was einen fast kristallinen Effekt hervorruft. Die komplexe Gestaltung der Fassade gibt dem Gebäude einen neuen architektonischen und ästhetischen Charakter. Zusammen mit ipas Architektur Büro, haben Schwaar Architekten eine flimmernde, halb-transparente Fassade inszeniert. Die abgewickelten, perforierten

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Foto: Tomas Houda

Blechpaneele als zweite, äussere Haut der Fassade, kreieren eine filigrane Schichtung, durch die die Farbe der dahinterliegenden Wand sanft durchschimmert. Abhängig von der Licht-

Intensität wird die Form unterschiedlich wahrgenommen. Die ursprüngliche Inspiration für das Konzept der Fassade war eine Eislandschaft. Die Eis- und Schnee-Töne wurden «verpixelt», um

eine Vereinfachung mit individuellen blau/grau Farbflächen zu abstrahieren. Durch die opake Fassade und die subtile Farbfläche sieht das Gebäude einem gefrorenen Eisblock mit unter der Oberfläche eingebetteten Farben ähnlich. Die dynamische Form und die subtile Gestaltung der Fassade haben den Massstab reduziert damit das Projekt nicht zu monolithisch erscheint. Der untere Teil des Gebäudes berührt das Terrain hier und da; in den Ecken ist es hochgezogen, mit Rampen für die Eingänge zur Arena. Die leichte Art wie das Gebäude die Umgebung «ertastet», und wie die Form orthogonal zum Grundriss geknickt ist, ergibt eine Dynamik und das Gefühl von Leichtigkeit und Bewegung, so dass das grosse Gebäude leicht über dem Gelände zu schweben scheint. Zudem ist da auch die Fassadenbeleuchtung, welche das Gebäude in der Nacht völlig transformiert. Die transluzente Oberfläche dämpft die LED-Strahler, und gibt der Beleuchtung eine plastische Qualität. Die Farbe kann gewechselt werden, womit zusätzlich verschiedene Effekte erzielt werden können. Wer am Abend auf der A6 vorbei fährt, kann einen kurzen Blick auf das Gebäude erhaschen, das wie eine Lichtskulptur auf einer Bühne erscheint. Auf den ersten Blick lässt sich der Bau nicht vollständig erfassen, es braucht Zeit, um ihn wirklich zu sehen und zu verstehen. Er verändert sich ständig. Mittels Architektur, Licht und Raum, wurde eine Atmosphäre geschaffen, die, wie in einem Film, je nach Zeit und Lichteinfall ein unterschiedliches Bild abgeben kann.

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Tanz & Theater

Tanz & Theater

T HEATER

Hitchcock mit iPod und englischem Humor Von Fabienne Naegeli – «Dying for Oil, Gods and iPods – An Apocalyptic Comedy» vom Londoner Action Theatre Bild: zVg.

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in iPod, mit dem man alle Wahrheiten der Welt enthüllen kann, und der dem, der ihn besitzt, unglaubliche Macht verleiht. Wer würde dieses Gerät nicht gerne haben? Roger, ein Koch, der versucht trendiges Essen zu zaubern, hat finanzielle Probleme und wurde von seiner Ehefrau rausgeworfen. Seine erwachsene Tochter Amber hasst ihn schrecklich, und ihr Kind, Baby Pudding, liebt er abgöttisch. Neben Roger gibt es im neuen Stück vom Action Theatre noch die esoterisch angehauchte Judy. Sie ist Krankenschwester, hat einen Garten und findet, sie müsse ihr langweiliges Dasein endlich mal ändern, denn das Leben hat bestimmt noch mehr zu bieten. Wie bereits in einer ihrer Vorhersehungen angekündigt, kommt eines Tages ein Professor zu Judy und verlangt von ihr, dass sie ihm einen super vielseitigen iPod mit wichtigen Informationen auftreiben soll. Im Gegenzug für diese Leistung erhalte sie eine spezielle Orchidee, von der nur noch einige wenige auf der Welt existieren. Für den iPod-Coup muss Judy ihre Identität wechseln, denn der Professor weiss, dass Roger, der den gesuchten iPod von seiner Tochter Amber hat, die ihn wiederum einem Albino-Mönch gestohlen hatte, auf mysteriöse Frauen steht. Judy wird also die glamouröse Madeleine, wie aus Hitchcocks Film «Vertigo». Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen Madeleine und Roger, als die beiden sich dann das erste Mal auf der Strasse

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begegneten. Magisch von der schönen Frau angezogen, folgt er ihr und rettet sie, als sie von der Golden Gate Bridge springen will. Roger und Madeleine beschliessen, sich auf die Suche nach der Ursache ihres Frustes zu machen, und mit Hilfe des alleskönnenden iPods herauszufinden, wer der Übeltäter ist, der für den schrecklichen Zustand der Welt grundsätzlich verantwortlich ist. Auf ihrer Abenteuerreise werden sie mit verschiedenen Verschwörungstheorien wie dem Mord an Marilyn Monroe oder dem Komplott des 11. Septembers konfrontiert, treffen auf Fundamentalisten und entdecken bei Da Vinci, dass Jesus eine Frau war. Indem sie den Befehlen des iPods folgen, gelangen sie nach Amerika. Im Land der Barbie-Puppen müssen sie mit Kamelen Wüsten durchqueren, Gebirge erklettern, werden in einem Cornflakesfeld von Flugzeugen beschossen, bleiben beinahe in einem Ölteppich stecken und treffen schliesslich im hohen Norden auf berühmt berüchtigte Ikonen wie Pol Pot, Che Guevara und Stalin. Verfolgt werden die beiden ständig von den Bösewichten, dem Professor und dem Albino-Mönch, die den weltmachtverleihenden iPod natürlich haben möchten. Werden sie ihn wohl bekommen, oder siegen am Ende doch die Guten? Überleben die Anti-Helden Roger und Madeleine ihre gefährlichen Abenteuer? Was passiert mit Amber und Baby Pudding? Wird die Umweltschützerin Judy vielleicht zu

einer allseits vergötterten Massenmörderin? Und wer muss am Ende sterben? In der kultig skurrilen Thrillerkomödie «Dying for Oil, Gods and iPods» des Action Theatre spielen die beiden Engländer Doraine Green und Arne Nannestad mit viel Körpereinsatz und Sprachwitz alle Charaktere. Mit sparsamer Requisitenverwendung und viel schwarzem Humor nehmen sie in ihrem temporeichen Theaterstück die moderne Politik, enthusiastische Umweltschützer, sowie Amerika-Hasser und all diejenigen, die an jeder Ecke eine Verschwörungstheorie sehen, aufs Korn.

«Dying for Oil, Gods and iPods – An Apocalyptic Comedy» des Londoner Action Theatre (in leicht verständlicher englischer Sprache) 8. – 11. September, 20:30 Uhr im Tojo Theater Bern Von und mit: Doraine Green, Arne Nannestad. Technik/Licht: Helena Hebing. Produktionsleitung: Michael Röhrenbach.


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F IGURENTHEATER !

Das Theater um die Familie Von Franziska Schönenberger - Die Tösstaler Marionetten feiern ihr 25-jähriges Jubiläum Foto: zVg. Helmut Pogerth

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ennen Sie Lubomir, den kleinen Hirtenjungen, der sich auf eine abenteuerliche Reise begibt, um seine Zauberblume zu finden? Die Gutenachtgeschichte war Ende der 1980er-Jahre ein grosser Erfolg, und der letzte vom Schweizer Fernsehen produzierte Marionettenfilm, der viele Kinderherzen beglückte. Nun wird Lubomir wieder auftreten, wenn die Tösstaler Marionetten vom 17. November bis 1. Dezember im Theater Stadelhofen in Zürich ihr 25-Jahr-Jubiläum mit verschiedenen Veranstaltungen feiern. In der Ausstellung «FigurenKofferWelten» können die Besucher Figuren, Stücke und Geschichten aus 25 Jahren entdecken. Zudem kommen neben «Lubomir» auch «Die chly Häx» und, als Premiere, die Adaption des Kinderbuchklassikers «Ronja Räubertochter» von Astrid Lindgren zur Aufführung. Eine Premiere im doppelten Sinne, denn Werner Bühlmann, Leiter und Gründer der Tösstaler Marionetten, gibt die künstlerische Leitung erstmals zu einem grossen Teil aus den Händen, genauer gesagt, an seine Kinder weiter. Mirjam Bühlmann, die schon für andere Stücke der Tösstaler Marionetten die Figuren schuf, verlangte von ihrem Vater nun die alleinige künstlerische Verantwortung für die Kreation der Puppen. Die Regie übernimmt Tobias Bühlmann, der seine Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München genoss, Erfahrungen an etablierten Häusern sowie in der freien Szene in Deutschland sammelte und Lust hatte, sich auf dieses «Familienexperiment» einzulassen. Schon länger gab es kleinere Zusammenarbeiten in Form von Coachings zwischen Vater und Sohn. Nun kam aber die konkrete Anfrage des Vaters. «Willst du das wirklich?», war die Gegenfrage von Tobias. Sein Vater ist ja bis

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heute weitgehend ohne Regisseur ausgekommen. Verständlich, dass für Tobias einige Fragen im Raum standen: Warum holt er mich? Kann ich meine Qualitäten in seiner Art zu arbeiten einbringen, oder sind diese im System meines Vaters hoffnungslos verloren? Früher hätte der Sohn die letzte Frage bejaht. Er, der klassische Stoffe defragmentiert, über Stimmungen arbeitet, eigentlich keine Geschichten erzählt, im konservativen München beim erwachsenen Publikum mit seinen Stücken aneckte und Skandale produzierte, hat über die Jahre einen anderen Blick auf seine und Werner Bühlmanns Produktionen bekommen. Er sieht, wo die gemeinsamen Stärken liegen, wo man in der Arbeit zusammenkommen, voneinander profitieren kann. Dass hier Konflikte vorprogrammiert sein könnten, beunruhigt die beiden Theatermacher nicht. Beide sind neugierig auf die Zusammenarbeit und denken, dass die Vertrautheit, die eine Familienbindung mit sich bringt, auch viele Vorteile hat. Kommunikationsirritationen können schneller erkannt und gelöst werden, da man sich gut kennt. Es ist ihnen zudem wichtig, dass die beiden weiteren Figurenspieler Mariann Amstutz und Lukas Roth, sowie Marc Bänteli, der die musikalische Gestaltung des Stücks übernimmt, von Anfang an integriert, und am Entstehungsprozess beteiligt sind. Mit seiner Schwester Mirjam arbeitete Tobias bereits erfolgreich bei verschiedenen Theaterproduktionen zusammen. Die Geschwister brauchen relativ wenig Kommunikation, um zu wissen, was gemeint ist. Als Leitfaden erarbeitete Tobias Psychogramme der einzelnen Figuren, welche ihre Eigenschaften mit ihren positiven und negativen Seiten definieren.

Mithilfe dieser Anweisungen gelang es Mirjam, den Puppen einen komplett eigenen Ausdruck einzumeisseln, ihnen ihre eigene künstlerische Handschrift zu geben. Mirjam habe Archetypen in der Tradition des Figurentheaters geschaffen, meint der Vater dazu. Es sind Figuren mit einer grossen Kraft, aber eben auch einer Limitierung. Wenn die Puppen einmal da seien, könne man die Charaktere nicht mehr gross ändern. Das Aussehen der Figuren, so Werner Bühlmann, prägt die Geschichte. Man soll die Charaktereigenschaften des Räuberhauptmanns Mattis erkennen können, meint Tobias. Mattis, dieser eruptive, labile, unsouveräne Vater, der tagelang nicht mit seiner Tochter Ronja spricht, so dass sie in die Wälder ausreissen muss, um Abenteuer zu erleben, und ihre selbst gewählte Freundschaft mit Birk Borkasohn aufrecht zu erhalten. Das Publikum soll die Kräfte spüren, die in diesen Figuren wirken. Es wird ein Figurentheater der Begegnungen sein, der rhythmischen Laute, des unverständlichen Gemurmels, der Kräfte, die aufeinander prallen, der wilden Musik und der leisen Lieder. Die Proben sind in vollem Gange. Die ersten Pfeiler sind gesetzt, und doch steht man noch am Anfang: es ist noch nicht alles druckreif. Es darf noch gefeilt, verändert, improvisiert werden …

Die Aufführungen und die Ausstellung «FigurenKofferWelten» zum 25-jährigen Jubiläum der Tösstaler Marionetten finden vom 17. November bis 1. Dezember 2010 im Theater Stadelhofen in Zürich statt. www.theater-stadelhofen.ch

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F REILICHTSPIELE

Theater unter freiem Himmel Von Belinda Meier Theater braucht weder eine klassische Spielstätte, noch eine erhöhte Bühne, sondern lediglich einen Raum, den es als Theater zu definieren gilt. Wer den Sommer über Theater draussen erleben, und dabei vertrauten Orten einmal anders begegnen wollte, besuchte die Berner Freilichttheater.

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ie Schauplätze der Berner Freilichttheater könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch stehen sie sich in ihrer Originalität und Bedeutung als Wahrzeichen ebenbürtig gegenüber. Das Theater Gurten thront auf dem Berner Hausberg, der seinerseits einen einzigartigen Blick auf die Stadt Bern und auf das zum Greifen nahe Berner Oberland bietet. Das Bärengrabentheater – sagt’s schon – nutzt den geschichtsträchtigen Ort des grossen Bärengrabens, um Theater stattfinden zu lassen. Beide, der Gurten und der Bärengraben, gehören zu Bern. Mehr noch: Sie prägen die Stadt, prägen deren Charakter. Ob der Ort nun beeindruckt, Assoziationen hervorruft, oder politische Bedeutung annimmt, spielt weniger eine Rolle. Dass er überhaupt etwas von all dem tut, ist viel wichtiger. Was die Berner Freilichttheater angeht, so ist eines sicher: Mit «Einstein» im Theater Gurten und «Warten auf Godot» im Bärengrabentheater hat jedes Stück die passende Bühne gefunden.

Einstein, der Mensch

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egisseurin Livia Anne Richard inszeniert mit «Einstein» ein realistisches Theaterstück. «Einstein» gibt ein Stück Zeitgeschichte wieder, wenn man so will, das trotz weltbekanntem Protagonisten Neues erzählt und zu überraschen vermag. Die Rede ist von Albert Einstein, dem Physik-Genie des vergangenen Jahrhunderts. Mit Arbeiten über die Brown’sche Bewegung, die Lichtquantenhypothese und die

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Bilder: zVg. / Belinda Meier

Spezielle Relativitätstheorie begründete Einstein seinen Weltruhm. Er formulierte die weltberühmte Gleichung E=mc² für die Äquivalenz von Energie. Und mit seinen weiteren Arbeiten zur Gravitation vollendete er schliesslich die Allgemeine Relativitätstheorie. Doch der ruhmreiche Wissenschaftler Einstein ist nicht zentraler Gegenstand des gleichnamigen Stücks. Alles was wir über ihn wissen, dient lediglich als Rahmen. Livia Anne Richard fokussiert in «Einstein» die private Person Albert Einstein. Sie zeigt ihn als Ehemann, Vater, Freund, Träumer, Denker, Introvertierten, zeitweise als Gefühlsarmen und Zerrissenen – kurz: als Menschen, dessen Bestimmung es ist, das Leben vollumfänglich der Wissenschaft zu widmen. Dafür erlangt er Weltruhm, muss allerdings auch Opfer verkraften. Welches diese Opfer in Einsteins leben waren, versucht das Stück auf behutsame Art und Weise zu vermitteln. Wir sehen Einsteins Unvermögen, seiner Familie gerecht zu werden. Wir sehen sein Unvermögen, das wissenschaftliche Denken abzulegen, und wir sehen sein Unvermögen, Emotionen zuzulassen, zwischenmenschliche Alltäglichkeiten zu bewältigen. Es ist keine Kritik, die in «Einstein» laut wird. Das Fenster, das uns Livia Anne Richard öffnet und durch das wir Einstein einmal ganz anders wahrnehmen und erleben können, bewirkt beim Betrachter vielmehr eine Art Einsicht oder Eingeständnis, dass Ruhm und Erfolg immer auch zwei Seiten haben. «Albert Einstein hat ein buntes, breites und pralles Leben gelebt, ein Leben, welches für sein nahes Umfeld Schatten geworfen hat. Dass er als genialer Denker nicht auch noch der perfekte Ehemann und Vater sein konnte, (…) ist zwar keine leichte Kost, folgt jedoch einer Logik und macht ihn zu einem Menschen aus Fleisch und Blut, mit Ecken und Kanten, mit Schwächen und Zweifeln», erklärt Richard. Die Inszenierung Die Bühne zeigt einen Hafen mit Lagerhallen. Der riesige Schriftzug «Red Star Line» lässt keinen Zweifel offen: Es ist der Hafen von Antwerpen. Die «Red Star Line» ist

die damals namhafte belgisch-amerikanische Reederei, die jahrzehntelang erfolgreich Passagiere auf dem Wasserweg von Europa nach Amerika und Kanada verschiffte. Wir befinden uns im Jahre 1932. Einstein (Oliver Stein) reist mit der Red Star Line in die Vereinigten Staaten. Er ist als Professor ohne Lehrverpflichtung an das Institute for Advanced Study in Princeton berufen worden. Noch weiss er nicht, dass er Deutschland endgültig verlassen wird. Zusammen mit seiner zweiten Frau Elsa (Christiane Wagner) und seinen beiden Stieftöchtern (Rebecca Graf und Maud Koch) wartet er auf das ankommende Schiff. Während des Wartens sehen wir ihn als Denker, als zerstreuten Professor, aber auch als Mitfühlenden, wenn es darum geht, Emigranten einen Platz auf dem Schiff zu verschaffen. Wir sehen zudem einen Mann, welcher der Wissenschaft stets Treue beweist, seinen Frauen gegenüber hingegen nicht. Die Wartezeit nutzt Einstein, um sein Leben Revue passieren zu lassen. Insbesondere denkt er an seine jungen Jahre zurück. Durch geschickt arrangierte Rückblenden, lässt uns Livia Anne Richard an der Vergangenheit Einsteins teilhaben. Wir erleben den jungen Einstein (Christoph Keller), der sich in die intelligente Mileva (Andrea Hofmann) verliebt und sich gegen den Willen seiner Eltern mit ihr verheiratet. Albert und Mileva zeugen insgesamt drei Kinder. Die Beziehung zwischen dem Paar und innerhalb der jungen Familie wird jedoch mit wachsendem Erfolg Einsteins schwieriger. Mileva fühlt sich einsam und als Mutter und Ehefrau allein gelassen. Hinzu kommt das grosse Interesse Einsteins an Elsa, seiner damals nur «guten Freundin». Trotz seiner Beziehungsunfähigkeit und seinem mit der Zeit respektlosen Verhalten Mileva gegenüber, nimmt seine Geschichte ein versöhnliches Ende. Denn es ist Einstein, der uns diese vergangenen Episoden erzählt. Er ist es, der uns in seine Vergangenheit zurückführt und damit auch offen legt, was unschön verlief. Einsteins Schlussmonolog macht dies abschliessend deutlich: Er äussert Zweifel und


Schuldbewusstsein, räumt andererseits seine Verpflichtung der Wissenschaft gegenüber ein. Die Unvereinbarkeit des ruhmreichen Wissenschaftlers und liebevollen Familienvaters wird einmal mehr deutlich. Für eines von beiden musste er sich entscheiden. Einstein sei Dank: Bei ihm war´s die Wissenschaft. Mit «Einstein» beweist Anne Livia Richard ihr kreatives Geschick, unglaublich viele Informationen, eine grosse Schar Akteure und viele unterschiedliche Sprachen raffiniert und schlüssig miteinander zu verweben. Das Ergebnis: Ein lebendiges Stück und ein (Kunst-)Stück des Lebens. Christoph Keller und Oliver Stein gelingt es, die Wesenszüge, die Besessenheit und innere Zerrissenheit des jungen und alten Einsteins auf einfühlsame Weise darzustellen. Der emotionale und berührende Kern des Stücks wird jedoch von Andrea Hofmann als Mileva und Tim Spilka als Tete, Einsteins und Milevas jüngster Sohn, geschaffen. Gekonnt und mit der notwendigen Intensität lassen sie die Zuschauer am jeweils eigenen Schicksal teilhaben. Die letzten Vorstellungen: 1., 2., 4., 7., 8., 9. und 11. September 2010 20.30h bis ca. 22.15 Info: www.theatergurten.ch

Warten auf Godot

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amuel Beckets Meisterwerk «Warten auf Godot» wurde 1953 in Paris uraufgeführt. Der Schauplatz von Regisseur Michael Oberers Inszenierung scheint wie geschaffen für dieses handlungsarme Stück zu sein: der karge Bärengraben, mitten drin ein Steinhaufen. Die Regieanweisung der Vorlage beschreibt den Ort mit: «Landstrasse. Ein Baum. Abend.» Die Voraussetzungen sind damit bestens ausgeschöpft. Der Graben, der sowohl Akteure als auch Zuschauende einschliesst, schafft eine unentrinnbare Nähe. Er ist nicht irgendeine austauschbare Spielstätte. Als historischer Ort ruft er Emotionen und Assoziationen hervor, die für das Stück von Bedeutung sind. So

suggeriert er etwa Gefühle der Ausweglosigkeit und des Ausgeliefertseins – beides Grundstimmungen, die dem Stück zugrunde liegen. Die Inszenierung Inhalt des Zweiakters ist das Warten der beiden Hauptfiguren Estragon (Markus Signer) und Wladimir (Horst Krebs), kurz Gogo und Didi genannt. Sie sind zwei Landstreicher, die sich in karger Umgebung auf einer Landstrasse befinden. Gogo ist der Warterei zeitweise überdrüssig, verliert die Nerven, beginnt zu jammern und wird schliesslich wieder durch Didi von der Notwendigkeit des Wartens überzeugt. Mit Ausnahme kleiner Unterschiede passiert in beiden Akten dasselbe: Gogo und Didi warten aus unbekannten Gründen auf Godot. Ausser Warten haben sie nichts zu tun. Deshalb vertreiben sie sich die Zeit mit Gesprächen, die meist sehr schleppend vorangehen. In beiden Akten wird das Warten von Pozzo (Uwe Schönbeck) und Lucky (Alexander Muheim) einerseits, und von einem kleinen Jungen (Hiroto Wyder) andererseits unterbrochen. Pozzo ist mit Peitsche ausgerüstet, führt Lucky an der Leine und setzt ihn dabei als Träger ein. Pozzo ist Tyrann, Lucky sein Sklave. Wieso das so ist, wird nicht hinterfragt. Pozzo gibt Befehle, Lucky führt sie aus. Pozzo regiert und diskriminiert, Lucky erträgt es. Der ebenfalls aus dem Nichts auftauchende Junge lässt beide Male dieselbe Nachricht ausrichten, nämlich, dass Godot morgen komme. Der zweite Akt zeigt den darauf folgenden Tag. Im Vergleich zum Vortag betreffen die kleinen Unterschiede hier einerseits das Bühnenbild und andererseits die Fähigkeiten der Figuren selbst. Der kahle Baum trägt so beispielsweise auf einmal grüne Blätter. Pozzo ist blind, Lucky taub. Auf die Frage, seit wann das so sei, reagiert Pozzo wütend. Er befiehlt, solche Fragen zu unterlassen. Gogo kann sich an nichts vom Vortag erinnern. Er spürt lediglich den Schmerz von Luckys Tritt. Seine Stiefel, die ihn am vorigen Tag noch drückten und die er deshalb auszog, sitzen ihm auf einmal wieder. Ob es wirklich seine Schuhe sind, kann Gogo allerdings nicht mit Bestimmtheit bestätigen. Der kleine Junge, schliesslich, erkennt bei seinem zweiten Auftritt Gogo und Didi

nicht wieder. Das scheinbar Offensichtliche, das scheinbar Feststehende verflüssigt sich. Die vorhin noch als sicher angenommenen Zeitdimensionen verwischen. Die Auftritte von Pozzo und Lucky, sowie jene des Jungen, geben dem Stück und den Wartenden Struktur und dienen dadurch als Referenzpunkte. Durch die sonderbaren Veränderungen des Nicht-Mehr-Erkennens, des Taub- und Blindwerdens usw. schwinden diese Referenzpunkte. Wie das Warten so sind auf einmal auch die Auftritte der anderen Figuren nicht mehr fixierbar. Die geglaubte Struktur schwindet. Gogo und Didi, die zum Warten Verdammten, sind Beispiele dieser Strukturlosigkeit. Wieso wir warten In Samuel Beckets Klassiker «Warten auf Godot», der in der Literaturwissenschaft unzählige Interpretationen hervorgebracht hat, steht das Warten im Zentrum. Weil das Warten keine Handlung, sondern eine Geisteshaltung ist, passiert so gut wie nichts. Dies wiederum können die handelnden Personen kaum ertragen und versuchen deshalb, sich die Zeit zu vertreiben. Ob mit «Godot» nun Gott gemeint ist und damit ein Warten auf die Erlösung Gottes impliziert wird, sei dahin gestellt. Sicher ist: «Warten auf Godot» wirft die Frage nach dem Sinn des Seins auf und verdeutlicht zugleich, dass das Warten auf etwas (Besseres) eine Haltung ist, die dem Menschen zugrunde liegt. Ein Stück, das trotz seines 58-jährigen Bestehens nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat. Marcus Signer und Horst Krebs spielen ihre Rollen als Landstreicher, Wartende und sozial Ausgegrenzte sehr überzeugend. Die von ihnen geschaffene Situationskomik ist jedoch teilweise fast zu ausgeprägt. Die Grundstimmung des Stücks, nämlich die durch das Warten aufkommende Ohnmacht, droht dadurch überspielt zu werden. Uwe Schönbeck glänzt in der Rolle des herrischen, unberechenbaren Pozzo genau so sehr wie Alexander Muheim in jener des bedingungslos gehorchenden Lucky, der sein Leid wortlos erträgt, auf Befehl jedoch genauso auch zum endlos dahinratternden Monolog ausholen kann.

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Tanz & Theater

S AISONBEGINN Z ÜRICH

Klein aber fein Von Roja Nikzad - Premierenvorschau zur Saisoneröffnung der Kleintheater in der Stadt Zürich

B

ald ist der Sommer vorbei; bald kommt wieder die Zeit, da die Tage kürzer werden und die Abende kühl. Schade zwar, aber für Liebhaber des Theaters gibt es einen versöhnlichen Trost. Es kommt die Zeit, in der die Tageszeitungen im Theaterkalender wieder etwas drucken können. Bald werden wir ein weiteres Mal eingeladen, einige Stunden in einem wohlig abgedunkelten Raum in eine andere Welt abzutauchen. Im September, nach der verdienten Sommerpause, öffnen die geliebten Bühnen wieder ihre Pforten. In erwartungsvoller Vorfreude darf sich der fleissige Theatergänger üben, und sich schon mal die Programmvorschau für den September einverleiben. Zürich bietet neben den grossen auch eine reiche Vielfalt an kleineren Häusern, die leider oft vergessen werden. Hier kommen deshalb einige Einblicke in die freudig erwartete Saison der kleinen Theaterproduktionen, die uns hoffentlich auf vielseitige Weise unterhalten und zum denken anregen werden. Was sind die Fragen und/oder Antworten der kleineren Häuser auf die umtriebigen Zeiten in denen wir leben? Ein Blick auf die Premieren der kleinerern Produktionen der Stadt Zürich im September lohnt sich. Unterschiedlichste Inszenierungen zu verschiedensten Themen werden aufgeführt. So findet man einiges an Ernsthaftem, wie eine Auseinandersetzung mit dem Krieg in Afghanisten, der Rolle der Frau, Habgier und Natur, aber auch Heiteres und Absurdes. Vielleicht lässt sich sogar sagen, dass die kleineren Produktionen etwas mehr Humor und Witz versprühen als die Inszenierungen an den grossen Häusern, um dem vom Tagesgeschehen gequälten Theatergänger wieder einen etwas lockereren Umgang mit der Realität zu bescheren. Das Theater an der Winkelwiese setzt mit der Produktion «Haus des Friedens» von Lothar Kittstein, das am 23. September als Schweizer Erstaufführung Premiere feiert, in medias res unserer Zeiten ein. Das Stück behandelt die Auseinandersetzung dreier Bundeswehrsoldaten mit ihrer Mission in einem islamischen Land, ihrer eigenen Geschichte und dem Fremden, dem sie begegnen. Von Stephan Roppel inszeniert, ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Politik, die der Westen in Afghanistan betreibt, zu erwarten. Beim Dauerbrennerthema «die Frau in der Gesellschaft» bleibt auch das Gastspiel von Theater touché im lauschigen Theater Stok ernst. Mit Frank Wedekinds «Lulu» bringt die Regisseurin

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Caroline Gerber drei Schauspielerinnen auf die Bühne, die das Plädoyer Wedekinds für die sexuelle Freiheit der Frau vermitteln. Leider wird Lulu in ein patriarchales Wertesystem gedrängt und endet in der Prostitution. Wer sich für das Thema Frau und vielleicht auch Texte aus weiblicher Feder interessiert, sollte sich das vom DamenDramenLabor vorgestellte «Kopf Hand Werk», ein Buch und eine CD mit dem Untertitel «femscript lässt schreiben», im sogar theater nicht entgehen lassen. Das Buch ist eine Anthologie, die aus einem Wettbewerb entstanden ist. Nun werden am 20. September Auszüge, die von Beatrice Strebler und Iris Hochschorner zusammengestellt wurden, für die Bühne gestaltet. Ein bisschen weniger ernst wird Urs Beeler vom Theater Hora ernsthafte Themen wie die habgierigen Zeiten, und den Umgang mit unserer natürlichen Umwelt, in «Die Geschichte vom Baum, Eine Märchenkomödie für Jung und Alt» im September zur Premiere bringen. Die Produktion ist in mehr als einer Hinsicht eine Premiere, denn sie ist die erste Jahresabschlussarbeit der ersten Lernenden der zweijährigen Berufsausbildung zum/zur SchauspielpraktikerIn, die das Theater Hora Züriwerk für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung anbietet. Es dürfte spannend sein, wie die Schauspieler die Themen umsetzen. Ganz und gar nicht ernst wird es im September im Maier’s direkt am Albisriederplatz zugehen. Hier ist nämlich, nach fast 20 Jahren mit den Acapickels, Regula Espositos alias Helga Schneiders erstes Soloprogramm «Helga Is Bag», von Krishan Krone inszeniert, zu sehen. Helga Schneider hat sich zur «Purseologin» weitergebildet, dies wie immer mit viel Dialekt- und Sprachenvielfalt. Als Dr. Purse analysiert sie mit ihrem Assistenten Prof. Andrej Strobstrophsky Handtascheninhalte. Ebenfalls Witziges bis Absurdes dürfen wir uns wohl von der Produktion «Loch im Herz» von Oscar Sales Bingisser im sogar theater erhoffen, einem von Christoph Leimbacher inszenierten Boulevardstück in der Uraufführung. Schauplatz ist eine einsame Polizeiwache mit einem Magier, der eigentlich schon tot sein müsste, da er ein «Loch im Herz» hat. Das medizinische Krankheitsbild dient als Metapher für die «Herzfehler», die sich in der zwischenmenschlichen Interaktion herauskristallisieren. Wir freuen uns auf eine absurde, schräge Produktion, und hoffen tatsächlich auf ein wenig beckettsche Manier.

SPIELDATEN IM SEPTEMBER Haus des Friedens 23.9.10 – 20:30 Premiere 29.9.10 – 20:30 Theater an der Winkelwiese, Winkelwiese 4, 8001 Winkelwiese 044 252 10 01 www.winkelwiese.ch Lulu 8.9.10-11.9.10 – 20.00 Theater Stok, Hirschengraben 42, 8001 Zürich. 044 271 20 64 www.theater-stok.ch Kopf Hand Werk – ein Buch und eine CD. DamenDramenLabor 20.9.10 20:00 sogar theater, Josefstr. 106, 8005 Zürich. 044 271 50 71 www.sogar.ch Geschichte vom Baum 08.09.10 - 20:00 , 09.09.10 -20:00, 09.09.10 - 14:00, 10.09.10 - 20:00 10.09.10 - 14:00, 11.09.10 - 20:00, 12.09.10 - 16:00. Theater HORA Züriwerk und Verein Theater HORA Baslerstrasse 30, Postfach 1029, 8040 Zürich 044 405 71 41 www.hora.ch Helga is Bag 3.9.10, 4.9.10, 8.9.10, 9.9.10, 10.9.10, 12.9.10, 15.9.10, 16.9.10, 17.9.10, 18.9.10, 19.9.10. Maier’s Raum für Theater GmbH, Albisriederstr. 16, 8003 Zürich 043 818 65 65 www.maiers.ch Loch im Herz 15.9.10 – 20:30 Premiere, 16.9.10 – 20:30, 17.9.10 – 20:30, 22.9.10 – 20:30, 23.9.10 – 20:30, 24.9.10 – 20:30, 26.9.10 – 17:00 Derniere. sogar theater, Josefstr. 106, 8005 Zürich. 044 271 50 71 www.sogar.ch


MSQZPMg_Q\`QYNQ^gxw ZENTRUM FÜR KULTURPRODUKTION

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kulturagenda.ch 26

Tanz & Theater

K ULTUR

MIT

F RAGEN 1

Bern hat eigentlich eine Biennale Von Lukas Vogelsang

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as Wort «Biennale» wird – so klärt mich Wikipedia auf – vom Wort «Biennium» abgeleitet, und dieser Begriff deutet auf einen Zweijahresrhythmus hin. Entsprechend wäre eine «Triennale» eine alle drei Jahre stattfindende Ausstellung. Den Ursprung nahm dieses Unwort im Jahr 1895 in Venedig, als der Bürgermeister alle zwei Jahre eine Weltausstellung der Bildenden Kunst einführte. So ungefähr stelle ich mir das auch vor. Und man darf ohne Zweifel definieren, dass die «Biennalen», die seit ca. 20 Jahren überall auf der Welt aus dem Boden gestampft werden, sich ziemlich bemühen, wichtig zu sein – mit unterschiedlichem Erfolg. In Bern hat sich der Verein Biennale Bern gebildet, und der setzt sich zusammen aus Berner Symphonieorchester, Dampfzentrale Bern, Hochschule der Künste Bern, Kunsthalle Bern, Kunstmuseum Bern, Schlachthaus Theater Bern, Zentrum Paul Klee. Was ursprünglich für die «Bildenden Künste» vorgesehen war, ist in Bern eine Art Kunstsymposium für verschiedene künstlerische Darstellungen geworden. Allerdings ist die «Biennale Bern» nicht die erste Ausgabe, sie hat vor 2 Jahren bereits einen Anfang genommen (eigentlich sogar noch früher…). Und so stimmt die Aussage vom Kurator Roman Brotbeck im Programmheft nicht: «Mit der Biennale hat Bern etwas Einmaliges geschafft!». Wir entnehmen dem Programmheft, dass es sich um eine Art Kunstfestival handelt, und dass «WUT» das tragende Thema ist. Vom 10. – 18. September wird ein intensives Kunstprogramm die Stadt Bern beherrschen. Die Herkunftsländer der Produktionen wurden nach «aussereuropäischen Produktionen» im 2008 nun durch Japan und Südafrika erweitert. Eine Art Weltausstellung soll es ja dann doch bleiben. Es beginnt um 10:00 Uhr morgens und dauert dicht gefüllt bis spät in die Nächte. Das Programm ist alles andere als einfach zu durchschauen. Ob dies einen Teil einer Art Performance darstellt? Eine Erklärung oder Begründung, warum Bern ein weiteres Festival braucht, und ob eine

Biennale zum momentanen Zeitpunkt ein notwendiges Spektakel ist, fehlt übrigens. Der Sinn und Zweck ist leer, und irgendwie wird dieses Festival von vielen Institutionen getragen, jedoch seelenlos, zu breit und intransparent programmiert. Der Blick in das Programm bleibt entsprechend nüchtern: Im Botanischen Garten wird uns viel über Paul Klee erzählt, im Foyer des Stadttheaters gibt es Publikumsbeschimpfungen, in der Dampfzentrale wird Heiner Goebbels «Walden» aufgeführt, und auch «Agent Provocateur»-Filme werden gezeigt, die zwar mit WUT, aber nicht unbedingt mit «aussereuropäisch» zu tun haben. Natürlich gibt es auch ganz spannende Programmteile, wie zum Beispiel die Tanzperformances und Filme zum Thema «To Serve», oder warum nicht auch mal das musikalische Berneroriginal «Mani Porno». Trotzdem gleicht das Festival einem bunten Potpourri, dem man noch alles Mögliche anfügte und den Rahmen meterweise sprengte. Vielleicht gilt es, sein eigenes «WUT»-Festival zusammenzustellen – vielleicht soll man auch einfach verzweifeln und seiner WUT freien Lauf lassen. So richtig überzeugen kann das aber alles nicht. Wichtig: Ich kritisiere nicht die künstlerischen Elemente oder Vorstellungen, diese gilt es zu entdecken und diese könnte auch in jedeam anderen Rahmen funktionieren. Die Kritik gilt dem Rahmenkonzept, das mir auch nach längerem Studium des Programmheftes schleierhaft geblieben ist, und dem fraglichen Sinn des Festivals. Es wäre besser, wenn dieses Festival von der Hochschule aus geschaffen würde, und nicht noch mit zig Veranstaltern, die als Trittbrettfahrer mittun. Diese Verzettelung ist, was jetzt das lose Potpourri ausmacht. So ist die Biennale alles und nichts, ein weiteres Festival in Bern mit hohem Anspruch, aber kraftlos, und wohl ohne Ausstrahlung in eine Nachbarsstadt, geschweige denn ins Ausland. Soll man sich darüber jetzt ärgern und wütend werden? Info: www.biennale-bern.ch


Music & Sounds

V ERPASST !

Säbeli Bum -Ein grosser Schritt für die Integration Von Corine Hofer «Säbeli Bum – Säbeli ist abgeleitet von Piratensäbel, und das Bum, das steht für die Musik. Bum.» So erklärt die Mitorganisatorin Felicia Kreiselmaier den speziellen Namen des Festivals, das am 21. August bereits zum zweiten Mal im Lorrainebad über die Bühne gegangen ist. Das Säbeli Bum zeigt ein integratives Fest, das von Menschen mit und ohne Behinderung geplant, organisiert und umgesetzt wird. Gemeinsam standen sie am eintägigen Festival auf der Bühne und setzten damit ein Zeichen für die Integration von Menschen mit einer Behinderung.

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ntstanden ist die Idee für das Säbeli Bum vor knapp zwei Jahren. Unter der Leitung von Hannes Hergarten wurden seit vielen Jahren Feriencamps für geistig behinderte Menschen durchgeführt. Gemeinsam mit seinem Team kam die Idee auf, einen Verein zu gründen, der Kultur und Integration verbindet. Dadurch ist der Verein «Frei_Raum» entstanden, der für integrative Kulturanlässe Platz bietet. «Es ist uns sehr wichtig, dass behinderte Menschen in der Gesellschaft genauso akzeptiert werden», sagt Felicia Kreiselmaier. «Mit dem Säbeli Bum möchten wir diesen Menschen ermöglichen, an einem öffentlichen Anlass

ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

Foto: Corine Hofer

teilzunehmen, und gemeinsam mit anderen Menschen zu feiern, die Sonne und die Musik zu geniessen.» Nach der ersten Durchführung im 2009 war schnell klar, dass es auch in diesem Sommer wieder ein Säbeli Bum geben wird. Bereits Anfang Jahr fing die Planung und Organisation für das eintägige Festival an. Menschen mit und ohne Behinderung wurden eingeladen, am Fest mitzuwirken. 16 behinderte Teilnehmer aus der Region Bern, sechs Jugendliche aus dem Kleinheim Hangar in Derendingen, sowie viele Mitglieder des Vereins «Frei_Raum» waren mit dabei. Im Juli fand schliesslich ein zweiwöchiges Ferienlager statt, in dem sich alle Teilnehmer gemeinsam auf die Aufführungen im August vorbereiteten. Säbeli Bum zum Zweiten Schöneres Wetter hätten sich die Teilnehmer am diesjährigen Säbeli Bum nicht wünschen können, als die Hora Band mit ihrer flippigen Musik den Nachmittag einläutete. Auf der Wiese fanden tanzende und gut gelaunte Menschen jeder Altersklasse zusammen, und feierten ausgelassen mit. Unter den auftretenden Künstlern war auch Rapper Greis, der die Menge zum Luftgitarrenspielen aufforderte, und mit seinen Songs begeisterte. «Es ist wirklich toll, an so einem Ort auftreten zu können. Baze hat mir schon erzählt, wie lustig es im letzten Jahr war. Jetzt stehe ich selber hier auf der Bühne, und es ist einfach fantastisch», schwärmte der Hip Hopper. Auch

die Festivalbesucher teilten diesen Eindruck: «Ich hätte nie gedacht, dass so unterschiedliche Menschen gemeinsam einen Ort besuchen und dort ausgelassen feiern können», sagt die 19jährige Nadine aus Münsingen. Oder: «Ich bin heute mit meinem Sohn hier, der ebenfalls eine Behinderung hat. Sehen Sie, wie er tanzt da vorne. Es ist einfach schön», meint der Familienvater aus dem Breitsch. An den Ess- und Getränkeständen bedienten behinderte und nicht-behinderte junge und ältere Menschen die hungrigen Besucher. Auch sie waren begeistert von der grossen Besucherzahl. Motiviert und freundlich schenkten sie Getränke aus, und bereiteten Pfannkuchen zu. Auf die Frage, ob ihnen der Nachmittag gefalle, antworteten sie: «Die Leute sind alle so nett. Ich habe noch keinen gesehen, der komisch schaut oder unfreundlich ist. Es macht Spass.» Nach dem geglückten zweiten Säbeli Bum sind alle Organisatoren zufrieden. Felicia Kreiselmaier sagt begeistert: «Im Vergleich zum letzten Jahr haben wir noch viel mehr Besucher anlocken können, das ist genial.» Das Team vom «Frei_Raum» ist gerade dabei, das Säbeli Bum auch in anderen Städten zu organisieren. Wir drücken die Daumen!

Weitere Infos: www.freiraumkultur.ch

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Music & Sounds

M IT M USIK

FÜR EINER BESSERE

W ETL

Reitschule beatet mehr Ruth Kofmel - Unser erstes Mal

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s ist vielleicht mühsam und sicherlich ziemlich fragwürdig, dass manche Männer ein derartiges Problem mit der Reitschule haben, so dass es immer mal wieder zu einer Abstimmung kommen muss; soll es sie in ihrer jetzigen Daseinsform noch geben oder möchten wir nicht doch lieber ein Gebäude, das nach Putzmittel riecht, und in dem höchstens sanfte Liftmusik runterrieselt. Aber letztlich kann ich den Gedanken nicht vertreiben, dass uns Herr Hess einen grossen Gefallen tut. Die Reitschule ist nämlich nicht einfach nur gut – alle, die sie gerne mögen, wissen tausend Geschichten zu erzählen, was sie dort ärgert, stört, und was anders laufen sollte. Stellt sich dann dieser bilderbuchmässige Stereotyp von einem etwas zwanghaften, nach Aussen hin sich verdächtig selbstsicher gebenden Mann als Kontrahent zur Verfügung, explodiert das kreative, organisatorische und soziale Gefüge in und um die Reitschule herum, und der Laden surrt geradezu vor Tatendrang. Der Wahlkampf ist tip top organisiert. Ich gehe an die Presseinfo zum CD-Release des Samplers «Reitschule beatet mehr» und bin beeindruckt. Nicht, dass ich mich auf Pressekonferenzen besonders gut auskennen würde, aber öffentliche Anlässe mit Apéro und Info-Mappen sind eigentlich immer ganz schrecklich. Hier ist es gemütlich, das Buffet ist hübsch angerichtet und überladen mit Leckereien, der Weisswein edel, die Pressematte übersichtlich, das Propagandamaterial ein Design-Wurf, Hunde und Kinder wuseln herum, die Musik im Hintergrund klingt super und auf der Bühne steht ein Sofa und kitschige Polstersessel. Zu Gast sind Steff la Cheffe und ein paar Züri Westler. Sie erzählen uns, warum sie die Reitschule nicht missen wollen. Steff la Cheffe beschreibt ihr erstes Mal im Kulturzentrum als Erleuchtung: Die verschiedenen Räume, die Freiheit, sich als Künstlerin ausprobieren zu können, das Unkomplizierte und Offene der Menschen, die sich dort treffen. Kuno Lauener holt weiter aus und geht zurück zu den Anfängen. Er beschreibt die ersten Stunden von Züri West und diese eine Nacht im Jahr 1987, wo er und Küse Fehlmann in einem kanarienvogel-gelben Ford Transit mit unterwegs waren Richtung Schütz, zusammen mit tausend anderen Freidenkern, und das Schloss

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zur grossen Halle knackten. Es muss eine einzigartige Nacht gewesen sein; ein grosses Fest mit Musik, Staub und Aufbruchstimmung – der Grundstein zum heutigen Kulturzentrum wurde damit gelegt. Damals wie heute – und das ist vielleicht etwas, was man als Nicht-Besucher der Reitschule einfach nicht verstehen kann – ist weder Sinn noch Zweck, irgendwelche Regeln zu brechen und blind zu wüten, sondern es geht darum, neue Räume zu eröffnen, neuen Ideen Platz zu geben, und einen Ort zu ha-

ben, wo die Schwerkraft der gesellschaftlichen Zwänge und Modalitäten zumindest teilweise aufgehoben ist. Während sie vorn auf der Bühne erzählen, kommt mir der Gedanke, dass dieses Haus eine meiner längsten Romanzen ist. Es gibt viele Dinge, die wir zum ersten Mal tun, viele Orte, wo wir zum ersten Mal sind, aber es gibt nicht so viele dieser Momente, die uns in Erinnerung bleiben. Darum nimmt es mich wunder, ob sich die Gäste dieses Anlasses noch an ihr erstes Mal mit der Reitschule erinnern. Das ist eine prima Frage, wie sich herausstellt. Die Augen beginnen zu glänzen, der Kopf spult zurück, schiefes Lächeln auf den Lippen – die Erinnerungsmaschine läuft. Für viele lässt sich das erste Mal nicht mehr so genau festmachen – es ist vielmehr ihre erste Zeit, an die sie sich erinnern. Mit fünfzehn oder sechzehn auf dem Vorplatz stehen und etwas trinken – das war schon Aufregung genug. Das erste Mal an einem Konzert im Dachstock einlaufen, die Wildheit, das leicht Verruchte

und Unbekannte – überwältigend. Für fast alle waren die ersten Besuche mit erhöhtem Puls und Nervenkitzel verbunden; die Reithalle ist ein Abenteuer. Sie habe beim ersten Mal den Frauenraum gesucht, sei extra von Ausserhalb gekommen, zu fragen habe sie sich natürlich nicht getraut und dann habe sie endlich diese Treppe entdeckt; «nächär isch aues guet gsi» Oder die zwei Jungs, die sich mutig zwischen den gefährlich aussehenden Punks durch manövrierten, um auf dem Postwagen ihren ersten Joint zu rauchen. Die Gymnasiums-Schülerin, die ihren ersten Einsatz in der Gassenküche hatte und von ihrer Mutter mit dem Auto hingefahren wurde, damit sie auch ja sicher dort ankam. Den dramatischsten Einstand hatte wohl ein Bärner Gieu mit 14, der an ein Konzert im Innenhof ging, und in den ersten zehn Minuten Zeuge eines Treppensturzes wurde: «U dr Anger isch mit gspautnigem Gring dört gläge». Vielleicht ist dies das beste Bild, um die Ängste, die mit der Reitschule verbunden sind zu verdeutlichen. Unser Drang, das Leben so sauber und geordnet wie möglich abzuspulen, lässt sich mit diesem Ort nicht vereinbaren. Die Reithalle ist auch dreckig, besoffen, krank, verzweifelt, aggressiv und ganz einfach eine Zumutung. Aber auch darum haben wir uns in sie verliebt – sie ist eine runde Sache, in ihr kann man das ganze Spektrum der Gefühle erleben, von Glück bis Wut. Sie ist kein neutraler Ort, und das ist gut so – liftmusikberieselte Sterilbauten gibt es genug. Ach ja, eigentlich wollte ich ja von dieser CD «Reitschule beatet mehr» schreiben, ich liess mich etwas davontragen, entschuldigen Sie. Jedenfalls ist diese CD ein Muss. Es hat tolle Lieder darauf, viele extra für diesen Anlass geschrieben. Eine schöne Auswahl, lustig und unterhaltend. Diese sollten sie also kaufen, und das Badetuch und ein Shirt. Sie müssen das Müslüm Video schauen – es ist so was von gelungen – und es weiterschicken. Sie sollten ans Abstimmungsfest kommen am 18. September, und feiern. Und dann unbedingt daran denken, diesen Zettel auszufüllen und abzuschicken.


Music & Sounds

M EDITERRANE J AZZ L OUNGE

Die italienische Note im Jazz Interview: Luca D‘Alessandro Der Musiker und DJ Gerardo Frisina gehört zu den Schlüsselfiguren des unabhängigen Mailänder Jazzlabels Schema Records. Mit seinen Produktionen hat er den italienischen Jazz massgeblich mitgeprägt. Seine Alben sind flüssig, sinnlich und mediterranmelodisch. So auch das aktuelle Werk «Join The Dance». Gerardo Frisina, dein Jazz hat eine typisch italienische Note: Er entspricht dem Genre von Nicola Conte und Mario Biondi. Der Vergleich trifft zum Teil zu, schon nur deshalb, weil wir drei zu Schema Records eine enge Bindung haben. Oder zumindest hatten wir eine: Mario Biondi hat 2009 das Label gewechselt. Wie dem auch sei: Dass es zwischen uns einen Zusammenhang gibt, verwundert nicht. Trotzdem glaube ich, dass mein Genre im Vergleich zu jenem meiner Kollegen grundlegende Unterschiede aufweist. Die wären? Ich arbeite mit unterschiedlichen Musikern zusammen, die mehrheitlich aus dem Latin-Bereich kommen. Durch sie erfährt mein Jazz einen afrokubanischen Touch. Bossa Nova spielt da aber auch eine Rolle. Fast alle Musiker von Schema Records lassen sich vom Bossa inspirieren. Wieso das? Weil er allen gefällt. Er bereitet Freude und vermittelt den Leuten ein Gefühl von Leichtigkeit. Wenn du den Bossa Nova hörst, legst du die Hektik des Alltags automatisch ab. Demzufolge musst du ein äusserst ruhiger Mensch sein. Ja, die Musik hilft mir. Ich bin sehr sensibel. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich in einer Grossfamilie aufgewachsen bin. Wir waren neun Geschwister. Meine Eltern sind inzwischen verstorben – meine Mutter kürzlich. Ihr habe ich das neue Album gewidmet. Das letzte Stück auf der CD trägt den Titel «For My Mother». Ich denke, man hört daraus die Melancholie, die ich gegenwärtig in mir spüre. Auch andere Stücke tragen das Motiv der Trauer in sich. Trotzdem schaffst du es, diese Trauer mit

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Momenten der Hoffnung zu verbinden. Das stimmt. Einzelne Stücke sind mit meinen bisherigen Arbeiten vergleichbar. «Titoro» zum Beispiel ist ein Coverstück mit Latin-Flair – ein charmantes Lied. Auch der Titel «Join The Dance» suggeriert etwas Positives. Viele Leute glauben, «Join The Dance» sei ein Dancefloor-Album. Das stimmt so nicht. Der Titel soll vielmehr dazu auffordern, die Musik in Gemeinsamkeit zu erleben. Dazu kommt, dass die Passage «Join The Dance» im Lied «Will You Walk A Little Faster?» vorkommt, das ich mit der Jazzsängerin Norma Winstone eingespielt habe. Apropos Norma Winstone: Wie hast du es geschafft, sie für diese Produktion aufzubieten? Seit jeher bin ich von den gesanglichen Qualitäten Normas fasziniert. Ich träumte immer wieder davon, ihre Stimme auf einer meiner CDs zu haben. Ohne mir eine Chance auszumalen, schrieb ich ihr eine E-Mail, und – ich konnte es kaum glauben – sie war tatsächlich einverstanden, für die Aufnahme eines Stücks nach Mailand zu kommen. Da hast du einen glücklichen Fang gemacht. Sie ist ein Profi, das merkt man. Die Aufnahmen gingen ruckzuck… …inwiefern? Ihr Flugzeug landete in Mailand am Abend um halb sechs, zwei Stunden später hatten wir die Studioaufnahme im Kasten. Worauf ihr euch einem ausgiebigen Abendessen zuwenden konntet. Ja, es war sehr schön. Norma fragte mich beim Essen: «Gerardo, ist es richtig, dass du nur eine einzige Aufnahme mit mir machen willst?» Ich war ab dieser Frage überrascht. Wieso? Schliesslich hatte ich sie nur für die Aufnahme eines Stücks aufgeboten. Ich wollte sie nicht mit weiteren Wünschen belästigen. In diesem Fall aber war sie es, die dich um weitere Aufnahmen gefragt hat. Ich vermute, ihr seid daraufhin sofort ins Studio zurückgegangen. Nein, das war leider nicht mehr möglich. Zu dem Zeitpunkt hatte das Studio bereits geschlossen. Und für den Morgen des nächsten

Tages hatte Norma den Rückflug gebucht. Hätte das Aufnahmestudio offen gehabt, wären heute vermutlich mehrere Featurings mit ihr auf deiner CD. Natürlich! Im Lied «Mille E Una Notte» hätte ich ihre Stimme gerne gehört. Schade… «Join The Dance» ist im Unterschied zu deinen Vorgängeralben komplett akustisch. Ja, das habe ich bewusst so gewählt. Du hast also eine Band zusammengestellt und dich mit ihr für die Einspielungen im Studio eingeschlossen. Das stimmt. Ich selber verfüge über keine eigene Band. Ich bin Einzelproduzent, der nach Bedarf seine Musiker für Studioproduktionen aufbietet. Die Arrangements mache ich. Die Stücke auf der CD sind aber nicht alle von dir. Ein paar habe ich selber komponiert, andere stammen von Gianni Lo Greco, einem hervorragenden Kompositeur und Musiker, andere wiederum sind Coverversionen. Deine Brötchen verdienst du jedoch hauptsächlich als DJ. Mein Spezialgebiet sind Dancefloor-Jazz, Latin und elektronische Musik. Ich durfte bereits an verschiedenen Orten weltweit auftreten, so zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, Spanien, Deutschland… …und der Schweiz? Lediglich in Lugano. Bist du bis heute noch nie in die Deutschschweiz vorgedrungen? Leider wurde ich nie eingeladen. Vermutlich bin ich da noch nicht so bekannt, wie anderswo in Europa. Abgeneigt bin ich keineswegs, gerne würde ich meine Latin-Kicks einem Deutschschweizer Publikum unterbreiten. Wer weiss, vielleicht ergibt es sich in nächster Zukunft.

Gerardo Frisina – Diskografie (Auswahl) 2010: Join The Dance (Schema Records) 2007: Hi Note (Schema Records) 2006: The Latin Kick (Schema Records) Info: www.ishtar.it

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Music & Sounds

INSOMNIA PROFÄSSER WEGGLIFRÄSSER Von Eva Pfirter

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ie Phase der Abschlussprüfungen ist eine seltsame Phase. Wenn man in relativ kurzer Zeit Tausende von Seiten lesen, zusammenfassen und in den Kopf pressen muss, reduziert sich das ganze Leben auf drei grundlegende Elemente: Lesen, Essen, Schlafen. Hin und wieder treibt man noch Sport um nicht verrückt zu werden vom ewigen Sitzen, und vielleicht einmal die Woche trifft man kurz Freunde, um doch noch einen Zugang zum real life aufrecht zu erhalten. Der geht nämlich hin und wieder ganz schön verloren... Ich lese gerade eine detaillierte Studie zum Konzept der schweizerischen Aussenpolitik der Nachkriegszeit. Darüber hab ich vollkommen verpasst, dass Robbie geheiratet hat! Wenn sich alles auf das Wesentliche reduziert, wird auch deutlich, dass einem viele Dinge gar nicht wirklich fehlen: Zum Beispiel lassen sich auch die meisten Zeitungen, die nicht so heissen, in Zwanzig Minuten abhandeln, und eigentlich ist es ganz schön, einmal von den «Schlagzeilen» der behäbigen Schweizer Politik verschont zu bleiben: Darbellay schlägt nach links und rechts aus, die SVP möchte die Todesstrafe wieder einführen, und ein Berner ist Schwingerkönig geworden. Länger als Zwanzig Minuten hält es kein Mensch mit diesen News aus. In einer solchen Lebensphase entscheidet man auch viel bewusster, womit man die spärliche Zeit ausserhalb der bibliothekarischen «Isolationshaft» verbringen möchte. Man wird (wieder) sensibler für die kleinen, feinen Dinge des Lebens. Auf der anderen Seite bringt die Fokussierung auf so unglaublich spezialisierte Spezialthemen ein Stück Weltfremdheit mit sich: Ich weiss nicht mehr, welches Datum wir haben und muss häufig überlegen, ob nun Frühling oder Sommer ist. Ausserdem hab ich einen Freund zweimal nacheinander einfach versetzt – das passiert mir sonst nie! Das ist wohl der Anfang zum verwirrten «Profässer Wegglifrässer», wie der Basler sagt.

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KIND OF

J AZZ

Reise in eine vergangene Zukunft Von Luca D‘Alessandro

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mmanuel Brockhaus ist der Injaztigator. Der Keyboarder vollzieht auf seinem Album «Return To A Past Future» eine Zeitreise in die Siebziger, um von dort aus den Blick in die Zukunft zu werfen. Das Phantasiedenken der Siebziger fasziniert ihn, «denn damals gehörten extraterrestrische Zukunftsvorstellungen zur Alltäglichkeit, die Menschen hatten Visionen von fliegenden Automobilen, träumten von Kurzurlauben in fernen Welten, oder glaubten an ausserirdische Lebewesen», sagt Brockhaus. «Bedingt durch die technische Omnipotenz hatte man das Gefühl, alles sei möglich. Die Technikverliebtheit hat inzwischen erheblich nachgelassen; die Möglichkeiten werden nicht mehr als unbegrenzt wahrgenommen.» Deshalb sind Sie – der Injaztigator – auf der Suche nach neuen Visionen? Nicht nur, aber auch. Primär geht es mir darum herauszufinden, inwiefern die Siebziger etwas mit uns, also mit mir und meiner Band, zu tun haben. Und? Sie haben definitiv etwas mit uns zu tun. Schliesslich haben wir alle die Science Fiction Filme von damals miterlebt. Was ist die Faszination daran? Mich fasziniert das Design aus der Zeit, das Populuxe Design zum Beispiel. Es ist unvergänglich schön. Sie schwelgen in einer zeitlosen Ära. Ich träume von einer Zeit des Aufbruchs: Raus aus der biederen Gemütlichkeit, hinein in ein zukunftsorientiertes Dasein. Gerne wäre ich in den Siebzigern erwachsen gewesen. Damals waren die Sachen offener und die musikalischen Wiesen grüner als heute. Es ist deutlich schwieriger geworden, etwas Neues zu machen. Und dennoch ist auf ihrem Album viel Neues zu hören. Wir sind eine Fusion Band. Das ist zwar

Bild: zVg.

noch nichts Neues, aber die Art, wie in unserem Quartett Stilfiguren der Science Fiction Welt der Siebziger mit Spielweisen von heute verknüpft werden, ist neu. Wir verlangen uns und unseren Instrumenten viel ab. Instrumente, die allesamt akustisch sind. Ja. Ich habe erkannt, dass die Zukunft, so wie wir sie heute vor Augen haben, wieder retrospektiv ausgerichtet ist. Zwar eröffnen uns die digitalen Sounds neue Möglichkeiten, sie geben uns aber nicht die Substanz und die Wärme zurück, wie wir sie von analogen Klängen her kennen. Maschinen machen Musiker abhängig. «2010» titelt ein Stück auf der aktuellen CD. Eine Hommage an die Gegenwart? 2010 hat etwas Utopisches: Viele Science Fiction Filme aus den Siebzigern haben spezielle Jahreszahlen im Titel: magische Kombinationen, wie zum Beispiel 2001 – das erste Jahr im neuen Jahrtausend – oder eben 2010. Was halten Sie von Ausserirdischen? Als ich als Jugendlicher Filme mit Aliens sah, war ich fasziniert von der Idee, dass es ausserirdisches Leben geben könnte. Im Alltagsleben tendiert man gerne dazu, die Welt ausserhalb des eigenen Tellerrandes zu vergessen. Mit dem Glauben an fremde Lebensformen mache ich mir bewusst, dass ich als Musiker lediglich ein winziger Teil eines Ganzen bin. Sie sind also ein Musiker, der nach einem Gig spätabends nach Hause kommt und im Bayerischen Rundfunk die Space Night schaut? Nein, das nicht. Aber ich bin jemand, der alte Hancock Platten wie «Thrust» hört, auf dessen Cover Hancock im Cockpit einer Raumkapsel sitzt und durch den Weltraum fliegt. Injaztigator - »Return To A Past Future” Immanuel Brockhaus (keys), Thomas Maeder (ts, ss, perc), Pierangelo «MrPC» Crescenzio (el-b), Andreas Schnyder (dr) (Brambus/brambus.com)


Music & Sounds

S ZENE

Gamebois Von Ruth Kofmel

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ie zwei dem Soul zugeneigten Jungs von den Gamebois haben nach ihrem Erstling «If I Ever» ihr neues Album «Loops» nachgelegt. Der Entstehungsprozess dieser Band ist vielleicht ein gutes Beispiel dafür, wie die Musikförderung in der Schweiz im Idealfall Antrieb sein kann, an einer Sache dran zu bleiben. 2007 schufen die zwei einen Song, «If I Ever», und dieser Song gewann bei M4 Music auf Anhieb einen Preis. Das will jetzt nicht heissen, dass sie ohne diesen Preis nicht an ihrem Projekt dran geblieben wären – aber, wie Pablo sagt: «Es motiviert, dem eigenen Traum nachzujagen». Nahtlos ging es für die zwei in dieser Art weiter: Mehrere Preise und Auszeichnungen folgten, sie wurden auf den wichtigen Radiosendern rauf und runter gespielt, und bestritten zahlreiche Konzerte in den angesagten Clubs und an Open Airs. Wenn ich in irgendeiner dieser Jurys sitzen würde, die diese Preise verleihen, würde mich vor allem eine Frage interessieren: Hat sich diese Band weiter entwickelt, haben sie ihr Potential ausgeschöpft, ihren Stil gefunden? Die Juroren können sich in dem Fall getrost zurücklehnen. Ich würde zwar nicht behaupten, dass diese Band wirklich schon ihr Potential

ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

Bild: zVg.

ausgeschöpft hat. Einige der Songs lassen etwas mehr Profil vermissen; sie klingen wie irgendein auf DRS3 gespieltes Lied, und selbstverständlich ist das auf der anderen Seite auch sehr gut – so radiotauglich zu produzieren, ist ja auch nicht einfach zu bewerkstelligen. Nur traue ich den zweien eigentlich noch mehr Eigenständigkeit zu, vor allem die Beats und Arrangements lassen da noch Entwicklungspotential erahnen. Alles in Allem haben die Gamebois seit ihrem Erstling aber einen grossen Sprung getan. «Loops» kommt sehr professionell daher und braucht sich nicht zu verstecken. Kasongo singt verspielt, vielseitig und rhythmisch absolut sattelfest. Textlich liesse sich wohl noch etwas mehr Schwung reinbringen - ein paar der Lines sind arg überstrapaziert. Pablo Nouvelle wird mit dem Tempo, das er vorlegt, in einigen Jahren ein stilsicherer und vielseitiger Produzent sein, und die Gamebois mit ihrer zehnköpfigen Band vielleicht auf Welttournee. Wie seid ihr zu eurem Namen gekommen? Kasongo: Es war offensichtlich, dass wir uns GAMEBOIS nennen würden, da wir jeden Tag damit spielten und es heute noch tun. Pablo: Der Gameboy ist ein Symbol unserer Generation. Er definiert ein Stück weit unsere

Kindheit und Jugend. Wir dachten zurück an die Anfänge. An den alten, ersten Gameboy, welchen wir übrigens heute noch mit uns rumtragen, an die erste Nintendo Konsole NES, oder natürlich an Mariokart auf dem Nintendo 64. So kamen wir auf den Namen. Ihr kommt ursprünglich eher vom Hip Hop her, wie seid ihr beim Soul gelandet? Kasongo: Nein, Soul war schon immer mit uns, in meiner Kindheit standen etliche Soul Platten im Regal meiner Eltern. Da gab es im Hip Hop erst The Fat Boys, die Sugar Hill Gang und LL Cool J. Pablo: Ich hatte da schon mehr mit Hip Hop zu tun, als Teenie: Rappen, Beats machen, Sprayen. Aber ich hatte mich nie auf das reduziert. Hip Hop war nur etwas von vielem. Ich denke, wer bei Hip Hop ansetzt und tiefer gräbt, landet automatisch beim Soul. So erging es mir. Wird es euch selbst nie zu süss? Kasongo: Nein, von wunderschönen Ladies am Bühnenrand träumt doch jeder oder?! Pablo: Mir kann es nie süss genug sein – hat meine Mutter schon vor 10 Jahren gesagt. Echt jetzt, ich weiss nicht, ob sie damit Frauen gemeint hat. Die Musik ist sehr verspielt, oft werden

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DER VERSUCH, DEN HIMMEL AUF ERDEN EINZURICHTEN, PRODUZIERT STETS DIE HÖLLE. Karl R. Popper 1942

Mittwoch, 29. September 2010, 19:15h, Kellergewölbe Kramgasse 43, 3011 Bern

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Sounds stark überzeichnet, so dass es witzig, ironisch wirkt. Ein bewusst eingesetztes StilElement? Kasongo: Ja! Pablo: Nein! Wie entstehen die Songs? Wie funktioniert eure Zusammenarbeit? Kasongo: Ich rufe Pablo an und schrei ihm ins Ohr: «Ich brauche neue Beats!» Er sitzt sowieso jeden Tag im (Home)Studio. Dann schreib ich was darüber und in einem weiteren Schritt ergänzen wir den Song mit weiteren Ideen. Oder wir machen Jamsessions, einfach mal drauf los, «Left» ist zum Beispiel so entstanden. Pablo: «Left» ist überhaupt nicht so entstanden. Ich arbeite Tag und Nacht an der Musik. Ich kann nicht anders. Ich muss das machen. Und wenn ich eine neue Skizze habe, gebe ich die roh, wie sie ist, an Kasongo weiter, feile sie aus, oder bringe sie mit in den Proberaum. Wie ein roher Diamant, welcher nach langem schleifen irgendwann zu glänzen beginnt. So geschehen mit «Left». Ihr habt sehr bald die ersten Auszeichnungen und Preise bekommen. Was hat euch das gebracht? Kasongo: Geld. Pablo: Und Airplays, und über Umwege einen Plattenvertrag, Beachtung und Halligalli. Aber vor allem die Motivation weiter zu machen, dem eigenen Traum nachzujagen! Hat diese Art der Förderung auch Nachteile? Kasongo: Förderung von jungen Musikern ist doch immer gut! Leider gibt es dann und wann auch Verlierer, also z.B. die Bands, die nicht berücksichtigt werden. Aber überall im Leben musst du um deine Position kämpfen, und es kommen immer neue Herausforderungen, und Chancen. Pablo: Es ist schon Fragwürdig, wenn Musik immer mehr zum Wettkampf wird. Preise, Contests, etc. etc. Vielleicht leidet auch die Vielfalt. Es gibt ja doch klare Richtlinien was kommerziell funktioniert und gefördert wird und was nicht... Wir sind halt in der glücklichen Situation, dass unser Soulfood den Anforderungen all dieser Preisverleiher und Förderer entspricht, ohne das wir uns verbiegen müssen. Insgesamt ist die Musik elektronischer geworden, manche Songs tendieren stark Richtung Dancefloor. Wollt ihr weg vom Schlafzimmer und mehr in den Club? Kasongo: Vor dem Schlafzimmer kommt der

Club. Eigentlich nicht: Was wir wollten ist mehr Abwechslung, und mehr Tempounterschiede. Ich denke, wir sind immer noch in einer Testphase, so wie die NASA vor der ersten Mondlandung. Pablo: Aber die Landung wird definitiv bald erfolgen. Und hoffentlich nicht allzu sanft, sondern so richtig fett einschlagen. Die neue CD klingt sehr viel professioneller. Könnt ihr bei der Live-Umsetzung diesen hohen Standard beibehalten? Pablo: Danke! Ich denke schon. Wir haben riesen Schritte gemacht. Als wir 2008 «If I Ever» veröffentlichten, waren wir noch nie mit einer Band auf der Bühne gestanden. Heute haben wir unzählige Gigs zusammen gespielt, haben tonnenweise Erfahrungen gesammelt und sind zu einer Familie zusammengewachsen. Diese Energie wird man heute an unseren Liveshows definitiv zu spüren bekommen. Ihr habt einen Song für die Reithallen-Compilation beigesteuert. Was verbindet euch mit diesem Ort? Kasongo: Drum`n`Bass Parties. Hip Hop Parties. Jugendzeit. Die Offenheit gegenüber Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen ist gross, egal aus welcher sozialen Schicht sie kommen mögen. Auch wenn es Leute anzieht, die eher destruktiv unterwegs sind – die Reithalle hat für mich in Bern immer eine Einzigartigkeit ausgestrahlt. Pablo: Die Reithalle ist aus Bern nicht weg zu denken. Steht ja da auch schon länger als ich. Für mich ist es ein Ort für legendäre Konzerte, Kultur und gute Parties. Ich hoffe dass auch der hinterletzte Stadtberner sein Füdlä an die Urne schleipft, damit das auch so bleibt!! Ihr könnt euch eure Traumband zusammenstellen - wer spielt mit? Kasongo: Am Bass MeShell Ndegeocello oder Pino Paladino, on the Drums Steve Jordan, Questlove oder Ali Shaheed Mohammed (Beatmacher von «A Tribe Called Quest»), on Guitar Prince oder John Mayer, Background Singers: Stevie Wonder, Marvin Gaye und Aretha Franklin, und als Sub Michael Jackson, wobei MeShell und Prince auch einspringen könnten. Pablo: Vox: Kasongo; Guitar: Jonas Enkerli; Bass: Andreas Aeberhart; Drums: Christian Maurer - Ich liebe meine Jungs!!

11. Sept. 2010 Plattentaufe Dachstock Bern 18. Sept. 2010 Plattentaufe Exil Zürich


Music & Sounds

« MÚSICA

POPULAR CONTEMPORÁNEA »

TRAVESÍAS Von Lorenz Hasler

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as Sextett Travesías und vierzig jugendliche Sänger und Instrumentalisten aus Cuba präsentieren am 10. September das Programm Travesías 2010 um 10 Uhr im Berner Münster. Der Untertitel «música popular contemporánea» ist Profil und Absicht zugleich: música – Lieder und Instrumentalstücke für Solisten, Sextett, Chor und Orchester popular – Kompositionen und Texte sind zugänglich und nahe beim Zuhörer contemporánea – alle Kompositionen von Simon Ho, eigens für Travesías geschrieben

Musik und Texte gehen alle etwas an – die Lieder erzählen von Geborgenheit und Verlassenheit, von Väter Sitte und der Neuzeit – Simon Ho’s Musik ist sowohl Tradition als auch Moderne – andere sagen : weder das eine noch das andere – es ist eben Simon Ho. Seit 2007 besteht das Ensemble Travesías – eine Gruppe von eng befreundeten Musikerinnen und Musikern aus verschiedenen Kulturkreisen. Travesías ist ein Rezital, ein durchkomponiertes Werk mit dem Thema «Daheim – in der Fremde». Kompositionen von Simon Ho: Lieder und Instrumentalstücke. Die ausgewählten Texte stammen von verschiedenen Autorinnen und Autoren, u. a. von Mascha Kaléko, Jorge Luis Borges, Henri Michaux; die Schweizer Schriftstellerin Erica Pedretti schrieb eigens für Travesías den Liedtext «Daheim». Auslöser für unsere erste Zusammenarbeit war der Kulturvermittlungspreis 08, welcher von der Lily-Wäckerlin-Stiftung (Accentus/CS) an Lorenz Hasler ausgerichtet wurde. Dank dieser finanziellen Unterstützung wurde es möglich, die MusikerInnen für eine Probephase in Buenos Aires (Juli 2007) und eine Konzerttournee in der Schweiz zusammenzubringen. Das erste abendfüllende Programm des Sextetts Travesías wurde im Sommer 2007

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in Argentinien und im Rahmen einer Schweizer Tournée im Januar 2008 aufgeführt – mit grossem Erfolg. Früh entstand der Wunsch, Travesías mit Kindern und Jugendlichen zusammen zu erarbeiten. Juni 2008 konnten wir im Rahmen der Fête de la Musique (20. und 21. Juni) zwei Auftritte mit dem Kinder- und Jugendchor sowie mit Instrumentalisten der Musikschule Köniz realisieren. Simon Ho arrangierte die Stücke, die er für das Sextett komponiert hatte, für Orchester und Chor – die MusikerInnen von Travesías traten gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen auf. Die Auftritte im Gemeindehaus Köniz und im Stadttheater Bern waren sehr berührend, die zahlreichen Zuhörer liessen sich mitreissen und begeistern. Aufgrund dieser Erfahrungen entstand bei uns der Wunsch, «Travesías» mit kubanischen Kindern und Jugendlichen aufzuführen. Einerseits, da Victor Pellegrini und Amparo del Riego in Havana leben, andererseits, da die Verbindung der Kulturen (Simon Ho’s Kompositionen und das kubanische Musikempfinden) eine wertvolle Erfahrung ermöglichen. Eine Anfrage von Seiten des IRV (interkantonaler Rückversichererverband), welche im Juli 09 an Lorenz Hasler gelangte, eröffnete die Möglichkeit, das Projekt Travesías 2010 für Cuba ins Auge zu fassen. Travesías 2010 Im kommenden Juli wird das Sextett zusammen mit Kindern und Jugendlichen der Escuela Paulita Concepción (Reparto Serro, Havanna) die Kompositionen von Simon Ho in Kuba auf die Bühne bringen. Die Konzerte in Havana sind aufgegleist, und auch in der Schweiz stehen schon einige Termine fest: Am 10. September um 10:00 Uhr im Berner Münster, am 16. September im Konzertsaal Solothurn, am 17. September um 17:00 in der Kirche St. Joseph in Köniz, am 20. September um 18:30 im Gemeindehaus in Köniz. Zur Zeit sind wir in Verhandlung mit verschiedenen

Veranstaltern um für Travesías 2010 weitere Auftrittsmöglichkeiten zu finden. Vom 11. bis zum 20. September 2010 ist das professionelle Musikensemble Travesías zusammen mit 40 jungen kubanischen Musikerinnen und Musikern (Orchester und Chor) bei Schweizer Schulen zu Gast. Im Projekt «Travesías 2010 – juntos con jóvenes», also in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, geht es um das Thema «Daheim – in der Fremde». Die Kompositionen von Simon Ho und die den Stücken zugrunde liegenden Texte sind der Anstoss für den Austausch von Werten und Erfahrungen über kulturelle Grenzen hinweg – daher der Name Travesías (Überquerungen). Den Rahmen dieser Tage bildet das gemeinsame Musizieren. Ziel ist es, den besuchten Schülerinnen und Schülern, den Lehrpersonen und allen Teilnehmenden einen Tag des Austausches über Kulturen und Generationen hinweg zu ermöglichen. Wichtig sind uns vor allem: - das Erlebnis einer interkulturellen Zusammenarbeit von Kindern und Jugendlichen, - die interdisziplinäre Thematisierung aktueller Fragen wie Migration, Heimatverständnis, Respekt und Integration, und - das Ermöglichen von Kontakten und Austausch mit Gleichaltrigen aus einem anderen Kulturkreis. Das Projekt wird mit ideeller und finanzieller Unterstützung der Erziehungsdirektion des Kantons Bern durchgeführt und kann überall in der Schweiz stattfinden, natürlich auch im französischsprachigen Teil.

Spieldaten Travesias spielen vom 10. – 20. September in der Umgebung Bern/Köniz. Siehe das detaillierte Programm auf www.travesias.ch

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Music & Sounds

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Tema senza Variazioni Von Karl Schüpbach

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is zum Überdruss habe ich, liebe Leserin, lieber Leser, in unserem Kulturmagazin ensuite die verheerende Tatsache beklagt, dass die Übermacht des Geldes die Kultur und die Kulturschaffenden immer wieder in eine Statistenrolle zwingt. Neuesten Anlass zu harscher Kritik bieten die Vorgaben, welche die Regionalkonferenz Bern Mittelland (RK) in die Konsultation schickt. Sie beinhalten die notwendige Neugestaltung von Subventionsverträgen mit vier grossen kulturellen Institutionen der Stadt Bern: Zentrum Paul Klee, Kunstmuseum Bern, Historisches Museum Bern und Musik-Theater Bern. Die letzte Wortkreation ist der Arbeitstitel für die neu zu gründende Gesellschaft, die aus der Zusammenlegung des Stadttheaters Bern (STB) und des Berner Symphonieorchesters (BSO) entstehen soll. Ich bin innerlich in keiner Weise bereit, im Sinne einer Vernehmlassung zu einzelnen Punkten Stellung zu nehmen. Die Grundhaltung des Dokumentes ist dermassen deprimierend negativ, und von der oben erwähnten Haltung geprägt: zuerst das Geld, dann nochmals das Geld, und zu guter Letzt wieder das Geld. Es geht um kulturelle Institutionen, damit um

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Foto: Pierre Marti

Kunst und künstlerische Qualität. Ich gebe Ihnen ein erschreckendes Beispiel, wie eine Qualitätsfrage abgehandelt wird: «Um eine bessere Qualität gegenüber heute zu ermöglichen, soll die Disposition, also die Planung der Produktionen, verbessert, und die Zahl der Vorführungen beim Musiktheater sowie der Konzerte reduziert werden. Diese Einsparungen, ebenso wie jene aus der Zusammenlegung von Leitung und Administration, sollen der Qualitätssteigerung der Produktionen zugute kommen». (Regionalkonferenz Bern Mittelland, Konsultation der Finanzträger vom 16. August bis 30. September 2010, Seite 11). Hier wird eine Gleichung hergestellt, die ebenso falsch wie absurd ist: Sparmassnahme gleich Qualitätssteigerung. Die wohl entscheidende Frage bei der künftigen Zusammenarbeit von BSO und STB stellt sich völlig anders: wird es der neuen Gesellschaft und deren Leitung endlich gelingen, einen Spielplan zu gestalten, der den baulichen Gegebenheiten des Hauses Rechnung trägt, und der gleichzeitig eine Abkehr von den Imitationsgelüsten mit Blick auf die Häuser in Zürich, Basel und Genf mit sich bringt? Abgesehen von einer auf diese Weise

tatsächlich realisierbaren Qualitätssteigerung, würde dies auch die Rücksichtnahme auf die Gesundheit der Musikerinnen und Musiker des BSO bedeuten, die infolge falscher Werkwahl oft unerträglichen Lärmemissionen ausgesetzt sind. Ich erwähne dies an dieser Stelle, weil der Entscheid, dem Geld alles unterzuordnen, gleichzeitig eine Ignoranz gegenüber künstlerischer Arbeit bedeutet, weil diese – vermeintlich! – keinen Profit abwirft. Diese Erkenntnis trifft alle Künstler in unserem Land – leider in Bern ganz besonders – sehr schmerzlich. Marcia funebre. Die Grundhaltung des zu beurteilenden Dokumentes ist nicht geeignet Optimismus zu verbreiten, es ist eher Trauer angesagt. Mutlosigkeit, das Fehlen von Visionen und erschreckend konservative Vorstellungen lösen bei der Lektüre Frösteln aus. Aber nicht nur: die stetige Wiederholung des Eingeständnisses, dass zu wenig Geld aufgewendet wird, weil es – so wird behauptet – nicht zur Verfügung steht, provoziert auch Wut und Empörung. Man verspürt Lust zu schreien: «Tut endlich etwas zur Geldbeschaffung, anstatt stets Verzichtplanungen zu fordern!» Zum Beispiel das Zentrum Paul Klee. Vor


mehr als einem Jahr lud Herr Bernhard Pulver, Erziehungsdirektor des Kantons Bern, zu einer Pressekonferenz, um das neue Kulturförderungsgesetz des Kantons vorzustellen. Ich fand die Wahl des Lokales für diesen Anlass genial: das Creaviva im Zentrum Paul Klee. Nach seinen Worten wollte er mit dieser Wahl dokumentieren, dass Kulturförderung auch Kulturvermittlung beinhalten muss. In ihren Genuss sollen schon unsere Kleinsten kommen, da sie, schon in jungen Jahren mit Kultur in Kontakt gebracht, später in der Lage sein werden wertvolle Impulse an unsere Gesellschaft weiterzugeben. Wer je die leuchtenden Augen von Kindern beobachtet hat, die unter kundiger Leitung im Creaviva ihrem Gestaltungsdrang nachleben, kann die Gedankengänge von Herrn Pulver leicht nachvollziehen. Hier war etwas von einer Aufbruchstimmung zu spüren, die Herr Pulver noch nährte, indem er von dem Willen sprach, dass der Kanton Bern das Zentrum Paul Klee, das Kunstmuseum Bern und das Museum Ballenberg in die alleinige Obhut des Kantons überführen will, dies in Anerkennung der internationalen Resonanz der drei genannten Institutionen. Was ist davon übrig geblieben? Mit Entsetzen liest man, dass der Kanton dem Zentrum weismacht, nicht über die nötigen Mittel zu verfügen, um das Museum in seinen Bemühungen zu unterstützen, seine Ausstrahlung in die ganze Welt zu pflegen und zu bewahren. Für diese Haltung gibt es meiner Meinung nach nur eine Qualifikation: absolut destruktiv! Zum Beispiel das Berner Symphonieorchester. Für mich persönlich – als pensioniertes, aber immer noch sehr engagiertes Mitglied des BSO – beinhaltete die erwähnte Pressekonferenz auch einen Wehmutstropfen. Die Geste der Anerkennung des Kantons bleibt dem Orchester vorenthalten, weil das Orchester, so die Antwort auf meine Nachfrage, nicht über eine internationale Ausstrahlung verfüge. Dazu gibt es zwei bittere Feststellungen zu machen: seit Jahren liegt das BSO lohnmässig an zweitletzter Stelle der Schweizerischen Berufsorchester! Weiter muss klar gestellt werden, dass das BSO seit 1964 (Berufung Paul Klecki zum Chefdirigenten) trotzdem einen qualitativ sensationellen Aufschwung genommen hat, der heute noch anhält, und der internationale Quervergleiche ebenso aushält wie das Tonhalle-Orchester oder

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das Orchestre de la Suisse Romande. Diese Behauptung ist nicht aus der Luft gegriffen: man muss die Beifallsstürme erlebt haben, die das BSO bei seinem Gastspiel in Salzburg (!) unter der Leitung von Andrej Boreyko ausgelöst hat. Es gibt nichts zu rütteln: die Tatsache, dass der Kanton das BSO nicht in dieselbe Stufe wie das Zentrum Paul Klee, das Kunstmuseum und das Museum Ballenberg aufnimmt, ist die Quittung für eine seit Jahrzehnten andauernde Vernachlässigung des Orchesters durch die Subventionsbehörden. Es kommt noch schöner: die riesigen Anstrengungen, welche die Musikerinnen und Musiker des Orchesters in Richtung Qualitätssteigerung unternehmen, sollen im Verlaufe des nächsten Subventionsvertrages durch den Abbau von 5 Stellen belohnt werden. Frau Brigitta Niederhauser, Journalistin «Der Bund», legt eine bunte Zeitungsente ins Wasser, wenn sie behauptet, dass das BSO trotz der Kürzung immer noch das zweitgrösste Orchester der Schweiz bleibe, nach der Tonhalle. (vgl. «Der Bund», 17. August 2010, Seite 21). In Wahrheit liegt das BSO punkto Planstellen – sie sind ausschlaggebend – hinter der Tonhalle, dem Orchestre de la Suisse Romande, dem Sinfonieorchester Basel, und dem Orchester der Oper Zürich zurück. Es widerstrebt mir schwer, Künstler gegen Künstler auszuspielen, aber in diesem Zusammenhang komme ich nicht darum herum: in Anerkennung seiner Aufwärtstendenz, soll das Schauspielensemble aufgestockt werden. Aufstockung bei einer Sparte eines Hauses, das insgesamt tief in den roten Zahlen steckt, Abbau beim BSO, das mit gesunden Finanzen in eine zu sanierende neue Organisation gezwungen wird? Finale – con Melancholia. Wie lange kann sich unsere Gesellschaft ein ausschliesslich vom Geld diktiertes Setzen von Prioritäten noch leisten? Was braucht es noch – nach dem Schuss vor den Bug durch die noch nicht ausgestandene Finanzkrise – dass die Kultur einen anderen Stellenwert erhält? Auf Bern bezogen: wann endlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass hochqualifizierte kulturelle Institutionen und ihre Künstlerinnen und Künstler, ihre verantwortlichen Betreiber, sorgfältigster und von Respekt getragener Unterstützung bedürfen?

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Kino & Film

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Zu Besuch bei Dani Levy Von Claudia Langenegger

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ani Levy bringt einen neuen Film ins Kino. Er heisst «Das Leben ist zu lang», und erzählt aus dem turbulenten Leben des Regisseurs Alfi Siegel. Dieser steckt in einer tiefen Lebenskrise: Der letzte Erfolg ist Jahre her, sein neustes Drehbuch will keiner, seine Familie findet ihn lächerlich, und es drohen auch noch seine sämtlichen Ersparnisse mit der Hausbank flöten zu gehen. Einziger Ausweg scheint Selbstmord, der in einem Versuch endet, und die Realität in eine surreale Traumwelt verwandelt – oder ist der Schein das wahre Sein? Der Basler Regisseur, der seit über dreissig Jahren in Berlin zuhause ist, liebt das cineastische Spiel mit Zweideutigem, Humor und Tiefgründigkeit. Ensuite hat Levy an dem Platz besucht, wo er sein Werk geschrieben hat: im Wochenendhäuschen an einem idyllischen Flecken in Brandenburg. Ein ehemaliges Bootshäuschen mit breitem Gartenplatz und Steg, davor die Havel, die gemächlich dahindümpelt. Am Flussufer viel Schilf, irgendwo weit hinten hoher Laubwald, und darüber endloses, wolkiges Blau. Riesige Bäume umrahmen mit tief herunterhängenden Ästen die Aussicht. Kraftvoll, entspannend. Levy liebt diesen Ort. Und der Ort liebt ihn: er hat den Basler beim Schaffen seiner grössten

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Erfolge inspiriert: Die Scripts für «Alles auf Zucker», «Mein Führer» und das multimediale Strassentheaterstück «Freie Sicht aufs Mittelmeer» fürs Theater Basel sind hier entstanden. Auch seinen jüngsten Wurf «Das Leben ist zu lang» hat Levy an seinem idyllischen Rückzugsort geschrieben, der hinter wildem Gebüsch versteckt, in einem unscheinbaren Kaff im Westen Berlins liegt. Levy sitzt am verlebten Holztisch vor seinem Wochenendhäuschen, isst Oliven, Käse und Vollkornbrot und trinkt dazu rabenschwarzen Kaffee aus der italienischen Kaffeekanne. Der Regisseur Levy erzählt in seinem neusten Werk vom Regisseur Seliger, der, wie Levy selbst, zwei Kinder hat, im Sternzeichen Skorpion geboren ist, etwa gleich alt und jüdisch ist. Könnte es sein, das dies ein autobiographischer Film ist? «Natürlich nicht», sagt der Filmemacher, «aber er hat schon mit mir zu tun. In meinen Filmen beschäftige ich mich immer mit Dingen, die in mir schmoren und gären.» Zwar gibt es Parallelen, aber anders als der Film-Protagonist ist Levy kein erfolgloser Regisseur in zerrütteter Ehe, der seine gesamte Umwelt nervt. Im Gegenteil. Mit «Alles auf Zucker» hat er sich in den Olymp der deutschsprachigen Filmschaffenden katapultiert. Die

Komödie räumte 2005 bei den deutschen Filmfestspielen ab: sechs Auszeichnungen, darunter eine für die beste Regie. Im selben Jahr gewann er den Ernst-Lubitsch-Preis und wurde dabei für die «Wiederbelebung des deutschjüdischen Lustspiels» geehrt. Mit seiner Frau Sabine Lidl – Dokumentarfilmerin und Maskenbildnerin – hat er zwei Kinder: Hannah, 10 und Joshua, 2. Arbeitet er, ist sie Familienoberhaupt, arbeitet sie, ist er das Familienmami. Sie führen eine gut funktionierende, moderne und glückliche Familie. Der Film ist dennoch proppevoll von ganz persönlichen Erfahrungen. «Meine Grundidee war, eine Geschichte über einen Künstler inmitten des Irrsinn des Alltags zu drehen», sagt Levy. Und schmunzelt: «Diesen Irrsinn kenne ich nur allzu gut». Er erzählt, wie anstrengend Leben und Beruf manchmal sein können: Mit jedem Projekt fängt er wieder bei Null an, und er ist stets von grossen Geldgebern und ihrem Goodwill abhängig. Doch das, was am meisten an ihm zehrt, ist seine Zerrissenheit zwischen Kunst und Familie. «Ich liebe es, dass ich in meinem Beruf meinen Träumen, Fantasien und Sehnsüchten nachgehen kann», sagt er. «Doch sobald ich mich jeweils zum Schreiben zurückziehe, vermisse ich meine Familie sofort und enorm.» Sobald er aber in seine kreative Welt


Kino & Film abgetaucht ist, hat er kaum mehr Zeit, sie mit seinen Lieben zu verbringen. Beides zusammen? Geht nicht. Beim Dreh zu diesem Film hatte er aber zumindest ein Familienmitglied fast ständig um sich: seine Tochter spielt die Filmtochter Romy Seliger. Ist es nicht ein Risiko, einen Film zu drehen, der so viel von sich preisgeben kann? Und der, weil er so nahe am eigenen Selbst ist, Gefahr läuft, in Sentimentalitäten abzudriften, weil sich der Macher zu wenig an die Grenzen wagt? «Natürlich ist das schwierig, die kreative Distanz zu wahren, wenn man so viel von sich in die Geschichte steckt. Aber Gefahr reizt, Gefahr ist sexy. Mich reizen Dinge, die riskant sind, Vieldeutiges und Doppelbödiges. Alles andere wäre zu langweilig.» Levy tat auch diesmal das, was er immer tut: eigensinnig seine Idee verfolgen. Das Risiko, seine Tochter mitspielen zu lassen – Hannah lag ihrem Papa lange in den Ohren, beim Casting stellte sie sich tatsächlich als Idealbesetzung heraus – hat sich gelohnt: das Mädchen spielt den griesgrämigen Teenager äusserst überzeugend. Ebenso gut sind die anderen Darsteller: seine frustrierte Ehefrau, gespielt von Meret Becker, Markus Hering als Alfi Seliger und etwa Yvonne Catterfield als Serien-Sternchen. Sogar Veronica Ferres nimmt man nach einem kurzen innerlichen «Ach, klappt das?» die überdrehte russische Nymphomanin ab. Mit dem Plot mit einem Regisseur als Protagonisten wagt sich Levy auf riskantes Terrain. Natürlich haben schon viele Filmemacher Filme über Regisseure gedreht – wie Levy selbst sagt. Aber das haben eben auch die ganz Grossen der siebten Kunst gemacht. Eines der berühmtesten Beispiele ist vielleicht Federico Fellinis «Otto e Mezzo» (1963), der mit traumhaften Sequenzen und einem verwirrten Regisseur bezaubert, einer seiner besten Filme. François Truffaut hat sich in «La Nuit Américaine» (1973) auf das Spiel mit Sein und Schein auf dem Film-Set eingelassen, Woody Allen stellt in «Crimes and Misdemeanors» (1989) einen glücklosen Filmemacher in den Mittelpunkt. Und Levy? Er erzählt vom Filmemacher und Vater, der bis zum Hals in Problemen steckt und als einzigen Ausweg den Selbstmord sieht – der scheitert, und den Protagonisten in einer seltsam realen Scheinwelt erwachen lässt. So unterhaltsam der Film ist, er kommt nicht an die Grossen und auch nicht an sein eigenes Meisterwerk «Alles auf Zucker» heran. Die Geschichte kommt humoristisch daher, doch dem komödiantischen Trubel fehlt es an Bösartigkeit und Schärfe, mit der Levy in «Alles auf Zucker» begeisterte. Etwas brav sind die Gemeinheiten seiner Liebsten, und etwas gar klischiert wird die Welt des Films wiedergegeben.

Doch als Levy mit der surrealen Welt des Scheins und Seins zu spielen beginnt, ändert sich die Stimmung des Films, er treibt das Spiel mit der cineastischen Fiktion gekonnt. Wo und wie die Grenzen verlaufen, was das alles soll, wo der Schein zu Ende ist und das Sein anfängt – der Zuschauer begreift nicht mehr. Einzelne Szenen erinnern an Fellinis traumhaft versponnene Fantasie, diese wird mit harter Realität gegengeschnitten, und dann doch wieder nicht aufgelöst. Der Schluss steht ganz in der Tradition der grossen französischen Cinéasten, indem das Ende offen bleibt. Der Zuschauer ist erst mal ratlos, dann in Gedanken versunken: Gaukelt die Traummaschine Kino uns etwas vor, oder ist es das Leben, das mit seinen Träumen und Fantasien eine Illusion ist? Levy will zu Gedanken anregen. Wie der Film-Regisseur Seliger ist der Basler trotz seines leichtfüssigen Humors kein Freund der oberflächlichen Muse.

Levy will Filme drehen, die seine ganz spezifische Handschrift tragen, die eigenwillig sind. Er will wagen und intelligent unterhalten. Levy ist immer in Bewegung, getrieben von all der Fantasie und den Gedanken, die in ihm gären und schmoren. Fast eine Stunde erzählt Levy über seinen Film, seine Zerrissenheit zwischen Kunst und Familie, schwärmt von seinen Kindern, von der Tiefsinnigkeit des jüdischen Humors, und seiner Liebe zum einfachen Leben. Er wirkt zufrieden, strahlt eine Gelassenheit aus wie einer, der sein Leben lang stets seine Ideen verfolgt. Egal, ob diese von Erfolg gekrönt sind oder nicht. Hauptsache, seine Werke sind authentisch und beseelt, Hauptsache er tut es mit Kraft und Leidenschaft. Levy steht auf, geht über den Holzsteg nach vorne zum Wasser, blickt über die glitzernde Oberfläche hinweg in die Weite des Grüns und des Endlosen und sagt nur: «Schön, nicht?»

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Kino & Film

ZARA K INOFILM

Copacabana Von Lukas Vogelsang

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sabelle Huppert spielt die äusserst verrückte Babou. Verrückt ist wirklich gemeint – Babou ist neben den Schuhen, fürchterlich schräg, unangepasst, eigentlich unerträglich, hat keine Arbeit und versaut sich mit ihrem Auftraten auch die Job-Chancen, die sie unbedingt bräuchte. Sie nimmt nur sich wahr. Und das nervt. Auch die Tochter erträgt dieses Geplänkel nicht mehr. Babou macht es mit ihrer Sorglosigkeit unmöglich, dass man sich mit ihr normal unterhalten kann. Alles was die Tochter will, ist ein normales Leben. Zivilisiert. Und so entschliesst sie sich, die Mutter nicht an ihre Hochzeit einzuladen. Bum! Das ist hart. Das erträgt keine Mutter. Innerhalb einer Minute ändert sich ein Leben. Babou übernimmt in ihrer Not eine Arbeit, die eigentlich schon im Ansatz nicht ganz vertrauenswürdig scheint. Aber Not macht erfinderisch, zu verlieren hat Babou eh nichts mehr. Am Boden kann die Welt ziemlich erfrischend neu erfunden werden. Und das muss jetzt geschehen. Doch die Versprechen der neuen Berufswelt sind ernüchternd, und ihre Mitstreiterinnen ebenfalls. Doch auch dies kann alles geändert werden…

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Ostende, der neue Arbeitsort, ist ziemlich muffig. Auch die MitarbeiterInnen sind nicht grad offen für die neue Welt, und Babou kann mit ihrer Eigenart einige Punkte gewinnen. Sie macht sogar fast Karriere. Es wartet viel Arbeit auf Babou, und natürlich erledigt sie die in Babou-Art, und das geht nicht ganz ohne Komplikationen. So glücklich, wie Babou immer daherkommt, ist sie allerdings nicht, und so sozial wie sie sich gibt, ist sie eben auch nicht. Da schwingt Einsamkeit mit. Ach, und dann kommt auch wieder die Tochter ins Spiel, und die eben verstossene Mutter erhält eine neue Chance – und kurz darauf, gleich nochmals… Isabelle Huppert gibt die Nervensäge wunderbar. Dementsprechend nervt der Film zu Beginn, weckt dann Interesse, wird schwierig, und löst sich überraschend und mit wunderbarem französischem Charme in einer feinen, wunderlichen Geschichte. Unspektakulär gräbt sich diese in unsere Erinnerung und hinterlässt ihre Spuren. Es könnten auch unsere eigenen sein: Die Geschichte ist eine von denen, die wir selber täglich erleben. Weit weg vom grossen Erfolg, aber immer vom Glück begleitet und davon nie alleinegelassen.

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edeutungsschwanger und poetisch zeichnet Zara die tragische Geschichte der Kurden, über das Leid des Exils und davon, die eigene Geschichte zu leugnen. Zara bedeutet so viel wie: „Die Geburt des Weges“. Und eine Geburt ist in sich schon keine einfache Sache – geschweige denn für Mirka, die als Jugendliche aus ihrem Heimatdorf flüchten musste. Die Heimat zieht sie zurück – zusammen mit der Schweizer Freundin Nursa. Auf dem Weg verschmelzen sich Realität und Fiktion. Erinnerungen bringen die Wirklichkeit in Bedrängnis. Nursa versteht allmählich immer weniger und gibt auf. Ganz. Der Film ist kein Klagelied und urteilt nicht, erzählt aber ein durchaus reales Drama des kurdischen Volkes. Die Filmsprache allerdings verlangt viel von uns ab. Die Intensität im Bild und im Klang ist einer Trance gleich und bewegt sich immer tiefer und tiefer. Schöne Bilder intensivieren den Schrei nach Leben, würgen mit der Heimat und trauern um das Glück. Hervorheben darf man die Filmmusik und allgemein den Klang in den Bildern. Dafür hat der Film auch den Schweizer Filmpreis für die beste Filmmusik 2009 erhalten. Und auch andere Preise. Die Filmemacherin spielt nicht mit dem Film, aber der Film spielt mit uns. Es ist der erste Spielfilm der Regisseurin Ayten Mutlu Saray und wird nicht der Letzte sein. Ein überwältigend starkes und auch schmerzhaftes Debüt. (vl) Der Film startet am 2. Sept. in den Kinos.

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Kino & Film

TRATSCHUNDLABER Von Sonja Wenger

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s ist ja nicht so, dass in den Medien keine Reflexion stattfindet. So war erst kürzlich tatsächlich im «Tagesanzeiger» eine hervorragende Rezension über eine dringend notwendige Studie zu lesen, die sich mit den fatalen Auswirkungen der Pornoindustrie auf unsere Gesellschaft auseinandersetzt. Eine konstant härter werdende Kategorie von Pornos ist salonfähig geworden, und mit ihr – einmal mehr – die sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Was bei der fortschreitenden «Pornofizierung» unserer Umwelt – Medien, Werbung, Unterhaltung und gar Alltagssprache – besonders zu denken gibt, ist der fehlende Widerstand der Frauen. So stehen einem die Haare zu Berge wenn man beobachtet, mit welch wüsten Worten sich heute Mädchen von Jungs ansprechen lassen, ohne dass ihnen dabei die Galle hochkommt. Und die Grenzen, scheint es, sind noch lange nicht erreicht. Doch wen wundert´s? Je mehr Hüllen und Tabus fallen, umso mehr verkommt nachdenken, aussprechen, und anprangern zur Privatsache, findet bestenfalls noch in den Feuilletons, Kolumnen und auf den Gesellschaftsseiten statt, aber nicht dort, wo es hingehört: in die Wissenschaft und Politik. Empathie ist verpönt, Nächstenliebe ein Schimpfwort und Schamgefühl sowieso antiquiert. Schadenfreude heisst der Volkssport. Nur wer makellos jung, sexy schön und willig zum Masochismus ist, kann in dieser Welt was werden. Deshalb ist heute Pop Porn in, Lady Gaga ein Star, und ein öffentlich-rechtlicher Sender kaum noch vom Privatfernsehen zu unterscheiden. Völlig zu recht klagte «die Zeit» vor kurzem in einem Artikel über die «vom Volk bezahlte Verblödung», in dem sie das lausige Programm von ARD und ZDF als Skandal bezeichnete, und die «Wiederaufzucht eines gebildeten Publikums» forderte. Aber das Volk kriegt bekanntlich, was es will – und es will wohl Tillate, Doku-Soaps, Sauforgien, Fresstempel, Shoppingcenter und Porno, wobei das eine oft nicht vom anderen zu unterscheiden ist. Widersprüche im Alltag werden dabei natürlich hingenommen, wenn denn überhaupt noch wahrgenommen. Das treibt bisweilen kuriose Blüten, so wenn das Werbeplakat einer Kampagne für gesunde Ernährung der Schweizer Kinder – sie sind schliesslich unsere Zukunft und solches Blabla – genau neben einem McDonalds-Plakat hängt. Ob es sich dabei um Ironie oder Zufall handelt, bleibt im Dunkeln. Genauso wie die Frage, ob man sich bei so was nun kugeln oder die Kugel geben soll. Aber ach, auch diese Aussage ist bereits werbetechnisch von Ferrero besetzt. «Der Rest», das hat schon Hamlet am Schluss kapiert, «ist Schweigen». 40

K INOFILM

Despicable me Von Sonja Wenger

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s ist schon ein Kreuz: Kaum hat sich der geniale Wissenschaftler Gru als superböser Superverbrecher etabliert, kommt der junge, ehrgeizige Spinner Viktor, alias Vektor, klaut mal schnell die Pyramiden von Gizeh und glaubt, ihm den Rang ablaufen zu können. Also muss das noch grössere Verbrechen her – und ist auch schnell gefunden: Gru will mit Hilfe einer alles verkleinernden Strahlenkanone den Mond schrumpfen, dann stehlen, und sich so für immer als der superböseste aller Verbrecher verewigt wissen. Eine absurde Idee, keine Frage, aber nicht im Universum der Animationsstudios wie Blue Sky, DreamWorks, Pixar und nun auch Illumination Entertainment, einer Tochterfirma von Universal. Chris Meledandri und Chris Renauld, die Macher unter anderem der «Ice Age»-Filme und «Horton Hears a Who!», haben mit «Despicable me» einen weiteren clever gemachten Gute-Laune-Film aus den Ärmeln geschüttelt – und sich einmal mehr ihrer unbändigen Lust am Durchgeknallten hingegeben. Übertreiben, übertreiben, übertreiben: So macht Animation Spass. Denn natürlich ist Grus Vorhaben leichter geplant als umgesetzt: So will ihm die Bank des Bösen – ein Verschnitt der Lehman Brothers – aus Mangel an Profit nicht länger seine Projekte finanzieren und er muss sich andere Geldquellen suchen; im Verbrecherteam zuhause kommt es mit seinem Assistenten Dr. Nefario fortgesetzt zu akustischen Missverständnissen; und seine Fusstruppen, bestehend aus stets schadenfreudig kichernden Kartoffelwesen namens Minions, sind ein bisschen zu motiviert um wirklich eine Hilfe zu sein. Probleme erwachsen Gru aber noch von anderer Seite. Denn tief im Inneren ist er nur ein ungeliebtes, von seiner Mutter verspottetes

Kind, welches nach Anerkennung und Liebe dürstet. Sein an sich butterweiches Herz kommt ihm bei seiner Verbrecherkarriere immer wieder in die Quere. Erst recht, als Gru aus taktischen Gründen drei Waisenmädchen adoptiert, die an seiner Tür Cookies verkaufen. Widerstand ist dabei zwecklos, und aus dem Superbösewicht wird bald der Superpapa. Als dann auch noch eine Ballettaufführung der Mädels am selben Tag wir der Mond-Diebstahl stattfinden soll, geht alles drunter und drüber. Frische Ideen und ein enorm leichtfüssiger Humor – nicht zu viel und nicht zu wenig unter der Gürtellinie – machen aus «Despicable me» ein kurzweiliges Kinovergnügen für Gross und Klein. Gru mitsamt seinen Freunden und Feinden lassen einen mit gutem Gewissen herzhaft lachen und die reale Welt mit all ihren Regeln von Gut und Böse kurz hinter sich lassen. Dabei wird wild geklaut bei Filmen wie «Austin Powers», abgekupfert bei «James Bond» und «Looney Tunes», fröhlich jeder Bösewicht, der jemals die Leinwand erblickt hat, kolportiert. Das alles in 3-D, und egal, was man davon halten mag, aber Achterbahnfahren und Fliegen sind so fast noch schöner. Doch nicht nur das Visuelle stimmt, sondern auch die Stimmen, allen voran jene von Tausendsassa Steven Carell. Er spricht Gru, weiss der Geier wieso, mit einem osteuropäischen Akzent, der das Ganze nur noch sympathischer macht. Die Musik stammt von Hans Zimmer, der sich mit Actionfilmen und Thrillern auskennt, Heitor Pereira und Pharrell Williams. Und wem das Verrückte bei «Despicable me» noch nicht reicht, darf sich auf die obligaten zugehörigen Kurzfilme und die bereits angekündigte Fortsetzung freuen. Der Film dauert 95 Minuten und kommt am 30. September ins Kino.


Kino & Film

G ROSSES K INO

Zeitreisen im Film Oder: Wieso wir alle kleine Einsteins sind – Von Morgane A. Ghilardi

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rossvaterparadox, Paralleluniversum, ja, doch, das hat man schon einmal gehört. Man muss nicht Quantenphyik studiert haben, um sich Wissen zum Thema Zeitreisen angeeignet zu haben, denn das Konzept bietet sich in der Filmwelt schon lange als Salz und Pfeffer eines jeden Genres an. Es kann also gar nicht schaden, einen Ausflug ins Reich der temporalen Verwirrung im Film zu wagen, nur um den Überblick zu behalten. Marty McFly. Klar, daran kommt man gar nicht vorbei. Die dreiteilige «Back to the Future»-Saga (1985-90) stellt die perfekte Kombination von Comedy und Science Fiction dar, und stiftet unter Zuschauern nicht allzugrosse Verwirrung. Es ist eigentlich offensichtlich, dass man in der eigenen Vergangenheit nicht zuviel Schaden anrichten sollte, wenn man selber noch eine Zukunft haben will. Doch noch mehr Klamauk mit Zeitmaschinen bietet «Bill and Ted’s Exellent Adventure» und die Fortsetzung «Bill and Ted’s Bogus Journey» (1989/1991), in denen ein sehr junger und ausnahmsweise nicht depressiver Keanu Reeves sich mit seinem besten Freund in die Vergangenheit begibt, um seine Geschichtsprüfungen zu bestehen. Da alles sehr bunt und spassig ist, braucht man auch hier nicht allzuviel Konzentration. Wie etwa bei der Ritterkomödie «Les Visiteurs» (1993). Etwas tiefer geht die Sache in Coppolas «Peggy Sue Got Married» (1986), in welchem die Möglichkeit erforscht wird, vergangene Fehler und Beziehungen zurechtzubiegen. Das ist natürlich immer eine Idee mit Anziehungskraft.

ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

Anspruchslose Action lässt sich mit etwas Zeitmaschinerie auch einfach aufpeppen. Das Paradebeispiel «Terminator» (1984), dessen episches Universum auf dem Hin- und Herreisen diverser Androiden und Menschen durch die Zeit basiert, zeigt, dass alles gleich viel spannender wird, wenn die Vergangenheit auf die Zukunft trifft, oder die Gegenwart auf die Vergangenheit, oder umgekehrt, oder irgendwie so. Die technischen Aspekte der Zeitreise bleiben dabei oft ein Mysterium. Wie etwa bei «Donnie Darko» (2001), nicht wahr? Nur dass Richard Kellys Kultstreifen es schafft, den Zuschauer in ein Netz der totalen Verwirrung einzuwickeln, aus dem er sich erst langsam zu lösen beginnt, wenn er den Film zum fünften Mal gesehen hat. Das kann bei einem Film, der das logische Denken von Normalsterblichen zu so vielen Irrtümern verführt, auch erwartet werden. Die unglaubliche Atmosphäre und die vielen guten Schauspieler helfen jedoch dabei, die Verwirrung und das Unwissen zu verkraften, die ja eigentlich jeder Film zum Thema Teenagerängste beinhaltet. Wie soll dies aber bei einem überromantischen Film wie «The Time Traveler’s Wife» (2009) gehen, kann man sich fragen. In einem Film, der eher zum schluchzen als zum nachdenken verleitet, wird der Zeitreisende zum Götzenbild der Tragik. Wenigstens wird den Frauen, die das Zielpublikum darstellen, zugetraut, dass sie das temporale Tohuwabohu durchblicken. Vielleicht eben, weil das Thema altbekannt ist, und wir alle schon mal mit der damit verbundenen Grüblerei konfrontiert

Bild: zVg.

worden sind. Bei einem Film wie «The Girl Who Leapt through Time» (2006) ginge das nicht ganz so einfach, doch dieser Anime vermag es genauso, das weibliche Geschlecht anzusprechen. Zwar ist Mamuro Hosodas Werk teilweise extrem verwirrend, Kritiker sind sich jedoch einig, dass Science Fiction und romantisches Drama darin auf intelligente Weise verbunden werden. Für das Fernsehen sind in den letzten fünf Jahren interessante Umsetzungen des Themas entstanden. «Journeyman», «Life on Mars» und «Doctor Who» haben mehr Zeit als der Standardfilm, um die Komplexität der Zeitreise auszuloten. Die Idee der Zeitreise löst einen angenehmen Nervenkitzel aus, und animiert die Fantasie. Was wäre, wenn man eine historische Berühmtheit besuchen könnte? Oder gar sich selbst, sei es in der Zukunft oder in der Vergangenheit? Wer sich aber etwas auskennt, sollte wissen, dass man wenn möglich nicht die eigene Timeline stören sollte. Das führt nur zu unnötigen Komplikationen und paradoxen Situationen, die das Universum zerstören könnten. Was jedoch kaum schadet, ist, sich mit diesem oft logikverschmähenden Genre auf dem Bildschirm auseinanderzusetzen. Unser mageres Verständnis in Sachen Zeitreisen wird dem Wissen Einsteins oder Hawkins nie gerecht werden, doch die Denkgymnastik und stundenlangen Diskussionen, die solchen Filmen folgen, können nur gut tun.

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Das andere Kino

www.cinematte.ch / Telefon 031 312 45 46

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ony Gatlif - Jemand schrieb einmal über Tony Gatlif, er sei ein Mann «mit einem so zerfurchten und zerbeulten Gesicht, als habe er das Schicksal des ganzen Zigeunervolkes auf seinen Schultern getragen». 1948 in Algerien als Kind eines Kabylen und einer Roma geboren, wandert Gatlif Anfang der Sechzigerjahre nach Frankreich aus und entdeckt das Kino. 1981 findet er zu seinem bevorzugten Thema und schreibt über seinen Film Corre Gitano: «Das ist ein Film, der sagt: ,Ich bin Zigeuner. Trotz allem, den Verfolgungen, der Verachtung, ich bin Zigeuner. Ich existiere, wir existieren.’» Mit Gadjo Dilo, der Geschichte über einen jungen Mann, der sich in Rumänien auf die Suche nach einer verschollenen Sängerin macht, gelingt dem Regisseur der internationale Durchbruch. In Vengo beschreibt Gatlif die Rivalität zwischen zwei andalusischen Familien und findet einen Weg, den Geist des Flamenco auf der Leinwand spürbar zu machen. Swing ist die Geschichte des kleinen Max, der Django Reinhardts Gitarrenspiel lernen möchte. Mit Exils kehrt Gatlif an den Ort seiner Kindheit zurück, nach Algerien. Und Transylvania schliesslich ist eine rückwärts erzählte Liebesgeschichte aus dem Land der Vampire. Cinema Italiano Wir zeigen fünf zeitgenössische italienische Filme in Originalfassung mit Untertiteln als Schweizer Premieren. Im September läuft als Eröffnungsfilm der Reihe Si può fare, die Geschichte einer Gruppe ehemaliger PsychiatriePatienten, die sich unter der Federführung eines italienischen Gewerkschafters den Weg in eine freiere Zukunft erkämpft. Mit zurückgewonnener Würde und mit dem Vertrauen auf zwischenmenschliche Beziehung wird für die Andersartigkeit plädiert. Weiter geht der Zyklus im Oktober mit La Ragazza del Lago, Il Papà di Giovanna, Giulia non esce la Sera und Galantuomini. Manhattan Short Film Festival Bereits zum zweiten Mal beherbergen wir am 30. September das aussergewöhnliche internationale Kurzfilmfestival. Vom 26. September bis 3. Oktober werden in 200 Städten rund 100 000 ZuschauerInnen aus 10 Kurzfilmen ihren Favoriten wählen. Mehr Infos unter: manhattanshort.com

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ensuite - kulturmagazin Nr. 93 | September 2010

www.kellerkino.ch / Telefon 031 311 38 05

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b 2.Sept. - ZARA, von Ayten Mutlu Saray, CH09, fic 83 Min, Ov/d/f - Ein bildstarker Film, in dessen Sog wir uns in die Abgründe der Seele einer Frau versenken, die aus einem kriegerischen Land vertrieben im Exil lebt. Der Preis wird Marcel Vaid für seinen wichtigen und sensiblen Beitrag verliehen, der wie eine Trauermusik die hermetische Atmosphäre eines Films trägt, der zwischen Traum und Realität, zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszilliert. Laudatio Schweizer Filmpreis Ab 9. Sept. - PINPRICK, von Daniel Young, CH/Ungarn08, fic 92 Min, E/d/f - Seit der Vater ausgezogen ist, macht die 15-jährige Charlotte (Laura Greenwood) ihrer Mutter Miriam (Rachael Blake) das Leben so schwer wie nur möglich. Nicht nur rebelliert sie gegen alle und alles, sie versteckt auch einen Mann hinter den weissen Lamellen ihres Kleiderschrankes. Als Paul (Ervin Nagy) sich entscheidet, aktiv in das Leben der beiden Frauen zu treten und zugleich die attraktive Miriam zu verführen, kommt eine Dynamik in Gang, die die zunächst etwas harmlose Teenagergeschichte in einen Thriller um Manipulation und Paranoia verdreht. (NZZ 22.Juli10) Ab 16. Sept. - FACE AU JUGE, von Pierre-François Sauter, CH09, doc 73 Min, F/d Sauter ist mit Face au juge eine kleine Sensation gelungen, zeigt der Film doch zum erstenmal eines der meistgehüteten Gehemnisse: Die Arbeit des Untersuchungsrichters. Der Richter Jean-Claude Gavillet verleiht der Justiz sein menschliches Antlitz. Ab 23. Sept. - PANAMERICANA, von Thomas Rickenbacher, Severin und Jonas Frei, CH10, doc, Ov/d - Die Panamericana ist eine Strasse, die zwei Kontinente und zwölf Länder verbindet. Auf den 15’000 km der historischen Originalroute zwischen Laredo (Mexiko) und Buenos Aires (Argentinien), trifft man Menschen mit ihren Schicksalen, Bestimmungen, Lebensinhalten und Hoffnungen an. Wie eine Nadel bohrt sich die längste Strasse der Welt von Nord nach Süd. Der Film illustriert die Denkweise der lateinamerikanischen Bevölkerung, welche die ungeschminkte Realität oftmals in einem einzigen Satz auf den Punkt bringen kann.

www.kinokunstmuseum.ch / Telefon 031 328 09 99

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um Auftakt der neuen Saison begrüssen wir ab dem 4. September die CoppolaFamilie: FAMILY BUSINESS - THE COPPOLA CONNECTION Der Trick beim Filmemachen sei, die Familie zusammenzuhalten, erklärte Francis Ford Coppola anlässlich der Premiere seines neuen Films Tetro. Kein Wunder, haben sich viele Mitglieder des weit verzweigten CoppolaClans gänzlich – und äusserst erfolgreich – dem Kino verschrieben: Tochter Sofia als Regisseurin, der Vater Carmine als Komponist (etwa für The Godfather) und Francis Fords Schwester Talia Shire sowie sein Neffe Nicolas Cage arbeiten erfolgreich als Schauspieler. Das Kino Kunstmuseum widmet der erfolgreichen Familie eine Reihe: Eröffnet wird sie mit dem selten gezeigten, frühen Meisterwerk von Francis Ford Coppola The Conversation sowie mit der Premiere des 2009 entstandenen Werks Tetro, das noch nie in Bern zu sehen war. Von Sofia Coppola zeigen wir neben Lost in Translation auch ihr früheres Bijou The Virgin Suicides. Und am Sonntag, 19. September präsentiert das Kino Kunstmuseum 537 Minuten Coppola total: ab 11 Uhr gibt es die GodfatherTrilogie integral zu sehen. Alle Filme sowie die genauen Spielzeiten sind auf der Homepage ersichtlich. Im Rahmen der Filmgeschichte (in Zusammenarbeit mit dem Lichtspiel) geht die Reise im September nach Frankreich. Dort hat Jean Epstein 1928 Edgar Allen Poes Erzählung La chute de la maison Usher kongenial verfilmt – das Drehbuch schrieb Epstein zusammen mit Luis Bunuel. Als zweiten französischen Film zeigen wir René Clairs ersten Tonfilm Sous les toits de Paris aus dem Jahr 1930. Beide Filme sind mit Einführung. La Chute de la maison Usher wird zudem von Andreas Bugs auf der Gitarre musikalisch begleitet.


Das andere Kino

K IN O

i n d e r R e i t s c h u l e www.reitschule.ch / Telefon 031 306 69 69

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atort: Reitschule – Ein Muss für alle Krimifans! Unter dem Motto Tatort: Reitschule möchten wir für die Krimfangemeinde Bern als Beitrag zur fünften Reitschuleabstimmung eine Filmaktion im Reitschulkino starten. Mit einer Direktübertragung vom neusten Tatort-Krimi am Sonntag, den 5. September, zwei Derrick-Specials am 11.9., sowie mit einem echten Tatort-Krimi Autor, Markus Imboden am 16.9. und seinem Film Mörder auf Amrun. – Denn Reitschule bietet mehr! Kino-Reitschule-Saison Beginn mit Film und Musik in der Grossen Halle: Programm u.a.: Praed & Norient: Audio-visuelle Performances am 9.9. Am 12. 9. ist das Berner Symphonie Orchester mit Nosferatu von Murnau zu sehen und hören. Marco Dalpano und sein Orchester aus Bologna sind zweimal auf der Bühne mit Harakiri von Fritz Lang (17.9) und mit Buster Keatons The General am 18.9. Die Kleinen Strolche aus der amerikanischen Serie der Stummfilmzeit sind durch ihre fantastischen und haarsträubenden Abenteuer bekannt geworden. Das Tastentheater Schweiz - Karin Jampen, Annekatrin Klein, Daniel Rothenbühler präsentiert 4 Episoden aus diesem Juwel der Stummfilmzeit (18.9.). Ein Kino für die Ohren und Musik für die Augen. Komponiert von Leo Dick. – Uraufführung! Am 19.9. spielen 5 Berner Musiker rund um Dieter Fahrers neustem Film SMS from ShangriLa. Dieter Fahrer und Lisa Röösli begeleiteten sieben Schweizer Musiker nach Bhutan. Zwischen den Konzerten begegneten sie Menschen im Alltag und erfuhren, was sie glücklich macht. Unter dem Motto GLÜCK – Reise nach Bhutan – Film und Live-Musik spielen Regula Gerber, Susanna Dill, Mark Oberholzer, Gilbert Paeffgen, Werner Wege Wüthrich und überraschen mit Jazz, funkigen Klängen und Rockmusik vermischt mit Naturjodel, sakralen Klängen und freier Improvisation! 23.9.: Die Premiere von Water Makes Money, von Leslie Franke und Herdolor Lorenz, spielt zeitgleich in vielen deutschen, französischen und anderen europäischen Städten. Eine Zusammenarbeit mit der Erklärung von Bern. Kinderfilm am Flohmi-Sonntag 5.9., 13.30: Pippi Langstrumpf ... und Uncut: Di 14. und Di 28.9.

www.lichtspiel.ch / Telefon 031 381 15 05

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ortie du labo: Der Bergführer von Eduard Bienz (1912): Bergführer Andreas liebt Marie, die Tochter eines Hoteliers, die jedoch ein Auge auf den Städter Alfred geworfen hat. Andreas will seinen Rivalen loswerden. Alfred weiß davon nichts und er engagiert Andreas als Bergführer auf das Jungfraujoch. Obwohl sich das Wetter verschlechtert und Andreas an Umkehr denkt, will Alfred unbedingt auf den Gipfel... Livebegleitung: Wieslaw Pipczynski. (7.9., 20h) Wunschfilm: In der turbulenten Komödie Das Kabinett des Dr. Larifari von Robert Wohlmuth (1930) feiert das Berliner Kabarett der Weimarer Republik seine Auferstehung. Drei Freunde beschliessen, ihre chronisch leeren Taschen zu füllen, indem sie ins Filmgeschäft einsteigen. Der Film parodiert ziemlich alles, was an Stilen, Stereotypen und Stars im deutschen Film zuvor Kasse gemacht hatte. (Fr 10.9., 20h) Eine Filmgeschichte in 50 Filmen: René Clair erzählt in seinem ersten Tonfilm Sous les toits de Paris (1930) eine Geschichte der kleinen Gauner und Ganoven aus dem Milieu der Gassen und Hinterhöfe von Paris. (Mi 15.9., 20h) Mit Que viva Mexico! (1931) gewährt Sergej Eisenstein Einblick in die Kultur und Geschichte des mexikanischen Volkes. (Mi 19.9., 20h) Fantoche for Kids: Das internationale Trickfilmfestival Fantoche gehört zu den weltweit herausragenden Festivals für Animationsfilm. Für die Kleinen und Kleinsten unter den Trickfilmfans zeigt das Lichtspiel wiederum eine Auswahl von lustigen, spannenden und fantasievollen Filme aus dem diesjährigen Kinderprogramm von Fantoche. (Sa, 18.9., 14h) In Paul Dorns Elegante Verwandte (CH 2010) reist das groteske Ehepaar Zweck von ZürichBellevue durch einen Film von 10 Geschichten tief ins Piemont hinein. Geschichten, die von allen TeilnehmerInnen an diesem surrealistischen Super-8-Film fast ausschliesslich im Moment erfunden wurden – es gab kein Drehbuch. Ein harter Western, absurde Liebesgeschichten, Science-Fiction, lebende Briefkästen... Ein RailMovie bizarr, schräg, wild... (Mi 22.9., 20h) Jeden Sonntag, 20h: Kurze Filme aus dem Lichtspiel-Archiv.

www.pasquart.ch / Telefon 032 322 71 01

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RCHITEKTUR UND HEIMAT – ACHTUNG: DIE SCHWEIZ – 27/08-27/09/2010 Der diesjährige Architekturfilmzyklus im Filmpodium Biel widmet sich zeitgenössischer Architektur in der Schweiz. Neben weltbekannten Protagonisten der Gegenwart treten Architekten in den Vordergrund, deren bemerkenswerte Arbeiten das eigentliche Fundament eines architektonisch qualitätvollen Gesamtbildes darstellen: Wir zeigen Porträts von Jacques Herzog & Pierre de Meuron: international bekannt durch ihre bahnbrechenden und monumentalen Projekte, wie das «Bird’s Nest» in Peking, die «Tate Modern» in London oder die «Elbphilharmonie» in Hamburg. Auch Peter Zumthor und seine mit vielen Architekturpreisen ausgezeichnete und heute zu den schönsten Bädern der Welt zählende Therme in Vals kommen im Filmzyklus zu Bild und Wort. Gion Caminada bevorzugt im Gegensatz zu seinen zeitgenössischen Kollegen das Bauen in seiner Heimat. Der Bündner hat erkannt, dass auch in der Architektur die sozialen, ökonomischen und ästhetischen Prinzipien ineinander fliessen müssen. Max Frisch kritisierte 1955 in seiner provokativen Schrift «Achtung: die Schweiz» die zunehmende Amerikanisierung in der schweizerischen Siedlungsentwicklung. Mit Filmen wie Heimatklänge von Stefan Schwietert, Reise ins Landesinnere, von Matthias von Gunten und dem neuen Film von Bruno Moll Pizza Bethlehem fragen wir danach, wie es sich heute in diesen zum Teil «ungeordnet und unkontrolliert wuchernden» urbanen und ländlichen Räumen leben lässt. Ebenfalls programmiert sind Max Frisch, Citoyen und Max Bill – Das absolute Augenmass. Vom 3. bis 26.9. - finden zum 14. Mal die Bieler Fototage statt. Das Thema ist der andere Blick auf die Welt, Bilder die den Weg in die Öffentlichkeit nicht über die grossen Bildagenturen fanden. Bilder, die ganz neue Assoziationen hervorrufen und für ein kritisches Betrachten sorgen. Auch der Film den wir am 5. und 6. September im Filmpodium im Rahmen dieser Ausstellung zeigen, erstaunt in seiner innovativen Filmsprache: Reconstruction, von Christopher Boe ist ein faszinierendes und stilistisch überzeugendes Vexierbild.

Für das Tagesprogramm die Tageszeitung oder das Internet www.bernerkino.ch

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Kulturessay Cartoon: EFEU Ernst Feurer (Schweiz) - ohne Titel

5. I NTERNATIONALES C ARTOON F ESTIVAL

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VOM

28.8.2010

BIS

12.9.2010

Wahnsinn – Die Cartoon-Therapie

as «5. Internationale Cartoon Festival Langnau» – das einzige seiner Art in der Schweiz – trumpft erneut mit einem hochkarätigen Teilnehmerfeld auf. Ergänzt wird die «Triennale der Komischen Kunst» mit einem vielfältigen Rahmenprogramm. Zum fünften Mal behauptet sich das tapfere Dorf im Emmental als europäisches Mekka des gezeichneten Humors. Unter dem Motto «Wahnsinn» lassen wir uns von den Satirikern mitnehmen auf die Achterbahn unseres Alltags. Der Untertitel: «Die Cartoon-Therapie» deutet auf die unerschütterliche Überzeugung, dass dem realen Wahnsinn in und um uns kein potenteres Kraut gewachsen ist als der Humor. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen wiederum die Cartoons der gut 90 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler aus ganz Europa. Von Bucarest bis London, von Grenoble bis Rostock haben sie ihre gezeichneten und gemalten Beobachtungen und Erfahrungen nach Langnau gesandt. Vielleicht sind es gerade die Satiriker, die von ihrer etwas distanzierteren Warte aus das global-lokale Treiben noch mit ungetrübtem Blick wahrnehmen und

kommentieren. Und die vielleicht noch unterscheiden können zwischen Wahn und Sinn. Mit dem Wiener Manfred Deix und dem Münchner Rudi Hurzlmeier werden in speziellen Kabinetten zwei der prominentesten Meister der Komischen Kunst präsentiert. Ergänzt werden die Ausstellungen darüber hinaus vom Kabinett Kopfüber, sowie – wie bei jeder Durchführung – mit einem vielfältigen Rahmenprogramm, das von Comedy (Schertenlaibjegerlehner) über Lesungen (u.a. Peter Schneider, Bänz Friedli, Die Gebirgspoeten, Max Küng) bis zu Konzerten (Senor Pepe, Los Dos, Traktorkestar) reicht. Und selbst eine Schweizer Première fehlt nicht: der Maler Rudi Hurzlmeier und der ehemalige «Titantic»-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt sind mit ihrer Performance «Das Urknall-Komplott» zu erleben. Dass immer wieder live-zeichnende Cartoonisten und Karikaturisten vor Ort zu bestaunen sind, versteht sich von selbst. (Pressetext) Infos: www.cartoonfestival.ch Ort: Kupferschmiede, Güterstrasse 20, 3550 Langnau im Emmental

interwerk gmbh Sandrainstrasse 3 | CH-3007 Bern

«Sie brauchen eine Webseite. Eine, die Sie selber bedienen können. Das ist sogar zahlbar.»

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+41(0)31 318 6050 +41(0)31 318 6051 info@interwerk.ch www.interwerk.ch

IMPRESSUM Herausgeber: Verein WE ARE, Bern Redaktion: Lukas Vogelsang (vl); Anna Vershinova // Heinrich Aerni, Peter J. Betts (pjb), Luca D’Alessandro (ld), Morgane A. Ghilardi, Corina Hofer, Guy Huracek (gh), Florian Imbach, Nina Knecht, Ruth Kofmel (rk), Michael Lack, Claudia Langenegger, Hannes Liechti, Vesna Maklar, Pascal Mülchi, Fabienne Nägeli, Roja Nikzad, Konrad Pauli, Eva Pfirter (ep), Alexandra Portmann, Jarom Radzik, Barbara Roelli, Anna Roos, Karl Schüpbach, Kristina Soldati (kso), Willy Vogelsang, Simone Wahli (sw), Simone Weber, Sonja Wenger (sjw), Gabriela Wild (gw), Ueli Zingg (uz). Cartoon: Bruno Fauser, Bern; Kulturagenda: kulturagenda.ch; ensuite - kulturmagazin, allevents, Biel; Abteilung für Kulturelles Biel, Abteilung für Kulturelles Thun, Werbe & Verlags AG, Zürich. Korrektorat: Sandro Wiedmer Abonnemente: 77 Franken für ein Jahr / 11 Ausgaben, inkl. artensuite (Kunstmagazin) Abodienst: 031 318 6050 / abo@ensuite.ch ensuite – kulturmagazin erscheint monatlich. Auflage: 10 000 Bern, 10 000 Zürich Anzeigenverkauf: inserate@ensuite.ch Layout: Lukas Vogelsang Produktion & Druckvorstufe: ensuite, Bern Druck: Fischer AG für Data und Print Vertrieb: Abonnemente, Auflage in Bern und Zürich - ensuite 031 318 60 50; Web: interwerk gmbh Hinweise für redaktionelle Themen erwünscht bis zum 11. des Vormonates. Über die Publikation entscheidet die Redaktion. Bildmaterial digital oder im Original senden. Wir senden kein Material zurück. Es besteht keine Publikationspflicht. Agendahinweise bis spätestens am 18. des Vormonates über unsere Webseiten eingeben. Redaktionsschluss der Ausgabe ist jeweils am 18. des Vormonates (www.kulturagenda.ch). Die Redaktion ensuite - kulturmagazin ist politisch, wirtschaftlich und ethisch unabhängig und selbständig. Die Texte repräsentieren die Meinungen der AutorInnen, nicht jene der Redaktion. Copyrights für alle Informationen und Bilder liegen beim Verein WE ARE in Bern und der edition ensuite. «ensuite» ist ein eingetragener Markenname. Redaktionsadresse: ensuite – kulturmagazin Sandrainstrasse 3; CH-3007 Bern Telefon 031 318 60 50 Fax 031 318 60 51 E-Mail: redaktion@ensuite.ch Web: www.ensuite.ch

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