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Kulturessays

FILOSOFENECKE Das Böse ist eine Wahnidee, die zwar in unseren Köpfen herumspukt, für die wir in der Realität jedoch keine Entsprechung finden. Michael Schmidt-Salomon 2009

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eine Frage: Es erleichtert unseren Umgang mit der Welt, nehmen wir sie im binären System von Gut und Böse wahr. Der Gründe sind viele – eine göttliche Disziplinierung hin auf den richtigen Lebensweg, im korrekten Verhaltensfall mit Belohnungsverheissung, fiele dahin bei Abwesenheit des Bösen; ebenso der Dreischritt von (endlicher) Schuld, (diesseitiger) Strafe und (ewiger) Sühne. Die Unterscheidung von Freund und Feind in Wirtschaft und Politik entbehrte der Grundlage und würde dem Wettbewerb, schlechterdings das Movens unseres Fortschritts, den Boden unter den Füssen wegziehen. Des Weiteren drohte die Abschaffung der Moral, zumindest könnte sie nicht länger als metaphysische Gültigkeit instrumentalisiert, sondern müsste als gesellschaftsvertragliche, wandelbare Abmachung akzeptiert werden. Die Welt erschiene uns fraglicher und ungewisser, der Illusion von der geteilten Eindeutigkeit würden Grenzen gesetzt. Der Dualismus von Gut und Böse hat PhilosophInnen über Jahrhunderte beschäftigt: Ist das Böse die Vergänglichkeit der Welt, der wir nicht ausweichen können, gegenüber dem überdauernden göttlichen Sein? Da stellt sich allerdings die Frage, wie das Böse Zutritt zu dieser Welt gefunden hat, angesichts göttlicher Allmacht. Ist das Böse eine dialektische Notwendigkeit, damit wir das Gute überhaupt erkennen und uns entscheiden können – oder liegt es gerade als Strafe im Entscheiden-Müssen? Entsteht das Böse dadurch, dass wir es als solches benennen und damit in die Welt setzen? Oder ist das Böse der zwar zum Überleben notwendige, aber fehlgeleitete Aggressionstrieb? Unsere Moralvorstellungen, so SchmidtSalomon, machen uns «krank, kritikunfähig, selbstsüchtig und dumm». Hinter der moralischen Maske lauert der Racheinstinkt. Die Belegung des Fremden, des Andersdenkenden, des Gegners mit dem Signum des Bösen erlaubt erst die Eskalation von Gewalt. Lässt sich dagegen andenken oder nur mit Schopenhauer resignieren? «Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will.» Am 24. Februar um 19.15h, freut sich Ueli Zingg an der Kramgasse 10, 1. Stock, auf ein Gespräch jenseits von Gut und Böse. 8

noch immer einen Betrieb sehen möchten, dessen oberste Priorität Kommunikation, Dienst an der Gesellschaft wäre? Im «Bund» vom 6. Januar umschreibt dann Rita Flubacher den Verwaltungsratspräsidenten mit: «Ein Mann mit Ambitionen». Er habe sich offenbar im Rahmen der Übernahme des Verwaltungsratspräsidiums beim obersten politischen Verantwortlichen erkundigt, ob er nicht gleich neben dem Verwaltungsratspräsidium die Konzernleitung übernehmen könne. Da dies aus formalen Gründen offiziell nicht möglich ist, findet offenbar Herr Béglé Mittel und Wege, in der Realität seinen Wunsch zu konkretisieren: geeignete Wahl des Konzernchefs, Kritiker oder Kritikerinnen im Verwaltungsrat, die den Schleudersitz benutzen. Vielleicht wollen auch sie nicht auf dem Teller landen usw.? Erfolg gleich Vernichten, wenn möglich Einverleiben allfälliger Gegner oder deren anderweitig finale Verwertung als Maxime? Nun, die Kultur des Kannibalismus ist auch unter Menschen nicht ganz neu, oft zwar durch Notlagen begründet. Persönlich halte ich sie so oder so eher für etwas unappetitlich, auch wenn sie zunehmend unserem Zeitgeist entsprechen mag und zunehmend in manchen Erscheinungsformen zum Alltagsbild gehört. Sie passt etwa zum Rationalisieren durch Personalabbau in «Profitcenters»: bei Pflegenden in Spitälern, bei Postboten, Poststellen; bei Briefkästen; zum Fahrverhalten der Piloten in Autos der ExpressPost, von Postlogistics usw.. Passt auch zunehmend zur Alltagspraxis im Wirtschaftsleben überhaupt. Erster Akt einer nicht erfundenen Geschichte: Einem Abteilungschef wird am Freitagabend bei der Betriebsfeier auf offener Bühne seine 35-jährige Tätigkeit für den Betrieb vor allen gelobt und überschwänglich verdankt, es wird ihm eine gute Flasche Wein in die Hand gedrückt und beim Händeschütteln bestätigt, er habe seine Leistung immer optimal erbracht, und all dies unter herzlichem Applaus aller Anwesenden. Zweiter Akt: Am Montagmorgen findet der Abteilungsleiter einen Brief auf dem

Pult, die Mitteilung, dass er sofort freigestellt wird. Dritter Akt: Der Abteilungsleiter, ganz offensichtlich auf dem Teller gelandet, vielleicht auch, weil er nie an den (Verhandlungs)Tisch gebeten worden war, packt möglichst unauffällig seine privaten Sachen ein, überlegt, wie er das Ganze seiner Frau, seinen erwachsenen Kindern beibringen soll, schreibt allen Kolleginnen und Kollegen ein E-Mail zum Abschied, schleicht beschämt und ohne Wort davon – ein frei(gestellt)er Mann mit virtuellem Abschiedsritual. Die Kolleginnen und Kollegen halten den Mund. Sie bangen alle um ihre Stelle. Die Kultur des Kannibalismus passt durchaus auch zu Geschehnissen im öffentlichen Bereich. Rudolf Strahm ist etwa den Praktiken von heimlichen ProfiteurInnen und diskreten AbsahnerInnen der «Zweiten Säule» nachgegangen: «... Wer weiss schon als Versicherter (in der Schweiz sind es über fünf Millionen Menschen), dass ihm oder ihr die Pensionskasse durchschnittlich 770 Franken Verwaltungskosten pro Jahr verrechnet? (die AHV zum Vergleich: 25 Franken pro Person). ... Die Pensionskassen-Verantwortlichen (begründen) die finanzielle Notlage der Kassen mit der Überalterung der Bevölkerung und den gesunkenen Kapitalerträgen.» Vorgeschobene Gründe und selbstverschuldet, meint Strahm: durch exorbitante Verwaltungskosten und Fehlspekulationen mit riskanten Anlagegeschäften an der Börse. Dann zeichnet er minutiös die üblen Praktiken, auch im Hinblick auf die kommende Abstimmung, auf: «... In der Schweiz ist solche Interessensverquickung völlig legal; anderswo würde sie als institutionelle Korruption gelten ...» («Der Bund» 5. Januar 2010, Seite 8). Ein weites Feld für dringenden Handlungsbedarf von Kulturpolitik: weg von der Verquickung von Citymarketing und Förderung des Kulturschaffens hin zum Versuch, durch Kreativität unsere Gesellschaft (wieder?) weniger kannibalisch und etwas menschlicher (?) zu gestalten, hin zu inhaltlicher Substanz, auch jenseits von Prestigegewinn.

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