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Kino & Film

TRATSCHUNDLABER

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Von Sonja Wenger

ainstream ist ja nichts Schlimmes, schliesslich beisst niemand die Hand, die einen mit Futter versorgt. Aber gewisse Fragen lassen sich manchmal schwer verkneifen. Beispielsweise, was denn in dieser Welt genau einen Newswert besitzt und welche Nachrichten es neben beliebter Elendsästhetik, kleingeredeten Verbrechen und dem üblichen Kriegsgedöns noch in die Tagesschau des Schweizer Fernsehens schaffen. Richtig: Es ist der unmöglich-mögliche Bruch von Brangelina. Es ist die Unvorstellbarkeit, die Namen in Zukunft aufbrechen zu müssen. Es ist die Erleichterung, dass auch bei Schönen und Reichen eine Beziehung offenbar in Scherben enden kann, und es ist natürlich die Aussicht, dass das Spielchen «zerbricht die nächste Star-Ehe?» von Neuem anfängt, weil sich Angie nun jemand anderes für ihren Geburts- und Adoptionswahn suchen muss. Allzu schwer dürfte es aber nicht werden, das hat der britische Schauspieler Ricky Gervais bei der Verleihung der Golden Globes vorweg genommen: Mit Stars könne sich jeder identifizieren, und «die armen Kinder dieser Welt» würden beim Anblick von Angelina erfreut ausrufen: «Mummy!». Für die nächste Tagesschau sind demnach weitere durchbrechende News gefragt. Wie wäre es denn damit: Heidi Klumdumm hat seit Ende Januar eine Wachsfigur bei Madame Tussauds in Berlin – unbestätigt ist nur noch, dass man für die Einweihung aus Versehen der Echten ein Tuch übergeworfen hatte und Heidis nervendes Dauergrinsen daraufhin abgebrochen sei. Bestätigt ist, dass Conan O'Brien laut BBC 45 Millionen US-Dollar dafür erhält, dass er die «Tonight Show» aufgibt und Jay Leno die Rückkehr ermöglicht. Gerüchten zufolge sollen beide Showmaster daraufhin in Tränen ausgebrochen sein. In schallendes Gelächter würde mit Sicherheit die US-Klatschpresse ausbrechen, wenn sie wüsste, dass Tiger «Schniedel» Woods laut «Blick am Abend» mit Präsident Barack Obama den «mächtigsten Freund» habe, den es gibt. Alles nur, weil Obama sagte, «dass man Woods bald vergeben wird, da er so viel für den Sport und Amerika getan hat». Böse Zungen wurden kürzlich im Zürcher Albisgüetli gebrochen, als SVP-Urgestein Christoph Blocher wieder gegen «Gutmenschen und Sozialromantiker» wetterte. Als Bundesrat Didier Burkhalter daraufhin von der SVP forderte, sie solle doch «echte Politik betreiben, die auf der Basis von Vertrauen statt Misstrauen aufgebaut ist» – habe sich Blocher vor Wut erbrochen. Und noch mehr Intelligenz könnte sich die Bahn brechen, wenn Wirkung zeigt, worüber «Focus»Herausgeber Helmut Markwort (Pfff!) sprach, als dem Radiosender «egoFM» (Pfff!) erzählte, dass er nun drei bis vier Mal in der Woche einen Termin fürs «Denken» in seinen Kalender schreibt. 36

K INO A KTUELL

Up in theAir Von Sonja Wenger

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yan Bingham (George Clooney) ist ein Profi. Er ist ein Profi darin, im ganzen Land Leute zu entlassen, wenn deren Vorgesetzte zu feige sind, dies selbst zu erledigen. Er ist ein Profi, wenn es darum geht, dies mit einer Mischung aus gesundem Menschenverstand, psychologischem Instinkt und altmodischer Ehrlichkeit zu tun, damit die Betroffenen ein Mindestmass an Würde wahren können. Und er ist ein Profi, wenn es ums Reisen geht. Bingham ist für seinen Job vier Fünftel des Jahres unterwegs, zieht alles was wichtig ist in seinem Leben im kleinen Businesskoffer hinter sich her und ist in den Businesslounges und Hotels sämtlicher USFlughäfen eher zuhause als in seinem sterilen Appartement. Bingham hat seine Berufung gefunden, ist mit seinem Leben zufrieden, solange er es in der Luft verbringen kann. Er steht kurz vor seiner zehnmillionsten Flugmeile, hält Vorträge über effizientes Reisen und ist der Überzeugung, die wichtigen Fragen des Lebens längst beantwortet zu haben. Man muss kein Filmprofi sein, um zu ahnen, dass sich Binghams Leben in der Geschichte von «Up in the Air» dramatisch verändern wird. Doch es braucht ein paar Filmprofis, um dies so gut zu machen, dass «Up in the Air» ohne Bedenken bereits jetzt als einer der besten Filme des Jahres gehandelt werden darf. Umso mehr erstaunt, dass dies nach «Thank you for smoking» und «Juno» erst der dritte Film von Regisseur Jason Reitman ist, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat. Aber Klasse hat man nun mal oder eben nicht. Und in «Up in the Air» kommt eine ganze Menge davon zusammen. Nicht nur bietet Clooney eine der besten Darstellungen seiner an guten Rollen reichen Karriere. «Up in the Air» ist auch ein Beweis dafür, dass Hollywood sehr wohl intelligente Filme mit Herz und Verstand machen kann, die Charme und Glamour haben, aber genauso mit beiden Beinen im echten Leben stehen. Filme, die das Publikum ohne 3D in eine andere Welt entführen und statt grosses Kino grossartige Dialoge bieten.

Bild: G. Cloony / zVg.

Einige der besten Zeilen in diesem witzigen und berührenden Meisterwerk stammen jedoch nicht von Ryan Bingham. Es sind gleich zwei Frauen, die sein Arbeits- und Lebenskonstrukt durcheinander bringen und die das Publikum an einigen phantastischen Lebenslektionen teilhaben lassen. Zum einen ist da Alex (Vera Farmiga), die das weibliche Pendant zu Ryan darstellt: ständig unterwegs, harte und smarte Businessfrau mit der richtigen Balance zwischen Nähe und Distanz und einer umwerfenden Mischung aus Schlagfertigkeit und Schönheit. Zu Binghams Überraschung schleicht sich zum ersten Mal ein Gefühl der Liebe und der Sehnsucht in sein Leben. Auf beruflicher Ebene wird er von Nathalie (Anna Kendrick) herausgefordert: Frisch aus der Businessschule will sie mit Hilfe von Binghams Chef die Kunst des Entlassens revolutionieren. Das könne in Zukunft auch vom Firmensitz via Videotelefongespräch erledigt werden, was die viele Fliegerei hinfällig werden lasse. Ryan sieht seinen Lebensstil bedroht und protestiert, dass damit noch der letzte Rest an Menschlichkeit verloren gehe, den ein persönliches Entlassungsgespräch bisher mit sich gebracht habe. Und ehe er sich versieht, ist er mit Nathalie unterwegs, um ihr zu zeigen, was an seiner Methode denn so viel besser sein soll. Doch wer nun glaubt, dass «Up in the Air» die ausgelatschten Pfade einer Romanze betritt oder von der x-ten Läuterung eines Zynikers handelt, liegt falsch. Die Auflösung der Geschichte geht tiefer und ist mit mehr dramatischen Wendungen versehen, als es der Aufbau des Films mit seinem ruhigen Erzählrhythmus und den unaufgeregten Bildern vermuten lässt. Ohne grosses Aufheben geht es in «Up in the Air» einfach um alles: Sehnsucht, Liebe, Einsamkeit, Familie, Angst, Verlust, Verzweiflung und Hoffnung – und ganz nebenbei auch noch um den Sinn des Lebens. Der Film dauert 109 Minuten und kommt am 4. Februar ins Kino.

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